Mama badet mal wieder im Selbstmitleid

Da sitze ich mal wieder, tief unten in meinem Loch und bemitleide mich selber. Und das nach einem so schönen Tag. Aber das ist ja genau der Grund, weshalb ich mal wieder im Selbstmitleid bade. Doch fangen wir von Vorne an: Nach einer unglaublich mühsamen Woche als Vollzeithausfrau liess ich heute Mittag das ganze Chaos hinter mir und machte mich auf zur Weiterbildung, die „Meiner“ mir zum Geburtstag geschenkt hatte.

Die unaufgeräumten Kinderzimmer, die immer noch kaputte Waschmaschine, die Staubflusen unter dem Bett, das alles ist mir jetzt egal. Einen Nachmittag lang befasse ich mich nur damit, wie man besser vorliest, das Publikum mitnimmt auf eine Reise, es in fremde Welten eintauchen lässt. Einfach herrlich: Wiedermal etwas Neues lernen, sich vorstellen wie das Leben wäre, wenn man zwischendurch mal Profi sein dürfte und nicht alles halb erledigt liegen lassen müsste, weil es woanders wieder brennt, fachsimpeln über Themen, die zwar nicht lebenswichtig, aber dennoch für einen Kopfmenschen wie mich ausserordentlich spannend sind. Und dann erst noch sich selber beweisen, dass man es immer noch schafft, ohne grosse Vorbereitungen in einen Zug zu steigen, am richtigen Ort wieder auszusteigen, das richtige Tram zu finden, durch die Gegend zu gehen, als wäre man ein ganz normaler Mensch und nicht eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs. Dinge, die nicht mehr selbstverständlich sind, wenn man an gewöhnlichen Tagen fast rund um die Uhr darum bemüht ist, das Chaos in Küche und Wohnzimmer nicht ausufern zu lassen.

Nicht dass ich das Leben mit meiner Familie nicht geniessen würde. Ich weiss nicht, wie viele beglückende Momente ich alleine in der vergangenen Woche mit meinen Kindern und „Meinem“ erlebt habe. Sie sind unzählbar. Doch wenn ich mal wieder einen Ausflug unternehme in dieses andere Leben, wiedermal spüre, was mich sonst noch lebendig macht, wiedermal erkenne, dass da noch Fähigkeiten sind, die brachliegen, dann wird mir wieder mit einem Schlag bewusst, was mein Leben zuweilen so schwierig macht: Ich bin eine überglückliche Ehefrau und Mutter und eine todunglückliche Hausfrau.

Und wenn ich dann heimkomme und sehe, wie grossartig „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit schmeisst, kann ich nicht anders, als uns beide zu fragen, wie wir jemals so dumm sein konnten, in diese unsinnige Rollenteilung zu schlittern.

Aber wenn Mama schon im Selbstmitleid badet, dann mit Stil, nämlich mit „Honey Bee“ von „Lush“…

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Verräter!

Als ich „Meinem“ vorhin erklärt habe, wie gut es mir getan habe, endlich mal meinem Ärger über Frau Hutter Luft zu machen, schwieg er zuerst lange. Ich überlegte mir schon, ob er mir wohl nicht zugehört habe, als er kleinlaut gestand, dass er in dem Interview durchaus ein paar Aussagen gefunden habe, denen er zustimmen könne. Wie bitte? „Meiner“, ein durch und durch emanzipierter Mann, ein politisch so weit links stehender Mensch, dass es zuweilen sogar mir zu weit geht, findet nicht alles falsch, was aus dem Mund von Frau Hutter kommt?  Wie kann er nur? Und liebt er mich überhaupt noch?

Da gibt es nur Eines: „Meinen“ so schnell als möglich ins Kreuzverhör nehmen, herausfinden, wo genau er eine Übereinstimmung seines Gedankenguts mit dem  von Frau Hutter gefunden hat. Und dann Gegenargumente feuern: „Wenn Frau Hutters Mann doch so gerne Vollzeit-Hausmann werden möchte, warum steht  sie dann seinem Glück im Wege? Hä? Weil sie eine Egoistin ist, die lieber ihre Ideologie durchboxt, als herauszufinden, was für ihre Familie gut ist. Natürlich stimmt es wenn, Frau Hutter sagt, die biologische Uhr der Frau ticke, aber wer sagt das nicht? Doch das gibt ihr noch lange nicht das Recht, ihren  Mann vom Herd fern zu halten, wenn er so gerne dorthin möchte.“ Ich habe noch viel länger auf ihn eingeredet, aber ich muss ja nicht alle Welt von meiner Meinung überzeugen. Es genügt, dass ich „Meinen“ wieder auf den rechten Weg gebracht habe. Der häusliche Frieden ist wieder intakt, unsere Meinung über Frau Hutter wieder dieselbe.

Er liebt mich also doch noch!

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Ach, Frau Hutter…

Ach, Frau Hutter, wann lernen Sie endlich, den Mund nicht so voll zu nehmen! Schon bevor Ihr erstes Kind gezeugt war, haben Sie reichlich selbstbewusst in die Welt hinausposaunt, wie Frau Mutter zu sein habe. Während andere Frauen weiser werden, wenn sie ihr erstes Kind im Bauch haben, machen Sie fröhlich weiter. Mit Genuss weisen Sie auf Ihre Schwester hin, die heute mit Leib und Seele Mutter ist, obschon Sie dies nie erwartet hätten. „Seit sie Mutter ist, hat sich etwas geändert in ihrem Gedankengut“, sagen Sie und denken nicht daran, dass Ihnen das Gleiche passieren könnte, einfach in entgegengesetzter Richtung.

Es ist nämlich nicht nur so, dass Frauen, die ganz auf die Karriere fixiert waren, plötzlich in ihrer Rolle als Mutter völlig aufgehen. Das Umgekehrte passiert ebenso häufig: Frauen, die geglaubt hatten, ihre Erfüllung in der Mutterschaft zu finden, gleiten in eine Depression ab, weil die Realität so ganz anders ist als ihre Träume. Wie Frau als Mutter fühlt, handelt, denkt, weiss sie erst, wenn sie Mutter ist. Erst dann wird sie wissen, wie für sie und ihr Kind das Leben am besten funktioniert. Und je lauter eine Frau ihre Meinung herausposaunt hat, umso schmerzhafter ist es für sie, sich und anderen  eingestehen zu müssen, dass die Dinge anders sind, als sie erwartet hatte. Man könnte auch sagen, je hochmütiger das Geschwätz, umso tiefer der Fall.

Deshalb ein Rat von einer Mutter, die mehrmals ihre Meinung hat ändern müssen, auch wenn sie den Mund nicht halb so voll genommen hat wie Sie: Halten Sie endlich die Klappe! Bringen Sie Ihr Kind auf die Welt und schauen Sie dann, ob Sie tatsächlich nie wieder den Drang haben, Politik zu machen (was ich von Herzen hoffe), ob Fremdbetreuung wirklich nur schlechte Seiten hat, ob das Hausfrauendasein ebenso erfüllend ist wie die Mutterschaft, ob Mütter tatsächlich besser geeignet sind für diesen Job als Väter. Und dann, wenn Sie weiser geworden sind, dürfen Sie von mir aus wieder reden. Aber bitte nicht vorher!

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Karriere

Das neue Schuljahr bringt neben neuen Lehrerinnen, neuen Stundenplänen und neuem Schulmaterial auch eine neue Rollenteilung mit sich, zumindest am Dienstag. Dieser Tag gehört ab sofort mir und meiner „Berufstätigkeit“, zumindest, wenn Luise nicht wegen eines unglücklichen Kopfsturzes frühzeitig aus der Schule nach Hause kommt. Am Vormittag sind die Kinder ausser Hauses, am Nachmittag schmeisst „Meiner“ den Laden und ich gehe meiner ach so wichtigen „Arbeit“ nach und tue so, als ob ich von all dem Trubel zu Hause nichts mitbekäme, obschon ich natürlich alles höre. Es liegt ja auch bloss eine Bürotür zwischen mir und meinem Alltag. Doch egal, wie laut das Gebrüll auf der anderen Seite der Tür auch sein mag, es geht mich nichts an. Soviel Ausblenden muss nach fast neun Jahren Mutterschaft einfach möglich sein.

Weil ich aber weiss, wie nervenaufreibend solche Nachmittage mit fünf Kindern sind und wie gut es tut, ausgiebig zu jammern, höre ich geduldig zu, als mir „Meiner“ abends ausführlich schildert, was ihn so alles auf die Palme gebracht hat. Er erzählt mir des Langen und Breiten von einem mühsamen Spaziergang mit drei widerspenstigen Venditti-Kindern. Insgeheim warte ich darauf, dass er endlich auf den Punkt kommt und mir erzählt, was daran soooooo schlimm war. Aber es kommt nur das Übliche: Der FeuerwehrRitterRömerPirat wollte um alles in der Welt den Kinderwagen schieben, was aber gehörig daneben ging, weshalb „Meiner“ nicht vom Fleck kam. Derweil rannte der Zoowärter auf die Kreuzung zu und liess sich durch keine väterliche Ermahnung bremsen. All das hat dazu geführt, dass der ganze Trupp zu spät nach Hause kam, weshalb das Abendessen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, die Küche im Chaos unterging und Karlsson nicht Geige üben konnte. Weitere Details sind mir entfallen, aber klar ist: Es war der ganz normale Wahnsinn, mit dem ich mich tagtäglich herumschlage. Deshalb konnte  ich nicht anders, als irgendwann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist denn nur mit „Meinem“ los? Der gute Mann hat schon mindestens so viele Windeln gewechselt wie ich, ist nachts wohl noch häufiger aufgestanden als ich, ist schon vier Tage alleine mit vier Kindern in die Ferien gefahren und hat sie jahrelang abends alleine zu Bett gebracht, währenddem ich mich darum bemühte, meinen Englischschülern das „s“ in der dritten Person Singular einzuprügeln. So einen Mann haut doch nichts mehr aus den Socken, nicht wahr? Leider doch wahr: Der ganz normale (Schul)alltag mit den Kindern ist eben noch eine Stufe anspruchsvoller als all das, was „Meiner“ bis anhin geleistet hat.

Bin ich nicht nett, dass ich „Meinem“ diesen Karriereschritt ermögliche?

Die Schuldigen sind gefunden

Die Frage, wer die Wirtschaft in die Krise geritten habe, wird seit Monaten heftig diskutiert. Die meisten Menschen geben gierigen Bankern die Schuld. Doch das ist eine ganz gemeine, völlig haltlose Unterstellung. Seit vorgestern weiss ich mit Bestimmtheit, wer die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Wir waren es, die Mütter.

Warum ausgerechnet ich das weiss? Nun, ich hatte das Glück, einem Experten vor die Füsse zu laufen, der mir ungefragt darlegte, was in der Welt schief läuft. Schuld an der Krise seien wir Frauen, um genau zu sein wir Mütter. Würden wir nicht so bald als möglich unseren Kindern davonlaufen, um zu arbeiten, hätten wir die Krise nicht. So einfach ist das. 
Und warum laufen wir Müttern unseren Kindern davon? Auch dafür gibt der Experte eine ganz einfache Erklärung: Arbeiten wir Frauen im Büro, dann machen alle Männer ein Riesentheater um uns, bringen uns den Schmus und geben uns das Gefühl, wichtig zu sein. Sind wir dann zu Hause mit unseren Kindern, schenkt man uns keine Beachtung mehr. Darum wollen wir so schnell als möglich wieder ins Büro zurück. Und schwupps, da haben wir sie, die globale Wirtschaftskrise.
Sie finden diese Erkenntnis nicht revolutionär? Nun, ich auch nicht. Werden wir Mütter doch schon seit geraumer Zeit für alles verantwortlich gemacht, was schief läuft auf dieser Welt. Deshalb tragen wir Mütter den Vorwurf auch mit mehr Gelassenheit als die Banker. Eine Anschuldigung mehr fällt nun wirklich nicht mehr ins Gewicht. 

Klischees

Die Reaktion ist unmissverständlich. Kaum hat man erwähnt, dass man ins Auge fasst, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins Berufsleben einzusteigen, runzelt sich die Stirn des Gegenübers, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Person schnappt hörbar nach Luft. Und dann kommt sie, die Frage: „Wie stellst du dir das vor? Du hast doch genug Kinder.“ Die Skepsis legt sich auch nicht, wenn man erklärt, dass der Papa sich gerne an zwei oder drei Tagen die Woche um die Kinder kümmern will, dass er die Möglichkeit hat, sein Pensum zu reduzieren. Wohlgesinnte meinen dann, wir seien mutig, andere sagen gar nichts mehr und runzeln noch einmal die Stirn.

Es sind nicht etwa die alten Leute, die so reagiern. Auch nicht Chefs, die ein Problem damit haben, dass Frauen wieder ins Berufsleben einsteigen wollen. Nein, es sind Gleichaltrige, Mütter von einem, zwei oder vielleicht drei Kindern. Frauen, die meistens selber berufstätig sind und deren Kinder von der Grossmama betreut werden, währenddem sie bei der Arbeit sind.
Das Problem ist also nicht, dass man berufstätig sein möchte. Das Problem ist, dass man auch als Mutter von vielen Kindern noch andere Wünsche hat, als Windeln zu wechseln und laufende Nasen zu putzen. Warum darf nur eine Mutter mit einem oder zwei Kindern offen sagen, dass sie sich als Vollzeitmutter nicht zu hundert Prozent ausgefüllt fühlt? Spielt es plötzlich eine Rolle, ob der Papa oder die Mama zu Hause ist, wenn mehr als zwei Kinder betreut werden müssen?
Die Botschaft ist deutlich: Wer sich bei der Kinderzahl im Bereich des Durchschnitts bewegt, darf noch sein eigenes Leben leben. Wer mehr Kinder hat, soll sich gefälligst ans Klischee halten und schön brav das Muttchen am Herd spielen.

So einfach ist das doch, oder?

Gestern Abend in der Sendung "Giacobbo/Müller" des Schweizr Fernsehens. Zu Gast sind der fünffache Vater Filippo Leutenegger und die vierfache Mutter Sandra Studer. Während man bei Leutenegger erst von seinen Kindern erfährt, nachdem man sich eingehend mit seiner politischen Einstellung befasst hat, lautet die erste Frage an Studer: "Sandra, wer betreut denn jetzt deine vier Kinder?".
Diese Frage könnte direkt von Silvia Blocher stammen. Und eigentlich ist sie auch komplett unnötig. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass ein Vater nie und nimmer seine Kinder verlassen würde. Wenn er dies (aus ganz und gar uneigennützigen Gründen, versteht sich) dennoch tun muss, sorgt er dafür, dass die Kinder von einer Rund-um-die Uhr- Nanny, im Volksmund auch Ehefrau genannt, bestens betreut sind. Wir Mütter kennen da weniger Skrupel. Verlassen wir (natürlich aus ganz und gar egoistischen Gründen) das Haus, ist es uns vollkommen egal, was mit den Kindern passiert. Gewöhnlich stellen wir ihnen einfach einen Fressnapf und etwas frisches Wasser hin, um danach unsere eigenen Bedürfnisse ausgiebig zu stillen. Meinen wir es ganz gut mit den Kleinen, schalten wir ihnen den Fernseher ein. Ist bei unserer Rückkehr die Wohnungseinrichtung zertrümmert, binden wir die Kleinen beim nächsten Mal eben an.
Leider ist es eine Tatsache, dass heute immer mehr Frauen so handeln. Und darum darf es nicht verwundern, wenn Dreijährige bereits rauchen, Fünfjährige Einbrüche auf dem Kerbholz haben und Siebenjährige mit Drogen dealen. Jugendgewalt, Jugendkriminalität, Rauschtrinken und wie die Schlagworte alle heissen, gehen voll und ganz auf das Konto egoistischer Mütter, oder nicht?
Also, sperren wir die Frauen doch endlich wieder ein. Dann ist die Welt wieder in Ordnung, Silvia Blocher wieder glücklich und die dummen Fragen an vierfache Mütter erübrigen sich ganz von selbst.
Das Schlimmste ist nämlich, dass Sandra Studer sich dazu verpflichtet fühlte, die dumme Frage wahrheitsgetreu zu beantworten.

Wer darf die Geschichte erzählen?

Es ist ein umwerfendes Bild: Die neu eingesetzte Spanische Verteidigungsministerin, die hochschwanger die Ehrengarde abschreitet. Und was dahinter steckt, ist noch umwerfender: Da ist ein Chef, der in einer Schwangerschaft kein Hindernis sieht, der nicht davon ausgeht, dass eine Frau, die geboren hat, nicht mehr kompetent ist, der ihr ein Amt zutraut, ja sogar eines, dass normalerweise in Männerhand ist. Ein Chef, dem es egal ist, dass die Frau ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub beziehen wird.
Warum nur ist dies noch immer die grosse Ausnahme? So gross, dass sämtliche Zeitungen das Bild auf der Frontseite bringen? So aussergewöhnlich, dass darüber Kommentare geschrieben werden müssen? Warum nur sieht die Realität für die meisten schwangeren Frauen noch immer anders aus, zumindest in der Schweiz und ganz sicher auch anderswo?
Dann noch eine andere Frage zu einem anderen Thema, das dennoch dasselbe ist: Warum hört man lieber Vätern zu statt Müttern? „Jetzt reden die Väter“ titelt der Beobachter, wenn es um Familie geht. Das Migros Magazin bringt anrührende Stories über allein erziehende Väter, Kolumnist Bänz Friedli darf Woche für Woche aus seinem Leben als Hausmann erzählen.
Man verstehe mich nicht falsch. Ich finde es grossartig, dass es heute für Männer selbstverständlich ist, Kinder zu wickeln, es interessiert mich, wie sie das Leben mit der Doppelbelastung Familie und Beruf erleben und ich liebe die Kolumnen von Bänz Friedli. Aber seien wir doch ehrlich: Hiesse der Bänz nicht Bänz, sondern Bernadette, kein Schwein würde sich für seine Texte interessieren. Wäre er eine Frau, würde man ihr vorwerfen, sie könne nichts als jammern, sie hätte mal eine Horizonterweiterung nötig, sie sei eine frustrierte Hausfrau, die nicht zu schätzen wisse, wie erfüllend es sei, für eine Familie zu sorgen. Aber weil der Bänz ein Mann ist, wird er von den Leserinnen verehrt, veröffentlicht er Bücher, darf er Lesungen abhalten und keiner fragt, wer denn während seiner Abwesenheit die Kinder betreue.
Familie ist plötzlich ein Thema und dies nicht nur, weil der Generationenvertrag ins Wanken kommt. Seitdem die Männer Fläschchen wärmen, Windeln wechesln, Brei kochen und laufende Nasen putzen ist es plötzlich ein Thema, ob man dabei immer so erfüllt ist, wie es die Werbung vorgaukelt. Plötzlich interessiert es alle, wie der Familienalltag aussieht. Wie der aussieht, hätten Frauen schon seit Jahrzehnten erzählen können. Sie hätten davon erzählen können, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird, wenn man vor lauter Überforderung nichts anderes mehr tun kann als schreien. Wie man sich fühlt, wenn man mit einer Magen-Darm-Grippe Mittagessen kochen muss. Wie sich die Erschöpfungsdepression schleichend ins Leben frisst. Sie häten auch erzählen können, was für ein unbeschreibliches Gefühl es ist, ein Wesen, dass während Monaten im Bauch herangewachsen ist, in den Armen zu halten. Dass es nichts Schöneres gibt, als von klebrigen Kinderhänden gestreichelt zu werden. Dass es manchmal erschütternd ist, zu erkennen, dass man diesen Menschen, die man über alles liebt, nie ganz gerecht werden kann.
All dies und noch viel mehr hätten sie erzählen können. Doch es interessierte keinen, denn es waren „Frauenthemen“. Es geht hier nicht darum, Männer gegen Frauen auszuspielen. Warum aber dürfen jetzt die Väter erzählen, während die Mütter noch immer nicht ernst genommen werden?