Was würde Jesus wohl dazu sagen: Wir reichen Schweizer geben mit beiden Händen Geld aus, um seinen Geburtstag zu feiern und gleichzeitig müssen Menschen, die hier nicht willkommen sind, bei Schnee und Kälte draussen übernachten, weil angeblich kein Platz mehr ist für sie, nicht einmal vorübergehend. Selten tritt die Diskrepanz zwischen „christlicher Kultur“ und menschlicher Kälte so krass zu Tage wie jetzt. Ich mag nicht die fromme Moralkeule schwingen, aber etwas mehr echte Nächstenliebe und etwas weniger christliches Tamtam würde uns allen gut anstehen. Vor allem auch jenen, die sich die Verteidigung „unserer christlich-abendländischen Kultur“ auf die Fahnen geschrieben haben.
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Inkonsequent
Am Vormittag bei der Zeitungslektüre ärgere ich mich über die Schweizer, die ihre Weihnachtsgeschenke im benachbarten Ausland einkaufen und damit Arbeitsplätze in der Schweiz gefährden. Ich rege mich auf über die SBB, die diesen Irrsinn auch noch mit Extrazügen unterstützen. Wie kann man bloss? Wir würden so etwas nie tun.
Doch was tun wir am Abend des gleichen Tages? Wir buchen eine Woche Skiferien in Österreich, weil es dort zur Unterkunft gleich noch den Skikurs, Bergbahnbillett und die Ausrüstung für die Kinder gibt. Weil man dort auch mit fünf Kindern eine bezahlbare Unterkunft findet, was hierzulande zwar nicht unmöglich, aber doch nicht ganz einfach ist. Weil wir uns Skiferien in der Schweiz nur schwerlich leisten könnten und unsere Kinder allmählich Skifahren lernen sollten, da schon bald das erste Skilager auf dem Programm steht. Ich persönlich tue das auch, weil mir Wintersport so unwichtig ist, dass ich das Geld lieber für Dinge ausgebe, die mir mehr am Herzen liegen.
Alles mehr oder weniger ehrenwerte Gründe und doch kann man uns zu Recht vorwerfen, dass wir genau das Gleiche tun wie jene, über die ich mich bei der morgendlichen Zeitungslektüre so sehr geärgert hatte.
Zufrieden
Endlich mal ein Wahltag, über den ich mich freuen kann: 2 Richtige auf dem Wahlzettel, einer davon sogar mein absoluter Favorit. Da kommt ja glatt ein Funken Hoffnung auf. Vor allem, wenn man bedenkt, dass diejenigen, die mir am meisten Bauchschmerzen verursachen, eine Handvoll Sitze verloren haben.
Doch kein Silberstreifen
Schon der deutliche Entscheid zum Atomausstieg vor zwei Tagen stimmte mich milde optimistisch. Als ich dann heute beim Abchecken der Mails auch noch mitbekam, dass das Schweizer Fernsehen in Zukunft auf die Ausstrahlung der Miss Schweiz Wahlen verzichtet, weil sich einfach keiner mehr für diesen Schwachsinn interessiert, da dachte ich einen kurzen Moment lang allen Ernstes, die Zukunft unseres Planeten sei vielleicht doch nicht so düster, wie man gemeinhin denkt. Ob es ihn doch gibt, den berühmten Silberstreifen am Horizont? Dann aber, als ich noch etwas weiter im Internet surfte, stach mir ein pinkfarbenes Werbebanner ins Auge. Eine Werbung für irgend einen billigen Prosecco? Oder vielleicht für einen neuen Lippenstift? Weit gefehlt. „4-jähriges Mädchen verstümmelt!“, stand da und ich fragte mich, wie besoffen wohl der Content-Manager dieser Website gewesen sein muss, als er diese schreckliche Botschaft mit einem zuckersüssen Hintergrund versehen hat.
Und dann war da heute noch das Erlebnis, das Karlsson und ich im Shopping Center machten. Ja, ich geb’s zu, wir waren im Shopping Center, aber nur, weil wir gerade in der Region waren und ich die Gelegenheit nutzen wollte, ein Geburtstagsgeschenk für „Meinen“ zu kaufen. Da fuhren also mein Sohn und ich friedlich plaudernd auf einer nahezu leeren Rolltreppe in Richtung Bücherladen, Karlsson auf beiden Seiten auf das Geländer abgestützt. Leider bemerkten wir zu spät, dass ein gehetzter Rentner an Karlsson vorbeizukommen wünschte. „Das machst du wohl mit Absicht?“, herrschte er Karlsson an, stiess seinen Arm unsanft zur Seite und als ich es wagte, den netten Herrn darauf aufmerksam zu machen, dass mein Sohn gänzlich ohne böse Absichten die gesamte Breite der Rolltreppe in Anspruch genommen hätte, bekamen wir noch so einiges zu hören, was ich lieber nicht hören möchte. Ich möchte das nicht hören, weil ich sehr genau spüre, wann mein Kind etwas aus böser Absicht tut und wann nicht. Ich möchte es aber auch nicht hören, weil in meinen Augen die Haltung „In jedem Kind steckt ein unerträglicher Rotzbengel, der nur darauf aus ist, den Erwachsenen das Leben zu versauen“ absolut lebensfeindlich ist.
Nach überstandenem Shopping-Trip – eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit, denn inzwischen hat auch noch der letzte unabhängige Laden mit originellem Sortiment einer der unzähligen Ladenketten Platz gemacht – , noch einmal ein Abstecher ins Internet. Und was lese ich dort? Der Gemeindeamman eben jener Gemeinde, in der wir shoppen waren, tritt zurück. Er war bedroht worden, offenbar weil er es gewagt hatte, am Schweizer Fernsehen auszusagen, das Zusammenleben mit vielen „Ausländern“ sei eine ganz grosse Bereicherung. So eine Unverschämtheit. Da wagt doch tatsächlich einer anzudeuten, dass man auch mit Menschen fremdländischer Herkunft ganz gut klarkommen kann.
Ich weiss, all die Dinge, über die ich hier schreibe, hängen nicht wirklich zusammen, aber sie alle machen mir klar: Auch wenn es hin und wieder mal eine positive Nachricht geben mag, das mit dem Silberstreifen am Horizont war nur ein netter Traum.
Versagermama
Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“
Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde?
Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“
Ihr lieben Deutschen
Auf die Gefahr hin, dass ich von gewissen Kreisen in der Schweiz des Landesverrats bezichtigt werde, muss ich hier mal etwas gestehen: Ich mag euch. So etwas dürfte ich als Schweizerin ja gar nicht sagen, denn hierzulande gilt es nicht gerade als cool, Deutsche nett zu finden. Aber wie soll ich denn behaupten, ihr wäret schnoddrig, wenn man uns bei allen Aufenthalten bei euch sehr (gast)freundlich behandelt hat? Wie soll ich mich darüber beklagen, ihr würdet uns langsamen Schweizer nie ausreden lassen, wo die Deutschen, die ich kenne, immer schön brav warten, bis ich in meinem holperigen Schweizer-Hochdeutsch bis zur Pointe einer vermeintlich witzigen Bemerkung vorgedrungen bin? Weshalb sollte ich mich darüber ärgern, dass ihr bei uns in den Spitälern arbeitet, wo ich doch selber nie und nimmer genug Mumm in den Knochen hätte, blutige Wunden zu verarzten und alte Menschen zu waschen? Klar, mir sind auch schon doofe Deutsche begegnet, aber die waren auch nicht doofer als die Doofen bei uns. Natürlich finde ich euer Privatfernsehen schrecklich, aber es zwingt mich ja keiner, mir das anzusehen. Nein, ich sehe wirklich keinen Grund, euch doof zu finden; hin und wieder etwas sonderbar vielleicht, aber ganz bestimmt sehr nett und sympathisch.
„Sonderbar?“, wundert ihr euch. „Sonderbar seid ihr Schweizer, aber wir doch nicht.“ Zwar muss ich euch da ein Stück weit Recht geben, aber ihr habt durchaus auch eure Eigenheiten, die sich dem auswärtigen Besucher nicht allzu leicht erschliessen. Wie muss ich zum Beispiel das Strassenschild deuten, das sich aus einem Überholverbot, einer Tafel mit einem Camper sowie der Zeitangabe 19 – 6 Uhr – vielleicht waren es auch andere Zahlen – zusammensetzt? Ergibt ja alles zusammen ein nahezu künstlerisches Arrangement, aber was bitte bedeutet das nun für mich als Autofahrerin? Bedeutet es überhaupt etwas für mich, oder geht das nur diejenigen etwas an, die mit Wohnwagen unterwegs sind? Ich muss gestehen, dass mich diese Kombination von Strassenschildern ziemlich verunsichert hat, so sehr, dass sie mich bis in meinen Traum verfolgt hat, in dem ich aus Angst, das falsche Schild zu befolgen, im Schneckentempo über eure Autobahnen gekrochen bin und nicht wagte, den Wohnwagen vor mir zu überholen.
Sonderbar ist auch euer Umgang mit Jubiläen. Hat man uns damals als junge Lokaljournalisten gleich zu Beginn unserer Tätigkeit eingebleut, dass es keine „30-jährigen Jubiläen“ gibt, weil kein Mensch so viel Zeit zum Feiern hat, begeht ihr hemmungslos „25-jährige Gründungsfeste“, „50-jährige Geburtstage“ und vielleicht gar „100-jährige Jubiläen“. Und ich hatte mir stets gedacht, ihr wäret ein arbeitsames Volk.
Was mich aber am meisten wundert ist euer Hang zu Klebrig-Süssem. Ihr ernährt euch doch wohl nicht mehrheitlich von Bonbons, Marzipan, Zuckerwatte und Plundergebäck, oder? Warum in aller Welt sind dann die Regale in euren Supermärkten von unten bis oben mit Süsswaren vollgestopft? Ich war immer der Meinung, das Anstehen am Schalter der Schweizer Post mit ihrem Süssigkeiten auf Kinderaugenhöhe sei der absolute Horror, aber nachdem ich erfolglos versucht habe, meine unvernünftigen, nach Süssem lechzenden Söhne tränenfrei durch eure Supermärkte zu lotsen, ist mein Respekt für alle Deutschen Mamas, die es schaffen, ihre Kinder gesund zu ernähren, ins Grenzenlose gestiegen.
Vielleicht aber täuscht mich auch mein Eindruck, denn es könnte ja sein, dass ich bei euch einfach viel eher in Versuchung komme, zuzugreifen, weil es für sehr viel weniger Geld sehr viel mehr Kalorien zu kaufen gibt. Das Totschläger-Argument „Nein, das ist viel zu teuer, das können wir uns nicht leisten“ verfängt bei euch einfach nicht, zumal unsere Kinder schon ziemlich gewieft sind im Umrechnen des Euro-Kurses. Wenn das Ganze dann noch mit dem bei uns nicht erhältlichen, bei euch aber omnipräsenten, Waldmeistergeschmack daherkommt, dann kann auch ich nicht mehr widerstehen und ich sage ja, auch wenn ich sehr genau weiss, dass ich eigentlich nein sagen sollte. Und um den Bogen zum Anfang dieses Posts zu schlagen muss ich noch anfügen, dass man Menschen, die so viel Waldmeistergeschmack haben, doch einfach mögen muss.
Irgendwie anders
Irgendwie ist hier alles ein wenig anders. Nicht vollkommen anders, wir sind ja noch immer in der Schweiz, aber immerhin so, dass es einem auffällt.
Die Dame am Empfang im Museum, die einem keine bösen Blicke zuwirft, wenn man mit dem Kinderwagen reinkommt und die am Ende jedem Kind einen – politisch noch immer vollkommen inkorrekten – Mohrenkopf schenkt.
Der Aufkleber am Lift, mit dem jeder dazu aufgefordert wird, Gehbehinderten, Senioren und Kinderwagenpassagieren den Vortritt zu lassen.
Das Haus mit der frech karierten Fassade, nicht neu, sondern ganz offensichtlich uralt. Und nicht weit davon entfernt das neue Haus, das in Loewenzahngelb erstrahlt.
Der Busfahrer, der einen nicht anschnauzt, sondern freundlich darauf hinweist, dass man mit dem Kinderwagen hinten einsteigen darf. Alleine schon dass man darf und nicht muss….
Der Mann, der „Meinem“ auf offener Strasse zu seinen fünf Kindern gratuliert.
Die Verkäuferin bei H & M, die sich dafür entschuldigt, dass sie nicht sofort gemerkt hat, dass die Kinder kein französisch sprechen. Offen gestanden habe ich zum ersten Mal erlebt, dass man bei H & M überhaupt mit einem Kunden redet.
Viele kleine Dinge, die einen spüren lassen, dass Schweiz nicht gleich Schweiz ist. Und währenddem ich mich noch frage, ob wir uns dies alles bloss einbilden, oder ob hier tatsächlich alles ein wenig freundlicher, ein wenig menschlicher ist, erscheint vor meinem inneren Auge die Schweizerkarte, die jeweils an Abstimmungssonntagen am Fernsehen gezeigt wird. Die Karte, die zeigt, dass man in der französischen Schweiz meist ganz anders abstimmt als in der Deutschschweiz. Die Karte, die „Meinen“ und mich jeweils mit leiser Sehnsucht auf die andere Seite des Röstigrabens blicken lassen, weil dort offenbar ganz viele Gleichgesinnte leben.
Vielleicht sind die Menschen hier gar nicht so viel freundlicher, vielleicht ticken wir einfach ähnlich wie sie.
Verleumdung
Morgen hat Luise Geburtstag und deshalb fuhr ich gestern Nachmittag mit dem Zoowärter und dem Prinzchen in die Stadt, um die Geschenke zu besorgen. Danach, so dachte ich, würde ich mit den beiden Kleinen noch in die Ikea fahren, um dem Prinzchen ein neues Bett zu kaufen. Nachdem ich aber das Prinzchen zum dritten Mal innert drei Minuten unter einem Regal hervorziehen musste, unter das er sich verkrochen hatte, beschloss ich, dass der kleine Strolch auch noch eine Woche länger im Gitterbett schlafen kann. Nach Coop, Migros und Manor war ich mit meinen Nerven derart am Ende, dass Ikea einfach zu viel gewesen wäre. Folglich kamen wir deutlich früher, aber nicht minder erschöpft, wieder zu Hause an.
„Meiner“ war ziemlich erstaunt, uns so bald schon wieder zu sehen und fragte den Zoowärter, wo wir denn gewesen seien. „Bei Aldi und Ikea“, gab der kleine Verleumder zur Antwort und zeigte das Getränkefläschchen, das ich ihm gekauft hatte. „Das hier hat mir Mama bei Aldi gekauft.“ „Und, habt ihr jemanden getroffen?“, wollte „Meiner“ wissen. „Nein, keiner hat uns hallo gesagt“, antwortete der Zoowärter beleidigt. Ihr wisst ja, wie das mit den Gerüchten ist. Einmal draussen, lassen sie sich nicht mehr einfangen und so konnte ich dementieren, so viel ich wollte, die Mär verbreitete sich dennoch in sich in Windeseile und heute Morgen, als Luise das Prinzchen fragte, wo wir denn ihre Geschenke gekauft hätten, meinte er ohne zu zögern: „Aldi und Kikea“.
Morgen werden die zwei dann wohl in der Krippe erzählen, sie hätten das Wochenende bei Aldi und Ikea verbracht und übermorgen, wenn ich einkaufen gehe, wird man mich in der Migros nicht mehr grüssen, weil ich angeblich ins Lager der Verräter gewechselt habe.* Dabei ist an der Sache wirklich nichts dran, ich kann sogar die Quittungen vorlegen, um es euch zu beweisen. Dumm ist nur, dass uns gestern, als wir in der Stadt waren, tatsächlich keiner hallo gesagt hat und darum habe ich keine Zeugen, die meine Aussage bestätigen könnten. Nun gut, der Zoowärter und das Prinzchen könnten natürlich schon bezeugen, wo wir tatsächlich gewesen sind, aber mir scheint, dass die momentan lieber die Mama verleumden, als die Wahrheit zu sagen.
* Deutsche Leser mögen sich vielleicht fragen, warum ein Einkauf bei Aldi als Verrat gilt. Dazu muss man wissen, dass man bis vor wenigen Jahren in der Schweiz entweder Migros- oder Coop-Kunde war, so, wie man reformiert oder katholisch ist. Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl ist ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt und die Menschen müssen sich ganz neu zu dem Geschäft ihrer Wahl bekennen. Ich, zum Beispiel, bin eine glühende Anhängerin der Migros und habe bis vor wenigen Jahren Coop gemieden, wann immer ich konnte. Der Migros bin ich treu geblieben, aber seitdem Aldi und Lidl hier sind, finde ich Coop nicht mehr ganz so schlimm, weshalb ich notfalls auch mal dort einkaufe. Gut, ich kämpfe jedes Mal mit meinem schlechten Gewissen, wenn ich mal wieder im falschen Laden war, aber vielleicht bewege ich mich so ganz allmählich in Richtung Einkaufs-Oekumene.
Zerredet
Gibt es irgendwo auf diesem Planeten einen Flecken Erde, an dem die Menschheit noch richtig tickt? Falls ja, dann würde ich mich gerne mit meiner Familie dorthin verkriechen. Die Schweizer, die sich auch nach bald einer Woche Fukushima noch allen Ernstes an den Erhalt der Atomkraft klammern, hängen mir zum Hals raus. Ich kann Sätze wie „Zuerst müssen wir mal analysieren, was in Japan überhaupt passiert ist, bevor wir zum voreiligen Schluss gelangen, dass wir aus der Kernenergie aussteigen müssen“, nicht mehr hören. Allein schon das Wort „Kernenergie“ treibt mich zum Wahnsinn, dieser Euphemismus, der nur dazu gebraucht wird, um zu verschleiern, womit da gespielt wird. Von „Experten“, die noch heute so tun, als könne man das Risiko je in Griff bekommen, habe ich die Nase voll.
Also noch einmal meine Frage: Gibt es einen Ort auf der Welt, wo die Katastrophe nicht zerredet wird, bis man wieder frohgemut weitermachen kann mit dem Mist? Oder muss ich mir einfach einen Ort suchen, an dem ich die Sprache nicht verstehe, damit ich mich nicht nach jeder Politidiskussion so fürchterlich aufregen muss.
Ich wünschte, es wär‘ anders…
Was soll man denn an einem Abend schreiben, an dem man der ernüchternden Tatsache ins Auge sehen muss, dass man einmal mehr auf der Seite der Abstimmungsverlierer steht? Und dies gleich zweimal. Was soll man schreiben, wenn man sich so langsam aber sicher im eigenen Land nicht mehr richtig zu Hause fühlt, weil man hinter dem, was da entschieden wird, nicht mehr stehen kann? Vielleicht schreibt man dies: Es gibt Tage, an denen ich mir wünschte, die Politik ginge mir am Allerwertesten vorbei. Tage, an denen ich mir wünschte, dass ich es fertigbringen könnte, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und nicht nachdenken zu müssen. Weil nachdenken manchmal einfach weh tut. Tage, an denen man sich wünscht, man könnte sich in Zukunft nur noch im eigenen Mikrokosmos von Familie, Schreibtisch und Küche bewegen.
Aber weil die Kinder eine Zukunft brauchen, der Schreibtisch seinen Schreibstoff und die Küche ihre Vorräte, wird man nicht umhin kommen, sich wieder aufzurappeln, die Scheuklappen gar nicht erst hervorzuholen und weiter mitzudenken. Und beim nächsten Mal wieder abstimmen gehen. Mindestens so lange, bis in diesem Land wieder mit mehr Herz und weniger Vorurteilen politisiert wird.
Hach, bin ich nicht fürchterlich pathetisch, wenn ich eine Abstimmungsniederlage zu verdauen habe? Vielleicht darf ich demnächst Reden für den 1. August schreiben. Wobei, so wie der politische Wind derzeit weht, wird wohl eher nichts daraus…









