Alles Käse

Die Aufgabe wäre eigentlich ein Klacks: Ein paar verschiedene Käsesorten auftreiben, damit wir die Gschwellti – Deutsche würden von Pellkartoffeln reden – nicht ohne Begleitung essen müssen. Zu Hause würde so ein Einkauf fünf, maximal zehn Minuten dauern. Rein in die Migros, das Altbewährte aus dem Regal schnappen, vielleicht noch eine interessante Neuheit dazu, bezahlen und wieder raus. Hier in Frankreich dauert das etwas länger.

Gut, den Supermarkt finde ich inzwischen ohne nur ein einziges Mal wenden zu müssen, weil ich zwar immer noch andauernd falsche Abzweigungen erwische, die Strassen aber bereits gut genug kenne, um irgendwie doch noch zum Ziel zu kommen. Und ich komme jetzt auch schon ganz schnell vom Parkplatz im Laden, da ich nach nur zwei erfolglosen Versuchen bereits begriffen habe, dass man zwar in der Schweiz den 1-Franken-Einkaufswagen mit einer Euromünze von der Kette lösen kann, nicht aber in Frankreich den 1-Euro-Einkaufswagen mit einem Einfränkler.

Dann aber wird es kompliziert. Die Käsetheke für den Offenverkauf finde ich zwar schon ziemlich zielsicher, aber weil französische Senioren männlichen Geschlechts wenig Geduld aufbringen für verwirrte Mittelalterliche aus der Schweiz, drängen sie mich andauernd zur Seite. Folglich ist es mir bis anhin noch nicht gelungen, die Auslage eingehend genug zu studieren, um auch zu wissen, was ich denn überhaupt bestellen würde, sollte ich je an die Reihe kommen. Na ja, seit heute weiss ich wenigstens, an welchem Ende sich der Ziegenkäse befindet und weil den ausser Karlsson keiner von uns mag, kann ich beim nächsten Besuch vielleicht die Blauschimmel-Sektion inspizieren, ehe mir ein Senior in die Quere kommt. Bis zum Ende unseres Aufenthalts schaffe ich so vielleicht drei Viertel der Theke, mit etwas Glück sogar die ganze. 

Bis zu diesem Zeitpunkt liegt also noch kein einziges Stück Käse in meinem 1-Euro-Einkaufswagen, aber noch bin ich guten Mutes, denn gleich um die Ecke stehen die Kühlschränke mit dem abgepackten Käse, zuerst natürlich wieder das ganze Ziegen-Zeugs. Himmel, wie viele unterschiedliche Wege gibt es denn, aus übel schmeckender Ziegenmilch übel schmeckenden Ziegenkäse zu machen? (Ich weiss, es gibt Menschen, die Ziegenmilch und Ziegenkäse mögen. Ich gehöre nicht zu ihnen. Vielleicht ist euch das schon aufgefallen.) Dann also weiter zum Hartkäse. Da ich mir nicht sicher bin, ob unsere Kinder den „Gruyère de la France“ ebenso mögen wie den echten „Gruyère“ und ich unbekannten Hartkäse lieber erst probieren möchte, ehe ich ein riesiges Stück kaufe, landet schliesslich echt schweizerischer „Tête de Moine“ im Wagen. Den mögen sie alle, das weiss ich mit Sicherheit, und günstiger als zu Hause ist er obendrein (Ein Umstand, der mir zu denken gäbe, wäre ich heute nicht zu faul dazu). 

Na dann, gehen wir eben weiter zu… aber halt, war’s das schon? Etwas Reibkäse* noch und dann stehe ich bei der Butter. Etwas trübselig lege ich meine Salzbutter in den Wagen und überlege mir, ob ich es doch noch einmal bei der Theke versuchen soll, denn für Geschwellti ist die Ausbeute allzu mager. Dann aber wandert mein Blick etwas weiter und ich sehe sie alle: Weichkäse, Frischkäse, Halbhartkäse, Streichkäse, Scheibenkäse, Käse mit Früchten, Käse mit Nüssen, Käse mit Nüssen und Früchten, Käse mit Kräutern, Käsewürfel, italienischen Käse, holländischen Käse, englischen Käse… Scheinbar endlos geht das so und ich fühle mich wie „Wallace & Gromit“, die ihr Käseparadies gefunden haben. Die Senioren von der Käsetheke sind längst aus dem Laden raus, doch ich stehe noch immer da, vergleiche, wähle, verwerfe, wähle erneut, staune, rufe mich zur Vernunft, weil irgendwer auch essen sollte, was ich kaufe. 

Nach einer halben Ewigkeit ziehe ich weiter, mit einem Bruchteil dessen, was mich interessiert hätte. Aber die Zeit drängt, zu Hause warten die Kinder, die nach einem Schulmorgen mit Papa dringend etwas zwischen die Zähne bekommen müssen. Als ich den Einkaufswagen zurückgebe und meine Euromünze zu meinem tief beleidigten Einfränkler ins Portemonnaie lege, bin ich irgendwie bedrückt. Weil es mir nie im Leben gelingen wird, all das zu kosten, was ich gerade gesehen habe, nicht mal, wenn ich nie wieder nach Hause zurückkehre. Aber auch, weil es irgendwie krank ist, dass mich eine solche Auswahl derart glücklich macht. 

(Irgendwann später, als ich mir eine heisse Kartoffel mit Käse in den Mund schiebe, fällt mir dann noch glühend heiss ein, dass ich bei der ganzen Herrlichkeit komplett vergessen habe, das Kleingedruckte auf den Käseschachteln zu lesen. Das Kleingedruckte? Ihr wisst schon, die klitzekleinen Hinweise, die einem sagen, ob das Geld, das man ausgegeben hat, einer halbwegs anständigen Firma zugute kommt, oder ob man mal wieder die Kassen von Nestlé  & Co. zum Klingeln gebracht hat.)

* Kann mir einer erklären, was die Franzosen an unserem schrecklichen „Emmentaler“ so toll finden, dass sie ihn nicht nur imitieren, sondern auch in riesigen Beuteln als Reibkäse verkaufen? 

prettyvenditti.jetzt

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Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

prettyvenditti.jetzt

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Grenzen(los)

Man sagt ja, wir lebten in einer globalisierten Welt, einer Welt, die zumindest innerhalb von Europa kaum mehr Grenzen kennt. Irgendwie stimmt das ja auch. Zumindest ist es eine ganze Weile her, seitdem ich zum letzen Mal an einer innereuropäischen Grenze ein Reisedokument habe vorweisen müssen und das, obschon wir Schweizer ja nicht so richtig dazugehören (wollen). Dafür aber stößt man im virtuellen Bereich immer wieder auf überraschende Grenzen. Zum Beispiel kann ich mir bei Netflix meine „Tudors“ ganz ungehindert zu Ende reinziehen,  „Meiner“ aber wird bis Juni warten müssen, um zu erfahren, wie „The Americans“ ausgeht, denn das gibt’s hier nicht. Dafür aber eine seichte Romcom über einen traurigen Koch, die wir uns nur angesehen haben, weil das zu Hause nicht geht (und wir uns an jenem Abend wirklich gar nichts zu sagen hatten, da wir einander tagsüber mehrmals in die Haare geraten waren). Wir hätten natürlich auch „Downton Abbey“ haben können, dafür aber kein „House of Cards“, was in der Schweiz genau umgekehrt wäre. 

Will ich mich beim Schweizer Fernsehen darüber informieren, was zu Hause so läuft, kann ich das immer erst dann tun, wenn die Sendung im Archiv ist, live geht nicht, aus rechtlichen Gründen, wie mir ein Popup erklärt. Was aus Patrick Jane wird, kann „Meiner“ entweder auf Französisch erfahren, oder gar nicht, denn was in Deutschland ausgestrahlt wird, darf offenbar in Frankreich nur über den Fernseher empfangen werden, aber der hier im Haus empfängt ausschließlich französische Sender, was auch gut ist, denn sonst kämen die Kinder noch auf die Idee, bei diesem Prachtwetter vor der Glotze abhängen zu wollen. So müssen sie sich mit Handy und iPad zufrieden geben, was bei den streng bewachten Internetgrenzen aber…. Ach, ich glaube fast, das habe ich schon erklärt. 

Darum ziehen sie sich jetzt halt Carmen und Robert Geiss auf youtube rein. Für Trash gibt’s offenbar keine Grenzbestimmungen. 

conversation, prettyvenditti.jetzt

 

Bütschgi

Treffen Schweizer aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen irgendwo – zum Beispiel im Jura, in Opfikon oder in auf Ibiza – aufeinander, können sie gar nicht anders, als früher oder später zu erörtern, wie man das abgenagte Kerngehäuse eines Apfels oder einer Birne nennt. „Gigetschi, natürlich“, sagen die einen. „Spinnst du? Das nennt man Gröibschi“, kontern die anderen. „Ihr habt ja beide keine Ahnung. Das Ding heisst Gürbschi“, behaupten die Dritten. Gerate ich in einen solchen Sprachstreit, halte ich stur am „Bütschgi“ fest, obschon ich seit Jahren im „Gürbsi/Bätzgi“-Gebiet lebe. Eigentlich interessiert es mich aber schon längst nicht mehr, wie meine Landsleute das Ding nennen, betreibe ich doch seit einigen Jahren intensive Forschungen in einem ganz anderen Kerngehäuse-Bereich. Mich beschäftigt nämlich die Frage, wo sich die Dinger in einem Grossfamilienhaushalt bevorzugt aufhalten. Hier eine – noch längst nicht abgeschlossene – Liste der bisher bekannten Bütschgi-Fundorte:

  • Auf dem WC-Rollenhalter
  • Auf dem Rand hinter dem WC-Deckel
  • Am Fussende des Elternbetts
  • Im Kerzenhalter
  • In sauberen Tassen auf dem Regal
  • In Kindersocken
  • Hinter dem Klavier
  • Auf den Klaviertasten
  • Unter dem Klavier
  • Im Klavier? Ich hab’s nie abgeklärt, könnte es mir aber sehr gut vorstellen.
  • In der Dachrinne.
  • Im Blumentopf
  • In Schulsäcken, von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • In Kindergartentaschen, ebenfalls von vielen kleinen Fruchtfliegen umsummt
  • Im Altpapierstapel
  • Im Sammeleimer für Pet-Flaschen
  • Im Kühlschrank
  • In Mamas Schuhen
  • Im Türgriff des Autos
  • Im Katzenklo
  • Neben dem Abfalleimer (Dies ist mit Abstand der häufigste Fundort. Ist halt unglaublich schwer, die Öffnung zu treffen. Von der mütterlichen Weisung, Bütschgis konsequent im Kompost zu entsorgen, wenn man sie schon nicht aufessen mag, reden wir gar nicht erst.)
  • Unter dem Abfallsack, der eigentlich dazu da wäre, die Dinge, die im Abfalleimer landen, aufzufangen
  • Hinter dem Sofakissen
  • In der Obstschale
  • Unter der Matratze
  • Auf dem Fenstersims
  • Auf dem Treppenabsatz
  • In der Waschmaschine
  • In einer Falte des Sonnendachs
  • Zwischen den Kochbüchern
  • Im Klo (Halt, ich glaube, das war ein ganzer Apfel. Haben wir aber erst rausgefunden, als die Sauerei bereits da war.)
  • Im Abfluss
  • In Prinzchens Bastelkiste
  • Auf dem Trampolin
  • Im Sandkasten (Als wir noch einen hatten)
  • Aufgespiesst auf dem Gartenzaun

…und vermutlich an ganz vielen anderen Orten, wo sie irgendwann, wenn wir fleissig genug aufräumen, auftauchen werden. (Und falls wir nicht zum Aufräumen kommen, wächst da halt eines Tages ein hübscher, kleiner Apfelbaum.) Die endgültige Auswertung meiner Forschungsergebnisse steht noch aus, ein Ergebnis steht aber bereits fest: Die Liebe zum Kernobst ist bei den kleinen Vendittis derart gross, dass sie darob die elterliche Weisung, nur im Esszimmer oder in der Küche zu essen, glatt vergessen. 

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Diese Ausländer…

Gestern mal wieder ein Gespräch beim Warten an der Kasse, wie es wohl so oft stattfindet in der Schweiz. Daran beteiligt: Eine Schweizerin älteren Semesters (ÄS), „Meiner“ (M) und ich (I). Nicht am Gespräch beteiligt, aber doch auch irgendwie dabei: Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat, die ganz dringend ein wenig Taschengeld loswerden müssen und darum im Laden herumschwirren, der Zoowärter mit seinem ganzen Geburtstagsgeld in der Hand.

I: „Zoowärter, steck dein Geld in die Tasche. Sonst verlierst du es.“

M: „…oder jemand reisst es dir aus der Hand.“

ÄS: „Ja, pass auf. Man kann nie wissen. So, wie das heutzutage zu und her geht.“

I: „Tja, die Menschheit zeigt sich mal wieder von ihrer schlechtesten Seite…“

ÄS: „Früher war das also anders. Als ich in der Schule war, musste man noch keine Angst haben vor den Leuten. Da war es noch sicher.“

I: „Das glaube ich Ihnen…“

ÄS: „Heute, mit all diesen Ausländern ist man nirgendwo mehr sicher.“

M: „Ich bin auch so ein Ausländer.“

ÄS: „Es sind natürlich nicht alle schlecht. Aber die, die den ganzen Tag arbeiten und nicht zu ihren Kindern schauen…“

I: „…weil sie nicht genug Lohn bekommen, um ihre Familien durchzubringen…“

ÄS: „Ja, kann sein. Aber diese Albaner. Unmöglich. Lassen ihre Kinder bis nachts um zehn draussen rumrennen. Die kümmern sich nie um ihre Kinder und machen immer nur Probleme.“

M: „Ich bin schon ziemlich lange Lehrer. Wissen Sie, mit welchen Eltern ich am meisten Probleme habe? Mit den Schweizern.“

ÄS: „Man darf natürlich schon nicht alle in den gleichen Topf werfen. Meine Nichte heiratet ja jetzt auch einen Albaner. Ein flotter Kerl, wirklich. Es sind nicht alle schlecht, das stimmt. Aber diese Ausländer…“

Wann begreifen „Meiner“ und ich endlich, dass es nichts bringt, an der Kasse für eine differenzierte Sicht der Dinge zu missionieren?

fiori silenziosi

dodici fiori silenziosi; prettyvenditti.jetzt

Inkonsequent

„Sie tun mir aber leid“, sagte ich zu der Kassiererin, die mir kurz vor Weihnachten erzählte, samstags sei das Geschäft jetzt jeweils bis 20 Uhr offen. „Irgendwann müssen Sie doch auch Feierabend haben und an den Bahnhöfen gibt es ja genügend Läden, die bis spät geöffnet sind.“

„So ein Schwachsinn“, sagte ich etwas später zu „Meinem“. „Wollen die denn eine 24-Stunden-Gesellschaft wie in den USA? Man kann seine Einkäufe doch planen, dann braucht man nicht am Samstagabend noch in die Läden zu rennen.“

„Du willst mir doch nicht weismachen, dass du zu keiner anderen Tageszeit einkaufen gehen kannst?“, sagte ich ein paar Tage später zu einer Freundin, als sie mir erklärte, sie sei ganz froh um die verlängerten Öffnungszeiten am Samstag. 

„Wir brauchen ganz dringend noch Katzenfutter, WC-Papier, Katzenstreu und Haushaltpapier. Ich glaube, ich fahre am besten noch schnell ins Einkaufszentrum. Die haben doch jetzt am Samstag bis 20 Uhr offen und wenn ich mich recht erinnere, haben sie alles im Sonderangebot, was wir brauchen“, sagte ich heute Abend, als ich mit Schrecken feststellte, dass gleich vier ziemlich unentbehrliche Dinge fürs Wochenende fehlten. 

Na ja, immerhin war ich konsequent genug, nicht an der Kasse anzustehen, an der die Kassiererin sass, die ich kurz vor Weihnachten dafür bemitleidet hatte, dass sie jetzt samstags bis 20 Uhr arbeiten muss. 

(Und eigentlich ist das alles gar nicht meine Schuld. Hätte Karlsson den Katzen nicht bei jedem kläglichen Miauen den Fressnapf gefüllt, wären die Futtervorräte nicht heute kurz nach 18 Uhr aufgebraucht gewesen. Katzenstreu hätten wir dann auch keine gebraucht. Und folglich auch kein Haushaltpapier, aber da gehe ich jetzt lieber nicht ins Detail.)

pasta al zafferano

pasta al zafferano; prettyvenditti.jetzt

Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

calorie

calorie; prettyvenditti.jetzt

Man könnte auch mal einfach mitdenken

Wir Schweizer können ja ziemlich viel mitreden, wenn es darum geht, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Eine gute Sache, finde ich, auch wenn ich mich zuweilen frage, ob uns die Tragweite gewisser Entscheide bewusst ist. Und auch wenn sich zuweilen die Pessimistin in mir zu Wort meldet, die behauptet, das alles sei nur eine Farce, in Wirklichkeit hätten wir nicht mehr mitzureden als andere auch. 

Nun, wie dem auch sei, wir reden mit und das finde ich grundsätzlich gut. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien hat dieses Mitreden allerdings Formen angenommen, die mir ziemlich auf den Geist gehen. Man redet  – oder postet -, bevor man nachgedacht hat. Neuestes Beispiel: Es kommt zu einem schrecklichen Familiendrama, es gibt Hinweise, dass die Behörde versagt hat, die Boulevardpresse schlägt die Sache breit, bringt ein paar weitere Geschichten, die schief gelaufen sind und zwei Tage später verbreitet sich auf Facebook die erste Online-Petition, die „Weg mit dieser Behörde!“ fordert. Nicht nur mit der lokalen Behörde, die wohl wirklich ziemlich daneben lag mit ihren Entscheiden, sondern gleich mit dem ganzen System, landesweit. 

Kein Nachdenken. Kein Bewusstsein, dass wir nur die Version der Presse kennen und sich erst noch zeigen muss, was wirklich war. Keine Erinnerung an schlimme Geschichten, die es auch schon gab, als noch Laien für diesen Bereich zuständig waren. Kein Gedanke daran, dass es vielleicht gar nicht in unserer Kompetenz liegt, Behörden abzuschaffen, weil noch nicht alles so läuft, wie man sich das bei der Einführung vorgestellt hatte. Einfach mal lauthals dagegen anbrüllen, weil ja irgend einer, den wir irgendwo mal getroffen haben, auch schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und weil die Partei, die lieber mit Schlagworten als mit praktikablen Lösungsansätzen politisiert, auch schreit, diese Behörde gehöre abgeschafft. Einfach mal Dampf ablassen, weil es so unglaublich gut tut, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in den sozialen Netzwerken gehört zu werden. 

Versteht mich nicht falsch, auch mir bricht fast das Herz, wenn kleine Kinder sterben müssen, weil das System versagt. Auch ich wünsche mir Verbesserungen an diesem System, das noch zu viele Fehler macht. Aber ich masse mir nicht an, zu wissen, durch welche Verbesserungen sich solche Tragödien verhindern liessen. Um das herauszufinden, müsste ich mich mit der Materie auseinandersetzen und zwar vertieft, nicht nur mithilfe einiger Zeitungsartikel. Ich müsste Experten konsultieren, mir vor Ort ein genaues Bild über die Arbeitsweise dieser Behörde machen, Vor- und Nachteile abwägen – kurz: Ich müsste mitdenken, ehe ich mitrede

Dieses Mitdenken könnte zwei Dinge zur Folge haben: a) Ich begreife, dass ich in der Sache nichts zu sagen habe oder b) Ich sehe einen Weg, wie man sich für eine Verbesserung engagieren könnte. Dann aber richtig, nicht mit irgendwelchen unbedachten „Weg mit dieser Behörde“-Forderungen. 

Guerriero; Gianluca Venditti

Guerriero; prettyvenditti.jetzt

Wenn…

Wenn die Leute in der Migros einander fast über den Haufen rennen, weil sie keinen tolerieren, der zwischen sie und das tolle Neujahrs-Sonderangebot, das sie gar nicht unbedingt brauchen, kommt…

Wenn Prinzchen nach einer halben Stunde einkaufen fleht, wir möchten doch jetzt endlich in die alte Stadtgärtnerei gehen, weil es dort trotz Regenwetter tausendmal schöner ist als in diesem überfüllten Einkaufstempel…

Wenn die Autos vor dem Parkhaus Schlange stehen wie die Leute auf alten Fotos aus Sowjetzeiten in der Metzgerei…

Wenn eben noch überteuerter Ramsch heute zu dem Preis angeboten wird, der wohl von Anfang an angebracht gewesen wäre…

Wenn die Ananas aus Costa Rica billiger zu haben ist als das Kilo Birnen aus der Region…

Wenn der Rentner hinter mir ungeduldig wird, weil ich noch drei Sekunden brauche, um mein Leergut fertig zu entsorgen…

Wenn ich sehe, was man alles voll und ganz problemlos auf Pump kaufen könnte…

Wenn man mich mit Werbung bombardiert, die mir sagt, wie ich unliebsame Weihnachtsgeschenke wieder loswerden kann…

Wenn der noch kaum benutzte Stabmixer schon wieder den Geist aufgibt… 

und das noch nicht alte Telefon auch…

und der fast neue Drucker auch…

und wenn ich mir vorstelle, wie der Verkäufer aus der Wäsche schauen würde, falls ich ihn fragte, ob man das Zeug reparieren könne…

dann überkommen mich grosse Zweifel an dem, was wir so voller Stolz „hohe Lebensqualität“ nennen.

litchi; Gianluca Venditti

litchi; prettyvenditti.jetzt

Billig

Seitdem il Cugino Anfang Jahr aus Süditalien zu uns gezogen ist, bekommen wir hautnah mit, wie das läuft mit den billigen Arbeitskräften aus dem europäischen Ausland. Nämlich so: Einen Job finden sie sofort, der Druck, von Anfang 100 % zu arbeiten, ist gross und es braucht ziemlich viel Mut, zu tun, was il Cugino getan hat. Er hat nämlich darauf bestanden, nur Teilzeit zu arbeiten, damit er Zeit hat, intensiv Deutsch zu lernen. Der Vertrag ist auf ein halbes Jahr befristet, nach drei Monaten gibt’s eine bescheidene Lohnerhöhung, am Ende der sechs Monate wird das Arbeitsverhältnis beendet, auch wenn genügend Arbeit da wäre und der Angestellte gerne bleiben würde. Neue Einwanderer übernehmen den Job, die „Alten“ ziehen weiter zur nächsten Stelle, denn so ist es für den Arbeitgeber am billigsten. Ein neuer Job ist schnell gefunden, manchmal rasend schnell. Ein Anruf kurz vor Mittag: „Können Sie in einer Stunde anfangen? Gut. Dann bringen Sie Ihre Papiere und die Sicherheitsschuhe mit. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, gibt’s vielleicht eine längere Anstellung, sonst sicher mal bis Ende dieser Woche.“

Il Cugino denkt nicht im Traum daran, sich über diese Arbeitsbedingungen zu beklagen. Lieber so, als zu Hause in Süditalien in der Bar rumzuhängen und überhaupt keine Perspektive zu haben. Lieber müde sein vom Knochenjob, als lethargisch vom Nichtstun. Lieber ein Putzfrauenlohn, als mit 25 noch von den Eltern abhängig sein. Lieber in einem kalten, fremden Land leben, als dabei zusehen müssen, wie die eigene Heimat immer mehr vor die Hunde geht.

Il Cugino ist zu Recht stolz auf das, was er in weniger als einem Jahr erreicht hat. Seine Freunde in Italien beneiden ihn, können aber nicht ganz verstehen, warum er das alles auf sich nimmt. Ist doch viel bequemer, nichts zu tun und über den Staat zu lamentieren.

Die Schweizer, die il Cugino kennen, mögen ihn. So ein feiner Kerl, anständig, fleissig, freundlich und anpassungswillig.

Die Schweizer, die ihn nicht kennen, sehen in ihm eine Bedrohung. Noch so einer, der hierher kommt. Dass kaum ein Schweizer bereit wäre, so zu arbeiten, wie il Cugino es tut, bedenken sie nicht. Dass sie selber ihre Sachen packen und auswandern würden, wenn ihr Land ihnen keine Perspektive böte, können sie sich nicht vorstellen. Dass ihre eigenen Vorfahren das Gleiche getan haben wie il Cugino, als die Zeiten hier schlecht waren, wollen sie nicht sehen. Oder wenn sie es sehen, behaupten sie dreist: „Aber Amerika war nicht besiedelt damals. Meine Urgrosseltern haben niemandem etwas weggenommen.“

Die Schweizer fürchten sich vor einem jungen Mann, der sich dazu entschliesst, sein Glück dort zu suchen, wo er es am ehesten zu finden glaubt. Sie fürchten sich nicht nur, sie empfinden auch Wut. Ein ganz klein wenig kann ich die Wut nachvollziehen, aber diese Wut richtet sich gegen den Falschen. Wenn wir auf jemanden wütend sein sollten, dann auf die Unternehmer, die den Umstand, dass viele Menschen in ihrem eigenen Land keine Zukunft mehr sehen, schamlos ausnützen. Es ist nicht il Cugino, der die Löhne nach unten drückt. Es liegt nicht an ihm, dass die Firmen lieber billige Temporärstellen als teure Feststellen anbieten. Er kann nichts dafür, dass manche lieber Migranten einstellen, weil die für jeden Knochenjob dankbar sind und nicht aufbegehren, wenn sie wie Spielfiguren herumgeschoben werden.

Will man il Cugino wirklich einen Strick daraus drehen, dass er sich das klaglos bieten lässt, weil er einfach nur froh ist, überhaupt arbeiten zu dürfen?

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