Kein Spaziergang

Heute Nachmittag, auf einem sehr ausgedehnten Spaziergang mit allen fünf Kindern und einer Mitarbeiterin, dämmerte mir, dass das, was vor uns liegt kein Spaziergang sein wird. Karlsson, noch keine zwölf Jahre alt, bot mir einen Vorgeschmack auf das, was nun alle unsere Kinder Schlag auf Schlag durchmachen werden. So, wie sie eines nach dem anderen in die Welt gepurzelt kamen und so, wie sie eines nach dem anderen ihre mehr oder weniger heftigen Trotzphasen durchmachten, so werden sie jetzt eines nach dem anderen beweisen müssen, dass sie auch ohne Mama und Papa können. 

Karlsson dreht derzeit für seine Verhältnisse gewaltig auf, allerdings nur, wenn er Publikum hat. Solange er und ich zu zweit sind, verstehen wir uns prächtig. Wir reissen Witze, malen uns die absurdesten Geschichten aus und unterhalten uns über Gott und die Welt. Nervenaufreibend wird es erst, wenn jemand dabei ist, der nicht zur Familie gehört. Heute Nachmittag, zum Beispiel, wurde ich als Lügnerin beschimpft, bloss weil Karlsson nicht verstanden hatte, dass ich meiner Mitarbeiterin einen kindertaugliche Stelle im Wald zeigen wollte, dass ich aber keineswegs gedachte, mich dort mit meiner Familie dauerhaft niederzulassen, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre. „Du hast gesagt, wir gehen in den Wald und das heisst, dass wir dort auch bleiben“, zeterte er. „Da hätte ich ja ebenso gut zu Hause bleiben können.“ Fünf Minuten später das nächste Drama. „Du bist so unfair. Das Prinzchen und der Zoowärter dürfen im Leiterwagen fahren, ich aber muss zu Fuss gehen, obschon du weisst, dass mein Knie weh tut.“ Mein Einwand, dass der Leiterwagen nicht für Kinder seiner Grösse geeignet sind, diente nicht zu seiner Beruhigung sondern einzig als Beweis dafür, dass ich ihn weniger liebe als unsere anderen Kinder. Danach einige Momente entspannten Geplauders, gefolgt von einem weiteren Zwist, weil ich schon wieder etwas Falsches gesagt, oder vielleicht auch nur eine Augenbraue zu viel hochgezogen hatte. Dazwischen wieder einige sonnige Abschnitte, dann wie aus dem Nichts eine Attacke auf eines der jüngeren Geschwister, gefolgt von einem „Ihr seid alle so gemein zu mir!“.

Keine Frage,  die Pubertät steht vor der Tür und Karlsson, der Arme, ist einmal mehr der Erste, der da durch muss. Einmal mehr werden wir Fehler begehen, die wir bei den jüngeren Kindern nicht mehr machen werden, einmal mehr werden mich die Ängste plagen, ob wir das auch richtig hinkriegen. Dennoch wehre ich mich dagegen, in Panik zu geraten, denn genau so wenig wie es half, in der Zeit der durchwachten Nächte und der Trotzanfälle nur noch das Anstrengende und Zermürbende zu sehen, genauso wenig bringt es, mich dagegen aufzulehnen, dass aus kleinen Kindern grosse Kinder und schliesslich Erwachsene werden.

Einfach wird es nicht, das ist mir klar, aber wir haben uns ja nicht der Einfachheit halber dazu entschieden, Kinder zu haben.

Noch ein paar Alltagsfreuden

Vielleicht werde ich ja allmählich sentimental, aber ich habe schon wieder ein paar Freuden im oft so anstrengenden Alltag entdeckt:

1. Am Morgen mit den Kindern zur Mühle fahren, Mehl in allen möglichen Varianten kaufen, auf dem Heimweg Dinkelherzen mit Schokoladenüberzug auf der Zunge zergehen lassen und mich an den Kommentaren der Kinder freuen: „Die sind ja wirklich besser als Maltesers!“ oder „Mama, findest du nicht auch, dass die einen leichten Anis-Geschmack haben?“ oder – meine persönlicher Favorit – „Mama, willst du noch eins?“

2. Miterleben, wie sich der am Morgen gekaufte Hartweizendunst mit nur wenig Wasser vermischt in frische Pasta verwandelt. Das Surren der Teigwarenmaschine im Ohr, die warmen, geschmeidigen Spaghetti in der Hand, der Anblick eines Lebensmittels, das so viel schöner und unregelmässiger ist, als die Industrieware. 

3. Die frische Pasta im Teller. So unbeschreiblich gut, dass auch die Katze nicht widerstehen kann, ja, nicht einmal das Prinzchen.

4. Vier Kinder, die vergnügt im Auto sitzen und einander sagen, wie froh sie doch sind, Geschwister zu haben, denn ein Leben ganz ohne Brüder und Schwester, das kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Ich meine sogar aus dem Mund des FeuerwehrRitterRömerPiraten den Satz „Ich hab‘ euch gern“ gehört zu haben, aber vielleicht bilde ich mir das bloss ein. 

5. Karlsson, der am Mittag verschwitzt und glücklich vom Training mit den Pontonieren nach Hause kommt und es kaum erwarten kann, am Dienstag wieder auf den Fluss zu gehen. Jawohl, die Rede ist hier von Karlsson „Ich hasse jede Art von sportlicher Betätigung“ Venditti!

6. Ein sehr müder Zoowärter, der nach einem Wutanfall fast in meinem Arm einschläft. Gibt es ein schöneres Gefühl? Nun ja, ohne vorangehenden Wutanfall wäre es noch etwas schöner gewesen…

7. Macadamianüsse.

8. Ein Prinzchen, das vor lauter Freude quietscht, weil ich mal wieder etwas zu schnell war in der Kurve.

9. Luises erstes Wachtelei, noch ganz warm, leicht klebrig und offenbar so gut, dass sie es gegessen hat, obsch0n sie gar keine Eier mag.

Nun möchte ich natürlich nicht, dass meine Leserschaft glaubt, bei uns sei plötzlich über Nacht die Idylle eingekehrt. Im Gegenteil, auch heute habe ich herumgebrüllt, auch heute hatten wir ein paar ziemlich heftige vorpubertäre Ausbrüche – oder waren die vielleicht schon pubertär? -, auch heute habe ich den Tag nicht ohne Mittagsschlaf und einigen tiefen Seufzern überstanden und zudem habe ich heute nach elfeinhalb Jahren Mutterschaft Bekanntschaft mit der Kinderkrankheit Ringelröteln geschlossen und dies gleich in dreifacher Ausführung. Bei weitem nicht perfekt also, aber immerhin so schön, dass ich mich das eine oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich lauthals gelacht habe. 

 

 

Gedanken

Etwas mehr als fünf Jahre noch und Karlsson ist gleich jung wie „Meiner“ und ich waren, als wir uns kennen lernten.

Noch ein paar Monate und ich bin gleich alt, wie meine Mutter war, als ich zur Welt kam. Glaubt mir, in meinen Augen war meine Mutter sehr alt, als ich noch klein war.

Es ist durchaus vorstellbar, dass ich Grosstante sein werde, bevor mein erstes Kind volljährig ist.

Luise lacht nicht mehr über die Witze, die „Meiner“ zu ihren Freundinnen macht.

Ich ertrage keine Zugluft mehr. Und hochhackige Schuhe waren auch schon mal bequemer.

An manchen Tagen höre ich meine biologische Uhr ticken, obschon das Thema für mich offiziell abgeschlossen ist.

In der Gegenwart von gewissen überdurchschnittlich selbstbewussten jungen Menschen fühle ich mich sehr alt, ääähm, ich meine natürlich weise.

Manchmal, wenn die Kinder voller Begeisterung von der Zukunft reden, muss ich aufpassen, dass ich keine pessimistischen Bemerkungen mache.

Wäre ich nicht Mutter, ich würde vor sehr vielen Zeiterscheinungen die Augen verschliessen, weil sie mir so etwas wie Angst einflössen.

Hach, wie war das doch schön früher, wenn man im Mai endlich keine Strumpfhosen mehr tragen musste, sondern zu den Kniestrümpfen wechseln durfte. Und waren sie nicht herrlich, diese doppelten Glace-Lutscher mit dem Schokoladenüberzug? Schade, dass es die heute nicht mehr gibt. Stellt euch vor, damals bekam man für fünfzig Rappen ziemlich viele Süssigkeiten. War das ein Spass, als wir jeweils abends zur Käserei gingen, um frische Milch zu holen. Damals gab es noch in jedem Dorf eine Käserei, wisst ihr…

Nein, ich bin nicht alt, aber…

Historisch inkompatibel

Momentan will einfach nichts so richtig zusammenpassen. Währenddem der Zoowärter noch mitten in der Ritterzeit steckt, tut der FeuerwehrRitterRömerPirat so, als hätte er sich nie für das Leben im finsteren Mittelalter begeistern lassen. König Artus? Wer interessiert sich schon für diesen Langweiler? Drachen und gefangene Prinzessinnen? Zum Gähnen langweilig. Turniere hoch zu Ross? Ist doch alles nur Theater. Armer Zoowärter. Sein grosser Bruder lässt kein gutes Haar an den Helden, die er so sehr bewundert. Der FeuerwehrRitterRömerPirat weigert sich standhaft, mit dem Zoowärter Burgbelagerung, Drachenkampf, Prinzessinnenbefreiung und ähnliche Kindereien zu spielen.

Als Mutter leide ich natürlich mit meinem Zweitjüngsten, aber auch für die Abkehr vom Mittelalter, die der FeuerwehrRitterRömerPirat vollzogen hat, kann ich Verständnis aufbringen. Der Junge hat nämlich das Licht der Renaissance entdeckt. Nicht mehr die Ritter in ihren schweren Rüstungen, sondern die leichtfüssigen Helden der Antike begeistern ihn in diesen Tagen. Achilles, Odysseus und die Götter des Olymp beflügeln seine Fantasie, die Lehrerin wird mit Bittbriefen eingedeckt, weil der Junge sich im Schulunterricht lieber mit Homer als mit „Zipf, Zepf und Zipfelmütz“ befassen möchte.

Warum aber sehe ich unseren Dritten derzeit in der Renaissance und nicht in der Antike? Nun, neben seiner Faszination für den Trojanischen Krieg hat er ein weiteres grosses Thema für sich entdeckt: Die Reformation. „Herr Hadubrand“ als Schlaflied ist passé, jetzt will er „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ hören. Martin Luther hält zeitgleich mit den Helden der Antike Einzug ins Kinderzimmer, womit unser Sohn lebt, was Wikipedia über die Zeit der Renaissance schreibt: „Im protestantischen Nordeuropa wird der Epochenbegriff der Renaissance von dem der Reformation überlagert.“

Soweit so gut. Dumm ist nur, dass Karlsson seinem jüngeren Bruder nicht nur altersmässig, sondern auch historisch einen Schritt voraus ist. Mit seiner Begeisterung für die Barockzeit reitet er auf der Welle der Gegenreformation. Sein grosses Idol, Johann Sebastian Bach, war zwar ein überzeugter Protestant, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass aus unserem Ältesten nie und nimmer ein Bilderstürmer geworden wäre, hätte er damals gelebt. Zu sehr liebt er die Pracht barocker Kirchen und Schlösser. So kommt es, dass auch Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat hin und wieder historische Differenzen austragen.

Einzig das Prinzchen hält sich aus der Debatte heraus. Seine Idole sind die Bauarbeiter, die im Schweisse ihres Angesichts bauen, was der Bauherr vorgibt. Ob das nun eine Ritterburg, ein griechisches Theater oder eine Barockkirche ist, kümmert das Prinzchen nicht. Hauptsache, er darf mitspielen und ein Bauarbeiter sein.

Prinzchensuche

Heute haben wir endlich einen der letzten noch fehlenden Klassiker der Kleinkindphase nachgeholt. Kurz vor sieben, vier von fünf Kindern warten bereits aufs Abendessen, doch vom Prinzchen fehlt jede Spur. Eben noch war er da, aber jetzt bleibt alles Rufen unbeantwortet. Der wird sich wohl wieder mal zur Grossmama geschlichen haben, nehmen wir an, aber dort ist er auch nicht. Sie hätte ihn vor einer Weile am Haus vorbei spazieren sehen, sagt die Grossmama und da sie auch Luise in seiner Nähe gesehen hätte, habe sie sich keine weiteren Gedanken gemacht. Jetzt aber ist sie ebenso besorgt wie wir. Während „Meiner“ sich ans Steuer setzt, um das Quartier mit dem Auto abzusuchen, macht meine Mutter sich in Richtung Kindergarten auf und ich suche mit dem Zoowärter den Weg zur Kinderkrippe ab. Kein Prinzchen weit und breit. Auch unsere Nichte, die inzwischen in die Suche eingeschaltet wurde, begegnet ihm nicht und so mache ich mich irgendwann ohne Zoowärter und mit bangen Gedanken zum Naturspielplatz auf. Bitte, lieber Gott, lass das Kind nicht zum Teich gerannt sein… Zu meiner Erleichterung fehlt auch dort jede Spur von ihm, aber nicht nur dort, sondern im ganzen Quartier. Nun, dann werde ich mich wohl auf den Heimweg machen müssen. Vielleicht haben die anderen den Knirps inzwischen gefunden.

Tatsächlich kommt mir auf halbem Weg „Meiner“ entgegengefahren, winkend und lachend. Der verlorene Sohn ist gefunden. Und zwar – wie könnte es auch anders sein – schlafend im Elternschlafzimmer. Grosses Aufatmen zuerst, dann grosses Kopfschütteln, weil wir in der Eile ausgerechnet dort nicht nachgeschaut haben. Und weil Karlsson mit unschuldiger Miene meint: „Ich hab die ganze Zeit gewusst, dass er dort ist, aber ich habe nicht mitgekriegt, dass ihr ihn sucht.“

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Aufräumwunder

Da soll noch einer behaupten, es gäbe keine Wunder. Luise – „Immer müssen wir aufräumen! Ich mache nicht mehr mit!“ – weckte uns heute früh mit dem folgenden Satz: „Mama, Papa, steht endlich auf! Ich will jetzt aufräumen.“ Zuerst glaubte ich ja, einen besonders schönen Traum zu träumen, der sich in Luft auflösen würde, kaum wären meine Augen offen. Aber es war kein Traum, das Kind machte sich mit Feuereifer ans Aufräumen des Wohnzimmers. „Papa, steh endlich auf. Wir müssen jetzt wirklich Ordnung machen“, drängte sie, als „Meiner“ sich nicht sogleich aufraffen mochte. Bald aber hatte Luise ihren Putztrupp zusammen, denn wenn sie etwas wirklich will, dann kann sie sehr überzeugend sein. Sie brachte sogar mich dazu, am Ostermontag zum Lappen zu greifen.

Es blieb aber nicht dabei. „FeuerwehrRitterRömerPirat, mach doch bitte das Badezimmer sauber“, bat ich und der Junge strahlte mich an, als hätte ich ihm eben einen Ausflug in den Europa Park versprochen. Freudig griff er zu Putzmitteln und Lappen und wenig später glänzte das Bad. Karlsson polierte derweilen die Holzmöbel und verkündete, dass er es gar nicht schätzt, wenn unvorsichtige Barbaren seine Arbeit sogleich wieder zunichte machen. Hä? Seit wann klaut der Junge meine Sprüche? Allmählich wurde mir meine geliebte Familie unheimlich, vor allem, als das Prinzchen auch noch zum Staubsauger griff und Luise mich alle zehn Minuten fragen kam, was sie jetzt noch für mich tun könne.

Das Wunder währte exakt eine Stunde, dann verlor Karlsson die Nerven, weil er fand, dass sein Soll jetzt erfüllt sei. Was auch nicht weiter schlimm war, denn in diesen sechzig Minuten hatten wir es mit vereinten Kräften geschafft, die Wohnung sauber zu machen und das ganz ohne Streiten. Mehr kann man ja wohl nicht erwarten…

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Die Welt ist hier

Ich hatte stets geglaubt, die ziemlich eingeschränkte Weltsicht der Hurra-Patrioten mit ihrem „Die Schweiz ist eine Insel der Glückseligen“- Gehabe lasse sich nicht überbieten, aber ich lag falsch. Das Prinzchen zieht die Grenze noch etwas enger: „Hier drinnen in unserem Haus ist die Welt und dort draussen ist die Schweiz“, sagte er heute früh, als er aus dem Fenster schaute.

Und seither zerbreche ich mir den Kopf, was denn seiner Ansicht nach ennet der Schweizergrenze anfängt. Das Weltall, bevölkert von vielen gefährlichen Ausserirdischen? Ich hoffe es nicht, denn damit käme er dem Weltbild der Hurra-Patrioten gefährlich nahe.

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Brisante Fragen

Es kommt nicht so sehr aufs Thema an, das Muster ist stets gleich: Das Prinzchen sagt etwas so, wie ein Dreijähriger die Dinge eben sagt, der Zoowärter, der ja so viel älter und  weiser ist, korrigiert den kleinen Bruder, der kleine Bruder nimmt die Korrektur nicht an, der grosse Bruder wird wütend, insistiert, wird noch wütender, weil der Kleine noch immer nicht klein beigibt, irgendwann fliegen die Fäuste und dann werde ich als Schiedsrichterin auf den Plan gerufen. Hier einige Beispiele:

Prinzchen: „Der liebe Gott ist herzig.“

Zoowärter: „Nein, der liebe Gott ist nicht herzig, der ist manchmal böse.“

Prinzchen: „Nein, er ist herzig.“

Zoowärter: „Ist er nicht.“

Prinzchen: „Ist er doch.“

Zoowärter: „Nein, ist er nicht, du blöde Kuh!“

Und schon artet die theologische Diskussion in einen handfesten Glaubenskrieg aus. Was ja in der Geschichte der Christenheit nicht zum ersten Mal vorkommt.

Man kann das Spiel aber auch mit weniger brisanten Themen spielen. Heisst es Megaphon oder Megalophon? Schmecken Erbsen gut oder nicht? Darf ein Kind, das noch nicht im Kindergarten ist, aus einem Glas trinken, oder ist der Becher Pflicht? Ist es im Frühling wärmer oder im Herbst? Ist Bob der Baumeister cool oder blöd?

Und das brisanteste Thema überhaupt: Auf welche Seite müssen die Henkel der Tasse schauen? Wer jetzt glaubt, dies sei ein klassischer Konflikt zwischen Links- und Rechtshänder, der irrt. Die zwei sind nämlich beide links.  Zumindest in einer Sache sind sie sich einig.

Abgekühlt

Ich muss zugeben, dass unsere Beziehung zur Volksschule auch schon bessere Tage gesehen hat. Anfangs waren wir ja geradezu begeistert voneinander, wir wollten nur das Beste für die Kinder und die Gelegenheiten, bei denen wir uns begegneten, waren die reinste Freude. Viele nette Worte, gegenseitiges Bekräftigen, dass wir am gleichen Strick ziehen und geduldiges Nachsehen von kleinen Ausrutschern.

In letzter Zeit aber zeichnet sich ab, dass wir uns auseinanderleben. Das liegt wohl vor allem daran, dass „Meiner“ und ich inzwischen alte Hasen sind, wenn es um Sachen Einschulung und Prüfungen geht. Und das hat dazu geführt, dass wir gewisse Dinge einfach nicht mehr so eng sehen. Karlsson hat seine Hausaufgaben zwar gewissenhaft erledigt, hat aber dummerweise die letzte Rechnung übersehen? So what? Dann löst er sie eben heute Nachmittag. Luise hat am ersten Tag nach den Ferien das Turnzeug noch nicht dabei? Ist doch nicht so schlimm, sie hat ja erst am Mittwoch Turnen und somit noch zwei Tage Zeit, es zu bringen. Wir sind eindeutig gelassener geworden, was die Schule anbelangt, auch wenn es uns natürlich nach wie vor wichtig ist, dass unsere Kinder sich anständig benehmen und etwas lernen.

Die Schule aber hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Drückte man vor einigen Jahren bei einem braven Schüler noch eher mal ein Auge zu, so muss heute für jedes zu Hause vergessene Blatt eine Unterschrift der Eltern her. Fehlt auf dem Blatt der Name des Kindes, zerreist die Lehrerin das Blatt vor den Augen des Kindes. Auch dann, wenn das Kind ein Erstklässler ist, der seine Aufgaben fehlerfrei gelöst hat. Wenn der Name fehlt, ist alles nichts Wert.

Kein Wunder, dass ich heute nicht mehr allzu fröhlich gestimmt war, als mal wieder Schulbesuchstag auf dem Programm stand. Meine Erwartungen wurden leider nicht enttäuscht: Ziemlich farbloser Unterricht, viel Zurechtweisung, kein Lob – mal abgesehen von der Kindergärtnerin, die vom Zoowärter schwärmte – und kaum einmal ein Lächeln.

Oh ja, ich weiss, die Lehrer haben es heute nicht einfach. Ich erlebe das ja hautnah bei „Meinem“ und ich muss gestehen, dass ich selber nicht die Nerven dazu hätte, eine Klasse zu führen. Genau darum bin ich ja auch nicht Lehrerin geworden. Aber ist es denn zu viel erwartet, wenn man sich von einer Person, die diesen Beruf ergriffen hat, einen sanften Hauch von Begeisterung für die Arbeit mit den kleinen Menschen wünscht? Muss man gleich im Kasernenhofton losdonnern, bloss weil ein Kind die Aufgabe nicht beim ersten Mal begriffen hat? Versteht mich nicht falsch, auch ich beherrsche den Kasernenhofton bestens und machnmal mag er sogar angebracht sein, auch im Klassenzimmer. Nur kommen bei mir dazwischen auch mal Sätze wie „Das hast du toll gemacht“ oder „Wisst ihr was, Kinder? Ihr seid einfach grossartig“. Das dürfte doch auch mal gesagt sein, nicht wahr?

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Hitliste der gefürchteten Tiere

Ein Tierliebhaber scheint er nicht zu sein, unser Prinzchen. Hier seine Hitliste der gefürchteten Tiere:

1. Luises Wachteln: Solange sie sich im Käfig befinden, kann er mit ihnen leben, aber wehe, wenn sie losgelassen. Erstaunlich, dass sein Geschrei noch nie einen Grosswildjäger angelockt hat, denn bei diesem Getue würde man zumindest einen Tiger oder einen brüllenden Löwen vermuten.

2. Zimmermann, in Deutschland Weberknecht genannt: Egal ob tot oder lebendig, solange einer im Badezimmer ist, geht das Prinzchen weder aufs WC noch in die Badewanne. Ihr wisst ja gar nicht, wie gefährlich die sind…

3. Spinnen: Noch viel gefährlicher als Weberknechte. Hat er eine gesichtet, wagt er sich drei Tage lang nicht mehr zu der Stelle der unliebsamen Begegnung.

4. Feuerwanzen: Neu auf der Hitliste und gleich auf Platz vier! Der Anblick einer einzigen hat gereicht, damit das Prinzchen bei schönstem Wetter nicht mehr in den Garten gehen mag. Auch Leone & Henrietta müssen drinnen bleiben, wenn die schrecklichen Monster im Garten ihr Unwesen treiben. Das Prinzchen schützt seine geliebten Katzen heldenhaft vor den fiesen Biestern, indem er sie nicht mehr aus dem Haus lässt, so laut sie auch miauen mögen.

5. Fliegen: Okay, die sind wirklich eklig, aber gleich in Tränen ausbrechen, bloss weil eine ihre Runden um die Deckenlampe dreht?

6. Ameisen: Ich weiss nicht, ob er schon je eine aus der Nähe gesehen hat, aber allein der Gedanke an ihre Existenz ist für den armen Kleinen kaum zu ertragen.

7. Motten: Auch hier teile ich die Meinung unseres Jüngsten, dass die Biester im Haus nichts verloren haben. Aber man kann es mit der Abneigung auch übertreiben.

8. Alles, was vor dem Fenster kreucht und fleucht: Kein noch so leichter Flügelschlag entgeht dem Prinzchen und er beruhigt sich erst wieder, wenn ich ihm a) beweisen kann, dass das Tier draussen und er drinnen ist und b) wenn ich ihm den Namen dessen, der ihn so erschreckt hat, nennen kann.

Brandneu und ausser Konkurrenz, weil so unbeschreiblich eklig: Die Kröte, die „Meiner“ und Karlsson heute vor dem sicheren Tod auf der Schulhaustreppe gerettet haben. Okay, ich hätte auch darauf verzichten können, dass sie das Tier ins Schlafzimmer bringen, bevor sie es in die freie Natur aussetzen. Aber ich habe immerhin nicht geheult und gezittert, nachdem ich mich aufs Bett geflüchtet hatte. Das Prinzchen hingegen steigerte sich in eine derartige Panik hinein, dass ich nicht anders konnte, als zu schreien: „Schafft das Tier hinaus, aber schnell! Ich will es nicht in meinem Schlafzimmer haben!“. Fragt sich nur, wer von der Begegnung das grössere Trauma davongetragen hat, das Prinzchen oder die arme Kröte…

(Nein, das hier ist nicht die Kröte, von der gibt’s kein Bild.)