Farbwahl

Dass sich an einem kalten, regnerischen Novembertag die Menschen nach einem umdrehen, wenn man von Kopf bis Fuss in Rosa daherkommt, kann ich verstehen. Dass andere bunt Bekleidete einem für die Farbwahl Komplimente machen, freut mich, denn Gleichgesinnte zu treffen ist immer schön. Wenn aber Leute, die sich dem trüben Wetter entsprechend in Grau und Schwarz gehüllt haben, darüber schimpfen, dass wir verklemmten Schweizer nicht farbenfroher daherkommen, dann frage ich mich, wann die zum letzten Mal in den Spiegel geschaut haben.

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Hach, wie rührend

Altern ist neuerdings sexy, haben wir erfahren. Man schickt jetzt gerne weisshaarige Models auf den Laufsteg, fast so klapprig wie die Jungen, aber mit einigen Falten im Gesicht. Der gerührte Betrachter denkt, wie nett es doch ist, dass die Alten nicht mehr aus der Welt der Schönen ausgeschlossen sind. Und der Verkäufer reibt sich die Hände. Ans Portemonnaie der alternden Babyboomers kommt man offenbar am besten ran, indem man ihnen das Gefühl gibt, begehrenswert zu sein.

Was auf dem Laufsteg in ist, flattert schon bald einmal via Katalog ins Haus: Hinreissende ältere Damen, entspannt und elegant. Modische Kleidung, die langen, schlanken Beine frei von Krampfadern, das schlohweisse Haar lang und gepflegt, keine Altersflecken, die Falten eindeutig nur vom Lachen, ganz bestimmt nicht vom Weinen.

Hach, wie muss das Alter schön sein!
Hach, wie ist es bitter, dass nun auch die Siebzigjährigen beim Blick in den Spiegel erkennen müssen, dass sie dem Schönheitsideal nicht genügen!

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Garderobe

Für das Prinzchen bitte nur Kleidung, die wie angegossen passt, auf gar keinen Fall Pullis, die zu lang sind. Bitte auch nicht zu weich. Und schon gar nicht zu warm. Als Aufdruck kommen einzig Bob der Baumeister, Elefanten, Mickey Mouse und kleine Monster in Frage. Die Hose nur mit Knopf und Reissverschluss, Bändel sind streng verboten, zu lange Hosenbeine auch. Und um Gottes Willen keine Socken! Auch nicht in die Gummistiefel.

Der Zoowärter setzt auf cool, am besten Ton in Ton mit weissen Turnschuhen dazu. Wenn ein anderer im Kindergarten das Gleiche hat, ist das eine Auszeichnung, kein Grund, den Pullover im hintersten Winkel des Kleiderschranks zu verstecken. Neu ist immer gut, am liebsten jeden Tag, vom grossen Bruder nachtragen lieber nicht. Dann schon eher die vom kleinen Bruder verschmähten Stücke. Vor allem die gestreifte Kapuzenjacke, die Komplimente anzieht wie ein Magnet.

Rot, neu und einzigartig muss es für den FeuerwehrRitterRömerPiraten sein. Wenn das nicht zu haben ist, dann eben das Gegenteil: abgetragen, ausgefranst und zahnpastabefleckt. Dazu ein trauriges Gesicht, denn der ungepflegte Aufzug ist ein Statement. „Nie bekomme ich etwas Neues. Den anderen bringst du immer schöne Sachen nach Hause, nur mir nicht.“ Das Statement lässt sich mit einem kurzen Wühlen im Wäscheberg leicht widerlegen. Sind die zu Tage beförderten Kleidungsstücke sauber, strahlt einen bald schon ein wie aus dem Ei gepellter Zweitklässler an. Müssen die schönen Sachen zuerst in die Waschmaschine, bleibt das traurige Gesicht. Und wer ist Schuld daran, dass der Wäscheberg den Weg in die Waschmaschine nicht von selbst gefunden hat?

Luises Schrank ist vollgestopft mit Geblümtem, Gerüschtem und Romantischem. Wunderschöne Sachen, die sie unbedingt haben wollte. Sachen, die nicht für den Alltag gedacht sind, auch wenn Luise beim Kauf hoch und heilig versprochen hat, sie zu tragen. Dafür alle drei Tage das gleiche Drama, weil die einzige für den Schulgebrauch zugelassene Kluft in der Wäsche ist. Das Gremium, welches über die Schultauglichkeit der Kleidung befindet, nennt sich „die anderen“ und ist äusserst gnadenlos. Die Höchststrafe nennt sich „Auslachen“ und wird offenbar immer dann angewendet, wenn Luise – oder ein anderes Mädchen – das trägt, was ihr wirklich gefällt.

Für Karlsson ist alles ganz einfach: Bei Temperaturen unter dreissig Grad trägt man Hemd, Krawatte und Jackett, bei Temperaturen über dreissig Grad knielange Hose – vorzugsweise kariert – und unifarbenes T-Shirt. Daran wird nicht gerüttelt. Versucht man es trotzdem, stösst man im besten Fall auf wenig Verständnis, im schlimmsten Fall fliegt die Zimmertür ins Schloss. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, ausser vielleicht dies, dass Karlsson auf unerklärliche Weise immer mal wieder die sauberen Kleider ausgehen. Oft tauchen sie erst wieder auf, nachdem sich „Meiner“ Zugang zu Karlssons Zimmer verschafft hat, um den Wäscheberg aus der Gewalt unseres Ältesten zu befreien.

Sämtliche dieser Kleidervorschriften sind von der Mutter unbedingt zu berücksichtigen und zwar innerhalb der ersten dreissig Minuten des Tages. Wie, hat da jemand gefragt, warum ich selber jeweils kurz vor Mittag noch immer im Pyjama anzutreffen bin?

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Aus alt mach neu

Ich war ja davon ausgegangen, dass das Kapitel der uralten Kirchenlieder für mich abgeschlossen sei. Früher, da sangen wir sie Sonntag für Sonntag, die Alten inbrünstig, die Jungen mit grossem Befremden, weil die antiquierte Sprache nicht so ganz zum modernen Leben passen wollte. Einige von uns weigerten sich, mitzusingen, andere bemühten sich krampfhaft darum, die alten Choräle gegen neueres Liedgut einzutauschen. „Es heisst doch, dass man dem Herrn ein neues Lied singen solle. Das alte Zeug hängt ihm bestimmt zum Hals heraus“, argumentierten wir und einige Jahre später wurde das Kirchengesangbuch tatsächlich immer seltener gebraucht, wir atmeten auf und die  älteren Semester trauerten den guten alten Zeiten nach.

Seither habe ich nur noch sehr selten geistliche Lieder gesungen, die älter sind als fünfzehn Jahre. Bis vor einigen Wochen der FeuerwehrRitterRömerPirat das alte Liedgut entdeckt hat. Und plötzlich singe ich wieder „O Haupt voll Blut und Wunden“, „Schönster Herr Jesus“ und „Welch ein Freund ist unser Jesus“, diesmal nicht aus dem Kirchengesangbuch, sondern aus den Hymnensammlungen im Internet. Ich habe kein Problem damit, meinem Sohn diesen Gefallen zu tun, denn inzwischen befinde ich mich ja nicht mehr im Kampf für eine musikalische Erneuerung des Kirchengesangs. Ich kann sogar gestehen, dass nicht alles, was wir damals singen mussten, hässlich ist. Nun ja, „Auf Brüder, glauben heisst siegen“ wird wohl nie mein Lieblingslied und ich werde es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten auch nie vorsingen, aus Angst, dass es sein neues Lieblingsslied werden könnte. Aber ich habe mich arrangiert damit, dass unsere Kinder ein unverkrampfteres Verhältnis zu den Dingen haben, die für uns damals so schlimm waren. Was für uns Zwang war, ist für sie eine Stilrichtung von vielen, was für uns zu verstaubt daherkam,  erleben sie als spannende Ergänzung zu dem Einheitsbrei, mit dem meine Generation sich oft zufrieden gibt.

Eine leise Angst kommt dennoch auf, wenn die Kleinen so auf die alten Lieder fliegen: Was, wenn sie dabei bleiben, wenn sie in ihren wilden Jahren einen Aufstand machen, so wie wir damals, nur mit dem umgekehrten Ziel, nämlich das Kirchengesangbuch wieder einzuführen? Muss ich dann im Alter wieder die gleichen Lieder singen wie in meiner Jugend? Oder werden sie gnädig sein mit uns und sagen: „Ach kommt, lassen wir heute die Orgel wiedermal weg und nehmen wir das Schlagzeug hervor. Wir können den armen Alten doch nicht alles wegnehmen, was ihnen lieb ist…“

Schluss mit geblümt

Es hätte so perfekt sein können: Luise und ich ganz ohne männliche Begleitung im Kleiderladen, Geblümtes, Zartes und Romantisches in allen Farben und Schnitten, dazu Luise endlich wieder mal blendend gelaunt. Einfach perfekt.

Doch was ist bloss in meine Tochter gefahren? Am weit schwingende Kleidchen in zarten Frühlingsfarben geht sie achtlos vorbei, das T-Shirt mit den applizierten Rosen interessiert sie nicht und auch von den Leggings mit Spitzenabschluss will sie nichts wissen. Sie hat nur Augen für Röhrenjeans und T-Shirts mit kitschigen Aufdrucken. Was sie eben noch so schön fand, ist nicht mehr cool. Was sie vor wenigen Wochen noch lächerlich als lächerlich bezeichnete, ist plötzlich spannend geworden.

Während Luise sich voller Begeisterung durch die Kleiderständer wühlt, stehe ich ziemlich hilflos daneben. Anfangs versuche ich noch, sie für Geblümtes, Zartes und Romantisches zu begeistern, doch irgendwann wird mir klar, dass ich auf verlorenem Posten stehe. Es zählt nicht mehr, was Mama und Tochter jeweils ins Schwärmen versetzte, sondern nur noch, was die anderen in der Klasse auch tragen. Am Ende bleibt mir nur noch die Rolle der Spielverderberin: „Nein, Luise, dieses T-Shirt bekommst du nicht. Das ist ja sowas von billig.“ Zum Glück zeigen wir beide uns kompromissbereit, so dass wir unsere Zeit zu zweit trotz Differenzen in der Frage nach dem perfekten Stil geniessen können.

Nur diese leise Wehmut, die mich da im Laden gepackt hat, die will mich einfach nicht mehr loslassen.

Altern mit Stil

Jetzt hat also auch „Meiner“ sich zum langsamen Altern entschlossen. Eben noch war ich seinem Spott ausgesetzt, weil ich mit meinen 36 Stunden mehr auf dem Buckel einfach viel schneller altere als er, aber ab heute ist fertig gespottet. „Meiner“ sieht nicht mehr ganz klar, eine Brille muss her. Für die meisten Männer wäre das wohl kein Problem. Rein ins Optikergeschäft, fünf Minuten umschauen, fragen, was momentan gerade so in ist und dann ist die Brille gekauft. „Meiner“ ist da anders. Er geht zum Optiker und verlangt das Unmögliche: Eine farbige Brille. Denn wenn er schon altert, dann in Farbe.

„Farbig“, das heisst für „Meinen“ hellgrün oder hellblau, vielleicht auch etwas Rötliches. „Farbig“, das heisst für den Optiker taubenblau, hellgrau und vielleicht noch dunkelbraun. Und so kam ein sehr enttäuschter „Meiner“ mit einer Auswahl an taubenblauen, hellgrauen und dunkelbraunen Brillengestellen nach Hause. Auch ja, ein transparentes Gestell hatte er auch noch dabei. Da hatte „Meiner“ über Jahre verkündet, wenn die Haare auf dem Kopf sich lichten würden und er mal eine Brille brauche, dann werde er sich ein ganz cooles Modell anschaffen und jetzt hat er die Wahl zwischen „ganz hübsch“, „geht so“ und „zum Gähnen langweilig“.

Im Grunde genommen müsste „Meiner“ mir leid tun. Ist ja wirklich nicht lustig, wenn man nicht die Brille bekommen kann, die man sich seit vielen Jahren vorgestellt hat. Mein Mitleid hält sich dennoch in Grenzen. Als ich mir nämlich kurz vor ihm eine Brille zulegte – meine 36 Stunden Altersvorsprung machten sich auch hier bemerkbar – hat er sich ganz schrecklich darüber aufgeregt, dass ich kein ausgefalleneres Modell ausgesucht habe. „Violett mit eingestanzten Blättchen – so öde!“, spottete er und natürlich glaubte er mir nicht, als ich ihm sagte, das sei das Originellste gewesen, was ich hätte finden können. Jetzt wird er wohl oder übel schweigen müssen. Und falls er nicht schweigt, werde ich einfach zurückschnöden: „Dunkelbraun mit taubenblauem Rand – kannst du nicht mit etwas mehr Stil altern?“

Einkauf mit Karlsson

Mama Venditti: „Karlsson, du brauchst eine neue Frühlingsjacke. Es ist zu warm für die Winterjacke. Komm, wir schauen mal in dem Geschäft dort drüben, ob wir etwas finden.“

Karlsson: „Okay, aber ich will einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock? Aber Karlsson, du weisst doch, dass man so etwas bei C&A nicht bekommt.“

Karlsson: „Ich möchte aber trotzdem einen Gehrock.“

Mama Venditti: „Einen Gehrock finden wir hier nicht, aber vielleicht hat’s ja sonst etwas Schönes.“

Karlsson brummt irgend etwas Unverständliches vor sich hin. Es klingt verdächtig nach „Die haben ja keinen Stil mehr heutzutage…“ Mama und Karlsson steuern auf die Ständer mit den Jacken zu, doch plötzlich verschwindet Karlsson hinter einem Regal.

Karlsson: „Mama, komm mal her! Hier haben sie Anzüge! Schau mal, wie schön die sind.“

Mama kämpft sich mit dem Kinderwagen an den Kleiderständern vorbei, um zu Karlsson zu gelangen. Sie findet ihn tatsächlich bei den Anzügen. Ach ja, ist ja bald wieder Zeit für die Konfirmationen. Darum haben die Anzüge hier. Aber natürlich keine Gehröcke, was aber Karlsson ziemlich egal ist.

Karlsson, sehnsüchtig: „Sind die nicht wunderschön?“

Mama Venditti: „Doch Karlsson, natürlich die sind wunderschön. Aber schau mal, so ein Anzug kostet fast zweihundert Franken. Das ist einfach zu viel für etwas, was du kaum je wirst tragen können. Komm, wir suchen jetzt nach einer Frühlingsjacke.“

Karlsson folgt seiner Mama widerwillig und schimpft: „Aber glaub mir, ich nehme nichts Hässliches. Und hier sehe ich nur Hässliches.“

Mama Venditti: „Wie wär’s mit dieser Blauen? Die ist doch nicht schlecht.“

Karlsson: „So etwas willst du mir andrehen? Aber die hat ja überhaupt keinen Stil. Glaub mir, hier finde ich nichts.“

Mama Venditti schaut sich weiter im Laden um. Irgend etwas muss es hier doch haben für ihren Ältesten. Gut, die Schwarze mit dem weissen Aufdruck wird er ganz bestimmt nicht nehmen. Und die Olivgrüne erst recht nicht. Aber vielleicht die Rote? Nein, die will er auch nicht. Da, als sie schon fast die Hoffnung aufgeben will, fällt ihr Blick auf ein Regal in der hintersten Ecke des Geschäfts.

Mama Venditti: „Schau, Karlsson, dort hinten hat es Krawatten! Wenn du dich für eine der Jacken hier entscheidest, kaufe ich dir eine Krawatte, versprochen.“

Karlsson eilt zum nächstbesten Ständer, schnappt sich die rote Windjacke, die er Momente zuvor noch verschmäht hatte und verkündet: „Die nehme ich. Kannst du sie schnell halten für mich, damit ich mir eine Krawatte aussuchen kann?“

Während Karlsson seine Krawatte auswählt, steht Mama Venditti da und erinnert sich an die Karikatur, die sie in ihrer Kindheit stets als irrwitzig empfunden hatte: Die Eltern, zwei Punks mit Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln im Ohr, tadeln ihren Sohn, der in Anzug und Krawatte vor ihnen steht: „So gehst du uns nicht aus dem Haus!“ Gut, Mama Venditti ist zwar kein Punk. Dennoch erkennt sie sich beinahe in den Eltern aus der Karikatur wieder, denn mit der bürgerlichen Bänklerkluft hat sie ihre liebe Mühe. Aber was soll’s? Die jungen Menschen müssen sich eben austoben. Zum Glück weiss Mama Venditti, dass ihr Sohn eher auf Barock denn auf Bänkler steht und darum weiss sie, dass er die Kurve kriegen wird. Auch wenn es vielleicht schmerzhaft sein wird, wenn er dabei den Umweg über Anzug und Krawatte machen muss…


Nichts anzuziehen

Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich habe ich eine Ähnlichkeit zwischen dem Zoowärter und mir entdeckt. Der Junge ist nämlich seinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten und auch in seiner Art scheint er wenig von mir mitbekommen zu haben. Hin und wieder habe ich mir schon Sorgen gemacht, ob ich meinem Zweitjüngsten je etwas werde abschlagen können, wenn er erst mal gross ist. Wo ich doch schon dem Charme seines Vaters nicht habe widerstehen können. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es eine Art Mutterschaftstest gibt, damit ich mir auch ganz sicher sein kann, dass er von mir ist. Seit diesem Sommer aber gibt es gar keinen Zweifel mehr: Ich bin des Zoowärters Mutter, genauso sicher wie „Meiner“ des Zoowärters Vater ist.

Der Beweis meiner Mutterschaft liegt im Kleiderschrank. Genauer gesagt würde er im Kleiderschrank liegen, wenn denn nicht der Zoowärter meine blöde Angewohnheit geerbt hätte, stets in den gleichen Klamotten rumzulaufen. Kaum ist das Zeug trocken, hat er sie schon wieder am Leib. Wenn er denn überhaupt warten mag, bis die Dinger trocken sind. Zuweilen zieht er sie auch nass an, Hauptsache, er kann seine Lieblingskleider tragen. Genau wie ich also. Einzig im Stil unterscheiden wir uns geringfügig. Während ich abwechsle zwischen bodenlangem Hippie-Rock, Schlabberjeans mit geblümter Bluse, wild gemustertem Sommerkleid und pinkfarbener Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, sind es beim Zoowärter die Fussballtrikots, die er seit der Fussball-WM abwechselnd trägt. Heute Italien, morgen Schweiz, übermorgen Brasilien, dann wieder zwei Tage Italien, Schweiz, etc. Meist begrüsst er mich morgens noch bevor er richtig wach ist mit der Frage „Ist mein Italien T-Shirt schon trocken?“ Ich glaube, ich habe ihn seit drei Monaten nie mehr ohne Fussball-Shirt gesehen. Und ich glaube, mich hat man seit ebenfalls drei Monaten nie mehr ohne eine der oben genannten Kombinationen gesehen.

Zwei Unterschiede gibt es allerdings auch in Sachen Kleidung. Während es wohl kaum ein stilloseres Kleidungsstück gibt als ein Fussball-Trikot, lege ich viel Wert auf Stil. Gut, „Meiner“ findet dennoch, er könne das Zeug langsam nicht mehr sehen, wann ich mir denn endlich neue Kleider zulegen würde. Aber trotzdem: Rosa geblümt ist doch eindeutig schöner als rot mit Schweizerkreuz, nicht wahr? Der andere Unterschied liegt in der Auswahl. Während nämlich der Zoowärter auf eine Unmenge wunderschöner T-Shirts zurückgreifen könnte – mit Walen, mit Tigern, mit bunten Streifen, mit Giraffen und sogar eins oder zwei mit Bob the Builder – trage ich stets die gleichen Fetzen, weil ich eben nicht anderes habe. Denn trotz aller Ähnlichkeit in Sachen Kleidern, in den Chromosomen unterscheiden wir uns eben ganz grundlegend, der Zoowärter und ich. Und da bin ich als Frau nun mal dazu verdammt, nichts zum Anziehen zu haben. Während der Zoowärter eigentlich anders könnte, wenn er denn wollte

Begegnung

Neulich hatte ich nichts mehr anzuziehen. Und zwar nicht so, dass ich vor dem vollen Schrank stand und mit nichts zufrieden war, sondern so, dass alles entweder zu eng, zu weit, zu lang, zu kurz, zu löchrig oder zu abgetragen war. In der Verzweiflung griff ich zu den einzigen Kleidern, die irgendwie noch passten: Ein magentafarbener Rock mit orangefarbenem Abschluss, dazu eine knallbunt gemusterte Bluse, hauptsächlich in Violett und Orange gehalten und eine pinkfarbene Strumpfhose. Ich schlüpfte in die Kleider und plötzlich sah ich im Spiegel nicht mehr mich, sondern mich.

Zuerst war ich ein wenig baff ob meines Anblicks, doch als ich die Fassung wieder erlangt hatte, fragte ich mich mit leisem Vorwurf in der Stimme: „Wo hast du all die Jahre bloss gesteckt? Ich habe dich bestimmt seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen.“ „Und das verwundert dich?“, fragte ich ziemlich eingeschnappt zurück und fuhr dann, ohne eine Antwort von mir zu erwarten, fort: „Das war ja nicht mehr auszuhalten mit dir. Du hast das Versprechen gebrochen. Du bist nicht die, die ich sein wollte.“ „Versprechen? Welche Versprechen denn?“, wollte ich wissen. „Erinnerst du dich vielleicht noch an die Zeit, als es mein ganz grosser Stolz war, dass in meinem Schrank kein einziges schwarzes Kleidungsstück hing? Und an das Versprechen, dass es auch so bleiben würde. Auch dann, wenn ich Hausfrau und Mutter sein würde? Und was ist daraus geworden? Hä? Dein Schrank quillt über vor braunen Pullovern, schwarzen Hosen und dunkelblauen T-Shirts. Ja, du hast sogar einen schwarzen Mantel.“Der ist grau“, warf ich zu meiner Verteidigung ein. „Grau? Noch schlimmer! Du weisst genau, was ich von Grau halte“, entrüstete ich michIch errötete. Ja, ich hatte Recht, es war anders gewesen, damals, als ich noch jung und idealistisch war. Doch auch wenn ich die Wahrheit sagte, es war dennoch nicht fair von mir, dass ich mir solche Vorwürfe machte und deshalb verteidigte ich mich mit ziemlich weinerlicher Stimme: „Du weisst ja gar nicht, was ich durchgemacht habe in den letzten Jahren. Endloser Stress, keine Zeit für mich, finanzielle Engpässe, Depression, Hausfrauenfrust,Glaubenskrisen …“

„Halt!“, schrie ich und stopfte mir die Finger in die Ohren. „Ich mag dein Gejammer nicht mehr hören. Natürlich hattest du es nicht immer leicht in den vergangenen Jahren. Aber musst du dich denn deswegen gleich derartig gehen lassen, dass man dir die frustrierte Hausfrau schon aus zehn Kilometern Distanz ansieht? Und das, was man von aussen sieht, spiegelt nur das wider, was in dir steckt: Eine Frau, die sich selber verloren hat.“ Das sass. „Mag ja sein, dass du Recht hast“, gab ich etwas kleinlaut zu. „Aber es war wirklich nicht immer einfach, ich zu sein, während so Vieles anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Und ich habe mir in den vergangenen Monaten wirklich Mühe gegeben, wieder mehr ich zu werden.“ „Darum bin ich ja zurückgekommen“, sagte ich. „Komm, wir gehen Shoppen!“. Ich zog mich zum Computer, loggte uns bei La Redoute ein und bestellte grüne Strumpfhosen, einen knallroten Mantel, violette Hosen, und orangefarbene Unterwäsche.

„So gefällst du mir schon besser“, sagte ich zu mir, als heute Morgen die Kleider geliefert wurden. „Wenn du es jetzt auch noch schaffst, das Innere mit den Äusseren abzustimmen, dann passen ich und du wieder zusammen. Dann bist du wieder ich und ich erkenne mich in dir wieder.“

Das Ganze war ein wenig verwirrend, aber ich glaube, die Begegnung mit mir hat mir gut getan.

Wiedersehen mit meinem Tussischuh

Meine allertreusten Leserinnen und Leser erinnern sich bestimmt noch an meine Tussischuhe, die ich mir im Frühjahr in einem Anflug von Identitätskrise geleistet hatte. Und vielleicht entsinnt sich der eine oder die andere gar noch der Umstände, unter denen mir diese Schuhe wieder abhanden gekommen waren. Für alle anderen sei es hier kurz erwähnt: Als mich meine Familie mal wieder in den Wahnsinn trieb, kickte ich die Schuhe in hohem Bogen von meinen Füssen. Der eine davon fand sich in Nachbars Garten wieder, der andere blieb verschollen.

Bis heute Morgen, als in Nachbars Garten die Gärtner aufmarschierten und mit lautem Getöse alles kurz und klein schlugen, was die Idylle stört. Und dabei kam auch mein rechter Tussischuh wieder zum Vorschein. Ich erkannte ihn sofort wieder, als ich mit dem Prinzchen unter dem Arm und dem Zoowärter an der Hand vorbeihastete. Und doch tat ich so, als gehe mich das alles nichts an. Die Gärtner schauten mich schon scheel an, weil ich mitten im Winter an ihnen vorbeistöckelte, da wollte ich mich nicht auch noch damit blamieren, dass ich meinen verschollenen Schuh zurückforderte. Da ich den linken Tussischuh bereits weggeschmissen habe, brauchte ich mich ja nicht weiter darum zu kümmern. Sollten doch die Gärtner das Ding entsorgen.

Damit aber gab sich Luise nicht zufrieden. Todesmutig kletterte sie, als die Gärtner Mittagspause hielten, über Nachbars Gartenzaun und rettete meinen Schuh. Und so bekommen meine geschätzten Lesereinnen und Leser das abscheuliche Ding doch noch zu Gesicht, bevor ich diese leidige Angelegenheit endgültig hinter mir lasse: