Nach den Ferien ist vor den Ferien

Man nimmt es sich ja jedes Mal vor, wenn man wegfährt: Nach der Rückkehr wird man sich nicht sogleich wieder vom Alltag mitreissen lassen. Nein, diesmal ganz bestimmt nicht. Man wird die guten Gewohnheiten, die man in der freien Zeit ausgiebig gepflegt hat – alle zwei Stunden einen Tee oder einen Kaffee trinken, das Schöne bewundern, den Gedanken nachhängen – ins ganz gewöhnliche Leben mitnehmen. Man wird sich nicht mehr so leicht hetzen lassen, man wird mit den Kindern geduldiger sein, man wird das Telefon auch mal einfach klingeln lassen, weil man in den Ferien gemerkt hat, dass es auch ohne ständige Erreichbarkeit geht. Ja, so wird man das machen.

Und dann kommt man zu Hause an und alles ist wieder wie immer. Allein das Auspacken der Koffer verursacht ein derartiges Chaos, dass man gar nicht anders kann als aufzuräumen. Dann sind da natürlich auch noch die Wäscheberge und all die Anrufe, die man während der Abwesenheit nicht hat entgegennehmen können. Spätestens nach einem Tag sind die neuen, guten Gewohnheiten wieder verschwunden, die alten, schlechten wieder da: Den Tee kalt werden lassen, weil man nur noch ganz kurz eine Mail beantworten will, den Fussboden fegen und den Tisch abräumen muss, bevor man sich so richtig entspannen kann. Die Kinder anschnauzen, obschon man sie doch eben noch so sehr vermisst hat. Irgendwann zwischen Telefonaten, Windeln wechseln und Essen einkaufen noch kurz irgend etwas in sich hineinschlingen, damit man wieder genügend Treibstoff für die nächste Runde hat. Nichts da mit genüsslichem Essen, mit bewusster Entspannung, mit Zeit zum Nachdenken. Man ist wieder da, mitten drin im Alltag, der niemals ruht.

So ist es jedes Mal und es gibt nur eines, was sich dagegen tun lässt: Den letzten Rest an neu gewonnenem Idealismus in das Organisieren der nächsten Ferien investieren. Wenn sich die Ferienstimmung nicht konservieren lässt, muss man sich eben hin und wieder eine frische Portion holen.

Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Was ist hier falsch?

Dialog zwischen Mama Venditti und Karlsson, November 2010

Karlsson: „Kaum zu glauben, dass schon wieder Weihnachten ist. Das Jahr hat doch eben erst angefangen.“

Mama starrt ihr Kind mit offenem Mund an und meint, sie hätte sich verhört. Noch ehe sie etwas sagen kann, fährt Karlsson fort:

„Mama, findest du es nicht völlig verrückt, wie schnell die Zeit vergeht? Mir kommt es vor, als hätten wir den Tannenbaum eben erst weggeräumt und jetzt kaufen wir schon bald einen Neuen.“

Mama schaut ihren Ältesten nachdenklich an und sagt: „Als ich ein Kind war, hatte ich immer das Gefühl, ein Jahr würde eine halbe Ewigkeit dauern.“

Karlsson, ebenfalls nachdenklich, meint: „Ja, so war das bei mir auch, als ich noch klein war. Aber jetzt vergeht die Zeit wie im Fluge.“

Schrecklich, die Jugend von heute! Zu meinen Zeiten galt es noch nicht als jugendfrei, darüber zu jammern, dass die Zeit zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern.

Und dann noch ein Gespräch, das mir in den letzten Wochen zu Denken gegeben hat

Dialog zwischen Mama Venditti und Luise, kurz bevor der Blinddarm raus musste:

Mama: „Du siehst so besorgt aus. Hast du Angst vor der Operation?“

Ein leicht spöttisches Lächeln huscht über das Gesicht des Kindes. „Aber Mama, ich habe doch keine Angst vor der Operation. Am liebsten möchte ich wach bleiben, damit ich alles mitkriege.“ Dann wird das Kind wieder ganz ernst: „Aber ich habe Angst wegen der Schule. Ich kann doch nicht so lange fehlen, sonst verpasse ich so viel und das muss ich dann alles wieder nachholen. Und die Lehrerin hat doch gesagt…“

Mama unterbricht Luise: „Jetzt mach dir mal keine Gedanken um die Schule. Das Wichtigste ist, dass du jetzt wieder gesund wirst. Alles andere hat Zeit…“

Luise: „Aber ich werde so viel nachholen müssen…“

Noch einmal die Jugend von heute. Zu meinen Zeiten durfte man sich frühestens dann, wenn es so langsam Richtung Berufswahl ging, Sorgen über verpassten Schulstoff machen. Aber wer weiss, vielleicht machen die ja schon in der zweiten Klasse einen ersten Test für die Berufswahl…

Warum?

Warum muss Geschirrspüler Nummer zwei, der bis anhin nun wirklich nicht allzu arg gefordert war, ausgerechnet dann den Geist aufgeben, wenn Geschirrspüler Nummer eins eine schwere Krise durchmacht?

Warum können Monteure für Haushaltgeräte immer „erst am Mittwoch“ kommen? Arbeiten die an anderen Wochentagen nicht?

Warum muss „Meiner“, der bis heute früh den Haushalt halbwegs hat managen können, ausgerechnet dann krank werden, wenn ich feststellen muss, dass ich auch nach dem zweiten Tag im Bett noch nicht gesund genug bin, um morgen den Laden wieder zu schmeissen?

Warum müssen die Käfer, die uns im Herbst gemieden haben, ausgerechnet dann angreifen, wenn wir mal ein paar gemütliche Familientage geniessen könnten?

Warum quäle ich mich ausgerechnet dann, wenn das reale Leben ohnehin schon nervtötend ist, durch die fiktiven aber deswegen nicht minder deprimierenden Tagebücher des Adrian Mole?

Warum kommt der ganze Mist nicht schön dosiert, sondern immer als ganze Ladung auf einmal?

Warum bekommt man das Leben nicht mit einem hübschen roten Knopf – er darf von mir aus auch rosa oder gelb sein – geliefert, den man drücken kann, wenn man die irre Achterbahnfahrt mal für einen Moment lang anhalten möchte, um sich ein wenig Erholung zu gönnen?

Warum sind wir Erwachsenen so blöd, dass wir uns Erholung nur noch in Form von Kranksein gönnen?

Warum muss ich mich jetzt auch noch fragen, ob ich am Ende die einzige bin, die so blöd ist, oder ob auch andere sich immer bis zum Umfallen abmühen?

Warum kann ich an einem Tag wie heute nicht ausnahmsweise mal meine Klappe halten und still und leise vor mich hin jammern?

 

Nicht lernfähig?

An gewissen Tagen zweifle ich, ob ich je lernen werde, was das Leben mir so gerne beibringen will. Zum Beispiel an Tagen wie heute, an denen man von morgens um sieben bis abends um halb neun pausenlos auf Achse ist. Tage, an denen man abends um halb neun mit leerem Blick auf das schmutzige Geschirr starrt, das auch noch weg sollte. Tage, an denen man gar nicht erst daran denken darf, dass da auch noch die Wäsche wartet. Tage voller Versagen – ich hatte doch geglaubt, ich hätte mir das Herumbrüllen abgewöhnt – Tage voller Ärger über Dinge, die es nicht Wert sind, Tage, die man sich selber schwer gemacht hat, weil man mal wieder zu allzu vielen Dingen ja gesagt hat.

Tage wie heute lassen mich ernsthaft daran zweifeln, ob ich es je ganz schaffen werde, über den Berg zu kommen. Sie bringen mich zum Grübeln darüber, ob es denn wirklich einen Unterschied macht, wenn man sich nicht mehr aus Angst, sondern aus Leidenschaft verausgabt. Stimmt es, dass das, was man mit Begeisterung tut, einem soviel zurückgibt, dass man nicht ausbrennt? Oder redet man sich dies alles bloss ein, weil man zu feige ist, endlich zu lernen, nicht stets an der Belastungsgrenze zu leben?

Heute Abend habe ich auf all diese Fragen noch viel weniger eine Antwort als sonst. Dafür aber weiss ich, das die Küche noch aufgeräumt, die Wäsche noch aufgehängt und die Weihnachtsgeschenke noch verpackt werden müssen. Ist doch gut, immerhin weiss ich noch, was ich zu tun habe. Wo ich schon nicht weiss, ob ich mich mal wieder verrannt habe.

Sonntagnachmittag

Waren sie nicht furchtbar langweilig, unsere Eltern, wenn sie sonntags nichts weiter tun wollten als schlafen, essen und vielleicht noch ein wenig lesen? Da mochte man noch so sehr betteln, sie möchten sich zu einem Ausflug in den Zoo aufraffen, ein Eis essen kommen oder vielleicht draussen mit den Kindern ums Haus jagen, aber für all dies hatten sie nur ein Gähnen und ein deutliches Nein übrig. So sie denn überhaupt reagierten. Denn meist schliefen sie schon tief und fest, ehe man nur die Chance gehabt hätte, mit den zähen Verhandlungen um das Sonntagnachmittagsprogramm zu beginnen. Wie konnten diese Erwachsenen bloss so langweilig sein? Das bisschen Arbeit, das sie wochentags zu bewältigen hatten, konnte doch nicht dermassen anstrengend sein, dass man sonntags nur noch ausgelaugt auf dem Sofa lag. Aber die Erwachsenen sahen dies anders und deshalb blieb den Kindern nichts anderes übrig, als die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Waren sie nicht furchtbar lustig, diese Sonntagnachmittage ganz ohne Einmischung der Eltern? Diese endlosen Stunden, während derer man tun und lassen konnte, was man wollte? Zum Beispiel alle Arten von Kräutern sammeln und über dem offenen Feuer – zum Glück waren die grossen Brüder Pfadfinder und wussten, wie man so etwas macht – einen Tee brauen. Oder unter der Regie der ältesten Schwester ganze Theaterstücke einüben, die man den Eltern, wenn sie endlich mal wach waren, voller Stolz vorführte. Oder heimlich den Kühlschrank plündern, weil man glaubte, die Eltern bekämen nichts mit davon, weil sie ohnehin zu tief schliefen. Aber sonderbarerweise bekamen sie solche Dinge immer mit, auch wenn alles andere nicht durch ihre bleierne Müdigkeit dringen konnte. Am Ende hatte man an einem solchen Nachmittag so viel Spass, dass man froh war, dass die Eltern sich nicht hatten aufraffen können, irgend ein Programm durchzuziehen. In der verklärten Erinnerung sind jene Sonntagnachmittage die schönsten Stunden einer Kindheit, die ohnehin viel besser, fröhlicher, unbeschwerter und sonniger war.

Wie bei so vielen Dingen im Leben geht es auch beim Sonntagnachmittag darum, aus welcher Perspektive man ihn anschaut. Die Kinder, die damals die Erwachsenen so furchtbar öde fanden, sind heute selber erwachsen und wissen, wie sehr einem die ganze Verantwortung, die man damals noch nicht zu tragen hatte, zu schaffen machen kann. So sehr, dass sie heute diejenigen sind, die nur einen tiefen Seufzer von sich geben, wenn die Kinder fragen, ob man nicht mal wieder schlitteln gehen könnte. Sie sehnen sich nach den unbeschwerten Stunden von damals und erkennen nicht, dass sie einen Hauch davon wieder haben könnten, wenn sie mit ihren Kindern auf dem Schlitten sässen und ihnen der kalte Wind um die Ohren bliese. Sie glauben, ihre Kindheit damals sei viel schöner gewesen als diejenige der Kinder heute und sehen dabei nicht, dass die heutigen Kinder sich den Spass nicht nehmen lassen, auch wenn auf den Strassen mehr Autos fahren, die Spielsachen nicht mehr so stilvoll sind und die Wiese rund ums Haus leider nicht mehr so gross ist wie diejenige, die das eigene Elternhaus umgab. Die Welt, die in unseren Augen so schrecklich ist, erscheint in den Augen der Kinder noch so wunderbar, wie sie wohl einst mal war.

Die Kinder, die heute Kinder sind, schütteln genauso verständnislos die Köpfe ob der erwachsenen Trägheit und wissen noch nicht, dass in nicht allzu vielen Jahren sie diejenigen sein werden, die ihren Allerwertesten nicht mehr hochkriegen, um ein wenig Spass zu haben. Sie wissen auch nicht, dass die Erwachsenen schon wollten, wenn sie denn noch könnten. Sie wissen nicht, dass sich ihre Eltern ein schlechtes Gewissen machen, weil sie sich vom Alltagsstress so sehr vereinnahmen lassen, dass sie sonntagnachmittags nur noch ausspannen mögen. Und schon gar nicht wissen sie, dass ihre heimlichen Raubzüge durch die Vorratskammer, ihre fantasievollen Geschichten, die sich erst so richtig entspinnen können, wenn sich die Kinder frei von elterlicher Kontrolle fühlen, ihre chaotischen Experimente und was sie sonst noch an so einem Nachmittag anstellen mögen, den elterlichen Augen nicht verborgen bleiben.

Denn so ist das nun mal mit uns Eltern: Wir mögen zwar schlafen, aber wir wissen, dass wir auch im Schlaf die Verantwortung nie ganz abgeben und darum kriegen wir fast alles mit, auch wenn wir die Augen fest geschlossen haben.

Akku leer

So gegen Weihnachten ist es meistens so, dass der Akku unserer Kinder leer ist. Nun gut, der Akku von uns Eltern ist auch leer, aber darüber will ich heute ausnahmsweise nicht jammern, auch wenn ich schon könnte, wenn ich wollte. Aber reden wir über den Akku unserer Kinder. Bei Karlsson merkt man es meistens daran, dass er vermehrt kränklich wird und irgendwann im Bett landet. Auch Luise möchte im Bett bleiben, allerdings nicht, weil sie krank wäre, sondern weil sie es draussen einfach zu kalt, zu ungemütlich und zu blöd findet. Dementsprechend schlecht ist ihre Laune, wenn die Energie langsam abnimmt. Der Zoowärter kommt morgens schon gar nicht mehr vor zehn Uhr aus dem Bett und einzig das Prinzchen tut so, als hätte die Energie nie ein Ende. Egal, ob Sommer oder Winter, Morgen oder Abend, warm oder kalt, der kleine Mensch hüpft durchs Leben, als gebe es nichts Schöneres und damit hat er wohl auch Recht.

Ja, und dann ist da noch der FeuerwehrRitterRömerPirat. Das Kind, das noch kaum mal krank war. Bis auf eine Mittelohrentzündung im zarten Alter von sechs Monaten, die er mit solch stoischer Ruhe über sich ergehen liess, dass ich sie erst bemerkte, als ihm der Eiter schon aus dem Ohr floss – ich hatte wohl zu kinderlosen Zeiten allzu laut verkündet, meinem Kind würde so etwas nie passieren – war das Kind meistens kerngesund. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat müde ist, ist auch nicht störrischer als gewöhnlich. Wie sollte er auch, wo er doch auch an gewöhnlichen Tagen bocken kann wie kein Zweiter? Und schlafen tut er auch nicht viel mehr.

Nein, wenn der Akku des FeuerwehrRitterRömerPiraten sich leert, dann wird der heldenhafte Kämpfer plötzlich butterweich und zart. Dass es mal wieder soweit ist, hätte mir gestern Abend schon auffallen können. Da sassen wir alle wie gebannt vor dem Bildschirm und genossen das Happy Ending der Emma-Verfilmung. Je romantischer es wurde, umso näher rückte unser Dritter zu mir und schliesslich sass er auf meinem Schoss. „Findest du den Film nicht langweilig“, fragte ich mein Kind, das gewöhnlich für „Wickie und die starken Männer“ schwärmt. „Nein Mama“, sagte er verträumt. „Ich mag eben nicht nur wilde Sachen.“

Heute Morgen dann, als es eigentlich Zeit gewesen wäre, in den Kindergarten zu gehen, kam er wieder zu mir auf den Schoss gekrochen. Ich glaube, wenn er einen Weg gefunden hätte, wäre er zurück in meinen Bauch geschlüpft. Da sass er und machte keinerlei Anstalten, sich ausgehfertig zu machen. Gewöhnlich spiele ich ja Tag für Tag den Drachen und kommandiere das arme Kind aus dem Haus, weil das Gesetz das einfach so vorschreibt, ob es ihm nun passt oder nicht. Heute aber war mir klar, dass er gar nicht gehen konnte, nicht, weil er krank war oder weil ihm etwas im Kindergarten nicht passte, sondern einfach, weil sein Akku leer war. Und ich glaube, es war nicht nur der Energie-Akku, der am unteren Limit angelangt war, es war auch der Mama-liebt -mich-über-alles-Akku, der ganz dringend mal wieder geladen werden musste.

So liess ich ihn eben gewähren, meinen liebesbedürftigen, übermüdeten FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wie wir so endlos lange bei Kerzenschein auf dem Sofa sassen, spürte ich, wie der Akku sich langsam wieder füllte. Und zwar nicht nur derjenige meines Sohnes.

Reden wir mal über Geld

Okay, ich weiss, das Thema ist hoch unanständig und ich würde mich nicht darüber wundern, wenn ich den einen oder anderen Leser verliere, weil ich über solche Schweinereien schreibe. Aber nachdem sich in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen zum Thema „Armut in der reichen Schweiz“ und „Working Poor“ wieder häufen und sich zudem zum  Jahresende die Rechnungen bei uns türmen, komme ich nicht umhin, mich mal wieder mit den schmutzigen Geheimnissen unseres Lebens zu befassen.

Vergleicht man den Lebensstandard von uns Schweizern mit dem Lebensstandard eines Grossteils der Weltbevölkerung, dann muss man gestehen, dass hierzulande wohl kaum einer weiss, was es bedeutet, richtig arm zu sein. Also arm im Sinne von kein Dach über dem Kopf, keine warmen Kleider, keine Gewissheit, ob man morgen wieder etwas zum Essen haben wird. Diese Art von Armut kennen die Wenigsten von uns und wenn unsere Kinder jeweils wissen wollen, ob wir arm oder reich seien, erkläre ich ihnen genau dies: Dass wir, verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten, steinreich sind. Und es stimmt ja auch, wir haben mehr als genug. Ein Haus, Schränke voller Kleider, mehr als genug zu Essen und dann noch sehr viele Dinge, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen können. Zum Beispiel, um nur etwas zu nennen, diesen Computer, in dessen Tasten ich jeweils meine Texte haue. Nein, arm sind wir wirklich nicht.

Und doch gibt es da dieses Gefühl von Ohnmacht, wenn an einem Tag wie heute die Krankenkasse mitteilt, dass sie uns hunderte von Franken an Leistungen zuviel ausbezahlt hätten, die wir nun gefälligst zurückzahlen sollten. Zur gleichen Zeit lassen sie uns wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den wir ab nächstem Jahr zu bezahlen hätten und „Meiner“ und ich schauen uns nur noch schweigend an, weil wir uns fragen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wo wir doch genau wissen, dass die Prämienverbilligung, die uns dabei hilft, die Krankenkassenprämien zu bezahlen, erst im Laufe des nächsten Jahres ausbezahlt wird. Wir wissen auch, dass neben den Krankenkassenrechnungen noch ganz viele weitere Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Rechnungen, die einfach so ins Haus flattern, ohne dass wir einen Einfluss darauf hätten. Weil das Leben in der Schweiz eben etwas kostet. Und zwar ziemlich viel.

So viel, dass wir reichen Leute nicht umhin kommen, uns bei der Fülle an Auslagen, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, zuweilen sehr arm fühlen. Diese Überforderung, sich abzurackern und doch nie genug zu haben, diese Angst vor unvorhergesehenen Auslagen, welche das Ganze Budget aus dem Lot zu bringen drohen, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil der Reichtum, in dem der Durchschnittsschweizer lebt, einen sehr hohen Preis hat, das alles kann einem ganz schön zusetzen. Nein, ich will nicht jammern, zumal man mir sofort den Vorwurf machen würde, wir hätten eben nicht so viele Kinder haben sollen. Ich will dankbar sein für alles, was wir haben, aber zuweilen wünsche ich mir eine Verschnaufpause in dem endlosen, unglaublich kräfteraubenden Spiel von Geld einnehmen und Löcher stopfen. Hin und wieder träume ich von einem Leben, in dem die Angst vor dem finanziellen Abgrund nicht existiert.

Und dann träume ich auch von einem Leben, in dem es nicht als unanständig gilt, über solche Dinge zu reden. Wie viele von uns reichen Schweizern fühlen sich als absolute Versager, weil sie glauben, sie seien die Einzigen, die es einfach nicht schaffen, etwas für Notzeiten auf die Seite zu legen? Wie viele von uns machen sich selber schwere Vorwürfe, wenn ihnen die Monatsabrechnung mal wieder die Tränen in die Augen treibt? Wie viele von uns fürchten sich hin und wieder vor dem Tag, an dem sie den Kindern Winterschuhe kaufen müssen, weil sie nicht wissen, ob bis dahin wieder genug Geld auf dem Konto ist? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, habe ich jeweils das Gefühl, wir seien die Einzigen, denen es so geht. Wenn ich aber die Statistiken anschaue, wird mir bewusst, dass es noch ganz vielen anderen ähnlich gehen wird, dass aber jeder sich schämt, darüber zu reden, weil er glaubt, wenn er sich nur etwas mehr anstrengen würde, sähe es anders aus mit seinen Finanzen

Nein, ich will nicht klagen, denn bei uns ist es am Ende immer irgendwie aufgegangen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber irgendwie kommen wir immer über die Runden. Aber ich wünschte schon, dass ich nicht jeden Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, später wieder bereuen müsste, wenn ich merke, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Rechnung demnächst wieder bei uns eintreffen würde. Und manchmal wünschte ich auch, dass andere Leute offener über die schmutzigen Geheimnisse in ihrem Leben reden würden. Damit wir uns nicht immer wie die einzigen Deppen in unserem reichen Land fühlen müssen.

Arbeit frisst Leben

Vor einiger Zeit habe ich ja damit geprahlt, dass der Adventsstress in diesem Jahr nichts wissen will von mir. Das ist auch weiterhin so geblieben, aber erst heute ist mir endlich klar geworden, weshalb das so ist. Vor lauter Arbeit habe ich nämlich noch gar nicht realisiert, dass am Sonntag der dritte Advent ist und dass es so langsam aber sicher an der Zeit wäre, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Aber wie soll man denn in Weihnachtsstimmung kommen, wenn die Arbeit, die man bis anhin noch ziemlich gut vom Familienleben hatte trennen können, sich mehr und mehr in den Alltag frisst?

Heute Morgen war mal wieder ein klassisches Beispiel dafür. Nach einer anstrengenden Sitzung und einer halbdurchwachten Nacht war ich heute Morgen reif für ein wenig Faulenzen mit Duftkerzen, Schwarztee, ein paar Weihnachtsguetzli und ausgiebiger Zeitungslektüre. Und für einmal schien das Familienleben meinem Ansinnen wohlgesinnt zu sein: Karlsson und Luise machten sich pünktlich auf den Weg und sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat verliess heute das Haus bevor der Kindergarten angefangen hatte. Der Zoowärter verschlief den ganzen Morgen, das Tageskind kam ausnahmsweise später und einzig ein sehr gut gelauntes Prinzchen sorgte für gerade genug Leben in der Bude, damit mir nicht langweilig würde. Alles war perfekt für ein fröhliches Tête-à-Tête bei Tee und Kakao mit meinem Jüngsten. Ach ja, und wo wir schon dabei waren, könnten wir uns doch gleich noch einen gemütlichen Schwatz mit dem Au-Pair gönnen. Vielleicht könnten wir ja endlich besprechen, wer war zu Weihnachten bekommen soll.

Und dann kam der erste Anruf, kurz darauf der Zweite und als ich den Dritten entgegennahm, klingelte gleichzeitig auch noch das Arbeitshandy.  Dazwischen zwei oder drei E-Mails, die ganz dringend beantwortet werden mussten. Das Au-Pair tat inzwischen, was ich eigentlich so gerne getan hätte: Sie quatschte mit dem Prinzchen, freute sich an seinen Fortschritten und sorgte dafür, dass er die Mama, die schon wieder an der Strippe hing, nicht zu sehr störte. Dabei hätte ich doch noch so gerne von ihm gestört werden wollen, lechzte ich doch nach einer ziemlich anstrengenden (Arbeits)woche richtiggehend nach Zeit mit meinem Jüngsten. Aber am Ende kam doch wieder die Arbeit zuerst, auch wenn das Au-Pair mich davon zu überzeugen versuchte, ich solle doch beim nächsten Mal das Telefon einfach läuten lassen. Irgendwann war ich so frustriert über meinen verpatzten vorweihnachtlichen Mama-Sohn-Morgen, dass dieser eine Anruf mehr nicht weiter ins Gewicht fiel. Ausserdem war es jetzt ohnehin Zeit, mit Luise zur Kinderärztin zu fahren, um die Fäden aus ihrer Bauchnaht zu entfernen.

Auf dem Weg zur Ärztin, als wir an unglaublich vielen Samichläusen, Lichterketten und dekorierten Tannenbäumen vorbeifuhren, wurde mir endlich klar, dass ich mich jetzt ganz dringend mal dem Advent und allem, was er so an Schönem mit sich bringen kann, widmen muss. Denn tue ich das nicht, steht am Ende doch noch der Adventsstress vor der Tür, weil ich vor lauter Arbeit das Backen, das Dekorieren, das Singen, das Geschenkemachen, das Geniessen und die Stille auf den letzen Moment aufgeschoben habe.

Wo bleibt er denn nur?

Was läuft hier bloss wieder falsch? Ich kann ihn umwerben wie ich will, zu mir will er in diesem Jahr einfach nicht kommen. Landauf landab klagen die Mütter, in diesem Jahr sei es besonders schlimm mit ihm, sie wüssten ihm fast nicht mehr zu wehren, aber von mir will er einfach nichts wissen. Andere Mütter werden in diesen Tagen belästigt mit Adventssingen, Adventsbasteln, Adventsbacken, Adventsshopping, Adventsichweissnichwassonstnoch, aber bei mir herrscht noch heute, am Tag nach dem ersten Advent, gespenstische Ruhe. Klar, am Samstag haben wir auch Adventskränze gebastelt, aber das war kein Stress, weil jemand anders die Sache perfekt organisiert hatte. Ach ja, und die Kinder machen natürlich auch bei so einer Art Krippenspiel mit, aber dieser eine zusätzliche Termin war nun wirklich nicht so schlimm, zumal unser Samstagnachmittag mit weniger Kindern dafür umso ruhiger verlief. Auch die zwei anderen adventsbedingten Termine, die bis Weihnachten noch in unserem Kalender stehen, fallen auch nicht gross ins Gewicht.

Und so kommt es, dass ich in diesen Tagen wohl eine der wenigen Mütter bin, die allen Ernstes vorschlägt: „Lass uns doch im Dezember mal wieder Kaffee trinken. Mein Kalender ist noch ziemlich leer. Wann hättest du denn Zeit?“ Warum bloss zückt bei dieser freundlichen Einladung die andere Person nicht sogleich die Agenda? Warum bloss schaut sie mich an, als hätte ich da eben eine furchtbar ketzerische Frage gestellt? Warum bloss zweifeln einige gar an meinem Verstand, wenn ich frage, ob sie bald einmal wieder Zeit für einen Schwatz hätten?

Nun ja, ich weiss nur zu gut, warum das so ist. Klage ich doch gewöhnlich auch über den Adventsstress, der mich daran hindert, Ruhe und Besinnung zu finden. Was ich aber nicht weiss: Warum bloss ist es in diesem Jahr anders bei mir? Habe ich ein besonders gutes Jahr erwischt, in dem sämtliche Lehrkräfte meiner Kinder adventsmüde sind und deswegen auf zusätzliche Termine verzichten? Sind unsere Kinder in diesem Jahr besonders bescheiden und belästigen uns nicht mit unerfüllbaren Wünschen? Oder habe ich in den vergangenen Wochen in derart hohem Tempo gelebt, dass ich mich jetzt, wo es arbeitsmässig etwas ruhiger wird, nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen lasse?

Vielleicht aber – und das befürchte ich fast – spielt der Adventsstress in diesem Jahr ein besonders heimtückisches Spiel mit mir: Er kündigt seinen Besuch nicht wie üblich weit im Voraus an, sondern wartet, bis wir glauben, er habe und in diesem Jahr vergessen weshalb wir es uns mit Glühmost und Guetzli gemütlich machen, und dann schlägt er aus dem Hinterhalt zu, wenn wir am wenigsten mit ihm rechnen.