Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

Last Minute

Warum müssen wir bloß immer alles wörtlich nehmen? Klar, Last Minute-Ferien bucht man erst ein paar Tage vor der Abreise, aber mit Packen und Organisieren sollte man nun wirklich nicht bis zum letzen Augenblick warten. Gut, der Fairness halber muss man sagen, dass wir eigentlich gestern Abend hätten anfangen wollen, aber weil die Kinder bockig waren, haben wir die Sache auf heute früh verschoben. Wir konnten ja nicht wissen, dass das Prinzchen die halbe Nacht Radau machen würde und wir uns deswegen verschlafen würden.

Ja, und dann wurde die Sache halt ein wenig chaotisch: Der Wäscheberg, der wegen der Bauarbeiten im Keller liegengeblieben war, musste noch ganz schnell gewaschen werden, der Kühlschrank musste geputzt werden, wo er schon mal leer war, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat brauchten neue Unterwäsche, weshalb noch ein kurzer Abstecher zu H & M nötig wurde, ja, und dann war da noch diese Taufe, zu der wir eingeladen waren, weil „Meiner“ Pate des Kindes ist.

Als dann „Meiner“ auch noch mit drei Kindern den Zug zur Tauffeier verpasste und wir das Auto meiner Mutter organisieren mussten, weil wir aus ökologischen Gründen nur einen Fünfplätzer haben, da wurde ich dann mal kurz hysterisch, aber nachdem wir alle mehr oder weniger rechtzeitig zur Taufe, oder zumindest zum Essen danach erschienen waren, beruhigte ich mich wieder.

Nach der Taufe blieb dann eigentlich nicht mehr viel zu tun: Nur noch sämtliche Kleider für „Meinen“, das Prinzchen und den Zoowärter packen, Brote schmieren, das Auto beladen, Holzpellets besorgen, damit meine Mutter während unserer Abwesenheit nicht frieren muss, Medikamente holen, herausfinden, wie das mit dem Autoverlad am Lötschberg läuft, herausfinden, wo das Wallis überhaupt liegt, den Fahrplan für die mit dem Zug reisende Delegation überprüfen und dann noch kurz die längst überfälligen Bücher in die Bibliothek zurückbringen. Aber da wir noch volle fünfundvierzig Minuten Zeit hatten, war das ja ein Klacks.

Irgendwie schafften wir es, ganze fünf Minuten zu früh auf dem Bahnperron zu stehen und hätten wir uns in Saas Grund nicht in der Postauto-Haltestelle geirrt, wir wären bestimmt pünktlich in unserer Ferienwohnung angekommen. So aber durften wir kurz nach dem Eindunkeln irgendwo zwischen Saas Grund und Saas Fee auf das nächste Postauto warten, das zum Glück ziemlich bald einmal angefahren kam.

Wenn ich mir jetzt, wo wir uns alle in unserer riesigen Ferienwohnung eingenistet haben, dann ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob wir beim nächsten Mal Last Second-Ferien buchen sollen. So langsam fühle ich mich reif für den nächsten Level.

 

 

Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.

Was hat er denn bloss?

Heute habe ich den ganzen Tag geshoppt. Also, geworkshoppt, meine ich. Gemeinsam mit fünf anderen Frauen haben wir geplant, Papiere entworfen, unser Gehirn erstürmt, Konzepte durchgelesen und diskutiert. Wir haben uns mit Leidenschaft in die Arbeit gestürzt, wie man das beim Shoppen, ääähm beim Workshoppen eben tut. Und am Abend wusste  ich mal wieder, wie geschafft man sein kann, wenn man einen Tag lang Planungsarbeit leistet.

Nicht dass ich an gewöhnlichen Tagen nur auf der faulen Haut liegen würde.  Aber hin und wieder – etwa alle fünf Minuten, öfter war’s bestimmt nicht – habe ich mich in den vergangenen Jahren nach ein bisschen entspannender Kopfarbeit im Büro gesehnt. Nach einer endlosen Sitzung mit Erwachsenen, die sich nicht heulend auf dem Fussboden wälzen, wenn ich mal nein sage. Nach einem Arbeitstag, der erfrischt und nicht auslaugt.

Nun, nach dem Marathon von heute weiss ich wieder, dass das alles nicht ganz so entspannend ist, wie das in meiner Erinnerung geblieben war. Den Heimweg  legte ich auf dem Zahnfleisch zurück und ich freute mich darauf, zu verkünden, ich hätte ja den ganzen Samstag gearbeitet, weshalb ich keinen Finger mehr krumm machen müsste. Was aber mitnichten der Fall war, denn aus mir völlig unverständlichen Gründen war „Meiner“ auch ziemlich geschafft. Irgend etwas von „Wie hast du das bloss all die Jahre ausgehalten Vollzeithausfrau zu sein?“, brabbelte er. Und dann noch: „Ich glaube, wenn ich das gemacht hätte, hätten die Kinder jeden Tag einen DVD geschaut.“ Und schliesslich auch noch etwas von „einmal Staub gesaugt, zweimal aufgeräumt und jetzt sieht man nichts mehr davon.“

Ich weiss auch nicht so recht, was „Meiner“ an diesem Samstag so anstrengend fand. Ich meine, er hatte ja bloss drei Kinder  zu betreuen; die Grossen waren in der Jungschar. Nun ja, da waren auch noch die zwei Kinder meiner Schwester, aber das ist doch ein Klacks. Die beiden sind ja so brav.

Das war doch einfach nur ein ganz normaler Hausfrauenfrusttag, was „Meiner“ da erlebt hat. Danach hat man doch keinen Grund zum Jammern, oder?

So läuft das von nun an

Nach meinem Gejammer von letzter Woche, es sei bei uns arbeitstechnisch alles aus dem Lot geraten, habe ich die Konsequenzen gezogen und erkläre hiermit den Dienstagmorgen zwischen 9:15 und 10:30 zu meiner Freizeit. Denn ich bin in genau die Falle getappt, in die sie fast alle tappen, die Mütter, die nach Jahren der Aufopferung endlich mal wieder ein klein wenig Freizeit haben könnten, sie aber nicht haben, weil sie jede freie Sekunde sofort mit Arbeit füllen. Damit ist ab heute Schluss bei mir: Ab sofort, wenn nichts Wichtigeres dazwischenkommt, werde ich am Dienstagmorgen nur noch tun, was ich will. Ich werde Schwarztee trinken anstelle von diesem unglaublich langweiligen Kaffee, auch wenn mich das Zeug furchtbar nervös macht. Ich werde Zeitung lesen, vielleicht gar ein Buch, falls ich Lust habe, werde ich bloggen, falls nicht, verschiebe ich es eben auf später, sollte die Sehnsucht nach Arbeit übermächtig werden, werde ich arbeiten, ich werde mich mit Freundinnen verabreden und vielleicht, so Prinzchen will, werde ich mich hin und wieder für ein paar Momente hinlegen und den Dienstag geniessen. Also natürlich keine Sekunde länger als von 9:15  bis 10:30 Uhr.

Das alles werde ich tun, sobald ich die Druckerpatrone ausgewechselt, die Dokumente ausgedruckt, die paar Briefe zum Versand bereit gemacht, das Papier gebündelt und an die Strasse gestellt, die Küche aufgeräumt und das Prinzchen gewickelt habe. Bin ich nicht ein unglaublich mutiger Mensch, der auch vor grossen Veränderungen nicht zurückschreckt?

P.S. Eigentlich sollten hier in diesem Text ein paar Passagen durchgestrichen sein, aber Word Press scheint nicht damit einverstanden zu sein. Weil ich nach zehn Versuchen jetzt aber keine Lust mehr habe, mich mit Word Press herumzuplagen, müsst ihr euch eben selber denken, was hier durchgestrichen sein könnte und was nicht. Immerhin ist Dienstagmorgen und ich habe Wichtigeres zu tun…

Aus dem Lot geraten

Es ist mal wieder soweit. Die Balance stimmt nicht mehr. Woran ich das merke? Zuerst einmal an der Tatsache, dass sich die unerledigten Aufgaben – oder die Pendenzen, wie wir Schweizer diese zu nennen pflegen – auf meinem Bürotisch stapeln. Ein zweites Indiz ist meine Lautstärke. Je lauter ich werde, umso deutlicher ist, dass ich gestresst bin. Zurzeit bin ich sehr laut. Nun gut, ich wäre sehr laut, wenn meine Stimme mitmachen würde. Macht sie aber nicht und deshalb versagt sie bei jeder zweiten Schimpftirade. Was mich zu einem weiteren untrüglichen Zeichen führt: Meine Gesundheit ist mal wieder angeschlagen. Nein, krank bin ich nicht. Aber gestern ein Kratzen im Hals, heute ein schmerzendes Knie und morgen ein kleines bisschen Kopfweh sprechen eine deutliche Sprache.

Hatte ich mir bis gestern Abend noch einreden können, es sei alles gar nicht so schlimm, habe ich mir heute Nachmittag den ultimativen Beweis geliefert, dass da wiedermal austariert werden muss. Es war halb fünf, das Au-Pair hatte Pause, Luise musste ins Ballett gefahren werden, ich wäre theoretisch im Büro am Arbeiten gewesen und von „Meinem“, der die Situation hätte retten sollen, fehlte jede Spur. Wäre alles im Lot, so hätte ich ihn angerufen und ihn freundlich gefragt, wann er denn heute heimkomme. Aber weil nichts im Lot ist, klang das dann etwa so: „Wo zum Donnerwetter steckst du? Hast du denn vergessen, dass Luise ins Ballett muss? Jetzt sitze ich wieder in der Tinte, bloss weil du mir nicht gesagt hast, dass du eine Besprechung hast…“ Das alles in einer Lautstärke, dass die Kinder in Deckung gingen und der Gesprächspartner von „Meinem“ wohl auch.

Nachdem ich das Telefon wütend in die Ecke geknallt hatte, war mir klar: Es muss geredet werden. Die neuen Stundenpläne, der neue Arbeitsort, die Zusatzaufgaben und so weiter haben alles auf den Kopf gestellt. Lebten wir vor den Sommerferien die beinahe perfekte Balance von Familie, Arbeit, Lernen  und Haushalt, habe ich im Moment das Gefühl, als seien wir blutige Anfänger im Jonglieren der verschiedenen Aufgaben. Und weil „Meiner“ und ich immer eine gewisse Zeit brauchen, bis wir merken, wo der Hund begraben liegt, ist es einmal mehr dazu gekommen, dass ich die völlig unausgeglichene Mama-Hausfrau-Vereinsaktuarin-Ehefrau-Bloggerin-Möchtegernmehrautorin bin. Meine Traumrolle, die mir aber so unausgeglichen gar nicht passt. Und „Meinem“ und den Kindern wohl auch nicht, obschon ich aus Angst vor der Antwort gar nicht erst fragen mag.

Also gibt’s nur eins: „Meiner“ und ich müssen mal wieder reden. Vielleicht auch zweimal oder dreimal. Vielleicht auch öfter, so lange, bis die Balance wieder stimmt und „Meiner“ nicht mehr davor zittern muss, einen Anruf von mir entgegenzunehmen.

Si tacuisses….

Nein, es geht nicht um die Philosophenwürde, die „Meiner“ wegen einer unbedachten Bemerkung verloren hat. Dennoch hätte er besser geschwiegen. Hätte er nichts gesagt, dann wäre es einfach ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen, der schon im Eimer ist, bevor er richtig begonnen hat. Ein Tag, an dem man bereits um zwanzig nach sieben zum ersten Mal laut werden muss, weil keiner zuhört. Ein Tag, an dem man sich am Morgen vornimmt, die Wäscheberge zu beseitigen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und dem Zoowärter das Liederbuch von vorne bis hinten und wieder zurück vorzusingen. Ein Tag, an dem diese Pläne aber so oft durchkreuzt werden, dass man bereits um neun Uhr schon gar nicht mehr weiss, was man eigentlich vorgehabt hätte. Ein Tag, an dem man es erst um zehn Uhr unter die Dusche schafft, wo man, kaum ist man von Kopf bis Fuss eingeseift, vom Telefon gestört wird. Und dann, nachdem man wieder unter dem warmen Wasserstrahl steht, gleich noch einmal einen Anruf bekommt. Ein Tag, der in ähnlichem Stil weitergeht und der seinen Höhepunkt darin findet, dass man einen heulenden Karlsson abends um Viertel nach acht zum Strafjäten in den Garten schicken muss, weil er versucht hat, Luise eins mit der Geige überzubraten. Kurz, ein Tag zum Vergessen.

Wenn „Meiner“, der heute krank war und deswegen vom Sofa aus jedes Drama miterlebt hat, nicht diese Bemerkung gemacht hätte: „Das ist ja nicht zum Aushalten, was du da alles über dich ergehen lassen musst. Da drehst du ja irgendwann durch!“ Vor dieser Bemerkung war es ein Tag gewesen wie so viele. Nach dieser Bemerkung war es ein Tag, an dem ich mich von Minute zu Minute tiefer ins Selbstmitleid stürzte, so dass ich gegen Abend, als das Fass auch für mich am Überlaufen war, beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte „Meiner“ nichts gesagt, dann hätte ich mir keine weiteren Gedanken über diesen miesen Tag gemacht. So aber wurde mir plötzlich bewusst, dass gewisse Tage tatsächlich eine ziemliche Zumutung sein können.

Doch weil er nicht geschwiegen hat, bin ich mal wieder ins Philosophieren geraten und zwar über die wohl nie zu beantwortende Frage, ob Tage wie heute  zum gewöhnlichen Lauf der Dinge gehören, oder ob das ganze Chaos nur an mir liegt.

Ausgeflogen

Wenn Familie Schweizer am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus abgewogen, wohin man am besten geht. Man schaut im Internet nach, wie lange die Fahrt zu den möglichen Zielen dauert. Man druckt verschiedene Fahrpläne aus, vergleicht die Kosten, ruft Meteo Schweiz an, um herauszufinden, ob Wetter und Ausflugsziel miteinander kompatibel sind. Am Vortag der Reise wird eingekauft: Brötchen für alle, Trockenobst, Käse, Landjäger, vielleicht auch ein wenig Schokolade, ein paar Äpfel. Zu Hause wird Tee gekocht und alles wird fein säuberlich in die Rucksäcke geräumt. Essen, genügend zu Trinken, Taschentücher, Feuchttücher, Sonnenhüte, vielleicht auch Sonnencrème, wenn Meteo Schweiz meint, es könnte heiss werden, ein Taschenmesser, Regenschutz, weil man ja nicht wissen kann, ob Meteo Schweiz das Wetter richtig vorausgesagt hat, Heftpflaster, vielleicht ein Mückenspray. Und dann, wenn der Fahrplan noch einmal gechekt, das Handy aufgeladen ist und die Fahrkarten gekauft sind, kann’s losgehen. Mindestens zehn Minuten vor Einfahrt des Zuges steht Familie Schweizer auf dem Bahnperron, geputzt, gestriegelt und perfekt ausgerüstet.

Wenn Familie Venditti am letzten Tag der Sommerferien einen Ausflug macht, dann wird drei Tage im Voraus einmal nebenbei erwähnt, dass man vielleicht, wenn man nicht gerade etwas Wichtigeres zu tun hat, irgendwohin fahren wird. Und dann vergisst man die Sache wieder, bis der letzte Ferientag da ist und einem Morgens um sieben glühend heiss einfällt, dass man da mal was von einem Ausflug gesagt hatte. Also checkt man kurz im Internet, welche der Ausflugsziele, die der Grossverteiler gerade so grosszügig subventioniert, nicht allzu weit entfernt sind. Dann versammelt man die ganze Familie um den Küchentisch, wo schön basisdemokratisch darüber abgestimmt wird, wohin man gehen wird. Zuerst hat jeder zwei Stimmen, dann noch jeder eine und schliesslich steht fest, dass die eine Hälfte der Familie ins Papiliorama will, die andere Hälfte ins Aquarena. Worauf die Mama entscheidet, dass man ins Papiliorama geht, weil sie eben erst mit Papa im Aquarena war. Was natürlich dazu führt, dass Luise, die ihre ersten beiden Stimmen für genau diese zwei Reiseziele abgegeben hatte, sich verweigert. Sie wird sich nicht anziehen, bis Mama nachgegeben hat. Aber weil Mama noch schnell den Fahrplan ausdrucken, den Zoowärter anziehen und den Kontostand überprüfen muss, hat sie gar keine Zeit, nachzugeben. Denn in vierzig Minuten wird der Zug fahren und ausser dem Au-Pair, der Mama und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist noch keiner angezogen.

Um Viertel nach neun ruft Luises Freundin an und um siebzehn nach neun ist klar, dass Luise nicht mitkommen wird. Was zur Folge hat, dass sie noch ganz schnell zur Freundin gefahren werden muss, bevor der Rest der Familie den Zug nimmt. Also werden alle zur Eile angetrieben und zwanzig Minuten später ist das Au-Pair mit den Jungs unterwegs zum Bahnhof, Mama mit Luise unterwegs zur Freundin. Natürlich bleibt keine Zeit, Proviant einzupacken, auch wenn es im Kühlschrank eigentlich genug davon hätte. Leider bleibt auch keine Zeit, ein Zugbillet zu kaufen, weil die Fahrt zum Bahnhof etwas länger gedauert hat. Also wird völlig unfreiwillig schwarz gefahren – und die Fahrkarte für die Hinfahrt auf der Rückfahrt bezahlt, damit das Gewissen rein bleibt – und das Billett für die ganze Familie beim Umsteigeort gekauft. Weil Mama am Schalter warten muss, verliert sie kurz die Familie aus den Augen und erlebt dann einen Schreckensmoment, weil sie glaubt, ihre Familie befinde sich in dem Zug, der eben gerade vor ihrer Nase davongefahren ist. Was nicht bloss deshalb eine Katastrophe wäre, weil Au-Pair und Kinder noch keine Fahrkarte haben, sondern auch, weil Mama Vendittis Handy weder aufgeladen ist, noch die Nummer des Au-Pairs gespeichert hat. Gott sei Dank ist die Familie aber noch da und so kann man friedlich nach Bern fahren. Wo einem der nächste Zug vor der Nase wegfährt, weil Mama Venditti den Fahrplan nicht ausgedruckt hat. Was aber weiter nicht schlimm ist, weil man ja ohnehin noch irgendwo ein paar Sandwiches fürs Mittagessen kaufen muss. Kann man ja gleich während der Wartezeit am Bahnhof erledigen. Kostet nur etwa dreissig Franken mehr als im Laden.

Irgendwann schafft es Familie Venditti trotz aller selbst verschuldeten Widrigkeiten, im Papiliorma anzukommen. Inzwischen ist allerdings der Zoowärter bereits so geschafft, dass er gleich wieder nach Hause gehen möchte. Was er aber noch nicht darf, weil wir uns zuerst die Schmetterlinge, die Gürteltiere und die Fledermäuse ansehen wollen. Was allerdings nicht zu lange dauern darf, denn um zehn vor vier soll Luise wieder bei ihrer Freundin abgeholt werden, sonst hat Mama Venditti ein schlechtes Gewissen, weil sie einfach so spontan eines ihrer Kinder für so lange Zeit bei einer anderen Familie parkiert hat.

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Der Ausflug war wirklich wunderbar.

Fiktives Interview zum Feierabend

Und, Mama Venditti, wie war denn das Fest heute?

Das Fest? Welches Fest denn?

Na, das Jugendfest, oder wie das Ding bei euch heisst?

Das Jugendfest? Hatten wir ein Jugendfest? Daran kann ich mich gar nicht erinnern…

Aber klar kannst du. Ihr habt doch wochenlang vorbereitet.

Wer sind „ihr“?

Was weiss ich, wer ihr alle seid. Irgendwelche durchgeknallten Eltern, die sich die ganze Zeit immer nur abrackern müssen. Menschen, die glauben, an einem Jugendfest müsste es auch ein Kinderprogramm geben, obschon doch jeder weiss, dass solche Feste nur dazu veranstaltet werden, damit sich die Bevölkerung mal wieder offiziell am hellen Tag einen Schwips leisten darf….

Ach so, jetzt dämmert mir endlich, wovon du redest. Ich weiss zwar nicht, warum du die Sache ein Fest nennst, ich glaube eher, das war ein Arbeitseinsatz. Aber da war heute tatsächlich etwas mit einem Kinderprogramm und so. Ich glaube, ich war da sogar involviert, aber offen gestanden kann ich mich nicht mehr so recht erinnern, was da alles lief. Ich bin nämlich ein wenig müde….

Klar warst du involviert. Ich habe dich schon morgens um acht durchs Dorf hetzen sehen. Was hast du bloss an einem Samstagmorgen um acht auf der Strasse zu suchen?

Mmmmhhh, lass mich mal überlegen…. Ich glaube fast, da war etwas mit einer Hüpfburg, für die wir keinen Strom hatten. Und irgendwas mit einem Tor, das noch nicht offen war. Oder hatte ich mir bloss eingebildet, dass es verschlossen war?

Und später, da habe ich dich mit einer Horde von Kindern auf dem Rummelplatz gesehen. Alle deine Kinder hatten eine Zuckerwatte in der Hand. Wie soll ich mir das bloss erklären? Ich habe dich stets für eine ziemlich vernünftige Mutter gehalten….

Stimmt, die Zuckerwatte! Die hätte ich beinahe vergessen. Klar finde ich Zuckerwatte schrecklich. Aber wie soll ich meinen Kindern weismachen, dass sie die Einzigen sind, die keine haben dürfen? Ich will doch nicht, dass sie zu Aussenseitern werden. Zu meiner Verteidigung muss ich aber  anfügen, dass das Prinzchen keine hatte. Er ist also noch ganz unverdorben.

Unverdorben? Ich hab’s doch gesehen, wie der Kleine auf dem Karussell im Feuerwehrauto sass. Und als er nicht mehr rauswollte, hast du ihm eine weitere Runde bezahlt, und den anderen Kindern auch gleich noch eine. Wie viel Geld hast du denn bloss liegen gelassen heute?

Tja, diese Frage ist mir ein wenig zu persönlich. Darüber möchte ich lieber nicht reden. Ausserdem weiss ich das gar nicht mehr. Oder vielleicht will ich es auch bloss nicht mehr wissen, wer weiss?

Gut, lassen wir das Thema. Später habe ich dich dann gesehen, wie du mit Schachteln voller Muffins durchs Dorf gehetzt bist. Bist du denn wahnsinnig geworden? Wer will bei diesem Wetter denn schon Muffins essen?

Na, wer wohl? Die Kinder aus Schönenwerd. Du hättest mal sehen sollen, wie die sich auf die Küchlein gestürzt haben. Und sogar bei den Käsekrokodilen und den Käsefüsschen haben sie eifrig zugegriffen.

Die spinnen die Schönenwerder, kann ich da nur sagen….

Aber nein, die spinnen nicht. Die wissen es einfach zu schätzen, wenn sie an einem Jugendfest auch mal was anderes zu essen bekommen als Wurst und Brot.

Wenn wir schon bei den Würsten sind: Warum habe ich dich eigentlich nie auf dem Festplatz sitzen sehen?

Du glaubst doch nicht, ich würde Geld ausgeben für Wurst mit Brot? Ich bin Vegetarierin, da esse ich lieber zu Hause. Und überhaupt, ich hatte weder Zeit noch Lust, auf dem Festplatz zu sitzen. Das habe ich gestern Abend schon getan.

Nun, für mich klingt das alles nicht sehr festlich. Ich habe den Eindruck, dass du von Feiern keine Ahnung hast.

Alos so würde ich das nicht sagen. Ich weiss sehr wohl, wie man feiert: Man sorgt dafür, dass alle ihren Spass haben und wenn man viel Glück hat, schafft man es, abends um halb elf, wenn endlich alle erschöpft eingeschlafen sind, die Nase in ein Buch zu stecken.

Nun, ich verstehe das mit dem Feiern ein wenig anders, aber zum Schluss möchte ich jetzt nur noch Eines wissen: Warum bist du abends, als das Kinderprogramm zu Ende war, mit einem knallgrünen Besen mit Schaufel durchs Dorf gerannt? Hast du denn gar keine Angst, dass du dich lächerlich machst?

Lächerlich hin oder her. Einer musste ja die Hüpfburg sauber machen, bevor der Vermieter sie wieder abholte. Und weil alle anderen Eltern mit Aufräumen beschäftigt waren oder mit allen Kräften ihre Kinder vom Rummelplatz zerren mussten, nahm ich eben die Sache mit dem Besen auf mich. Jetzt ist alles wieder sauber und wir können wieder zur Tagesordnung übergehen. Das heiss, zuerst werde ich wohl dafür sorgen müssen, dass sich meine müden Füsse wieder erholen…. Ach, ähm, wovon haben wir denn jetzt eigentlich die ganze Zeit geredet? Doch nicht etwa vom Jugendfest, oder? Du musst verstehen, ich bin ein wenig müde…. Anstrengender Tag und so…..