Antworten auf nicht gestellte Fragen

In letzter Zeit habe ich öfters mal drauflos gebloggt, ohne meinen Lesern später auch die Fortsetzung oder das Ende der Geschichte zu liefern. Mein Leben rast weiter, bringt mir weitere Absurditäten, Tiefschläge, Höhenflüge und Stolpersteine über die ich schreiben will und ich denke nicht weiter an die losen Enden, bis jemand aus meinem Leserkreis mich auf diese oder jene Geschichte anspricht und wissen möchte, wie die Sache denn ausgegangen sei. Heute also ein kleiner Aufwisch über Ferienlager, Rattenbesuche und dergleichen:

  • Ja, wir haben das Schuljahresende mehr oder weniger schadlos überstanden, die Lehrerinnen haben alle ihr Geschenk gekriegt, Luises Brille ist wieder aufgetaucht und ihr Schmusetier auch. Soweit ist also alles wieder in Butter, wir müssen jetzt nur noch endlich all die Schulhefte und Kinderzeichnungen archivieren, die ausgelatschten Finken – nein, nicht die Vögel, die Hausschuhe – entsorgen und die Turnkleider aussortieren, dann können wir das Schuljahr 2010/11 endgültig abschliessen und uns dem Schuljahr 2011/12 widmen, d. h. neue Finken kaufen, zu klein gewordene Turnkleider durch grössere Turnkleider ersetzen und das, was noch brauchbar ist, dem kleinen Bruder weiterreichen, Stundenpläne aktualisieren, mit Musiklehrern und Therapeuten verhandeln, welches Venditti-Kind wann noch ein freies Zeitfenster für den Unterricht hat, Karlsson davon überzeugen, dass ihm der neue Lehrer nicht den Kopf abreissen wird, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten versichern, dass er mit seinen Lehrerinnen bestimmt gut klarkommen wird, auch wenn Luise in ihrem Temperament nicht nur nette Dinge über sie gesagt hat, dem Zoowärter klarmachen, dass der Kindergarten eine ganz tolle Sache ist, auch wenn er jetzt zwei Jahre lang jeden Tag miterleben musste, wie die Mama den widerstrebenden FeuerwehrRitterRömerPiraten aus dem Haus getrieben hat… Aber was erzähle ich da von all den Dingen, die noch vor uns liegen? Ich wollte doch Altes aufwischen, nicht Neues anreissen. Dann also weiter mit den losen Enden:
  • Ja, Karlsson und Luise sind gut zu Hause angekommen. Okay, der eine oder andere Kratzer sieht etwas schlimm aus, aber was wäre ein Zeltlager ohne ein paar blaue Flecken und Kratzer? Karlsson hatte hin und wieder Heimweh, Luise nicht. Dafür zieht sich Karlsson jetzt, wo er uns wieder hat, gerne in die Ruhe seines Zimmers zurück, während Luise die Nähe, die sie nicht vermisst hat, jetzt umso mehr sucht. Also alles bestens, die beiden lieben uns noch immer, einfach jeder auf seine eigene Art. Die Glucke hat die Woche übrigens auch ziemlich gut überstanden, sie scheint sich so langsam mit dem Gedanken anzufreunden, dass Kinder gewöhnlich keinen Schaden nehmen, wenn sie einmal ein paar Tage ohne Mama und Papa auskommen müssen. Oder dürfen.
  • Die Ratte ward seit einigen Wochen nicht mehr gesehen. Was noch lange nicht heissen muss, dass sie nicht mehr da ist. Aber seitdem wir kein Au Pair mehr haben, ist auch niemand mehr im Haus, der sie sehen könnte, denn meistens kam das Vieh ja vormittags. Ich rede mir jetzt einfach mal ein, sie habe sich aus dem Staub gemacht und hoffe, dass ich eines Morgens nicht eines Besseren belehrt werde. Wie? Ihr fragt, ob denn der Kammerjäger nichts habe ausrichten können? Ach ja, der Kammerjäger. Den hätte ich beinahe vergessen. Der kam mal schnell, schaute sich unseren Balkon an, lief einmal um unser Haus, brummte dann, da könne er nun wirklich nichts tun und weg war er. Nun ja, zumindest hat er keine Rechnung geschickt…
  • Ach ja, und dann war da noch die Sache mit den Katzen, die der Ratte den Garaus machen sollten. Inzwischen habe ich mir sagen lassen, dass sich Ratten einen Dreck um die Anwesenheit einer Katze scheren, aber wir haben dennoch beschlossen, uns zwei anzuschaffen, denn eigentlich war das mit dem Rattenvertreiben  ohnehin nur ein Vorwand, um endlich eine Ausrede zu haben, uns Katzen zuzulegen. Morgen gehen wir sie zum ersten Mal besuchen. Luise und ich können den Augenblick kaum erwarten, die anderen sehen das etwas gelassener, aber sogar „Meiner“ musste gestehen, dass sie auf den Bildern wirklich zum Anbeissen aussehen.
  • Und dann noch kurz dies: Nein, die Kinder gönnen uns die Nachtruhe noch immer nicht, in diesem Moment schlafen drei Stück in unserem Schlafzimmer, nur zwei in ihren eigenen Betten, nein, das Schreiben kommt leider nicht so voran, wie ich mir dies wünschen würde und unser Umbauprojekt „neue Arbeitsteilung“ stockt weiterhin,  ja, die Ferien sind inzwischen mehr oder weniger fertig geplant und wenn alles gut kommt, reisen wir am Samstagmorgen ab, nein, der Zoowärter hat noch nicht vergessen, dass er in Prag ein neues Schwert bekommen soll und ja, in unserer Wohnung herrscht noch immer das pure Chaos, aber wir arbeiten dran, ohne Unterbruch und man sieht dennoch nichts davon…
Damit bin ich am Ende meines Aufwisches angelangt. Sollte ich etwas nicht erwähnt haben, fragt bitte nicht nach, denn wahrscheinlich habe ich nichts davon geschrieben, weil ich die Sache verdrängt habe…

Amtsschimmel & Glucke

Glaubt mir, ich habe keinen Vorwand gesucht, um meine Kinder im Jungscharlager besuchen zu können. Im Gegenteil, ich hatte mir fest vorgenommen, unseren zwei Ältesten die Woche ohne Mama, Papa und kleine Brüder zu gönnen. Klar, es fiel mir schwer, aber ich habe mir sagen lassen, dass Kinder jeweils von schrecklichem Heimweh geplagt sind, wenn die Eltern mal kurz in der Mitte der Woche zu Besuch kommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Hätte uns nicht der Schweizer Amtsschimmel dazu gezwungen, hätten wir das also bleiben lassen, ganz ehrlich. Aber der Amtsschimmel wollte für ein amtliches Dokument die Unterschriften von Karlsson und Luise und weil es Ende Woche nicht mehr gereicht hätte, musste die Unterschrift der beiden her und zwar sofort. Ist ja schon absurd: Unterschreiben dürfen die zwei noch gar nichts, aber für gewissen Dokumente geht es doch nicht ohne die typischen krakeligen Kinderunterschriften. Was blieb uns da anderes übrig, als heute mal kurz im Lager vorbeizuschauen, bewaffnet mit schwarzem Stift, den zu unterschreibenden Dokumenten, zwei Kilo Schokolade für die Leiter und ein paar Süssigkeiten für unsere beiden Grossen?

Wir blieben wirklich nur ganz kurz, aber es reichte doch, um der Glucke in mir zu beweisen, dass für die Kinder bestens gesorgt ist. Ihr könnt mir glauben, eine derart gut ausgerüstete Zeltstadt habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Okay, so viele habe ich noch nicht gesehen, aber immerhin habe ich auch ein paar Jahre Jungscharerfahrung und daher eine blasse Ahnung davon, wie Zeltstädte auch noch aussehen könnten. Eine mit Wasserturm, Solaranlage und Dusche gab es zu unseren Zeiten auf alle Fälle noch nicht. Das allein hat die Glucke schon mächtig beeindruckt. Als sie dann sah, dass Karlsson und Luise nicht nur wohlgenährt und verletzungsfrei, sondern auch sehr zufrieden sind, atmete sie hörbar auf. Und als man ihr auch noch erzählte, in der Nacht, in welcher ein heftiges Gewitter über das Land gezogen ist, hätten die Kinder auf dem nahe gelegenen Bauernhof übernachtet, da war sie derart erleichtert, dass sie sich ohne den geringsten Widerstand vom Zeltplatz führen liess.

Okay, auf dem Heimweg hat sie dann doch noch ein wenig gejammert, die Glucke. Sie beklagte sich darüber, dass Luise nicht das geringste Anzeichen von Heimweh gezeigt hat. Karlsson tat ihr immerhin den Gefallen, zu erzählen, er hätte bereits alle seine Heimweh-Bonbons aufgegessen, aber Luise sagte nur mal knapp hallo und verschwand dann wieder so schnell sie konnte. Ziemlich hart für die Glucke, das muss ich zugeben. Zumal sie ziemlich darunter zu leiden scheint, dass sie eine ganze Woche lang die einzige Henne unter vier Hähnen sein muss. 

Die Frage des Tages

Die Frage des Tages: „Mama, warum lässt du uns denn ins Ferienlager reisen, wo du doch so furchtbar traurig bist, wenn wir weg gehen?“

Ich habe geantwortet, wie Mamas eben antworten auf so eine Frage. Irgend etwas von loslassen können und die Kinder so sehr lieben, dass man ihnen gern eine Freude gönnt, auch wenn der Abschied schwer fällt. Natürlich hätte ich viel lieber gesagt: „Ich lasse euch überhaupt gar nicht reisen, wir blasen die ganze Übung ab, denn mir wird jetzt schon mulmig und wer weiss, ob ihr dort auch genug zu essen kriegt und ob das Wetter gut genug bleibt zum Zelten und ob ihr auch kein Heimweh bekommt und ob ihr auch immer daran denkt, einen Sonnenhut zu tragen. Warum bleibt ihr nicht einfach zu Hause und wir machen uns nächste Woche ein schönes Programm mit Zimmer aufräumen, Besorgungen erledigen und Garten jäten?“

Ich habe dann nichts von alldem gesagt, weil … nun ja, weil zur Liebe eben wirklich auch Loslassen gehört.

 

Protokoll einer heissen Juli-Nacht

21 Uhr: Alle Kinder sind im Bett, es sieht ganz danach aus, als könnte heute noch ein Film drin liegen. Ein ganzer, ohne Unterbrüche.

21:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann nicht schlafen. Warum, weiss ich auch nicht, also darf er noch Wasser trinken.

21:55 Uhr: In den Kinderzimmern herrscht jetzt absolute Ruhe. Ob wir jetzt den Film schauem sollen?

22:05 Uhr: Karlsson kann nicht schlafen. Ich schlage ihm vor, etwas zu lesen, aber dazu ist er zu müde. Dann soll er eben eine CD oder eine Schallplatte hören, aber das will er auch nicht. Dann eben singen? Nein, will er auch nicht. Dann soll er sich doch einfach ins Bett legen und Schäfchen zählen. Hat bei mir zwar auch nie gewirkt, aber ich will jetzt endlich Feierabend haben. Karlsson zieht sich in sein Zimmer zurück.

22:06 Uhr: Ob wir jetzt den Film schauen sollen?

22:08 Uhr: Karlsson ist wieder da. Er hat drei Minuten lang Schäfchen gezählt und kann noch immer nicht schlafen. Ich sage lange Zeit nichts, höre in mich hinein, um herauszufinden, ob ich jetzt schon explodieren soll, oder ob ich das erst beim nächsten Mal, wenn Karlsson wieder runter kommt, tun soll. Schweren Herzens entschliesse ich mich gegen das sofortige Explodieren und sage – ganz nett und aufrichtig übrigens – Karlsson solle sich doch auf die Matratze in unserem Zimmer legen und dort schlafen. Karlsson findet das eine gute Idee, holt sich Decke, Kissen und Eisbär David und legt sich in unser Zimmer.

22:15 Uhr: Karlsson muss nur noch schnell aufs WC und einen Schluck Wasser trinken, dann herrscht tatsächlich Ruhe, aber zum Film schauen sind wir jetzt zu müde.

23:59 Uhr: Ich weiss zwar nicht so genau weshalb, aber irgendwie haben „Meiner“ und ich uns die Stunden bis Mitternacht um die Ohren geschlagen. Vielleicht ist es einfach nur unter unserer Würde, noch am gleichen Tag zu Bett zu gehen, an dem wir morgens aus dem Bett gekrochen sind.

00:15 Uhr: Alles schläft….

00:30 Uhr: Luise kommt ins Elternschlafzimmer geschlichen. Sie hat Angst. Ich rücke an den Bettrand, damit sie sich zwischen „Meinen“ und mich quetschen kann. 

01:13 Uhr: Luise steht auf, um sich aufs Sofa zu legen, weil es ihr zu heiss ist zwischen „Meinem“ und mir.

01:25 Uhr: Luise ist wieder zurück. Auf dem Sofa hat sie die Angst wieder gepackt. Dann schon lieber heiss als ängstlich. Aber so heiss wie vorher auch wieder nicht. Mal sehen, ob sie beim Prinzchen unterkommt. Aber das Prinzchen will Luise nicht in seinem Bett haben. Luise, die weiss. wie sie ihren jüngsten Bruder rumkriegen kann, versucht es zuerst mit Betteln und weil dies nichts bringt, redet sie ihm ins Gewissen: „Du bist ein ganz böses Prinzchen, wenn ich nicht zu dir ins Bett kommen darf.“ Ich habe ja nicht gewusst, dass man flüsternd überhaupt schimpfen kann, aber Luise kann es und zwar so wirkungsvoll, dass das Prinzchen schliesslich widerwillig zur Seite rückt und der grossen Schwester Platz macht.

01:40 Uhr: Alles schläft…

06:10 Uhr: Von allen ausser von Karlsson unbemerkt kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat ins Elternschlafzimmer geschlichen. Später, als ich den Jungen nicht finden kann, wird Karlsson zu Protokoll geben, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat im Zimmer einen Schlafplatz suchte und sich, als er sah, dass nichts mehr frei war, aufs Sofa zurückgezogen hat. Dort fand ich ihn dann tatsächlich auch, später, als ich mich endlich von meinem Kissen losgerissen hatte.

06:45 Uhr: Tagwache. Luise schläft quer in Prinzchens Bett, die Beine an die Wand gelehnt, als sei sie bei der Gymnastik eingeschlafen. Das Prinzchen reibt sich verdutzt die Augen, weil plötzlich die halbe Familie im Zimmer ist. Karlsson drängt „Meinen“ und mich dazu, endlich aufzustehen und ich versuche vergeblich, ihm klar zu machen, dass ich ebenso grosse Mühe mit dem Wachwerden habe, wie er jeweils mit dem Einschlafen. 

07:30 Uhr: Die ganze Familie sitzt am Frühstückstisch. Die Ganze Familie? Nein! Ein unbeugsamer kleiner Zoowärter hat sich dem Gruppendruck widersetzt und die ganze Nacht in seinem eigenen Bett geschlafen. Und weil es sich dort weitaus besser schläft als eng aneinander gedrängt in einem stickigen Schlafzimmer, ist er der Einzige, der morgens nicht verzweifelt aus dem Bett geflüchtet ist, sondern sich noch eine weitere halbe Stunde Schlaf gönnt.

Loslassen, zweites Level

Letzten Sommer war Level eins dran: Karlsson verreiste in sein erstes Ferienlager und wer hier schon länger mitliest weiss, wie sehr ich mit der Glucke in mir gerungen habe, um ihn loslassen zu können. Rückblickend konnte ich sagen, dass alles viel weniger schlimm war als erwartet. Karlsson erlebte eine wunderbare Woche, wir waren stolz auf uns, dass wir auch ein paar Tage ohne ihn auskommen konnten und am Ende kam er fröhlich und wohlgenährt wieder nach Hause zurück.

Wer nun glaubt, dass ich dank dieser Erfahrung gelassener an Loslassen, Level zwei herangehe, der kennt mich schlecht. Nun ja, die Bedingungen sind diesmal auch erheblich härter als beim ersten Mal. War es letztes Jahr ein Kind, dass ganz ohne Eltern unterwegs war, so sind es dieses Jahr schon zwei, die am Samstag die Koffer packen. Luise geht diesmal auch mit. Das allein wäre ja schon schlimm genug für die Glucke in mir, aber es kommt noch dicker. Die zwei werden nämlich nicht in einem Lagerhaus nächtigen, nein, sie werden im Zelt schlafen. Man stelle sich das einmal vor: Die zwei armen Kinderchen ohne ihre Mama, die sie mit Zeckenspray, Gummibärchen und einer warmen Wolldecke versorgt. Ja, ich weiss, die Leiter werden bestens für alle Eventualitäten ausgerüstet sein und dann werde ich natürlich auch noch das eine oder andere in den Rucksack meiner Kinder schmuggeln, damit ihnen auch bestimmt an nichts mangelt.

Das alles beruhigt die Glucke nicht im Geringsten. Bis jetzt gelingt es mir noch relativ gut,  ihr Jammern und Klagen zu überhören, aber spätestens übermorgen, wenn ich die letzten Einkäufe für das Lager tätige, werde ich sie nicht mehr zurückhalten können. Sie wird den Einkaufswagen voll beladen mit Dingen, ohne die Karlsson und Luise die Woche nicht überstehen werden, sie wird die beiden dazu drängen, noch dieses und jenes einzupacken, sie wird hundertmal nachfragen, ob sie auch ganz bestimmt nichts vergessen haben. Und „Meiner“ wird daneben stehen und lauthals darüber lachen, dass ich mal wieder masslos übertreibe. Dabei bin das doch gar nicht ich, das ist nur die Glucke, die sich einfach nicht zurückhalten kann.

Ich versteh’s ja nur zu gut…

… dass Karlsson nicht mehr so begeistert davon ist, zum Spiel- und Sporttag zu gehen, seitdem nicht mehr ein gemütlicher Ausflug mit Würstchen bräteln, sondern ein Ballspiel-Turnier auf dem Programm steht. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, wie nutzlos man sich auf dem Spielfeld fühlt, wenn man im gewöhnlichen Leben lieber Bücher verschlingt und Kuchen backt.

… dass Luise ausrastet, wenn sie das Blatt mit den Mathe-Aufgaben vor sich liegen hat und vor lauter Zahlen das Ende der Hausaufgaben nicht mehr sieht. Ich habe nicht vergessen, wie es sich anfühlt, wenn einen die Verzweiflung packt und man das Blatt am liebsten zusammenknüllen und in die Ecke schmeissen möchte.

…dass der FeuerwehrRitterRömerPirat allem, was er an Neuem lernt, nicht viel abgewinnen kann. Ich kenne dieses unbefriedigende Gefühl, dass alles, was eigentlich spannend und herausfordernd sein sollte, schon so abgestanden daherkommt, weil man es bei den grossen Geschwistern bereits unzählige Male gehört hat. Wenn dann auch noch die exakt gleichen Arbeitsblätter verteilt werden, die schon Bruder und Schwester lösen mussten, dann erstaunt es nicht, dass ihn das Zeug nicht aus den Socken haut.

Oh ja, ich verstehe das alles nur zu gut und dennoch ertappe ich mich zu oft dabei, wie ich sehr verständnislos und ungeduldig reagiere, wenn die Kinder voller Trotz versuchen, den Dingen auszuweichen, um die wohl kein Kind herumkommt.

Der Prinz und der Nuggi

Ob wir denn eine Regel hätten, wann das Prinzchen seinen Nuggi haben dürfe und wann nicht, fragte man mich neulich, als ich unseren Jüngsten in die Krippe brachte. Zuerst einmal schaute ich die Fragende etwas ratlos an, dann dämmerte mir, dass man als Mama ja gewöhnlich ziemlich genaue Vorstellungen davon hat, wann das Kind nuckeln darf und wann nicht. Also schickte ich mal eine Suchanfrage an mein Gehirn los: „Prinzchen – Nuggi – Regel“ Es dauerte eine Weile bis mein Gehirn sich wieder meldete: „Keine Übereinstimmung gefunden“. Um nicht als völlig planlos dazustehen, murmelte ich etwas von „wenn er dann drei ist, muss er den Nuggi abgeben und meistens will er ihn ja nur zum Schlafen“ und dann machte ich mich hinter meine Arbeit.

Später, als ich wieder zu Hause war, wollte ich noch einmal überprüfen, ob da tatsächlich nichts über Prinzchen-Nuggi-Regeln zu finden sei in meinem Kopf. Also noch einmal eine Suchanfrage, diesmal aber nur mit den Begriffen „Nuggi – Regel“. Und siehe da, meine grauen Zellen wurden fündig: „Wenn sie in die Spielgruppe kommt, muss Luise ihren Nuggi abgeben. Um ihr den Abschied zu erleichtern, fangen wir kurz vor dem dritten Geburtstag damit an, ihr den Nuggi nur noch im Bett und wenn sie sehr müde ist, zu geben. In den Sommerferien werden wir ihr das nuckeln dann schrittweise abgewöhnen, so dass sie am ersten Spielgruppentag ganz ohne ihren Nuggi auskommt“, las ich da in einem ziemlich verstaubten Artikel, der vermutlich weit hinten im Archiv gelegen hatte. Und wie ich da so las, erinnerte ich mich wieder daran, wie wir damals während unserer Sommerferien in Malta alles daran gesetzt hatten, unsere Tochter vom Schnuller zu lösen. Kein Tag, an dem wir uns die Laune nicht durch eine tränenreiche Auseinandersetzung mit Luise trüben liessen. Wir waren dennoch äusserst erfolgreich. Luise verzichtete auf den Nuggi und saugt seither fröhlich an ihrem Zeigefinger, wenn sie müde ist.

„Das kann doch nicht alles sein, was nach all den Familienjahren zum Thema Nuggi zu finden ist“, murmelte ich vor mich hin und schickte eine neue Suchanfrage los. Wieder wurde ich im Archiv fündig. „Karlsson verzichtet im zarten Alter von 8 Monaten freiwillig auf seinen Nuggi. Abgewöhnen nicht nötig“, hiess es da in einer kurzen Notiz. „Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten machen wir das genau gleich wie bei Luise. Gerechtigkeit muss sein“, las ich in einem anderen Bericht, der unten mit einer handschriftlichen Notiz ergänzt war: „Entwöhnung fast problemlos. Bis auf die wenigen Gelegenheiten, bei denen der Junge versucht hat, sich den Nuggi seines kleinen Bruders zu schnappen.“ Der kleine Bruder, so denke ich beim Lesen, muss das Prinzchen gewesen sein, denn der Zoowärter hat ja auf einen Nuggi verzichtet. Er nahm von Anfang an mit einem Schmusetuch Vorlieb, das er sich seit einiger Zeit nicht nur in den Mund, sondern auch noch ins linke Nasenloch steckt. Zum Glück erlaubt er uns inzwischen wieder, das Ding von Zeit zu Zeit zu waschen.

Nachdem ich auf all diese Einträge gestossen war, unternahm ich einen letzten Versuch, um doch noch herauszukriegen, ob da irgendwo zumindest ein Ansatz von einem Plan zur prinzlichen Nuggi-Entwöhnung existiert. Aber da ist nichts. Der einzige Eintrag zum Thema „Nuggi und Prizchen“ lautet folgendermassen: „Heute vermutlich den allerletzten Nuggi meiner Karriere gekauft. Bald wird das Prinzchen zu gross sein dafür. Schluchz!“ Und siehe da, seit drei Nächten schläft das Prinzchen problemlos ohne Nuggi. Nicht, weil wir nun doch noch einen Plan entwickelt hätten, sondern einfach deshalb, weil er das Ding an den unmöglichsten Orten verliert. Und natürlich auch, weil er sich seinen Mittagsschlaf abgewöhnt hat und deswegen abends so hundemüde ist, dass er meist schon eingeschlafen ist, bevor sein schwerer Kopf auf dem weichen Bären gelandet ist.

Grosse Schwester

Prophezeit hat man ihr schon lange, dass sie eines Tages etwas ganz Besonderes sein würde für ihre vier Brüder, nur hatte sie sehr lange nichts davon bemerkt, unsere Luise. Klar, sie versuchte mit allen Mitteln, sie zu bemuttern, ihnen zu beweisen, dass sie immer ein offenes Ohr hat für sie, sie zu erziehen, auch wenn das nicht ihre Aufgabe ist. Hin und wieder war sie so frustriert darüber, dass ihre Annäherungsversuche nichts fruchteten, dass sie versuchte, ihren Brüdern ihre Zuneigung aufzuzwingen, was dann meist in Streit und Tränen endete. Eines Tages legte ich ihr nahe, ihren Brüdern einfach mal die kalte Schulter zu zeigen, dann würden sie schon erkennen, was sie verpassen. 

Ich weiss nicht, ob sie sich meinen Rat zu Herzen genommen hat, aber jetzt scheint ihr langes Werben endlich den ersehnten Erfolg zu bringen. Zuerst verlangte der Zoowärter immer öfter nach seiner grossen Schwester. Sie durfte ihn trösten, wenn Mama mal wieder keine Zeit hatte, sie durfte ihn abends in die absurdesten Verkleidungen stecken, sie umarmte er, der sonst körperlicher Zuneigung eher skeptisch gegenübersteht, freimütig und oft. Luise, die wunderbare grosse Schwester.

Eines Tages bemerkte das Prinzchen, der Luise immer mal wieder mit seiner Ablehnung verletzt hatte, dass der Zoowärter die einzige Schwester mehr und mehr in Beschlag nahm. Nun ist es so, dass das Prinzchen und der Zoowärter sich grundsätzlich nur für die Dinge interessieren, mit denen sich der andere gerade beschäftigt und so kam es, dass Luise auf einmal auch sehr attraktiv für das Prinzchen wurde. Auf einmal wollte er dabei sein, wenn Luise und der Zoowärter grosse Schwester und kleiner Bruder spielten, plötzlich findet es das Prinzchen grossartig, wenn Luise anstelle von Mama die Schlaflieder singt. Und heute nach dem frühzeitig abgebrochenen Mittagsschlaf, lag das Prinzchen endlich winselnd auf dem Küchenfussboden und verlangte nach Luise. Sie sollte ihm eine warme Milch machen, sie sollte ihn trösten, sie sollte mit ihm nach draussen spielen gehen. Weil Luise gerade anderweitig beschäftigt war, bot ich unserem Jüngsten an, den Luise-Ersatz zu machen, aber davon wollte er nichts wissen. Er jammerte weiter, bis die grosse Schwester endlich Zeit hatte für ihn. 

Ich bin so froh, dass unsere Tochter endlich die Art von grosser Schwester sein darf, die sie schon so lange sein wollte.

Grosser Junge, kleines Biest

Falls ihr euch heute am frühen Abend irgendwo in der Nähe unseres Hauses – etwa im Umkreis von fünf Kilometern – aufgehalten habt und ihr ein Kind ganz schrecklich habt schreien hören, dann heisst das noch lange nicht, dass ihr gleich den Kinderschutz alarmieren müsst. „Meiner“ und ich haben nämlich nur versucht, das zu tun, was verantwortungsvolle Eltern nach einem Besuch im Wald tun sollten. Wir haben unsere Kinder von Zecken befreit. Beim Prinzchen, dem Zoowärter und bei Luise ging das ganz glatt, denn die Biester hatten noch nicht gestochen, sondern waren noch auf der Suche nach dem perfekten Platz. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war das mit der Befreiung hingegen nicht mehr so einfach und so kam es, dass „Meiner“ und ich – später auch noch die Grossmama – das schreiende Kind an Armen und Beinen festhalten mussten. Was zur Folge hatte, dass das Kind noch lauter schrie, wir Eltern ins Schwitzen kamen und so langsam aber sicher die Nerven verloren. 

Wie das so ist in einer Grossfamilie: Wenn einer schreit, dann schreien bald einmal alle und so dauerte es nicht lange, bis Luise sich lautstark gegen das von den Eltern verordnete Bad zu wehren begann. Das Prinzchen stand daneben und brüllte abwechslungsweise seine dem Schein nach so bösen Eltern und seinen renitenten grossen Bruder an, je nachdem, wer gerade seine Unterstützung nötig hatte. Und weil das so schön war, stimmten Karlsson und der Zoowärter in den Lärm mit ein, weil sie wegen dieser doofen Zecke auf den versprochenen Film warten mussten. Das alles klang so schrecklich nach „böse Eltern misshandeln arme Kinder“, dass ich mich ernsthaft davor zu fürchten begann, dass demnächst ein besorgter Nachbar an der Türe klingeln würde. Und hätte er uns dabei angetroffen, wie wir uns darum bemühten, unseren Dritten zu bändigen, er hätte wohl gedacht, dass er eben noch rechtzeitig gekommen sei, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei wollten wir wirklich nur Eines: Unseren grossen Jungen so schnell als möglich von dem kleinen gefährlichen Biest befreien. Aber zuweilen kann es ganz schön hitzig werden, wenn wir unser Bestes geben, unserer elterlichen Pflicht nachzukommen.

 

Danke, ich liebe euch auch

So sehr ich meine Familie vergöttere, an Tagen wie heute könnte ich sie alle auf den Mond schiessen. Nicht für immer natürlich. Nein, nur gerade so lange, bis sie spüren, wie öde ihr Leben ohne mich wäre. Da komme ich heute Mittag gut gelaunt von der Arbeit nach Hause und wen treffe ich an? Einen jammernden Zoowärter, der eben erst voller Stolz sein Kindergartentäschchen ausgepackt hat und sich schon wieder lautstark darüber beklagt, er würde nie etwas geschenkt bekommen. Eine genervte Luise, die keine Lust hat, Tomaten-Orangen-Suppe zu essen und die eingeschnappt ist, dass ich nicht sogleich mit ihr zum Einkaufszentrum fahre, um einen Schlafsack für die Schulreise nächste Woche zu kaufen. Das Kind schiebt doch allen Ernstes mir die Schuld am Regen in die Schuhe. Dieser böse Regen, der „Meinen“ dazu zwingt, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, weshalb Luise nicht ins Einkaufszentrum kutschiert werden kann.

Mit einer mies gelaunten Luise und einem klagenden Zoowärter könnte man ja zur Not noch klarkommen. Dazu kommt aber noch ein lautstarkes Prinzen- Gezeter  – worum es ging, habe ich vergessen, ich weiss nur noch, dass auch diesmal ich die Schuldige war – ein kranker FeuerwehrRitterRömerPirat, der zwar allen Grund hatte zum Jammern, dessen Gejammer aber vom Gemotze der anderen übertönt wird, so dass er schreien und toben muss, bis ich ihn endlich höre. Irgendwie bringe ich es auch noch fertig, Karlsson wütend zu machen, „Meiner“, der momentan nicht gerade fit ist, sagt kaum ein Wort und die Laune des Au Pairs ist auch eher auf der düsteren Seite.

Da sitze ich also, einsam und gut gelaunt und frage mich, ob denn in dem ganten Haufen von Menschen nicht wenigstens einer ist, der mit mir lachen mag. So ähnlich wie an jenen Festen, an denen alle anderen betrunken sind, du selber aber stocknüchtern. Einfach umgekehrt natürlich. Dieses ganze mies gelaunte Gehabe meiner Familie treibt mich dazu, sie auf den Mond schicken zu wollen, was aber bekanntlich nicht geht. Also kommt nur noch die zweitbeste Lösung in Frage: Mitschmollen. Denn alleine gut gelaunt sein macht einfach keinen Spass.