Expertengespür

Von Anfang an hat die Kinderärztin es mir eingeschärft: „Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind nicht mehr zu kennen, dann sollten Sie zum Arzt gehen. Sie kennen Ihr Kind am allerbesten und spüren darum auch am besten, wenn etwas nicht mehr stimmt.“ Ein einleuchtender Grundsatz, und doch hat es viele Jahre gedauert, bis ich nicht nur verstand, was sie damit meinte, sondern auch entsprechend zu handeln lernte. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, dass ich zwar keine Expertin in Sachen Medizin bin, sehr wohl aber eine Expertin in Sachen Karlsson, Luise, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen. Zu gross war mein Respekt vor dem medizinischen Wissen, über das entsprechend ausgebildete Menschen verfügen, das mir aber mangels einer solchen Ausbildung fehlt. 

Geändert hat sich dies erst, als ich mehrmals erlebte, wie ich mit meiner mütterlichen Intuition den Ärzten eine halbe Nasenlänge voraus war. So konnte man zum Beispiel Luises Blinddarmentzündung erst dann zweifelsfrei belegen, als der miese Kerl entfernt war, mir aber war bereits bei der Anmeldung auf der Notaufnahme klar, dass er es sein musste, der mein Töchterchen vor lauter Schmerzen schreien liess. Zwei oder drei ähnliche Begebenheiten führten mir endlich vor Augen, was ich in meinem Kopf bereits wusste: Als Mutter spürst du sehr genau, wann du deinem Kind selber helfen kannst und wann es medizinische Hilfe braucht.

Zugegeben, dieses Gespür kommt nicht über Nacht. Erst einmal brauchst du ein paar Jahre, um herauszufinden, wie jedes deiner Kinder in Sachen Krankheit tickt. Die einen – Karlsson, zum Beispiel – machen wegen jeder Bagatelle ein Geschrei, werden dann aber plötzlich ganz still und schlucken ihren Schmerz tapfer hinunter, wenn es ernst ist. Andere wiederum – bei uns der FeuerwehrRitterRömerPirat – sind so meisterhaft im Vortäuschen von Beschwerden, dass du ziemlich viel Übung brauchst, um zu erkennen, wann sie wirklich krank sind. Am einfachsten in Sachen Krankheit sind wohl Kinder wie der Zoowärter: Fast nie krank, wenn aber, dann gleich richtig und dann können sie dir auch sehr genau sagen, wo und wie es wehtut. 

Nicht nur das Verhalten der Kinder, auch der mütterliche Umgang mit diesem Gespür hat einen Einfluss darauf, wie wirksam es ist. Die leise innere Stimme lässt sich zum Beispiel ganz leicht mit Panikmache übertönen. Im Internet und im Gespräch mit der Schwiegermutter lässt sich ausreichend Material finden, mit dem man sich so richtig schön in eine Panikattacke hochschaukeln kann. Dann geschieht es, dass du heulend vor den Pforten der Notaufnahme stehst, obschon du tief in deinem Inneren wüsstest, dass du getrost noch abwarten könntest. Du kannst dir dieses Gespür auch klein reden lassen von irgend einem schnöseligen Assistenzarzt, der noch nicht begriffen hat, dass Eltern die besten Partner sind, wenn es um die Gesundheit eines Kindes geht und darum herablassend meint: „Woher wollen Sie denn wissen, dass es der Blinddarm ist?“ (Dies, meine Lieben, ist ein wortgetreues Zitat.) Natürlich kannst du dieses Gespür auch zur alleingültigen Wahrheit erheben. Schmerzhaft, wenn du dir irgendwann kleinlaut eingestehen musst, dass du dieses eine Mal vielleicht doch besser auf den Arzt gehört hättest. 

Mir scheint, inzwischen hätten auch viele Ärzte gelernt, dem Gespür der Eltern ein gewisses Gewicht beizumessen. Immer öfter fallen auf der Visite Fragen wie „Wie erleben Sie ihr Kind? Haben Sie den Eindruck, es spreche gut an auf die Behandlung? Antwortet es verlangsamt, oder entspricht dies seiner Art?“ So allmählich scheint man zu begreifen, dass Kinder am besten gesund werden, wenn man sie selber und auch ihre Eltern in die Behandlung mit einbezieht.

Auch ich fange endlich an, etwas zu begreifen und zwar dies: Im Spital pflegen sie dein Kind nur so lange, bis keine Gefahr mehr besteht und es gesund genug ist, um nach Hause zu gehen. Ob es auch gesund genug ist, den Alltag wieder in Angriff zu nehmen, liegt in meinem Ermessen, denn jetzt, wo die Experten getan haben, was ich nicht tun konnte, ist wieder meine Expertenwissen gefragt. Und dieses Wissen sagt mir, dass der Zoowärter noch längst nicht fit genug ist für Kopfarbeit. Darum ignoriere ich auch die Bemerkung der Lehrerin, der Zoowärter solle doch bitte übers Wochenende schon mal ein paar Hausaufgaben machen. 

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Bagatelle

Da meine geschätzte Leserschaft inzwischen bestimmt die Nase voll hat von Spitalgeschichten, in meinem Kopf derzeit aber nicht viel anderes herumschwirrt, heute nur diese kleine Begebenheit:

Da gehe ich abends um halb neun am Empfangsschalter der Notaufnahme vorbei. Es wimmelt von aufgeregten Eltern und weinenden Kindern und aus dem Stimmengewirr höre ich, wie die Dame am Empfang mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von Ungeduld in der Stimme einen ziemlich forsch auftretenden Vater fragt: „Sie waren also gestern Abend bereits hier und man hat nichts Schwerwiegendes herausgefunden?“ 

Mehr brauchte ich nicht zu hören, um dem lieben Gott zu danken, dass ich damals, als es um die Berufswahl ging, nicht den Weg in Richtung Pflege eingeschlagen habe. Nicht einen Tag würde ich Eltern aushalten, die es tagsüber nicht fertig bringen, ihr Kind zum Arzt zu bringen, dann aber abends die Notfallstation wegen Bagatellfällen aufsuchen. 

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Jetzt wollen sie uns also wieder

Seitdem klar ist, dass der Import von billigen Arbeitskräften über kurz oder lang schwieriger wird, wollen sie uns plötzlich wieder haben. Uns, die Mütter, die sie nicht mehr wollten, als wir Kinder bekamen und darum nicht mehr bereit waren, uns mit Leib und Seele für die Firma aufzuopfern. Gut, einige von uns haben sie damals gnädigerweise behalten, was sich für uns aber nicht wirklich bezahlt gemacht hat. Der Löwenanteil unseres Lohnes ging für den Krippenplatz drauf, was noch übrig blieb, wurde von der Steuerrechnung aufgefressen. Arbeitszeiten und Krippenöffnungszeiten wollten partout nicht zusammen passen, war ein Kind krank oder machte die Schule Ferien, brach das ganze System vollends zusammen und wir durften uns in schlaflosen Nächten einen Notfallplan zurechtlegen. Von der Hausarbeit fangen wir lieber gar nicht erst an zu reden…

Nicht alle von uns haben sich auf dieses Spiel eingelassen, einige haben sich vollends aus dem Berufsleben verabschiedet, sei es, weil ihnen das alles zu kompliziert war, sei es, weil für sie Mutterschaft und Berufstätigkeit nicht miteinander vereinbar sind. Andere haben sich selber etwas aufgebaut und sind sich nun selber der flexible Arbeitgeber, den sie sich stets gewünscht hätten. Ein paar Glücklichen ist es gelungen, eine Arbeit zu ergattern, die sich zu einem grossen Teil von zu Hause aus erledigen lässt, so dass sich die Arbeitszeiten den Bedürfnissen der Familie anpassen lassen.

Es war nicht immer leicht, aber den meisten von uns ist es gelungen, irgend einen Weg zu finden, um den Spagat zwischen Familie und Beruf zu schaffen. Und jetzt wollen sie uns also zurückhaben. Wir sollen wieder zurück auf unsere angestammten Arbeitsplätze, weil die nicht mehr einfach mit Leuten aus dem Ausland besetzt werden können. Plötzlich besinnt man sich darauf, dass wir ganz gut ausgebildet und eigentlich auch ziemlich motiviert sind, gute Arbeit zu leisten. Nun, es mag schmeichelhaft erscheinen, nach Jahren der Ablehnung wieder erwünscht zu sein. Dennoch schlage ich vor, dass wir sie erst mal ein wenig zappeln lassen. So ganz ohne Zugeständnisse sollten wir uns nicht wieder vor ihren Karren spannen lassen. 

Wenn sie sich dann eines Tages endlich dazu durchringen, einen Mutterschaftsurlaub einzuführen, der diesen Namen auch wirklich verdient, den Vätern die Möglichkeit einzuräumen, sich in der Familie zu engagieren, bezahlbare Krippenplätze für alle anzubieten, Bedingungen zu schaffen, dass sich die Arbeit auch wirklich lohnt und ausserdem endlich dafür zu sorgen, dass Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen, dann können wir miteinander ins Geschäft kommen. 

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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Der männliche Teenager während der Schulferien

Morgens schläft er meist sehr lange aus, was durchaus angenehm ist, wenn du kein bestimmtes Tagesprogramm vorgesehen hast und ganz froh bist, wenn du den Tag in Ruhe angehen kannst. Irgendwann – meist wenn du dich gerade der Zeitungslektüre zugewendet hast oder mit „Deinem“ gemütlich frühstücken möchtest – kommt er angeschlurft, verschlafen, aber ausserordentlich gut gelaunt. Er schnappt sich ein Frühstück, setzt sich zu dir an den Tisch und fängt an, Nonsens von sich zu geben. Zugegeben, dieser Nonsens ist ganz amüsant, doch leider verträgt er sich schlecht mit der vertieften Analyse der politischen Landschaft, die du gerade lesen möchtest. Nachdem der Magen gefüllt ist, verzieht sich der Teenager wieder in sein Zimmer. Wenn du Glück hast, stellt er vorhin noch sein schmutziges Frühstücksgeschirr in die Küche. Hast du Pech, tut er es nicht und du musst ihn herbeizitieren, was meist zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit führt.

Erst gegen ein Uhr bekommst du den Teenager wieder zu Gesicht. Er steckt noch immer im Pyjama und will wissen, was es zum Mittagessen gibt. „Na ja, ich dachte, weil du erst gerade gefrühstückt hast…“ „Aber ich hab Hunger!“, unterbricht er dich und mit seiner Hilfe bringst du irgend etwas auf den Tisch, was nicht zu viel Arbeit macht. Nach dem Mittagessen verschwindet er wieder in seinem Zimmer, das er erst am späten Nachmittag wieder verlässt, noch immer im Pyjama. Wenn er Pech hat, läuft er „Deinem“ in die Arme, der findet, a) solle sich der Teenager endlich anziehen und b) könne er sich doch ein wenig nützlich machen, wo er doch ganz offensichtlich nichts zu tun habe. Der Teenager ist entrüstet, dass da einer versucht, seine heilige Freizeit anzutasten und verschwindet wieder auf seinem Zimmer, im schlimmsten Fall unter Türeknallen.

Dort bleibt er genau so lange, bis du glaubst, du könnest jetzt die Küche für heute schliessen und allmählich an den Feierabend denken. Dann kommt der Teenager runter, frisch geduscht und sauber angezogen. Zuerst schmiert er sich ein paar Brote, vergisst die Krümel und fragt, ob man heute vielleicht auch mal was mache. Was er denn machen wolle, fragst du und gähnst. „Weiss nicht. Einen Film schauen, vielleicht“, kommt die Antwort. Die nächsten 45 Minuten verbringt der Teenager damit, den perfekten Film zu finden, dann, so gegen zehn Uhr, wirft er sich mit ein paar Katzen aufs Sofa und fragt: „Wollt ihr auch mitschauen?“ Du sagst nein, „Deiner“ sagt ja und du begreifst, dass ein Teenager im Haus die eheliche Zweisamkeit weit mehr gefährdet als die fünf sehr kleinen und kleinen Kinder, die du vor ein paar Jahren noch zu betreuen hattest.

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Kraftakt

Nach anderthalb anstrengenden Tagen neigt sich ein Mammut-Wohnungsputz seinem Ende zu. Gestern waren wir zuerst alle sieben dran, dann nur noch „Meiner“ mit den vier jüngeren Kindern, weil bei Karlsson Musik auf dem Programm stand und ich mich um meinen sterbenden Computer kümmern musste. Abends dann nur noch „Meiner“, der manchmal einfach nicht genug kriegen kann vom Putzen und heute schliesslich ich ganz alleine, weil ich bekanntlich besser putze, wenn ich nicht auch noch andere motivieren muss zu dem, wozu ich mich selber kaum aufraffen kann. Von oben bis unten haben wir geräumt, weggeschmissen, geputzt und poliert, mit grossem Einsatz und insgesamt sehr viele Stunden lang. Und damit wir nicht andauernd die Küche verdrecken, versorgte uns Mama Ikea mit verwerflicher Tiefkühlkost aus dem frisch geputzten Tiefkühler. 

Naive Menschen wie ich neigen zu dem Glauben, nach einem solchen Kraftakt, der übrigens mit erstaunlich wenig Zoff über die Bühne gegangen ist, sei endlich mal alles sauber und ordentlich, doch leider ist dem nicht so. Wir sind jetzt gerade mal so weit, dass wir mit der Feinarbeit beginnen könnten, um uns anschliessend den ewigen Baustellen Wandschränke, Keller und Schlupfestrich zuzuwenden. Ich fürchte, soweit wird es gar nicht erst kommen, erstens, weil wir jetzt ganz dringend eine Putzpause brauchen und zweitens, weil wir morgen bereits wieder voll und ganz mit der Schadensbegrenzung beschäftigt sein werden. Damit dieser „Na ja, so halbwegs ordentlich ist es schon bei Vendittis“-Zustand anhält, bis wir in die Ferien fahren. 

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Wenn ich freitags ungestört arbeiten will…

Luise: „Mama, kannst du schnell…?“

Ich: „Nein, Luise, du musst zu Papa gehen. Ich arbeite doch heute. Wenn Papa in der Schule ist, kannst du auch nicht einfach zu ihm gehen. Wenn ich arbeite, ist das genau gleich, auch wenn ich hier bin. Das habe ich dir jetzt doch schon hundertmal gesagt.“

Drei Minuten später

Karlsson: „Die Lehrerin hat heute gesagt…“

Ich: „Karlsson, ich arbeite…“

Karlsson: „…wir müssten jetzt doch keinen…“

Ich: „Kaaaarlsson, ich aaarbeite…“

Karlsson: „…Kuchen mitbringen, weil…“

Ich: „Ich hab‘ gesagt, ich arbeite!“

Karlsson: „…am Schluss ja doch die Mütter in der Küche stehen würden. Ich lass dich jetzt arbeiten.“

Zwanzig Minuten ungestörtes Arbeiten, dann…

Prinzchen: „Der Zoowärter hat…“

Zoowärter: „Aber das Prinzchen hat auch…“

Ich: „Ich will überhaupt gar nichts wissen von euren Streitereien. Geht zu Papa, der ist heute für euch da.“

Beide: „Aber er hat zuerst…“

Ich: „Und ich will nichts davon wissen. Ab, zu Papa!“

Etwas später…

Wieder das Prinzchen: „Papa will mir nichts zu essen geben.“

Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen…“

Prinzchen: „Doch, er sagt, ich muss zuerst meine Sachen wegräumen…“

Ich: „Dann mach das doch. Danach bekommst du sicher etwas.“

Prinzchen (schluchzend): „Aber ich hab‘ doch solchen Hunger…“

Ich (wütend, weil mein armes Kindchen hungern muss): „‚Meiner‘, jetzt gib doch diesem armen Kind etwas zu essen. Er kann doch nachher aufräumen. Und überhaupt: Wenn du nie zu den Kindern schaust, kann ich nicht arbeiten!“

Kurzer, aber heftiger Krach mit „Meinem“, dann wieder eine Zeit lang ungestörtes Arbeiten

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Mama, darf ich…“

Ich: „Ich arbeite…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber du hast gestern gesagt…“

Ich: „Kann sein, dass ich gesagt habe und dann darfst du auch. Aber sprich dich mit Papa ab, er ist heute zuständig.“

Zwanzig Störungen später

Ich (zu irgend einem unschuldigen Störenfried, der zufällig gerade in der Nähe steht): „Himmel, wann wollt ihr denn endlich begreifen, dass ich heute ganz und gar nicht ansprechbar bin für euch? Wozu habt ihr eigentlich einen Papa, der freitags zu Hause ist?“

Natürlich hat keiner begriffen, was los ist mit mir, aber da sie jetzt alle zum Jugendfest müssen, habe ich endlich Ruhe. Denke ich…

Prinzchens bester Freund: „Tamar, weisst du, wo das Prinzchen ist?“

Aus lauter Gewohnheit hätte ich beinahe gesagt: „Frag Papa“, doch dann erinnerte ich mich im letzten Moment daran, dass der Papa von Prinzchens bestem Freund nicht wissen kann, wo das Prinzchen ist, weil der nämlich noch weniger zuständig ist für meine Kinder als ich es heute theoretisch gewesen wäre.

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Jugendfestvorbereitungen

Lass mal sehen… Luise braucht ein blaues T-Shirt und blaue Hosen, kann aber auch schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen tragen, oder blaues T-Shirt mit schwarzer Hose, oder schwarzes T-Shirt mit… ach was, spielt ja keine Rolle. Hauptsache, der Aufdruck auf dem T-Shirt ist nicht zu auffällig. Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht noch eine blaue Hose. Das weisse T-Shirt hat er ja bereits. Hoffe, er findet das auch wieder in seinem Chaos…FeuerwehrRitterRömerPirat, was meinst du zu dieser blauen Hose? Nicht? Warum nicht? Ist doch perfekt… Und die hier? Auch nicht? Himmel, jetzt fang bitte nicht an, ein Theater zu machen, wir brauchen noch Sachen für das Prinzchen und für Karlsson. Was braucht eigentlich der Zoowärter? Ist da mal ein Brief nach Hause gekommen? Nicht, dass ich wüsste. Zoowärter, habt ihr mal einen Brief mitbekommen? Nein? Was müsst ihr denn am Jugendfest anziehen? Weiss. Okay, nur oben oder auch unten? Unten auch? Hmmmm, ich glaube, weisse Hosen haben wir keine mehr in deiner Grösse…Dann suchen wir die eben auch noch. Prinzchen, bist du dir wirklich sicher, dass du gelbe Hosen brauchst? Gelbe Hosen für Jungs? Wo in aller Welt sollen wir das jetzt noch finden? Haben ja immer nur so fade Kleider für Jungs hier… Schau mal, Zoowärter, hier hat’s eine weisse Hose für dich. Wie, du brauchst keine weisse Hose? Du hast doch gesagt… Ach so, nur das T-Shirt muss weiss sein. Gut, dann nehmen wir hier dieses weisse Hemd, dann können wir den Zoowärter abhaken. Aber sonst finde ich in diesem Laden nichts… „Meiner“, ich geh‘ dann mal rüber, vielleicht hat’s dort eine bessere Auswahl. Du kommst dann mit Luise nach? Okay, jetzt also noch blaue Hosen für den Zoow…, äh, nein, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, gelbe Hosen für das Prinzchen, die ganze Garnitur für Luise… für Karlsson hat „Meiner“ bereits gesorgt…Oh, sieh mal an, hier hat’s eine gelbe Hose für das Prinzchen und dann erst noch zum halben Preis und was meinst du zu dieser Hose FeuerwehrRitterRö…Nicht? Warum denn wieder nicht? Einfach so? Jetzt reicht’s mir dann aber allmählich. Und die hier? Guuuuuuuut, du nimmst sie! Welch ein Wunder…Wo wohl „Meiner“ bleibt? Ach, dort drüben ist er ja. Sieht danach aus, als hätte Luise nun auch etwas gefunden… Jungs, bleibt bitte hier! Ich will euch nicht wieder suchen müssen…Mist, ich muss dringend aufs WC. „Meiner“, übernimmst du mal die Kinder? Himmel, diese Schlange vor dem WC…Ja, selbstverständlich passe ich auf Ihr Baby auf, währenddem Sie auf dem WC sind. Hatte ja auch mal so kleine Kinder…Okay, mal sehen, ob ich „Meinen“ und die Kinder wieder finde…. Da sind sie ja…. Nein, Jungs, jetzt reicht es wirklich! Ihr könnt hier nicht…Wo ist „Meiner“ jetzt plötzlich hingekommen? Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt…HIMMEL! JUNGS! ES! REICHT! MIR!!!!! Müssen die mich so blöd anschauen? Haben die nie ihre Nerven verloren, als sie mit ihren Kinder im grössten Chaos…..Und wenn „Meiner“ nicht endlich auftaucht, nehmen wir den Bus… Eine Runde noch, wenn ich ihn dann nicht finde….Okay, nicht gefunden (nein, keiner von uns hat ein Handy dabei), Jungs, wir nehmen den Bus, ich geb’s auf…

Eine Stunde später:

„Meiner“ und Luise kommen nach Hause, schwer beladen mit Kleidern, die Luise ihrem Papa hat abschwatzen können. „Wo seid ihr gewesen? Wir haben euch überall gesucht?“ – „Wo seid ihr gewesen? Ihr könnt doch nicht einfach so verschwinden…“ Ach, was soll’s. Immerhin haben wir alles, was die Kinder am Samstag brauchen in den richtigen Farben gefunden.

Wehe, die sagen am Samstag den Umzug ab! 

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Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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Sechs unverzichtbare Weisheiten

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich heute dazu entschieden, meinen Miteltern ein paar Weisheiten weiterzugeben:

  • Panini-Bildchen gefährden nicht nur das Familienbudget, sondern auch den Familienfrieden. Insbesondere, wenn sich die Eltern weigern, jedem der vier sammelwütigen Kinder ein volles Album zu finanzieren und stattdessen auf gemeinsames Sammeln bestehen. Gut, ich geb’s zu, eigentlich hätten wir das Sammeln gerne gänzlich verboten, aber wie um Himmels Willen soll man das schaffen, wenn die Kinder in der Bäckerei mit Gratis-Sammelalben angefixt werden?
  • Egal, wie skeptisch man dem ganzen Therapiezeugs gegenüber steht, manchmal kann ein Testresultat ganz hilfreich sein, um zu verstehen, weshalb man bei einem bestimmten Kind immer und immer wieder ins Leere läuft. Okay, das Problem ist damit nicht gelöst, aber immerhin weiss man jetzt, dass das Kind (noch) nicht anders kann. 
  • Ist dein Kind älter als zwölf, wirst du mit ihm Filme schauen, bei denen du alle paar Minuten denkst: „Darf er sich das wirklich schon ansehen? Mist, wenn ich gewusst hätte, wie die in diesem Film reden und welche Szenen er zu sehen bekommt, hätte ich ihm den Film verboten.“ Dennoch ist es wohl eine grosse Ehre, dass er kein Problem dabei sieht, sich den Film mit dir anzuschauen. Und: Besser mit dir, als mit einem Gleichaltrigen, der ihn auf die Idee bringt, das nachzuspielen, was im Film passiert.
  • Kleine Kinder sind oft krank. Grössere Kinder noch öfter. (Oder können die einfach besser krank spielen?)
  • Fragt mich bitte nicht, wie man auf die Idee kommen kann, ein so wandelbares Lebensmittel wie die Kartoffel nicht zu mögen, aber es gibt tatsächlich Kinder, die mit Erdäpfeln nichts anfangen können. Na ja, bei der in Stäbchen geschnittenen und im Öl gebadeten Version machen auch diese Kinder eine Ausnahme, aber ansonsten bleiben sie konsequent bei ihrer Abneigung. 
  • Die Aufforderung „Seid bitte leiser!“ bedeutet in Kindersprache übersetzt: „Du darfst gerne so laut weitermachen wie bisher, aber alle anderen sollen gefälligst still sein, damit man dich besser hört.“ Weil alle Kinder sich treu an diese Übersetzung halten, wird es nicht leiser im Zimmer, sondern lauter, denn um gehört zu werden, musst du lauter sein als alle anderen.

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