Ob sich das lohnt?

Die meisten Kinder haben wohl hin und wieder Bedenken, ob sich das mit dem Erwachsenwerden wirklich lohnt. Den einen graut davor, irgendwann so kleinkariert und langweilig zu werden wie ihre Eltern, andere möchten lieber nie so eine behaarte Brust wie Papa, manche finden die Vorstellung, nie mehr vollends im Spiel zu versinken ganz grauenvoll und es soll sogar welche geben, die schon im ganz zarten Alter ahnen, dass die Sache mit den Steuern nicht besonders toll ist. 

Auch Prinzchen macht sich vermehrt Gedanken über das Grosswerden. Manches – zum Beispiel die Vorstellung, Archäologe zu werden – beflügelt ihn. Anderes – der Gedanke, selber einmal Papa zu sein – ist für ihn gänzlich unvorstellbar. Und dann gibt es noch diese eine Sache, die ihn regelrecht anwidert: „Papa, muss ich auch solche Sachen machen, wenn ich mal gross bin?“, fragte er voller Entsetzen, als er „Meinem“ dabei zusah, wie er in der Küche einen neuen Verputz anbrachte. 

Nein, Prinzchen, das musst du natürlich nicht. Es sei denn, du wolltest eines Tages dieses Haus, das du gemeinsam mit deinen Geschwistern in Schutt und Asche zu legen versuchst, übernehmen.

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Karlsson-freies Osterwochenende

Das ist einfach nicht fair. Den anderen wird das Geld in den Hintern geschoben und mir knöpfen sie noch den letzten Rest ab. Während bei ihnen jeder investierte Rappen ein Mehrfaches an Gewinn bringt, schreibe ich einen Verlust nach dem anderen. Als ob das nicht schlimm genug wäre, regnet das Glück in Strömen auf sie hinab, meine Pechsträhne aber will kein Ende nehmen. Der kleinste Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten erlischt sogleich, wenn wieder irgend so ein Abzocker daherkommt und mit fiesem Grinsen eine unverschämte Forderung stellt, der ich natürlich umgehend nachkommen muss, ganz egal, wie klamm ich bin. Sollte mir das Glück doch einmal einen Augenblick lang hold sein, schlägt das Schicksal einen miesen Haken und ich stehe schlechter da als zuvor. Am Ende weiss ich nicht mehr, ob ich heulen oder ausrasten soll. 

Ich hasse es, wenn „Meiner“ und ich mit Luise Monopoly spielen müssen, damit sie die Karlsson-freien Ostertage irgendwie übersteht. 

  

Vollmundig

Schachklub kommt dann mal gar nicht in Frage für ihre Kinder. Und Fussball auch nicht. Na ja, ganz verbieten würden sie Fussball nicht, aber die Ausrüstung müsste der Nachwuchs selber bezahlen und natürlich würden die Eltern nicht ein einziges Mal zu den Spielen gehen. Damit muss man leben, wenn man sich für so eine Sportart entscheidet. Ein sportbegeistertes Kind wäre ja ohnehin eine Strafe für die Eltern. Eines, das Volksmusik mag übrigens auch. Falls sich die Knöpfe weigern, Blumenkohl zu essen, wird kurzer Prozess gemacht: Mund auf, Blumenkohl rein, Mund wieder zu. Beim Essen wird man dann ohnehin mal genau hinschauen müssen. Wählerisch dürfen sie nicht sein, die lieben Kleinen. Immer nur wie die Barbaren Pommes und Chicken Nuggets in sich reinstopfen geht gar nicht. Und dann diese Vergnügungsparks. Reine Zeit- und Geldverschwendung. 

Dies und noch viel mehr verkünden unsere Kinder vollmundig. Jawohl, genau die Kinder, die ihre alternativ angehauchten Eltern dazu gebracht haben,…

  • mit ihnen zu McDonald’s zu gehen, obschon „Meiner“ und ich in Vorkinderzeiten ähnlich vollmundig behauptet hatten, dorthin würden wir N-I-E gehen.
  • Ferien in kleinkarierten Kinderhotels zu verbringen (Immerhin war ich standhaft genug, um nicht bei dieser schrecklich peinlichen Polonaise mitzumachen, während „Meiner“ nicht den Mumm hatte, sich quer zu stellen, aber das ist ja auch kein Wunder, wo er doch als Kind schon immer zu solchen Dingen gezwungen wurde.)
  • am Schüler-Fussballturnier frierend am Spielfeldrand zu stehen und zu hoffen, dass die Mannschaft nicht noch eine Runde weiter kommt, damit endlich Schluss ist mit diesem Mist.
  • sich durch den Europa-Park zu quälen. (Also zumindest die Mama, der Papa hat sich bis anhin erfolgreich vor dieser Tortur gedrückt.)
  • Dosen-Ravioli zu kaufen, was Gott sei Dank nur einmal vorgekommen ist, da keiner das Zeug mochte.
  • viel Geld für Barbies, Minions, Transformers und anderen Kram liegen zu lassen, weil man Weihnachts- und Geburtstagswünsche halt einfach erfüllen muss. (Na ja, unsere Kinder würden natürlich behaupten, sie würden sich rundheraus weigern, solches Zeug zu verschenken, aber die haben ja keine Ahnung…)
  • Toast Hawaii zum Mittagessen zu servieren.
  • an einem regnerischen Samstag ins Shopping Center zu fahren.
  • Pullis mit „Bob der Baumeister“-Aufdruck zu kaufen.
  • bei offenem Fenster „Mir Senne heis luschtig“ vorzusingen.
  • Milchschnitten zu kaufen. (Na ja, immerhin habe ich sie nicht selber in den Einkaufswagen gelegt, sondern nur müde genickt und „Von mir aus, aber nur dieses eine Mal“ geseufzt.)
  • sich an unzähligen Orten im Schneckentempo mit diesen dämlichen Eisenbahnen herumkarren zu lassen und jedes Mal wie irr zu winken, wenn der „Zug“ bei Papa, der den Kinderwagen hüten musste, vorbeituckerte.
  • so zu tun, als würden wir bei dem Affentheater an Kinderkonzerten begeistert mitmachen, obschon man sich bis ins Innerste für den Hampelmann auf der Bühne fremdschämte.
  • nach dem Konzert eine halbe Stunde beim Hampelmann für ein Autogramm anzustehen.

und noch ganz viele andere schreckliche Dinge, die wir nie im Leben hatten tun wollen, die wir dann aber doch getan haben, weil Eltern so blöd sind, fast jeden Preis zu zahlen, um ihre Kinder glücklich zu machen. 

Sie werden dann ja sehen, wie das läuft. Und ich werde ihnen dann genüsslich diesen Text vorlesen.

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Warum überhaupt?

„Warum willst du überhaupt eine Diagnose?“, fragte neulich jemand, als wir darauf zu reden kamen, dass beim FeuerwehrRitterRömerPiraten einige Dinge anders sind als bei anderen Kindern. „Er ist halt einfach der FeuerwehrRitterRömerPirat mit all seinen liebenswerten und auch einigen schwierigen Seiten. Nehmt ihn doch einfach, wie er ist und verzichtet auf die Abklärungen“, meinte die Person und ich hätte ihr nur zu gerne beigepflichtet.

Eigentlich hat sie ja recht. Wozu soll so ein Etikett gut sein, das man dem Kind anheftet? Sind die Menschen denn nicht in der Lage, ein Kind einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist? Mit ihm unterwegs zu sein und ihm zu helfen, die wunderbaren Dinge, die in ihm drin stecken, zu Tage zu befördern? Die Geduld aufzubringen, mit ihm manches, was bei anderen mit zunehmendem Alter ganz von selbst kommt, Schritt für Schritt zu erlernen?

 Nein, das sind sie ganz offensichtlich nicht, oder zumindest lässt das System ihnen nur sehr wenig Spielraum, diese Geduld aufzubringen. Ein Kind hat gefälligst so zu funktionieren, wie die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter funktioniert und wenn es das nicht tut, unterstellt man ihm schnell einmal Unwilligkeit. Alle seine Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften spielen plötzlich keine Rolle mehr, es ist nur noch das Kind, das nicht liefert, was man glaubt, von ihm erwarten zu können.

Wie schwierig es ist, für ein solches Kind nur schon ein Minimum an Unterstützung zu bekommen, habe ich an anderer Stelle schon zur Genüge beschrieben. Erweist sich dann aber das Minimum, das man dem Kind irgendwann doch noch zugestanden hat, als zu wenig, läuft ohne präzise Diagnose überhaupt nichts mehr. Also hast du die Wahl: Entweder, du lässt die Experten an dein Kind heran, die herausfinden, wo der Grund für die Schwierigkeiten liegt, oder du lässt dein Kind untergehen. (Ja, ich weiss, einige würden jetzt für Homeschooling plädieren, aber aus Gründen, die nicht hierher gehören, geht das im Falle des FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht.)

Mit etwas Glück gerätst du nach langer Suche endlich an eine kompetente Fachperson, die das Kind nimmt, wie es ist, mit all seinen Schwächen und Stärken. Diese Fachperson darf dann, wenn Sie herausgefunden hat, wo der Hase im Pfeffer liegt, mit der Diagnose in der Hand für die nötige Unterstützung kämpfen. Sogar dann, wenn sich – wie Gott sei Dank in unserem Fall – die Schule nach ihren Erläuterungen willig zeigt, dem Kind zu geben, was es braucht, muss das noch lange nichts heissen. Das letzte Wort hat nämlich die Bildungspolitik und die hat ja trotz verankertem Recht auf Bildung in erster Linie die Finanzen im Blick. Die Diagnose ist also noch lange keine Garantie auf echte Unterstützung – vielleicht weicht sie ja einen halben Millimeter von dem ab, was noch durchgeht -, aber immerhin öffnet sie dir die Tür einen Spalt breit, damit wieder ein Schimmer Hoffnung auf das trübe Szenario von Versagensängsten, Überforderung und Schulfrust scheint. 

Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat diesen Hoffnungsschimmer ganz dringend braucht, sind wir ganz froh, nach vielen unnötigen Umwegen endlich eine Diagnose zu haben (die übrigens das bestätigt, was wir beobachtet haben und jetzt hat das Kind auch einen Namen bekommen).

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„Meiner“ wird das nie verstehen

Da kommst du nach einem langen Arbeitstag nach Hause und nichts ist, wie es gewesen war, als du am Morgen das Haus verlassen hattest. Das Wohnzimmer leer, der Fernseher im Flur, der Esstisch fast im Erker und dort, wo der Esstisch gewöhnlich steht, das Sofa, völlig quer in der Landschaft, umgeben von einigen Kleinmöbeln, über die du klettern müsstest, um dir eine Banane aus der Obstschale zu angeln. Dazu dieser alles durchdringende Geruch von Möbelpolitur, der deinen von den langen Stunden am Computer bereits benebelten Kopf noch ein wenig nebliger werden lässt. Und in diesem Zustand solltest du auch noch in der Lage sein, mit „Deinem“ darüber zu diskutieren, wo das Sofa hinkommen soll, nachdem der Fussboden die penetrant stinkende Politur in sich aufgesogen hat.

„Meiner“ wird nie verstehen, wie sehr mich ein solches freiwillig herbeigeführtes Chaos überfordert, denn er wird es nie erleben, dass ich mir ein derartiges Projekt aufhalse, wenn ich den ganzen Tag mit der Horde alleine bin. Mir reicht es ja vollauf, mit meinen beiden viel zu kleinen Händen den viel zu überladenen Alltag im Griff zu behalten.

Und wenn ihr das Geheimnis brav für euch behaltet, wird er auch nie erfahren, wie sehr ich ihn insgeheim für seinen Mut bewundere.

Ihr solltet ihm das wirklich nicht verraten, sonst wird er übermütig und dann sieht es nächstes Mal, wenn ich den ganzen Tag auswärts arbeite, noch viel schlimmer aus, wenn ich nach Hause komme.

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Wie soll man da demokratisch entscheiden?

Man empfiehlt ja uns Familien, wir sollten unsere Kinder in die Planung der gemeinsamen Ferien einbeziehen. Ein runder Tisch, an dem man beschliesst, wohin es gehen soll, wie lange man bleibt und wie man sich die freien Tage um die Ohren schlagen will. Eigentlich eine gute Idee, nur hat mir bis jetzt noch keiner sagen können, wie man mit sieben Sturköpfen einen Familienurlaub plant, wenn jeder ganz genau weiss, was er will und noch genauer, was er nicht will. 

Okay, die Frage, wohin es gehen soll, ist noch relativ einfach zu klären. Sechs von sieben wollen nach England oder Schweden, einige könnten sich auch noch mit Malta anfreunden und einer glaubt allen Ernstes noch immer daran, Mama und Papa hätten die nötigen Mittel und Nerven, um mit der ganzen Horde nach New York City zu fliegen. Da dies nicht der Fall ist und Gott sei Dank keiner das Bedürfnis bekundet, sich irgendwo an einem Strand im Süden braun rösten zu lassen, schauen wir mal, ob wir irgendwo in England oder Schweden unterkommen könnten und damit fangen die Probleme an.

Karlsson möchte ein Haus mit Antiquitäten, wenn möglich mit Klavier oder Cembalo, damit er während der Ferien nicht aufs Musizieren verzichten muss.

Luise hasst Antiquitäten, will auf gar keinen Fall auf WLAN verzichten und bevorzugt einen romantisch-verspielten, skandinavisch angehauchten Einrichtungsstil, ein Stil also, der Karlsson ganz und gar nicht zusagt. Ach ja, Meer fände Luise auch nicht schlecht. 

Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist das Haus eigentlich egal. Hauptsache, er kann sich irgendwo ein neues Holzschwert oder einen Pfeilbogen kaufen. Am liebsten in Astrid Lindgrens Värld, wodurch natürlich England als Ferienziel für ihn aus dem Rennen ist.

Auch dem Zoowärter ist das Haus egal, solange es in New York City steht. Unsere Erklärungen, warum das von uns gewählte Haus ganz bestimmt nicht in New York City stehen wird, überhört er geflissentlich, denn dann liessen sich ja seine Träume nicht zu Ende träumen.

Dem Prinzen ist das Haus eigentlich auch egal. Es sollte einfach nahe genug bei Astrid Lindgrens Värld stehen, womit auch für ihn England seinen Reiz verloren hat. 

Unter dem Strich steht also England eher schlecht da, weshalb „Meiner“ und ich uns bei der Ferienhaussuche auf Schweden konzentrieren. Das heisst, ich konzentriere mich und er stellt derweilen im Kopf  ein paar Sonderangebote zusammen, die in seiner Fantasie unglaublich toll aussehen, auf der Homepage des Ferienanbieters aber leider nicht existieren. 

Irgendwann präsentiere ich voller Stolz meine Shortlist, sorgfältig auf die unterschiedlichen Wünsche aller Familienmitglieder abgestimmt und doch so, dass ich mir vorstellen könnte, an den Orten zu nächtigen, ohne andauernd asthmatisch zu keuchen. „Meiner“ schaut die Liste an und stänkert. Zu wenig nah am Wasser. Zu wenig Distanz zu den Nachbarn. Zu wenig kompatibel mit den Preisvorstellungen, an denen er in seiner Fantasie noch immer festhält, obschon ich ihm gesagt habe, dass sie in keinerlei Verbindung zur Realität stehen. 

Während „Meiner“ und ich also über die Häuser, die ich für geeignet halte, debattieren, wirft Karlsson ein, wir sollten uns doch nicht so viele Gedanken machen, das Haus mit dem schönen, schwarzen Konzertflügel sei doch perfekt, Luise stänkert, dorthin komme sie auf gar keinen Fall mit, „Meiner“ sucht nach einem Kompromissvorschlag und mich überkommen Zweifel, ob wir nicht besser etwas weniger weit nördlich gingen, in Südschweden sei es ja auch schön aber bedeutend näher. Also noch einmal eine Shortlist, noch einmal debattieren, ein paar neue Wünsche, wieder Shortlist, zusätzliche Wünsche, eine weitere Debatte…

Bis uns irgendwann der Kragen platzt und „Meiner“ und ich vollkommen undemokratisch einen Entscheid fällen, dem sich die minderjährigen Familienmitglieder einfach unterwerfen müssen. 

Natürlich vermisst Karlsson bei unserer Wahl den Konzertflügel, Luise findet die Einrichtung nicht ganz so romantisch-verspielt wie sie es gerne hätte, der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Prinzchen fürchten, der Weg zu Astrid Lindgren sei zu weit. Einzig der Zoowärter ist rundum glücklich. Der träumt nämlich noch immer von New York City und hat noch gar nicht mitgekriegt, dass wir gebucht haben. 

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Zwist unter Brüdern

Aus dem Badezimmer, wo der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Badewanne sitzt, ertönt ein fürchterliches Geheul, verursacht durch eine fiese Attacke des Zoowärters. Der müsste eigentlich damit beschäftigt sein, den Esstisch zu putzen, stattdessen aber schleicht er sich ins Badezimmer, um den viel zu nassen Lappen über dem Kopf seines badenden Bruders auszuwringen. Obschon der Lappen seine Schicht in der Küche erst vor ein paar Stunden angetreten hat und deswegen noch relativ sauber ist, können wir eine solche Gemeinheit natürlich nicht einfach durchgehen lassen, weshalb wir den Zoowärter zu Überstunden im Küchendienst verdonnern. 

„Meiner“ und ich finden, diese Sanktion sei ganz und gar gerechtfertigt, der Zoowärter aber weint darob bittere Tränen. Ob wir denn vergessen hätten, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gestern ganz übel getreten hätte? Ob man sich denn in diesem Hause nicht mal mehr angemessen rächen dürfe? Nein, rächen dürfe er sich nicht, das würde den Konflikt nur in eine weitere Runde gehen lassen, erklären „Meiner“ und ich, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat habe sich gestern tatsächlich total daneben benommen. 

Der Zoowärter ist damit halbwegs besänftigt, der FeuerwehrRitterRömerPirat aber findet, er hätte seinen Bruder gestern vollkommen zu Recht angegriffen, wo dieser ihm doch vorgestern Zahnpaste aufs Haar geschmiert habe. 

Diesen Einwand können wir natürlich nicht einfach so beiseite wischen, also sagen wir dem Zoowärter, das mit der Zahnpaste sei nicht nett gewesen und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erklären wir die Sache mit der Rache, die wir ein paar Minuten zuvor seinem kleinen Bruder dargelegt haben. 

Für den FeuerwehrRitterRömerPiraten wäre die Sache damit erledigt, für den Zoowärter geht es jetzt aber erst richtig los. Die Zahnpasta-Attacke habe er doch nur durchgeführt, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat ihm immer die Legos klaue. „Welche Legos hat er dir denn geklaut?“, will ich wissen. „Hast du das schon wieder vergessen?“, fragt unser Zweitjüngster entrüstet zurück. „All die Legos, die er mir weggenommen hat. Und danach hat er frech behauptet, sie würden ihm gehören. Und dann hat Papa auch noch gelacht, weil wir uns so heftig darum gestritten haben. Und dann…“ Weiter kommt der Zoowärter nicht mehr, denn jetzt wird der ob der himmelschreienden Ungerechtigkeit von einem heftigen Weinkrampf gepackt.

Ich bin ziemlich verwirrt, denn an den geschilderten Vorfall kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, darum frage ich erneut: „Welche Legos hat er dir denn geklaut?“ Unter vielen Schluchzern presst der Zoowärter hervor, wo der Ursprung des Dauerkonfliktes, in den er mit seinem Bruder verwickelt ist, seiner Meinung nach liegt: „In Frankreich war es“, heult er. „Dort hat er mir meine Legos geklaut. Und seither hat er mir sie nie mehr zurückgegeben. Und darum ist er ganz selber Schuld, dass ich heute das mit dem Lappen gemacht habe. Und vorgestern das mit der Zahnpaste…“

In Frankreich? In Frankreich! Das ist jetzt mehr als ein halbes Jahr her…

Ich hatte ja geglaubt, nur in der Weltpolitik und bei „Asterix auf Korsika“ seien sie in der Lage, einen Konflikt so lange am Köcheln zu halten, aber offenbar sind unsere Söhne ebenso talentiert in dieser Hinsicht. 

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Mama…?

„Mama, hilfst du mir bei dem Kristall-Experiment?“

„Mama, wo sind die Klebstreifen?“

„Mama, ich will mich bei Ricardo einloggen. Zeigst du mir bitte, wie das geht?“

„Mama, die Katze hat in mein Zimmer gekackt. Was soll ich jetzt machen?“

„Mama, sind die Läden heute offen?“

„Mama, wir möchten testen, ob dieses Gerät noch läuft. Kannst du helfen?“

„Mama, ich weiss nicht, wie ich mein E-Banking einrichten muss.“

„Mama, wo ist der Brotaufstrich, den ich mir gekauft habe?“

„Mama, ich will mir diese Agenda bestellen. Hilfst du mir?“

„Mama, sagst du dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, er solle aufhören?“

„Mama, dürfen wir heute noch ans iPad?“

„Mama, können wir heute lange aufbleiben und im gleichen Zimmer schlafen?“

Andauernd diese Fragen und jede einzelne an mich gerichtet, obschon daneben ein Papa sitzt, der in diesen Tagen genauso auf der faulen Haut liegt, der ebenso in der Lage wäre, zu helfen und der ganz und gar nicht zu diesen passiven Vätern gehört, die keinen Schimmer haben, was zu Hause alles läuft. Trotzdem wird er nicht ein einziges Mal in seinem süssen Nichtstun gestört.

Ich möchte ja nicht unbedingt jenen das Wort reden, die derzeit auf Facebook verbreiten, die einzige Frage, die man Vätern stelle sei „Papa, wo ist Mama?“, aber momentan fühlt es sich gerade an, als hätten sie recht. 

(Und dabei antworte ich doch auf jede dritte Frage: „Frag Papa. Der hat gestern aufgeräumt und weiss bestimmt, wo das ist.“)

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Batterien aufladen

Ich: „Ich brauche ganz dringend Ferien…“

Glucke: „Ferien? Spinnst du? Du kannst doch deine Kinder jetzt nicht im Stich lassen.“

Ich: „Ich lasse sie doch nicht im Stich. Ich brauche nur mal ein paar Tage Ruhe nach diesem anstrengenden Jahr.“

Glucke: „Du liebst sie nicht mehr!“

Ich: „Natürlich liebe ich sie, aber ich bin einfach hundemüde und möchte wieder mal einen klaren Kopf bekommen.“

Glucke: „Müde, müde, müde… Immer dieses Gejammer. Du hast keinen einzigen Grund, müde zu sein.“

Ich: „Natürlich habe ich einen Grund…oder vielmehr Gründe. Schwiegermama, die mich in den ersten Monaten des Jahres voll in Anspruch genommen hat, die viele Arbeit, die ich dann nachholen musste, Frankreich…“

Glucke: „Frankreich war doch herrlich. Den ganzen Tag mit den Kindern.“

Ich: „Klar war es herrlich, aber im Gegensatz zu ‚Meinem‘ und den Kindern hatte ich keine Ferien, sondern einfach mein übliches Familien- und Berufsleben an einem anderen Ort mit unfreundlicheren Nachbarn.“

Glucke: „Aber du hattest deine Kinder um dich…“

Ich: „Ja, das hatte ich und ich habe es genossen. Zeit, um mal ein wenig nachdenken hatte ich trotzdem nicht. Und nach Frankreich kam der Garten, dann Luises Unfall und jetzt sind sie alle krank…“

Glucke: „Genau, sie sind krank und du willst sie einfach ihrem Schicksal überlassen.“

Ich: „Ich überlasse sie nicht ihrem Schicksal, ich überlasse sie ihrem Vater.“

Glucke: „Ihrem Vater, der selber ganz dringend Ferien braucht. Und der sie übers Wochenende von einem Termin zum andern karren muss. So ein Stress…“

Ich: „Der gleiche Stress wie immer und ich muss das ja auch immer wieder ohne ihn schaffen, wenn er am Unterrichten ist.“

Glucke: „Mag sein, aber du verpasst das Weihnachtstheater, in dem Karlsson und Luise mitmachen. Das muss dir doch das Herz brechen…“

Ich: „Wie viele Weihnachtstheater habe ich in meiner Mütterkarriere schon gesehen?“

Glucke: „Man kann nie genug bekommen von Weihnachtstheatern, in denen die eigenen Kinder mitspielen.“

Ich: „Meiner kann’s ja für mich filmen.“

Glucke: „Nur ein herzloses Miststück wie du kann eine Filmaufnahme als gleichwertigen Ersatz ansehen.“

Ich: „Himmel, ich bin kein herzloses Miststück, ich will nur mal wieder ein paar Tage schlafen, lesen, schreiben und in Museen herumirren.“

Glucke: „Ein herzloses, egoistisches Miststück…“

Ich: „Nein, eine verantwortungsvolle Mutter, die weiss, dass sie hin und wieder die Batterien aufladen muss, wenn…“

Glucke: „Oh ja, genau, verantwortungsvoll… Und das am vierten Advent…“

Ich: „Genau, am vierten Advent. Das mit den freien Tagen vor Weihnachten hat bei mir ja schon fast Tradition.“

Glucke: „Du hattest auch mal die Tradition mit dem Weihnachtsstollen. Davon habe ich dieses Jahr noch nichts mitbekommen…“

Ich: „Dann warst du offensichtlich nicht aufmerksam genug. Gerade vor zehn Minuten habe ich die kandierten Früchte eingelegt.“

Glucke: „Das ist aber reichlich spät…“

Ich: „Spät, aber nicht zu spät.“

Glucke: „Trotzdem: Dein Egoismus ist schon fast Programm. „

Ich: „Noch einmal, das ist kein Egoismus. Ich gönne mir die Pause ja nur, damit ich an Heilig Abend mit frisch aufgeladenen Batterien meine Kinder nach Strich und Faden verwöhnen mag.“

Glucke: „Seit wann verwöhnst du die Kinder? Das ist mein Job.“

Ich: „Du hast ja keine Ahnung, wie gut ich mit frisch aufgeladenen Batterien verwöhne…“

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Appetitzügler

Unsere Kinder essen mit Genuss, was man denen, die eher nach mir kommen, phasenweise auch ansieht, denen, die nach „Meinem“ kommen hingegen nicht so sehr. Einem – ich werde in diesem Falle keine Namen nennen – sieht man es momentan gerade deutlich an, was vermutlich damit zusammenhängt, dass das betreffende Kind bis vor Kurzem davon ausging, man sei erst satt, „wenn es weh tut“, wie es zu sagen pflegte. Diesem Kind versuchen wir nun beizubringen, wo die Grenze zwischen satt und pappsatt liegt, was bei diesem sensiblen Thema nicht gerade einfach ist. Bringt mal einem, der sich gerade mit vor Vorfreude glänzenden Augen die dritte gehäufte Portion auf den Teller geschaufelt hat, schonend bei, etwas weniger wäre mehr. Das geht nur selten ohne Tränen. Dennoch versuchen wir, den nahezu grenzenlosen Appetit auf diplomatische Art und Weise in etwas gemässigtere Bahnen zu lenken. 

Heute ging es trotzdem wieder schief, als das Kind nur wenige Augenblicke nach drei grossen Portionen Lauchpastete genussvoll zwei Lussekatter verspeiste, die ich heute Morgen gebacken habe. Das sei nun wirklich etwas viel, vor allem wenn man an den Hosenknopf denke, der sich heute früh nicht habe schliessen lassen, bemerkte „Meiner“ vorsichtig und auch ich mahnte, der Magen brauche ganz dringend eine Pause. Das war zu viel, das Kind brach in Tränen aus und stiess unter lautem Schluchzen hervor: „Aber wie soll ich denn weniger essen, wenn Mama immer so viele gute Sachen macht?“

Ja ja, schiebt nur immer schön der Mama die Schuld in die Schuhe…

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