Gastfreundschaft

Hach, wier ich das Ländli liebe! Da wird dir von A bis Z jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Kleines Beispiel gefällig? Gestern Abend, als ich mich zum Abendessen an den mir zugewiesenen Tisch setzte, packte mich das Grauen. Mir gegenüber sass eine nette alte Dame, die zwar freundlich dreinschaute, jedoch kein Wort sagte und die beim Essen, nun sagen wir mal etwas Mühe hatte mit dem Kauen. Wofür ich durchaus Verständnis habe. Aber da ich zu Hause ja häufig genug sehr junge Menschen um mich herum habe, die Mühe haben mit dem Kauen, ist mein Bedürfnis klein, in meinen Ferien sehr alten Menschen dabei zuzusehen, wie sie mit dem gleichen  Problem kämpfen wie meine Kinder.

Zu meiner Rechten sass ein älteres Ehepaar. Er ein ziemlich ungeduldiger Herr, der verzweifelt nach einem Grund suchte, sich zu beklagen. Sie eine dominante Dame, die „Ihren“ unablässig auf kleine Fehlerchen aufmerksam machte und gleichzeitig die andere Tischnachbarin dazu zu zwingen versuchte, sich nach ihrer Heimkehr die Mahlzeiten vom Mahlzeitendienst nach Hause liefern zu lassen, obschon die Frau versichterte ihre Nachbarin werde für sie kochen.

Mich behandelte man wie Luft, was für mich eigentlich kein Problem gewesen wäre, hätte ich nicht irgendwann erfahren, dass meine netten Tischgenossen bis Donnerstag bleiben würden. Okay, dachte ich, den Rest deines Aufenthalts wirst du geniessen, aber die Mahlzeiten werden eine Qual bleiben. Als  ich „Meinem“ am Telefon mein Leid klagte, meinte er, ich solle sofort reklamieren.

Aber im Ländli musst du nicht reklamieren. Es genügt, wenn du am Morgen der Chefin des Restaurants einen belsutigten Blick zuwirfst, als der Tischnachbar sich darüber aufregt, dass seine Kaffeetasse nicht nullkommaplötzlich aufgefülllt wird. Und schon raunt dir die Restaurantchefin verschwörerisch zu: „Wollen Sie den Tisch wechseln? Wäre ja schade, wenn Sie die ganze Zeit hier sitzen müssten.“ Und das an einem durch und durch frommen Ort!

Kein Vorwurf im Sinne von „Hey, du bist Christ, also ertrage gefälligst deine Nächsten, wenn du diese schon partout nicht lieben willst.“ Sondern: „Du bist mein Gast. Ich will, dass du dich wohlfülst und dass du mal frei sein kannst von all den mühsamen Seiten des Lebens. Also vergiss die nervenden Tischnachbarn. Ich sorge dafür, dass du heute Mittag angenehmere Gesellschaft hast.“

Genau darum liebe ich das Ländli.

4 Gedanken zu “Gastfreundschaft

  1. War nicht schwimmen. Habe geschrieben (und Solitaire gespielt, wenn ich eine Schreibblockade hatte).

  2. Oh ja, die Gesellschaft ist eindeutig angenehmer! Was so ein belustigter Blick doch alles bewirken kann…

  3. Na endlich, wieso klappt es nie, wenn ich es sage? liebe Gruess, wie war das das Schwimmen? Falls du dich weigerst, dein Designerbadekleid anzuziehen, kannst du ja zur Reception gehen, nur fragen don`t be shy, babe!

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