Zuviel

Spätestens am Donnerstag hätte es eigentlich klar sein sollen, was abgeht. Die Brustentzündung aus heiterem Himmel war ein deutliches Zeichen: Genug gestresst, Zeit, eine Pause einzulegen. Aber wie denn? Wo doch das Au-Pair krank  – oder zumindest so ähnlich – war? Wie denn, wenn „Meiner“ am Samstag seine Arbeitskollegen zum Essen eingeladen hat, weil er sich nach zwölf Jahren aus dem Kollegium verabschiedet? Wie denn, wenn du ein Elterngespräch im Kindergarten hast? Wie denn, wenn der ganz banale Alltag schon genug Action bietet? Du kannst das Leben nicht anhalten, so sehr du dir dies zuweilen wünschen würdest. Und deshalb tust du so, als hättest du die Warnsignale, die dein Körper dir sendet, nicht bemerkt. Du machst weiter, weil du weisst, dass eine Pause nicht drinliegt. Jetzt noch nicht, du musst noch ein paar Wochen warten.

Und deshalb spulst du das Programm ab wie geplant. Du gibst dein Bestes für die Familie, du planst die Einladung in allen Details, du machst alles bereit, damit die Gäste sich wohlfühlen. Du spürst zwar, dass du es kaum mehr schaffst, die Schüsseln für das Buffet die Treppe hochzutragen. Du merkst, dass du immer reizbarer wirst. Du ahnst, dass die Kraft nachlässt. Aber du machst weiter, weil die Familie sich freut, weil die Gäste es verdient haben, dass man sie verwöhnt. Und dann, mitten in der Party, bricht der Damm. Du kannst nicht mehr, du bringst kein Lächeln mehr zustande, du schaffst es kaum mehr, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Du ziehst dich zurück, denn du weisst, wenn du jetzt mit jemandem redest, dann wirst du verletzend sein, denn du siehst nur noch schwarz. Oder du wirst verletzt, denn deine Haut ist wiedermal so dünn, dass du in jedem Wort einen Vorwurf siehst. Du gehst den Gästen aus dem Weg, nicht, weil du sie nicht magst, sondern weil du weisst, dass du im Moment so ungeniessbar bist, dass du ihnen die Party verderben würdest. Also räumst du auf, damit du niemandem zur Last fällst. Und irgendwann, währenddem du Teller schleppst, leere Flaschen entsorgst, Speisereste in den Kühlschrank stellst, irgendwann, mittendrin, beginnen die Tränen zu fliessen. Du weisst nicht warum, es hat dir keiner etwas Böses getan und du schimpfst dich selbst eine dumme Kuh, die alles verdirbt. Aber die Tränen fliessen dennoch weiter.

Erst später, als die letzten Gäste gegangen sind, wird dir endlich bewusst, was los ist: Du hast einmal mehr die Grenze überschritten. Du hast vergessen, dass du noch nicht gesund bist, auch wenn es dir schon so viel besser geht als noch vor einem Jahr. Du hast übersehen, dass dein Energietank schon fast leer war, du hast die Signale deines Körpers nicht ernst genommen und du bist mal wieder zu verschwenderisch umgegangen mit deinen Kräften. Und deswegen  bist du einmal mehr im schwarzen Loch gelandet. Weil du keine Möglichkeit gesehen hast, dem Trubel eine Grenze zu setzen. Und wie so oft, wenn du im schwarzen Loch sitzt – was Gott sei Dank nur noch selten vorkommt -, schaffst du es nicht, einzuschlafen. Und deshalb bloggst du und hoffst, dass das, was du zu später Stunde in die Tasten haust, irgend einer überforderten Mutter auf diesem Planeten zeigt, dass sie nicht alleine im schwarzen Loch sitzt, sondern dass da mindestens noch eine andere ist, die es auch nicht immer schafft, das Leben mit Schwung und voller Freude zu meistern.

14 Kommentare zu “Zuviel

  1. Und Rumms….. da war er wieder, der sprichwörtliche Schuss vor den Bug 😉

    Liebe Mama Venditti, zum deutlichen Schuss vor den Bug brauche ich wohl nichts zu sagen 😉 Aber wenn ich als relativ frischer Leser darf, dann nehme ich sie virtuell mal ganz fest in den Arm und versuche etwas halt zu geben.

    Versuchen Sie sich, wie schon einmal erwähnt, wenn irgend möglich zumindest für ein paar std. völlig frei zu machen (Und ja, ich weis wie leicht das dahingesagt ist, und wie schwer bis unmöglich es umzusetzen ist.) und etwas nur für sich zu tun.

    Und wenn es gar nicht mehr geht und Sie mal raus müssen, dann steht hiermit eine Einladung in den hessischen Vogelsberg.

    Alles, alles Gute

    • Danke für die Einladung! Vielleicht schauen wir Vendittis mal vorbei, wenn wir es je wieder fertigbringen, die nördliche Grenze zu überschreiten. 😉
      Ja, das mit den freien Stunden ist tatsächlich nicht immer einfach, aber wo ein Wille ist, sollte theoretisch ja auch ein Weg sein, oder?

  2. Ach herrje, du schreibst mir mal wieder aus der Seele.

    Du weisst, du bist bei uns immer willkommen, egal ob du lachen, weinen, plaudern oder einfach nur Abstand gewinnen willst. Ein Anruf genügt und ich setze das Teewasser auf. 🙂

    Ich schicke dir eine herzliche Umarmung und ein bisschen Sonne für dein Herz.

    • Danke! Das tut gut! Wiedermal bei Tee und irgendetwas – zum Beispiel Meringues 😉 – ein wenig austauschen wäre cool! Hast du mal Zeit in diesem Sommer?

      • Ich habe immer Zeit – ausser, äh, *nach Agenda kramen geh*… 🙂

        Ich melde mich bei dir in den nächsten Tagen, sobald die grad aktuelle Aua-Aua-blöder-Backenzahn-Nicht-Schlaf-Phase vorbei ist.

        Gute Besserung (in sämtlichen Bereichen!)

      • Autsch! Hoffentlich ist die Aua-Aua-blöder-Backenzahn-Nicht-Schlaf-Phase bald vorbei. Denn die mündet ja sonst meistens in die Lass-Mama-endlich-schlafen-sonst-fange-ich-an-rumzubrüllen-Phase.

  3. Danke, dieses Gefühl manchmal einfach nur weinen zu wollen ohne einen „vermeintlich wirklichen“ Grund kenne ich auch. Und eine Einladung absagen ist für mich auch so gut wie unmöglich. Daher kann ich mich den beiden anderen nur anschließen. Du bist nicht allein und auch ich habe nur „Tips“ von denen ich selbst weiss, dass sie zwar toll klingen, aber sooooo schwer umzusetzen sind.

    Ich weiss gar nicht ob ein paar Stunden frei dir helfen würden. Frau träumt davon und sehnt sich danach, aber eigentlich brauchen wir doch regelmäßig unsere Auszeit und das ist so viel schwerer zu organisieren.

    Schade, dass du in der Schweiz wohnst. Ich suche ja immer noch ein paar Mamas für einen regelmäßigen Sauna Treff. Da kann man erst beim Schwitzen allen Frust rauslassen und dann 1-2 Stunden gemeinsam dösen und ausruhen ohne erklären zu müssen warum.

    Und wenn dein Au-Pair wieder da ist, leg dich ins Bett. Mir hilft immer mir den Worse-Case zu überlegen. Was wäre wenn du ins Krankenhaus musst, oder einen richtigen Zusammenbruch bekommst und zur Kur musst ohne Kids?
    Richtig es wäre kompliziert, aber es würde/müsste gehen irgendwie.
    Also geht es auch für 1-3 Tage wenn du dich einfach zurück ziehst. Am besten Tür abschließen und Ohrstöpsel rein und dann 24 Stunden nur schlafen und lesen. Danach kannst du ja „Besucher“ empfangen und meist hält man es ja dann auch ohne seine Lieben nicht mehr aus. Aber solange bis deine Brust und die Seele nicht wieder entspannt sind würde ich jetzt die Notbremse ziehen.

    • Sobald ich die Notbremse gefunden habe, werde ich sie ziehen. Manchmal ist sie einfach etwas schwierig zu finden, wenn alles drunter und drüber läuft.
      Die Idee mit der Sauna klingt gut. Vielleicht machen wir ja wiedermal in Deutschland Urlaub…

  4. Selbst, wenn du im schwarzen Loch sitzt, bist DU noch in der Lage, anderen etwas zu geben (zum Beispiel mit diesem Text).
    Trotzdem solltest du du jetzt unbedingt in den NEHMEN- Modus schalten…dein „Konto“ diesbezüglich ist so voll -das kann gar nie leer werden. Alles Gute.

    • Merci! Für das Kompliment und die guten Wünsche. Heute Abend schalte ich ganz bestimmt in den Nehmen-Modus. Ich habe da noch einen Badekometen von Lush….

  5. Liebe Tamar,
    Ich hoffe, der Badekomet hat ein bisschen geholfen… und vielleicht der heutige Tag auch? Obwohl du da ja auch wieder Trubel erlebt hast, brauchen wir ja auf verschiedenen Ebenen unserer Persönlichkeit gute Inputs und Aufbau 🙂 Ich wünsche dir eine Woche, die weniger streng ist als du sie erwartest und so viele persönliche Inseln wie nur möglich!!!

    • Ja, der Badekomet hat gut getan und auch sonst sehe ich nicht mehr ganz so schwarz. Und auch wenn ich heute vor lauter Müdigkeit fast von der Tribüne gekippt wäre, gut getan hat der heutige Tag trotzdem. („Leider“ haben mich die anregenden Inputs auch gleich wieder auf neue Ideen gebracht… 😉 )
      Liebe Grüsse an euch alle

      Tamar

  6. Liebe Tamar,
    du bist mir sehr sympatisch. Als Mamma von 3 wilden Kids fühle ich mich in so Manchem verstanden, wenn du etwas aufs Papier bringst. Ich wünsche dir alles Gute und dass sich dein Tank schnell wieder füllt!

    • Liebe Martina
      Ich freue mich immer, wenn ich höre, dass andere Mütter sich verstanden fühlen. Denn ist es nicht oft dieses Gefühl von nicht verstanden werden, das einem so viel Kraft raubt?
      Mein Tank ist sich so ganz langsam wieder am Auffüllen, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis er wieder voll ist….
      Ich wünsche dir, dass du bei deinen 3 wilden Kids auch immer wieder Zeiten der Erholung findest.

      Liebe Grüsse

      Tamar

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