Bindeglied zwischen zwei Welten

Auf der einen Seite ist meine Mutter, aufgewachsen in einer Zeit, in der man, wenn man eine Einzahlung machen wollte, sein Geld am Bankschalter bezog und damit zum Postschalter ging, um es dort mithilfe eines Einzahlungsscheins einzuzahlen. Natürlich bekam sie mit, dass sich die Dinge im Laufe der Jahre änderten und sie bemühte sich auch darum, so gut als möglich Schritt zu halten mit den Veränderungen, von denen sie direkt betroffen war. Doch während ihre Familie in Schule und Beruf die zunehmende Digitalisierung Schritt für Schritt mitmachte, blieb für sie das Ganze ein Buch mit sieben Siegeln, von denen sie vielleicht zwei oder drei mit Unterstützung ihrer Kinder zu öffnen vermochte.

Auf der anderen Seite ist ein Jüngelchen, der sich im Call Center mit den Fragen herumschlägt, die ihm Leute stellen, die beim Online Banking ein Problem haben. Eine Welt ohne Internet hat er nie gekannt, Einzahlungen hat er vermutlich noch nie anders als online erledigt. Dass es Menschen gibt, in deren Leben alles Digitale nur eine marginale Rolle spielt, kann er sich schlicht nicht vorstellen. Seinen ganzen Arbeitstag verbringt er vor dem Bildschirm, seinen Feierabend vermutlich abwechselnd am Handy, an der Konsole und am Tablet. Wahrscheinlich kann man es ihm nicht verübeln, dass er sich nicht vorstellen kann, wie anders der Alltag einer Frau aussieht, die vor dem zweiten Weltkrieg zur Welt gekommen ist. Es ist nicht anzunehmen, dass irgend jemand sich die Mühe genommen hat, den jungen Mann im Umgang mit diesen Menschen aus einer anderen Zeit zu schulen. Warum auch? Die haben doch bestimmt alle irgendwo ein paar Töchter oder Söhne, die sich um solche Sachen kümmern können.

Das ist der Punkt, wo ich als Bindeglied dieser zwei Welten ins Spiel komme. Als die Bank meiner Mutter mitteilte, für ihre Zahlungsaufträge per Briefpost würden in Zukunft hohe Gebühren verrechnet, war ich mit meinem iPad zur Stelle, um fortan das Online Banking für sie zu erledigen. Das funktionierte sehr gut – bis zu dem Tag, an dem mein iPad bei einem meiner Balanceakte zwischen analoger Hausarbeit und digitaler Kopfarbeit das Zeitliche segnete. Das neue iPad, das bald darauf seinen Dienst bei mir antrat, wäre nur zu gerne bereit gewesen, sich weiterhin um die Zahlungen meiner Mutter zu kümmern, doch leider hatte die Bank da ihre Vorbehalte. „Einem Gerät, das wir nicht kennen, vertrauen wir nicht“, liess man mich beim Login via Warnmeldung wissen und so kam es, dass ich mich an das Jüngelchen im Call Center wenden musste.

Tja, und das Jüngelchen vertraute mir natürlich auch nicht. Kann ich verstehen, er hat da seine Vorschriften und es soll ja tatsächlich Töchter und Söhne geben, die ihre arglosen Eltern ausnehmen wollen. Was ich jedoch nicht verstehen kann: Warum kann mir das Jüngelchen nicht klipp und klar sagen, was meine Mutter und ich tun müssen, um mein iPad möglichst schnell und unkompliziert wieder mit dem Konto meiner Mutter zu verbinden. Schickt man uns neue Logindaten? Müssen wir noch einmal beim Bankschalter antraben? Könnte man das Problem allenfalls telefonisch lösen?

Kann er mir alles nicht beantworten, wenn er nicht vorher meine Mutter ans Telefon bekommt, um ihr ganz viele Kontrollfragen zu stellen, für deren Beantwortung sie ihre Papiere hervorkramen muss, weil sie die Zahlen doch nicht alle auswendig im Kopf hat. Erst, nachdem es ihm gelungen ist, sie komplett durcheinander zu bringen, darf er ihr die Antwort auf meine Frage geben: Jawohl, sie bekommt per Post ein neues Login zugestellt.

Dass sich die Sicherheitsfragen und die ganze Verwirrung erübrigt hätten, weil das Login ohnehin nur angewendet wird, wenn meine Mutter mir im Vertrauen, dass ich sie nicht übers Ohr haue, den Brief übergibt, versteht er nicht. In der Welt, in der das Jüngelchen lebt, gibt es keine Menschen, die so ein Login nicht selber einrichten können.

Und dass sich dank dieser Geschichte eine Frau, die in ihrem Leben enorm viel geleistet und dabei die Digitalisierung verpasst hat, ziemlich abgehängt vorkommen muss, interessiert ohnehin niemanden. Zumindest nicht jene, die bei all den Veränderungen, die sie vorantreiben, vergessen, dass es auch noch Menschen gibt, die in einer anderen Zeit gross geworden sind.

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