Wiedersehen

Meinem Jüngsten stricke ich derzeit eine Decke in allen Neontönen des Farbspektrums, weil er die grelle Wolle so unglaublich schön findet.

Einer meiner Söhne trägt seit dem heutigen Coiffeurbesuch einen Vokuhila. Na ja, immerhin nicht mit Stolz.

Ein sehr lieber Mensch aus meinem engeren Umfeld trug neulich eine jener schrecklichen Stone – oder Acid? – Washed Jeans, wie man sie in den Achtzigern trug. Am selben Tag ging vor mir eine Frau, die eine ähnliche Scheusslichkeit spazieren führte, diesmal in der etwas weiter geschnittenen Version mit breitem Gummizug oben und unten. Dazu pastellfarbene Stoffschuhe…

Meine Tochter findet diese abscheulichen, mit Nieten oder Fransen besetzten Stiefelchen nicht so hässlich, wie ich es von ihr erwarten würde.

Allmählich fürchte ich mich vor dem Tag, an dem meine Kinder dauergewellt, in Stretch Jeans und mit Fledermausärmel-Pulli vor mir stehen.

Kein Zweifel, auch unserer Generation bleibt es nicht erspart, mit ansehen zu müssen, wie die eigenen Kinder exakt die gleichen Geschmacksverirrungen durchmachen wie ihre Eltern.

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Übermorgen

Karlsson ist von Montag bis Freitag im Klassenlager, „Meiner“ und die anderen Kinder sind am Dienstag auf Sternwanderung, die Wetterprognose verheisst prächtiges Wetter und das stellt mich vor ein grosses Problem: Was mache ich an einem Tag, an dem von 8:10 Uhr bis 14:30 Uhr kein einziges Familienmitglied etwas von mir wollen kann? Man könnte ja so unglaublich viel anstellen an einem solchen Tag. Zum Beispiel vollkommen ungestört fast das ganze Wochenpensum abarbeiten. Pasta mit Mayonnaise essen und dabei die Zeitung lesen. In den Zug sitzen und ins Blaue fahren. Stundenlang schreiben. Schlafen. Jemandem helfen. Gärtnern… Die Auswahl ist überwältigend und genau dies ist es, was mich überfordert. Was, wenn ich mich für das Falsche entscheide und abends ernüchternd feststellen muss, dass ich die kostbaren Stunden vergeudet habe?  Es kann Ewigkeiten dauern, bis eine solche Gelegenheit wieder kommt und die Angst, alles zu vermasseln ist gross. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine geschätzten Leser zu fragen, was ich aus dem kommenden Dienstag machen soll. Ich bin gespannt auf das Abstimmungsergebnis; ob ich dann auch tun werde, was die Mehrheit meiner Leserschaft für richtig hält, wird man sehen. Vielleicht komme ich ja plötzlich auf die Idee…

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Heute investiert

75 Minuten und 110 Blumenzwiebeln in einen bunteren Frühling. 

6,5 Minuten in die botanische Erziehung des Prinzchens und seines besten Freundes. („Zuerst mit dem Ende des Kochlöffels ein Loch in die feuchte Erde graben…Nein, noch etwas tiefer…noch etwas tiefer…Halt! So tief nun auch wieder nicht…jetzt die Blumenzwiebel rein, zudecken und das nächste Loch graben. Nein, nicht hier, hier habe ich schon eine gesetzt….Ihr mögt nicht mehr? Die hier noch, dann seid ihr fertig. Bringt den Kochlöffel wieder nach oben, den brauche ich noch. Nein, das machst du. Ja, ich weiss, du hast Rückenschmerzen von der harten Arbeit, aber glaub mir, das habe ich auch und mein Rücken ist bedeutend älter als deiner….“)

125 Gedanken und drei Gesprächsminuten mit „Meinem“ in eine verbesserte Nutzung des Gewächshauses. 

18 Gedanken in die Optimierung der Melonengrösse. Nicht, dass ich es übertreiben möchte, aber ich habe das Gefühl, dass für eine ausgereifte Tigermelone auch etwas mehr als 5 Zentimeter Durchmesser drinliegen.

39.80 Fr. in ein Verbessertes Raumklima und damit unendlich viel in das Wohlbefinden unserer Gäste, die den Geruch unserer Katzen durchaus noch wahrnehmen, wenn sie die Wohnung betreten.

Eine mit Curry-Blumenkohl belegte Piadina in die Liebesbeziehung zwischen dem Zoowärter und dem genannten Gemüse.

2 Stunden in das Anlegen eines Pfirsich-Wintervorrats. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an unseren Nachbarn, der seinen Pfirsich-Überfluss mit uns teilt. Ja, wir haben auch anständige Nachbarn, nicht nur solche, die immer gleich die Polizei rufen.

2 Kilo zukünftiger Essiggurken in das Glück meines Mannes. Und meiner Kinder, falls „Meiner“ etwas für sie übrig lässt.

Je einmal ausschlafen und einmal Mittagsschlaf in die Bekämpfung meiner Dauermüdigkeit.

30 Minuten in ein glücklicheres Leben unserer Wachteln.

Viel Arbeit, ein bisschen Shopping und noch mehr Abwechslung in die Verhinderung meiner üblichen samstäglichen Misere. 

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So geht das nicht, „Meiner“

Mein lieber „Meiner“

Glaub mir, ich schätze es ungemein, mit einem Mann verheiratet zu sein, der ohne grosse Komplikationen von heute auf morgen meine Rolle übernehmen könnte. Ich gebe unumwunden zu, dass du eindeutig begabter bist als ich, wenn es um die praktischen Seiten des Familienalltags geht. Ja, ich ertappe mich zuweilen dabei, wie ich mit dir prahle, wenn ich mit Frauen ins Gespräch komme, die ihr Leben mit einem Mann teilen, der nicht mal Spaghetti kochen kann. Oh ja, solche Männer gibt es noch immer, auch wenn wir beide das nicht für wahr halten möchten.
Jetzt, wo ich dir all diese lieben Dinge gesagt habe, möchte ich mit einer Bitte an dich herantreten. Nun ja, eigentlich ist es ein Befehl, aber da wir zwei einander nichts zu befehlen haben, tue ich eben so, als wäre es eine Bitte.

Also: Bitte, mein allerliebster „Meiner“, lass gefälligst im Zukunft deine Finger von Kinderarzt- und Coiffeurterminen. Ich kann ja verstehen, dass es dir nach deinem schlimmen Zeckenerlebnis wichtig ist, unsere Kinder gegen das FSME-Virus impfen zu lassen, ich sehe es dir sogar für einmal nach, dass dich meine Meinung zu dieser Impfung nicht im Geringsten interessiert hat. Aber kannst du mir bitte erklären, welcher Teufel dich geritten hat, als du – so ganz ohne Vorkenntnisse in Sachen Terminvereinbarung mit Kinderärzten – einen Termin für alle fünf Kinder vereinbart hast? Und dies an einem Donnerstagnachmittag, an dem jeder ein anderes Programm hat, so dass wir die Kinder gestaffelt hinkarren müssen. Dann notierst du dir auch noch eine falsche Zeit, so dass ich der Praxisassistentin peinlich berührt erklären muss, ich wüsste nicht, weshalb du mit den restlichen Kindern zu spät seist, aber ich müsse jetzt ganz dringend nach Hause gehen, da der Zoowärter seine Freundin und ihre kleine Schwester eingeladen hat. Und dann arrangierst du auch noch ohne mein Wissen, dass Zoowärters Gäste etwas später kommen. Du musstest das lange Gesicht unseres Sohnes ja nicht sehen, als die Mädchen nicht wie erwartet um vier bei uns aufkreuzten.

Okay, es kann ja mal etwas schief gehen. Ich habe auch nicht immer alles im Griff. Aber wie, um Himmels Willen, bist du auf die Idee gekommen, unsere vier Söhne auch noch zum Coiffeur anzumelden? Zwei heute, zwei morgen und morgen ausgerechnet denjenigen, der zuerst zur Schule und dann zum Standortgespräch mit der Therapeutin muss? Ja, ich weiss, die Coiffeuse ist schnell, aber ich bin es nicht, wenn ich im Feierabendverkehr in die Stadt fahren und dann rechtzeitig wieder zurück sein muss, weil abends noch Laternenumzug ist.

Nein, mein liebster „Meiner“, so geht das wirklich nicht, also lass mich das mit den Terminen in Zukunft wieder selber machen. Mag sein, dass die Kinder ihre Zeckenimpfung etwas später bekommen und ihre Haare etwas länger wachsen lassen müssen, ehe ich endlich zum Telefon greife, aber immerhin richte ich nicht solch ein heilloses Chaos an.

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Wie Mama Venditti inzwischen einkauft

Crèmeschnitten:

„Okay, da wären mal sieben Vendittis, mit Prinzchens bestem Freund und Luises bester Freundin sind wir neun. Hmmm, ich glaube, ich nehme besser zehn Stück, man weiss ja nie, wer noch aufkreuzt.“ (Die zehnte Crèmeschnitte bekommt dann auch tatsächlich der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der während meiner Abwesenheit spontan aufgekreuzt und geblieben ist.) 

Obst:

„Wir brauchen mindestens acht Kilo. Das Kilo Mirabellen, die zwei Kilo Trauben, zwei Kilo Zwetschgen und die zwei Kilo Äpfel von vorgestern sind bereits aufgegessen. Ach ja, und ich muss noch Bananen kaufen. Prinzchens bester Freund liebt die Dinger und ich kann ihn nicht schon wieder enttäuschen, weil ich keine im Haus habe…“

Getreideriegel:

„Wenn ich die Schachtel à sechs Stück kaufe, reicht das zwar für unsere fünf Kinder und für Prinzchens besten Freund. Aber was mache ich, wenn einer von Zoowärters besten Freunden heute auch noch vorbeischaut? Doch halt, wenn der kommt, muss ich ohnehin eine andere Sorte kaufen. Ich glaube, er mag die mit den Marroni gar nicht. Ob er überhaupt Getreideriegel mag? Vielleicht kaufe ich doch besser etwas Salziges für ihn.“

Brot:

„Luise und das Prinzchen möchten sicher, dass ich einzelne Brötchen bringe. Aber wenn dann noch Luises Schulkameradinnen zum Lernen vorbeikommen, habe ich nicht genug für alle und das wäre unfair. Ich glaube, ich kaufe doch besser zwei ganze Brote. Oder vielleicht auch vier, dann reicht es vielleicht noch fürs Abendessen.“

Saft:

„Eigentlich wäre ein Karton Süssmost praktisch, aber Zoowärters Freunde versauen mir immer den Fussboden, wenn sie sich den Saft selber zapfen. Da nehme ich lieber Orangenjus.“

Abendessen:

„Ich glaube, heute Abend koche ich indisch. Ein Gemüsecurry, etwas mit Poulet und Gewürzreis. Ob Prinzchens bester Freund indische Küche mag? Vielleicht lasse ich die Gewürze im Reis besser weg. Ich möchte nicht, dass er hungrig nach Hause geht…“

Tiefkühlgipfeli im Sonderangebot:

„Ob ich die kaufen soll? Man weiss ja nie, wen unsere Kinder am Wochenende zum Übernachten einladen und dann wäre es nett, wenn wir den kleinen Gästen Gipfeli auftischen könnten.“

In meinen Augen ist das stetige Kommen und Gehen von vielen lieben Menschen etwas vom Schönsten am Leben in einer grossen Familie.

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Diebstahl

Der FeuerwehrRitterRömerPirat sitzt manchmal zwei Stunden am Stück an seinen Hausaufgaben. 

Luise und ihre Schulkameradinnen treffen sich an zwei schulfreien Nachmittagen und am Samstag, um an einem gemeinsamen Vortrag zu arbeiten. Wie man überhaupt einen Vortrag macht, weiss niemand aus der Gruppe so genau. Die Matheblätter, die Luise auch noch zu lösen hat, müssen dann halt bis Sonntagabend warten. Zwischendurch musste sie noch für einen guten Zweck Schoggitaler verkaufen, wodurch zugleich die Klassenkasse aufgebessert wurde. Ach ja, sie hätte noch einen Aufsatz, den sie fertig schreiben müsste. Das wird sie wohl morgen erledigen, wenn wegen einer Lehrerkonferenz der ganze Tag schulfrei ist. 

Am Elternabend erfährt „Meiner“, dass Luise und ihre Mitschüler noch viel mehr Eigeninitiative an den Tag legen müssten.

Karlsson sucht oft vergeblich nach einem Freund, der nicht den ganzen schulfreien Nachmittag hinter den Büchern verbringen muss. Dann setzt er sich eben auch noch einmal hinter die Bücher, weil einem die Arbeit ja nie ausgeht.

Für vier Fehler im Diktat bekommt Luise eine knapp genügende Note. 

Offenbar haben die Schüler im ganzen Kanton bei einer Vergleichsprüfung katastrophal abgeschnitten. Darum muss man jetzt dringend die Schüler drillen. Und nicht etwa die Prüfung verändern. 

Ich habe das ungute Gefühl, dass von Jahr zu Jahr noch mehr Leistung aus den Kindern herausgepresst werden soll.

Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich Luise zum freiwilligen Kurs in Tastaturschreiben anmeldet. Damit sie es bereits kann, wenn das Fach in zwei Jahren an der Oberstufe unterrichtet wird. 

Karlsson weiss inzwischen sehr genau, welche Noten er sich noch erlauben darf, wenn er sein Berufsziel erreichen will. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss demnächst wieder bei der Therapeutin antraben, weil er unter Bildung etwas anderes versteht als die Bildungsdirektoren. Immerhin hat er jetzt eine Lehrerin, die ihn versteht…

Luise lechzt geradezu nach Sprachunterricht und Naturkunde, verbringt aber den grössten Teil ihrer Schul- und Freizeit damit, Matheblätter zu lösen. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Kinder trotz sehr viel Aufwand und grossem Fleiss sehr wenig lernen. 

In armen Ländern klaut man den Kindern die Kindheit, indem man sie daran hindert, zur Schule zu gehen und zu spielen. Stattdessen beutet man sie als billige Arbeitskräfte aus. So etwas käme uns nie in den Sinn. Wir versuchen, unseren Kindern jedes nur erdenkliche Rüstzeug mitzugeben, damit sie eines Tages einen guten Job bekommen. Um dies zu erreichen, wird das Schulsystem laufend angepasst und angeblich verbessert. Warum werde ich den Eindruck nicht mehr los, dass wir unseren Kindern mit jeder neuen Anforderung ein weiteres Stück Kindheit klauen?

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Diese Glucke mal wieder…

Morgen steht bei Karlsson ein 5-Kilometer-Lauf auf dem Programm. Anfänglich trainierte er noch mir Begeisterung, doch mit der Zeit fiel es ihm etwas schwerer, sich aufzuraffen. Er rannte die Strecke noch ein paar Mal, aber nicht so oft, wie er es vorgehabt hatte. Heute Abend fand er dann aber doch, er müsste sich vielleicht ein letztes Mal auf die Socken machen, ehe es ernst gilt. Damit er es vor dem Eindunkeln nach Hause schafft, beschloss er, die Strecke mit dem Velo abzufahren. Tja, und dann begann es zu regnen, kaum war Karlsson zehn Minuten unterwegs. Augenblicke später schüttete es wie aus Kübeln, heftige Windstösse drückten unsere Balkontüre auf und dadurch wurde die Glucke aufgeschreckt.

„Da fallen Tropfen vom Himmel, sehr viele Tropfen“, stellte sie mit Entsetzen fest. „Und diese Tropfen werden meinen armen, kleinen Karlsson treffen, der sich unten am Fluss abstrampelt.“ Mit sorgenvollem Blick schaute die Glucke aus dem Fenster. „Es dunkelt ja bereits“, bemerkte sie beunruhigt. „Was, wenn mein armer, kleiner Karlsson Angst bekommt? Oder wenn er hinfällt, weil ihm der Wind zu stark ins Gesicht bläst? Er hat bestimmt wieder sein Handy zu Hause gelassen…“

An diesem Punkt fiel ich der Glucke ins Wort. „Nun hör mal auf mit deinem Gejammer“, sagte ich streng. „In Karlssons Alter fuhr ich Tag für Tag mit dem Velo zur Schule und zwar bei jedem Wetter, sogar bei Schnee und Eis. Ja, manchmal wurde ich klitschnass, ein paar Mal stürzte ich und oft war es schon längst dunkel, als ich mich auf den Heimweg machte, aber hat es mir etwa geschadet?“

Die Glucke zeigte sich unbeeindruckt. „Du mit fast dreizehn oder Karlsson mit fast dreizehn, das ist nicht das Gleiche“, wandte sie ein. „Er ist viel unerfahrener als du es damals warst und überhaupt hat man sich zu deinen Zeiten einen Dreck um die Sicherheit der Kinder geschert. Ihr musstet euch ja nicht mal angurten im Auto…“ In diesem Moment fegte wieder ein heftiger Windstoss über das Haus hinweg und die Glucke rannte beinahe panisch ins Wohnzimmer. „Du musst Karlsson suchen gehen“, befahl sie „Meinem“, der mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und Luise über den Hausaufgaben brütete. „Warum denn?“, fragte „Meiner“ erstaunt. „Na, weil er draussen unterwegs ist bei diesem Sauwetter. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um ihn und du kennst die Strecke besser als ich“, erklärte die Glucke. „Meiner“ versprach ihr, er werde sich gleich auf den Weg machen.

Ich zog mich derweilen mit dem Prinzchen ins Zimmer zurück, um Schlaflieder zu singen. Mitten im dritten Lied kam die Glucke hereingeplatzt. „Er ist ihn noch immer nicht suchen gegangen“, schimpfte sie. „Sag ihm, er soll Karlsson suchen gehen. Jetzt gleich!“ „Das kannst du ihm doch selber sagen. Hörst du denn nicht, dass ich am Singen bin?“, gab ich zurück. „Wie kannst du nur singen, währenddem der arme, kleine Karlsson schluchzend und halb erfroren im Regen draussen ist?“, schrie sie und rannte wieder ins Wohnzimmer, um „Meinem“ Beine zu machen. „Ach ja, Karlsson… Hatte ich bereits wieder vergessen, aber ich geh ja schon…“, brummte „Meiner“ nur, was die Glucke dazu veranlasste, sehr verärgerte Geräusche von sich zu geben. 

„Meiner“ ging also in den Regen hinaus, ich sang weiter mit dem Prinzchen und die Glucke tigerte ungeduldig durch die Wohnung. Endlich ging im Treppenhaus das Licht an und wenige Augenblicke später stand ein ganz und gar durchnässter und leicht verwunderter Karlsson im Wohnzimmer. „Ich bin doch bloss meine fünf Kilometer gefahren. Was hast du denn?“, fragte er mich erstaunt. „Ich? Ich habe gar nichts“, sagte ich. „Das war mal wieder diese Glucke… “ Karlsson wollte schon aus dem Zimmer gehen, als ich ihm hinterher rief: „Die Sauna ist aufgeheizt. Geh dich doch kurz aufwärmen, ehe du die Hausaufgaben machst.“ „Ja, geh in die Sauna“, pflichtete mir die Glucke bei, „sonst erkältest du dich am Ende noch…“

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Nächtliche Ungerechtigkeit

Okay, ich weiss, dass ich mich allmählich an die Launenhaftigkeit (vor)pubertierender Kinder gewöhnen muss, aber das war nun doch etwas viel: Da schlafe ich tief und fest den gerechten Schlaf der übermüdeten Mutter, die sich unbedingt noch einen Film reinziehen musste, nachdem alle Kinder im Bett waren. Irgendwann, mitten in der Nacht,  kommt das Prinzchen mitsamt Bär und Decke in unser Bett gekrochen, was ich knapp zur Kenntnis nehme, ehe ich wieder in tiefen Schlaf versinke. Wenig später erscheint eine sehr aufgebrachte Luise an unserem Bett. Die Worte, die sie mir an den Kopf schleudert, ergeben nicht viel Sinn, aber mir ist sofort klar, dass ich mal wieder eine abscheuliche Ungerechtigkeit zugelassen habe. Wenn ich meine Tochter richtig verstehe, habe ich irgendwann, in grauer Vorzeit, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erlaubt, was ich ihr jetzt, mitten in der Nacht, vollkommen grundlos verwehre. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht zusammenreimen, auf welche Begebenheit sie sich bezieht, ich weiss auch nicht so recht, was sie von mir erwartet, doch dem Frieden zuliebe – und um nicht richtig wach werden zu müssen – biete ich meiner zornigen Tochter meinen Platz im Bett an und ziehe mich aufs Sofa zurück. Offenbar ist damit die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, denn Luises Gezeter hört schlagartig auf und bald schlafen wieder alle friedlich.

Alle? Nein, nicht ganz. Das Prinzchen hat sofort bemerkt, dass das falsche weibliche Familienmitglied an seiner Seite liegt und so dauert es nicht lange, bis er ins Wohnzimmer tappst. Na ja, immerhin verzichtet er dabei auf lautstarkes Gemotze…

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Generalstreik

Das Notebook, auf dem sich meine ganze Arbeit befindet, tut keinen Wank mehr. Noch habe ich nicht herausgefunden, ob die Katzen oder die Kinder sich an dem Gerät vergriffen haben.

Der Familiencomputer ist meist durch andere Familienmitglieder besetzt, lädt keine Bilder mehr hoch, hat ein sehr angespanntes Verhältnis zum Drucker und steht ausserdem an denkbar schlechter Stelle für jemanden, der in Ruhe schreiben sollte.

Jetzt hat auch noch eine unserer Katzen das iPad zu Boden geschmissen und dadurch das Display so sehr zertrümmert, dass mir beim Schreiben beinahe die Scherben in den Fingern steckenbleiben.

Wahrlich ideale Voraussetzungen für jemanden, der sein Geld damit verdient, schreibend und redigierend am Computer zu sitzen.

Ich verspüre gerade das dringende Bedürfnis, sehr laut zu schreien.

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Nein, mir ist nicht kalt

Ihr lieben Menschen, die ihr mich jedes Mal, wenn das Thermometer unter die 20-Grad-Marke sinkt, mit Erstaunen und leichtem Vorwurf in der Stimme fragt, ob mir nicht kalt sei, wenn ich so ganz unbestrumpft und ohne Jacke draussen unterwegs bin, ich muss euch einmal etwas sagen:

Seit bald 39 Jahren leben ich nun schon auf diesem Planeten und in diesen langen – oder vielleicht auch viel zu kurzen – Jahren ist es höchst selten vorgekommen, dass mir so richtig kalt war. Das mag zum einen daran liegen, dass ich eher der Kategorie Stubenhocker zuzuordnen bin und nur selten auf der Skipiste oder auf einer Expedition durch die Arktis anzutreffen bin. Vielleicht spielt auch der Klimawandel mit, aber ich glaube, es hat sehr viel damit zu tun, dass mir einfach nicht so schnell kalt wird. Gut, jemand hat einmal auf wenig diplomatische Weise angedeutet, es könnte an meinem überschüssigen Speck liegen, doch ich versicherte der Person, dass ich auch zu schlankeren Zeiten nicht so schnell ins Schlottern komme. Ich bin nun mal ein Mensch, der eher für kühlere Temperaturen geschaffen ist.

Wenn ihr also das Gefühl habt, ich wäre jetzt, wo ihr bereits über die Kälte jammert, als wäre plötzlich der arktische Winter über uns hereingebrochen, zu wenig warm angezogen, dann könnt ihr das getrost für euch behalten. Allmählich habe ich es nämlich satt, mich dafür erklären zu müssen, dass ich mich bei den aktuellen Temperaturen pudelwohl fühle. Frage ich euch etwa danach, ob ihr nicht etwas zu warm angezogen seid für die Jahreszeit? Für mein Empfinden ist es nämlich noch viel zu warm für Wollmützen, Daunenjacken, dicke Schals und Stiefel, aber das muss ich euch doch nicht unter die Nase reiben, die ihr demonstrativ triefen lasst, wenn ihr mir ins Gewissen zu reden versucht.

Warum habt ihr überhaupt das Gefühl, mir ins Gewissen reden zu müssen? Bin ich denn nicht erwachsen genug, um zu wissen, wann ich eine Jacke brauche? Meine Eltern haben bereits vor Jahren verstanden, dass es zwecklos ist, mir in dieser Frage Vernunft beibringen zu wollen, was vor allem daran liegt, dass mein Körper „vernünftig“ in „unerträglich heiss“ übersetzt. Warum also wollt ihr mir noch immer Vernunft beibringen? Erwartet ihr am Ende von mir, dass ich mich trotz drohender Schweissausbrüche warm einpacke, nur damit ihr nicht frösteln müsst, wenn ihr meine Füsse seht, die genau so nackt in den Schuhen stecken wie vor zwei Wochen? Nein, meine Lieben, diesen Gefallen kann ich euch nicht tun, denn wenn mir zu warm ist, werde ich unausstehlich und zwar so richtig. Und glaubt mir: Sollte mir kalt werden, ziehe ich mir schon etwas Wärmeres über.

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