Blockadepolitik

Hier sitzen wir nun also in meinem Büro, die Schreibblockade und ich, unter scharfer Beobachtung von drei nervösen Wachteln und zwei aufgedrehten Nymphensittichen namens Boris und Doris. Im Terminkalender hatte ich mir für heute ein Treffen mit der Muse eingetragen, aber stattdessen wartete einmal mehr die griesgrämige alte Schreibblockade auf mich, als ich endlich den Mut aufbrachte, die Bürotür zu öffnen. Ich muss geahnt haben, dass sie hier sein würde, darum habe ich vorhin wohl so lange gezögert, als „Meiner“ mich drängte, das dreckige Frühstücksgeschirr endlich hinter mir zu lassen und mich der Schreiberei zu widmen. Tja, und so sitzen wir uns einmal mehr gegenüber, starren einander feindselig an und werfen einander gehässige Vorwürfe an den Kopf:

Ich: „Du schon wieder! Ich hab‘ für heute doch die Muse bestellt.“

Schreibblockade: „Die ist leider verhindert und hat stattdessen mich geschickt. Du machst dir ja keine Vorstellung, was die Muse an so einem kalten Samstag alles zu tun hat. Die Kälte treibt die Leute in die Schreibstuben und es gibt nun mal begabtere Menschen als dich, die auf der Warteliste der Muse weiter oben stehen.“

Ich: „Klar gibt es begabtere, aber immerhin bietet man auch mir wieder die Gelegenheit, etwas zu veröffentlichen und die Ideen dazu habe ich auch schon glasklar in meinem Kopf. Eine kurze Unterredung mit der Muse würde ausreichen, um die Schleusen zu öffnen, damit an einem Schreibtag mehr als nur Kurzkapitel zustande kommen.“

Schreibblockade: „Du glaubst doch nicht im Ernst, es würde mehr drin liegen als ein paar lausige Blogeinträge. Ach ja, dann hast du noch diese Korrektur fertigzustellen. Aber danach kannst du dein Büro ganz getrost wieder den Gefiederten überlassen. Wann erkennst du endlich, dass du nicht mehr drauf hast?“

Ich: „Man hat mich immerhin angefragt…“

Schreibblockade: „Hat man, ja, aber ganz bestimmt nur aus Mitleid, weil die arme Irre in den vergangenen Monaten etwas gar viele Tiefschläge hat einstecken müssen.“

Ich: „Vielleicht hast du Recht… Meinst du, ich sollte die Sache aufgeben?“

Schreibblockade: „Das solltest du.“

Ich: „Aber ich habe zugesagt. Und ich platze beinahe vor Freude und Ideen. Diese Geschichte könnte wirklich ganz witzig werden. Sie wird demnächst aus mir herausbrechen, das spüre ich. Wenn du nur endlich den Weg freigeben würdest…“

Schreibblockade: „Darauf kannst du lange warten.“

Ich: „Ach komm doch, hab dich nicht so. Was hast du eigentlich gegen mich?“

Schreibblockade: „Nichts. Solange du am Herd stehst, deinen Kindern Bücher erzählst und den Boden fegst finde ich dich ganz okay. Du kannst von mir aus auch bloggen, Kolumnen schreiben und kleinere Schreibaufträge entgegennehmen. Ich stelle mich nicht in deinen Weg…“

Ich: „Von wegen! Seit Tagen schon hinderst du mich daran, in diesen Schreibfluss zu kommen…“

Schreibblockade: „Ist ja auch viel zu kalt zum Schwimmen.“

Ich: „Haha, sehr witzig. Du weisst genau, wovon ich rede.“

Schreibblockade: „Nein, keine Ahnung. Der Schreibfluss gehört ganz der Muse und die ist nun mal nicht da, also reden wir über die Dinge, von denen ich etwas verstehe. Wie lautet noch mal dein erster Satz?“

Ich: „Du glaubst doch nicht, dass ich den hier veröffentliche? Der kann sich noch tausendmal ändern.“

Schreibblockade: „Das sollte er sich auch. So, wie er jetzt dasteht, werden die Leser das Buch in die nächste Ecke schmeissen und nie wieder zur Hand nehmen.“

Ich: „Herzlichen Dank für deine ermutigenden Worte.“

Schreibblockade: „Kommt wirklich von Herzen, jederzeit gerne wieder.“

Ich: „Danke, ich bin bedient. Du darfst jetzt gehen…“

Schreibblockade: „Aber nicht doch, ich habe mir den ganzen Tag für dich freigehalten. Einer muss sich ja um dich kümmern, wo die Muse doch schon keine Zeit für dich hat. Reichst du mir mal den Beststeller, der dort in deinem Regal steht. Ich fang mal an zu lesen, damit ich dir sagen kann, was du alles falsch gemacht hast, wenn du dann endlich ein paar Sätze produziert hast.“

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So liegen die Dinge

Auf dem Salontisch liegt „Melnitz“. Seit Wochen schon aufgeschlagen auf der gleichen Seite wartet der Schinken darauf, bis ich endlich Zeit finde, ihm die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er verdient hat.

Auf dem Küchentisch liegt das angefangene Vorderteil einer Strickarbeit, die irgendwann zu Luises Strickkleid werden soll. Das Rückenteil ist zwar bereits geschafft, aber das hilft auch nichts, wenn das Vorderteil langsamer wächst als Luise.

Vor der Wohnungstüre liegt ein Berg von Winterjacken, der Besuchern den Eindruck vermittelt, Vendittis liessen sich nun voll und ganz gehen. In Wirklichkeit hat sich nur der neue Kleiderständer gehen lassen, aber das glaubt natürlich keiner, der je gesehen hat, zu welchem Chaos wir fähig sind.

In der Küche liegt ein Kistchen voller Bitterorangen, die darauf warten, endlich zu Marmelade verarbeitet zu werden. Währenddem sie immer kleiner und unscheinbarer werden, wächst mein Frust ins Unermessliche, weil ich mich beim Kauf so sehr darauf gefreut hatte, wieder hausgemachte Bitterorangen-Marmelade auf den Toast zu schmieren.

Auf dem Bürotisch liegt die Steuererklärung, die ich dieses Jahr unbedingt vor dem Abgabetermin einreichen will. Einfach, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann, wenn ich nur richtig will.

Auf meinem Gewissen lastet der Gedanke, dass noch immer nicht alle Kinder ihre versprochene Bestechung – also, ich meine natürlich Belohnung – für für ihr Wohlverhalten bekommen haben.

Auf der Festplatte meines Laptops liegen zwei Manuskripte, die ganz dringend weiterbearbeitet werden wollen. 

Ums Haus herum liegt Schnee, den ich unbedingt wegschaufeln sollte, damit sich nicht doch noch irgendwann einer ein Bein bricht.

Tag für Tag bleibt liegen, was ich müsste oder zumindest möchte, denn Morgen für Morgen klopft das Leben an meine Tür und stellt mich vor Herausforderungen, mit denen ich nicht im Traum gerechnet hatte. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, mein Leben werde etwas geordneter und überschaubarer, wenn ich nicht mehr ausser Hause arbeite. Wie dumm von mir, zu erwarten, ich könnte irgendwann wieder damit zurückfahren, mich rund um die Uhr nach den Bedürfnissen meiner Mitmenschen zu richten, nachdem ich genau dies habe lernen müssen, als ich Mutter wurde.

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The Return Of Barbie

Da kam sie montags einfach so hereinspaziert, auf ihren überlangen, überschlanken Beinen, ihre Füsse in schwindelerregenden Absätzen, das knappe Kleidchen so hauteng wie eh und je. Na ja, kam sie nicht ganz von selbst, sie liess sich in der Tasche eines Gastes chauffieren und da dieser Gast wohl noch einige Zeit bleiben wird, logiert auch Barbie auf unbestimmte Zeit bei uns. 

Luise hatte Barbie ja einst begehrt wie eine kostbare Perle, sie dann aber bald einmal in die Gosse verstossen und zwar ganz ohne Druck meinerseits. Daher kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch eine vage Erinnerung an die künstliche Schönheit hat. Zoowärter und Prinzchen begegnen ihr gar zum ersten Mal in Fleisch und Blut – oder vielmehr in Plastik und Tüll –  und sie fühlen sich zugleich abgestossen und angezogen von ihr. Abgestossen von all dem rosaroten Glitzerzeugs, angezogen von … nun ja, ich weiss gar nicht so recht, was ihnen an Barbie gefällt, denn wenn ich frage, bekomme ich keine Antwort. Auffällig ist einfach, wie oft sie plötzlich in Luises Zimmer anzutreffen sind und wie gross der Eifer ist, als eine neue Barbie her muss, weil „der andere“ einer Meerjungfrau heimlich die lange, blonde Mähne gestutzt hat. 

Dennoch befürchte ich nicht, dass Barbie bleibt, wenn unser Gast wieder abreist. „Stell dir mal vor, wie peinlich es wäre, wenn meine Freunde Prinzessin Paula in meinem Zimmer antreffen würden“, meinte der Zoowärter, „aber jetzt spiele ich natürlich schon mit, sonst fühlt sich unser Gast nicht wohl.“

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Betrugssimulator

Ich war blauäugig, das gebe ich offen zu. In einem Bereich, in dem ich gewöhnlich skeptisch bin, habe ich mich blind auf das Urteil anderer verlassen und den grossen Kindern etwas erlaubt, was ich nun wieder rückgängig machen muss. Ja, es war falsch, nicht auf die Alterslimite zu achten. Ich habe einfach darauf vertraut, dass unseren Kindern nicht schaden kann, was für andere, mir äusserst sympathische Kinder, okay ist. Ganz klar, ich habe meine Aufsichtspflicht nicht so wahrgenommen, wie ich dies von mir erwarten würde. Immerhin aber habe ich das Spiel gespielt, um zu wissen, was unsere zwei Ältesten so in Bann zieht.

Tja, und dann war ich schockiert. Da wird hemmungslos herumgezickt, dreingeschlagen, angemacht und betrogen. Die Figur im Spiel ist bereits liiert? Na und, man kann’s ja trotzdem mal versuchen. Wenn die Partnerin etwas dagegen hat, kann man sie zur Not ja demütigen und verprügeln. Je mehr du betrügst, den Arbeitgeber bestiehlst und Mülltonnen umwirfst, umso grösser ist das Wohlbefinden deines Alter Ego. Klar, du kannst auch brav und strebsam sein, kannst auf ganz seriösem Weg Karriere machen, aber dann dauert es nicht allzu lange, bis der Computer dich daran erinnert, dein Alter Ego langweile sich. Um dies zu verhindern, könnte man ja vielleicht versuchen, drei Affären gleichzeitig am Laufen zu haben. Wo man schon dabei sei, könne man noch kurz ins Nachbarhaus eindringen, den Kühlschrank plündern und die Dusche benutzen. Und wie wär’s wenn man mal versuchte, mit allen Stadtbewohnern gleichzeitig zerstritten zu sein? Falls du die Mittelalterversion des Spiels wählst, kannst du auch mal mit einer rostigen Axt einen Hühnerdieb umlegen. Einfach so, weil er es ja nicht besser verdient hat. Das alles unter dem Hinweis, Gewalt und sexuelle Inhalte seien nur „schwach ausgeprägt/angedeutet“.

Ja, ich war naiv und habe vorher nicht gut genug kontrolliert, ob es okay ist, wenn Luise das Spiel spielt, das Gleichaltrige mit dem Segen ihrer Eltern auch spielen. Darum werde ich mich jetzt unbeliebt machen müssen, ich werde zurückrudern und es nachträglich verbieten müssen. Laut Altersfreigabe sollte aber zumindest Karlsson nicht mehr um meine Erlaubnis bitten müssen. Ich werde ihm dennoch erklären müssen, warum ich es nicht goutiere, wenn er am Betrugssimulator trainiert.

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Pause! Ruhe! Jeder für sich!

Es mag vorkommen, dass jemand an unserem Haus vorbeigeht und lautes, mehrstimmiges Geheule hört. Wenn der Passant so tickt, wie die meisten Erwachsenen hierzulande, wird er denken, dass hier wohl ganz grausame, ungerechte Eltern wohnen, die ihre Kinder hungern lassen und ihnen die Ohren lang ziehen. Dies zumindest stelle ich mir vor, wenn mal wieder alle zusammen wehklagen, als hätte man sie geschlagen und ihnen für die kommenden zwei Jahre sowohl Taschengeld als auch Dessert gestrichen. 

Ich möchte ja nicht behaupten, „Meiner“ und ich seien unfehlbar; selbstverständlich gibt es hin und wieder mal Tränen, weil wir eine Situation falsch eingeschätzt und darum den Falschen zurechtgewiesen haben. Manchmal sind wir auch schlecht gelaunt und werden deshalb schneller laut, als eigentlich angebracht wäre. In den meisten Fällen aber, wenn mal wieder das mehrstimmige Geheule einsetzt, haben die Kinder einfach zu viele Stoppsignale übersehen. 

Ein Beispiel gefällig? Da verkünden „Meiner“ und ich nach dem Mittagessen für alle vernehmlich, wir würden einen Mittagsschlaf halten und wollten nicht gestört werden. Eine halbe Stunde, mehr nicht und für jene, die noch nicht wissen, was eine halbe Stunde ist, stellen wir den Wecker. Die Kinder sollen derweilen auch eine Pause machen und zwar jeder für sich. Eine eindeutige Ansage, nicht wahr?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sie offenbar trotzdem nicht verstanden, denn kaum haben wir uns hingelegt, steht er mit der Trompete im Schlafzimmer. Freundlich, aber bestimmt machen wir klar, dass wir jetzt kein Ständchen wünschen. Fünf Minuten später ist er wieder da, diesmal mit einem Asterix-Band, in dem er einen besonders amüsanten Witz entdeckt hat. Nur noch halb so freundlich, dafür umso bestimmter erinnern wir ihn an unsere Pause. Augenblicke später heult im Wohnzimmer einer, bald rennen der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter aufgebracht im Zimmer. Der eine will Knete haben, der andere rückt sie nicht heraus und wir sollen schlichten. Wir wollen aber nicht schlichten, weil die zwei den Auftrag bekommen hatten, getrennt Pause zu machen. Also noch einmal die klare Ansage: Pause! Ruhe! Jeder für sich! 

Kaum haben die Streithähne das Zimmer verlassen, erscheint Luise. Sie will nur mal kurz Bescheid geben, dass ihre Wachteln – Überlebende eines Marderangriffes, denen ich in meinem Büro Asyl gewährt habe – wohlauf sind. „Meiner“ gibt im Gegenzug Bescheid, dass wir nicht wohlauf sind, weil die vereinbarte Pausenzeit bald um ist und wir noch kein Auge zugetan haben. Eingeschnappt zieht Luise sich zurück, macht Platz für den Zoowärter, der bestätigt haben will, dass sein Pinguin, den er geknetet hat, unversehrt bleiben darf, auch wenn wir gesagt haben, er müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas von der Knete abgeben. Wir knurren unser Einverständnis. Jetzt bloss nicht explodieren… Bloss wie, wenn jetzt das Prinzchen heulend angerannt kommt, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gepiesackt haben? Wie soll man ein Donnerwetter zurückhalten, wenn eine klar gezogene Grenze innerhalb von weniger als dreissig Minuten mehrmals überschritten wird?

Tja, und dann heulen sie eben mehrstimmig und wir, die wir eigentlich eingeschnappt sein müssten, sind mal wieder die Bösen. Und keiner, der an unserem Haus vorbeigeht und das Heulen hört, denkt sich, wie unfair diese Kinder doch zu ihren Eltern sein können…

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Kinoabend

Datum: Ein Freitagabend, meistens zu Beginn des Monats
Eingeladen: Sieben Vendittis
Ort: Wohnzimmer der sieben Vendittis
Zutaten: Mehrere Schüsseln Popcorn, ein Film, der allen gefällt, den wenn möglich noch keiner oder zumindest noch nicht alle gesehen haben und der spannend genug ist, um die Grossen bei der Stange zu halten, aber nicht so spannend, dass es die Kleinen mit der Angst zu tun bekommen.

Tja, und schon haben wir den Salat, denn…

Luise mag keine Zeichentrickfilme.
Der Zoowärter mag nur Zeichentrickfilme.
Karlsson ist grundsätzlich für alles zu haben und enthält sich deswegen stur der Stimme, wenn es um die endgültige Auswahl geht.
Das Prinzchen ist grundsätzlich für alles zu haben und bekundet darum bei jedem Film lautstark seine Zustimmung.
Der FeuerwehrRitterRömerPirat legt sich gewöhnlich auf den Film fest, den ausser ihm keiner sehen will.
„Meiner“ schläft bereits bei der zweiten oder dritten Vorschau ein und ist deswegen als Schiedsrichter zwischen den verschiedenen Interessengruppen nicht zu gebrauchen.
Ich mag kein Popcorn und ziehe es vor, Filme nur zu hören, damit ich nebenbei bloggen kann, was aber der Rest der Familie nicht goutiert, weil das Klappern der Tastatur stört.

Dies führt dazu, dass ich eine Vorschau nach der anderen zeige, Luise bei jeder die Nase rümpft, das Prinzchen bei jeder in die Hände klatscht, der Zoowärter bei jeder fragt, ob der Film auch ganz bestimmt nicht gefährlich sei, Karlsson bei jeder die Schultern zuckt, der FeuerwehrRitterRömerPirat den Titel seines Favoriten wie ein Mantra herunterbetet, „Meiner“ lautstark schnarcht und ich am Ende mindestens die Hälfte der Familie gegen mich aufbringe, weil ich den Stichentscheid fälle, damit wir alle vor Mitternacht ins Bett kommen.

Weshalb wir uns das antun? Weil wir es erstaunlicherweise trotz Anlaufschwierigkeiten Monat für Monat schaffen, einen äusserst vergnüglichen Abend zu haben. Zumindest, wenn der Filmemacher uns entgegenkommt, indem er einen Kinderfilm macht, der wirklich ein Kinderfilm ist und nicht einer jener Streifen, die in der Vorschau witzig und farbenfroh daherkommen, die dann aber spätestens nach der Hälfte ins Düstere und Schwermütige mit einem überaus beängstigenden Bösewicht kippen.

Man kann also sagen, dass der Abend ganz nett wird, solange wir nicht den Fehler begehen, einen Disney-Film auszuwählen.

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Bruderzwist

Prinzchen sitzt heulend auf dem Sofa, Zoowärter sitzt zerknirscht daneben. Friedensmission für Mama Venditti:

Zoowärter: „Mama, das Prinzchen hat…“
Prinzchen: „Mama, der Zoowärter hat…“
Mama: „Halt, ich will nicht hören, was der andere getan hat. Zoowärter, was hast du getan?“
Zoowärter: „Das Prinzchen hat…“
Mama: „Nein, Zoowärter, ich will wissen, was du getan hast. Das Prinzchen heult lauter als du, also erzählst du zuerst.“
Zoowärter: „Ich habe ihn ganz fest gehauen, so richtig fest.“
Mama: „Okay, Prinzchen, was hast du getan?“
Prinzchen: „Ich wollte die Bilder in seinem Buch anschauen, dann hat der Zoowärter mich ganz fest auf dem Kopf gekratzt.“
Mama: „Aber Zoowärter, wegen so etwas muss man doch nicht gleich so brutal werden.“
Zoowärter: „Weisst du, Mama, das Prinzchen hat mir auch weh gemacht. Er hat mir das Herz gebrochen.“

Was soll Mama da anderes sagen, als dass beide sich entschuldigen müssen? Eine zerkratzte Kopfhaut ist schlimm, aber ein gebrochenes Herz ist ja auch nicht ohne…

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Mama Venditti, ärgere dich nicht

Etwas habe ich also doch gelernt in den vergangenen Jahren. Nicht besonders viel, ich geb’s ja zu, aber immerhin die eine Sache, nämlich die, damit leben zu können, wenn ich nicht bekomme, worauf ich mich gefreut habe. Okay, es gelingt mir nicht immer und mit grossen Enttäuschungen werde ich ebenso schlecht fertig wie die meisten Menschen auf diesem Planeten. Aber damit, dass mir meine hart erkämpften Inseln im Alltag immer wieder von kleinen und grossen Invasoren streitig gemacht werden, komme ich inzwischen ganz gut klar. 

Im ersten Moment ärgere ich mich vielleicht darüber, wenn mir mal wieder der Schaum vom Kaffee gelöffelt wird, auf den ich mich den ganzen Vormittag wie ein Kind gefreut habe, aber dann versuche ich eben, mich daran zu freuen, dass ein kleiner Mensch auf meinem Schoss sitzen und Kaffeeschaum löffeln will. Ich bin enttäuscht, wenn wieder einmal Menschen mein Tagesprogramm bestimmen, die in meinem Leben eigentlich überhaupt nichts zu bestimmen hätten, aber dann suche ich eben nach den Rosinen, die mir der Tag vielleicht trotzdem  bieten könnte und meist werde ich fündig. Besonders schwer fällt es mir jeweils, wenn jemand die raren Momente, die ich für mich ganz alleine vorgesehen hatte, für sich in Anspruch nimmt. Gelingt es mir jedoch, den Ärger loszulassen, werden daraus doch noch ganz wertvolle Momente.

Ich verstehe nicht warum, aber oft muss ich erkennen, dass die Zeit, von der ich geglaubt hatte, sie gehörte mir, eben doch nicht mir gehört und je weniger ich mit diesem Umstand hadere, umso einfacher fällt es mir, das Gute im Unerwarteten zu erkennen. Wie gesagt, es fällt mir längst nicht immer leicht, aber noch schwerer würde es mir fallen, mich immer und immer wieder darüber zu ärgern, dass ich nur in den seltensten Fällen diejenige bin, die bestimmt, wie meine Tage ablaufen. 

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Grenzkonflikt

Acht Kinder streiten sich darum, wer ein Küchlein mit Hütchen haben darf und wer auf das Hütchen verzichten muss. 

Elf Kinder schwirren durchs Haus und auch immer mal wieder mit Bitten und Wünschen um mich herum.

Zwei Frauen warten geduldig auf den Kaffee, den ich ihnen versprochen habe.

Ein Anrufer aus Deutschland will wissen, ob wir mit Absicht zwei Ferienhäuser in Schweden gemietet haben, oder ob es nur eines hätte sein sollen. 

Ein Lieferant steht an der Haustüre und wartet darauf, bis ich Zeit habe, ihm zu zeigen, wo der Heizkessel ist, in den er die Pellets einfüllen soll.

Der „andere“ hat mal wieder Popcorn und Wasser auf dem Fussboden verteilt und sich dann aus dem Staub gemacht.

„Meiner“ möchte mir jetzt auf der Stelle mitteilen, dass ich bei der Tagesplanung ziemlich versagt habe.

Eine dringend benötigte Stricknadel ist unauffindbar. Der dringend benötigte Kaffeelöffel ebenfalls. 

Textfetzen schwirren durch meinen Kopf und ich habe weder Zeit, sie niederzuschreiben, noch Notizen zu machen, damit sie nicht vergessen gehen.

Der Spülkasten hat einen Flick weg.

Die Frau von der Versicherung möchte „Meinen“ sprechen.

Zwei Jungs machen im Garten ein Feuer, obschon ich es verboten habe. Woher hätte ich wissen sollen, dass „Meiner“ es bereits erlaubt hat?

Nachdem er in den vergangenen Tagen bereits durch eine miserable Arbeitshaltung aufgefallen war, macht der Besen nun vollends schlapp.

Sturm und Kinder sorgen dafür, dass stets ein frisches Lüftchen durch die Wohnung weht.

Zwei Mädchen langweilen sich.

Ein Junge wird ausgeschlossen.

„Meiner“ möchte mit mir darüber lachen, dass die Dame am Bahnschalter doch tatsächlich geglaubt hat, wir würden uns durch drei Zugwaggons von unseren Kindern trennen lassen, wenn wir im Sommer in die Ferien fahren. Leider wird seine Erzählung so oft unterbrochen, dass wir am Ende nicht lachen sondern „Ruhe jetzt!“ brüllen. 

Ich ärgere mich abends über meine Anpassungsfähigkeit. Menschen, die brav alles planen und immer schön klare Grenzen ziehen werden bestimmt nie von so vielen Seiten gleichzeitig in Anspruch genommen.

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Grossfamilienträume

Träumen darf man ja, haben wir uns gesagt, als klar wurde, dass in diesem Jahr mehr Budget für Ferien vorhanden sein würde. Anfangs träumten wir Richtung Westen, doch je mehr wir in uns gingen, umso klarer wurde uns, dass es uns eigentlich Richtung Norden zieht. Ein alter Traum, aber einen, den wir bisher nicht zu träumen gewagt hatten, weil alle immer sagten, wie teuer das Leben dort sei. Aber mit etwas mehr Ferienbudget konnte man den Traum ja mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Und siehe da: Für Grossfamilien sieht es gar nicht so schlecht aus, denn während man im Süden für jedes weitere Kind mit einem saftigen Aufpreis bestraft wird, gibt es im Norden grossfamilientaugliche Häuser wie Sand am Meer, von stinkbillig bis sündhaft teuer. Also auch etwas für unser Budget. Dazu unglaublich viele Dinge, die alle von uns so gerne mal sehen und erleben möchten. Schliesslich, als wir alle Zahlen und Fakten schwarz auf weiss hatten, erkannten wir, wie dumm wir gewesen waren, unseren Traum so lange zu ignorieren, denn so unerreichbar, wie wir immer geglaubt hatten, ist er nicht.

Also haben wir sie gebucht, unsere Schwedenreise und ich hoffe inständig, dass jetzt, wo das Budget es erlaubt, das Leben auch mitspielt bei unserem Traum.

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