Kampfschwimmer

Lange ist’s her, seitdem ich zum letzen Mal Gelegenheit hatte, ungestört zu schwimmen, was mich wirklich störte, denn schwimmen ist der einzige Sport, der mir so etwas wie Freude bereitet. Und übrigens auch der einzige Sport, bei dem ich in der Schule zu den Besten gehörte, trotz meines sehr unorthodoxen Stils – Kopf hochgereckt wie ein Schwan mit zum kurzen Hals, hohles Kreuz und ein rechter Fuss, der stets dem Linken in die Quere kommt -, der daher rührt, dass meine ältere Schwester mich schwimmen lehrte. Und da sie wohl ebenfalls von einem älteren Bruder oder der älteren Schwester die Kunst, sich über Wasser zu halten, erlernt hatte, hatte sie von der richtigen Technik keine Ahnung. Aber was macht das schon? Hauptsache, man ersäuft nicht und wenn man dann noch zu den Schnellsten gehört, umso besser.

Nun, inzwischen gehöre ich nicht mehr zu den Schnellsten. Im Gegenteil: Heute bin ich schon stolz, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, im Schwimmbad kein Buch zu lesen, sondern einen Kilometer zu schwimmen. Wie oft habe ich mich darüber beklagt, ich würde ja schon schwimmen gehen, wenn ich bloss Zeit dazu hätte? Unzählige Male und deswegen bin ich jetzt, wo Karlsson und Luise den Schwimmkurs besuchen und ich das Prinzchen zu Hause lassen kann, dazu verpflichtet, meine 40 Längen zurückzulegen. Was den Kampfschwimmern, mit denen ich die schmale Bahn, die den Schwimmern noch bleibt, teilen muss – rechts die grossen Schwimmschüler, links die kleinen Schwimmschüler und die Mamas, die ihre Sprösslinge beobachten -, gar nicht behagt.

Was will sie bloss hier, die lahme Hausfrau, die nicht mal den Mut hat, den Kopf richtig unterzutauchen? Die trägt ja nicht mal eine Schwimmbrille. Und auch keine aquadynamische – gibt’s das Wort? – Badekappe. Von einem „Speedo“-Schwimmanzug ganz zu schweigen. Die wagt es doch tatsächlich, in einem ausgeleierten Umstands-Tankini aufzukreuzen und die gleiche Bahn in Anspruch zu nehmen, die in ihren Augen einzig für Menschen reserviert ist, die das Schwimmen mit heiligem Ernst betreiben. Menschen, die nicht davor zurückschrecken, mit Ellbogeneinsatz den knappen Platz zu verteidigen. Menschen, die es nicht für nötig halten, aufzupassen, ob sie einen zur Seite drängen. Menschen, die kaltblütig unter dir durchschwimmen, weil sie gerade keine Gelegenheit sehen, dich zu überholen. Und ein paar Sekunden Zeitverlust würden den Tag ruinieren.

Früher liess ich mich durch diese Kampfschwimmer hetzen, ja, ich versuchte gar, gleich schnell zu sein wie sie. Heute aber, wo es schon ein Erfolgserlebnis ist, wenn ich es schaffe, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und ins Wasser zu steigen, kümmere ich mich einen Dreck um sie. Und wenn ich dann, nach viel längerer Zeit als früher, meinen Kilometer ohne einen einzigen Unterbruch geschafft habe, dann bin ich ganz schön stolz auf mich selber. Obschon die Kampfschwimmer hörbar aufatmen, wenn ich endlich die Bahn frei gebe, damit sie eine andere Hausfrau, die sich anmasst, schwimmen zu gehen, in die Enge treiben können.

Hach, wie romantisch!

Gärtnern ist pädagogisch äusserst wertvoll. Das weiss heute jeder, der mal einem Kind beim Wühlen in der Erde zugeschaut hat. Im Garten lernen die Kinder, wie aus fast nichts etwas Wunderbares, etwas Essbares, etwas Duftendes, etwas Buntes oder sonst irgend etwas werden kann. Ein wenig Erde, ein wenig Licht, ein wenig Wasser und schon kann man dem Wunder beim Wachsen zuschauen. Und weil das Wasser Gott sei Dank nicht jeden Tag von selber kommt, lernen die lieben Kinderlein auch gleich, dass man schön brav giessen muss, wenn man im Herbst ernten will. Dazu kommen noch die netten Nebeneffekte wie Zeit an der frischen Luft, Bewegung, helfen und was der erstrebenswerten Dinge sonst noch sind. Gärtnern ist für Eltern, die um das Gedeihen ihrer Kinder besorgt sind, praktisch Pflicht. Ausserdem gibt es wohl kaum einen idyllischeren Anblick als eine Mama und ein Papa, die in der Erde wühlen, während eine Schar kleinerer und grösserer Kinderlein mit Giesskännchen, Schäufelchen und Rechen an ihrer Seite werkeln. Hach, wie  herzerwärmend romantisch!

Nun, wie immer kriegen „Meiner“ und ich das mit der Idylle nicht so recht hin. Okay, unsere Kinder sind hübsch genug fürs Werbefoto – wessen Kinder sind das nicht? -, unser Garten lässt sich auch sehen und der strahlende Frühlingshimmel und die blühenden Bäume sorgen für die perfekte Kulisse. Nur das Harken-schwingende Prinzchen will nicht so recht ins Bild des trauten Familienglücks passen. Und der Zoowärter, der sich zum dritten Mal hinter die Salatsetzlinge macht und versucht, sie ratzekahl abzufressen. Wer braucht da noch Schnecken, wenn man einen Zoowärter hat, der dafür sorgt, dass die Salatköpfe putzig klein bleiben? Und wenn der Zoowärter endlich die Salatköpfe in Ruhe lässt, giesst er hingebungsvoll die Erdbeeren, die in ihrem Beet zu ertrinken drohen. Da wären auch noch Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die sich einen hitzigen Kampf mit vollen Giesskannen liefern und dafür sorgen, dass der Gang in den Keller, um neues Wasser zu holen, zu einer gefährlichen Rutschpartie wird. Schliesslich kommt noch Karlsson dazu, der zwar mit äusserster Sorgfalt die Pflänzchen pflegt, der aber ausrastet, kaum lässt man ihn wissen, dass die Pflanze, die er bearbeitet, jetzt bestimmt genug Liebe bekommen hat. Dass „Meiner“ und ich uns zwischen diversen pädagogisch nicht besonders ausgefeilten Erziehungspredigten eine hitzige Diskussion liefern, ob Rucola „einfach köstlich“ (ich) oder „abscheulich“ („Meiner“) sei, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

Eigentlich erstaunlich, dass uns allen das Gärtnern dennoch unglaublich viel Freude macht. Vielleicht liegt’s daran, dass wir gar nicht erst probieren, eine pädagogisch wertvolle Idylle zu schaffen, sondern dass wir auch im Garten ganz uns selber sind, Macken und Streitigkeiten inbegriffen. Wie, ob es mir nichts ausmacht, dass die Nachbarn alles mitbekommen? Nein, es macht mir nichts aus. Zumindest solange nicht, bis ihr Rasenmäher idyllischer lärmt als unsere Kinder sich streiten.

Explodiert

Was ist bloss mit „Meinem“ und mir los? Kaum taucht am Beziehungshorizont die geringste Unstimmigkeit auf, schieben wir sie beiseite. Nicht, weil wir nicht streiten könnten, oh nein! Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich „Meinem“ auf offener Strasse einen Blumenkohl an den Kopf geschmissen habe – Okay, ich habe probiert, ihm einen Blumenkohl an den Kopf zu schmeissen, aber getroffen habe ich natürlich nicht, denn ich treffe nie-, weil er mir derart auf die Nerven fiel. Die Männer aus Sri Lanka, die uns bei diesem Krach beobachtet haben, sind wohl schleunigst aus der Schweiz abgereist, aus Angst, dass sie dereinst auch mit einem rabiaten Schweizerweib zu tun bekommen könnten. Auch die Zeiten, in denen der Brownie-Teig gegen die Küchenwand flog, weil „Meiner“ sich zu schnell duckte, werde ich nicht so schnell vergessen. Oder die Abende, an denen „Meiner“ wutentbrannt aus dem Haus stürmte, um den Bäumen im Wald zu klagen, was für eine Nervensäge er doch geheiratet habe. Ja, wenn „Meiner“ und ich streiten, dann fliegen die Fetzen.

Oder zumindest flogen die Fetzen. In den letzen Jahren sind wir weiser geworden und deshalb tönt es bei uns jetzt plötzlich so: „Ach, weisst du was? Ich will gar nicht streiten mit dir. Wir haben viel zu wenig Zeit füreinander und die wollen wir nicht mit Krach vergeuden. Und überhaupt liebe ich dich viel zu sehr…“ Ha, wie soll man da noch mit Blumenkohl um sich schmeissen können? Nun, ich habe  ja nichts gegen Harmonie, aber da ich zu viele Paare kenne, die sich „nie gestritten und immer bestens verstanden“ haben, die eines Tages „aus heiterem Himmel“ geschieden werden, werde ich bei zu viel Harmonie schnell einmal misstrauisch. Denn wo hört die Harmonie auf und wo fängt die Gleichgültigkeit an?

Deshalb bin ich ganz froh, wenn „Meiner“ und ich uns hin und wieder in die Haare geraten. Das beweist mir, dass unsere Beziehung noch lebt. Wenn er mich ankeift, weil ich die Wäsche nicht gemacht habe, obschon ich dies versprochen hatte, wenn ich ihn einen Macho schimpfe, weil er findet, ich hätte die Wäsche machen sollen, wo doch Waschen ganz eindeutig Männerarbeit ist, wenn er mir sagt, er sei froh, wenn er am Montag wieder arbeiten könne, weil ich so anspruchsvoll sei und ich ihm an den Kopf werfe, er solle mich nicht immer bevormunden, dann ist die Welt noch in Ordnung. Klar, so einen Krach brauche ich nicht jeden Tag, auch nicht jede Woche, von mir aus nicht einmal monatlich. Aber hin und wieder mal erleben, dass uns unser Zusammenleben noch immer so wichtig ist, dass wir es verbessern wollen, das gehört für mich ebenso zur Ehe wie romantische Abende, Ferienpläne schmieden und lange Gespräche über unsere Kinder. Hin und wieder mal spüren, dass „Meiner“ auch nach 18 Jahren Beziehung noch die ganze Bandbreite an Gefühlen in mir wecken kann, das gehört doch einfach dazu. Denn nach der rasenden Wut, den Tränen und dem Brüllen stehen wir beide plötzlich ganz ausgelaugt da, starren uns an und plötzlich wissen wir wieder, dass wir eigentlich nur das Beste füreinander wollen. Und auf einmal sind wir wieder verliebt wie am ersten Tag…

Das hat man nun davon,…

…. wenn man abends, anstatt zu arbeiten, einen seichten Film schaut: Flausen im Kopf, die einem keine Ruhe mehr lassen. Da schaue ich mir diesen Film an, in dem es darum geht, wer mit wem zusammen ist und wer mit wem zusammen sein sollte und wer wem auf welche Weise das Leben schwer macht, damit er mit dem zusammen sein kann, mit dem er zusammen sein möchte. Alles verstanden? Nein? Macht nichts, ich habe auch nichts verstanden. Das Einzige, was mir von dem Film im Kopf geblieben ist, ist der Typ, der in Schichten schläft. Von vier Uhr nachts bis acht Uhr morgens und dann tagsüber eine zweite Schicht, zu welcher Zeit, habe ich vergessen.

Wie, ihr findet das mit den Schichten eine blöde Idee? Ich absolut nicht. Das wäre doch was: Nachts, wenn man endlich mal Ruhe hat, ungestört arbeiten und am Tag, wenn alles drunter und drüber geht, die zweite Schicht schlafen. Für mich als bekennende Nachteule ein absoluter Traum. Und deshalb zerbreche ich mir jetzt den Kopf, wie ich das in meinem Leben umsetzen könnte: Die erste Schicht Schlaf von drei Uhr morgens bis sieben Uhr morgens, dann Familienleben und Arbeit bis drei Uhr nachmittags, dann wieder schlafen bis sieben Uhr und dann wieder Familienleben und Arbeit bis drei Uhr. Sollte doch eigentlich möglich sein, oder?

Möglich schon, aber nur auf dem Papier. Denn ich bin mir sicher, dass das Prinzchen, kaum würde ich mich morgens um drei an den Computer setzen, nach Unterhaltung schreien würde. Wenn Mama Spass hat, will das Prinzchen auch Spass haben. Und ich fürchte auch, dass ich mich regelmässig um sieben Uhr verpennen würde, denn ich bin nicht nur eine Nachteule, sondern auch ein Morgenmuffel. Und schliesslich fürchte ich, dass meine lieben Kinderlein mich nie und nimmer nachmittags schlafen lassen würden. Sie brauchen doch jemanden, bei dem sie sich über „böse“ Lehrerinnen beklagen können, jemanden, der ihnen Erdnussbutterbrote streicht und jemanden, der mit ihnen Liedlein singt. Wird wohl also nichts aus meinen neuen Schlafenszeiten. Zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren und danach wird mich ohnehin die senile Bettflucht im Morgengrauen aus dem Bett treiben.

Dass iss gefährlich! Aber schööön!

Nun ja, vielleicht sind meine Gärtnermethoden etwas unorthodox. Ein wahrer Gartenfreund würde wohl kaum mit spitzen Fingern die Steine aus dem Boden klauben und jedes Mal laut kreischen, wenn eine Schnecke zum Vorschein kommt. Er würde wohl auch keine Kornblumen in Töpfe säen. Und schon gar nicht würde er bei warmem Frühlingsregen 480 Liter Universalerde mit nackten Füssen auf dem Boden verteilen. Macht man einfach nicht. Ein echter Gärtner nimmt dazu einen Rechen oder sonst ein nützliches Gerät, das in der Gartenzeitschrift angepriesen wird. Aber wozu braucht man einen Rechen, wenn man doch beim Wühlen in der weichen frischen Erde so viel Entspannung haben kann?  Entspannung bei der Arbeit. Was will man mehr? Und danach sieht der Garten erst noch wunderbar aus. Und weil die Erde nicht für den ganzen Garten gereicht hat, gibt’s morgen gleich noch einmal Wellness für die Füsse. Ich kann’s kaum erwarten.

Es verderbe mir jetzt bloss keiner den Spass und ermahne mich, ich solle mich nicht wundern, wenn ich mir eine Lungenentzündung hole. Mit nackten Füssen in der kühlen Erde zu wühlen sei gefährlich. Bei derartigen Gefahren halte ich mich an mein grosses Vorbild Obelix: „Dass iss gefährlich! Hicks! Aber schööön!“ (Okay, auf das „Hicks“ verzichte ich lieber. Mama und Besäufnis, das passt in meinen Augen nicht zusammen. Also vielleicht doch kein so grosses Vorbild, dieser Obelix…)

Welcome back

Da seid ihr ja wieder, ihr Schuldgefühle. Eigentlich habe ich euch ja nicht jetzt schon zurück erwartet, aber wie ich euch kenne, ist euch so ziemlich egal, was ich denke. Kaum seht ihr eine Mama, die sich dazu anschickt, fünf Minuten ihrer wertvollen Zeit in eine Berufstätigkeit zu investieren, stürmt ihr die Bude, macht euch breit und beginnt, zu allem und jedem euren Senf dazu zu geben. Bei mir spielt sich das Drama im Moment so ab:

M(ama): „Ich verschwinde dann mal für ein paar Stunden im Büro. Wenn ihr ein Problem habt, geht zu Papa.“
Kaum ist die Bürotür hinter hinter Mama zugefallen, ertönt Geschrei, Papa tröstet, redet gut zu, löst die Probleme und der Alltag nimmt seinen gewohnten Lauf.  Mama stürzt sich in die Arbeit und nimmt schon bald gar nicht mehr wahr, welche Dramen sich vor der Bürotür abspielen. Irgendwann aber steht ein heulendes Kind im Büro.

M, leicht genervt: „Ach, du Arme(r)! Was ist denn mit dir passiert?“
K(ind): „Die anderen sind so gemein zu mir! Die lassen mich nicht mitspielen!“
M:  „Das ist aber unfair. Aber weisst du, ich bin am Arbeiten. Du musst zu Papa gehen.“
Das Kind verlässt schluchzend das Büro, die Mama versucht, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Zeit für die ungebetenen Gäste, die Bühne zu betreten:

S(chuldgefühle): „Was bist du doch für eine Rabenmama. Siehst du denn nicht, dass dein Kind traurig ist?“
M: „Klar sehe ich das.  Aber ‚Meiner‘ ist heute Nachmittag für die Kinder zuständig…“
S: „Ja, klar ‚Deiner‘. Als ob der in den Schulferien auch noch Kinder hüten müsste. Und du weisst doch: Wenn es einem Kind schlecht geht, dann braucht es die Mama, nicht den Papa.“
M: „Das stimmt doch gar nicht. ‚Meiner‘ kann das ebenso gut wie ich.“
S: „Kann er nicht.“
M: „Kann er doch.“

Mama wendet sich wieder ihrer Arbeit zu, die Schuldgefühle wissen für einen Moment lang nicht, was sie noch sagen sollen. Draussen spielen die Kinder, schreien, lachen, singen. Wo denn die Mama sei, will ein Kind wissen.

S: „Hast du gehört, die suchen dich. Warum musst du auch immer arbeiten, wo deine Kinder dich doch so sehr brauchen.“
M: „Meine Kinder haben mich fast den ganzen Tag. Und wenn sie mich nicht haben, dann haben sie den Papa und der ist genauso wichtig. Und immerhin arbeite ich nicht ausser Hause. Zu den Mahlzeiten bin ich da.“
S: „Und danach verschwindest du wieder im Büro. Glaubst du wirklich, dass deine Kinder das mögen. Die werden sich später, wenn sie mal an ihre Kindheit zurückdenken, nur noch an eine verschlossene Bürotür erinnern. Und an eine Mama, die nie Zeit hat.“
M: „Aber ich habe doch Zeit. Ich bin fast immer da…“
S: „
Fast immer, ja. Aber nicht immer…“
M: „Aber ich muss doch gar nicht immer. ‚Meiner’….“
S: „Ja, ich weiss, ‚Deiner‘. Aber glaubst du nicht auch, die Kinder wären viel besser betreut, wenn ihr
beide jetzt im Garten wäret?“

So geht es weiter, hin und her, immer hitziger, immer giftiger. Und je nach dem, wer den längeren Atem hat, siegen die Schuldgefühle oder die Mama.

Ja, ihr lieben Schuldgefühle, ihr wisst, wie ihr einem das Leben versauern könnt. Aber Eines muss man euch lassen: Ihr piesackt die Mütter ohne Ansehen der Person. Denn ob eine Mama vollzeitlich berufstätig ist, ob sie von zu Hause aus arbeitet, ob sie ehrenamtlich arbeitet oder ob sie krankgeschrieben ist, ihr bringt es immer fertig, ihr einzuflüstern, dass sie es nie und nimmer schafft, die Mama zu sein, die ihre Kinder verdient hätten.

Verkabelt

Zurzeit habe ich öfters mit Teenagern und solchen, die es werden wollen, zu tun. Nein, ich meine nicht meine eigenen Kinder, die sind noch zu klein dafür. Und darum bin ich wohl auch noch nicht blind geworden für die Eigenarten, die heutige Teenager so haben. Besonders auffällig ist diese Verkabelung: Weisse Kabel mit je einem Stöpsel am Ende. Mal baumeln die Stöpsel schlaff herunter, dann wieder steckt einer im Ohr, das andere Kabel ist um die Ohrmuschel gewickelt, damit es nicht in den Weg kommt. Und natürlich auch, damit man das langweilige Gelaber des Erwachsenen, der noch immer nicht begriffen hat, dass der Teenager jetzt lieber Musik hören will, nur auf einem Ohr zu hören braucht. Zuweilen baumeln die weissen Kabel auch einfach in der Gegend herum und man wundert sich, dass sich noch kein Halbwüchsiger so sehr in seiner Verkabelung verfangen hat, dass er ein ähnliches Ende wie Absalom genommen hat: Hängen geblieben, nicht an der eigenen Lockenpracht, sondern an der eigenen Verkabelung.

Es ist ganz klar: Ich werde langsam alt. Kein Verständnis mehr für die technischen Veränderungen der Neuzeit und noch kein Verständnis für die Veränderungen, die unweigerlich noch kommen werden und denen ich mich nicht werde verschliessen können, will ich meine eigenen Kinder dereinst noch verstehen. Rede ich mit einem dieser verkabelten Teenager fühle ich mich stets leicht verunsichert, denn ich weiss nie so recht, ob er mich hören kann oder nicht. Und dann denke ich wehmütig an die alten Zeiten zurück, als die Batterien meines Walkmans gerade mal für zwei oder drei Kassetten reichten. Danach klang die Stimme von Eros Ramazzotti oder von Michael Jackson wie Katzengesang. Okay, böse Zungen behaupteten damals, diese Musik sei auch mit neuen Batterien nichts als Katzengesang, aber ich liess mich nicht beirren und lauschte bis zum bitteren Ende, bis der Walkman keinen Ton mehr von sich gab. Und dann musste man wieder warten, bis man genug Taschengeld hatte, um sich neue Batterien zu kaufen. Genügend Zeit, um für die Umwelt wieder ansprechbar zu sein; eine wundervolle lange Pause ohne Stöpsel im Ohr. Was bin ich froh, dass mein Walkman noch kein Ladegerät hatte.

Um Eines aber beneide ich die verkabelte Jugend: Hat man so viel Übung im Umgang mit sich verheddernden Kabeln, kommt man bestimmt auch besser mit Infusionsschläuchen zurecht, wenn man dereinst alt und gebrechlich ist.

Kleine Kapitalisten

Da paaren sich zwei Idealisten – Lehrer und Ex-Lokaljournalistin und beide zusammen Christen = Idealismus im Quadrat – und was werden die Kinder? Astreine Kapitalisten. Völlig egal, dass die Mama schon als Sechsjährige den Mercedes-Fahrer als Kapitalisten beschimpft hat, völlig gleichgültig, dass die Eltern die Partei wählen, die auch heute noch die Überwindung des Kapitalismus anstrebt,  die Kinder tun dennoch, was ihnen beliebt.

Und so sind seit einigen Tagen Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat fleissig am Geld verdienen. Mal bieten sie den Eltern Massagen zu Wucherpreisen an, dann wieder ziehen sie durchs Quartier und verkaufen Blumensträusse. Und das Geld, das sie dabei verdienen, legen sie zusammen, damit sie sich „dann irgend einmal etwas“ kaufen können. Naiv, wie ich nun mal bin, habe ich an Schleckstengel gedacht, als sie mir dies erzählten. Oder an Bonbons. Oder vielleicht an ein Gesellschaftsspiel. Doch nein, unsere Kinder haben Grösseres im Sinn: „Weisst du Mama, wenn wir genug Geld verdient haben, kaufen wir uns so eine grosse Flasche, mit denen man Ballons füllen kann und dann verkaufen wir Ballons und dann verdienen wir noch viel mehr Geld und dann kaufen wir mit diesem Geld wieder etwas, mit dem man Geld verdienen kann“, berichtete mir Karlsson aufgeregt. Und später hörte ich, wie er zu Luise sagte: „Ich glaube, wir kaufen uns am besten eine Zuckerwattenmaschine. Damit können wir mehr Geld verdienen, als mit Luftballons.“

Woher die Kinder das haben? Nun, ganz bestimmt nicht von ihren idealistischen Eltern. Die haben nämlich heute noch Gewissensbisse, wenn sie für ihre Arbeit, die sie ja aus lauter Menschenliebe machen, auch noch Geld verdienen.

Ohne mich?

Dieses Jahr mache ich nicht mit. Ganz bestimmt nicht. Ich weiss, in meinem Alter macht man das, aber ich will jetzt einfach nicht und darum werde ich auch nicht. Ich habe keine Lust, mich stundenlang hinzukauern, keinen Bock auf schmutzige Fingernägel, kein Bedürfnis, todmüde und mit schmerzenden Gliedern ins Bett zu sinken. Lieber hocke ich in meinem unaufgeräumten Büro und tippe mir die Finger wund. Dieses Jahr lässt mich die Gartensaison kalt.

So dachte ich noch vor ein paar Tagen. Aber dann stiess ich beim Surfen auf einen Tellerpfirsich-Baum und mein Entschluss geriet ins Wanken. Nachdem aber „Meiner“ das Bäumchen gepflanzt hatte und die ersten rosaroten Blüten sich öffneten, zog ich mich wieder ins Büro zurück. Ich habe dieses Jahr wirklich keine Lust auf Gärtnern. Aber das lässt sich die Natur nicht bieten. Und so begann sie, mich zu umschmeicheln. Die ersten Traubenhyazinthen liessen mich noch kalt, doch als die Osterglocken zu blühen begannen, deren Zwiebeln wir letzten Herbst aus Chamonix mitgebracht hatten, fühlte ich mich schon ein wenig geschmeichelt. Immerhin haben wir letzten Herbst mit klammen Fingern in der Erde gewühlt, um dafür zu sorgen, dass die Natur sich in diesem Frühling von ihrer besten Seite zeigen kann.

Dennoch beschloss ich, die Gartenarbeit „Meinem“ zu überlassen. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht. Und jemand muss sich doch auch um die armen Papiere kümmern, die so verloren auf meinem Schreibtisch liegen.  Heute Nachmittag aber ging uns die Erde aus und weil „Meiner“ am Graben war – er verschönert gerade unseren Gartensitzplatz – musste eben ich in die Migros fahren. Und dann war es um mich geschehen und jetzt wachsen auf unserem Balkon Kopfsalate, Eisbergsalate, Basilikum, Thai-Basilikum, Zitronenthymian, Mohn, Oregano, Marokkanische Minze, Butternut-Kürbisse und Petersilie. Und weil das nicht genug ist, habe ich gleich noch ein paar Kohlrabi und San Marzano-Tomaten ins Gartenbeet gepflanzt.

Tja, sieht so aus, als wäre ich nun doch dabei. Ich hätte es ja eigentlich wissen sollen, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Wie meine geneigten Leser wissen, kann man sich der Gärtnerei in einem gewissen Alter nicht mehr erwehren.

Mein kleines Jubiläum

Ob ich denn nicht bloggen möchte, fragte mich ein guter Freund vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich jedesmal, wenn man mich fragte, wie es mir gehe, den Tränen nahe war. Was mich so unglücklich sein liess? Nun, es gab viele Gründe, aber einer der Hauptgründe war, dass in meinem Kopf so viele Sätze herumschwirrten, dass ich aber keine Möglichkeit sah, diese Sätze jemandem zugänglich zu machen. Dennoch war ich zuerst mal skeptisch, als der Vorschlag mit dem bloggen kam. Bloggen ist doch bloss etwas für Freaks, dachte ich. (Denke ich eigentlich noch immer, aber inzwischen habe ich feststellen müssen, dass ich selber ein Freak bin.) Etwas für Freaks, die ihre unwichtigen Gedanken ins Universum hinaus brüllen und vergeblich auf eine Antwort warten.

Weil ich mich nicht entscheiden konnte, schritt unser Freund zur Tat: „Was meinst du zum Namen ‚beautifulvenditti‘?“, fragte er mich ein paar Tage später und noch ehe ich mich entschieden hatte, ob ich mich auf das Abenteuer einlassen solle, war mein Blog eingerichtet und zwei Tage später mailte unser Freund: „Wann fängst du an zu schreiben? Ich warte auf deinen ersten Post“. Und so fing ich eben an, zögerlich zuerst und stets bereit, die Sache beim geringsten Widerstand wieder aufzugeben. Doch bald schon stellte ich fest, wie beruhigend es ist, wenn man sich in einer schlaflosen Nacht nicht mehr unruhig im Bett herumwälzen muss, sondern aufstehen und schreiben kann. Mit der Zeit kamen auch die ersten Kommentare und damit verschwand auch das Gefühl, dass ich ins Leere schreibe. Irgendwann schliesslich kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal mehr als hundert Leser hatte. Ich weiss, das sind nicht besonders viele, aber gebt einem Schreiberling das Gefühl, seine Texte würden gelesen und er mutiert zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. Und von da an hört er nicht mehr auf, diesen Planeten mit seinen Texten zu beglücken, auch wenn der Planet sich auch ohne das Geschreibsel fröhlich weiterdrehen würde.

Warum ich das alles ausgerechnet heute schreibe? Weil ich gestern diesen Planeten mit meinem 500. Post beglückt habe und mich das ein kleines bisschen sentimental stimmt.