Warnung vor dem fremden Fötzel

Ich bin mit einer Wetterfahne verheiratet. Das weiss ich, seitdem ich heute Nachmittag diesen Leserbrief gelesen habe. Da schreibt einer, der sich als Schweizer „und zwar mit dem  Herzen und nicht bloss auf dem Papier“ bezeichnet, Doppelbürger seien Windfahnen. Ich weiss zwar nicht genau, was eine Windfahne sein soll. Bis anhin waren mir eher die „Wetterfahnen“ oder die „Fahnen im Wind“ bekannt. Doch einer, der schreibt, er könne seine Ahnengalerie bis ins Jahr 1689 zurückverfolgen, wird’s wohl besser wissen. Er ist ja auch kein Landesverräter wie ich, die ich der schnöden Liebe wegen einen Ausländer geheiratet und ihm dadurch die erleichterte  Einbürgerung ermöglicht habe.

„Doppelbürgern fehlen zwei ganz wichtige Eigenschaften“, schreibt er weiter. Nun, „Meiner“ hat in meinen Augen mehr als zwei Mängel, doch schauen wir mal, was ihm denn im Besonderen fehlen soll. Als Erstes nennt der Schreiber die „Entscheidungskraft für die Wahlheimat“. Ach so, darum trinkt also „Meiner“ lieber Latte Macchiato anstelle von Nescafe. Jetzt verstehe ich endlich. Und wegen der fehlenden Entscheidungskraft mangle es Doppelbürgern auch an Treue. Auf den ersten Blick fällt mir „Meiner“ nicht als besonders treulos auf. Aber wenn ich mir die Sache länger überlege, kommt mir in den Sinn, dass „Meiner“  ganz eindeutig Mühe hat damit, immer derselben Chipsmarke treu zu bleiben. Und das ehemals heiss geliebte Schoko-Mokka-Joghurt verschmäht er auch, seitdem die Migros die Rezeptur verändert hat.

Doppelbürger seien „in politischen Ämtern gar eine Gefahr für die erprobte und bewährte schweizerische Eigenart“, lese ich weiter. Himmel, wenn ich gewusst hätte, auf welche Gefahr ich mich da einlasse, hätte ich einen echten Schweizer, einen „mit dem Herzen“ geheiratet. Nun, jetzt ist es schon zu spät und da „Meiner“ und ich trotz seiner verräterischen Doppelbürgerseele sehr gut harmonieren, bleibt mir nur noch Eines: Mit allen Mitteln verhindern, dass er je ein politisches Amt ausübt. Wie könnte ich es verantworten, dass sich ein treuloser,  entscheidungsschwacher fremder Fötzel plötzlich in die Geschicke unseres Landes einmischen kann, bloss weil er sich dank meiner Hilfe den Roten Pass erschlichen hat?

Was mich an der ganzen Sache allerdings stutzig macht: Warum ist mir in all den Jahren, die ich mit „Meinem“ bereits verbracht habe, nie aufgefallen, mit welch übler Kreatur ich mein Leben teile? Vermutlich verbirgt sich irgendwo in meiner Ahnengalerie ein Doppelbürger. Denn wäre ich eine wahre Eidgenossin, wären mir die Treulosigkeit und Entscheidungsschwäche meines Gatten nicht bis heute verborgen geblieben.

One-Woman-Show

Morgens um sieben tritt sie auf die grosse Bühne des Familientheaters. Für ein paar Momente wird sie die Rolle der Verschlafenen spielen, doch schon Minuten später wird die Verschlafene verdrängt von der Hellwachen, der Motivatorin, die den beiden grössten Kindern zu einem fröhlichen Start in den Tag verhilft, und sei der Himmel noch so grau.

Während diese beiden Rollen täglich die Gleichen sind, ist alles, was danach folgt, reine Improvisation und zwar auf höchstem Niveau. Aus der Trösterin, die Luise versichert, dass sie auf der Kindergartenreise einen ganzen Tag ohne Mama klarkommen wird, wird blitzschnell die Schiedsrichterin, die dafür sorgt, dass Karlsson und Luise sich ohne Blutvergiessen darüber einigen, wer wo am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen ist das Prinzchen erwacht. Und schon hat sie die Rolle wieder gewechselt. Jetzt steht sie als Futterquelle auf der Bühne, um Augenblicke später als Kammerzofe für des Zoowärters saubere Kleidung zu sorgen. Um schliesslich auch noch dem morgenmuffeligen FeuerwehrRitterRömerPiraten zu einem sonnigen Tagesstart zu verhelfen, mutiert sie mal ganz kurz zur Minnesängerin, worauf sie als Einpeitscherin dafür sorgt, dass Karlsson und Luise nicht zu spät kommen.

So nimmt das Familientheater seinen Lauf, zwei bis vier Kostümwechsel inbegriffen. Geht sie einkaufen, rangeln die Geizige und die Grosszügige um die Aufmerksamkeit auf der Bühne. Paradoxerweise gibt die Grosszügie meist dann ihre beste Vorstellung, wenn das Budget am knappsten ist. Läutet das Telefon, geht wahlweise die verständnisvolle Freundin, die knallharte Neinsagerin, die jeden Telefonverkäufer das Fürchten lehrt, oder die schnippische Lehrersgattin, die „Ihren“ vor Zusatzarbeit schützt, an den Apparat. Wobei die Rolle der Telefonistin ihre besonderen Tücken hat, muss sie doch immer auch gleichzeitig die strenge Erzieherin sein, die verhindert, dass das Haus während des Telefonats in Schutt und Asche gelegt wird. Beim Mittagessen wird dann von den Kindern oft die Komödiantin verlangt. Je nach Tagesform schafft es diese, dass die Kinder vor Lachen unter dem Tisch liegen. Manchmal aber zaubert sie den Kleinen bloss ein müdes Lächeln aufs Gesicht. Abends dann, wenn die Kinder im Bett sind, wäre die Leidenschaftliche gefragt, die Unterhaltsame, die lebhafte Gesprächsparterin. Doch leider bringt sie es nicht immer fertig, ihr Publikum zu begeistern. So sie es denn überhaupt auf die Bühne schafft.

Im Familientheater wird es ihr nie langweilig und es gibt durchaus Tage, an denen die Rollenwechsel reibungslos klappen und das Ganze ihr unglaublichen Spass bereitet. An anderen Tagen geht es nicht so glatt und dann steht plötzlich die Zornige auf der Bühne, wo eigentlich die Einfühlsame gefragt wäre. Oder die Übermüdete sinkt zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa, wenn doch die besonders Wachsame gerade ihren Auftritt haben sollte. Und manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass diejenigen, die erst viel viel später, so in zwei drei Jahren, dranwären, hinter Vorhang hervorlugen. Die Sehnsüchtige, die Eigensinnige und die Träumerin schaffen es immer wieder, die Vorführung mit ihren unbedachten Auftritten zu stören und alles aus der Bahn zu werfen. An gewissen Tagen drängt sich auch die Verzweifelte ins Rampenlicht, was meistens zu Tränen führt. Des langen Wartens müde, sind die Berufstätige und die Erfolgreiche im Begriff, sich aus der Show zu stehlen und die Regie muss aufpassen, dass nicht irgendwann die frustrierte Hausfrau die Hauptrolle an sich reisst.

Ja, die Regie. Die macht es ihr nicht immer einfach. Allein schon, herauszufinden, wer gerade auf dem Regiestuhl sitzt, ist zuweilen fast unmöglich. Sind es die Kinder, ist es „Meiner“, ist es der Glaube, ist es der Terminplan, ist es der Telefonverkäufer, ist es das Wetter, ist es die Schulleiterin, ist es der leere Kühlschrank?  Oder gar alle miteinander?

Manchmal wäre es hilfreich, sie könnte wiedermal das Theaterstück lesen, um herauszufinden, was das Ganze überhaupt soll. Sie könnte dann ihre verschiedenen Rollen auch mit viel mehr Überzeugung spielen. Es würde ihr auch leichter fallen, unpassende Rollen aus dem Stück zu streichen. Doch leider macht sich die Nachdenkliche immer rarer, das Karussell der Rollen dreht sich immer schneller und manchmal bekommt sie Angst, dass sie eines Tages ihre Auftritte nicht mehr hinkriegt. Wer schaut dann, dass das Familientheater nicht vollkommen aus den Fugen gerät?

Geschichtslektion

„Zwanzig Jahre ist das erst her!“, entfährt es mir bei der Zeitungslektüre, als ich auf einen Bericht über den Mauerfall stosse. Karlsson will wissen, wovon ich rede. Ich beginne zu erzählen, wie das damals war. Wie man uns Kindern von den bösen Russen erzählte, wie eine Familie im Dorf ihre Kinder im Luftschutzkeller übernachten liess, weil die Eltern Angst hatten vor einem Atomkrieg. Ich versuche, ihm zu erklären, warum der Kommunismus nicht funktionieren konnte und weshalb es nicht so einfach war, sich gegen das Regime zu wehren. Um ihm klarzumachen, dass es hier um Menschen ging, male ich ihm vor Augen, wie schlimm es gewesen sein muss, als die Mauer Familien für Jahre trennte.

Und dann erzähle ich Karlsson von  jenem unvergesslichen Moment, als ich als Fünfzehnjährige am Fernsehen die Bilder vom Mauerfall sah. Plötzlich ist sie wieder da, die Gänsehaut von damals. Das Staunen darüber, dass man plötzlich nach Prag reisen konnte und dass die Russen von einem Tag auf den anderen nicht mehr nur ein Volk von bösen Christenverfolgern waren. Ist doch Wahnsinn, denke ich, ich bin noch so jung und habe schon so viel Geschichte mitbekommen.

Karlsson hört sich mein Geschwätz an und betrachtet dabei eingehend das Bild vom Mauerfall in der Zeitung. Plötzlich fragt er mich: „Mama, warum ist das Bild in Farbe? Farbbilder gab es doch noch gar nicht, als du ein Kind warst.“ „Farbbilder gab es sehr wohl in meiner Kindheit. So alt bin ich noch nicht“, entrüste ich mich. „So alt siehst du aber aus“, gibt er zur Antwort. Und zum Unterstreichen, dass er nicht bloss frech sein will, sondern sich nur um mich sorgt, schiebt er noch nach: „Man sieht schon wieder deine grauen Haare. Du musst zum Coiffeur.“

Hat das Kind denn kein Gespür für grosse historische Momente?

Luise geht ins Kino, Teil II

Ach, was war das doch für ein grossartiger Weibernachmittag! Der ganze Kinosaal voller Mamas mit ihren Töchtern, ein paar vereinzelte Papas und Brüder, die sich dem Willen der Frauen hatten beugen müssen. Und dann erst der Film! Alles rosarot, geblümt und positiv. Ein richtiger Chick-Flick für Kinder. Als Lillifees befliegbarer Kleiderschrank, vollgestopft mit rosaroten Kleidchen zu sehen war, ging ein sehnsüchtiger Seufzer durch die Reihen der Mädchen und ganz bestimmt seufzten auch einige Mamas mit.

Mitten in all dem eine selige Lusie, die aufpassen musste, dass der Kinosessel sie wegen ihres Fliegengewichts nicht in die Höhe katapultierte. Verträumt lächelnd sass sie da, kaute auf ihrem Schokoladen-Popcorn herum und fieberte mit, wie Lillifee ihre rosarote Welt rettete. Vergessen all der Kummer über die nicht vorhandene Schwester, vergessen die Angst, der Film könnte ihr schlimme Träume bescheren. Vergessen auch, dass sie ja eigentlich kein Lillifee-Fan ist. Wenn sie jetzt nur nicht ihre guten Vorsätze vergisst und sich trotzdem eine Lillifee-Bettwäsche wünscht!

Und die Mama? Die sehnte sich für einmal nicht nach ihrer „NZZ am Sonntag“ und einer deftigen politischen Diskussion – mit Gleichgesinnten, natürlich, sonst gibt’s Ärger und davon hat Mama ja schon genug. Kein Drang, die Geschlechterrollen im Film zu hinterfragen, kein Bedürfnis, die Klischees von Sockel zu stürzen. Einfach nur Freude, dass ihr der Himmel neben vier wunderbaren Söhnen auch eine wunderbare Tochter geschenkt hat, mit der sie von Zeit zu Zeit auf der rosaroten Wolke schweben darf.

Nur schade, dass der Film so kurz war. Die Mama wäre gerne noch etwas länger geschwebt, denn zu Hause wartete eine schmutzige Wohnung. Und eine Woche ohne Putzfrau.

Kann man irgendwo Lillifees Zauberstab kaufen? Der Preis spielt keine Rolle.

Luise geht ins Kino, Teil I

Seit mehr als einem Jahr ist Luise stolze Besitzerin eines Kinogutscheins. Seit etwas mehr als zwei Jahren liegt sie ihrer Mama in den Ohren, sie wolle endlich auch einmal ins Kino gehen. Nicht, dass es keine Gelegenheiten gegeben hätte. Mal wollte die Gotte sie mitnehmen. Doch Wall-E war Luise zu technisch. Und überhaupt wollte sie bei ihrem ersten Kinobesuch lieber die Mama dabei haben und die hatte keine Lust, ihr Geld für einen doofen Roboterfilm auszugeben. Ein ander Mal fragte die Freundin, die an diesem Tag gerade den „beste Freundin“-Titel trug, ob Luise mit ihr „Monsters and Aliens“ schauen wolle. Luise hatte keine Angst. Zumindest nicht davor, der Freundin zu sagen, vor einem Monster-Film habe sie furchtbare Angst und deshalb begleite sie lieber die Mama und den kleinen Bruder zur Kinderärztin.

Jetzt hat das Warten endlich ein Ende. „Prinzessin Lillifee“ ist garantiert frei von Monstern, Robotern und Spannung. Eine rosarote Welt ist genau das Richtige für ein Kind, das schon schlecht schläft, nachdem sie mit ihren Brüdern die Anfangsszene von „Shrek“ auf DVD geschaut hat.

Vor Lillifee hat Luise keine Angst. Dafür aber andere Vorbehalte. „Weisst du, Mama“, sagte sie neulich ganz abgeklärt, „eigentlich bin ich ja kein richtiger Lillifee-Fan.“ Was denn ein richtiger Lillifee-Fan sei, will ich wissen. „Also ich würde mir zum Beispiel niiiieeee eine Lillifee-Bettwäsche wünschen, oder auch keinen Lillifee-Schulsack, oder eine Lillifee-Tasse. Ich möchte nicht einmal ein Lillifee-Buch.“ Ach wie beruhigend! Dann müssen wir also nächste Woche nicht ganz aufs Essen verzichten, um uns all die Fanartikel leisten zu können. Woher allerdings Lusie weiss, was ein „richtiger“ Fan alles haben muss, möchte ich schon wissen. Immerhin hat sie bis heute noch kaum einmal Fernsehwerbung gesehen.

Heute also ist der grosse Tag, an dem Luise zum ersten Mal ins Kino geht. Wobei noch die Frage zu klären wäre, wer eigentlich wen begleitet. Denn nachdem sie mir das mit den Fanartikeln erklärt hatte, bemerkte sie grosszügig: „Weisst du, Mama, ich bin zwar kein richtiger Lillifee-Fan, aber ich komme trotzdem mit dir.“

Bitte nicht neidisch werden!

Was wir am Samstagabend machen? Nun, wir lassen es so richtig krachen. Wie die meisten Eltern. Wir trinken eine Tasse Kaffee (mit Koffein, zur Feier des Wochendes!). Wir essen vielleicht sogar ein paar Chips. Jedoch erst, wenn die Kinder schon tief schlafen. Wir wollen ja kein schlechtes Vorbild abgeben. Zuweilen wagen wir es sogar, die erste Hälfte eines Filmes zu schauen. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es sogar bereits in diesem Jahr, die zweite Hälfte auch noch zu sehen.

Wenn uns mal wieder nach etwas richtig Ausgefallenem ist, dann sorgen wir dafür, dass sich der Zoowärter beim Abendessen so richtig vollstopft und zwei Stunden später das ganze Bett vollkotzt. Denn es gibt doch einfach nichts Schöneres, als samstags um zehn Uhr abends gemeinsam Erbrochenes aufzuwischen, das Kind zu duschen und danach die komplette Bettwäsche zu waschen.

Ungezieferalarm

Grundsätzlich bin ich ja ein mehr oder weniger tierliebender Mensch. Ich esse kein Fleisch, ich denke wehmütig an meine Kindheit zurück, als wir die Lämmchen mit der Schoppenflasche grosszogen, ich grüsse jede Katze, die mir über den Weg läuft und wenn ich auf einem Spaziergang einem Schmetterling begegne, gebe ich mir jede erdenkliche Mühe, das Tier nicht zu verscheuchen. Aber Tiere im Haus? Nicht mit mir! Eine Katze oder eine Schildkröte könnte ich zur Not noch tolerieren, aber mehr nicht.

Auch keine Ameise. Und erst recht keine Ameisen. Und schon gar keine kleinen Ameisen, die man kaum sieht. Und deren Strasse ausgerechnet über unseren schwarzen Küchenboden führt. Man sucht und sucht, doch man findet das Einfallstor nicht. Folglich kann man ihnen nicht beikommen, muss sogar den Hermann vor ihnen schützen und  aufpassen, dass die  Biester nicht über das Frühstücksbrot herfallen. Ich gebe gerne zu, dass so ein Ameisenstaat eine beeindruckende Sache ist, doch ich lasse mich lieber draussen beeindrucken als drinnen. Und überhaupt: Wer ist eigentlich der Chef hier drinnen?!

Aus bitterer Erfahrung weiss ich, dass nach den Ameisen bereits die nächsten Invasoren lauern, die Maden. Einem oder zwei dieser ekligen Geschöpfe liesse sich ja noch beikommen. Doch bei uns treten die Dinger jeweils in rauhen Mengen auf. Nie werde ich jenen sonnigen Sonntagmorgen vergessen, an dem hunderte von Fliegenmaden unter der Sonntagszeitung hervorkgekrochen kamen, aus den Bodenritzen und unter den Putzlappen hervor. Nach zwei Stunden waren die meisten tot. Leider nur die meisten. Als wir ein paar Tage später von einem Ausflug zurückkehrten, war der Fussboden übersät mit toten Fliegen, die sich an den Giftstreifen am Fenster vollgefressen hatten.

Als ob Ameisen, Maden und Fliegen nicht genug des Ungeziefers wären, sorgt Karlsson hie und da für einen weiteren  Kick: Sind die Strassen draussen nass, muss ich jederzeit darauf vorbereitet sein, dass er mir ein Handvoll frischer Nacktschnecken nach Hause bringt. Und falls er mir mal eine ganz grosse Freude bereiten  will, küsst er, der nicht mal seine Mama küsst, jede einzelne Nacktschnecke auf die Fühler.

Lachanfall

Was sind wir doch naiv! Und dies nach bald neun Jahren Elternkarriere. Karlssons bester Freund darf heute bei uns übernachten. Anfangs herrscht eine herrliche Stille im Kinderzimmer. Wir glauben schon fast, dass die beiden bereits schlafen. Bis Karlsson plötzlich fragt, wo denn sein Freund sei. Ach so, der ist im Esszimmer in ein Asterixheft vertieft. Darum die unübliche Stille. Da wir aufgeschlossene Eltern sind, die wollen, dass ihre Kinder auch mal ihren Spass haben dürfen, ermuntern wir die beiden Jungs, doch noch ein wenig miteinander zu plaudern vor dem Einschlafen. Und weil „Meiner“ gerne mal übertreibt, ruft er die Treppe hoch, sie dürften schon etwas lauter sein.

Ist „Meiner“ noch recht bei Trost? Hat er noch nie einen Lachanfall der beiden Jungs in voller Länge erlebt? Ich auch nicht, denn wenn die zwei mal losgelegt haben, können sie nicht mehr aufhören. Und deshalb wirft man sie irgendwann aus dem Haus, schickt sie in die Schule oder lässt sie Shaun das Schaf schauen, bis sie unter das Sofa fallen vor lauter Lachen. Da lacht es dann wenigstens etwas gedämpfter unter dem Sofa hervor. Aber abstellen lassen sich nicht. Es sei denn, man versuche, sie zu trennen. Dann lachen sie nicht mehr, sondern beginnen zu heulen. Und das wäre dann ja auch nicht mehr  lustig.

Auf wen kann man sich denn noch verlassen?

Diese Meteorologen sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Da lässt man sich seit Tagen weismachen, heute sei es ganz bestimmt schön, zumindest im Mittelland, und dann ist der Himmel grau, die Strassen sind nass. Warum das so wichtig ist? Weil Karlsson heute einen Schulausflug  hat, auf den er sich seit Tagen freut. Der Ausflug findet zwar bei jedem Wetter statt, doch bei Regenwetter braucht Karlsson eine Regenjacke. Und die hat er nicht mehr. Die ist nämlich beim letzten Schulausflug, für den wir sie eigens gekauft hatten, liegengeblieben. Und weil Karlsson merken soll, dass man auf seine Sachen achtgeben muss, hat er nicht sofort eine Neue bekommen. Und weil der Bucheli behauptet hat, heute sei das Wetter schön, habe ich gestern, als „Meiner“ noch schnell eine neue Regenajcke besorgen wollte, gesagt, dies sei völlig unnötig, das Wetter sei heute schön.

Und dann hänge natürlich wieder ich, wenn Buchelis Prognosen nicht stimmen. Die Meteorologen sind ja immer fein raus. Die müssen sich kein Gejammer anhören, wenn wieder mal eine Prognose danebengegangen ist. „Meiner“ schaut zwar immer brav Meteo mit mir. Doch kaum hat der Bucheli seine Sätzchen fertiggestammelt, fragt er mich: „Ist es morgen schön?“ Ob er denn nicht gesehen habe, dass ein kräftiges Hoch im Anzug sei? „Ein Hoch? Dann regnet es also morgen?“ Das Erklären, wie das mit den Hochs und Tiefs ist, habe ich schon längst aufgegeben. Und wenn er mich morgens um Viertel vor sechs weckt, um mich zu fragen, ob es heute warm sei oder ob er lange Hosen anziehen solle, gerate ich zuweilen in Versuchung, ihm zu sagen, es werde den ganzen Tag regnen, obschon ich weiss, dass es 30 Grad heiss sein wird.

Als also heute früh der Himmel grau verhangen war, wagte ich kaum, Karlsson zu wecken. Das würde ein Geheul geben, fürchtete ich. Doch wunderbarerweise sagte Karlsson kein Wort zum Wetter. Er war so aufgeregt, als er all die Landjäger, Chips, Sandwiches und Getränke sah, die eigens für ihn eingekauft worden waren, dass er die nassen Strassen gar nicht erst bemerkte. Kurz vor Abmarsch packte er freudenstrahlend noch einen Schirm ein. Seine Miene verdüsterte sich erst, als er versuchtes, den Rucksack zu schultern. „Mama, der ist ein bisschen schwer. Was hast du mir alles eingepackt?“ Zum Glück war „Meiner“ da schon längst weg. Sonst hätte er nur wieder gespottet, ich sei wie eine italiensiche Mama, die immer zu viel Essen einpackt.

Dabei will ich doch nur verhindern, dass mein armer kleiner Karlsson verhungert, wenn er den ganzen Tag weg ist von seiner Mama.

Freizeit

Seit Jahren schwirren diese Geschichten in meinem Kopf herum. Und weil mein Kopf nach Feierabend zu müde ist, um sie aufs Papier, oder zumindest mal in den Computer zu bringen, habe ich am Donnerstagnachmittag frei. Dann nämlich kommt „Meiner“ bereits am Mittag nach Hause und ich kann loslegen. Theoretisch. Wenn nicht gerade ein Versicherungsvertreter unsere Zeit in Anspruch nehmen will. Wenn Luise nicht ausgerechnet am Donnerstag eine spezielle Ballettprobe hat, oder „Meiner“ eine ausserordentliche Sitzung. Wenn ich es schaffe, die Zügel aus der Hand zu geben und wenn sich nicht gerade lieber Besuch anmeldet, den man seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und für den man gerne den freien Nachmittag opfert.

Heute aber hätte es klappen sollen. Gleich, wenn „Meiner“ nach Hause kommen würde, sollte meine freie Zeit beginnen. Nur der Wocheneinkauf war noch zu erledigen. Den hätte zwar auch „Meiner“ machen können. Doch weil es mich dermassen ärgert, wenn danach wieder der ganze Kühlschrank voll ist mit Budget-Produkten, lasse ich „Meinen“ nur unter Aufsicht in die Migros. Aber so ein kleiner Wocheneinkauf ist ja schnell erledigt, wenn die Liste gemacht ist und man keine Kinder mitnehmen muss. Und vor dem Einkauf  muss ich nur noch mit „Meinem“ eine Tasse Kaffee trinken, ein wenig lästern, dass ein paar Deppen Berlusconi für den Friedensnobelpreis vorschlagen wollen, dem Prinzchen einen Brei kochen, die Einkaufsliste noch einmal durchgehen, den Zoowärter ins Bett bringen, aufs WC gehen und sonst noch ein paar Kleinigkeiten erledigen.

Schliesslich ist es halb vier, als ich endlich meinen freien Nachmittag in Angriff nehmen kann. Zum Schreiben ist es jetzt  zu spät, aber ein Waldspaziergang ist immer gut. Und zwar ein zügiger. Damit ich am Abend dem E-Balance Coach, der mir helfen soll, den Babyspeck loszuwerden, beweisen kann, dass ich nicht immer nur faul herumsitze. Der Kerl stänkert nämlich schon seit Tagen, ich solle mich mehr bewegen. Klar, der Coach ist bloss virtuell, aber sein ewiges Gemotze geht mir trotzdem auf den Geist. Gna gna gna!

Nun, irgendwie schaffe ich es, trotz meiner Verspätung in die Gänge zu kommen. Und nachdem ich auch einen Schwatz am Wegrand so kurz wie mög lich gehalten habe, kann ich meine freie Zeit wenigstens dazu nützen, mir den Kopf zu zerbrechen, wann, wenn nicht am Donnerstagnachmittag, meine Geschichten den Weg aufs Papier finden könnten.