Das ist kein bisschen lustig

Eltern, die in ihrer Kindheit Ablehnung und Gewalt erlebt hätten, würden das freudige Strampeln eines Säuglings als Aggression deuten, lese ich in einem  Artikel über Gewalt an Kindern. In dem Bericht ist die Rede von Drogensüchtigen, sozial isolierten und psychisch kranken Eltern. Sogenannte Risikogruppen eben.

Die Aussagen des Artikels gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich dem Prinzchen dabei zusehe, wie er fröhlich vor sich hinbrabbelt, mit seinen Ärmchen rudert und mit den Beinchen kräftig gegen die Wand tritt. Wie viel muss in einem Leben schief laufen, dass man als Eltern nicht mehr fähig ist, das Schönste, was es gibt, nicht als schön, sondern als bedrohlich wahrzunehmen?

Diese Gedanken beschäftigen mich und plötzlich sehe ich sie wieder vor mir, meine eigenen tiefsten Tiefpunkte in meiner Karriere als Mutter. Zeiten, in denen ich meine Kinder nur noch als Störenfriede wahrnahm, die mich daran hinderten, einen Gedanken fertig zu denken oder eine Nacht durchzuschlafen. Momente, in denen ich nur noch mit Mühe zurückhalten konnte, dem Kind eine Ohrfeige zu verpassen. Nicht, weil mein Nachwuchs sich so daneben benahm, sondern weil ich in meiner Überforderung nicht mehr nachdenken konnte, warum mein Kind ausgerechnet jetzt so störrisch war. Zeiten in denen ich mich völlig alleingelassen fühlte mit meinem Herumschreien, meinen Ängsten und meinem Gefühl, als Mutter komplett zu versagen.

Und dies erlebte ich, die ich in einem gesunden sozialen Netz aufgehoben bin. Ich, die ich auf tatkräftige Hilfe von Familie und Freunden zählen kann. Ich, die ich zu keiner „Risikoggruppe“ gehöre. Wie geht es dann den Eltern, die ohne dieses Netz mit ihrem Versagen fertigwerden müssen? Wie viele Menschen gibt es, mit denen Mama erbarmungslos offen über ihr Versagen reden kann? Und zwar ohne, dass man sie gleich verurteilt und ihr ein paar billige Ratschläge um die Ohren haut. Ohne, dass sie danach wieder zurück in ihr Elend gehen muss, um alleine mit ihren Problemen zu kämpfen.

Es ist so einfach, nach aussen hin das Bild der glücklichen Mutter abzugeben, die alles im Griff hat. Es ist aber so schwierig, zu Hause immer dem absolut realitätsfremden Ideal der stets geduldigen und nie überforderten Mutter nachzuleben.

Arme Barbie

Wer glaubt, Skinhead-Barbie sei der Tiefpunkt gewesen, der irrt. Da lag sie heute früh auf Luises Schreibtisch, das goldverzierte Brautkleid hochgezogen, die letzten Haarstoppeln zerzaust. Unter dem Rock lugten die endlosen Beine hervor, das eine dunkelviolett, das andere blutrot, die Arme in einem scheusslichen Blau. Die Arme sah aus, als befinde sie sich im Endstadium einer fürchterlichen Krankheit. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Mitleid für Barbie.

Da hat mein grosser Bruder, damals, vor etwa 30 Jahren, viel kürzeren Prozess gemacht. Als ich mir einmal mit endlosem Gebrüll von meiner übermüdeten Mutter eine Mini-Barbie ertrotzt hatte, schaffte es das Püppchchen gerade knapp bis nach Hause, wo es mein Bruder unverzüglich die Toilette hinunterspülte. Was ich damals als grausamen Akt grossbrüderlicher Gemeinheit missverstand, entpuppt sich rückblickend als beherzte Rettungsaktion: Er wollte Barbie bloss bewahren vor den Qualen, die sie früher oder später unweigerlich erleiden würde.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich Karlsson auf seine Pflichten als grosser Bruder aufmerksam mache. Denn den nächsten Schritt von Barbies Niedergang möchte ich nicht erleben. Wird sie jetzt nicht von ihren Qualen erlöst, dann steckt sie „Meiner“ nämlich in den Backofen und missbraucht sie für eines seiner makaberen Kunstprojekte.

Immer diese Schuhe!

Dass heute nichts mehr für die Ewigkeit hergestellt wird, ist auch mir klar. Aber länger als eine Stunde sollten neue Kindersandalen schon halten. Oder hänge ich hier einem altmodischen Ideal nach, das von unserer Wegwerfgesellschaft schon längst zu Tode getrampelt worden ist?

Als ob der Schuhkauf mit vier mittelgrossen bis kleinen Kindern und einem übermüdeten Baby nicht schon kompliziert genug wäre! Luise, die Barbie inzwischen auch bei der Schuhmode abgeschworen hat, findet nichts, dass feminin genug und trotzdem nicht kitschig ist. Der Zoowärter will nicht begreifen, weshalb er die wunderschönen Sandalen noch einmal ausziehen muss, damit man sie bezahlen kann. Karlsson findet einzig ein Paar Gummistiefel, das ihm zusagt. Und das bei 33 Grand Hitze. Der Einzige, der vor lauter Glück strahlt, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er hat Sandalen mit Totenköpfen drauf gefunden. Mama und Papa haben sogar ja gesagt dazu. Doch auch der FeuerwehrRitterRömerPirat strahlt nicht lange. Kaum haben wir das Geschäft verlassen, will er die neuen Schuhe anziehen. Doch er kommt keinen Schritt weit damit, schon reisst der Riemen. Nun ja, von „Made in China“ ist  wohl nicht viel mehr zu erwarten.

Also geht „Meiner“ mit den drei Kleinen zurück zum Umtauschen, während ich mit den Grossen ein anderes Schuhgeschäft aufsuche. Nach dem „Made in China“-Debakel bestehe ich natürlich auf Qualität. Jetzt wird Markenware gekauft. Schon bald darauf stehe ich, um 130 Franken ärmer, mit zwei überglücklichen Kindern vor dem Geschäft. Doch auch dieses Glück währt nicht lange. Kaum zu Hause angekommen, heult Karlsson, als hätte ihn jemand verprügelt. Der Riemen an seinen „Qualitätsschuhen“ ist gerissen. Karlsson ist untröstlich und ich muss ihm hoch und heilig versprechen, die Sache gleich heute früh in Ordnung bringen zu lassen.

Also zurück ins Schuhgeschäft. Dort habe ich die Freundlichkeit in  Person vor mir. „Ja?!“, raunzt mich die Verkäuferin an, nachdem sie in aller Seelenruhe drei Paar Kinderschuhe ausgepackt, begutachtet und wieder eingepackt hat. Ich schildere ihr mein Problem, worauf sie mir wortlos einen Zettel und einen Kugelschreiber über den Verkaufstisch schiebt. Was sie denn nun vorhabe, will ich wissen. „Na, die Schuhe zurücknehmen und ihnen das Geld zurückerstatten, was denn sonst?“ Ob es denn nicht möglich sei, den Schuh zu reparieren, frage ich. Immerhin ist bloss eine Naht von etwa einem Zentimeter Länge aufgerissen. „Nein, wir reparieren keine Schuhe. Die werfen wir weg und ein gleiches Paar kann ich nicht bestellen“, erklärt sie mir.

Aber Karlsson will genau diese Sandalen und keine anderen! Und ausserdem wäre es eine Schande, sie wegzuwerfen. Ich beginne der Verkäuferin zu erzählen, wie meine kleiner lieber Karlsson gestern Abend in Tränen aufgelöst war. Wie unglücklich er sein würde, wenn ich ohne seine wunderschönen Römersandalen nach Hause käme. Und siehe da,  die Frau hat ein Herz! Wenn ich ihr die Quittung des Schuhmachers bringe, werde sie mir den Betrag zurückerstatten, verspricht sie. 

Also weiter, zu Mister Minit. Zehn Minuten später ist der Schuh geflickt, das Schuhgeschäft erstattet mir die horrenden Reparaturkosten von 7 Franken 50 und Karlsson strahlt wieder. Zumindest bis der nächste Riemen reisst.

Ein Zettel? Was für ein Zettel?

Ob sie meinen Zettel nicht gesehen hätte, wollte ich von ihr wissen. „Welchen Zettel denn?“, fragte die Fünftklässlerin. „Da war kein Zettel“. Doch doch, ich hätte ihn um elf Uhr noch an die Tür des Kirchgemeindehauses gehängt. Darauf sei gestanden, der Mittagstisch finde heute bei Vendittis statt. „Nein, da war kein Zettel“, beharrt sie. Und sie ist ziemlich verstimmt. Ist ja auch verständlich. Musste sie doch bei dieser Hitze durch das halbe Dorf rennen, um herauszufinden, wo sie heute ihr Mittagessen bekommt.

Sie beharrt so lange auf ihrer Behauptung, da sei kein Zettel gewesen, dass ich schliesslich an mir selber zu zweifeln beginne. Ich erinnere mich zwar noch genau, wie ich, wiedermal barfuss, zum Kirchgemeindehaus gerannt war. Wie ich den Zoowärter und das Prinzchen volle zwei Minuten alleine zu Hause lassen musste und deswegen furchtbar nervös gewesen war.  Wie dann die beiden anderen Mittagstisch-Kinder zu uns gekommen waren und wissen wollten, wo denn die Fünftklässlerin sei. Ob sie wohl meinen Zettel nicht gesehen hätte?

Bilde ich mir das wirklich alles nur ein? Oder habe ich es hier mit einem jener Kinder zu tun, die nie und nimmer an sich selber zweifeln, auch wenn alle Fakten gegen ihre Darstellung sprechen? Wenn das Zweite der Fall ist, bleibt für mich nur eine Frage: Wie um alles in der Welt verhindert man, dass die eigenen Kinder auch so werden?

Bye bye, Barbie!

Was hatte sie geheult, damals, als Mama ihr die erste Barbie verweigerte! Hatte Tag und Nacht gefleht und gebettelt und jeden Morgen darüber berichtet, was sie und ihre imaginären Freundinnen in der Nacht im „Barbiekunst“ alles erlebt hätten. Irgendwann war Mama weich geworden. Wenn das arme Kind schon keine Schwester hat, dann soll sie wenigstens Barbies haben. Stundenlang surfte die Mama im Internet, um exakt das Modell zu ergattern, das auf Luises Wunschzettel stand. Und bald bevölkerten Heerscharen von Barbies mit ihren Prinzen das Kinderzimmer. Luise war selig.

Doch die Liebe zu Barbie währte nicht lange. Bald schon lagen fast nur noch Köpfe herum und der Zoowärter durfte den Körper als Einschlafhilfe benützen. Ein paar Wochen später waren die Prinzen dran. Beine wurden ausgerissen, Arme verdreht. Schliesslich blieb nur noch dass Sixpack übrig. Heute nun wurden Cinderella und Rapunzel kahl geschoren. Barbie als Skinhead? Was zuviel ist, ist zuviel. Jetzt kriegt die Plastikdame endgültig Hausverbot.

Tja Barbie, das war’s dann wohl. Wir sehen uns wieder, vielleicht in fünfundzwanzig Jahren, wenn Luises Töcherlein jammert und fleht, bis Mama weich wird. Wir werden dich nicht vermissen.

Back to Hermann…

Da wären wir wieder! Vier Tage ohne Kochen, Abwaschen, Aufräumen und du fühlst dich wie neugeboren. Die Kinder so beschäftigt mit dem Beobachten von Kaulquappen, dem Herumstrolchen mit Freunden und dem Knüpfen von Freundschaftsbändern, dass du sie erst spät abends wieder siehst, wenn du sie kaum wiedererkennst, weil sie so schmutzig sind. Stunden voller Gespräche mit Menschen, die aus dir völlig fremden Kulturen stammen. Zum Beispiel aus einem Einpersonenhaushalt, einer Studenten-WG oder einem Empty-Nest. Dann wieder Austausch mit Eltern, die Tagein Tagaus den gleichen Wahnsinn erleben wie du. Nach solchen Tagen fühlst du dich, als wärst du fünf Wochen weg gewesen.

Wenn du dann zu Hause die Wäscheberge vor dir siehst, bist du sicher, dass es ein halbes Jahr war. Wie hat sich das kleine bisschen Ersatzkleidung in einen solchen Haufen Wäsche verwandeln können? Wir haben doch fast gar nichts mitgenommen. Dazu brauchen dich der halb verdurstete Garten, der volle Geschirrspüler, die Rechnungen, fünf traurige Kinder, die noch nicht  nach Hause wollten. Und natürlich Hermann.

Nein, Hermann ist nicht unser neues Haustier. Auch nicht unser sechstes Kind. Hermann ist, wie alle echten Hausfrauen und Hausmänner wissen, der Sauerteig, der sich rascher vermehrt als wir Vendittis. Hermann ist ein ganz anständigerKerl, doch leider braucht er fast noch mehr Zuwendung als unser Prinzchen. Zärtliches Umrühren jeden Tag (bitte auf keinen Fall mit einer Metallkelle!) und üppiges Essen alle paar Tage (nur die erlesensten Zutaten!) damit aus ihm nach zehn Tagen ein luftiger Kuchen wird.

Eigentlich habe ich Hermann inzwischen ins Herz geschlossen. Aber muss er mich ausgerechnet heute so traurig anschauen? Als hätte er es kaum ausgehalten so ganz alleine zu Hause? So, als hätte er auch Kaulquappen fangen wollen? So, dass ich einfach gezwungen bin, ihn zu einem Kuchen zu verarbeiten? Ja, Hermann muss und deshalb bleibt alles andere vorerst einmal liegen.

Möchte noch jemand ein Stück Kuchen?

Barfuss

Es ist kein Verbrechen, barfuss zu gehen. Man sagt ja sogar, dass dies ausgesprochen gesund sei. Es ist auch kein Verbrechen, barfuss mit dem Zug von Bettingen nach Schönenwerd zu reisen. Oder vielleicht doch? Die Blicke, die einen verfolgen, wenn man auf nackten Sohlen unterwegs ist, schreien nur ein einziges Wort: Sozialfall! Zumal man ja noch fünf nicht mehr ganz saubere Kinder im Schlepptau hat. Aber wie hätten sie auch sauber sein können, wo wir ja nicht genügend Ersatzkleider dabeihatten. Bloss, weil das mit dem Gummiboot leicht übertrieben war, heisst das noch lange nicht, dass alles, was Mama mitnehmen will, zu Hause bleiben muss.

Aber zurück zu den nackten Füssen. Dass einen die Leute auf der Tramhaltestelle in Riehen schräg anschauen, ist ja klar. In Riehen schauen sie dich ja schon schräg an, wenn du kein Diamantcollier trägst. Oder wenn du anstelle eines süssen rassenreinen Schosshundes ein sabberndes, stinkendes Etwas, genannt Baby, bei dir hast. Aber in Basel haben die doch bestimmt schon schlimmere Gestalten gesehen als eine barfüssige Mama an einem sehr heissen Tag. Und der Lokführer des TGV ist in Paris sicher schon einigen Clochards begegnet, so dass er mich nicht so ungeniert hätte anstarren müssen.

Wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, bei dieser Hitze ohne Schuhe über den glühenden Asphalt zu hüpfen?  Nun, gründlich wie „Meiner“ ist beim Packen, hat er meine Schuhe vor der Abreise säuberlich im Koffer verstaut. Und weil nette Menschen uns die Heimreise erleichtern wollten, fuhren die Schuhe mit allem anderen Gepäck auf der Autobahn nach Hause, während wir im ÖV Cornets assen.

Das alles wäre natürlich zu verhindern gewesen, hätten meine Tussischuhe nicht zu Hause bleiben müssen.

Koffer packen

Was der Kleine alles mit sich schleppen muss, wenn er mal für ein paar Tage verreist. Schmusetücher, Ersatzkleider, Schlafsack, Brei, Schoppen und und und. Aber was will man? Er ist eben ein Prinz und da muss man schon darauf achten, dass er standesgemäss reist. So kommt es, dass der Kleinste doppelt soviel Gepäck dabei hat wie die anderen.

Aber auch ohne des Prinzchens Bagage kommt so einiges zusammen, wenn Vendittis über Auffahrt wegfahren. Ohne Mamas Liste könnte man da glatt den Überblick verlieren. Und weil „Meiner“ und ich uns nie darüber eingen können, wieviel zu viel ist, läuft  die Packerei nie ohne Zoff ab. So sitzen wir dann zwischen Bergen von Koffern, Kleidern, Decken, Zahnbürsten und Medikamenten und schnauzen uns gegenseitg an. Er findet, eine Kleidergarnitur pro Tag müsse reichen, während ich für jeden mindestens vier Garnituren pro Tag einpacken will.  Für den Fall, dass das Wetter umschlägt, jemand die Magen-Darm-Grippe bekommt oder wir auf St. Chrischona eingeschneit werden und länger bleiben müssen. Und vielleicht verspüre ich dort oben plötzlich Lust, die Tussi rauszulassen. Was mache ich dann ohne meine Tussischuhe? Oder das Prinzchen entwickelt ganz unvermittelt einen riesigen Appetit auf Nektarinen. Wo soll ich die dann holen, wenn alle Läden geschlossen sind? Und was, wenn die Kinder keinen Anschluss finden bei den anderen? Wie sollen sie dann klarkommen so ganz ohne Asterix-Hefte, Playmobil-Burgen und Plastilin? Man muss doch für jeden Fall vorsorgen, oder etwa nicht?

Leider liegt „Meiner“ meistens richtig. Aber sagen Sie ihm bitte nichts davon, sonst packt er alles wieder aus, was ich so sorgsam zusammengetragen habe. Und was machen wir dann so ganz ohne Gummiboot, wenn es plötzlich eine Überschwemmung gibt?

Damit melde ich mich, bestens auf die Reise vorbereitet, für ein paar Tage vom Schreiben ab. Wir werden ja dann sehen, wer recht hatte, „Meiner“ oder ich.

Sammelfieber

Als treuste Migros-Kundin des Landes wurde ich natürlich bereits am Sonntagabend per Mail über die neuen Sammelbildli informiert. Zweihundert Bildchen mit  Tieren aus dem Regenwald, viele Infos über Umweltschutz, ein Hardcover-Sammelalbum und ein Teil des Erlöses geht an den WWF. Kann Mama da noch widerstehen? Kann sie nicht, denn Sammeln bedeutet Perfektionismus, Kontrolle, den Überblick behalten. Und das kommt in Mamas Leben eindeutig zu kurz. Also muss gesammelt werden, und zwar gleich vom ersten Tag an.

Wie? Das Ganze soll nur eine Masche der Migros sein, um mir das Geld aus der Tasche zu ziehen? Aber ich deponiere doch auch ohne Bildchen monatlich einen grossen Teil des Einkommens bei der Migros und ausserdem meide ich Coop-Filialen wie der Teufel das Weihwasser. Da darf ich dich schon mal mit ein paar Bildchen belohnt werden.

Ach so, die Bildchen sind gar nicht für mich gedacht? Die sind für Kinder? Klar doch. Aber Karlsson will nur sammeln, wenn es Eisbären und Pinguine dabei hat, und die leben bekanntlich nicht im Regenwald. Der FeuerwehrRitterRömerPirat will sich lieber was zum Spielen kaufen und die beiden Jüngsten haben vom Sammelfieber noch keinen blassen Schimmer. Bleibt als letzte Hoffnung nur noch die tierliebende Lusie. Doch wo bleibt sie denn? Da rennt man für einmal bereits am Dienstag (und nicht am Donnerstag, wie es sich für eine Hardcore-Migroskundin gehört) in die nächste Migros, kommt aufgeregt mit den Bildchen und dem Sammelalbum nach Hause und dann muss man warten, bis Luise endlich den Heimweg findet. So langsam wird mir das Warten zu lange. Wenn sie nicht bald kommt, fange ich selber mit Kleben an.

Da ist sie ja endlich! Und sie beisst sofort an. Inzwischen ist auch Karlsson nach Hause gekommen. Kaum sieht er die Bildchen, ist seine Skepsis verschwunden und er beginnt zu kleben. Das sei viiiiieeeel schöner als Fussballbildchen, findet er.  Ja, sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat ist plötzlich Feuer und Flammme. He, und was ist mit mir? Ich will auch kleben! Ach so, mir bleibt die dankbare Aufgabe, den Abfall zu entsorgen. Ihr könnt mich mal! Morgen besorge ich mir mein eigenes Sammelalbum. Bildchen werden wir ja ohnehin genug bekommen.

Prägendes Erlebnis

Karlssons erster Auftritt mit der Geige ist natürlich ein wichtiges Erlebnis. Und so ist es auch keine Frage, dass die ganze Familie, inklusive Grossmutter mütterlicherseits, dabeisein muss. Karlssons „George got out of bed too late“ dauert zwar nur knappe 30 Sekunden, doch natürlich ist Karlsson trotzdem prächtig nervös.

Dafür aber halten sich seine Geschwister erstaunlich ruhig. Der Zoowärter, ein bekennender Bach-Liebhaber („Findsch schön du dä musig!“) lässt das Programm ziemlich gelangweilt über sich ergehen. Den Auftritt des grossen Bruders nimmt er mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, doch der Rest interessiert ihn nicht. Plötzlich aber hält er es nicht mehr auf seinem Stuhl aus. Völlig ergriffen und mit offenem Mund steht er da, als ein Schwyzerörgeli-Trio „An den Ufern des Mexico Rivers“ spielt.

Es bleibt zu hoffen, dass durch dieses prägende Erlebnis des Zoowärters Musikgeschmack nicht für immer ruiniert ist.