Andere Eltern sind anders

„Andere Eltern gehen spätestens um 22 Uhr ins Bett, nicht wie ihr. Ihr bleibt immer bis Mitternacht oder später auf und kommt morgens nicht aus den Federn“, sagt Karlsson und belegt seine Aussage mit einer Art Umfrage, die er offenbar unter seinen Klassenkameraden durchgeführt hat.

Er sagt auch: „Andere Eltern würden ausrasten, wenn ihr Kind einen Betragenszettel nach Hause bringt. Mindestens zwei Wochen Handy-Verbot, vielleicht auch noch Hausarrest. Ihr aber sagt einfach ‚Na ja, selber Schuld, dass du deswegen Arrest bekommst. Sorg dafür, dass es nicht wieder vorkommt.‘ und damit ist die Sache gegessen.“

Dann auch noch: „Andere Eltern machen keinen Mittagsschlaf. Die stehen den Tag auch ohne durch.“

Und: „Andere Eltern trinken nicht so viel Cola.“

Oder: „Ihr hängt immer am iPad rum. Andere Eltern machen sowas nicht.“

Und schliesslich auch noch: „Andere Eltern würden am Abend die Schultasche kontrollieren, aber ihr lasst uns einfach ins Messer laufen, wenn wir etwas vergessen haben.“

Er sagt das ohne Vorwurf, eher so in einer Mischung aus Verwunderung und Amüsement.

Und ich frage mich dann: Seid ihr wirklich so anders, ihr anderen Eltern? So viel disziplinierter und erwachsener? Oder seid ihr einfach gewiefter darin, den Teenager, der irgendwo auch in euch noch schlummert, vor euren Sprösslingen zu verbergen?

(Ach ja, das Prinzchen fängt jetzt übrigens auch schon an mit dem „andere Eltern“-Geschwätz. Neulich am Esstisch: „Die Eltern von xy streiten sich nie so wie ihr. Das weiss ich, ich war schon oft bei denen.“ Ich habe dann geantwortet: „Stimmt, die streiten sich nicht so wie wir, die streiten sich schlimmer und das weiss ich, weil ich schon mal mitten drin war, als sie losgelegt haben.“)

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Paartag-Gedanken

Am Abend zuvor:

„Endlich mal wieder ein Tag zu zweit nach dem ganzen Stress der vergangenen Wochen.“ 

Heute im Morgengrauen:

„Ach wie schön! Kinderfrei!“

Kurz danach:

„Was motzt „Meiner“ jetzt schon wieder rum? Nicht aufregen, wir haben kinderfrei…“

Noch etwas später:

„Himmel, kann der nicht mal zuhören, wenn ich etwas sage?“

Nachdem die Kinder aus dem Haus sind:

„Jetzt fängt er auch noch an, Mails zu checken…“

Zwanzig Minuten später:

„Noch immer an den Mails…Und zuhören will er mir auch nicht…Und mit dem soll ich einen Tag weggehen…“

Zehn Minuten später:

„Er versteht mich ja überhaupt nicht mehr. Kommt davon, wenn man nie Zeit hat füreinander. Das kann ja heiter werden heute…“

Noch einmal fünf Minuten später:

„Interessiert er sich überhaupt noch für mich?“

Kurz vor der Abfahrt:

„Dann versuchen wir es halt. Aber ich hab nicht die geringste Lust zum Reden.“

Im Auto:

„Diese Fahrt wird endlos…“

Etwas später im Auto:

„Okay, ich glaube, er will wirklich wissen, was ich von dieser Sache halte. Na, dann rede ich eben doch…“

Nach halber Fahrt:

„Wie hat der mich bloss dazu gebracht, mein Innerstes nach aussen zu kehren? Vielleicht wird es heute doch nicht so schlecht.“

Kurz vor der Ankunft am Ziel:

„Habe ich jetzt tatsächlich gelacht über seinen Witz?“

Beim Aussteigen:

„Hmmmm, er nervt plötzlich gar nicht mehr.“

In der Sauna:

„Schon schön, jemanden an der Seite zu haben, vor dem man sich nicht zu verstellen braucht.“

Etwas später:

„Eigentlich doch ganz nett, so ein Tag zu zweit…“

Beim Mittagessen:

„Ach, ist das gemütlich…und wirklich schön, diese angeregte Unterhaltung.“

Am Nachmittag:

„Himmlisch, diese Ruhe…“

Am späten Nachmittag:

„Ich will jetzt eigentlich gar nicht nach Hause. Wir haben uns doch eben erst wieder gefunden.“

Auf der Heimfahrt:

„Das müssen wir unbedingt bald wieder tun. Was bin ich froh, dass wir einander haben.“ 

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Lesestoff

Zugegeben, ein wenig stolz bin ich ja schon, dass das Prinzchen sich selber lesen und schreiben beigebracht hat. Auch dass er schon jetzt äusserst besorgt ist um die richtige Rechtschreibung freut mich insgeheim – auch wenn ich ihm natürlich hundertmal versichere, er müsse sich nicht weiter grämen, weil er neulich „Eier“ mit Ä geschrieben hat, er habe noch ganz viel Zeit, das richtig zu lernen. Warum er sich aber zum Trainieren seiner Lesefertigkeiten aus unserem schier unbegrenzten Fundus an Lesestoff ausgerechnet die „Geo Epoche“ zum Thema 2. Weltkrieg schnappen musste, ist mir ein Rätsel. 

Na ja, immerhin liest er jetzt fehlerfrei: „Ende – Hitler tot“. 

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Kommt und besucht mal Barbamama

Es hat lange gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis gefunden habe, aber vielleicht wollte ich das Augenfällige einfach nicht wahr haben. Jetzt aber weiss ich es: Ich bin Barbamama – Mutter dieser wunderbar wandlungsfähigen Wesen -, die ausgesetzt worden ist, um mit einer Horde von ganz und gar inflexiblen Wesen unter einem Dach zu leben. Barbamama, die sich problemlos umformen kann, je nachdem, was gerade gefragt ist, ein knetmassenähnliches Wesen, ausgesetzt in einer Familie von ganz und gar starren Menschen. 

Barbamama windet am Kolumnen-Dienstag ihre Sätze um Karlssons Geplauder herum, wenn dieser ausnahmsweise erst später zur Schule muss und deshalb die geschwisterfreie Zeit mit ihr geniessen will. Sie schiebt den Wäscheberg hin und her und wieder zurück, weil die Gäste an „Meiners“ Vernissage einen Apéro geniessen sollen, die Planung aber nicht ganz geklappt hat. Sie vollführt einen kunstvollen Tanz durch die ganze Wohnung, um den Interviewpartner auf der anderen Seite der Telefonleitung vor dem Geplapper der kranken Luise zu schützen. Sorgsam baut sie ihre Termine um die Stundenpläne sämtlicher Familienmitglieder herum und sitzt am Ende doch mit Freundin und Zoowärter zu Hause am Kaffeetisch, weil sie das kranke Kind nicht mit in die Stadt schleppen kann. Ihre Arbeitstage zerstückelt sie in kleinstmögliche Portionen, weil immer irgend einer etwas hat, wenn sie eigentlich ungestört arbeiten möchte. Wenn es dann doch mal zu klappen scheint, ruft die Lehrerin an und meldet, das Bauchweh des FeuerwehrRitterRömerPiraten sei so schlimm, dass der Junge nach Hause kommen müsse und schon schlingt Barbamama ihre wendigen Arme um das arme Kind, anstatt mit den vier oder fünf Fingern, die sie zum Tippen braucht, in die Tasten zu hauen. Genau so kunstvoll, wie sie sich physisch an ihre Lieben anpasst, tut sie dies mit ihren Gedanken, die eigentlich lieber eine längst fertige Geschichte in schöne Sätze giessen möchten. Stattdessen beschäftigen sich Barbamamas Gehirnwindungen dann halt mit der Frage, wo Zoowärters Schuhe hinmarschiert sein könnten, wie „Meiner“ den Beamer anschliessen muss und warum Edith Piaf für Karlssons Ohren wunderschön, für fast alle anderen aber schier unerträglich klingt. Ja, zuweilen lässt sie sich sogar dazu hinreissen, das Transportmittel zu machen, wenn mal wieder einer zu faul ist, die eigenen Beine zu bewegen, um zur Trompetenstunde zu fahren und deshalb gerade spät genug behauptet, das Velo habe einen Plattfuss. 

Versteht mich nicht falsch, Barbamama fühlt sich ganz wohl bei dieser Horde, sie liebt sie sogar heiss und innig und sieht den Sinn jeder einzelnen Programmänderung durchaus ein. Sie hat auch nicht grundsätzlich etwas dagegen, spontan, wandlungsfähig und formbar zu sein. Manchmal wünschte sie sich einfach, es wäre nicht immer sie, die sich und ihr Programm den Plänen und Verpflichtungen der anderen entsprechend deformieren muss. Und manchmal fragt sie sich, wo denn eigentlich ihr rosaroter Barbapapa mit den sieben zu jeder Wandlung fähigen Kindern geblieben ist. 

barbapapa

Diese Ausländer…

Gestern mal wieder ein Gespräch beim Warten an der Kasse, wie es wohl so oft stattfindet in der Schweiz. Daran beteiligt: Eine Schweizerin älteren Semesters (ÄS), „Meiner“ (M) und ich (I). Nicht am Gespräch beteiligt, aber doch auch irgendwie dabei: Prinzchen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat, die ganz dringend ein wenig Taschengeld loswerden müssen und darum im Laden herumschwirren, der Zoowärter mit seinem ganzen Geburtstagsgeld in der Hand.

I: „Zoowärter, steck dein Geld in die Tasche. Sonst verlierst du es.“

M: „…oder jemand reisst es dir aus der Hand.“

ÄS: „Ja, pass auf. Man kann nie wissen. So, wie das heutzutage zu und her geht.“

I: „Tja, die Menschheit zeigt sich mal wieder von ihrer schlechtesten Seite…“

ÄS: „Früher war das also anders. Als ich in der Schule war, musste man noch keine Angst haben vor den Leuten. Da war es noch sicher.“

I: „Das glaube ich Ihnen…“

ÄS: „Heute, mit all diesen Ausländern ist man nirgendwo mehr sicher.“

M: „Ich bin auch so ein Ausländer.“

ÄS: „Es sind natürlich nicht alle schlecht. Aber die, die den ganzen Tag arbeiten und nicht zu ihren Kindern schauen…“

I: „…weil sie nicht genug Lohn bekommen, um ihre Familien durchzubringen…“

ÄS: „Ja, kann sein. Aber diese Albaner. Unmöglich. Lassen ihre Kinder bis nachts um zehn draussen rumrennen. Die kümmern sich nie um ihre Kinder und machen immer nur Probleme.“

M: „Ich bin schon ziemlich lange Lehrer. Wissen Sie, mit welchen Eltern ich am meisten Probleme habe? Mit den Schweizern.“

ÄS: „Man darf natürlich schon nicht alle in den gleichen Topf werfen. Meine Nichte heiratet ja jetzt auch einen Albaner. Ein flotter Kerl, wirklich. Es sind nicht alle schlecht, das stimmt. Aber diese Ausländer…“

Wann begreifen „Meiner“ und ich endlich, dass es nichts bringt, an der Kasse für eine differenzierte Sicht der Dinge zu missionieren?

fiori silenziosi

dodici fiori silenziosi; prettyvenditti.jetzt

Mittwochnachmittag

Kater Leone schleicht um den vom Mittagessen übrig gebliebenen Speck, währenddem Theoderich von Ravenna versucht, Luise den Unterschied zwischen Westgoten und Ostgoten zu erklären. „Meiner“ jubelt derweilen lauthals über ein paar kaputte Bilderrahmen, die seine Vorfreude auf die erste Fotoausstellung steigern, was mich dazu veranlasst, ihm den alten Hit „Du magst ja toll sein, aber im Moment gehst du mir nur noch auf den Geist und hör auf zu jammern, du hast es dir selber eingebrockt“ vorzutragen. Aus mir unerklärlichen Gründen gefällt ihm meine brillante Performance nicht, weshalb er mit il Cugino das Weite sucht. Natürlich setzen wir unser eheliches Turteln fort, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, denn solche einmaligen Momente sollte man geniessen. 

Später zähmt das Prinzchen ein paar Drachen, obschon heute eigentlich keine Flimmerkiste auf dem Tagesplan stünde. Ein Plan, der leider nicht eingehalten werden kann, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat sich mit Grossmama nach Narnia aufmacht und da wäre es doch nicht fair, das Prinzchen alleine in der langweiligen Realität zu lassen. Wo doch sogar der Zoowärter für ein paar Stunden seinem selbst verschuldeten Hausaufgabeneldend entfliehen darf, um mit einem Freund Monster zu jagen oder so.

Weil Theoderich sich so grottenschlecht erklärt, zeichne ich auf dem Küchenboden kniend so etwas wie Europa, um Luise das mit den West- und Ostgoten zu veranschaulichen, aber sie sieht nur, dass der Stiefel von Italien ganz dringend Schnürsenkel braucht. Als die West- und Ostgoten samt Franken, Rätier, Alemannen und Langobarden dann doch endlich erledigt sind, eröffnet mir Luise, dass sie mit mir noch ein wenig in der Sprache der Angelsachsen zu parlieren gedenkt, was aber irgendwie nicht so richtig klappen will, weil Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat zur „My Heart Will Go On“-Konzertprobe müssen und vorher noch mit Nachbars darüber diskutiert werden muss, ob die Probe im oberen oder im unteren Schlagzeugraum stattfinden wird. Dazwischen ist noch ein wenig Empörung gefragt, weil es bei Karlsson im Turnunterricht einen Punkt gibt, wenn eine Sie einen Er mit dem Ball am Kopf trifft, umgekehrt aber nicht. Der Zoowärter, der inzwischen von der Monsterjagd zurückgekehrt ist, will sich seinem Hausaufgabenelend widmen, doch dieser aufsässige Lego-Kerl, den er gestern zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, funkt andauernd dazwischen und kräht: „Wann machst du mir endlich meine Flügel fertig? Ich will fliegen!“ 

Irgendwann geht der Nachmittag in den Abend über; nachdem alle Bäuche gefüllt sind, zieht sich einer nach dem anderen zurück, der eine mit seinen Lego-Kerlen, der andere mit Narnia im Kopf, die Dritte hoffentlich mit Theoderich von Ravenna und nicht mit Whatsapp. „Meiner“ streut irgendwo noch ein paar Mehlschriften und auf mich wartet das Vergnügen, die Spuren dieses Tages zu verwischen, damit morgen wieder Platz ist für neue. 

Wobei, wenn ich mir’s recht überlege…ich lasse die Spuren lieber bis morgen früh bleiben und schmeisse mich in die Badewanne. Wäre doch schade, das ganze Chaos schon wieder zu beseitigen, wo doch so viel Familienleben nötig war, um es derart kunstvoll auf die ganze Wohnung zu verteilen. 

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

troppo da mangiare; prettyvenditti.jetzt

Seien wir doch (nicht immer so schrecklich) flexibel

Seitdem ich von zu Hause aus arbeite, bin ich zeitlich sehr flexibel. Viele Menschen in meinem Umfeld sind dies auch und manchmal kommen zwei von uns Flexiblen auf die Idee, uns zum Tee zu treffen. Das läuft dann so:

A: „Wir sollten uns mal zum Tee treffen.“

B: „Gute Idee, das sollten wir wirklich mal tun und zwar bald.“

A: „Ja, unbedingt bald.“

Zwei Wochen später:

B. „Du, wir sollten uns wirklich mal zum Tee treffen.“

A: „Oh ja, das machen wir.“

B: „Irgendwann in den nächsten Wochen.“

A: „Gut, ich melde mich. Ich kann’s mir eigentlich fast immer einrichten.“

B: „Ich auch.“

Drei Monate später: 

A: „Du, wir wollten uns doch mal zum Tee treffen.“

B: „Machen wir! Wann?“

A: „Ich bin flexibel.“

B: „Ich auch.“

A: „Schlag doch mal ein paar Termine vor.“

B: „Ich schau mir mal meinen Terminkalender an.“

Drei Wochen später:

B: „Also, hier meine Terminvorschläge. Mir geht’s eigentlich immer am Mittwochvormittag, am Donnerstagnachmittag oder am Freitag über Mittag. Ich könnte aber auch nächsten Samstag um fünf, am Montag ab zehn Uhr oder übernächsten Sonntag gegen Abend.“

A: „Danke! Ich schau mal, wann es mir geht.“

Vier Tage später:

A: „Hab‘ nachgeschaut. Wie wär’s mit nächstem Mittwoch?“

B: „Tut mir leid, Mittwochvormittag geht eigentlich immer, aber gestern habe ich Bescheid bekommen, dass ich Sitzung habe. Ausnahmsweise nur. Donnerstagnachmittag ist aber immer noch frei.“

A: „Donnerstag ist nicht gut nächste Woche. Sonst immer, aber nächsten Donnerstag muss ich zum Zahnarzt. Nehmen wir den Mittwoch in einer Woche? Der ginge mir auch noch.“

B: „Super, Mittwoch in einer Woche. Neun Uhr. Ich freu mich!“

A: „Ich auch!“

Zwei Tage später:

B: „Du, ich hab total vergessen, dass ich Mittwoch in einer Woche Besuch habe. Können wir eine Woche später?“

A: „Ja, prima, geht auch. Es bleibt bei neun Uhr?“

B: „Ja, übernächsten Mittwoch, neun Uhr. Perfekt!“ 

Übernächster Mittwoch, zwanzig vor neun:

A: „Du, können wir verschieben? Mein Jüngster ist gerade von der Schule nach Hause gekommen und kotzt sich die Seele aus dem Leib.“

B: „Oh je, der Arme. Wir suchen dann einen neuen Termin, wenn er wieder gesund ist. Wir sind ja flexibel.“

ufo; prettyvenditti.jetzt

ufo; prettyvenditti.jetzt

Abnehmfronten

Mit dem Gedanken, mal ein paar Kilos loszuwerden, spiele ich schon länger und gerade jetzt stimmen die Bedingungen, um die Sache mal endlich anzugehen. (Ein noch nicht ganz erledigter Magen-Darm-Käfer sorgt schon mal für Starthilfe.) Nur eine klitzekleine Angst hat mich bis anhin davon abgehalten, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Nein, nicht die Angst, es ohne Schokolade nicht auszuhalten, denn auch wenn ich das Zeug mag, finde ich doch, es sei ziemlich überbewertet. Lohnt sich doch wirklich nicht, für einen Augenblick des Genusses drei Stunden Sodbrennen in Kauf zu nehmen. Es ist die Angst, zwischen die Fronten zu geraten, die mich zögern lässt, mein Vorhaben anzugehen. Die Fronten? Na ja, ihr wisst schon, die Abnehmfronten.

Auf der einen Seite die Frauen, die glauben, nur wer sich hart an der Grenze zur Anorexie bewege, sei in der Lage, ein glückliches Leben zu führen. Die Frauen, die hinter deinem Rücken sagen: „Wenn ich Grösse 38 tragen müsste, würde ich mir die Kugel geben.“ Die Frauen, die dir um den Hals fallen, wenn du die ersten Kilos geschafft hast und quietschen: „Du siehst sooooooo viel besser aus! Ist doch bestimmt ein ganz anderes Lebensgefühl so.“ Die Frauen, die glauben, mit etwas weniger Speck auf den Rippen würdest du dich plötzlich für Frauenzeitschriften, Nail Design und die aktuellen Modetrends interessieren, weil sie meinen, du hättest diese Dinge bis anhin nur gemieden, weil du zu fett warst dafür. 

Auf der anderen Seite die Frauen, die fürchten, mit dir könne man jetzt keinen Spass mehr haben, du hättest die Fronten gewechselt und würdest dir nun nur noch den Kopf darüber zerbrechen, ob der Macchiato noch drin liegt, oder ob das schon ein paar Kalorien zuviel sind. Die Frauen, die meinen, du wolltest irgend einem unrealistischen Ideal nacheifern, egal, wie oft du ihnen versicherst, du möchtest nicht aussehen wie damals mit zwanzig, sondern dich einfach wieder etwas wohler fühlen. Die Frauen, die deinen Entschluss schon fast als Verrat an der Emanzipation verstehen und insgeheim denken, du wolltest das nur tun, weil „Deiner“ ein böser Sexist ist, der droht, dich zu verlassen, wenn du nicht innert fünf Monaten spindeldürr wirst. 

Nun könnte man natürlich einwenden, man müsste einfach nichts übers Abnehmen sagen, dann sei das mit den Fronten kein Problem, aber das kann nur jemand sagen, der noch nie zuvor ein paar Kilos losgeworden ist. Ich rede da aus Erfahrung: Spätestens wenn die ersten fünf Kilos weg sind, wird die Sache zum Thema, und zwar auf beiden Seiten, ob dir das nun passt oder nicht. Also sage ich lieber zum Vornherein, was ich vorhabe, damit ihr Frauen da draussen wisst, dass ihr gefälligst eure Klappe halten sollt, falls ich wirklich ein paar Kilos loswerde.

Und falls ich es nicht schaffe, gibt es dann keine Kommentare? Mit Sicherheit nicht. Die einen werden nichts sagen, weil sie mich wegen meines Misserfolgs zutiefst bemitleiden (Na ja, die hier würde vermutlich schon etwas sagen, wenn sie etwas von meinem Vorhaben wüsste….), die anderen werden schweigen, weil sie mich nicht auf die Idee bringen wollen, es noch einmal zu versuchen. 

ottant' anni

ottant‘ anni; prettyvenditti.jetzt

Inkonsequent

„Sie tun mir aber leid“, sagte ich zu der Kassiererin, die mir kurz vor Weihnachten erzählte, samstags sei das Geschäft jetzt jeweils bis 20 Uhr offen. „Irgendwann müssen Sie doch auch Feierabend haben und an den Bahnhöfen gibt es ja genügend Läden, die bis spät geöffnet sind.“

„So ein Schwachsinn“, sagte ich etwas später zu „Meinem“. „Wollen die denn eine 24-Stunden-Gesellschaft wie in den USA? Man kann seine Einkäufe doch planen, dann braucht man nicht am Samstagabend noch in die Läden zu rennen.“

„Du willst mir doch nicht weismachen, dass du zu keiner anderen Tageszeit einkaufen gehen kannst?“, sagte ich ein paar Tage später zu einer Freundin, als sie mir erklärte, sie sei ganz froh um die verlängerten Öffnungszeiten am Samstag. 

„Wir brauchen ganz dringend noch Katzenfutter, WC-Papier, Katzenstreu und Haushaltpapier. Ich glaube, ich fahre am besten noch schnell ins Einkaufszentrum. Die haben doch jetzt am Samstag bis 20 Uhr offen und wenn ich mich recht erinnere, haben sie alles im Sonderangebot, was wir brauchen“, sagte ich heute Abend, als ich mit Schrecken feststellte, dass gleich vier ziemlich unentbehrliche Dinge fürs Wochenende fehlten. 

Na ja, immerhin war ich konsequent genug, nicht an der Kasse anzustehen, an der die Kassiererin sass, die ich kurz vor Weihnachten dafür bemitleidet hatte, dass sie jetzt samstags bis 20 Uhr arbeiten muss. 

(Und eigentlich ist das alles gar nicht meine Schuld. Hätte Karlsson den Katzen nicht bei jedem kläglichen Miauen den Fressnapf gefüllt, wären die Futtervorräte nicht heute kurz nach 18 Uhr aufgebraucht gewesen. Katzenstreu hätten wir dann auch keine gebraucht. Und folglich auch kein Haushaltpapier, aber da gehe ich jetzt lieber nicht ins Detail.)

pasta al zafferano

pasta al zafferano; prettyvenditti.jetzt

Der vertreibt mir noch die Hamchitis

Wer hier mitliest weiss: Hamchitis gehören zu meinem Leben. Okay, anfangs war ich nicht gerade begeistert über ihre Anwesenheit, aber da sie für Unterhaltung in meinem ach so öden Alltag sorgen und mir auch immer wieder Schreibstoff liefern, möchte ich sie inzwischen nicht mehr missen. Neulich erklärte mir zwar eine nette Sachbearbeiterin, die eigentlich eine ausstehende Rechnung meines Freundes Halim hätte eintreiben wollen, wie ich Hamchitis für immer loswerden könnte, aber irgendwie wäre mir das so vorgekommen, als würde ich mich nach einer langen Ehe von einem lästigen aber immerhin treuen Partner trennen. Doch kaum habe ich den Entschluss gefasst, nichts gegen Hamchitis zu unternehmen, hat „Meiner“ sich dazu entschieden, mit ihnen Schluss zu machen. Darum reisst er das Telefon jedes Mal an sich, wenn eine unbekannte Nummer auf dem Display erscheint. Die Gespräche laufen dann etwa so:

Unbekannte Anruferin: „Hallo. Isch Halim da?“

„Meiner“: „Ich nehme gerne eine Margherita.“

UA: „Wo Halim Hamchiti. Er da?“

„Meiner“: Eine Margherita mit Oliven, dann noch eine Funghi-Prosciutto und…“

UA. „Du nicht wissen wo Halim?“

„Meiner“: „…dann noch einen grünen Salat. Liefern Sie ins Haus, oder soll ich die Pizza abholen?“

UA, verwirrt: „Sie albanisch?“

„Meiner“, vollkommen ungerührt: „Wie viel macht das dann, alles zusammen?“

UA: „Sie nicht albanisch?“

„Meiner“ zu mir, leicht enttäuscht: „Sie hat aufgehängt.“

Ich hab‘ „Meinem“ jetzt gesagt, er solle aufhören mit diesem Mist. Wenn sich in Hamchitis Bekanntenkreis herumspricht, dass der gute alte Halim vollends durchgedreht ist und nur noch von Pizza Margherita redet, will bald keiner mehr mit ihm abhängen und wer ruft mich dann noch an?

i'm rich

i’m rich; prettyvenditti.jetzt