Rückeroberung

Sie war meine absolute Traumküche, entworfen nach meinen Wünschen. Riesige Arbeitsfläche, warmes Orange, der Hygiene zuliebe eine Chromstahlabdeckung, die ich täglich blitzblank polierte, ein Regal, das zumindest einen Teil meiner Kochbüchersammlung zu fassen vermochte, ein extrabreites Kochfeld und ein Regal, an dem sich Kochlöffel, Schneebesen & Co. aufhängen liessen. Die perfekte Küche also, die jedoch einen entscheidenden Nachteil hat: Sie bietet zu wenig Stauraum für grosse Futtermengen und hohe Tellerstspel. Eines Tages entschieden wir uns also schweren Herzens dazu, die Küche in der unteren Etage zu benützen, denn diese hat nicht nur einem grossen Vorratsraum, sondern auch Schränke, die fast bis zur Zimmerdecke reichen. Seit jenem traurigen Tag ging es mit meiner geliebten Küche stetig bergab:

Zuerst diente sie noch als Produktionsstätte für hausgemachte Pasta,…
….dann wurde sie zur Filiale der Kinderpost,…
….etwas später nahm „Meiner“ sie als Atelier und Werkstatt ein,…
….dann kam die Zeit, als wir dort unser schmutziges Geschirr wuschen, weil unten der Geschirrspüler kaputt war,…
….“Meiner“ streute seine Mehbotschaften….
….alles, was unten keinen Platz mehr fand, wurde oben zwischengelagert….
…..und das Schlimmste war, dass die untere Küche dabei aus allen Nähten platzte.
Ein trauriges Bild, ihr könnt mir glauben.

Heute, als ich zur Mühle fuhr, um mich mit Mehlvorräten einzudecken, fasste ich einen Entschluss: Ich will meine Küche zurückhaben. Ich will einen Raum, in dem…

…mein Sauerteig ungestört vor sich hin versauern kann.
…die Backformen so verstaut sind, dass ich sie nicht zuerst unter Schimpfen und Jammern hervorkramen muss, ehe ich backen kann.
…für jede nur erdenkliche Mehlsorte Platz ist.
…Getreidemühle und Küchenmaschine jederzeit einsatzbereit herumstehen dürfen.
…leere Einmachgläser ihren Schrank haben, in dem sie herumstehen dürfen, bis sie wieder gefüllt werden.
…die Teigwarenmaschine wieder gebraucht wird.
…keiner meine Küchenutensilien als Spielzeug missbraucht.
…ich meinen im Familienalltag krampfhaft unterdrückten Perfektionismus ungehindert freilassen kann, ohne dass er den anderen auf die Nerven fällt.
…Familie und Gäste am Tisch sitzen und sich mit mir unterhalten können, währenddem ich den Teig knete.

Fragt mich nicht, woher ich die Energie dazu genommen habe, aber irgendwie habe ich es geschafft, mit der Rückeroberung meiner Küche nicht nur anzufangen, sondern sie auch fast abzuschliessen. Noch gibt es einige Dinge zu verstauen, der Boden muss mich geputzt und ein paar Kleinigkeiten müssen noch angeschafft werden. Dann wird sie wieder mein sein, die Küche, die einst nach meinen Wünschen entworfen wurde. Mich dünkt, ich hätte mir nicht bloss meine Küche zurückerobert, sondern auch einen Teil meiner selbst, ein Teil, der in den vergangenen turbulenten Jahren kaum Gelegenheit hatte, sich bemerkbar zu machen.

20131207-224032.jpg

Rührend? Oh ja, und wie!

Karlsson, Luise, das Prinzchen und „Meiner“ kommen vom Winterkleidereinkauf nach Hause. Stolz führen alle ihre Sachen vor; das Prinzchen neben einem rot-blau gestreiften Pulli, einer Jeans und Krümelmonster-Socken auch einen grün-gelb gestreiften Gummiball. „Den Ball wird er sich wohl ertrotzt haben“, denke ich und beachte ihn so wenig wie möglich. Ich will nicht die Szene, die sich wegen dieses Balls im Laden abgespielt haben muss, noch einmal vorgeführt bekommen. Ich kann mir sie auch so lebhaft vorstellen:

Prinzchen (heulend): „Ich will keine Jeans, ich will diesen Ball da!!!!“

„Meiner“ (gereizt): „Du brauchst keinen Ball, du hast schon hunderte davon. Der liegt dann doch nur wieder rum…“

Prinzchen (schluchzend): „Noch nie habe ich einen Ball bekommen! Keinen einzigen. Und die anderen bekommen so viele Bälle, wie sie wollen.“

„Meiner“ (eine Spur gereizter): „Nun komm schon, Prinzchen! Wir brauchen noch Socken für den Zoowärter, Jeans für Luise, einen Pulli für den FeuerwehrRitterRömerPiraten und eine Mütze für Karlsson. Wir haben jetzt keine Zeit…“

Prinzchen (lauthals schreiend): „Wenn ich diesen Ball nicht bekomme, mache ich keinen Schritt mehr. Und dann nehme ich diese doofe Jeans nicht und diesen blöden Pulli und diese dummen Krümelmonster-Socken…“

„Meiner“ (vollkommen entnervt): „Dann nehmen wir diesen blöden Ball halt!“

Luise: „Bei mir hättest du nie nachgegeben. Nie! Aber das Prinzchen bekommt ja immer alles von euch.“

Karlsson: „Genau, bei uns wart ihr immer so streng, aber der kleine Bengel braucht nur zu heulen und schon bekommt er, was er sich wünscht.“

So etwa muss es gewesen sein, denke ich mir. Aber es war natürlich ganz anders: „Mama, diesen Ball habe ich von Karlsson bekommen“, erklärt mir das Prinzchen ungefragt. „Von Karlsson?“, frage ich erstaunt. „Ja, er hat ihn mir aus dieser Ball-Maschine im Kleidergeschäft rausgeholt. Für zwei Franken.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Karlsson hat seinem kleinen Bruder etwas geschenkt, was Karlsson von seiner Mama nie bekommen konnte, mochte er noch so sehr darum betteln?

Tatsächlich. „Ach weisst du, zuerst wollte ich das Prinzchen auf das Pferchen setzen, bei dem du früher auch immer nein gesagt hast, aber das funktionierte nicht. Da habe ich ihm eben einen Ball geschenkt. Weisst du noch, so einen wollte ich doch auch immer so gerne haben und da habe ich gedacht, er freut sich bestimmt, wenn er einen bekommt“, erklärt mir Karlsson, als ich nachfrage. 

Hach, wie süss! Mein grosser, vernünftiger Karlsson, der so oft – zu Recht oder zu Unrecht – findet, mit den Kleinen seien wir so viel nachgiebiger, erfüllt sich einen Kindheitstraum, indem er seinen kleinen Bruder beschenkt. Er sagt dort ja, wo ich auch heute noch konsequent nein sage, bei jedem Kind. Und dies alles, ohne dass das Prinzchen ein Geschrei hätte anstimmen müssen. Ich glaube, er musste noch nicht mal fragen, Karlsson hat seinem kleinen Bruder den Wunsch einfach von den Augen abgelesen. 

Ich bin so gerührt, dass ich Karlsson am liebsten bei der Hand nehmen würde um mit ihm ins Kleidergeschäft zu gehen, wo er so oft Pferchen reiten dürfte wie er nur möchte. Und dann dürfte er ganz viele Bälle aus der Maschine haben. Ich bin mir einfach nicht so sicher, ob Karlsson sich das noch immer wünscht….

img_0227

Rührend? Wie man’s nimmt…

Der Zoowärter kommt von einem Besuch bei seiner besten Freundin nach Hause, in der Hand ein Säcklein mit hausgemachtem Caramel. „Mama, schau, was Bestefreundins Mama mir mitgegeben hat!“, sagt er strahlend und setzt sich zu mir. „Willst du auch eins?“, fragt er, nachdem er etwa drei Stück vertilgt hat. Ich nehme dankend an, ziemlich erstaunt, dass ich etwas abbekomme, ehe dem Zoowärter schlecht geworden ist vom Naschen. Momente später streckt mir mein Sohn erneut einen süssen Würfel entgegen. „Magst du noch einen?“ Tief gerührt über diese grosszügige Geste nehme ich auch diese Gabe an. Ich habe noch nicht den den ganzen gegessen, als der Zoowärter mir einen dritten Würfel aufdrängt. „Nimm, Mama, es hat genug davon!“

Mir wird ganz warm ums Herz. Kann es sein, dass meine ewigen Predigten über das Teilen etwas gefruchtet haben? Erlebe ich hier, in diesem heiligen Moment, dass aufgeht, was wir zu säen versucht haben? Darf ich Empfängerin sein von einer Grosszügigkeit, die der Zoowärter gewöhnlich gegenüber seinen Freunden und Freundinnen zeigt? 

Heute früh sitzen der Zoowärter und ich zusammen am Frühstückstisch. „Mama…“, beginnt mein Sohn zwischen zwei Löffeln Joghurt. „Erinnerst du dich noch an die Süssigkeiten, die ich gestern mit nach Hause gebracht habe? Die hat mir Bestefreundins Mama eigentlich für dich mitgegeben.“ 

imag0148

Zu gerne wüsste ich…

…wie ein Zweitklässler auf die Idee kommt, grössere Schüler anzuspucken und sie als „Opfer“ zu beschimpfen. Nein, dieser Zweitklässler hat keine grossen Geschwister, die a) ihn so behandeln und b) ihm solches Verhalten beibringen könnten.

…wie es soweit kommen kann, dass einem Jungen bereits in der ersten Klasse der Ruf anhaftet, er würde Mädchen bedrängen und von ihnen verlangen, dass sie vor seinen Augen die Unterhose ausziehen. Aufgefallen ist dies übrigens nicht alleine einigen Glucken, die sofort Zetermordio schreien, wenn ihr Töchterchen nur schon angeschaut wird. 

…weshalb es ohne nennenswerte Konsequenzen bleibt, wenn wüsteste Beschimpfungen über eine Schülerin aufs Trottoir geschrieben werden, und zwar so, dass jeder weiss, wer damit gemeint ist. Die Ausrede „Es ist auf dem Schulweg passiert, also geht es die Schule nichts an“ zieht meiner Meinung nach in diesem Fall nicht.

…warum ein Sechstklässler aus anständigem Hause ungestraft Erstklässler drangsalieren und einschüchtern darf, ohne dass je einer einschreitet. Oh nein, den Einwand „Er meint es ja nicht so bös, wie die Kleinen es auffassen“ lasse ich nicht gelten. 

…wie es kommt, dass Meldungen über schikanierendes Verhalten von grösseren Schülern gegenüber kleineren angeblich Ernst genommen werden und dann doch wieder „vergessen“ gehen.

…ob  keiner hellhörig wird, wenn das Flüchtlingskind sich von Klassenkameraden Bemerkungen anhören muss, die nur haarscharf am Rassismus vorbeigehen.

…wie eine Gemeinde es sich leisten kann, ohne Fachperson auszukommen, die sich dieser Missstände annimmt, ehe es schlimmer kommt. Mit zig anderen Aufgaben ausgelastete Lehrer und aufmerksame, aber leider auch stets subjektive Eltern sind hier nämlich überfordert. 

img_5493

Mamas Stern ist am Sinken

Gestern, als mich die Grippe oder eine ihrer Verwandten ins Bett zwang, hörte ich zu, wie das Prinzchen, dem die Grippe oder eine ihrer Verwandten gerade eine kleine Verschnaufpause gönnte, sich mit „Meinem“ unterhielt. Die Rede war von der Sammlung traditioneller Weihnachtslieder, welche die Heilsarmee meiner Mutter und meine Mutter dem Prinzchen geschenkt hat.

Prinzchen: „Mama kann fast alle diese Lieder singen.“

„Meiner“: „Toll, lass mal sehen. Was hat es denn hier so alles drin?“

Prinzchen: „Oh du fröhliche, das kann die Mama. Stille Nacht auch. Das hier auch, aber ich weiss nicht, wie es heisst. Und das hier kann sie auch…“

„Meiner“: „Dann kann sie ja wirklich alle.“

Prinzchen: „Nein, nicht alle. Den Bach kann sie nicht.“ 

„Meiner“: „Welchen Bach denn?“

Prinzchen: „Na, den hier.“

„Meiner“: „Ach so, du meinst ‚Ich steh an deiner Krippen hier‘? Kann sie das wirklich nicht.“

Prinzchen: „Nein, Papa, das kann sie nicht. Nur Karlsson kann Bach, Mama nicht.“

Natürlich musste ich abends beim Vorsingen beweisen, dass Karlsson nicht der Einzige im Hause ist, der Bach kann. Und natürlich schrammte ich dabei haarscharf am kläglichen Scheitern vorbei, obschon „Meiner“ die Melodie so lange am Klavier gespielt hatte, bis ich sie in meinem Ohr wähnte. 

Ich würde ja behaupten, das liegt an der Grippe, oder an einer ihrer Verwandten, aber das Prinzchen will mir nicht glauben, denn nur Karlsson kann Bach, Mama nicht. 

dsc08426-small1

 

Man darf doch wohl träumen…

Es war mal wieder der Klassiker: In einem der unzähligen Online-Adventskalender wurde ein Familieneintritt für den Europa Park verlost. Familieneintritt, das bedeutet zwei Erwachsene und zwei Kinder, oder ein Erwachsener und drei Kinder. Natürlich dauerte es nicht lange, bis jemand kommentierte, das sei aber nicht sehr fair gegenüber grösseren Familien, die wären ja auch mal froh um Gratiseintritte für alle. Ja, und dann kam eben, was kommen muss: „Selber Schuld, wenn man viele Kinder hat“, „Wenn man sie sich nicht leisten kann, soll man eben keine bekommen“, „Hat euch ja niemand befohlen, ihr müsstet mehr als zwei haben“. Die übliche Leier eben.

Im ersten Moment stand ich in Versuchung, den gehässigen Kommentatorinnen – ja, es waren alles Frauen; Mütter, denen es besonders schwer fällt, andere Lebensentwürfe zu akzeptieren – ein Stück weit Recht zu geben. „Einem geschenkten Gaul schaut man nun mal nicht ins Maul. Immerhin hätte man einen Teil der Eintritte gratis“, dachte ich. Und das stimmt ja irgendwie auch, aber die Sache hat eben doch einen Haken, einen ziemlich grossen sogar, nur weiss ich nicht, ob es mir gelingt, diesen Haken so in Worte zu fassen, dass ich auch verstanden werde. Ich versuch’s mal:

In unserer Gesellschaft gilt es als vollkommen legitim, Preisvergünstigungen ausfindig zu machen und sie für sich in Anspruch zu nehmen. Keiner käme auf die Idee, einem anderen einen Vorwurf daraus zu machen, dass er seine Ferien dann bucht, wenn er das Arrangement zum halben Preis haben kann und nicht zwei Wochen später, wenn er den vollen Preis bezahlen müsste. Nicht mal den Leuten, die wahrlich nicht auf Vergünstigungen angewiesen wären, dreht man einen Strick daraus, wenn sie von einem Sonderangebot profitieren. Im Gegenteil, gewöhnlich wird jedem, der es geschafft hat, eine fette Preisreduktion zu bekommen, eine Bewunderung zuteil, die lediglich von einer Spur Neid getrübt ist. Und wenn jemandem aus irgend einem fadenscheinigen Grund die Vergünstigung verwehrt wurde, ist ihm das Mitgefühl seiner Mitmenschen wenigstens ein kleiner Trost.

Nun ist es aber leider so, dass  die Grosszügigkeit der Anbieter sehr bald einmal aufhört. Ein Kind liegt fast immer drin, zwei gewöhnlich auch noch, aber ab dem dritten ist Schluss. Ob es sich nun um Pauschalangebote im Hotel, Familieneintritte, Wettbewerbe oder vergünstigte Seilbahnfahrten handelt, ab dem dritten Kind wird es – abgesehen von einigen wenigen löblichen Ausnahmen – meist teuer. Klar, man könnte nun argumentieren, dass man ja nur für die „überschüssigen“ Kinder Eintritt bezahlen muss. Aber ist es denn fair, dass die kleine Familie von der vollen Vergünstigung profitieren kann, die grössere aber nur von einem Teil? Nein, ist es nicht, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass die grössere Familie, nachdem sie mal die Eingangsschranke passiert hat, auch mehr Geld für Popcorn, Eis, Pommes Frites und anderen Kram liegen lässt.

Manchmal geht es sogar noch weiter: „Ach so, sie wollen zu den zwei Kindern noch ein Stillkind im eigenen Reisebett mitnehmen? Tja, das kostet dann aber 700 Franken zusätzlich pro Woche.“ „Ja, aber das Baby braucht kein Essen, nimmt keinerlei Dienstleistungen in Anspruch und schläft im eigenen Bettzeug…“ „Egal, die 700 Franken müssen Sie trotzdem bezahlen.“ Ist nicht erfunden, haben wir erlebt. Und dann natürlich nicht gebucht, weil uns so das „sagenhaft günstige Familienangebot“ teurer zu stehen gekommen wäre als ein normales Angebot.

Wagen nun Eltern von mehreren Kindern auf diese und ähnliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen, wird dies gleich als Gejammer abgetan. „Selber Schuld!“, „Man muss sich eben nicht vermehren wie die Karnickel“, „Wenn ihr euch die Brut nicht leisten könnt…“ Wie? Hat einer von uns je behauptet, wir könnten uns nichts leisten? Haben wir gejammert? Haben wir um Almosen gebettelt? Nein, wir haben nur darauf hingewiesen, dass wir uns manchmal ungerecht behandelt fühlen, weil wir, obwohl wir Familien sind, von vielen „familienfreundlichen“ Vergünstigungen nicht profitieren können, nicht mal dann, wenn die zusätzlichen Kinder keine zusätzlichen Leistungen beanspruchen.

Okay, vielleicht äussert ab und zu mal eine Mama oder ein Papa von mehreren Kindern den leisen Wunsch, auch einmal das unglaublich tolle Gefühl geniessen zu können, etwas deutlich günstiger oder gar ganz umsonst zu bekommen. Warum soll sie oder er sich dies nicht wünschen dürfen? Alle anderen dürfen es ja auch, ohne dass man ihnen gleich beleidigende Kommentare an den Kopf wirft. 

img_5375

Advent, Advent…

Irgendwann, zwischen zwei und drei Uhr nachts verirrt sich eine Gestalt in unser Schlafzimmer und bittet um Asyl im Elternbett. Die Gestalt ist weiblich und inzwischen so gross, dass nicht für alle Platz ist im Bett. Weshalb „Meiner“ seinen Schlafplatz kampflos aufgibt und sich aufs Sofa zurückzieht, ist ein Rätsel, das ich mitten in der Nacht nicht lösen mag, also schlafe ich weiter. Nicht lange jedoch, denn bald verirrt sich eine weitere Gestalt ins Elternschlafzimmer, eine kleine diesmal, dafür in Begleitung eines riesengrossen Bären. Nun sind wir also doch zu dritt im Bett – oder vielleicht zu viert, wenn man davon ausgeht, dass der Bär ein beseeltes Wesen ist – und es wird ziemlich eng. Im Morgengrauen nähert sich eine weitere Gestalt dem Elternbett, eine sehr grosse. Diese Gestalt verlangt jedoch kein Bleiberecht, sie will mir nur mitteilen, dass heute nichts wird mit Schule, weil der Magen rebelliert. „Hurra! Die Käfersaison fängt an!“, jubelt es in mir drin. Der Jubelschrei fühlt sich irgendwie ähnlich an wie Magenschmerzen. 

Ich dämmere noch einmal weg, werde aber Momente später durch lautes Schimpfen geweckt. „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind wegen unerledigter Hausaufgaben aneinandergeraten. Ja, genau, die Hausaufgaben, nach denen ich gestern Abend vier- oder fünfmal gefragt habe und die angeblich nicht existierten. Also erst mal kein Adventsritual, sondern Kopfrechnen vor dem Frühstück, was natürlich nicht ohne Tränen geht, denn der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte eigentlich damit gerechnet, sich heute Morgen als erstes mit seinem Adventspäckli beschäftigen zu dürfen. Irgendwann ist die letzte Zahlenmauer notdürftig gebaut, zwischen Tür und Angel zelebrieren wir noch so etwas wie ein Adventsritual. Zoowärter und Prinzchen bekommen sogar noch ihre Geschichte, doch dann ist Schluss mit lustig, denn es stellt sich heraus, dass das Prinzchen nicht heult, weil er heute kein Adventspäckli bekommt, sondern weil ihn das Fieber plagt. Na gut, immerhin muss ich ihn so nicht in den Kindergarten begleiten und kann noch im Pyjama bleiben, bis die gröbste Hausarbeit erledigt ist. Aber das muss jetzt schnell gehen, denn wenn die Käfer erst mal da sind, muss man stets damit rechnen, dass im Laufe des Tages die eine oder andere kreidebleiche Gestalt von der Schule nach Hause geschlichen kommt. Oder, dass es einen selber erwischt. 

Oh ja, der Advent ist da und wie jedes Jahr schert sich der Alltag einen Dreck darum. 

p1151266

 

Was habe ich mir dabei bloss gedacht?

„Bloss nicht wieder dieser elende Kleinkram“, dachte ich mir, als ich mir überlegte, wie wir das diesmal mit den Adventskalendern machen. Ich meine, 120 Kleinigkeiten, die dann doch nur irgendwo herumliegen, sind doch einfach zuviel. Nach einigem Nachdenken hatte ich einen Geistesblitz: Für jedes Kind ein etwas grösseres Geschenk, aufgeteilt auf 5 Päckli. Da bekommt man zwar nur an jedem fünften Tag etwas, dafür ist es auch etwas Rechtes. Und damit die anderen nicht ganz leer ausgehen, dürfen sie an den Tagen, an denen sie nichts bekommen, in den Topf mit Süssigkeiten greifen. Im letzten Moment kam dann noch ein verbilligter Türchen-Adventskalender dazu, bei dem das Kind, das am längsten nicht mehr dran war mit Auspacken, ein Türchen öffnen darf. Okay, das alles klingt jetzt ein wenig kompliziert, doch in meinen Augen grenzt das System an Perfektion.

In den Augen meiner Kinder jedoch habe ich kläglich versagt. Vor sieben Tagen schon ging der Streit über die Reihenfolge los und auch sonst liess kein Mitglied dieser verwöhnten Bande ein gutes Haar an meinem absolut durchdachten, gerechten und ethisch halbwegs vertretbaren Adventskalender. „Ich hätte lieber einen Adventskalender der drei Fragezeichen“, motzte der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Muss ich dann meine Geschenke mit den anderen teilen?“, fragte der Zoowärter den Tränen nahe. Luise entdeckte den Inhalt ihrer Adventspakete lange vor dem ersten Advent und wies mich darauf hin, dass ich da noch ein paar Dinge vergessen hätte, weil sonst nichts aus der Sache werden könne. Das Prinzchen war der Verzweiflung nahe, weil er mein System nicht verstehen konnte und fürchtete, er werde am Ende mit Mädchengeschenken abgespeist. Karlsson war sich sicher, dass er „wie immer“ als letzter drankommen würde mit Auspacken, was das Los dann auch tatsächlich so entschied. Obendrein waren die Grossen äusserst unglücklich über meinen Entscheid, den Kleinen endlich auch einmal „Leone & Belladonna“ vorzulesen. Meine Erklärung, es könne doch nicht sein, dass Zoowärter und Prinzchen Mamas erstes Buch nicht kennen, verstanden sie zwar, doof fanden sie das trotzdem. Der Protest war so gross, dass ich mich vor einem Aufstand zu fürchten begann.

Das Gemotze hörte erst auf, als ich irgendwann mi weinerlicher Stimme sagte, ich hätte mir so grosse Mühe gegeben und es sei vollkommen unfair, dass sie auf meinem Adventskalender herumhacken, ehe sie in den Genuss seiner Überraschungen gekommen seien. Das wirkte. Begeisterung vermochten die Kinder zwar weiterhin nicht zu zeigen, aber immerhin sabotierten sie das erste Adventsritual dieser Saison nicht. Und nachdem sie den Inhalt von Prinzchens erstem Päckli gesehen haben, ahnen sie jetzt auch, dass ich wirklich keinen billigen Mist gekauft habe. Glaube – und hoffe – ich zumindest.

img_6525

Advent? Aber doch nicht jetzt schon?

Adventskalender für die Kinder? –  Alles bereit.

Adventskranz? – Seit einer Woche schon fertig. Ich hatte sogar Zeit, mir zu überlegen, ob ich noch etwas anderes machen will, weil Luise das Ding so hässlich findet.

Adventskalender für „Meinen“? – Ich hab’s tatsächlich wieder mal geschafft. 

Samichlaus? – Ist organisiert.

Geschenke für die Lehrer? – Noch nicht, aber immerhin schon eine vage Vorstellung, was es sein soll.

Adventskalender für mich? – Habe einen geschenkt bekommen und bin schon ganz gespannt, was sich darin verbirgt. 

Festliche Dekoration? – Ist auf gutem Wege.

Das obligate schlechte Gewissen? – Ist vorhanden, dieses Jahr sogar besonders ausgeprägt.

Adventsstimmung? – Hä? Wie bitte? Wir haben doch erst September, oder etwa nicht?

img_7385

Will ich das überhaupt?

Lange Zeit gehörte ich zu denen, die über andere schreiben, sie fotografieren und ihre ausführlichen Aussagen zu möglichst knackigen Statements eindampfe. „Was haben die bloss für ein Problem? Vor einem Journalisten braucht man sich doch nicht zu fürchten“, sagte ich, wenn die Leute sich nicht so ganz sicher waren, ob sie sich auf Medienkontakte einlassen sollten oder nicht. Heute stehe ich manchmal auf der anderen Seite und ich finde noch immer, dass man sich vor Journalisten nicht zu fürchten braucht, doch gewisse Bedenken kann ich nachvollziehen. In meinem Kopf läuft das dann etwa so ab:

Die Begeisterungsfähige: „Oh, toll, die wollen etwas über das Buch bringen! Interview, Illustrationen von ‚Meinem‘ und ein Bild. Da soll ein Fotograf  vorb…“

Die Skeptische: „Halt! Stopp! Nicht so schnell! Ein Fotograf? Hast du neulich mal wieder in den Spiegel geschaut?“

Die Begeisterungsfähige: „Ja, ein Fotograf. Das gehört halt dazu, wenn man Bücher verkaufen will.“

Die Skeptische: „Bücher verkaufen sich doch auch ohne Bild.“

Die Begeisterungsfähige: „Bestimmt, aber du kannst es dir nicht leisten, kompliziert zu sein. Du bist auf die Medien angewiesen.“

Die Skeptische: „Ich weiss und ich finde es ja auch ganz toll, dass die sich für mein Buch interessieren, aber…“

Die Begeisterungsfähige: „Was, aber? Da gibt es kein Aber. Es ist einfach nur toll, Punkt!“

Die Skeptische: „Nein, ist es eben nicht. Man verliert auch ein Stück weit die Kontrolle, wenn die Medien ins Spiel kommen. Denk nur an die Journalistin, die gemeint hat, ich hätte ein Selbsthilfebuch geschrieben und mich nach Tipps fragte…“

Die Begeisterungsfähige: „Was ist denn schon schlimm dabei? Das war doch ganz amüsant.“

Die Skeptische: „Natürlich war das auch amüsant, aber es stimmt mich auch nachdenklich. Denk nur, wie leicht man missverstanden wird und wie schnell die Leute sich ein falsches Bild von einem machen.“

Die Begeisterungsfähige: „Ist doch egal. Was heute in der Zeitung steht, ist morgen bereits wieder vergessen.“

Die Skeptische: „Mag sein, aber man gibt eben doch ein gewisses Bild von sich ab und ich weiss nicht, ob mir dieses Bild passt. Am Radio komme ich auch so komisch rüber, die Kinder grinsen ja immer auf den Stockzähnen, wenn sie mich hören. Und was sollen unsere Freunde denken? Das Ganze ist mir irgendwie ein wenig peinlich. Es ist ja nur ein Buch…“

Die Begeisterungsfähige: „Nun geniess es doch einfach. Man muss nicht immer alles hinterfragen.“

Die Skeptische: „Muss man doch.“

Die Begeisterungsfähige: „Muss man nicht.“

Die Skeptische: „Muss man doch. Unbedingt. Und dies ist mein letztes Wort.“

img_0158