Wobei man es natürlich auch so sehen kann

Man könnte froh sein, dass der Monteur einen auf dem Laufenden hält, so dass man immerhin abschätzen kann, wie lange man frieren wird  – voraussichtlich bis morgen Abend. Nicht wie der Fensterbauer, der versprochen hat, so bald als möglich zu kommen, uns aber immer noch die Erklärung schuldig ist, was man in seiner Welt unter „so bald als möglich“ versteht. 

Man könnte auch erleichtert sein, dass man nun doch nicht zwischen Klavierstimmer und Heizungsmonteur hin und her rennen muss, weil sie nicht gleichzeitig im Haus sein werden.

Man könnte mit sich selbst zufrieden sein, weil man neulich – offenbar in weiser Voraussicht – in der Migros ganz spontan zwei sehr grosse, sehr weiche Kuscheldecken in den Einkaufswagen gelegt hat.

Man könnte sogar darüber jubeln, dass wir bloss frieren und nicht auch noch stinken müssen, weil die Solaranlage trotz Hochnebel noch ein paar Tropfen Warmwasser produzieren mag. 

Und natürlich könnte man zutiefst dankbar sein, dass man überhaupt ein Dach über dem Kopf hat, genügend warme Kleider und einen Herd, auf dem man reichlich warmes Essen und heissen Tee zubereiten kann.

Aber dann ertappe ich mich eben doch dabei, wie ich meinen grossen Zeh ins Bad des Selbstmitleids tauche, um zu prüfen, ob ich es mir dort gemütlich machen soll. Immerhin darf die ganze Familie irgendwo im Warmen sitzen, nur ich muss mir in meinem Homeoffice den Allerwertesten abfrieren. Und ausnahmsweise auswärts arbeiten geht auch nicht, weil sonst der Klavierstimmer, der seinen Job neu angetreten hat, seinen Weg nicht findet. Zwischen Flügel und Spinett meiner Mutter, Karlssons Cembalo und unserem Klavier könnte man sich gar leicht verirren.

ljus

Man kann das so oder so sehen

Man könnte jammern, dass es drinnen bald gleich kalt sein wird wie draussen.

Man könnte schimpfen, dass „Meiner“ jetzt wirklich anderes zu tun hätte, als im Heizkeller rumzustehen.

Man könnte sich aufregen, dass der Monteur erst morgen helfen kann, weil es ohne Ersatzteile, die er erst mal bestellen musste, nicht gehen wird.

Man könnte natürlich auch einfach verärgert sein, weil ausgerechnet jetzt, wo es an der Hausaufgaben- und Prüfungsfront etwas ruhiger wird, wieder etwas kommt, was uns auf Trab hält. 

Man könnte sich den Kopf zerbrechen, wie das morgen gehen soll, wenn der Klavierstimmer und der Monteur um meine ungeteilte Aufmerksamkeit – die eigentlich meinen Artikeln gelten sollte – buhlen werden. 

Das alles könnte man, aber eigentlich freut man sich doch besser darüber, dass die Heizung immerhin den Anstand besessen hat, vier Tage vor Heiligabend auszusteigen und nicht zu warten, bis wir auf die Gnade eines mies gelaunten Fachmanns, der grummelnd seinen Pikett-Dienst absolviert, angewiesen sind. 

blå

Liebes Tagebuch

Heute hatte ich Französischhausaufgaben. Eigentlich hatte ich die schon letzte Woche und ich habe sie auch brav erledigt. Ich habe zuerst im Französischbuch gelesen und dann ein paar ganz tolle Sätze über einen Anlass in der Westschweiz geschrieben. Aber heute hat der Lehrer gesagt, wir müssten den ganzen Text, den wir schon auf deutsch geschrieben haben, ins Französische übersetzen. Das war gar nicht so schwierig, ich musste fast keine Wörter nachschlagen und mit der Rechtschreibung hatte ich auch keine Probleme. Mein Text ist gar nicht so schlecht geworden und ich habe sogar ein paar ganz elegante Satzkonstruktionen verwendet. Ich glaube, ich bin eine wirklich gute Schülerin. Der Lehrer wird bestimmt stolz sein auf mich und ich hoffe, ich bekomme eine gute Note.

Trotzdem bin ich ein bisschen sauer. Ich finde nämlich, ich habe in meinem Leben schon mehr als genug Französischhausaufgaben gemacht. Es ist doch einfach schrecklich unfair, wenn ich die trotzdem noch machen muss. Findest du das nicht auch, liebes Tagebuch?

Was kann ich denn dafür, dass die Kinder heute im Französischunterricht keine Vokabeln und Verbkonjugationen mehr üben, bevor sie mit ihren eigenen Worten schreiben müssen, was sie nicht gelernt haben?

orange

Ein halber Viergänger

Der Kellner muss dich nur am falschen Tisch platzieren und schon nehmen die Dinge ihren Lauf. Dann bist du nämlich nicht mehr die à la carte-Frau, die abends eigentlich nur noch ein kleines Süppchen essen möchte, sondern die Halbpension mit dem viergängigen Genusswahlmenü. Weil du das aber nicht wissen kannst, staunst du halt ein wenig, als sie dir die erste Vorspeise vorsetzen, ehe du noch recht in dich hineingehört hast, um herauszufinden, was du bestellen sollst. Da der Gemüsesalat vorzüglich schmeckt, isst du ihn trotzdem. Du beschliesst aber, bei der nächsten Gelegenheit mal kurz nachzufragen, ob hier vielleicht ein kleines Missverständnis vorliegen könnte.

Die nächste Gelegenheit kommt schneller als du denkst, denn schon wird die erste Vorspeise ab- und die zweite aufgetragen. „Halt!“, gebietest du so höflich wie nur möglich. „Hier muss ein Missverständnis vorliegen. Das habe ich doch alles gar nicht bestellt.“ Doch das Missverständnis klärt sich nicht auf, denn dass du am falschen Tisch sitzen könntest, kommt keinem ausser dir in den Sinn. Die zweite Vorspeise wandert dennoch unberührt zurück in die Küche. Du schaffst das einfach nicht…

Während du dich wenig später mit dem Hauptgang abmühst, fällt dir auf, dass der eine Kellner allmählich ein wenig nervös wird. Immer wieder schaut er zum Eingang des Restaurants und irgendwann schnappt er sich ein Telefon, um bei der Rezeption anzurufen. Es klingt fast so, als würde er auf einen Gast warten, der nicht zur erwarteten Zeit eingetroffen ist. Du hast jedoch keine Zeit, dich mit seinem Problem zu befassen, denn nun gilt es, das Dessert abzuwehren, bevor es hübsch angerichtet auf deinem Tisch erscheint. „Bitte kein Dessert, nur einen Kaffee“, wimmerst du, als wieder einmal ein Kellner vorbeiflitzt.

Erst als du die Rechnung unterschreiben willst und erklärst, es könne nie und nimmer sein, dass du nur einen Fünfliber bezahlen müsstest, du hättest ja keine Halbpension gebucht, wird auch dem Servierpersonal klar, was da schief gelaufen ist. Du seist also diejenige, die er den ganzen Abend schon gesucht habe, meint der Kellner, der vorhin am Telefon war. Jetzt verstehe er, warum du dich so verzweifelt gegen das viele Essen aufgebäumt hättest, meint der andere. „Du bist also doch nicht ganz so kompliziert, wie ich gedacht hatte“, scheint sich der Lehrling zu sagen, lächelt aber trotzdem freundlich, als du mit den beiden anderen vereinbarst, dass sie dir morgen Abend nur das vorsetzen werden, was du auch wirklich bestellt hast.

Pappsatt schleppst du dich wenig später zurück in dein Zimmer und fragst dich, wie du die vier Treppen wohl schaffen würdest, wenn du nicht heldenhaft die Hälfte der vier Gänge von dir gewiesen hättest.

Überzeugt?

Es kommt selten vor, dass die Dinge so herauskommen, wie ich sie mir vorgestellt habe, aber ich glaube, diesmal habe ich mit dem Adventskalender mein Ziel erreicht: 24 Geschenke, die zu einer Aktivität anregen, wer dran ist mit Auspacken muss sich unter den Geschwistern mindestens eine(n) zum Mitmachen aussuchen und dann können sie loslegen. Seither trifft man immer wieder zwei oder drei an, die gemeinsam Geschichten hören, dekorieren, ein Spiel spielen oder einen kniffligen Fall lösen. Ein voller Erfolg also, der zu meiner Überraschung alle zu überzeugen scheint.

Alle? Nun ja, mich dünkt, mein Bankkonto sei in letzter Zeit ein wenig eingeschnappt. Warum sonst hätte es neulich, als ich ihm begegnete, lautstark gemotzt: „Der übliche billige Kleinkram hätte doch auch gereicht. Was soll plötzlich dieser pädagogisch wertvolle Mist?“

0DCBED86-8A2B-4590-9FA7-1FA4D7F65BD3

Fast geschafft

Der Adventsmarkt ist zwar bereits Geschichte, aber die Sache mit dem Panettone liess mir keine Ruhe. Das muss doch einfach machbar sein für eine, die seit ihrer Kindheit Kuchen bäckt. Also fing ich an, die Rezepte der italienischen Meister zu studieren. Weil ich trotz ganz passabler Italienischkenntnisse nicht jeden Schritt der endlosen Anleitungen verstand, war ich ausgesprochen erleichtert, als mir eine Freundin eine auf Deutsch verfasste Anleitung einer Italienerin zukommen liess. Und endlich verstand ich, was den Panettone so schwierig macht:

Er verzeiht dir keine Ungenauigkeit.

Er verlangt mehr Aufmerksamkeit als ein Kaffee-Vollautomat.

Er duldet niemanden neben sich. Und schon gar nicht über sich.

Er ist dein Herr und Gebieter, bis zum allerletzten Arbeitsschritt.

Nachdem ich das begriffen hatte, fühlte ich mich bereit, die Sache erneut anzugehen. Sklavisch hielt ich mich ans Rezept, fein säuberlich stellte ich die Zutaten weit  im Voraus bereit, endlos viel Zeit verbrachte ich an der Seite meiner Küchenmaschine, um darüber zu wachen, dass sie auch ja sorgsam umgehe mit dem Teig. Und siehe da: Der Aufwand hat sich gelohnt, es wurde alles so, wie es im Rezept versprochen wird.

Na ja, fast alles. Die Sache mit dem Aufhängen zum Abkühlen will noch nicht so recht klappen. Nachdem das erste Exemplar, das ich aus dem Ofen zog, einem Absturz zum Opfer fiel, habe ich mich entschieden, die anderen erst einmal aufrecht auskühlen zu lassen. Lieber ein eingefallener Panettone als ein Abgestürzter.

Aber auch das werde ich noch in den Griff bekommen. Irgendwann, wenn ich wieder in Stimmung bin, mein ganzes Sein und Wollen einem Teig zu unterordnen.

21EC6A6B-142B-407D-8D92-700409CB563E

So redet sie inzwischen mit mir

Luise braucht Hilfe bei einer Mathematikaufgabe und weil „Meiner“ nicht zu Hause ist, wendet sie sich mit ihrer Frage an mich. Wobei, eine Frage kann man das eigentlich nicht nennen. Es ist eher ein Vortrag, den sie mir da hält. Ein Vortrag, zu dem ich am Ende mein Feedback geben soll.

Sie erzählt mir von Katheten, Hypotenusen, der Berechnung der Höhe, von rechten Winkeln und quadratischen Flächen. Irgendwann bemerkt sie, dass ich sie mit glasigem Blick anschaue.

„Du verstehst doch, was ich meine, Mama?“

„Äääääh, nein…“

„Also, das ist eigentlich ganz einfach. Du hast ein rechtwinkliges Dreieck und hier hast du die beiden Katheten und da hast du die Hypotenuse… Kommst du jetzt draus?“

„Äääääh, nein…“ 

„Also, wenn du die Hypotenuse hast, dann kannst du…“, referiert sie munter weiter, aber natürlich verstehe ich noch immer nicht. Ich habe den Dingen, von denen sie redet, schon vor vielen Jahren abgeschworen. Irgendwann erkennt meine Tochter, dass bei mir Hopfen und Malz verloren ist, also zieht sie sich zurück, um ihr mathematisches Problem im Alleingang zu lösen.

Voller Bewunderung schaue ich ihr nach, als sie aus dem Zimmer geht. Bewunderung, weil sie Dinge versteht, die ich in vierzehn Schuljahren nie verstanden habe. Bewunderung aber auch, weil sie sich nicht hat anstecken lassen von der Aversion gegen Mathematik, die fast alle Frauen in unserem Clan haben. 

träd

 

Santa Claus ist auch schon da

Nachdem wir gestern Abend voller Andacht – und natürlich auch mit einer tüchtigen Portion Elternstolz – den Klängen lauschten, die Karlsson seiner Geige entlockt, sind wir heute wieder auf dem harten Boden der musikalischen Realität gelandet. Bald findet bei uns im Dorf nämlich ein Weihnachtskonzert statt, bei dem unter anderem auch ein Ensemble der Musikschule mitwirkt. Für uns als Familie bedeutet dies:

„Santa Claus is coming to town“ rauf und runter, interpretiert von einem hoch motivierten Karlsson, einem ziemlich motivierten Prinzchen und einem irgendwie schon auch motivierten Zoowärter, der aber partout nicht einsehen will, weshalb sich manche Leute für solche Dinge beinahe die Finger wund spielen. Santa wird also so lange durch unsere Gehörgänge spazieren, bis bei jedem jeder Ton sitzt. Und dann wird die Phase des häuslichen Zusammenspiels beginnen…

Soweit sind wir momentan noch nicht, denn Karlsson hat erst heute erfahren, dass er auch mit von der Partie ist, weshalb er erst noch ein wenig üben muss. Doch man ahnt bereits, wie es kommen wird, wenn er genug geübt hat. Er wird Santa Claus mit Kapriolen und Schnörkel über die Klaviertasten treiben, das Prinzchen wird alles geben, um dem Mann im roten Mantel auf den Fersen zu bleiben und der Zoowärter wird jammern, der arme Santa sei doch schon alt, der brauche bestimmt hin und wieder eine Pause, um sich auszuruhen. So, wie ich Karlsson kenne, wird er solche Einwände nicht gelten lassen und Santa weiter vor sich hertreiben, bis alles perfekt ist. Es würde mich deshalb nicht verwundern, wenn der gute alte Mann irgendwann mit lautem Türknallen aus unserer Wohnung verschwände. 

So sehr ich es auch schätze, dass unsere Söhne musizieren – würde Santa verschwinden, wäre ich noch so froh. Der Kerl weigert sich nämlich jetzt schon standhaft, aus meinen Gehörgängen zu verschwinden und bis zum Konzert sind es noch fast zwei Wochen…

skön

Vielleicht kommt er dann doch wieder

Wie man weiss, haben das Prinzchen und der Zoowärter entschieden, dass es im Hause Venditti keinen leibhaftigen Samichlaus mehr braucht. Also lag heute Abend, als wir von Karlssons Geigenvorspiel nach Hause kamen, bloss ein Sack voller Nüsse, Mandarinen, Lebkuchen und dergleichen vor der Haustür. Damit der Chlausabend dennoch einen mehr oder weniger geheimnisvollen Anstrich bekam, legte ich den Sachen einen Brief an unsere Kinder bei. 

Darin liess ich den Chlaus noch einmal die guten alten Zeiten heraufbeschwören, legte ihm lobende Worte über die kleinen und mittelgrossen Vendittis in den Mund und liess ihn uns ausrichten, er sei schon ein wenig traurig, weil sein Besuch am 6. Dezember nicht mehr erwünscht sei. Wenn eine schöne Tradition ein Ende findet, wird man ja wohl noch ein wenig sentimental sein dürfen, nicht wahr? 

Nun, mein stümperhafter Versuch, die Samichlaus-Ära würdig abzuschliessen, ging tüchtig in die Hosen. Der Brief weckte nämlich nicht schöne Erinnerungen, sondern Prinzchens schlechtes Gewissen. „Nächstes Jahr müssen wir den Chlaus unbedingt wieder zu uns einladen“, meinte er, als es Zeit war, ins Bett zu gehen. „Warum denn?“, wollte ich wissen. „Du hast doch gesagt, wir brauchten das jetzt nicht mehr.“ „Ja schon, aber der Samichlaus war so fruchtbar traurig, dass er nicht mehr eingeladen war. Das hat er doch in seinem Brief geschrieben. Ich will, dass er nächstes Jahr wieder kommen darf, damit er nicht mehr traurig sein muss.“

Und ich hatte allen Ernstes geglaubt, bei uns zu Hause glaube keiner mehr an den Samichlaus…

toscana

 

 

Hab‘ ich dir doch schon gesagt…

Du begleitest sie von klein auf, siehst schon früh gewisse Stärken und Talente, stehst mit ihnen die harten Jahre der Pubertät durch, in denen sie oft an sich selber vorbei zu leben scheinen und freust dich unbändig, wenn allmählich zur Entfaltung kommt, was du schon immer geahnt hast. Aber wehe, du sagst: „In dir steckt so unglaublich viel drin. Mach etwas aus dem, was dir mit auf den Weg gegeben wurde.“ Dann lachen sie nur und meinen: “ Du bist meine Mutter, du musst mich ja toll finden. Es ist sozusagen dein Job, von mir begeistert zu sein.“

Wenn dann aber jemand anders die gleichen Stärken und Talente in ihnen sieht, dann kommen sie ganz erstaunt angerannt und sagen: „Der oder die ist doch tatsächlich der Meinung, ich sei richtig begabt in diesem Bereich. Kannst du dir das vorstellen, Mama?“

Ja, das kann ich, mein Kind. Ich versuche schon seit Jahren, es dir weis zu machen.