Generationenhaus

Auch bei uns hat es reichlich geschneit, obschon böse Zungen behaupten, bei uns hätte es deutlich weniger Schnee als andernorts. In unserem 3-Generationenhaus löst die Schneedecke äusserst unterschiedliche Reaktionen aus.

Meine Mutter stellt abends fest, dass es schneit wie ehemals. Diese Feststellung reicht, dass sie am nächsten Morgen aus dem Bett steigt und nach der üblichen Morgenroutine zur Schneeschaufel greift und der Rest läuft automatisch: Zuerst die Treppenstufen vor dem Haus, dann der Weg zum Briefkasten, damit der Briefträger sich nicht ärgern muss, danach der Fussweg bis zur Garage, wo die Zufahrt für die Autos freigeschaufelt werden muss. Die Schneehaufen müssen hierbei so zu liegen kommen, dass die Kinder problemlos Schneemänner und Iglus bauen können. Und vielleicht auch einen Thron aus Schnee, so wie sie und ihre Schwestern damals.

Ich stelle abends fest, dass es schneit wie in der Kindheit einmal, es muss wohl 1983 gewesen sein. „Hach, wie romantisch!“, denke ich und schaue minutenlang verträumt aus dem Fenster. Am Morgen fällt der erste Blick auf die verschneite Tanne in Nachbars Garten und ich wünschte mir, ich hätte eine Ausrede, nach draussen zu gehen. Ich könnte ja Schnee schaufeln, die frische Luft und die Bewegung würden mir bestimmt gut tun. Aber ich muss mich beeilen, sons kommt mir meine Mutter zuvor und ich will nicht, dass sie schaufeln muss, das ist jetzt meine Pflicht. Wenn der Weg frei ist, trinken wir alle zusammen heisse Schokolade und dann schreibe ich einen Blogpost über den Schnee.

Die Kinder stellen abends fest, dass es schneit wie noch kaum je in ihrem Leben. Morgens springen sie aus ihren Betten, suchen noch vor dem Frühstück Skianzüge, Handschuhe, Schals und Mützen zusammen und rennen nach draussen. „Wir bauen einen Schneemann! Und ein Iglu! Und ein Schneefort!“, brüllen sie im Treppenhaus. Eine Viertelstunde später stehen sie fröstelnd wieder in der Wohnung. „Mama, uns ist kalt. Kannst du uns zeigen, wie man ein Iglu baut? Und der Schlitten läuft auch nicht gut. Warum denn nicht?“

Treffen diese drei Generationen nun im Garten zusammen, wird es ziemlich chaotisch. Meine Mutter war natürlich schneller als ich und darum versuche ich, ihr die Schneeschaufel zu entwinden. Sie gibt sie nicht her und darum einigen wir uns, den Weg gemeinsam freizumachen, wir haben ja zwei Schaufeln. Meine Mutter wundert sich, weil die Kinder die Quader für das Iglu mit Plastikkisten zu formen versuchen und weil bereits sechs Schlitten ums Haus verteilt liegen. Ich erkläre ihr, dass sich unsere Kinder im Schnee wohl ähnlich verloren fühlen wie ein Fünfundachtzigjähriger am Billettautomat der SBB. Die Kinder begreifen nicht, warum wir mit unseren Schaufeln die schöne Schneedecke zerstören und warum sie ihre Schuhe ausziehen müssen, bevor sie zurück ins Haus gehen.

Irgendwann ist der Weg freigeschaufelt, wir ziehen uns alle an die Wärme zurück und morgen, wenn wieder neuer Schnee gefallen ist, werden wir die ganze Sache viel geordneter angehen können, weil wir jetzt wieder wissen, dass bei Schnee jeder von uns etwas anders tickt als der andere.

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Probelauf

Mir kommt es so vor, als würden „Meiner“ und ich in diesen Tagen einen Probelauf für das Rentenalter absolvieren. Rund um die Uhr sind wir zusammen und immer wieder ergeben sich Dialoge, die es im Familienalltag gar nicht geben dürfte. Zum Beispiel beim gemeinsamen Start in den Tag, nachdem alle Kinder aus dem Haus gegangen sind:

Er: „Nimmst du auch en Tässchen Tee?“
Ich: „Nein, ich glaube, heute nehme ich lieber einen Kaffee.“
Er: „Bist du sicher? Ich hätte gerade heisses Wasser…“
Ich: „Sicher, heute lieber Kaffee. Ich konnte gestern nicht so gut einschlafen, darum brauche ich jetzt ganz dringend Koffein.“
Er: „Ich bin auch nicht so gut eingeschlafen. Vielleicht lege ich mich heute nach dem Mittagessen noch einmal hin.“
Ich: „Das solltest du wirklich tun. Man hat ja nicht immer die Gelegenheit dazu. Reichst du mir mal eine Zeitung?“
Er: „Die AZ oder das OT?“
Ich: „Kommt nicht so drauf an, steht ja ohnehin das gleiche drin.“
Er: „Also gut, ich nehme zuerst das OT.“

Schweigen. Wir lesen beide.

Ich: „Das ist doch nicht zu fassen…“
Er: „Was denn?“
Ich: „Da hat doch tatsächlich einer versucht…“
Er: „Ach ja, das habe ich auch gelesen. So etwas ist doch einfach die Höhe.“
Ich: „Man möchte glauben, dass so etwas nicht möglich ist, aber die Leute schrecken ja vor nichts mehr zurück…“

Wieder schweigen und lesen.

Er: „Hast du den hier gesehen? Ein totaler Spinner!“
Ich: „Nein, soweit bin ich noch nicht. Ich lese da noch dieses Interview.“
Er: „Ach so, das habe ich nicht gelesen. Du, bevor ich es wieder vergesse, wir müssen heute unbedingt noch Abfallsäcke besorgen.“
Ich: „Haben wir schon wieder keine mehr.“
Er: „Doch, aber ich kann sie nicht mehr finden. Ich habe sie wohl in der Garage liegen lassen, bloss weiss ich nicht mehr wo.“
Ich: „Ich habe doch letztes Mal zwei Rollen gekauft. Und jetzt sind die schon wieder aufgebraucht. Unglaublich, wie viel Abfall wir immer produzieren.“

So würde das den lieben langen Tag weitergehen, hätten wir nicht fünf Kinder, die uns Gott sei Dank davon abhalten, für den Rest unseres Daseins solche Gespräche zu führen. Und dann sind da zum Glück noch einige Lebensträume und Visionen, über die wir uns jeweils unterhalten, wenn uns der alltägliche Gesprächsstoff ausgegangen ist.

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Samichlaus-Farce

Eine Memme ist er, dieser Samichlaus. Lässt sich durch ein paar Käferchen davon abhalten, unser Haus zu besuchen. Hat einfach einen Sack vors Haus gestellt und ist wieder in der Dunkelheit verschwunden. Und dies nur, weil Karlsson und der Zoowärter heute krank im Bett lagen und der Samichlaus sich nicht anstecken will. Immerhin hat er jedem der Kinder einen lieben Brief mit viel Lob und wenig Tadel geschrieben und sich demütigst für sein Nichterscheinen entschuldigt. Peinlich finde ich das, aber der Begeisterung unserer Jüngsten tat die Farce keinen Abbruch. Den Grossen ist es ohnehin egal, ob der Klaus ins Haus kommt oder nur an der Türe klingelt. Hauptsache, er bringt Nüsse, Schokolade und Lebkuchen im Überfluss.

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Grenzen

Das Schwierige an einem Erschöpfungszustand ist, dass der Körper noch nicht mitspielt, wenn die Seele allmählich auf dem Weg der Besserung ist. Nach einer Auszeit mit Trübsalblasen und allem, was sonst noch dazu gehört, erwacht die Kreativität zu neuem Leben, erst einmal zaghaft, doch dann mit einem regelrechten Feuerwerk an Ideen. Hier ein Geistesblitz, da ein zündender Gedanke, dort eine interessante Anregung und schon möchte ich loslegen, ausbrechen aus der Stille, nach der ich monatelang gelechzt hatte. Die Stille, die nun dazu geführt hat, dass ich den Wunsch verspüre, Neues, Undenkbares zu wagen und zu handeln, als wären da keine Grenzen.

Doch die Grenzen sind da und sie sind enger gesteckt, als mir lieb sind. Einmal Zoowärter vom Kindergarten abholen und ein kurzer Schwatz reichen aus, um mir aufzuzeigen, wie bodenlos die Müdigkeit ist. Eine schlechte Nacht, in der Prinzchen und Kater sich um den Platz an meiner Seite gebalgt haben, und ich bin am nächsten Tag zu nichts zu gebrauchen. Eine klitzekleine Anstrengung, und der Körper schreit nach Schlaf.

Es war einfacher, diesen Zustand zu ertragen, als Seele und Geist auch nichts anderes als schlafen wollten. Jetzt aber, wo ich innerlich wieder erwacht bin, habe ich eine leise – aber wirklich nur eine ganz leise – Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte, wenn der eigene Körper zum Gefängnis wird.

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Kapitales Versäumnis

Es hat durchaus sein Gutes, dass wir derzeit lahmgelegt sind. Ging vorher so manches im Trubel unter, sind wir jetzt geradezu vorbildlich im Erledigen von Kleinigkeiten. Die Zeit reicht gar nicht mehr aus, Formulare, die ins Haus geflattert kommen, mit Kakaoflecken zu verzieren, weil wir sie sofort ausfüllen und zurückschicken. Die Kinder haben keine Chance mehr, etwas zu Hause zu vergessen, weil Mama und Papa morgens kontrollieren, ob auch wirklich alles im Schulsack ist. Die Katzen müssen nicht mehr miauen, um Futter zu bekommen, weil einer von uns beiden den Futternapf füllt, wenn nur schon das Halsband-Glöckchen im Treppenhaus zu hören ist. Sogar die Winterreifen sind inzwischen montiert, drei von fünf Kindern haben neue Winterstiefel und die anderen zwei bekommen sie morgen. Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?

Wäre da bloss nicht dieses eine kapitale Versäumnis: Wir haben keinen Samichlaus. Der gute Wille war zwar da, aber ausgerechnet in diesem wichtigen Punkt waren wir so spät dran wie zu unseren schlimmsten Zeiten und da haben wir eben keinen mehr bekommen. Wir haben uns zwar eingehend darüber unterhalten, wie wichtig wir es finden, dass Zoowärter und Prinzchen ihren Samichlausbesuch bekommen, auch wenn Karlsson und Luise allmählich etwas zu gross sind dafür. Wir haben uns Gedanken gemacht, was der gute Mann zu jedem unserer Kinder sagen sollte, aber wir haben zu lange gezögert, zum Telefon zu greifen und so war es eben zu spät, als wir es endlich doch taten.

Vielleicht hätte ich mir dieses Versäumnis verzeihen können, hätte mir nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit leuchtenden Augen verkündet, er wolle dem Samichlaus sein erstes Liedchen auf der Trompete vorspielen. Wie soll ich es übers Herz bringen, diese Vorfreude zu zerstören? Ich glaube, es würde mir leichter fallen, allen Kindern dieser Welt ein für alle Mal klar zu machen, dass es den Samichlaus nicht gibt, als meinen Kindern zu gestehen, dass er dieses Jahr nicht zu uns kommen wird, weil wir ihn zu spät eingeladen haben. Wie nur sollen wir nach diesem Versagen das Vertrauen unserer Kinder wieder zurückgewinnen?

Ob es hilft, wenn ich mir ganz viel Asche aufs Haupt streue? Dann ginge ich am Donnerstag zumindest als Schmutzli durch.

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Startschwierigkeiten

Theoretisch hätte heute ein neuer – und zugleich auch alter – Lebensabschnitt angefangen. Fast-Vollzeithausfrau und freischaffende Schreibende war ich schon mal und so wie es aussieht, werde ich es auf absehbare Zeit auch bleiben, diesmal mit dem erklärten Ziel, dem Schreiben den Raum zu geben, den es verdient. Um dem Ganzen zumindest eine Chance auf Professionalität zu geben, bleibt das Prinzchen vorerst einen Tag pro Woche in der Krippe. Es ist nämlich gar nicht so einfach, den roten Faden eines Textes zu behalten, wenn das Prinzchen mit dem Feuerwehrauto durch die Wohnung kurvt und in jedem Winkel einen Brand zu löschen hat. Also haben wir den Montag zu meinem offiziellen Schreibtag erklärt und dies sowohl den Kindern als auch der Putzfrau mitgeteilt.

Leider nimmt die Schule auf solche Pläne keine Rücksicht und so stand heute Mittag plötzlich Karlsson auf der Matte. Er hätte am Nachmittag schulfrei, ob ich das denn vergessen hätte. Ach ja, die Weiterbildung. An die hatte ich tatsächlich nicht mehr gedacht. Zehn Minuten später erschien Luise, um mich daran zu erinnern, dass sie heute eine Stunde früher nach Hause kommen würde. Ebenfalls Weiterbildung, ebenfalls vergessen. Tja und so versuchte ich eben, meine Ideen zu skizzieren und gleichzeitig Karlsson zuzuhören, der mir ausgerechnet heute unglaublich viel zu erzählen hatte. Nun gut, immerhin liess er sich dazu hinreissen, die wenigen Zeilen, die ich zu Papier brachte, zu lesen und mir ein Feedback zu geben, aber ansonsten war seine Anwesenheit meiner Arbeit nicht gerade förderlich. Nach und nach trudelte auch der Rest der Horde ein und so beschloss ich schliesslich schweren Herzens, den Beginn meines neuen Lebensabschnittes auf den kommenden Montag zu verschieben. Wobei, das geht gar nicht, dann muss Karlsson zum Arzt und ich auch. Na dann eben übernächste Woche oder vielleicht auch erst nächstes Jahr…

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Wintermärchen

Als Kind wäre es mir nie in den Sinn gekommen, zu zweifeln. Es gab ja auch keinen Grund dafür, gab es doch zahlreiche Beweise für die Existenz des Winters. Knietiefen Schnee, rasante Schlittenfahrten, Höhlen, die wir in die Schneehaufen am Strassenrand gruben und Temperaturen wie im sibirischen Frühherbst. Der Winter, da war ich mir damals sicher, ist echt.

Später aber geriet mein Winterglaube ins Wanken. Das, was mich in meiner Kindheit so begeistert hatte, war wohl nichts weiter als eine gut inszenierte Show, ähnlich wie die Sache mit dem Samichlaus oder das gespannte Warten aufs Christkind, welches sich ja doch nie blicken liess. Schnee gab es, wenn überhaupt, im März oder gar im Juni, wenn man eigentlich auf Sommer eingestellt war. Frieren musste man nur, wenn man sich wirklich unvernünftig anzog, zum Beispiel Sommerkleidchen und Ballerinas am 30. Januar.

Und so verkamen die Winter-Accessoires allmählich zu Reliquien aus einer längst vergangenen Zeit. Vielleicht kaufte man sich mal einen dicken Wollpullover, weil er so schön anzusehen war. Man rahmte ihn ein und hängte ihn an die Wand, so wie ein vom Glauben abgefallener orthodoxer Christ irgendwo aus sentimentalen Gründen eine Ikone aufhängt. Winterstiefel, Handschuhe und Mützen schlummerten weit hinten im Schrank, neben geschmacklosen Souvenirs von der Freiheitsstatue, Basteleien aus Kindertagen und vergilbten Liebesbriefen. Hin und wieder liess man am Auto Winterreifen montieren, weil man dem armen Garagisten auch mal wieder Arbeit verschaffen wollte und wenn mal ein Hauch von Kälte durchs Land wehte, führte man die Winter-Accessoires spazieren und schwitzte erbärmlich.

Ganz klar, meinen Glauben an den Winter hatte ich vollends verloren und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, heiratete ich einen Mann, der an der Existenz des Winters nicht nur zweifelte, sondern der den Gedanken an diese Irrlehre geradezu verabscheute. Ein Sommer-Fundamentalist, der bei jedem Anzeichen von Winter in Rage gerät und mit Auswandern droht. Zwar gestand er mir die Freiheit zu, weiterhin die äusseren Formen des Winterglaubens zu praktizieren und begleitete mich sogar brav ins Schuhgeschäft, um die Kinder mit Winterstiefeln auszustatten, aber mir war immer klar, dass er mit dem Herzen nicht dabei war und eigentlich lieber Sandalen gekauft hätte. Wenn ich aber mal mit den Kindern den selten gewordenen Schnee feiern wollte, musste ich dies alleine tun. Mit solch hohlen Ritualen wollte er nichts zu tun haben.

So kam es, dass in unserer Familie der Glaube an den Winter immer mehr verwässert wurde und schliesslich einer armseligen Religiosität weichen musste. Manchmal erzählte ich den Kindern noch vom Winter, weil sie wissen sollten, dass sie in einer winterlich geprägten Kultur aufwachsen. Ich wollte ja nicht, dass sie als vollkommene Ignoranten dastehen, falls sie mal im Zeichenunterricht Pieter Brueghels „Jäger im Schnee“ betrachten oder falls der Musiklehrer auf Franz Schuberts „Winterreise“ zu sprechen kommt. Verkündete aber ein Wetterprophet, dass es bald schneien würde, sagten wir: „Das müsst ihr nicht glauben, Kinder, das ist wie beim Horoskop. Alles nur Humbug.“

Tja, und jetzt stehen wir da wie die letzten Sonnenanbeter, weil wir glaubten, den grossen Kälteeinbruch gebe nur im Märchen.

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Calm down!

Der Termindruck, der mich in den vergangenen Monaten dazu getrieben hatte, wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Leben zu hetzen, ist fast von einem Tag auf den anderen von mir abgefallen. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich die Verhaltensweisen, die ich mir in dieser Zeit angeeignet habe, einfach so abschütteln lassen.

Da stand am letzen Donnerstag der Wocheneinkauf auf dem Programm und ich hatte alle Zeit der Welt, ihn in Ruhe zu erledigen. Was aber tat ich? Ich kurvte durch den Laden, als ob er in zehn Minuten schliessen und nie wieder öffnen würde. Ich hetzte von Regal zu Regal, packte meinen Wagen voll und musste unzählige Male wieder umkehren, weil ich mit meinen Gedanken schon längst drei Gänge weiter war. Erst, als ich vollkommen geschafft zu Hause ankam und erkannte, dass an diesem Tag ausser der Kinder, die irgendwann essen wollten, niemand mehr etwas von mir erwartete, wurde mir bewusst, dass ich auf das ganze Gehetze hätte verzichten können.

Ob ich am Herd stehe, eine Kolumne schreibe, mit den Kindern Hausaufgaben mache oder Handschuhe stricke, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich dazu antreibe, mehr Arbeit in weniger Zeit zu pressen. Schnell, schnell, sonst reicht’s nicht bis zum nächsten Termin. Aber da ist kaum je ein Termin und darum hätte ich die Sache getrost langsamer angehen dürfen. Langsamer und mit sehr viel mehr Freude.

Darum muss ich jetzt ganz dringend etwas tun, nämlich zwei oder drei Gänge runterschalten, denn die ruhigeren Zeiten werden nicht ewig dauern.

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Herkunftsfamilien

Ich kenne Menschen, die unter denkbar schlechten Bedingungen gross geworden sind. Zerrüttete Familienverhältnisse, mindestens ein Elternteil suchtkrank, finanziell prekäre Situationen, zum Teil auch Probleme mit der Integration. Es würde niemanden wundern, wenn diese Menschen heute unfähig wären, ihr Leben zu meistern, doch erstaunlicherweise kommen sie besser klar als mancher, der mit dem Silberlöffel im Mund geboren worden ist. Fachleute reden in solchen Fällen von Resilienz, was bestimmt berechtigt ist. Zumindest bei den Menschen, die ich kenne, kommt aber noch etwas anderes hinzu: Sie waren von klein auf umgeben von Menschen, die sich ihrer angenommen haben. Menschen, die diesen Kindern zumindest stundenweise ein friedliches Zuhause boten, die ihnen bei den Hausaufgaben halfen, die mit ihnen ins Museum gingen, die ihnen Mut machten, einen eigenen Weg zu finden, anstatt in die Fusstapfen der Eltern zu treten. Natürlich waren diese Menschen auch nicht perfekt, aber sie gaben, was die Kinder zu Hause nicht bekommen konnten, nämlich vorbehaltlose Liebe.

Ich kenne aber auch Menschen, bei denen nichts hätte schief laufen dürfen, weil einfach alles perfekt war. Mutter aufopferungsvoll, Vater erfolgreich, die ganze Familie gut integriert und überall aktiv dabei, die finanziellen Verhältnisse bestens, die Kinder werden gefördert wo immer möglich. Und ausgerechnet in diesen perfekten Verhältnissen gerät einer auf die schiefe Bahn. Warum? Es wird wohl viele Gründe dafür geben, bei den Menschen, die ich kenne, fällt aber früher oder später immer die eine Aussage: „Ich war einfach nicht gut genug. Egal, wie sehr ich mich bemühte, es reichte nie.“ Irgendwann haben sie eben aufgegeben, vielleicht auch ganz bewusst das Gegenteil von dem getan, was die perfekte Familie von ihnen erwartete, weil es ja ohnehin keinen Unterschied mehr machte, denn abgelehnt fühlten sie sich ohnehin. Und weil keiner sehen wollte, dass die heile Familie gar nicht so heil war, wie es nach aussen hin aussah, wurde an dem schwarzen Schaf herumkritisiert und herumgedoktert bis es vollends verkorkst war.

Schon wieder Mädchenkram

Als vor einigen Monaten die Legosteine für Mädchen auf den Markt kamen, dachte ich, ich könnte diesen neuesten Trend getrost ignorieren. Luise sei der Zielgruppe bereits entwachsen, dachte ich und die Gefahr, dass Zoowärter und Prinzchen zu rosaroten Legosteinen greifen ist äusserst gering. Auch wenn der Papa durchaus einen Hang zum Kitsch hat und somit seinen Söhnen zeigt, dass man auch als Mann die zarten Farben lieben kann. Lego Friends, so war ich mir sicher, geht mich nichts an.

Ich hatte die Rechnung ohne den Einfluss der besten Freundin gemacht. Was der besten Freundin gefällt, gefällt Luise auch, weil die beste Freundin Lego Friends cool findet, findet Luise sie auch cool und weil Luise sich zufällig genügend Taschengeld angespart hat, haben Stefanie, Emma, Nicole & Co. heute samt Wohnmobil bei uns Einzug gehalten. Und weil die Tür des Wohnmobils klemmte, durfte ich zusammenbauen damit Luise spielen kann.

Zugegeben, ich baue lieber mit Gelb, Rosa und Hellgrün als mit Dunkelgrau und Schwarz, aber das ist auch alles, was mir an Legos Mädchenlinie gefällt. Ist ja schön und gut, dass man unseren Töchtern inzwischen auch zutraut, etwas zusammenzubauen, aber warum müssen es schon wieder Schönheitssalons, Beauty Contest fürs Schosshündchen und Traumvillen sein?

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