Glück

Freie Zeit muss man sich dann nehmen, wenn sie einem in den Schoss fällt. Zum Beispiel dann, wenn sie „Meinen“ zur Untersuchung nach Bern schicken und die Zeit gerade noch reicht für einen Besuch im guten alten „Länggass Tee“, zu Unizeiten unser Lieblingslokal und noch heute der Ort unserer Träume. Eine Tasse Schwarztee mit Rosenblütenblättern, Safran-Kandis, zwei Scones mit Clotted Cream und Orangen-Marmelade und schon fühle ich mich wie neu geboren. Und weil ich nicht in Worte fassen kann, was mir ein solcher Moment bedeutet, lasse ich für einmal das Bild sprechen.

Farbwahl

Dass sich an einem kalten, regnerischen Novembertag die Menschen nach einem umdrehen, wenn man von Kopf bis Fuss in Rosa daherkommt, kann ich verstehen. Dass andere bunt Bekleidete einem für die Farbwahl Komplimente machen, freut mich, denn Gleichgesinnte zu treffen ist immer schön. Wenn aber Leute, die sich dem trüben Wetter entsprechend in Grau und Schwarz gehüllt haben, darüber schimpfen, dass wir verklemmten Schweizer nicht farbenfroher daherkommen, dann frage ich mich, wann die zum letzten Mal in den Spiegel geschaut haben.

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Ein paar Kleinigkeiten noch…

Allmählich werde ich mir selbst unsympathisch. Da ärgere ich mich ein halbes Leben lang über Menschen, die sich Ende November zurücklehnen und süffisant lächelnd verkünden, dass abgesehen vom Baumschmücken alles erledigt sei. Und jetzt bleiben auch mir nur noch zwei oder drei Geschenke zu organisieren, ein paar Guetzli zu backen und mit den Kindern Lehrergeschenke fertigzustellen. Die Weihnachtsvorbereitungen sind so erschreckend weit fortgeschritten, dass ich in Versuchung komme, Dummheiten anzustellen. Zehn Sorten Pralinen machen, zum Beispiel, Baumschmuck aus gefärbtem Isomalt oder ein üppig verziertes Weihnachtsfenster. Am Ende fange ich noch an zu basteln…

Mag sein, dass ich mich zu aktiveren Zeiten danach gesehnt habe, dem festlichen Geschehen nicht immer zwei Schritte hinterherzuhinken. Zuweilen verspürte ich vielleicht sogar einen Hauch von Neid wenn ich sah, wie perfekt organisiert andere sind. Was war ihr Geheimnis? Eine spezielle Begabung fürs Feiern? Ausgeklügelte Checklisten oder gar eine Ausbildung?

Heute habe ich eine Ahnung davon, welche Voraussetzungen es braucht, damit das Fest gelingt: Kinder, die aus dem Gröbsten raus sind, ein Job als Vollzeithausfrau und keine namhaften Pflichten ausser Hause. So sollte es klappen. Die Frage ist bloss, ob ich bereit wäre, diesen hohen Preis zu bezahlen, nur damit alles reibungslos läuft.

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Irrtum

Ich war drauf und dran, mich mit den Wurstfingern abzufinden und das Ganze als Erfolg zu verbuchen, als der Zoowärter mich darauf aufmerksam machte, dass er eigentlich Fäustlinge bestellt hatte.

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Zeit

Es gibt schönere Dinge, als mitten im Leben ausgebremst zu werden und plötzlich weder Kraft noch Nerven für die alltäglichsten Dinge zu haben. Der angenehme Nebeneffekt ist aber, dass man bekommt, was man sonst nie hat: Zeit.

Die Zeit, Kleinigkeiten sofort zu erledigen und nicht erst dann, wenn man dreimal per Mail daran erinnert worden ist.

Die Zeit, mich darüber zu informieren, welche Bücher die Kinder aus der Schulbibliothek ausgeliehen haben. Damit ich nach Ablauf der Leihfrist nicht immer schreiben muss: „Liebe Frau Lehrerin, können Sie mir bitte die Titel der noch fehlenden Bücher nennen, damit ich weiss, wonach ich im Bücherregal oder notfalls auch im Antiquariat suchen muss.“

Die Zeit, sich in Ruhe zu überlegen, was man Freunden und Lehrern zu Weihnachten schenken will und auch die Zeit, alles so zu organisieren, dass man die Kinder nur noch anleiten muss.

Die Zeit, an dem einen Tag, an dem alle vollkommen käferfrei sind, auch wirklich mit den Kindern ins Hallenbad zu gehen und nicht nur davon zu reden, wie nett es doch wäre, wenn man die Zeit dazu hätte. Okay, auf den käferfreien Tag warte ich noch immer, aber ich glaube fest daran, dass er kommen wird.

Die Zeit, die Kinder rechtzeitig abzuholen und nicht immer die Letzte zu sein, die verschwitzt, schimpfend und mit tausend Entschuldigungen aufkreuzt.

Die Zeit, sich Gedanken zu machen darüber, an welchem Punkt man mit den Kindern steht, wo sie Unterstützung brauchen und wo klarere Grenzen angesagt sind.

Die Zeit, beim Kinderarzt die zusätzlichen Abklärungen sofort machen zu lassen, anstatt einen weiteren Termin vereinbaren zu müssen.

Die Zeit, mich mit „Meinem“ darüber zu unterhalten, dass die einfallslose Küche wohl mehr zum Beizensterben beiträgt als das Rauchverbot.

Die Zeit, dem Zoowärter des Langen und Breiten zu erklären, warum ich es besser fände, wenn er sich den Playmobil-Zoo mit den niedlichen Koalas zu Weihnachten wünschte und nicht die hässliche „Cars“-Rennbahn.

Und wenn einmal das Telefon schweigt und kein Kind nach Aufmerksamkeit schreit die Zeit, mit der Katze auf dem Schoss eine Tasse Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen. 

Peinlichkeiten

Zum Glück muss ich in Zeiten von Social Media kein Teenager mehr sein. Oder: Zum Glück gab es damals Facebook & Co. noch nicht. Nein, hier folgt jetzt kein kulturpessimistischer Vortrag über die mediale Verkommenheit unserer Jugend. Ich habe mir nur neulich, als ich mir die Facebook-Pinnwand einer Vierzehnjährigen ansah, ausgemalt, wie das bei mir wohl ausgesehen hätte.

Ich hätte meinen Liebeskummer in die virtuelle Welt hinausgeschrien – „Warum liebt er mich nicht???????!!!!!!!!!“ -, über die zerstörte Umwelt gejammert – „Die armen süssen Pandas. Warum tut denn keiner was??!!!“ – und meine Eltern schlechtgemacht, weil ich als Einzige nicht zu dieser coolen Party – damals sagten wir natürlich Fete – gehen durfte. Anstatt mit Freundinnen infantile Briefchen zu tauschen, hätten wir an Pinnwände gepostet: „Findest du den neuen Mathelehrer nicht auch furchtbar süss? Diese Augen!!!!“ „Nein, der ist schrecklich, aber der Typ aus La Bamba ist sooooooooo cool…“ Ich fürchte gar, dass ich mich in einem schwachen Moment zum Cyber-Mobbing hätte hinreissen lassen. Anlässe dazu hätte es durchaus gegeben.

Wie gut, dass all dies im Tagebuch und nicht im Internet stattfand, denn so landeten die ganzen Peinlichkeiten in den Flammen, als ich sie nicht mehr ertragen konnte. Wie peinlich muss es sein, Jahre später beim Googeln seinem pubertierenden Ich zu begegnen.

Jellowsubmarine, bring mir den Vorrat!

Der Fisch ist Schuld, da bin ich mir ganz sicher. Nun ja, so ganz sicher vielleicht doch nicht, aber ich will einfach nicht wahrhaben, dass ich mir schon wieder einen Magen-Darm-Käfer zugezogen habe. Also muss eben dieser blöde Fisch, den ich gestern auf Ahnenforschungstour in der Westschweiz zum Mittagessen serviert bekam, als Sündenbock herhalten. Und es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass er es war, der diese elenden Bauchkrämpfe ausgelöst hat.

Nur schon die Tatsache, dass man mir die Wahl zwischen Fleisch und Fisch anbot, als ich vegetarisch verlangte, hätte mich misstrauisch stimmen sollen. Aber mit leerem Magen und einem Kopf voller Urahnen auf Französisch zu diskutieren, ob Fisch Fleisch ist oder nicht, war mir dann doch etwas zu dumm und so nahm ich eben den Fisch. Als man ihn mir dann vorsetzte, kaum hatte man den Salatteller vor mich hingeknallt, hätte mir dämmern müssen, dass der Kerl den Kochtopf wohl schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte und die letzten Stunden in irgend einem Warmhaltebehälter verbracht. Aber eben, ich war hungrig und es warteten noch ein paar weitere Urahnen darauf, erforscht zu werden.

Also schlang ich den Fisch mit Todesverachtung herunter, bis zu jenem Bissen, der wohl nicht nur die Pfanne, sondern auch das Meer schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Dieser eine Bissen war eben der berühmte Bissen zuviel und so brachte ich aus dem Land meiner Urahnen eine zünftige Magenverstimmung mit, die dazu führte, dass heute „Meiner“ so tun musste als sei er vollkommen fit, damit ich mich ungestört den Nachwehen meines „vegetarischen“ Mittagessens widmen konnte.

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Unberechenbar

In der Theorie geht das alles prächtig auf: Bis Ende Monat sind wir an drei Vormittagen vollkommen kinderfrei. Zeit, sich von den Strapazen der vergangenen Wochen zu erholen, neue Kräfte zu sammeln und Liegengebliebenes zu erledigen.

In der Praxis sieht es natürlich mal wieder ganz anders aus. Mal fühlt sich der Zoowärter zu krank, um in den Kindergarten zu gehen, nur um voll aufzudrehen, kaum habe ich ihn bei der Lehrerin abgemeldet. Dann wieder fällt bei einem der Kinder der Unterricht aus, mal weil die Lehrerinnen des FeuerwehrRitterRömerPiraten Weiterbildung haben, dann wieder, weil Luises Lehrerin krank ist. Hin und wieder kommt es vor, dass das Prinzchen sich weigert, lange Hosen anzuziehen und in kurzen lasse ich ihn nicht in die Waldspielgruppe gehen. Also bleibt er zu Hause. Wenn dann doch mal alle aus dem Haus sind, kommt bestimmt ein Anruf der Lehrerin, die uns mitteilt, dass sie den FeuerwehrRitterRömerPiraten nach Hause schicken werde, weil er so blass und müde sei. Und falls ausnahmsweise mal nichts von all dem geschieht, habe ich bestimmt einen Zahnarzttermin, den ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung für einen der kinderfreien Vormittage vereinbart habe.

Ich will mich nicht beklagen, das Familienleben ist nun mal unberechenbar. Ich frage mich nur, wann ich endlich damit aufhöre, an das Märchen von der Erholungsinsel zu glauben.

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Familien-Strickmuster

In Zeiten, in denen die Angst vor der Überalterung der Gesellschaft wächst, darf die perfekte Familie wieder mehr als zwei Kinder haben. Lange Zeit sah das Bild ja so aus: Papa mit bereits leicht angegrauten Schläfen, Mama ein paar Jährchen jünger, Junge, Mädchen. Zur Not durften es auch zwei Mädchen sein, zwei Jungen aber lieber nicht, weil es zu laut werden könnte.

Natürlich wird dieses Bild nicht über Nacht verschwinden, aber immer öfter wird mit Drei- bis Vierkindfamilien geworben, wenn Eltern Geld locker machen sollen. „Schaut her, wer bei uns einkauft, kann sich mehr als zwei Kinder leisten“, lautet die Botschaft. Und so lächeln dann von den Plakaten ein Papa mit leicht angegrauten Schläfen, eine Mama, die einige Jährchen weniger auf dem Buckel hat, eine vernünftige älteste Tochter, ein angepasster Zweitältester, eine verträumte jüngere Tochter und ein schalkhafter Jüngster. So sieht sie heute aus, die perfekte Familie, selbstverständlich zufrieden und sorgenfrei.

Auch wenn es begrüssenswert sein mag, dass heute auch als glücklich gelten darf, wer viele Kinder hat, so bleiben die Bilder realitätsfremd wie eh und je. Wir zumindest hatten schon Mühe damit, uns an das Strickmuster Mädchen-Junge-Mädchen-Junge zu halten, von der perfekten Harmonie und dem sorgenfreien Alltag ganz zu schweigen.

Glücklich sind wir trotzdem mit unseren Kindern.

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(Fast) geschafft

Die Pastete befindet sich auf gutem Wege. Ich darf einfach nicht dran denken, dass mein geliebter Stabmixer seit seinem Einsatz in akuter Lebensgefahr schwebt. Mein Versuch, es ohne Fleischwolf zu schaffen war wohl etwas zu verwegen. Und dann muss natürlich auch noch die Sache mit der Sülze klappen. Man hat mich gewarnt, dass dies ziemlich schwierig werden könnte.

Aber ganz egal, wie es am Ende rauskommt, Karlsson habe ich bereits im Sack. „Weisst du, Mama“, sagte er heute zu mir, „es ist mir egal, ob die Pastete gut wird oder nicht. Die Hauptsache ist, dass du es probiert hast. Das würde nämlich nicht jeder machen.“

Mir scheint, dass nicht ganz alles auf taube Ohren gefallen ist, was wir dem Kind in den vergangenen Jahren gepredigt haben.

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