Bloss nicht dran denken

Bloss nicht dran denken, dass diese erste Woche eben nur die erste Woche war und dass es durchaus sein kann, dass noch ein paar weitere ähnliche Wochen folgen.

Bloss nicht dran denken, dass nächste Woche die Schule wieder beginnt und „Meiner“ nicht in der Lage ist, mit Karlsson und Luise Mathematik zu büffeln.

Bloss nicht dran denken, dass die Kinder irgendwann merken, dass ich alleine nicht immer alles mitbekomme, was ihnen die Gelegenheit bietet, endlich ein paar Dummheiten auszuhecken.

Bloss nicht dran denken, dass mein Akku irgendwann leer sein könnte.

Bloss nicht dran denken, dass „Meiner“ und ich jetzt eigentlich unsere drei kinderfreien Tage hätten geniessen sollen.

Einfach nur einen Tag nach dem anderen nehmen, dankbar sein, dass wir die erste Zeit so gut überstanden haben und dass es „Meinem“ ein klein wenig besser geht.

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Ich muss das nicht alleine schaffen

Plötzlich ist es wie im Märchen. Ich überlasse mit schlechtem Gewissen mein ganzes Familienchaos meiner Schwester, um „Meinen“ im Spital zu besuchen – und um endlich aus diesem Arzt herauszupressen, was eigentlich los ist – und bei meiner Heimkehr glaube ich, mich im Haus geirrt zu haben. Alles glänzt, Prinzchens Kleiderschrank ist aufgeräumt, die Abfalleimer sind geleert und statt einer Schwester stehen plötzlich zwei da, dazu auch noch meine Mutter, Karlsson und Luise, mit Putzlappen bewaffnet. Sie haben das nicht so geplant, sind einfach zufällig gerade zusammengekommen und anstatt gemütlich Kaffee zu trinken machen sie sich dran, meinen Dreck zu beseitigen. Und versprechen, wieder zu kommen.

Ich habe mich noch kaum von meinem freudigen Schrecken erholt, da klingelt das Telefon und Schwester Nummer drei bietet an, morgen die kleineren Kinder durch den Wald zu jagen, wenn die grösseren aus dem Haus sind. Etwas später gehe ich kurz ins Büro, um eine Kleinigkeit zu erledigen und als ich zurückkomme, ist der Einkauf, den ich diese Woche habe liefern lassen, fein säuberlich verstaut. Wieder Karlsson, Luise und meine Mutter. Eine WC-Pause später hat sich Karlsson bereits an den Herd gestellt, um das Abendessen vorzubereiten. Luise versucht derweilen, ihrem grossen Bruder beizubringen, dass er einen kleinen Mist gebaut hat: „Ich möchte jetzt wirklich nicht mit dir streiten, Karlsson, aber das war nicht besonders schlau von dir, was du vorhin gemacht hast…“ Ist dies das gleiche Mädchen, das ich jeweils wegen seiner verletzenden Worte zurechtweisen muss? Als ich glaube, dass es besser nicht kommen könnte, bekomme ich noch einen Anruf, mit dem mir eine weiterer gewaltiger Stein vom Herzen fällt.

Ich denke zurück an den vergangenen Samstag, als ich auf meiner einsamen, verregneten Heimfahrt aus dem Tessin nur noch lauter Berge vor mir sah und zwar nicht nur St. Gotthard & Co. „Warum immer wir?“, klagte ich. „Warum ausgerechnet jetzt, wo ich ohnehin am Ende meiner Kräfte bin?“ Als ich „Meinen“ am Montag zitternd und schwankend in die Ambulanz einsteigen sah, fühlte ich mich einsamer als je zuvor. Wie sollte ich das Ganze ohne ihn schaffen, wo wir doch zu zweit schon an unsere Grenzen stossen?

Heute habe ich erfahren, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Ich bin umgeben von Menschen, die alle ihre eigenen Grenzerfahrungen gemacht haben und die darum um meine Überforderung wissen. Menschen, vor denen ich mich nicht zu schämen brauche, auch wenn ich beim Anblick unseres derzeitigem Durcheinanders vor lauter Scham im Boden versinken könnte. Ja, es war mir unendlich peinlich, dass sie mein Chaos in all seiner Pracht gesehen haben und doch habe ich heute seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal richtig aufgeatmet.

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Und schon wieder eine Hürde…

Seit gestern Morgen ist „Meiner“ im Spital. Fit war er schon seit längerer Zeit nicht mehr, dann aber kamen das hohe Fieber, die wirren Sätze und schliesslich die Ambulanz, die ihn ins Spital brachte. Nach einigen bangen Stunden des Wartens endlich der erlösende Bescheid, dass es zwar schlimm ist, aber nicht so schlimm, wie man insgeheim stets fürchtet, auch wenn man es natürlich nie und nimmer offen ausspricht. Aus Angst, dass es eintreffen könnte, wenn man es ausspricht? Oder weil man denkt, man könnte sich lächerlich machen? Ich weiss es nicht. Auf alle Fälle atmete ich auf, als endlich der erlösende Anruf kam. Seither leben wir einmal mehr irgendwo zwischen Familienchaos und Spitalzimmer, getragen von einem dichten Netz aus Verwandten, Freunden und Bekannten. Nicht gerade das, wovon man träumt, wenn man im weissen Kleid vor dem Altar steht, aber immerhin erlebt man einmal mehr, dass man nicht alleine ist.

Tagsüber geht’s ja auch ganz gut. Die Kinder halten mich auf Trab, das Telefon klingelt mehr als gewöhnlich und zwischendurch bekommt sogar der Haushalt ein wenig Zuwendung. Abends aber, wenn alles still wird und nur noch die Katzen und ich auf dem Sofa sitzen, dann kommen die Ängste angeschlichen. „Was, wenn die ganze Sache doch gefährlicher ist, als du dir weismachen willst?“, raunen sie mir zu. „Hast du denn nicht bemerkt, dass ‚Deiner‘ heute Abend wieder so schwach war und kaum essen mochte?“ „Bist du dir sicher, dass du den Ärzten trauen kannst? Immerhin haben sie ‚Deinen‘ nicht ins Spital deines Vertrauens gebracht…“

Solange alles hell und lebhaft ist, kann ich mir einreden, dass alles fast genau so ist wie immer. Wenn ich bei „Meinem“ am Krankenbett sitze und mit eigenen Augen sehen kann, dass es ihm zwar nicht gut, aber immerhin schon etwas besser als gestern geht, dann glaube ich, dass alles wieder gut kommt. Wenn aber die Tageszeit kommt, die wir gewöhnlich miteinander oder zumindest nebeneinander verbringen, dann spüre ich, wie verloren ich mich fühle ohne den Mann, der zwar nicht perfekt, aber dennoch der Mann meines Lebens ist.

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Gebrauchsanweisung

Unsere Firma verwendet die grösste Sorgfalt darauf, Ihnen ein einmaliges, auf Sie persönlich zugeschnittenes Leben zur Verfügung zu stellen. Wir achten darauf, Ihnen die perfekte Mischung aus Glück, Ernst, Spannung, Freuden, Schicksalsschlägen, Liebe, Erfolgen, Krankheiten, Tiefschlägen und vielen weiteren Komponenten zusammenzustellen. Wir garantieren Ihnen, dass Sie von uns ein Unikat bekommen, das kein anderer Mensch auf dieser Welt je besessen hat oder besitzen wird.

Bei sachgemässem Gebrauch werden Sie an Ihrem Leben lange Freude haben, wie lange dies sein wird, können Sie aber nur bis zu einem bestimmten Grad beeinflussen. Für einen reibungslosen Ablauf hilft es, wenn Sie Ihr Leben immer wieder mit viel Liebe, Sorgfalt und Freude pflegen. Leider können wir Ihnen aber auch dann nicht garantieren, dass es frei von Störungen, Stillständen und Defekten sein wird. Trotz unserer Bemühungen ist es uns bis anhin nicht gelungen, ein automatisches „Happily ever after“ einzubauen.

Bei Nichtgefallen besteht kein Anrecht auf Umtausch, Ersatz oder Rückerstattung; in unserem Sortiment bieten wir Ihnen aber eine Vielzahl von Möglichkeiten, Ihr Leben glücklicher zu gestalten. Für Defekte, die auf unsachgemässen Gebrauch Ihres Lebens zurückzuführen sind, übernehmen wir keine Verantwortung. Dennoch werden unsere Experten alles dran setzen, entstandene Mängel zu beheben.

Sie sind der alleinige Lizenznehmer für Ihr Leben, achten Sie also drauf, dass Unberechtigte sich keinen Zugang zur Steuerung verschaffen können. Geben Sie Passwörter und Zugangsschlüssel nur an vertrauenswürdige Personen weiter, richten Sie aber auch Bereiche ein, die einer Vielzahl von Menschen offen stehen.

Wir wünschen Ihnen viel Freude mit Ihrem Leben. Bei Fragen und Problemen wenden Sie sich an den Hersteller.

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Erstklassig

Heute also zurück nach Mendrisio. Diesmal im Zug, erste Klasse. Hat mir der Herr von der Versicherung erlaubt, vermutlich aus schlechtem Gewissen, weil wir das Ersatzauto bereits nach 24 Stunden wieder abgeben mussten. Ich habe dankend angenommen, als kleine Entschädigung für meinen missratenen Geburtstag. Bin zwar nicht gegen missratene Geburtstage versichert, aber wenn sie mich dafür entschädigen wollen, greife ich lieber mit beiden Händen zu. Beim nächsten Schadenfall werden sie nämlich wieder sagen, exakt für diesen Fall seien sie leider nicht zuständig. „Wenn Sie den Schaden nur ein kleines bisschen anders organisiert hätten, dann ja, aber so kann man leider nichts machen.“

Da sitze ich nun also im fast leeren Abteil der ersten Klasse und geniesse die Ruhe. Nun ja, der Kerl hinter mir dürfte ruhig etwas leiser in seiner Zeitung blättern – hat der noch nie etwas von iPads gehört? – aber wer samstags gewöhnlich durch einen Chor von „Mama, sag Karlsson, er soll aufhören!“, „Mama, wann machst du mir endlich Kakao? Ich warte schon lange.“ und „Mama, der Zoowärter hat mir den Baby-Dino weggenommen.“ geweckt wird, sollte sich über solche Kleinigkeiten nicht beklagen. Und einem geschenkten Gaul schaut man ohnehin nicht ins Maul. Auch nicht, wenn er morgens um Viertel vor sechs angetrabt kommt, weil die Autogarage in Mendrisio um halb zwölf schliesst und es nun mal eine Weile dauert von hier bis nach Mendrisio.

Ich bin fest entschlossen, diese Fahrt bis zum letzten Augenblick auszukosten, denn die Heimfahrt wird vermutlich weniger gemütlich, wo zu erwarten ist, dass heute so ziemlich jeder, der etwas auf sich gibt, von Süden nach Norden fahren wird. Ich hoffe bloss, dass mir beim nächsten Umsteigen ein wenig Zeit bleibt, Frühstück zu besorgen. Ansonsten könnte schon die Hinfahrt ziemlich ungemütlich werden.

Da fällt mir ein, dass ich gar nie darüber berichtet habe, wie wir am Ende doch noch nach Hause gefunden haben, aber das hat zwei gute Gründe. Erstens möchte ich unserem netten Pannenhelfer nicht die Polizei auf den Hals hetzen, denn was in den Augen des Italienischen Pannendienstes noch erlaubt war, ist in der Schweiz offenbar streng verboten. Aber die vom Italienischen Pannendienst sind nach Aussage des Schweizer Pannenhelfers – der übrigens auch Italiener war – ohnehin lauter „Coglioni“, „Stronzi“ und „Cazzi“, doch weil das hier eine jugendfreie Seite ist, gehen wir auf dieses Thema nicht näher ein. Zweitens möchte ich diesen elenden Geburtstag so schnell als möglich vergessen. Dass er mich ein Jahr näher an die Vierzig gerückt hat, ist schon schlimm genug.

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Lieblingsgeräusche

 Wenn der Deckel des Einmachglases knackt und mir damit klar und deutlich mitteilt, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.

Das Schnurren der Katze, wenn kein Mensch sie berührt hat und sie es trotzdem nicht lassen kann. Einfach schnurren aus lauter Zufriedenheit, das muss man erst mal können.

Prinzchengesang in allen Lebenslagen, sei es beim Treppensteigen, morgens nach dem Aufwachen, beim Spielen – einfach immer und überall. Einfach nicht beim Essen, wenn ich bitten darf.

Das Schwingen der Waschmaschine, wenn ich weiss, dass es die letzte Ladung eines gigantischen Wäschebergs ist, die trockene Wäsche sauber gefaltet ist und am Wäscheständer noch Platz ist für die nassen Stücke. Kommt pro Jahr vielleicht drei- oder viermal vor.

Das wohlige Geräusch, das Kinder und Gäste von sich geben, wenn das, was ich gekocht habe, besser ist, als das Rezept hätte vermuten lassen.

Die Stimme des FeuerwehrRitterRömerPiraten, wenn er seinen kleinen Brüdern eine Geschichte vorliest.

Das Brabbeln eines sehr kleinen Babys. Wenn das nicht zu haben ist, gebe ich mich auch mit dem hungrigen Schreien eines Säuglings zufrieden. Zumindest, solange jemand in der Nähe ist, der das arme Kindchen füttern kann, bevor ich einen Milcheinschuss habe.

Die Tastatur, wenn der Text nur so aus den Fingern fliesst.

Das Knallen der Türe, aber nur, wenn die Wut gross genug ist und vor allem nur, wenn ich diejenige bin, die die Tür knallt. Aus gutem Grund, versteht sich.

Hummelgesumm. Alle anderen Insekten summen irgendwie nervtötend, aber Hummeln… einfach himmlisch.

Der letzte Ton, den die Motorsäge von sich gibt, ehe sie auf immer und ewig verstummt. Das gleiche gilt für Rasenmäher, Holzspaltmaschinen, Pressluftbohrer und Zithern – nicht aber für himmelblaue Autos, wenn sie in Varese auf einer Ausfahrtsstrasse stehenbleiben.

Wenn „Meiner“ lacht. So richtig. Wie damals, als er noch siebzehn war.

Und dann natürlich das hier, aber streng genommen gehört das wohl nicht in die Kategorie „Geräusche“.

Adieu, meine geliebten Tomaten

Es war ein schmerzhafter Moment, als ich gestern meine Tomatenpflanzen ausriss, nachdem ich die letzten, noch grünen, Früchte geerntet hatte. Tagelang hatte ich die Aufgabe vor mir hergeschoben, hatte gehofft, dass die Sonne vielleicht doch noch einmal so tut, als wäre es Sommer, aber irgendwann musste ich tun, was getan werden musste. Ein wenig Melancholie ist wohl immer dabei, wenn der Herbst allmählich grauer wird und einem unweigerlich bewusst wird, dass die sonnigen Tage gezählt sind, zumindest für ziemlich lange Zeit. Der Gedanke, dass zwischen dem Ausreissen der liebevoll gehätschelten Pflanze und dem Anpflanzen eines neuen Setzlings lange, dunkle Monate liegen, hat wohl für viele Menschen etwas Bedrückendes an sich. So bedrückend wie dieses Jahr war es für mich aber noch nie. 

Es waren ja auch keine gewöhnlichen Tomatenpflanzen, die ich da in den Grünabfall-Container beförderte, es waren meine Therapiepflanzen, von denen ich Abschied nehmen musste. Sie waren es, zu denen ich mich flüchtete, wenn ich das Gezanke der Kinder nicht mehr länger ertragen konnte, bei ihnen schnappte ich frische Luft, wenn ich mal wieder einen Käfer erwischt hatte und es nicht mehr länger im Bett aushalten konnte, bei ihnen heulte ich mich aus, als ich eine Reihe von Enttäuschungen zu verarbeiten hatte. Sie waren es aber auch, die mir immer wieder kleine Freuden bescherten. Ihr üppiges Wachstum, der Duft an den Händen, nachdem ich sie hochgebunden hatte, der Ansturm der Kinder, wenn ich ein paar besonders schöne Exemplare gepflückt hatte. Es mag ein trübes Licht auf meinen derzeitigen Zustand werfen wenn ich sage, dass diese Tomatenpflanzen der Lichtblick meines Sommers waren – aber so war es nun mal. 

Jetzt also sind sie weg, die letzten Früchte sind zu Konfitüre verarbeitet und mir bleibt nichts, als mich zu verwünschen, weil ich mir keinen standhafteren Garten-Therapeuten zugelegt habe. Hätte ich, wie Rose aus dem Comic, einen „let things be tree“, dann müsste ich jetzt nicht nicht weinerlich am Computer sitzen, sondern könnte draussen im Garten stehen und jammern.

Halt auf Verlangen

Und wieder stehen wir an dem Punkt, an dem wir doch eigentlich schon längst nicht mehr stehen möchten. Wieder fragen wir uns, wie wir die Balance hinkriegen sollen zwischen Familie, Berufsarbeit und Haushalt und zwar möglichst so, dass beide mit der Aufteilung glücklich sind. Und die Kinder auch. Und das Budget auch. Und überhaupt alle, die irgendwie davon betroffen sind, wie wir unser Leben gestalten.

Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass man sich hin und wieder der Frage stellen muss, wie es im Leben weitergehen soll. Die Gefahr, einzurosten und stehenzubleiben ist bestimmt geringer, wenn das Leben nicht nach einem ausgefeilten Plan abläuft, den es strikte zu befolgen gilt. Zuweilen aber überkommt mich diese unglaubliche Müdigkeit, weil bei uns nur selten etwas nach Plan läuft. Klar, unser Leben ist dadurch ziemlich bunt, spontan und abwechslungsreich, aber eben auch ermüdend, weil wir noch kaum einmal Zeiten hatten, in denen wir sagen konnten: „So ist es für diese Lebensphase gut, so fahren wir jetzt mal eine Zeit lang weiter, ehe wir die Weichen wieder neu stellen.“

Nein, ich möchte nicht von nun an bis zur Pensionierung alles immer gleich haben, ich bilde mir auch nicht ein, dass „Meiner“ und ich glücklich wären mit einem Leben, in dem alles stets überschaubar bleibt. Aber ich hätte gar nichts dagegen, mal an einer Zwischenstation ankommen und etwas länger verweilen zu dürfen.

Hätte ich es ihr sagen sollen?

Sie macht es exakt wie ich damals, investiert ihr gesamtes Erspartes in Spielsachen, die sie schon sehr bald nicht mehr interessant finden wird. Jetzt, wo ihre kleinen Geschwister endlich nicht mehr alles zerstören, möchte sie noch einmal ganz neu anfangen, mit einem wunderschönen Puppenhaus, mit neuen Bewohnern, die noch alle Haare auf dem Kopf haben, mit Möbeln, wie man sie gerne im eigenen Wohnzimmer stehen hätte.

Sie will noch einmal richtig Kind sein, bevor es zu spät ist dazu. Ich kenne das Gefühl, empfand einst genau das Gleiche, auch wenn meine Spielsachen neu sein mussten, weil von den grossen Geschwistern nichts Anständiges mehr übrig war. Bei ihr waren es die kleinen Geschwister, die ihre heilen Welten nicht unberührt lassen wollten. Sie ahnt wohl, dass sie an der Schwelle zu etwas Neuem steht, die ersten Anzeichen sind da. Wenn die Eltern bezahlen, müssen die Dinge bereits cool sein, nicht mehr romantisch und verspielt, als Souvenir will sie keine Teddybären mehr, sondern Nagellack. Mit ihrem eigenen Geld lässt sie aber lieber Kinderträume wahr werden. Die lassen sich jetzt endlich verwirklichen, weil das Taschengeld höher ist und die Geburtstagsgeschenke von Verwandten immer öfter in Form von Bargeld überreicht werden.

Hätte ich ihr sagen sollen, dass das Puppenhaus für sie wohl schon bald nicht mehr interessant sein wird, dass sie es vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft auf den Estrich räumen wird? Ich weiss ja, dass es zumindest vorübergehend so sein wird; bei mir und meinen Geschwistern war es auch nicht anders. Ich habe nichts gesagt. Nicht nur, weil ich ihr die Freude nicht nehmen wollte, sondern auch, weil es so unglaublich schön war, mit ihr zusammen Mädchenträume wahr werden zu lassen. Wie habe ich es doch genossen, mit ihr auf dem Boden zu kauern, Wände aufzubauen, Fenster einzusetzen und Blumenschmuck anzubringen. Nur einen erwachsenen Rat habe ich ihr gegeben: Dass sie Sorge tragen soll zu dem Haus, damit sie eines Tages, wenn sie mit ihren eigenen Kindern das Haus aufbaut – vielleicht auch mit ihren Neffen und Nichten -, noch einmal Kind sein kann. So, wie ich heute mit ihr Kind sein durfte.

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Geburtstagsüberraschung

Okay, zumindest kann ich damit prahlen, dass ich am Steuer sitzend bloggen kann. Eine positive Sache an meinem rundum missratenen 38. Geburtstag. Angefangen hatte er zwar noch ganz nett mit Cornetti alla Crema und Cappuccino, aber von daher ging es nur noch bergab. Zuerst einmal vom Piemont in die Poebene, aber das war noch nicht das Schlimmste. Auch als das Auto kurz vor Varese zehn Minuten keinen Wank mehr tat, war der Tiefpunkt noch nicht erreicht. Der kam erst, als wir nach einer hektischen Mittagspause in einem überlauten Shoppingcenter und fünf Minuten Fahrt gar nicht mehr vom Fleck kamen. Nichts mehr ging, nicht einmal mehr der Warnblinker, der die anderen Autofahrer darauf aufmerksam gemacht hätte, dass wir nicht zu unserem reinen Vergnügen händeringend am Strassenrand stehen. Dazu das verzweifelte Warten auf den Italienischen Pannendienst, der mir versprochen hatte, in „venti Minuti, massimo trenta“ bei uns zu sein. Es wurden dann gut siebenmal venti Minuti, dazwischen mehrere verzweifelte Versuche, das Handy mit neuem Guthaben aufzuladen, damit wir zumindest wieder erreichbar waren. Nun also sitzen wir sehr zum Vergnügen unserer drei grossen Kinder im Auto und lassen uns vom Italienischen Pannendienst in die Schweiz transportieren, wo uns dann der Schweizer Pannendienst in Empfang nehmen soll.

Zwei Dinge habe ich an diesem elenden Tag erkannt:
1. Ich bin im Moment nicht in der Verfassung, solche Erlebnisse mit Humor zu ertragen, sondern nur noch unter Tränen.
2. Der Gotthard war wohl mein kleinstes Problem auf dieser Reise.

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