Wenn bloss die blöden Kieselsteine nicht wären…

Es sind nicht die grossen Brocken im Leben, die mir derzeit am meisten zu schaffen machen. Ich kann damit leben, dass es noch mehrere Wochen bis Monate dauern kann, bis „Meiner“ sich von seiner Krankheit erholt hat. Hauptsache, er kommt wieder auf die Beine und die Aussichten dafür sind gut. Natürlich treibt es mich an die Grenzen, dass die Hauptlast für Kinder und Haushalt in diesen Wochen auf meinen Schultern lastet, aber irgendwann haben wir ja gesagt zu „in guten wie in schlechten Tagen“ und „Meiner“ hat ja auch schon oft für mich geschleppt. Ich kann es verkraften, dass ich zu ausgelaugt bin für einen neuen Job. Klar, ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich endlich wieder energiegeladen aus dem Bett springen werde, aber bis dahin nehme ich das Leben so ruhig wie das eben möglich ist.

Oder versuche es zumindest und genau da liegt das Problem: Mit den grossen Brocken wäre ich genügend ausgelastet und darum würde ich zu gerne auf die lästigen Kieselsteine verzichten, die in meinen Schuhen drücken. Die Flöhe, die sich ausgerechnet jetzt auf unseren Katzen niederlassen müssen und deren Bekämpfung viel Zeit erfordert. Die Panne beim Online-Banking, die mich dazu zwingt, die Rechnungen am Postschalter zu begleichen und eine neue „Smart Card“ zu organisieren. Der Geschirrspüler, der mal wieder nicht will, wie er sollte. Der heruntergerissene Duschvorhang, den ich erst dann wieder aufhängen kann, wenn ich die richtigen Ringe aufgetrieben habe. Prinzchens Weigerung, etwas anderes als grüne Hosen anzuziehen, wodurch jedes An- und Umziehen zum Machtkampf ausartet. Die Mandarinenschalen, welche die Kinder überall liegen lassen. Der Katzenkot hinter der Spielzeugkiste. Der Anruf, der genau dann kommt, wenn ich endlich mal auf dem Sofa liege. Der Autoschlüssel, der nicht dort ist, wo er sein sollte…

Lauter kleine Banalitäten, an die ich nicht mehr als einen Gedanken verschwenden sollte und die in diesen Tagen doch so oft dazu führen, dass ich laut werde. Nichtigkeiten, keiner Beachtung Wert und doch oft so gewichtig, dass meine Laune – und meine Familie – darunter leidet. Ich möchte mich nicht darüber aufregen und schaffe es doch nicht, cool zu bleiben. Vielleicht rauben mir die grossen Brocken doch mehr Energie, als ich wahrhaben möchte.

 

Brave Kinderchen

Die Kinder von heute geniessen im Allgemeinen nicht den besten Ruf, vor allem nicht am 31. Oktober. Man berichtet von rohen Eiern, die gegen Hauswände fliegen, Nachtlärm und gemeinen Lausbubenstreichen. Weil ich weiss, dass das nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, konnte ich ein mitleidiges Lächeln nicht unterdrücken, als Karlsson kurz vor dem Eindunkeln den folgenden Hinweis an die Eingangstüre hängte: „Bitte nicht stören, wir sind krank. Der Inhaber“

„Damit machen wir uns doch nur lächerlich“, wandte ich ein. „Darauf nimmt doch keiner Rücksicht.“ Doch Karlsson liess sich nicht beirren. Keiner sollte es wagen, die Kranken im Hause zu belästigen. Und siehe da, die Bitte wurde ernst genommen. Kein einziges Kind brachte es übers Herz, die leidenden Vendittis zu stören, dabei hätte mein Süssigkeitenvorrat für das halbe Dorf gereicht. Einige wagten sich zwar in den Hauseingang, aber nachdem sie das Schild gelesen hatten, zogen sie brav wieder ab. Sentimental, wie ich nun mal bin, war ich ob dieser Rücksichtnahme so gerührt, dass ich einer Kindergruppe hinterherrief, sie sollten doch bitte warten, damit ich ihnen etwas mitgeben könne. Folgsam, wie die Kinder von heute nun mal sind, warteten sie, aber ich glaube, sie fürchteten sich fast ein wenig vor dieser Irren, die ihnen in der Dunkelheit Süssigkeiten aufdrängen wollte.

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Höhlenträume

Wenn die Geschirr- und Wäscheberge die Sicht auf den Feierabend versperren….
Wenn man trotz Putzfrauenbesuch schon wieder über die Spielsachen stolpert…
Wenn der ganze Bürokram, mit dem man in einem durchschnittlichen Privathaushalt schon bald eine Teilzeit-Sekretärin beschäftigen könnte, wieder einmal liegen bleibt….
Wenn man aus dem Altpapier eines einzigen Tages Isoliermaterial für ein ganzes Haus herstellen könnte….
Wenn die Kindergeburtstagswünsche ins Unermessliche steigen….
Wenn der Kater das Katzenfutter verschmäht, weil die Speisereste so viel besser schmecken….
Wenn das Telefon andauernd klingelt….
Wenn zum vierten Mal am Tag jemand wegen einer Nichtigkeit an der Türe steht….
Wenn schon wieder ein Lattenrost den Geist aufgibt….
Wenn die Zeitungslektüre mal wieder nur Sorgenfalten auslöst….

…. dann denke ich jeweils, eine sichere Höhle mit ein paar Fellen und einem warmen Herdfeuer hätte auch gereicht. Okay, vielleicht noch eine Badewanne und eine gut sortierte Hausbibliothek dazu, aber den Rest hätte man sich doch wirklich schenken können.

Ja, ich weiss, WLAN und iPad fehlen noch, aber tun wir mal so, als könnte ich noch ohne… Ich meine, WLAN in einer Höhle, sowas geht nun mal einfach nicht. Man stelle sich nur mal vor, wie schlecht die Verbindung dort wäre.

 

 

Was soll das?

Meine sehr verehrten Wettermacher

Mit diesem Schreiben möchte ich meine tiefste Enttäuschung ausdrücken. Bis anhin hatte ich stets geglaubt, Sie hätten mit Kommerz nichts am Hut. Immerhin scheren Sie sich einen Dreck darum, ob das Wetter im Süden an Ostern schön ist, ob das Open Air-Kino verregnet wird, ob die Skipisten schneefrei bleiben. Diese standhafte Unabhängigkeit vom grossen Geld habe ich stets bewundert.

Und nun dies. Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass die Läden schon seit Wochen vollgestopft sind mit dem ganzen Weihachtskram. Mit Ihrem verfrühten Schneegestöber haben Sie die den Kindern vorgegaukelt, es würde jetzt dann gleich losgehen mit der Bescherung. Im Gegensatz zu uns desillusionierten Erwachsenen glauben die lieben Kinderlein nämlich noch an das Märchen von weissen Weihnachten.

Ausbaden müssen das einmal mehr wir Eltern. „Nein, lieber Zoowärter, der Samichlaus kommt noch lange nicht.“ „Nein, Prinzchen, wir stellen den Tannenbaum nicht gleich nach deinem Geburtstag auf.“ „Ja, Luise, dir bleibt noch genug Zeit, einen Wunschzettel zusammenzustellen.“ „Ach, FeuerwehrRitterRömerPirat, muss ich denn wirklich jetzt schon Jingle Bells vorsingen?“ Wissen Sie denn nicht, wie anstrengend es ist, bereits Wochen vor Weihnachten nur noch ein einziges halbwegs vernünftiges Kind im Haus zu haben? Das Ganze auch noch kurz vor Vollmond.

Sie verstehen also, meine verehrten Wettermacher, dass ich von Ihrer Anbiederung an die Geschäftemacher nichts halte. Als Wiedergutmachung erwarte ich von Ihnen, dass Sie uns für den Rest der kalten Jahreszeit einschneien. Nach diesem Wochenende brauche ich ganz dringend einen Winterschlaf.

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Karlsson hat nie…

Karlsson hat nie wissen wollen, warum wir bei Halloween nicht mitmachen. Er hat es einfach akzeptiert, dass der Brauch uns nichts sagt.

Karlsson hat nie den Wunsch geäussert, regelmässig eine Vorabendserie schauen zu dürfen.

Karlsson hat sich mit neun keinen iPod gewünscht.

Karlsson hat sich nie darüber beschwert, dass wir uns keine ausgedehnten USA-Ferien leisten können.

Karlsson hat stets klaglos akzeptiert, dass bei uns gewisse Dinge anders sind als bei anderen.

Karlsson fand es ganz okay, dass wir den Kindergeburtstag zu Hause feiern und nicht an dem wohlbekannten Ort mit Rundum-Bespassung.

Karlsson hatte kein Problem damit, dass ich viel von dem Weihnachtsklimbim, den sie dir im Oktober schon nachwerfen, links liegen lasse.

Karlsson liessen Monster, Ninjas und Star Wars kalt.

Heute konfrontieren uns Karlssons Geschwister mit all diesen und vielen weiteren Wünschen. Und ich frage mich, ob Karlsson wirklich so genügsam war, oder ob er einfach nicht den Mut hatte, zu wünschen, was die Jüngeren zuweilen fast schon fordern.

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Auf die Plätze, fertig….

Der Startschuss in die diesjährige Käfer-Saison ist gefallen. Zu Beginn sah es ganz danach aus, als würde der FeuerwehrRitterRömerPirat allen anderen die Show stehlen. Doch dann entpuppte sich das, was wir als erste Anzeichen einer ausgewachsenen Erkältung ansahen, als Fehlstart. Ein steifer Hals, ein Hauch von Müdigkeit und das war’s dann auch schon. Während sich aller Augen noch auf den FeuerwehrRitterRömerPiraten richteten, machte sich das Prinzchen heimlich in die Startlöcher. Und siehe da, der Jüngste zeigt den anderen, wo es lang geht. Mit Fieber, Triefnase und schlechten Träumen zieht er an allen anderen vorbei. Karlsson, Luise und der Zoowärter, die bisher noch auf den Zuschauerrängen sitzen, reagieren ganz unterschiedlich auf den Erfolg ihres jüngsten Bruders. Während Luise ihn mit „Komm schon, Prinzchen, du schaffst das. Bald bist du am Ziel“, anfeuert, lässt der Zoowärter kein gutes Haar an Prinzchens Auftritt. Zu quengelig, zu nervig, zu wenig lustig. Karlsson hingegen scheint noch gar nicht bemerkt zu haben, dass das Rennen begonnen hat. Sein einziges Ziel ist derzeit ein gelungener Übertritt an die Oberstufe, da hat man keine Zeit für diese läppischen Käfer. Ich hingegen beobachte mit Spannung, was auf der Käfer-Rennbahn abgeht und weil der Wettlauf so viel aufregender ist als das Zuschauen, laufe ich mich schon mal mit Ohrensausen und einem Hauch von Schnupfen warm.

„Meiner“ läuft dieses Jahr ausser Konkurrenz. Es dürfte schwierig sein, mit den gewöhnlichen Feld-Wald-und Wiesenkäfern die gleiche Leistung hinzukriegen wie er. Und ich gehe nicht davon aus, dass ihm einer von uns den Titel als „König der Käfer“ vergönnt.

Dranbleiben

Heute Abend sind der innere Schweinehund und die brave Hausfrau mal wieder tüchtig aneinander geraten:

Innerer Schweinehund: „Ich mach dann mal Feierabend für heute. Das bisschen Hausarbeit kann ruhig bis morgen liegen bleiben.“

Brave Hausfrau: „Nichts da! Das ist genau die Haltung, die dazu führt, dass die Geschirr- und Wäscheberge in den Himmel wachsen. Du bleibst jetzt hier und wir bringen die Sache hinter uns.“

Innerer Schweinehund: „Aber ich muss mich doch schonen…“

Brave Hausfrau: „Und du denkst natürlich, sich zu schonen bedeutet, alles liegen zu lassen, bis man einen ganzen Tag braucht, um das Zeug wieder wegzuschaffen?“

Innerer Schweinehund: „Na ja, so ähnlich. Ich würde natürlich nicht warten bis Samstag, aber morgen ist auch noch ein Tag. Und ich bin ja so schrecklich müde.“

Brave Hausfrau: „So what? Müde bin ich auch und schonen tut man sich am besten, indem man jeden Tag brav seine Pflicht tut. Kleine Schritte erhalten die Gesundheit…“

Innerer Schweinehund: „Willst du wohl endlich die Klappe halten? Wenn ich nur schon das Wort Pflicht höre wird mir übel. Ich leg‘ mich dann mal hin…“

Brave Hausfrau: „Genau das wirst du nicht tun. Wir gehen jetzt nach oben und hängen die nasse Wäsche auf. Dann noch den Geschirrspüler einräumen, den Tisch sauber machen und die Grünabfälle entsorgen. In zwanzig Minuten sind wir fertig.“

Innerer Schweinehund: „Und du glaubst wirklich, dass ich die zwanzig Minuten noch durchhalten kann? Ich bin seit sieben Uhr ohne Pause auf den Beinen…“

Brave Hausfrau: „Ich wäre schon seit halb sieben auf den Beinen, wenn du mich nicht mir Gewalt im Bett festgehalten hättest. Denk dir mal, was wir in dieser halben Stunde alles hätten schaffen können…“

Innerer Schweinehund (verdreht die Augen): „Oh ja, ich kann es mir lebhaft vorstellen. Dann würden meine Füsse noch etwas mehr weh tun und das Schädelbrummen wäre noch heftiger.“

Brave Hausfrau: „Schluss jetzt mit deinem Gejammer. Bringen wir die Sache hinter uns, dann gibt’s heute einen frühen Feierabend und wir kommen morgen früher aus den Federn.“

Innerer Schweinehund: „Aber wir können doch jetzt nicht arbeiten. Sollten wir nicht lieber mit ‚Meinem‘ plaudern? Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, möchte er bestimmt nicht, dass wir schon wieder anschleichen…“

Brave Hausfrau: „Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, sollten wir erst recht für Ordnung sorgen, sonst glaubt er noch, er müsse zum Besen greifen. Du ruinierst seine Gesundheit, wenn du dich weiter verweigerst.“

Innerer Schweinehund: „Okay, dann komme ich halt. Aber wundere dich nicht, wenn es morgen in der Zeitung heisst: ‚Innerer Schweinehund mit Moralkeule zu Tode geprügelt‘.“

Ich wollte nur mal fragen…

Glaubt mir, ich gehöre nicht zu der Sorte Menschen, die keinem trauen, der einen weissen Kittel und einen Doktortitel trägt. Im Gegenteil, ich vertrete standhaft die Meinung, dass Ärzte auch nur Menschen sind und darum denke ich nur Gutes von ihnen, solange sie nichts tun, um mein Misstrauen zu wecken. Zu dumm, dass nicht alle Herren Doktoren – meist sind es tatsächlich die männlichen Exemplare – daran interessiert sind, mein Vertrauen zu gewinnen. Ein paar  Beispiele gefällig?

Nun, da wäre mal der Moment, als Mama Venditti zum iPad griff, um ganz sachte per Mail nachzufragen, weshalb man sie denn nie darüber informiert habe, in welches Spital der Herr Gemahl gebracht worden sei und welche Diagnose man ihm gestellt habe. Das alles musste der fiebernde Patient seiner Frau nämlich selber mitteilen, mit der Einschränkung, dass viele Details die Hitze des Fiebers nicht überstanden hatten. Die lapidare Antwort des Arztes auf die Anfrage: „Tut mir Leid, Frau Venditti, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Ihr Mann war ja ansprechbar und es gab keinen Anhaltspunkt dafür, dass er unseren Erklärungen nicht folgen konnte.“ Und ich unterbelichteter Laie hatte doch tatsächlich geglaubt, 40 Grad Fieber und zeitweilige Verwirrtheit könnten „Meinen“ daran hindern, die Erläuterungen der Ärzte zu verstehen. 

Oder nehmen wir das schüchterne Nachfragen, ob „Meiner“ vielleicht nicht allmählich etwas allzu mager werde. Aus reiner Neugierde natürlich, nicht weil ich mir Sorgen gemacht hätte, dass er drei Tage lang keinen Bissen bei sich behalten konnte und die Untergrenze für einen gesunden BMI gerade unterschritten hatte. Ob man ihm ein wenig Schonkost verabreichen könne, wollte ich wissen. Sein Magen habe momentan etwas Mühe mit Paniertem, Gebratenem & Co. „Ach, machen Sie sich darüber mal keine Sorgen, Frau Venditti. Ihr Mann wird dann schon wieder zu Kräften kommen. Das Erbrechen gehört eben dazu und der verminderte Appetit auch“, beruhigte man mich und deutete mir damit an, ich sollte mich aus der Sache raushalten. Eigenartig war bloss, dass man „Meinem“ ein Mittel gegen den Brechreiz verabreichte, kaum hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Und Schonkost war plötzlich auch zu haben.

Und jetzt also die Sache mit der Heimkehr. „Meiner“ sei nun wieder fit, um nach Hause zu kommen, beschied man uns. Was im Grunde genommen ganz nett ist, denn wir vermissen ihn ganz schrecklich. Zu dumm nur, dass nie zur Sprache kam, wie es denn nun weitergehen soll. Ich bin die Letzte, die bestreiten würde, dass es „Meinem“ bedeutend besser geht als vor einer Woche und ich bin wirklich dankbar dafür, dass die Ärzte sich seiner angenommen haben. Leider muss ich aber auch feststellen, dass da noch einiges auskuriert werden muss, bevor er den Herausforderungen des Alltags gewachsen ist. Also wieder nachhaken, wieder eine äusserst unbefriedigende Antwort: „Den Ärzten ist nichts aufgefallen. Vielleicht können Sie morgen vor dem Austritt noch ein paar Fragen stellen, heute hat ganz sicher niemand mehr Zeit.“ Schon wieder abgewimmelt, schon wieder kurz darauf die Meldung von „Meinem“, die Ärzte seien noch einmal bei ihm gewesen, hätten ihm erklärt, wo es noch Probleme gebe, worauf man achten müsse und in welchem Bereich allenfalls ein Spezialist beigezogen werden müsse. 

Allmählich fange ich an, die Sache persönlich zu nehmen, denn mit „Meinem“ scheinen sie offenbar ganz gerne zu reden. Aber der stellt auch keine dummen Fragen. Zum Fragen ist er nämlich viel zu müde. Und leider auch zu müde, um im Kopf zu behalten, was die Ärzte ihm erzählt haben.

Wie krank dürfen Eltern sein?

Blöde Frage, ich weiss. Wo doch jedes Zweijährige verstanden hat, dass richtige Eltern nie krank werden. Richtige Eltern bekommen bei der Geburt ihres ersten Kindes ein Superhelden-Kostüm geschenkt und von da an kann ihnen nichts und niemand mehr etwas anhaben, mögen die lieben Kleinen noch so viele Käfer aus Kita, Kindergarten und Karate-Unterricht mit nach Hause schleppen. Richtige Eltern kennen keinen Schmerz, keine Erschöpfung, keine Ansteckung, kein „Ich kann nicht mehr!“.

Ja, ich weiss, jetzt kommen wieder diese Einwände. „Wenn du wüsstest, wie schlimm das war, als ich diese schreckliche Grippe und keine Hilfe hatte.“ „Du hast ja keine Ahnung, wie lange ich unter meiner postnatalen Depression gelitten habe.“ „Du hättest meinen Mann erleben müssen, als er nach seiner schweren OP wieder nach Hause kam.“ Und dann kommt wohl noch der Einwand, „Meinen“ hätte es ja auch ziemlich übel erwischt.

Dazu kann ich bloss sagen, dass das alles pure Illusion ist. Kranke Eltern sind in unserem Gesundheitswesen nicht vorgesehen und darum gibt es sie auch nicht. Kranke Arbeitnehmer ja, kranke Sportler auch, kranke Manager und kranke Greise erst recht. Aber kranke Mütter und Väter? Nie davon gehört und darum kann es auch nicht sein, dass eine Mutter nach einer schweren Erkrankung eine Haushalthilfe bezahlt bekommt, ein Vater nach einer OP eine Kur. Die Familie als Hort der Glückseligkeit ist der beste Ort um zu genesen und wenn einer einwendet, bei all dem Lärm und Betrieb könne er unmöglich gesund werden, gehört ihm das Sorgerecht über seine Kinder entzogen. Wahre Eltern verfügen über eine eiserne Gesundheit – und wenn die trotzdem mal versagen sollte, steht ihnen eine Legion von Schwiegermüttern, Müttern, Freundinnen und Tanten zur Verfügung, die im Notfall einspringen. Wem das nicht reicht, dem ist nicht mehr zu helfen.

Neulich warf jemand die Frage auf, wie das mit den Partnern von Burn-out-Patienten sei. „Was geschieht eigentlich mit dem Elternteil, der zu Hause alleine den Laden schmeisst, die Kinder versorgt und sich darum kümmert, dass die Finanzen nicht aus dem Ruder laufen? Bekommt der auch Hilfe?“, fragte die Person. Ich nehme mal an, die Person wollte einen besonders lustigen Witz machen, denn sie glaubt ja wohl kaum im Ernst, dass so ein klitzekleines Burn-out-Syndrom einem mitbetroffenen Elternteil etwas anhaben könnte.

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Loslassen

Zuerst die Bekanntgabe, dass ich mein Ehrenamt nicht mehr weiterführe, dann mein Entschluss, den Job zu kündigen und heute schliesslich die Mitteilung, dass ich Gottesdienste erst wieder moderieren kann, wenn „Meiner“ ganz genesen ist. Allmählich leeren sich meine Hände, der Terminkalender weist immer öfter leere Felder auf.

Schon einmal war ich an diesem Punkt, auch damals nicht ganz freiwillig, aber doch mit leichterem Herzen als heute. Damals konnte ich aus den Händen geben, was ich ohnehin nicht mehr mit mir herumtragen wollte und darum fiel der Abschied leicht. Heute lasse ich Dinge los, die ich mit Leidenschaft getan habe. Der Moment dazu ist gekommen, das weiss ich, schmerzhaft ist es trotzdem.

Mein Feld ist abgeerntet, das Geerntete ist anderen zur Verarbeitung übergeben, der Boden liegt brach. Eine gute Sache, denn ohne Ruhezeit kann Neues nicht wachsen. Dennoch wirkt so ein leerer Acker trostlos und diese Trostlosigkeit ertrage ich nur schwer. Sogar ein von Unkraut überwuchertes Feld sieht ansprechender an als eine Brache, aber derzeit spriesst nicht mal mehr das Unkraut.

Ich weiss, dass es ohne diese Ruhezeit nicht geht und doch wünschte ich, ich wüsste schon, was als nächstes wachsen wird.

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