Basmati-Reis-Frau

Auf einer Autofahrt zu zweit entspann sich das folgende Gespräch zwischen Karlsson und mir:

Karlsson (scherzhaft): „Meine Kinder sollen mal keine Grossmutter haben, die stets bunt angezogen und fröhlich ist. Du brauchst dann mal eine grosse, runde Brille mit Goldrand, ein zweiteiliges Kostüm in dezenten Farben und eine Kurzhaarfrisur, die du dir jeden Freitag beim Coiffeur auffrischen lässt.“

Ich: „Ich fürchte, damit kann ich nicht dienen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich mich so grundlegend ändern werde.“

Karlsson: „Du meinst, du wirst dann immer noch gemusterte Thai-Hosen und bunte Blusen tragen?“

Ich: „Vermutlich schon, aber immerhin kann ich dir versprechen, dass ich nicht immer fröhlich sein werde. Ich kann ja auch heute schon anders. Aber mein Stil wird wohl mehr oder weniger gleich bleiben.“

Karlsson: „Na gut, dann weiss ich immerhin, worauf ich mich einstellen muss. Du wirst also so eine Frau sein mit wallenden, bunten Kleidern, langen Haaren und so…“

Ich: „Du meinst ein Hippie?“

Karlsson: „Nein, ich meine eine Basmati-Reis-Frau.“

Ich: „Eine Basmati-Reis-Frau? Was um Himmels Willen soll denn das sein?“

Karlsson: „Eben so eine Frau wie du: Weite Oberteile, riesige, farbenfrohe Hosen, Sandalen, viel Goldschmuck und so, die jeden Tag Basmati-Reis mit Curry isst.“

Ich: „Okay, gut, dann werde ich eben eine Basmati-Reis-Frau. Hauptsache, wir du versuchst nicht, mich zu verändern, denn Goldrand-Brille, Deux-Pièces und Kurzhaarfrisur kannst du bei mir glatt vergessen…“

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Übervorsichtig

Okay, dass die Italiener übervorsichtig sind, ist mir bekannt. Dass man Medikamente ausser Reichweite von Kindern aufbewahren soll, leuchtet aber selbst mir ein. Aber was um Himmels Willen kann schon passieren, wenn ich die Medikamente in Sichtweite von Kindern versorge? Aus Italienischer Sicht offenbar viel, denn der Warnhinweis auf der Packung sagt klar und deutlich, dass die Kinder das Medikament nicht mal sehen dürfen. Wie man das wohl anstellt, wenn man dem Kind eine Tablette verabreichen muss?

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Ich will auch so einen!

Ist ja klar, dass ich auch einen will, wenn in der Küche des Ferienhauses dieses wunderschöne Exemplar steht. Wuchtig, geschwungene Beine, goldene Knöpfe – ein Traum von einem Holzherd. Abends schnell ein paar trockene Holzscheite rein, einige Zeitungsseiten, ein Zündwürfel und schon prasselt das schönste Feuer. Morgen dann soll das Feuer den ganzen Tag brennen. Für Maroni, Holzofenbrot und vielleicht sonst noch etwas, was nach Gemütlichkeit klingt.

Genau das Richtige für eine Nostalgikerin, wie ich sie zu werden drohe. Kein Wunder also, dass ich mich sogleich bei Ricardo auf die Suche mache. Und natürlich auch fündig werde. Unter all den überteuerten Öfen finde ich einen, der geradezu für mich geschaffen zu sein scheint; weiss mit rosaroten Rosen drauf und obendrein erschwinglich. Da müsste man doch gleich bieten, nicht wahr?

Wenn bloss „Meiner“ nicht so sehr dagegen wäre. „Womit willst du den abholen? Wo sollen wir den hinstellen? Wie willst du das mit dem Kamin hinkriegen? Wie stellst du dir das mit dem Brandschutz vor?“ Lauter unsinnige Fragen, die mir die Freude an dem guten Stück rauben. Sieht er denn nicht, dass der Ofen nur darauf wartet, von mir ersteigert zu werden? Versteht er denn nicht, dass mein Leben so viel schöner wäre, wenn ich hin und wieder ein gemütliches Herdfeuer anzünden könnte?

Natürlich sieht er nicht ein, wie dringend ich diesen Ofen brauche, er weiss ja inzwischen, wie schnell ich für eine Sache Feuer fange…

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Doch nicht offline

Nein, ich habe mich nicht so heillos verfahren, dass ich heulend wieder nach Hause zurückgekehrt bin. Im Gegenteil, mit meinem einzigen kleinen Schnitzer kurz vor dem Ziel habe ich mich deutlich besser durchgeschlagen als „Meiner“, der sich in Milano heillos verfahren hat. Okay, er musste auch mit dem Mietauto den Weg aus der Innenstadt finden, währenddem ich dank GPS-Anna und Sonntagsverkehr fast blind in der Gegend herumkurven konnte.

Nein, ich bin auch nicht, kaum hier angekommen, in den nächsten Handy-Laden gestürmt, um mir Internetzugang zu verschaffen. Ich war wirklich voll und ganz auf eine Offline-Woche eingestellt und ich wage zu behaupten, dass ich sie ganz leidlich überstanden hätte.

Nein, Italien ist auch nicht über Nacht ein vollkommen anderes Land geworden mit WLAN im hintersten Winkel und so. Zum Glück auch nicht, eine gewisse Rückständigkeit sollte man sich auf alle Fälle bewahren, so lange es geht.

Tatsache ist, dass mir gestern nach der Ankunft jemand eine Italienische SIM-Karte in die Hand gedrückt hat und wo ich sie schon mal habe, kann ich sie ja auch für sinnvolle Zwecke einsetzen. Okay, vielleicht habt ihr euch auf die Schreibpause aus dem Hause Venditti gefreut. Kein Problem, dann tut einfach so, als würde hier nichts stehen und lest nächsten Samstag wieder weiter.

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Auf Wiederlesen

Falls hier in den kommenden Tagen einfach kein neuer Post auftauchen will,  dann ist dies nicht unbedingt als Beweis zu werten,  dass ich ein hoffnungsloser Fall bin. Es könnte zwar durchaus sein,  dass ich nichts von mir hören lasse,  weil ich irgendwo im hintersten Winkel Nordschwedens gelandet bin beim Versuch,  ins Piemont zu fahren,  aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross,  dass mein tagelanges Schweigen damit zusammenhängt,  dass wir im hintersten Winkel des Piemonts keinen Internetanschluss haben. So zumindest war es letztes Jahr und ich nehme nicht an,  dass sich in Italien in den vergangenen Monaten etwas grundlegend verändert hat.

Ach ja,  diesmal gibt’s auch keine Blog-Konserven.  Bei der ganzen Einkocherei in der Küche blieb einfach keine Zeit mehr,  die herumfliegenden Gedanken für Offline-Zeiten haltbar zu machen. Wir lesen uns am Samstag wieder,  falls ich nicht doch in Nordschweden lande…

To Do

  • „Meinen“ anschnauzen,  weil er für einmal nicht den perfekten Hausmann,  sondern den „ist mir doch egal,  wenn alles im Chaos ersäuft“-Ehemann gespielt hat
  • Dafür sorgen,  dass die männlichen Familienmitglieder nicht ohne Zahnpaste und Zahnbürsten nach Italien fahren
  • Alle männlichen Familienmitglieder morgens um sieben zum Bahnhof fahren,  damit sie den Zug nach Milano rechtzeitig erwischen
  • 3 Badezimmer putzen
  • 2 Küchen saubermachen
  • 4 Ladungen Wäsche waschen und aufhängen
  • Zahlreiche Kontrollanrufe an „Meinen“,  damit ich mir auch ganz sicher keine Sorgen um meine lieben Knöpfe machen muss
  • Unzählige Rechnungen bezahlen – Habe ich wirklich keine übersehen?
  • Euro besorgen
  • GPS befragen
  • „Meinen“ befragen,  ob ich morgen wirklich mit dem Auto nach Italien fahren soll
  • Schwiegermamma ver(un)sichern,  dass das schon irgendwie klappen wird
  • Kolumne schreiben
  • 4 mal den Geschirrspüler ein- und wieder ausräumen
  • 2 Kühlschränke putzen – Nein,  glaubt mir,  ihr wollt nicht wissen,  weshalb ich das unbedingt noch vor der Abreise tun musste.
  • So tun als ob ich Zeit hätte für ein Kaffeekränzchen mit Luise und Gast
  • Luise beibringen, dass ich bei diesem Sauwetter wirklich keine Lust habe,  mit ihr aufs Riesenrad zu gehen. Ist mir vollkommen egal,  dass das Ding auch bei Regen in Betrieb ist
  • Gottesdienstmoderation vorbereiten
  • 3 Tassen zerschlagen,  für einmal ganz ohne böse Absichten
  • Scherben von drei Tassen entsorgen
  • Unzählige Versuche,  Luise „Gregs Tagebuch“ zu entwinden,  damit ich endlich weiss,  warum sie das Buch nicht mehr aus den Händen gibt
  • Nur noch ganz kurz ein paar Minuten ins Büro gehen,  weil ich vor meinen Ferien noch eine klitzekleine Sache erledigen muss
  • Vor dem Schrank stehen und darauf warten,  bis der Koffer von selber rausfällt,  damit ich keinen Stuhl holen muss
  • Luise den „Ententanz“ vorsingen und danach erfolglos versuchen,  die Melodie wieder aus dem Ohr zu kriegen
  • Wach bleiben,  damit ich meine To Do-Liste bis zum bitteren Ende abarbeiten kann

Und ich grenzenlos naiver Mensch hatte doch tatsächlich geglaubt,  ich könnte mir heute einen netten Frauensamstag mit Luise gönnen…

Klassentreffen

Vier Jahre lang sah man sich fast täglich. Es waren die schwierigen Jahre, in denen man nicht mehr Kind und noch nicht jugendlich ist. Die Jahre, in denen man innert Sekunden von bester Freundin zu Lieblingsfeindin und wieder zurück wechselt. Die Jahre, in denen wohl keiner sich richtig gut und stark fühlt und doch jeder vorgibt, es zu sein. Die Jahre, in denen ein paar schlecht gewählte Worte einen in eine tiefe Lebenskrise stürzen können, vor allem, wenn diese Worte aus dem Mund der „grossen Liebe“ kommen. Die Jahre, in denen man zu dick, zu dünn, zu vollbusig, zu flachbrüstig, zu pickelig, zu klein, zu behaart, zu dumm, zu wohl behütet ist – einfach nie so, wie man eigentlich sein möchte. Die Jahre, die sich keiner zurückwünscht, wenn sie mal vorbei sind, die aber im Rückblick voll von herrlich skurrilen Erlebnissen sind.

Heute sieht man sich kaum mehr, vielleicht begegnet man sich mal zufällig, zu einigen wenigen hält man noch Kontakt, andere liest man hin und wieder auf Facebook. Man würde erwarten, dass diese Menschen einem über die Jahre vollkommen fremd geworden sind und doch fühlt man sich erstaunlich vertraut, wenn man mal wieder gemeinsam am Tisch sitzt. Gewisse Macken sind geblieben, Charakterzüge noch ausgeprägter, die meisten sind diejenigen geworden, die sie damals im Ansatz bereits waren, nur noch nicht ausgereift. Plötzlich sind sie wieder da, die alten Zeiten, nur viel besser, weil jeder sich fast ausschliesslich an das Gute erinnert und weil keiner mehr den Wunsch verspürt, den anderen fertigzumachen. (Was ja auch kein anständiger Erwachsener tun würde.) Wenn man sich nicht mehr alle Tage sieht, konzentriert man sich auf das Wesentliche, nämlich darauf, sich zu freuen, dass die Teenager, mit denen man die schwierigen Jahre durchgemacht hat, zu netten, glücklichen Erwachsenen geworden sind, mit denen man sich bestens unterhalten kann.

Erosion

Gestern bei der Dentalhygienikerin erfuhr ich, dass ich an Zahnerosion leide. „Eigenartig“, dachte ich. „Bis jetzt hiess es immer, wenn alle Leute Zähne hätten wie ich, wären die Zahnärzte arbeitslos und jetzt sollen die Dinger auf einmal erodieren. Aber was soll’s, meine Zähne werden auch nicht jünger.“ Ich hätte wohl zu viel Salat und Obst gegessen, meinte die Dentalhygienikerin und ich errötete, weil es ja wirklich stimmt, dass ich es einfach nicht schaffe, meine Finger von saftigen Pfirsichen und frischen Himbeeren zu lassen, obschon ich weiss, wie ungesund das Zeug ist. Oder bringe ich da etwas durcheinander? Nun, wie dem auch sei, die Dentalhygienikerin wusste, was zu tun ist. „Kennst du diese neue Zahnpaste gegen Zahnerosion schon?“, fragte sie und griff ins Regal mit den Gratismustern. „Das ist wirklich das Beste, was es derzeit auf dem Markt gibt. Ich geb dir doch gleich ein paar Tuben mit. Und Zahnspülung kannst du auch noch mitnehmen.“

Kaum zu Hause, probierte ich das scheusslich schmeckende Zeug aus. Beim Schrubben meiner Zähne las ich, was auf der Verpackung steht. Rund ein Drittel aller Schweizer würden an Zahnerosion leiden und darum sei es enorm wichtig, dass man die Zähne regelmässig mit dieser brandneuen Paste reinige, heisst es da. Wie gut, dass meine Dentalhygienikerin mich rechtzeitig gewarnt hat, bevor auch meine Zähne Opfer dieser neuen Volkskrankheit werden.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob die Zahnpaste erfunden wurde, um die neue Volkskrankheit Zahnerosion zu bekämpfen, oder ob die Zahnerosion erfunden wurde, um eine neue Zahnpaste unters Volk zu bringen.

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GPS-Albtraum

Die Reise nach Italien rückt allmählich näher und mir wird von Tag zu Tag ein wenig mulmiger, wenn ich daran denke, dass ich ganz alleine mit Luise – sie hat versprochen, mit mir zu kommen, wenn ich im Gegenzug verspreche, mich nicht zu verfahren – gen Süden fahren soll. Nun gut, Anna wir natürlich auch noch mit uns kommen, aber genau dies bereitet mir am meisten Sorgen. Anna, das ist die Stimme meiner Navigations-App und mir graut schon jetzt davor, wie wir zwei miteinander klarkommen sollen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie wir uns in die Haare geraten werden:

Anna: „Nach dreihundert Metern biegen Sie links ab auf Köllikerstrasse…“
Ich: „Na, hör mal, ich könnte hier ebenso gut geradeaus fahren. So gelange ich auch zur Autobahn.“
Anna: „Biegen Sie jetzt links ab auf Köllikerstrasse…“
Ich: „Das ist doch vollkommen idiotisch. Warum kann ich nicht die Oltnerstrasse nehmen? Die hat weniger Kurven.“
Luise: „Mama, hör auf Anna, bitte! Du verfährst dich bloss wieder.“
Ich: „Okay, obschon das wirklich keinen Sinn ergibt. Woher will die Zicke wissen, welches der schnellste Weg zur Autobahn ist?“
Anna: „Bei der nächsten Abzweigung halten Sie sich links.“
Ich: „Links? Du spinnst ja wohl. Mit der Strasse rechts bin ich viel besser vertraut…“
Luise: „Nein, Mama, links!“
Anna: „Ich habe gesagt ‚halten Sie sich links‘. Warum fahren Sie dann rechts?“
Ich: „Weil ich den Weg offenbar besser kenne als du!“
Anna: „Das ist ja wohl die Höhe. Keine kennt die Strassen besser als ich. Aber nun gut, Sie haben rechts gewählt, dann folgen Sie eben der Strasse geradeaus.“
Ich: „Na, endlich sind wir uns mal einig…“
Anna: „Nach dreihundert Metern biegen Sie links ab…“
Ich: „Hat die jetzt links oder rechts gesagt?“
Luise: „Äääähm, ich glaube rechts.“
Anna: „Biegen Sie jetzt links ab.“
Ich: „Links? Ich Idiot bin mal wieder rechts gefahren. Nun ja, hier kenne ich den Weg ja noch…“
Anna: „Warum in aller Welt fahren Sie schon wieder rechts? Ich hab‘ klar und deutlich links gesagt. Allmählich habe ich das Gefühl, dass Sie gar nicht ins Ausland fahren sollten, bei diesem eindeutigen Rechtsdrall.“
Ich: „Rechtsdrall? Hast du das gehört, Luise? Die unterstellt mir, ich sei rechts. Ausgerechnet ich, die ich links wähle seit ich das Stimmrecht habe. Der Tante werde ich es zeigen, von jetzt an fahre ich nur noch links.
Anna: „Biegen Sie jetzt rechts ab.“
Ich: „Du kannst mich mal! Ich fahre links. Glaub nicht, dass ich mir von dir noch etwas sagen lasse.“
Luise: „Mama, willst du nicht doch lieber auf Anna hören? Mich dünkt, wir fahren im Kreis herum.“
Ich: „Ach was, das wird schon. Wir schaffen es auch ohne Annas Hilfe nach Italien. Früher hatten die auch kein Navi. Komm, schalte doch bitte das iPad aus.“
Luise: „Okay, wie du willst.“
Anna: „Biegen Sie rec….“
Ich: „Herrlich, diese Ruhe. Komm, schlaf ein wenig, Luise.“
Eine Weile lang herrscht Stille im Auto.
Luise: „Mama, haben wir nicht eben die Grenze nach Deutschland überquert?“
Ich: „Deutschland? Das darf doch nicht wahr sein. Himmel, wozu hat man denn ein GPS, wenn es einem nicht mal sagen kann, wo Norden und wo Süden liegt?“

Gluckentest (nicht) bestanden

Okay, liebe Nachttänzer_innen, ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass ihr in Aarau auf die Strasse geht, um für mehr Freiräume zu demonstrieren. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob es zu viele Einschränkungen gibt, wo ich doch kaum einmal nach acht Uhr abends unterwegs bin, aber von mir aus dürft ihr getrost demonstrieren.

Es wäre mir einfach lieb gewesen, ihr hättet mich vorher gefragt, ob mir der Termin auch passt, denn mit eurem heutigen Aufmarsch habt ihr mir meinen Gluckentest versaut. Wie stolz war ich doch auf mich gewesen, dass ich Karlsson einfach so ohne grosse Bedenken zu seiner ersten Party habe ziehen lassen. Okay, es war ein kirchlicher Anlass unter Aufsicht von Erwachsenen, sein Cousin war dabei und ich kenne auch fast alle anderen, die dort waren. Aber all dies tut wenig zur Sache, wenn der Anlass bis elf Uhr abends dauert und „Meiner“ und ich zum ersten Mal am Samstagabend aufbleiben müssen. Da muss sich die Glucke einfach bemerkbar machen. Ich meine, man kann den kleinen Jungen doch nicht ganz ohne Sentimentalitäten ziehen lassen, nicht wahr? Dennoch habe ich das Ganze für meine Verhältnisse ziemlich cool genommen.

Ja, und dann kommt ihr also daher, liebe Nachttänzer_innen und sorgt dafür, dass mir die Polizei die Zufahrt zur Kirche versperrt. Kein Durchkommen, egal, wie viele Umwege ich nehme und am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als das Auto illegal zu parkieren, um Karlsson und seinen Cousin zu Fuss abzuholen. Abends um elf zu Fuss an der Aarauer Bahnhofstrasse, wisst ihr überhaupt, wie welche Dinge eine überbesorgte Mama da zu sehen bekommt? Besoffene Jugendliche, halbnackte, knutschende Teenager, aggressive Jungs und alle nur wenige Minuten älter als mein Sohn. Für euch mag das alles vollkommen normal sein, für mich sind es zugleich die schlimmsten Vergangenheitserinnerungen und die trübsten Zukunftsaussichten. Da komme ich doch glatt in Versuchung, meinen Kindern sämtliche Freiräume zu verbieten…