So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

McDonaldisierung

Währenddem die McDonaldisierung unserer Gesellschaft ziemlich weit fortgeschritten ist, scheint sie in unserer Familie nicht vom Fleck zu kommen. Ja, ich würde gar soweit gehen und sie im Falle unserer zwei ältesten Kinder für gescheitert zu erklären. Karlsson, der an seinem Geburtstag am liebsten neben hausgemachter Leberpastete und hausgemachten Nudeln an Morchelsauce auch noch hausgemachte Blutwurst, hausgemachte Luxemburgerli und hausgemachte Truffes essen würde, ist ein bekennender Anhänger der Slow-Food-Bewegung. Ausserdem ist er in die Weltgeschichte eingegangen als das einzige Kind, das losgeheult und dann während des ganzen Essens leise geschluchzt hat, als es einmal bei McDonald’s essen musste.

Luises Haltung gegenüber dem Fastfood ist zwar nicht ganz so extrem ablehnend, aber auch sie kehrt lieber woanders ein, mit Vorliebe in einem romantischen Tea-Room, wo sie sich an geblümten Tassen, liebevoll dekorierten Tischen und mit Sahne verzierten Törtchen erfreut. Von solchen Erlebnissen schwärmt sie monatelang und die von ihr heiss geliebten Frauentage – ein Tag alleine mit Mama oder mit Mama und Au-Pair, wenn’s sein muss noch mit dem Prinzchen, aber andere Männer werden nicht geduldet – enden meist mit einem Besuch in einem Café oder Tea-Room. Man sieht also, auch hier hat es Ronald McDonald nicht so richtig geschafft, ein Kinderherz zu erobern.

An sich könnten „Meiner“ und ich mit diesem Resultat ganz zufrieden sein, denn genau dieses Ziel wollten wir erreichen, als wir uns vor vielen Jahren schweren Herzens dazu entschlossen hatten, unseren Kindern Besuche im Fast-Food-Tempel Nummer 1 nicht zu verwehren. Wir wollten, dass sie erkennen, dass vor lauter Fett triefendes, geschmackloses Essen nie und nimmer den Genuss bietet, den Essen eigentlich bieten könnte. Wären Karlsson und Luise unsere einzigen Kinder, wir könnten die Sache also ad Acta legen. Bekanntlich haben wird aber noch weitere Kinder und bei denen bleibt noch Einiges zu tun, bevor sie gleich weit sind wie die Grossen. Und so statteten wir Ronald McDonald heute nach dem Gottesdienst mal wieder einen Besuch ab. Gut, ich geb’s ja zu, es waren nicht alleine erzieherische Gründe, die uns dorthin geführt hatten. Ich hatte nämllich ausnahmsweise wirklich keine Lust auf Kochen und noch viel weniger auf das Aufräumen der Küche. Aber wenn ich schon die schlampige Mama hervorkehrte, dann sollte das Ganze wenigstens einem höheren Ziel dienen.

Jetzt, wo wir mit diesem eigenartigen Gefühl von Übersättigung und nagendem Hunger nach richtigem Essen wieder zu Hause angekommen sind, kann ich voller Freude verkünden, dass wir auf bestem Wege sind, auch die drei Jüngeren über kurz oder lang davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Fast Food ganz in Ordnung ist. Kaum waren wir angekommen, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der ein Langsamesser ist, besorgt von mir wissen: „Mama, darf man denn hier auch langsam essen?“ Aber natürlich darf man das, mein Sohn. Es ist bloss so, dass kalte Pommes Frites noch schlechter schmecken als heisse Pommes Frites und deswegen empfiehlt es sich, das Zeug so rasch als möglich in sich hinein zu schaufeln. Was der FeuerwehrRitterRömerPirat aber gar nicht kann, weshalb er ziemlich schnell den Spass am Essen verlor und sich viel lieber mit dem Prinzchen um das Herumschieben der Kinderstühle kümmerte.

Schön, der Dritte ist also auf gutem Wege, unser Erziehungsziel zu erreichen. Aber was ist mit dem Zoowärter, der momentan in dem Alter ist, in dem man sich für alles begeistert, was grellbunt und künstlich ist? Nun, der Zoowärter machte sich mit Begeisterung über das Essen her, erlebte dann aber eine herbe Enttäuschung, als er sein Spielzeug auspackte. Was sollte er bloss mit diesem langweiligen violett-braunen Vogel anfangen, wo es doch in der Vitrine dieses tolle, knallgrüne Etwas zu sehen gab? Wer schon mal versucht hat, einem Dreijährigen zu erklären, dass das, was in der Vitrine steht, wohl erst nächste Woche in der Happy-Meal-Schachtel liegen wird und dass die das extra machen, um die Kinder auch nächste Woche wieder anzulocken, der weiss, dass man ebenso gut einem Verdurstenden erklären könnte, er solle keine eisgekühlte Cola trinken, weil das Zeug zu klebrig und überhaupt nicht durstlöschend sei. Mir ist klar, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis auch der Zoowärter von McDonald’s die Nase voll hat, aber ich denke, mit dieser ersten niederschmetternden Enttäuschung ist schon mal ein guter Anfang gemacht.

Bleibt noch das Prinzchen, das im Moment weder für noch gegen Fast Food ist. Solange er ungehindert herumtoben kann, ist ihm Einerlei, ob das Essen gut oder schlecht, das Spielzeug schön oder hässlich ist. Und da Herumtoben bei McDonald’s bedeutend weniger problematisch ist als im Gourmet-Tempel, fürchte ich, dass des Prinzchens Herz in den nächsten Jahren für Chicken Nuggets, Pommes Frites & Co. schlagen wird.

Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind: Hätte vielleicht jemand Zeit und Lust dazu, das kinderfreundliche, preiswerte, zentral gelegene Fast Food-Restaurant mit vollwertbiogesundaberschmackhaft Essen zu erfinden, das den Kindern pädagogisch wertvolle und garantiert nicht in Kinderarbeit hergestellte Spielsachen mit nach Hause gibt, das auch sonntags geöffnet ist und das natürlich seine Angestellten anständig entlöhnt? Die Idee geistert schon lange in meinem Kopf herum, aber ich habe gerade keine Zeit dazu und da wäre es doch nett, wenn sich jemand anders um die Sache kümmern könnte.

Mensch, was tust du da eigentlich?

Eigentlich sollte die Sache schon längst erledigt sein: Der hässliche WC-Rollenhalter, der mir schon längst ein Dorn im Auge gewesen war, hat vor ein paar Wochen endgültig seinen Geist aufgegeben. Gut, endlich sind wir den Kerl los und ich mache mich auf in die nächste grössere Migros, um einen Neuen zu erstehen. Und reibe mir verwundert die Augen. Denn WC-Rollenhalter sind teuer, viel teurer, als ich dies erwartet hätte. Und obendrein sind sie auch noch hässlich. Klar, es gibt auch ein paar billige Exemplare, ebenfalls hässlich. Aber weil ich weiss, dass billig bei der Dauerbelastung in unserem Haushalt nicht lange hält, kommt billig nicht in Frage. Aber teuer und hässlich eben auch nicht. Wenn ich schon viel Geld ausgeben muss, dann soll das Zeug wenigstens schön sein. Das hatte uns schon der Pastor gelehrt, als wir noch Teenager waren. Wenn man schon Geld für Kleider ausgeben müsse, dann könne man sich ja gleich ein schönes Kleid kaufen anstelle eines hässlichen Fetzens, pflegte er zu sagen. Gut, von WC-Rollenhaltern hat der Pastor die etwas gesagt, aber ich weite das Prinzip mal grosszügig auf sämtliche Bereiche des Alltags aus.

Und anstatt die Sache endlich abzuhaken, verwende ich auf einmal beängstigend viel Zeit auf die Suche nach diesem banalen Gegenstand. Ich stöbere durch Haushaltsabteilungen, durchforste das Internet, blättere in Katalogen – und werde nicht fündig. Denn die Suche nach einem praktischen, bezahlbaren Ersatz ist längst zu einer Suche nach dem WC-Rollenhalter geworden, nach dem Schönsten, dem Originellsten, dem Passendsten. Das Ding, das eigentlich einen der niedrigsten Dienste im Haushalt übernimmt, nimmt plötzlich sehr viel Zeit und Energie in Anspruch.

Heute Nachmittag, kaum waren wir aus den Ferien zurückgekehrt, wollte ich die leidige Angelegenheit endlich erledigen und so durchstöberte ich einmal mehr das Internet. Fündig wurde ich nicht, denn der einzige Rollenhalter, der sowohl in Preis als auch in Design meinen Ansprüchen genügt, wird nicht in die Schweiz geliefert. Dafür aber gingen mir in anderer Hinsicht die Augen auf: Wie ich da so surfte und immer anspruchsvoller wurde, erinnerte ich mich plötzlich an den Werbespot, den wir heute, als wir in Bern auf den Zug warteten, gesehen hatten. Ein Suppenteller mit vielen Löffeln drin, dazu die Aufforderung, heute, am Welternährungstag, mit jenen zu teilen, die nicht wissen, wie sie morgen satt werden sollen. Luise hatte den Bildschirm lange studiert und mich dann gefragt, was das zu bedeuten habe. Pflichtbewusste Mama, die ich bin, erklärte ich meiner Tochter des Langen und Breiten, wie ungerecht es doch sei, dass wir zu viel, die anderen zu wenig hätten und wie falsch es doch sei, dass wir im Überfluss ersaufen, während andere ums nackte Überleben kämpfen müssen.

Keine zwei Stunden nach dieser Predigt sass ich also da und suchte einmal mehr nach dem perfekten WC-Rollenhalter. Und plötzlich schämte ich mich. „Mensch“, sagte ich zu mir „hast du denn wirklich nichts Besseres zu tun, als dich während Tagen um solchen Sch…kram zu drehen?“

Selber Schuld

Gewöhnlich fällt es mir ja nicht leicht, nach ein paar schönen Ferientagen die Koffer wieder zu packen und nach Hause zu fahren. Diesemal aber kann ich es kaum mehr erwarten, bis wir hier raus sind.

Was eigentlich völlig widersinnig ist, wo wir doch prächtiges Wetter hatten, bestens gelaunte Kinder und dank der Unterstützung des Au-Pairs auch weitaus weniger Stress als gewöhnlich. Und das Sahehäubchen obendrauf: Genug Ferienlektüre, weil dank iPad die Schlepperei entfällt. Besser könnten Ferien nicht sein.

Und doch habe ich mir all dies versauen lassen durch eine Person, die uns ganz offensichtlich nicht leiden kann und die es ebenfalls kaum erwarten kann, bis wir weg sind. Warum sonst hätte sie heute mehrmals nachgefragt, ob wir morgen nicht vielleicht doch etwas vor zehn Uhr abreisen würden?

Anstatt meine freien Stunden zu geniessen, habe ich also Beschwerdemails an den Ferienanbieter verfasst, anstatt davon zu schwärmen, wie schön der Spaziergang mit den Kindern war, habe ich mich darüber ausgelassen, wie ärgerlich es doch ist, dass es der Vermieterin am Allerwertesten vorbeigeht, dass der Geschirrspüler kaputt ist und ich nun von Hand abwaschen muss. Anstatt einfach woanders einzukaufen, schimpfe ich nach jedem Einkauf im hausinternen Laden über die unfreundliche Bedienung.

Klar, das alles ist ärgerlich und ich kann wirklich nicht verstehen, weshalb man Gäste nicht so behandelt, dass sie gerne wieder kommen würden. Aber muss ich mir deswegen gleich alles vermiesen lassen? Kann ich nicht die Gelassenheit aufbringen, auf den Berg zu klettern und über all dem Mist zu stehen? Und bin ich mit dem Sündenregister, das ich geführt habe, nicht genau so kleinlich wie die Vermieterin, die sich alles, was im Laufe der Tage in die Brüche gegangen ist, haarklein notiert und auf Franken und Rappen genau abgerechnet hat.

So gesehen bin ich also ganz selber Schuld, dass die Ferien nicht das waren, was ich mir eigentlich erträumt hätte.

Familien(un)freundlich

Lange Zeit glaubte ich, familienfreundliche Ferien könne man nur im Ausland machen. In London zum Beispiel, wo dir die Banker sogar während der Rush Hour helfen, den Kinderwagen zu schleppen. Oder in Südengland, wo sie dich milde anlächeln, wenn dein Baby im Schloss die Milch auf den Fussboden spuckt und dabei den teuren Teppich aus dem sechzehnten Jahrhundert nur um Haaresbreite verfehlt. Oder in Österreich, wo du dich kaum entschliessen kannst, welches Familienhotel du nun buchen sollst, weil jeder Hotelier versucht, den anderen in seiner Familienfreundlichkeit zu übertreffen.

Dass man auch in der Schweiz familienfreundliche Ferien machen kann, weiss ich erst seit ein paar Tagen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass es auch hierzulande tolle Kinderspielplätze gibt, dass es auch in der Schweiz Hoteliers gibt, welche die Kinder zum Malnachmittag einladen oder Ladenbesitzer, die mit den Kindern basteln.  Schön, dass ich auch in meiner Heimat kinderfreundlichen Tourismus finde. Schön, dass ich mich geirrt habe, als ich glaubte, sowas gebe es nur im Ausland.

Und dennoch ist meine Freude getrübt. Denn auch wenn die äusseren Formen mit  coolen Spielplätzen, abwechslungsreichem Kinderprogramm, Kinderbetten und Hochstühlen erfüllt sind, so  richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist die Kinderfreundlichkeit den Schweizern nicht.

Wie sonst soll ich mir erklären, dass Kinder morgens um zehn auf dem zur Ferienwohnung gehörenden Spielplatz zurechtgewiesen werden, weil sie „zu laut sind und das Aufschlagen der Wippe im unter dem Spielplatz liegenden Laden stört“? Da wird ein Spielplatz hingestellt, um Kinder anzulocken, aber wenn sie kommen, nimmt man ihnen übel dass man sie hört. Als könnten die Kinder etwas dafür, dass unter dem Spielplatz ein Laden liegt.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Da baut man neben der Bergstation der Seilbahn diesen grossartigen Abenteuerspielplatz mit Wasserläufen, Klettergerüsten und Höhlen und dann bringt man ein Schild an, dass Kindern unter drei Jahren den Zutritt verwehrt. Was dazu führt, dass alle Familien, die sich in der Familienplanung nicht nach diesen Vorschriften gerichtet haben, ihre kleineren Kinder mit Gewalt vom Vergnügen der grossen Geschwister fernhalten müssen. Dass das „Problem“ auch durch einen eigenen Kleinkinderbereich hätte behoben werden können, daran scheint keiner gedacht zu  haben.

Oder reden wir mal kurz über das liebe Geld und was dazu gehört: Inzwischen hat man auch in der Schweiz begriffen, dass man Familien mit Sonderangeboten anlocken  könnte. Das Problem ist nur, dass man im Schweizer Tourismus Familie offenbar als Mama, Papa und Einzelkind definiert. Schon ab dem zweiten Kind wird’s bedeutend teurer, ab dem Dritten schenkt es so richtig ein. So hätten wir zum Beispiel seinerzeit für den FeuerwehrRitterRömerPiraten pro Ferienwoche satte 600 Franken Aufpreis bezahlt, obschon das Kind noch voll gestillt wurde und im Elternbett schlief. Einfach, weil das dritte Kind eines zuviel war. Gut, man könnte jetzt einwenden, das sei lange her und inzwischen habe sich das bestimt gebessert. Doch leider musste ich bei meiner Suche nach guten Ferienangeboten feststellen, dass sich hier nichts geändert hat, auch wenn inzwischen die Familie mit drei Kindern zum Normalfall geworden ist. Dass man auf Grossfamilien kaum Rücksicht nimmt, damit habe ich mich abgefunden, aber dass man nicht sehen will, dass die heutige Schweizer Durchschnittsfamilie etwas grösser ist als auch schon, das kann und will ich nicht begreifen.

So langsam dämert mir, dass sich zwar äusserlich in Sachen Familienfreundlichkeit Einiges getan hat, dass Kinder an sich aber nach wie vor oftmals als notwendiges Übel angeschaut werden. Ein notwendiges Übel, dem man eben ein klein wenig entgegenkommen muss, wenn man eine jüngere Zielgruppe ansprechen will. Der Schweizer Tourismus kann ja nicht alleine von Japanern, Chinesen und Rentnern leben.

Zeit

Ist ja schon eine tolle Sache, eine Woche Familienferien. Nicht nur, weil das Wetter traumhaft ist und wir zum ersten Mal, seitdem wir Kinder haben, auf eine Art und Weise durch die Gegend streunen, die man schon fast „wandern“ nennen könnte. Nein, das veränderte Umfeld erlaubt uns auch andere Blicke auf unsere Kinder.

Da fällt einem zum Beispiel plötzlich wieder ganz neu auf, wie verloren sich Luise zuweilen zwischen all ihren Brüdern fühlt. Seit einiger Zeit hatte ich ja angefangen zu glauben, dass ich mir nur einbilde, dass Luise eine Schwester fehlt. Vielleicht projiziere ich ja nur meinen Wunsch nach einer zweiten Tochter in sie hinein? Sind wir in unserem gewohnten Umfeld, wo genügend Freundinnen und Cousinen um uns herum sind, dann fällt der Mangel kaum mehr auf. Doch kaum sind wir mal ganz unter uns, kommt die große Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Spielkameradin, die abends nicht nach Hause gehen muss und die ob der neusten Errungenschsft aus der Sylvanian Family ebenso ins Schwärmen gerät wie Luise und ihre Mama

Doch nicht alleine Luises Bedürfnisse treten hier klarer zu Tage, auch die Sehnsucht nach Ruhe, die den Zoowärter immer wieder dazu bringt, lauthals zu schreien, fällt hier mehr auf. Zu Hause, wo die Grossen oft ihr eigenes Programm haben, findet er immer wieder Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, aber hier, wo wir alle rund um die Uhr beisammen sind, ist das arme Kind vollkommen überfordert. Und weil wir uns natürlich alle nach Ruhe und Erholung sehnen – warum sonst sollte man sich denn sonst den Stress machen, in die Ferien zu fahren- zerrt das zoowärtersche Wutgeschrei auch mehr an den Nerven und man fragt sich, wie man als Grossfamilie das Ruhebedürfnis eines Dreijährigen stillen kann, ohne alle anderern dazu zu verknurren, den ganzen Tag zu flüstern und zu schleichen.

Ein Familienurlaub bietet aber auch Gelegenheiten, einem einzelnen Kind besonders nahe zu sein. Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich alleine mit dem Prinzchen nach Saas Fee fuhr, um eine Fondue-Mischung zu kaufen. Wann habe ich zum letzten Mal eine geschlagene Stunde gebraucht, um vom Parkplatz ins nahe gelegene Ortszentrum und wieder zurück zu gelangen? Weil das Prinzcheneben  jeden „Maa“, jede „Fauu“, jedes „ou, lueg Velooo“, jedes „loss“ genau anschauen wollte. Einfach wunderbar, wiedermal in die Welt eines Zweijährigen einzutauchen!

Aber auch zum Eintauchen in die Gedankenwelt unserer größeren Kinder bleibt mehr Zeit. Zum Beispiel, wenn man mit Karlsson, Luise und dem Au-Pair den Kapellenweg von Saas Fee nach Saas Grund unter die Füsse nimmt und –  angeregt durch die auf dem Weg dargestellten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte –  erfährt, wie die Kinder glauben, wie sie sich Gott vorstellen und wie den Himmel. Sehr spannend, aber auch leicht erschütternd, weil die Kinder mit Gott offenbar nicht ausschliesslich positive Dinge in Verbindung bringen, obschon wir uns doch sehr darum bemühen, dem frommen Druck, mit dem ich gross geworden bin, keinen Raum zu geben.

Ja, und dann hat man auch Zeit, sich anzuhören, wovon, der FeuerwehrRitterRömerPirat träumt, was in seinen Augen das perfekte Weihnachtsgeschenk ist, wie schwierig es für einen Sechsjährigen sein kann, ein Souvenir auszuwählen, weil man nie sicher sein kann, ob man nicht im nächsten Laden  noch etwas Schöneres findet.

Vergleiche ich diese Ferienwoche mit den Herbstferien vor einem Jahr, dann wird mir auch klar, dass da ein Rollenwechsel im Gange ist. Waren  „Meiner“ und ich letztes jahr noch die Animateure, werden wir jetzt immer mehr zu Coaches, die den Kindern die Sicherheit geben, dass wir für sie da sind. Den Rest des Programms meistern sie schon ziemlich selbständig. Ob sie nun unter der Führung von Karlsson das Frühstück zubereiten, sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd ausdenken, oder alle zusammen lauthals singend auf dem Spielplatz herumtollen – was übrigens vielen Einheimischen hier ziemlich sauer aufzustossen scheint – Eines ist immer gleich: „Meiner“ und ich dürfen uns immer öfter zurücklehnen und das Familienleben genießen.

Schön, das zwischen der anstrengenenden Baby- und Kleinkindphase  und den wohl nicht minder anstrengenden Teenagerjahren eine Zeit der Entspannung liegt.

Talking Tom

Man sollte ja wirklich erwarten können, dass eine mehr oder weniger erfahrene Mutter nicht so blöd ist, „Talking Tom“ auf ihr iPad zu laden, um ihren Kindern die Reise in die Ferien zu verkürzen. Nun, die meisten sind wohl nicht so blöd; ich aber schon.

Und seither haben unsere Kinder weder Augen für die schöne Bergwelt, noch für die Lamas vor dem Haus, noch für die Eishockeyspieler gegenüber. Sie wollen nur noch das Eine: Talking Tom, die Katze, die alles, was man ihr erzählt, mit Quietschstimme wiederholt, die Katze, die hemmungslos furzt, wenn man den richtigen Knopf drückt, die Katze, die einen mit Torten bewirft und die sich von zornigen kleinen Kindern k.o. schlagen lässt und danach doch wieder selig schnurrt, wenn man sie streichelt.

Weil Mama aber nur ein iPad zum Geburtstag geschenkt gekriegt hat, ist Talking Tom leicht überfordert mit den Ansturm, der da herrscht. Wie soll er denn wissen, was er zu tun hat, wenn Luise ihm Milch geben will, Karlsson ihm ein Lied singt, der FeuerwehrRitterRömerPirat auf ihn eindrischt, der Zoowärter ihn streichelt, das Prinzchen hundertmal „Hallo Büsi!“ruft, „Meiner“ zetert, sie sollten das iPad in Ruhe lassen und ich versuche, eine Ordnung ins Chaos zu bringen.

Weil mir der arme Tom etwas leid tut – und ich zudem nicht sicher bin, ob mein iPad für so viel Rummel geschaffen ist -, habe ich angefangen, Einzelsitzungen mit Tom anzubieten. Ein Kind nach dem anderen darf Tom und mich im Bad besuchen, wir schließen die Tür ab und dann darf das Kind mit Tom tun, was immer es möchte. Und während das Kind sich mit Tom befasst, erhasche ich ein paar Einblicke in das Wesen unserer Kinder.

Der Zoowärter zum Beispiel quatscht ohne Punkt und Komma, probiert verschiedene Tonlagen aus, erzählt ihm von seinem Leben und lacht sich halb krank über Toms Imitationen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hingegen kann nicht genug davon kriegen, das arme Tier k.o. zu schlagen und es dann dazu zu bringen, sich durch Zerkratzen der Scheibe zu rächen. Luise sorgt danach dafür, dass Tom seine Streicheleinheiten bekommt und lässt ihn wissen, was für ein süßes Tier er doch sei. Karlsson schliesslich macht Stimmübungen mit Tom, probiert aus, wie es sich anhört, wenn er den Kater anbrüllt und ob das Tier auch tatsächlich seine höchsten Töne noch höher imitieren kann.

Einzig das Prinzchen hat noch keine speziellen Vorlieben im Umgang mit Tom gezeigt. Er vergöttert das Tier so sehr, dass er nicht mehr genug bekommen kann von all dem Spass. Und deshalb muss ich mich jetzt jedesmal, wenn ich mein iPad ganz für mich alleine haben will, ins Bad einschliessen, weil sonst das Prinzchen brüllt „Nei, miiiine Büsi!“ und mir das iPad entreißt.

Und so kommt es, dass ich die meiste Zeit unserer Ferien im Bad eingeschlossen verbringe.

Eins ist klar: Die Hippos, Igel und anderen Viecher, die mit Tom unter einer Decke stecken, werden nicht auf meim iPad geholt. Und dies nicht alleine, weil sie im Gegensatz zu Tom etwas kosten.

Peace

Eine Tafel Schokolade, eine nette Entschuldigung und ein Hinweis, dass wir das von gestern nicht ganz so nett gefunden haben und schon ist die Sache wieder im Lot und unsere Kinder werden mit Überraschungseier entschädigt. An manchen Tagen bin ich einfach stolz auf die diplomatischen Fähigkeiten von „Meinem“, auch wenn er selber das wenig schmeichelhaft unter dem Kapitel „Schleimen“ abbucht.

Ach, wie nett

Um eines vorweg klar zu stellen: Ich finde es nicht in Ordnung, wenn eines meiner Kinder mitten auf dem Spielplatz des Ferienhauses pinkelt. Um noch eines klar zu stellen: Ich habe meinen Kindern schon mehrmals verboten, auf irgend welchen öffentlichen Plätzen zu pinkeln. Und um noch etwas klar zu stellen: Von mir haben sie das nicht.

Jetzt, wo diese drei Dinge geklärt sind, kann ich ja erzählen, wie sehr es mich nervt, wenn die Mutter des Ferienhausbesitzers zuerst unsere Kinder zur Schnecke macht und dann „Meinen“ und mich anschnauzt, dass das nicht angehen könne, dass unser Sohn sowas tue. Dass sie noch nie so etwas Unerhörtes erlebt habe und dass unsere Kinder gefälligst alle Spielsachen auf dem Spielplatz wegräumen sollten, obschon sie noch mitten im Spiel waren. Und dann kann man uns ja gleich noch anmotzen, wir hätten unser Auto falsch geparkt.

Wirklich ein netter erster Kontakt mit der Vertretung unseres Vermieters. Dass der kleine Wildpinkler noch keine vier Jahre alt ist, dass seine grossen Geschwister ihn mit aller Überredungskunst davon abhalten wollten, dass sich unsere Kinder bis anhin außer dieser kleinen Episode nichts haben zu Schulden lassen kommen, dass uns bei unserer Ankunft keiner gesagt hat, wo wir unser Auto hinstellen müssten, dass wir eine „familienfreundliche“ Ferienwohnung gemietet haben, dass diese Wohnung die ganze Woche leer stehen würde, hätten wir uns nicht in letzter Minute ihrer erbarmt, all dies hat die gute Frau geflissentlich übersehen.

Ist doch nett, dass unsere Kinder sich bereits am zweiten Ferientag nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Und dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben überlege, ob ich diese Woche vielleicht lieber bei Coop einkaufen soll, auch wenn wir die Migros im Hause haben. Denn da die nette Frau in der Migros arbeitet, habe ich ein kleines bisschen Angst, dass ich beim Einkauf etwas falsch machen könnte. Und eine kalte Dusche pro Ferienwoche reicht mir eigentlich vollauf.

Last Minute

Warum müssen wir bloß immer alles wörtlich nehmen? Klar, Last Minute-Ferien bucht man erst ein paar Tage vor der Abreise, aber mit Packen und Organisieren sollte man nun wirklich nicht bis zum letzen Augenblick warten. Gut, der Fairness halber muss man sagen, dass wir eigentlich gestern Abend hätten anfangen wollen, aber weil die Kinder bockig waren, haben wir die Sache auf heute früh verschoben. Wir konnten ja nicht wissen, dass das Prinzchen die halbe Nacht Radau machen würde und wir uns deswegen verschlafen würden.

Ja, und dann wurde die Sache halt ein wenig chaotisch: Der Wäscheberg, der wegen der Bauarbeiten im Keller liegengeblieben war, musste noch ganz schnell gewaschen werden, der Kühlschrank musste geputzt werden, wo er schon mal leer war, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat brauchten neue Unterwäsche, weshalb noch ein kurzer Abstecher zu H & M nötig wurde, ja, und dann war da noch diese Taufe, zu der wir eingeladen waren, weil „Meiner“ Pate des Kindes ist.

Als dann „Meiner“ auch noch mit drei Kindern den Zug zur Tauffeier verpasste und wir das Auto meiner Mutter organisieren mussten, weil wir aus ökologischen Gründen nur einen Fünfplätzer haben, da wurde ich dann mal kurz hysterisch, aber nachdem wir alle mehr oder weniger rechtzeitig zur Taufe, oder zumindest zum Essen danach erschienen waren, beruhigte ich mich wieder.

Nach der Taufe blieb dann eigentlich nicht mehr viel zu tun: Nur noch sämtliche Kleider für „Meinen“, das Prinzchen und den Zoowärter packen, Brote schmieren, das Auto beladen, Holzpellets besorgen, damit meine Mutter während unserer Abwesenheit nicht frieren muss, Medikamente holen, herausfinden, wie das mit dem Autoverlad am Lötschberg läuft, herausfinden, wo das Wallis überhaupt liegt, den Fahrplan für die mit dem Zug reisende Delegation überprüfen und dann noch kurz die längst überfälligen Bücher in die Bibliothek zurückbringen. Aber da wir noch volle fünfundvierzig Minuten Zeit hatten, war das ja ein Klacks.

Irgendwie schafften wir es, ganze fünf Minuten zu früh auf dem Bahnperron zu stehen und hätten wir uns in Saas Grund nicht in der Postauto-Haltestelle geirrt, wir wären bestimmt pünktlich in unserer Ferienwohnung angekommen. So aber durften wir kurz nach dem Eindunkeln irgendwo zwischen Saas Grund und Saas Fee auf das nächste Postauto warten, das zum Glück ziemlich bald einmal angefahren kam.

Wenn ich mir jetzt, wo wir uns alle in unserer riesigen Ferienwohnung eingenistet haben, dann ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob wir beim nächsten Mal Last Second-Ferien buchen sollen. So langsam fühle ich mich reif für den nächsten Level.