Nächtliche Ruhestörung

Normalerweise schläft der Kleine ja in seinem eigenen Bett, doch weil er seine Matratze mit Exkrementen beschmiert hat, – auf weitere Details verzichten wir an dieser Stelle – nächtigt er im Elternschlafzimmer, bis die Matratze wieder trocken ist. Aber daran denkt Mama natürlich nicht mehr, als sie nachts um eins wegen eigenartiger Motorengeräusche erwacht. Sind die Nachbarn jetzt vollkommen durchgedreht, dass sie mitten in der Nacht ihre Motorsäge laufen lassen? Oder lässt da ein Teenager den Motor seines Rollers aufheulen? Aber nein, das Geräusch kommt nicht von draussen. Es ist der Kleine, der bereits im zarten Alter von 18 Monaten dermassen laut schnarcht, dass die Mutter in Versuchung gerät, wegen nächtlicher Ruhestörung die Polizei zu rufen. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie der Junge jemals eine Frau finden soll, wenn er mit seinem Schnarchen bereits jetzt die Wände zum Wackeln bringt. Ihm bleibt nur zu hoffen, dass der Trend der getrennten Schlafzimmer bis dahin anhält…

Zurück auf Feld 53!

Manchmal ist das Leben eben doch wie ein Brettspiel. Da glaubt man, man komme vorwärts und plötzlich landet man auf einem Feld, das einem ganz weit zurück schickt. „Zurück auf Feld 53!“, wird einem da zum Beispiel befohlen. Und auf Feld 53 wird man dann aufgefordert: „Du bekommst noch ein Kind. Kauf dir einen Geschwisterwagen und bezahle dafür einen beliebigen Betrag zwischen 10 und 1000 Franken.“

Tja, der Geschwisterwagen. Den hatte man in einem Anflug von Übermut verschenkt. Und als die Freunde anboten, das Ding auf E-Bay zu versteigern, war man sogleich einverstanden. Kein Problem, das Ding brauchen wir nie mehr.
Und jetzt ist man also wieder auf der Suche nach einem Geschwisterwagen. Während man selber auf der Stelle tritt, hat sich wenigstens die Welt weiterentwickelt. Im Gegensatz zum letzten Mal gibt es jetzt all die tollen Auktionen und man bekommt die Gefährte zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises. Nun, eigentlich müsste es heissen „bekäme man“, denn nun hat uns schon zum zweiten Mal jemand wenige Sekunden vor Auktionsende den heiss begehrten Wagen weggeschnappt. Tagelang interessiert sich keiner für das Ding und dann, wenn man die Auktion schon für gewonnen hält, schlägt irgendeiner zu, bezahlt den Sofort-Kaufen-Preis und weg ist der Wagen.

Das passiert uns sonst bei keiner Auktion. Was beweist, dass Eltern einander nichts gönnen. Da sitzt bestimmt irgend eine gelangweilte Tussi den ganzen Tag vor dem Computer und wartet darauf, bis sie einer überbeschäftigten Mutter den Wagen wegschnappen kann. Wahrscheinlich braucht sie den Wagen nicht einmal, aber es macht nun mal so viel Spass, anderen die Freude zu verderben. In drei Monaten wird der Wagen wieder in einer Auktion zu haben sein, denn inzwischen hat die Tussi gemerkt, dass die Übelkeit, die sie für die Morgenübelkeit der zweiten Schwangerschaft gehalten hatte, bloss eine Lebensmittelvergiftung war. Es bleibt nichts anderes übrig: Das nächste Mal arbeiten wir auch wieder mit dem Sofort-Kaufen-Preis.

Zwei Dinge bleiben noch anzumerken, um Missverständnissen vorzubeugen:
1. Dieser Eintrag ist nicht gegen Familien gerichtet, die ein Kind haben, nicht gegen solche, die ein Zweites bekommen, nicht gegen Mütter, die vor lauter Übelkeit kaum mehr den Tag überstehen. Er richtet sich gegen überhaupt niemanden,  als einzig und allein gegen blöde Tussis, die uns immer wieder die Kinderwagen vor der Nase wegschnappen.
2. Dieser Eintrag ist erst recht kein Aufruf, uns mit nicht mehr gebrauchten Babysachen einzudecken. Wo immer der Irrtum herkommt, kinderreiche Familien seien dankbare Abnehmer für nicht mehr gebrauchte Babybettchen, Kleidchen und nervige Lärmspielsachen, er bleibt ein Irrtum. Ausserdem soll unser letztes Kind in einem richtig coolen Wagen ausfahren dürfen. Denn wenn wir schon nochmals Nachwuchs bekommen, soll das Kind, genau wie die anderen vier, sich als etwas ganz Besonderes fühlen dürfen.

Geplatzte Träume

Eigentlich hat man sich die Ferien schon etwas anders vorgestellt. Und diesmal lag es nicht daran, dass man sich die Feriendestination unsorgfältig ausgesucht hätte. Oder dass der Hotelprospekt zuviel versprochen und zu wenig gehalten hätte. Oder dass gegenüber des Hotels gebaut worden wäre. Nein, es war wirklich alles perfekt. Es war ein geplatzter Blinddarm, der den Traum von den unbeschwerten Ferien zum Platzen brachte.

Der Älteste hatte diese Schmerzen schon öfters mal gehabt. Wir waren auch schon mitten in der Nacht vergeblich mit ihm ins Spital gefahren. Wie also hätten wir wissen sollen, dass es diesmal ernst galt? Irgendwann wurde uns dennoch klar, dass wir handeln mussten. Der Hotelier, der Gott sei Dank ein freunlicher Mensch war, fuhr das Kind zu einem befreundeten Arzt. Und dann stand plötzlich die Ambulanz vor der Hoteleingang. Sofort ab ins nächstgelegene Spital. Es bleibt kaum Zeit, sich von Papa und Kind zu verabschieden und dann ist man allein. Allein mit seinen Ängsten. Allein mit all den Schauergeschichten, die man im Laufe der Jahre gehört hat und die einem ausgerechnet jetzt wieder in den Sinn kommen. 
An Schlaf ist natürlich nicht zu denken. Man schickt bange Gebete zum Himmel und hofft auf den erlösenden Anruf, den man zugleich auch fürchtet, denn es könnte ja etwas schiefgegangen sein. Um zwanzig nach zwei dann die erlösende Nachricht: Die OP ist überstanden, der Junge ist bereits wieder wach. Aber der Blinddarm war durchgeborchen, seit zwei Tagen schon. Schlafen kann man jetzt erst recht nicht mehr. Einerseits ist man ganz kribbelig vor lauter Dankbarkeit. Andererseits melden sich jetzt die Vorwürfe. Welche Rabeneletern lassen denn ihr Kind so lange leiden? Und was wäre, wenn das Kind erst später ins Spital gekommen wäre?
Die nächsten Tage  heisst es, das kranke Kind zu betreuen. Statt entspannender Besuche in der traumhaft schönen Hotelsauna, Schwitzen im stickigen Spitalzimmer. Statt Schlemmen am Buffet Herunterwürgen der Spitalkost. Doch in diesem Moment ist das alles egal. Hauptsache, das Kind lebt. Hauptsache, es hat jemand besser aufgepasst, als wir dies getan hatten. 

Wie war das nochmals mit den Genen?

Woher hat er das bloss? Der Papa drückt sich seit frühester Kindheit erfolgreich ums Fussballspielen und dies trotz italiensicher Wurzeln. Die Mama begreift noch immer nicht, was es mit der Offsideregel auf sich hat. Und der Sohn bricht in Tränen aus, wenn Deutschland das EM-Finalspiel verliert. 

Es waren tatsächlich echte Tränen, die der Vierjährige am frühen Morgen vergoss, als er erfuhr, dass die Spanier den Pokal mit nach Hause nehmen. Ja, es schüttelte ihn regelrecht durch. Während der Rest der Familie die EM als mehr oder weniger notwendiges Übel betrachtet hatte, entschied sich unser Dritter gleich zu Beginn dafür, die Deutschen zu unterstützen. Und dabei blieb er bis zum bitteren Ende. 
Wie sehr er sich die Sache zu Herzen genommen hatte, merkten wir aber erst heute Morgen. Wie er da betrübt auf dem Sofa sass und sich nur noch mit einem ganz süssen Kakao und einer langen Umarmung trösten liess, konnte er einem richtig Leid tun. 
Das kann ja heiter werden, wenn er erst mal grösser ist. Wenn er einer jener Männer wird, die bei jeder Niederlage „ihres“ Vereins in eine mittelschwere Depression verfallen. Nun, er wird in bester Gesellschaft sein mit unzähligen Männern auf diesem Planeten. Woher er das hat, wird jedoch für immer ein Rätsel bleiben. 

Der ganz normale Wahnsinn

Was für ein Start in den Tag! Der Älteste hat Schulreise, muss auf den Bahnhof begleitet werden. Die Zweitälteste muss die Klassenfotos bezahlen. Deshalb muss ein Umweg zum Bancomaten eingeplant werden. Die Vorbereitungen müssen leise vonstatten gehen, damit die Kleinen nicht erwachen. Sonst muss man noch mit dem ganzen Trupp durchs Dorf ziehen.
Anfangs läuft alles glatt. Das Frühstück ist serviert, die Kleider liegen bereit. Wir reden über das gestrige Fussballspiel, erörtern die Frage, warum Pinguine und Eisbären nicht am selben Ort leben und diskutieren, ob heisser Tee oder kaltes Wasser besser ist an heissen Tagen. Dazwischen die üblichen Anweisungen: „Esst endlich auf!“, „Ihr müsst euch beeilen!“, „Macht jetzt endlich vorwärts!“. Und dann um zwanzig nach sieben plötzlich dies: „Mama, es ist gar nicht so einfach, dich zum Lachen zu bringen.“, bemerkt der Siebenjährige trocken. Zack, der hat gesessen! Wer braucht da noch einen Psychiater, wenn einem die Psychoanalyse gratis zum Frühstück geliefert wird?
Es bleibt nicht viel Zeit, über das Gesagte nachzudenken, denn plötzlich, als fast alles bereit ist, steht der Zweitjüngste da. Was nun? Normalerweise braucht er eine Ewigkeit, um morgens in die Gänge zu kommen. Zum Glück hat ihm Papa gestern neue Hosen gekauft. Damit lässt er sich bestechen und innert fünf Miunuten ist er angezogen und steht mit einem Apfel in der Hand bereit.
Also dann, ab zum Bahnhof. Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, beginnt der Jüngste zu weinen. Nun, vielleicht kann man ihn ja im Pijama mitnehmen. Doch nichts da. Der Kleine liegt bis auf eine pralle Windel nackt im Bett. Und die Windel ist nicht etwa eine Gewöhnliche, sondern eine Prinzessinnenwindel, bonbonrosa und mit einem Schneewittchen-Aufdruck. So kann der Kleine unmöglich mitkommen. Sonst melden die uns noch beim Sozialamt. Kinderreiche Familien sind ja ohnehin schon suspekt und wenn sie ihre Söhne in nassen Prinzessinnenwindeln herumlaufen lassen, deutet dies eindeutig auf Vernachlässigung hin.
Man hat also keine Wahl. Schnell wird der Kleine in saubere Kleider gezwängt und, ebenfalls mit einem Apfel in der Hand, in den Kinderwagen gesetzt.  Nachdem alle zur rechten Zeit am rechten Ort abgeliefert sind, wäre man eigentlich reif für den Feierabend. Doch dafür ist es um morgens halb neun vielleicht  noch etwas früh.

In der Höhle des Drachens

Tage, an denen man sich schon am frühen Morgen zum ersten Mal in einen Drachen verwandelt, sind nicht die besten. Aber hat man denn eine Wahl, wenn die kinderlose Arbeitskollegin des Mannes um zehn nach sieben anruft um zu fragen, ob er über Mittag auch ins Schwimmbad komme? Bleibt einem da als Ehefrau und Mutter etwas anderes, als die liebe Frau zu bitten, nicht mehr so früh anzurufen, weil die Kleinen noch schlafen? Nachdem man aufgehängt hat, fühlt man sich natürlich ganz mies, denn die gute Frau weiss ja gar nicht, was sie falsch gemacht hat. Sie hat doch nur eine harmlose Frage gestellt. Meint sie. In Wirklichkeit hat sie bereits morgens um sieben drei gravierende Fehler begangen, die den Tag der Mutter in gefährliche Bahnen lenken können. Um das bessere Verständnis zwischen Kinderlosen und Kinderreichen zu fördern, sei hier kurz darauf hingewiesen, was an diesem Anruf in den Augen der Mutter so schlimm war.

Erstens: Es gibt tatsächlich Kleinkinder, die morgens um sieben noch schlafen. Auch wenn die Mehrzahl der Eltern immer wieder jammert, die Kleinen seien bereits um fünf Uhr wach, so gibt es doch auch Kinder, die gerne bis acht oder neun Uhr schlafen. Manche sogar bis zehn. Und, man lese und staune, die Mütter sind gar nicht so unglücklich darüber, besonders dann, wenn sie noch grössere Kinder haben, um die sie sich kümmern müssen.
Dies führt uns zum zweiten Punkt. Morgens um sieben ist bei den meisten Familien mit schulpflichtigen Kindern die Hölle los. Der Morgenmuffel (bei uns in weiblicher Form vertreten, doch was ist die weibliche Form von Morgenmuffel?) will nicht wach werden und lässt sich nicht aus dem Bett bewegen. In der Küche schreit einer nach Kakao und selber möchte man eigentlich auch noch gerne etwas zwischen die Zähne bekommen. Wenn endlich alle satt sind, kommt das nächste Problem: Das Anziehen. Der eine möchte lieber Bilderbücher anschauen, während die andere allen Ernstes lange Hosen und Pullover aus dem Schrank zieht, weil sie fürchtet, bei 32 Grad Hitze zu erfrieren. So geht das eine Stunde lang weiter. Dass man in diesem Chaos keine Kleinkider brauchen kann, die gewickelt werden müssen, dürfte jedem einleuchten.
Kommen wir zum dritten und wichtigsten Punkt. Liebe Kinderlose, erinnert nie, aber auch gar nie, eine schwangere Mutter von vier Kindern am Morgen eines Hitzetages daran, dass ihr Mann in der Mittagspause ins Schwimmbad gehen könnte. Dass er in diesem Schwimmbad nicht bloss am Rand des Planschbeckens sitzen müsste, sondern dass er echte Chancen hätte, ins Wasser zu springen und sich abzukühlen. Dass er im Schatten liegen könnte und ein Buch lesen könnte. Mit solchen Bildern vor Augen muss die Mutter einfach zum Drachen werden, ob sie es will oder nicht.
Gott sei Dank hasst der liebe Mann nichts so sehr wie Schwimmbäder. Ansonsten hätte der harmlose Anruf zu einer ernsthaften Ehekrise geführt. Und dies war garantiert nicht die Absicht der Arbeitskollegin.

Sonnenstich

Das von den Kindern ersehnte Jugendfest ist endlich da. Und für einmal sind die Eltern perfekt vorbereitet. Die Jungs haben neue T-Shirts, die weissen Kleider der Tochter liegen frisch gewaschen bereit, keiner der unzähligen Zettel, die den Tagesablauf im Detail vorgeben, ist verloren gegangen und die Blumen für die Krone des Zweitjüngsten sind gepflückt. Ausserdem hat die Tochter genau festgelegt, wer wann abgeholt werden muss, so dass keiner lange warten muss. Ist also alles perfekt. 

Alles? Fast alles. Im ganzen Haushalt lässt sich keine einzige Schirmmütze für den Ältesten finden. Letzte Woche lagen sie noch haufenweise herum, doch heute lassen sich nur noch Wollmützen finden. Und ob die bei 28 Grad vor einem Sonnestich schützen, ist fraglich. Das Ganze ist aber auch zu dumm. Wer hätte denn für heute mit schönem Wetter gerechnet? Nun, zugegeben, die Damen von der Vereinssitzung hatten schon vor zwei Monaten einen Hitzetag prophezeit. Doch wie soll man jemandem glauben, der zu Zeiten des Klimawandels mit dem Argument "Das Wetter wird schön. Das war noch jedes Jahr so" auf die Ausarbeitung eines Schlechtwetterprogramms verzichtet? 
Nun, die Damen hatten Recht. Ein Sonnenschutz muss her und zwar sofort. Doch die einzigen Schirmmützen, die es zu kaufen gibt, sind Fussballmützen. Und zwar von der Schweiz, Frankreich und Portugal. Müssen wir unseren Sohn unbedingt als Loser ans Jugendfest schicken? Wir müssen, denn einen Sonnestich würde uns unser Sohn noch weniger verzeihen, als die lächerliche Mütze mit Schweizerkreuz drauf. Doch Kinder wissen sich immer zu helfen. Unser Sohn verbrachte fast den ganzen Tag am Schatten.  

Entsorgt

Der Säufer ist weg. Nun ja, so ein Haushaltgerät mit Alkoholproblem ist wirklich kein Vorbild für kleine Kinder. Kaum hatte er seinen Rausch ausgeschlafen, ging’s in den nächstgelegenen MMM. Dort gab der Kerl allerdings noch seine letzte peinliche Vorstellung. Tropfte einfach noch eine Lache von abgestandenem Wein auf den Boden, bevor ihn der Verkäufer in den Container hieven konnte. Also wirklich, hat der sich denn gar nicht mehr im Griff? Zum Glück sind wir ihn los!

Der Ersatz war schnell ausgesucht. Und Dank eines Kredits von der Mutter, die in solchen Situationen gerne hilft, auch schnell bezahlt. Der Säufer hätte sich für sein Ableben nämlich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können. Sonderbar war nur, dass der Verkäufer  mehrmals darauf hinwies, dass das neue Gerät auf keinen Fall mit Flüssigkeit in Kontakt kommen dürfe. Als ob man solche Ermahnungen nötig hätte. Immerhin ist man Hausfrau und käme nie auf den Gedanken, einem Staubsauger auch nur einen Tropfen Flüssiges zuzumuten. Das gestern war ja nur ein kleiner Ausrutscher. Und ausserdem war der Sauger ganz selber Schuld. Warum musste der Gierhals auch all den Wein in sich hineinsaufen, wo er doch eigentlich die Scherben hätte fressen sollen?
Doch vergessen wir die leidige Angelegenheit und wenden wir uns noch kurz etwas anderem zu, nämlich dem Adler. Der war nun vielleicht doch keiner. Unsere Tochter meinte heute Morgen, es könnte sich auch um eine Krähe gehandelt haben. Also war es vermutlich ein Kolibri. Denn wenn aus einem  Adler über Nacht eine Krähe wird, war das Tier in Wirklichkeit wohl noch viel kleiner. Fragt sich nur, wie sich ein Kolibri in unsere Breitengrade verirren sollte. Aber da wir die Sache wohl nie genau werden ergründen können, bleiben wir  bei der ursprünglichen Version mit dem Adler. Irgendwie müssen Legenden ja entstehen.

Von Adlern und besoffenen Staubsaugern

Der Freund unserer Tochter kann zaubern. Ganz sicher. Sie hat es selber gesehen. Da sahen sie doch heute auf dem Heimweg vom Kindergarten diesen Adler. Ja, es war wirklich ein Adler  und nicht etwa eine Elster oder eine Krähe. Und dieser Adler war tot. Also ja, vielleicht war er tot, vielleicht verrichtete er auch nur sein Geschäft. Auf jeden Fall hat der Freund unserer Tochter das Tier wieder lebendig gemacht. Wie er das gemacht hat konnte unsere Tochter nicht erklären. Aber der Adler flog wieder.
Vielleicht könnte der Junge auch unserem Staubsauger wieder auf die Beine helfen. Der liegt nämlich seit heute Nachmittag stockbesoffen im Keller. Irgendwie schafften es die sechs Kinder, die heute im Keller eine abgewandelte Form von Räuber und Gendarm spielten, fünf Weinflaschen zu zerschlagen. Momente später standen sechs panische Kinder in der Küche und berichteten von einem mit Scherben bedeckten Fussboden, davon, dass sämtliche Weinflaschen zerbrochen seien. Man hätte glauben können, der ganze Keller sei mit Wein überschwemmt.
Nun, was tut die Mutter in so einem Moment? Sie schnappt sich den erstbesten Besen und Haushaltpapier, um die Sauerei zu beseitigen. Nachdem dass Gröbste erledigt ist, kommt der Staubsauger zum Einsatz. Zu dumm nur, dass etwas viel Wein in den Teppich geflossen ist. Nach zwei Minuten beginnt es zu stinken, Rauch steigt auf, dann tropft nur noch Wein aus dem Schlauch.
Tja, da liegt er nun, unser besoffener Staubsauger. Mal sehen, ob der Freund unserer Tochter wirklich zaubern kann…

Diktat

Es kommt zwar nicht oft vor. Doch da man sich in einer Familie gegenseitig hilft, liegt zuweilen ein Stapel von Diktaten auf dem Tisch, die korrigiert werden sollten. Gestern war es mal wieder soweit. Der Anfang war ziemlich knifflig. Zuerst einmal galt es, die teils grässlichen Klauen zu entziffern. Zu unseren Zeiten achteten die Lehrer doch noch auf Schönschrift, oder nicht? Aber das sagt man besser nicht zu laut, sitzt doch der betroffene Lehrer gleich daneben und korrigiert Matheprüfungen. Und ausserdem sollte man nacher noch im gleichen Bett schlafen.

So macht man sich an die Arbeit. Als Erstes muss der Text rekonstruiert werden, denn der liebe Lehrer – er ist wirklich ein Lieber – hat das Original im Schulzimmer vergessen. Wessen Version ist wohl die Vertrauenswürdigste? Wer kommt dem Original am nächsten? Derjenige, der von "Felsblocken" schreibt, oder der mit den "Felsbrockn"? Vielleicht ja auch die mit den "Steinbrocken"? Nach einigen Durchgängen kristallisiert sich "Felsblock" als richtig heraus. 
Jetzt kann man sich endlich an den herrlichen orthographischen Verirrungen weiden. Dass kaum einer der Fünftklässler in der Lage ist, "Nähe" und "Tiefe" als Nomen zu erkennen, ist zwar einigermassen erschütternd. Wenn aber "Göschenen" zu "Göschönnön" wird, ist das doch wunderschönn, ähm, ich meine wunderschön. Und wenn die "Alte Frau" ein "Kreutz" in den Felsblock "rizzt", verleiht dies unserer manchmal etwas trägen Sprache doch gleich viel mehr Pep. 
Nun, so schön diese Beispiele auch sein mögen, irgendwann wird man müde. Und so entfährt es einem nach dem fünfzehnten Diktat plötzlich: "Wie kann man in der fünften Klasse noch so dumm sein und Brücke mit einem 'ck' schreiben!". "Brücke schreibt man mit 'ck' ", bemerkt der Lehrer trocken und irgendwie ist man froh, dass er einem nicht sogleich das Blatt wegnimmt und eine 1 draufschreibt.