Familienträume

Solange du noch keine Kinder hast, stellst du dir das Familienleben ja irgendwie so vor: Am Morgen sitzt ihr alle zusammen friedlich am Tisch,trinkt frisch gepressten Orangensaft und esst dazu vollwertiges, hausgemachtes Müesli. (Ich glaube mich zu erinnern, dass in meiner Fantasiefamilie oft auch frische Waffeln, Scones oder Blaubeermuffins auf den Tisch kamen. So wie bei meiner amerikanischen Gastfamilie. Aber damals war mir noch nicht bewusst, dass meine Gastmutter nie Mittagessen kochen musste, weil die Töchter in der Schule assen. Und auch kein Abendessen. Das erledigte die Mikrowelle für sie.) Ihr unterhaltet euch ein wenig über den Tag und was ihr von ihm erwartet, räumt gemeinsam den Tisch ab und verlasst dann einer nach dem anderen geputzt und gestriegelt das Haus, währenddem sich die Küche auf magische Weise selber aufräumt. Die Kinder gehen zur Schule, wo sie brav sind, fleissig mitmachen und glänzende Noten schreiben, damit sie dereinst in der Lage sind, aller Welt zu zeigen, dass sie Gottes Geschenk an die Menschheit sind. Die Eltern verdienen derweilen ungestört das Geld, das ihr braucht, um in Frieden und Eintracht miteinander zu leben. Mittags und abends kommt ihr dann wieder in eurer selbstreinigenden Wohnung zusammen, um das Familienleben zu geniessen.

Tja, und dann wachst du eines Tages in einer Realität auf, in der ein guter Tag dadurch gekennzeichnet ist, dass keiner sich weigert, eine saubere Unterhose anzuziehen, du von niemandem zur Schnecke gemacht wist, weil seine längst überfälligen Hausaufgaben nicht mehr auffindbar sind und niemand an einer ominösen Übelkeit leidet, die „Deinen“ und dich darüber diskutieren lässt, wer von euch beiden heute Abstriche bei der Arbeit macht. So gesehen hatten wir vorgestern einen ausgesprochen harmonischen Start in den Tag. 

Das Theater ging erst am Mittag los, als einer sich mit der unsäglichen Forderung konfrontiert sah, nach dem Essen einen sauberen Pullover anzuziehen.

Elterliches Dilemma

Reissen wir Eltern Witze, wissen sie inzwischen, dass sie wenigstens so tun sollten, als fänden sie uns lustig, weil wir sonst wieder eine Schnute ziehen.

Erteilen wir Aufträge, werden die in der Regel ernst genommen und in – grob geschätzt – 75 Prozent der Fälle auch ausgeführt.

Wenn einer von uns beinahe platzt vor lauter Zorn, dann kuschen sie.

Unsere politischen Ansichten können sie inzwischen fast fehlerfrei nachbeten und mir scheint, die zwei Ältesten seien auf bestem Wege, die Dinge gleich zu sehen wie wir.

Was wir immer und immer wieder gepredigt und vorzuleben versucht haben, wird allmählich in ihrem Handeln sichtbar.

Manchmal lassen sie sich bereitwillig von uns helfen und an ganz guten Tagen sind sie sogar gewillt, einen Rat von uns anzunehmen.

Fühlen sie sich von uns schlecht behandelt, dann bringen sie das auf den Tisch. Nicht immer so freundlich und nett, wie wir uns das wünschen würden, aber doch so offen und ehrlich, dass wir es in der Regel annehmen können, nachdem wir ein paar mal leer geschluckt haben. 

Es soll sogar vorkommen, dass sie hinter unserem Rücken gut über uns reden.

Man könnte also durchaus sagen, sie würden auf uns hören und uns ernst nehmen.

Sagen wir jedoch zu einem von ihnen: „Kind, in diesem Bereich hast du wirklich Talent. Das macht dir so schnell keiner nach. Du dürfest durchaus mutiger sein und zweigen, was du drauf hast“, kommt nur ein verständnisloses „Ach, das sagt ihr jetzt nur, weil ich euer Kind bin und ihr mich einfach toll finden müsst“ zurück. Und dann wird sofort das Thema gewechselt, nicht dass am Ende noch einer auf die Idee käme, darüber zu reden, wie man das Licht unter dem Scheffel hervorholen könnte.

Himmel, wir drohen ihnen doch nicht, sie zu einem Talentwettbewerb anzumelden! Wir wollen sie doch nur ermutigen, die Dinge zu pflegen, die ihnen in die Wiege gelegt worden sind.

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Punkt. Oder vielleicht doch nicht.

Wir Mütter halten uns gerne für furchtbar modern in Sachen Social Media.

Auf Facebook präsentieren wir unsere Erfolge am Herd, die wunderbare Aussicht aus dem Ferienhaus und die Weisheiten, die uns zwischen Kinderzimmer, Job und Waschküche so einfallen. 

Auf Instagram zeigen wir der ganzen Welt, was wir schön finden. Sonnenuntergänge, Blumen, Cupcakes und dergleichen. Oder, um es mit Luises Worten zu sagen: „Mütter posten auf Instagram einfach so…also, wie soll ich sagen…halt einfach so langweilige Sachen. Richtig doof halt.“

Auf Twitter lassen wir zwischen der zerquetschten Banane, die wir vom Teppich geklaubt haben und den Legos, auf die wir mit nackten Füssen getreten sind, in 140 Zeichen Dampf ab. Manchmal posten wir auch kurze, knackige Kindersprüche, über die wir nicht alleine lachen wollen.

Um uns mit unseren Freundinnen zu unterhalten, springen wir flugs zwischen WhatsApp und Messenger hin und her, gelegentlich checken wir aber auch noch SMS, weil ein paar wenige dort hängen geblieben sind. 

Man munkelt gar, einige von uns seien schon auf Snapchat gesichtet worden. (Keine Ahnung, ob an dem Gerücht etwas Wahres dran ist, ich bin dort bestimmt nicht anzutreffen.)

Selbstverständlich stehen wir auch pausenlos mit unseren Knöpfen in Kontakt. Wir rufen sie über WhatsApp zum Mittagessen, versöhnen uns spät abends via Messenger, wenn es zwischen uns gekracht hat und teilen ihnen unsere Gefühle auf jedem erdenklichen Weg mit rosaroten Herzchen, kleinen grauen Regenwolken und Tränen lachenden Emojis mit.

Oh ja, wir sind voll in, wir Mütter. Oder wir glauben es zumindest. Bis zu dem Moment, in dem Töchterchen via WhatsApp wissen will: „Mama warum setzt du eigentlich am Ende jeder deiner Nachrichten einen Punkt… sowas macht doch heute kein Mensch mehr“

Und wenn du zur Antwort gibst, zu deinen Zeiten seien Punkte am Satzende eben noch voll in gewesen, bekommst du nicht nur ein Tränen lachendes Emoji zur Antwort, sondern eine ganze Reihe davon, weil Menschen, die nicht wissen, dass Punkte am Satzende etwas für die Schule, aber ganz bestimmt nichts für Social Media sind, einfach zum Brüllen komisch sind. 

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Wo soll das bloss hinführen?

Seit Karlsson am Gymnasium ist, wird am Esstisch öfter mal über Chemie, Physik und dergleichen gesprochen. Anfangs war das eher ein grosses Gejammer, doch mit der Zeit hat unser Ältester gemerkt, dass das Zeug ganz interessant sein kann, wenn man sich vertieft damit auseinandersetzt. Weil Prinzchen grundsätzlich alles cool findet, was Karlsson tut und er ausserdem einen naturwissenschaftlich interessierten Freund gefunden hat, wurden Chemie, Physik und dergleichen auch für unseren Jüngsten zum Thema.

Als im Herbst Prinzchens Geburtstag nahte, bekam ich eines Tages eine Liste in die Hand gedrückt mit den Titeln sämtlicher Kindersachbücher, die auf dem Gabentisch erwünscht waren. Chemie, Physik, Astronomie, Mathematik… (Okay, da stand auch ein Buch über berühmte Komponisten und eins über den ersten Weltkrieg auf der Liste, aber die Stossrichtung war eindeutig.)

Einige Wochen nach dem Geburtstag verkündete der kleine Prinz, er wolle dereinst Chemiker und Mathematiker werden. Mein einziger Trost bei diesen beunruhigenden Nachrichten war die falsche Betonung von „Mathematiker“. Wer die Berufsbezeichnung nicht richtig aussprechen kann, wird ja wohl kaum so richtig wissen, was er will, nicht wahr? 

Zu Weihnachten musste ein Experimentierkasten her. Natürlich der Grösste, der zu haben war. 

Heute hielt er mir die Begleitbroschüre seines Experimentierkastens unter die Nase. Er wollte das Periodensystem der Elemente erklärt bekommen. Mehr als die rudimentärsten Basics konnte er von mir natürlich nicht in Erfahrung bringen, denn mein bruchstückhaftes Grundwissen liegt schon längst tief begraben unter dem ganzen Kram, der sich seit der Matura in meinem Kopf angesammelt hat. 

Ob man es als Glück bezeichnen darf, dass eine Freundin zugegen war, die dem Prinzchen mit lebendigen Schilderungen erklären konnte, was es mit der bunten Tabelle auf sich hat? Für ihn ganz bestimmt, denn er bekam nicht nur viele gute Antworten auf seine Fragen, es wurde auch sein Appetit nach mehr geweckt. Für mich hingegen… Na ja, welche Mutter nimmt es schon locker, wenn sie erkennen muss, dass ihr Stern gerade sehr tief gesunken ist, weil sie ihrem Sohn nicht erklären kann, was ihn brennend interessiert? 

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Wer den Mann oder die Frau des Lebens in sehr jungen Jahren gefunden hat, kennt die Situation: Ihr verbringt einen netten Abend mit Freunden, die Stimmung ist wunderbar und du bist so locker drauf, dass du gerade heraus sagst, was du denkst. „Diese Hose ist potthässlich“, zum Beispiel. Oder: „Der Abend bei deinen Eltern war voll langweilig.“ Oder: „Picknicken finde ich total doof.“ Oder sonst irgend eine Sache, die man halt so sagt, wenn man glaubt, zu allem eine Meinung äussern zu müssen, weil man noch nicht begriffen hat, dass man jetzt einen geliebten, aber ausgesprochen sensiblen Menschen an seiner Seite hat. Und darum ist der Abend von diesem Moment an im Eimer. Solange die anderen noch dabei sind, fällt dir bloss auf, dass der Mann oder die Frau an deiner Seite plötzlich etwas kurz angebunden ist, sobald ihr aber alleine seid, geht es los mit dem ganzen „Du weisst doch, wie sehr es mich verletzt, wenn man mein Äusseres kritisiert und ich bin der einzige Mensch auf diesem Planeten, der meine Eltern nicht mögen darf und wenn du Picknicks nicht liebst, liebst du auch mich nicht.“ Im besten Fall seid ihr euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe ihr endlich wieder so richtig verliebt seid.

Wenn ihr allmählich erwachsen werdet, lernt ihr, miteinander umzugehen. Falsche Bemerkungen geraten nicht mehr so leicht in den falschen Hals, jeder weiss vom anderen, wie die Dinge gemeint sind und irgendwann wird die Zeit zu zweit zu knapp, so dass ihr sie ganz bestimmt nicht mit banalen Streitereien vergeuden wollt. So kommt es, dass du dich allmählich wieder daran gewöhnst, ohne Rücksicht auf die Gefühle deiner Mitmenschen zu sagen, was du denkst. Du lässt dich wieder dazu verleiten, laut zu verkünden, wie hässlich du hellgraue Wände findest, wie doof ein bestimmter Comic deiner Meinung nach ist und was du über den Gebrauch von zu viel Parfum denkst. Tja, und dann sitzt da plötzlich ein Teenager vor dir, der dich mit grossen, traurigen Augen ansieht, weil du mit deiner herzlosen Aussage seine Gefühle verletzt hast und irgendwie kommt dir die Situation sehr bekannt vor. 

Im besten Fall seid der Teenager und du euch nach stundenlanger Gefülsanalyse, tausend Beteuerungen, dass es nicht so gemeint war und einer tränenreichen Versöhnung ein Schrittchen näher, als ihr es vorher wart. Im schlimmsten Fall kaut ihr drei Wochen lang an der Episode, ehe die Luft zwischen euch wieder richtig rein ist. Ob du dich je trauen wirst, wieder ganz entspannt deine Meinung zu äussern, ist fraglich. Der Satz „Meine Mutter hat immer so abschätzig… und darum habe ich es nie geschafft…“ kommt dir ja auch noch von irgendwo bekannt vor…


 

Was ich mir für 2017 wünschen würde

  • Dass Frieden wieder als ein absolut erstrebenswerter Zustand betrachtet wird und nicht als ein vollkommen veraltetes Konzept für Memmen, die es nicht wagen, anderen aufs Dach zu geben.
  • Dass Kinder ihre unheimliche Fähigkeit verlieren, jede Ersatzpackung Zahnbürsten sofort aufzuspüren und aufzureissen. (Selbstverständlich gilt dieser Wunsch für jede beliebige Art von Ersatzpackungen, die man irgendwo versteckt, in der Hoffnung, Ersatz zur Hand zu haben, wenn es mal dringend nötig wäre.)
  • Dass es wieder möglich wird, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, hitzig zu diskutieren und einander trotzdem zu mögen.
  • Dass Pokémonologie zum Pflichtfach an jeder Schule erklärt wird, weil nur so eine gewisse Möglichkeit besteht, dass die Knöpfe endlich ihr Interesse an den Viechern verlieren.
  • Weniger Religiosität und mehr echten Glauben.
  • Dass das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus wieder richtig in Mode kommt.
  • Die Abschaffung von Überraschungseiern, als Kokosnüsse getarnten Aludosen, Wochendendtrips nach New York, in Plastik geschweissten Gurken und anderem Blödsinn.
  • Eine Extraportion Nächstenliebe für jeden Menschen auf diesem Planeten.
  • Regen
  • Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen nicht einer motzt.
  • Dass soziale Medien nicht immer asozialer werden. (Also, ich meine jetzt nicht, weil alle nur noch auf ihre Displays starren…)
  • Dass alle Kinder lernen, Blumenkohl zu lieben (Für den Anfang reichen auch zwei oder drei. Hauptsache, der Zoowärter muss sich nicht immer so unverstanden fühlen, wenn er von seiner Leibspeise schwärmt.)
  • Dass der Wahnsinn, der in letzter Zeit so furchtbar modern ist, ein Ende findet, bevor wir glauben, er sei ganz und gar normal.
  • Dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die mitdenken und mitgestalten, anstatt einfach nur mitzulaufen.
  • Mindestens einen Abstimmungssonntag, an dem ich nicht Trübsal blasen muss.
  • Friede, Freude, Eierkuchen – aber echt jetzt!

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Der weibliche Teenager während der Schulferien

Vor längerer Zeit habe ich mal beschrieben, wie der männliche Teenager seine Schulferien hinter sich bringt. Heute möchte ich darüber berichten, wie das beim weiblichen Teenager vor sich geht:

Zu sehen bekommt man den weiblichen Teenager allerfrühestens vor dem Mittagessen, manchmal auch erst gegen 14 Uhr. Wortkarg macht sie sich am Küchenschrank zu schaffen. Sind Cornflakes da, füllt sie sich eine Schale und verschwindet wieder in ihrem Zimmer. Sind keine Cornflakes da, schimpft sie lauthals auf ihre Brüder, die immer alles wegfressen und schnappt sich sonst etwas Essbares, um damit im Zimmer zu verschwinden. Da auch alle anderen spät gefrühstückt haben, beschliesst du, heute aufs Kochen zu verzichten. Ein Entscheid, den du Mitte Nachmittag bitter bereuen wirst, weil dann ein ziemlich übel gelaunter weiblicher Teenager wissen will, ob du gedenkst, heute vielleicht irgendwann eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen.

Mit einem anständigen Zvieri lässt sich der knurrende Magen und damit der ganze Teenager besänftigen und du kannst dich wieder anderen Dingen zuwenden, denn sie muss sich jetzt der Körperpflege widmen. Gegen Abend ist sie nicht nur frisch geduscht, sauber angezogen und artig frisiert, sie hat auch ganz ohne deine Ermahnungen das unter Wasser stehende Badezimmer wieder sauber gemacht. Dann verschwindet sie wieder in ihrem Zimmer, das sie erst wieder verlässt, wenn sie zum Abendessen gerufen wird. In der Regel stochert sie bloss ein wenig in ihrem Teller rum, denn das späte Frühstück und der anständige Zvieri sind noch nicht ganz verdaut. Nachdem sie ihr Geschirr weggeräumt hat, verschwindet sie wieder nach oben, bis die kleinen Brüder in ihren Betten sind.

Irgendwann, so zwischen halb neun und halb elf, kommst du auf die Idee, du könntest dir jetzt allmählich den Feierabend gönnen. Du brauchst das nicht laut zu sagen, es reicht schon aus, es nur zu denken und schon kommt der weibliche Teenager frisch und munter angetrabt. Ist der grosse Bruder zu Hause, steigt in der Küche eine laute, lustige spätabendliche Party, die erst ein Ende nimmt, wenn ein entnervter Elternteil dem lustigen Treiben mit einer Standpauke ein Ende setzt. Ist der grosse Bruder nicht zu Hause, macht sie sich eben mit dir einen netten Abend. Sie hat dir ja soooooo viel zu erzählen. Vielleicht lässt du dich sogar zu einem Film oder zu einer Runde Online-Shopping überreden. Oder du hast ein paar Tipps für sie auf Lager, wie es ihr am nächsten Tag wohl am besten gelingen könnte, endlich ihr Zimmer aufzuräumen, denn das will sie in diesen Ferien unbedingt erledigen.

Auf alle Fälle hat sie jetzt richtig Lust, Zeit mit ihrer Mama zu verbringen. An guten Tagen freust du dich über die späte Mama-Tochter-Zeit, an weniger guten Tagen siehst du dich dazu gezwungen, ihr unmissverständlich klar zu machen, dass du morgen früh wieder zu sprechen wärest, wenn sie denn wach wäre. So oder so wirst du noch bis tief in die Nacht hinein von ihr hören, denn wenn ihr Tag erst nach dem Mittagessen so richtig angefangen hat, kann man ja wohl kaum erwarten, dass er bereits vor Mitternacht wieder zu Ende ist. 

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 Fast schon Etikettenschwindel

Wer – wie ich – regelmässig auf Pinterest nach vegetarischen Rezepten und Tipps für den Biogarten sucht, wird früher oder später mit Clean-Eating-Pins regelrecht überschwemmt. Irgendwie scheint der Algorithmus zu glauben, wer fleischlos und mehr oder weniger naturnah unterwegs ist, sei damit automatisch am aktuellen Ernährungshype – an dem in Tat und Wahrheit nur der Name neu ist – interessiert. Um den Algorithmus nicht zu beleidigen, habe ich mir einen dieser Pins etwas näher angeschaut. Das Thema war „Clean Baking“und die Frage lautete, wie man all die bösen, raffinierten Backzutaten durch „saubere“ Alternativen ersetzt.

Anstelle von dreckigem Weissmehl solle man Mandelmehl verwenden, hiess es da zum Beispiel. Böse Butter müsse durch Kokosöl, Mandelmus oder Erdnussbutter ersetzt werden, fieser Zucker durch Ahornsirup, Datteln oder zerdrückte Bananen. Das Ei vom Bauernhof soll durch Chiasamen und Wasser ausgetauscht werden. Natürlich stehen auf der Liste auch ein paar einheimische Zutaten, aber ein Grossteil der aufgeführten Alternativen wird ziemlich weit hergeholt und wächst ganz bestimmt nicht in den urbanen Gärten der sauberen Esser.

Gesünder und vollwertiger als der ganze raffinierte Mist, den wir in uns hinein schaufeln, ist das ganz bestimmt. Aber „sauber“? Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen Kokosöl, Mandelmehl, Bananen, Chiasamen und der gleichen hätte, und gegen bewusste Ernährung habe ich erst recht nichts einzuwenden. Aber spätestens wenn man sich mal ein paar Gedanken darüber macht, auf welchem Wege diese Dinge in unsere Küchen gelangen, müsste einem dämmern, dass die ganze „Sauberkeit“ schnell einmal durch ziemlich dreckige Luft, Wassermangel und andere Umweltsünden zunichte gemacht wird.

Aber wer will denn schon darüber nachdenken? Wo es doch so erbauend ist, sich selber bei jeder Mahlzeit sagen zu dürfen, was für ein guter Mensch man ist, weil man sich so ganz und gar rein ernährt.

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Weshalb es hier so still war

Natürlich hätte ich etwas schreiben können. Aber das wäre dann ein endloses Gejammer geworden über den aggressiven Käfer, der mich ausgerechnet jetzt so lange ausser Gefecht gesetzt hat. Vielleicht auch eine wüste Schimpftirade über die Ärztin, die es wichtiger findet, mein Gewicht zu kritisieren, als sich meines Käfers anzunehmen. Möglicherweise auch ein ausgiebiges Bad im Selbstmitleid, weil man sich doch die Weihnachtstage so anders wünscht. 

Gejammer, Schimpftirade, Selbstmitleid – all das scheint mir wenig angebracht, wenn die Nachrichten voll sind von echtem Elend. Klar, nur weil es anderen sehr viel dreckiger geht, kommt unser Leben noch lange nicht ohne seine Herausforderungen aus und in der Regel finde ich es auch in Ordnung, darüber zu berichten. Doch nur, wenn es mir gelingt, den Lesern mit dem Geschriebenen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern oder sie einen Moment lang zum Nachdenken zu bewegen. Weil ich aber sowohl für Humoristisches als auch für Tiefgründiges zu schlapp war, habe ich eben geschwiegen.

Glaubt mir, es war besser so, denn mein Gejammer hättet ihr wirklich nicht lesen wollen. 

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Nur schnell einen Termin vereinbaren

Es liegt mir fern, zu behaupten, früher sei alles besser gewesen (auch wenn man sich in diesen trüben Tagen unbeschwertere Zeiten herbeisehnt), aber wenn ich mir überlege, was man heute alles auf sich nehmen muss, um einen ganz banalen Arzttermin zu bekommen, sehne ich mich schon fast ein wenig nach dem griesgrämigen, hochnäsigen Hausarzt aus Kindertagen. Nun gut, ihn wünsche ich mir eigentlich nicht zurück, denn er war wirklich ein ausgesprochen unsympathischer Zeitgenosse, aber das simple Prozedere, das damals noch möglich war, um zu ihm zu gelangen, das fand ich eigentlich ganz nett.

Das ging damals nämlich so:

Waren wir krank, blieben wir im Bett, bis wir wieder gesund waren. Waren wir sehr krank, überlegte meine Mutter so lange, ob wir zum Arzt gehen sollten, bis die Sache ausgestanden war und sich der Besuch erübrigte. Waren wir sehr sehr krank, liess sie sich einen Termin geben, ein paar Stunden später sassen wir eingeschüchtert im Untersuchungszimmer, wo wir aufs Gründlichste durchgecheckt und ausgeschimpft wurden, weil wir ja bestimmt irgend etwas falsch gemacht hatten, um so krank zu werden, dann gab es ein Rezept und damit war die Sache erledigt.

Heute hingegen geht das so:

Bist du krank, bleibst du im Bett, bis du wieder halbwegs im Stande bist, deiner täglichen Arbeit nachzugehen. Also etwa drei Stunden oder so. Bist du sehr krank, schmeisst du Medikamente ein, bleibst etwas länger im Bett und fragst Dr. Google, ob du dir Sorgen machen musst. Weil dein Arbeitgeber ein Arztzeugnis verlangt – oder weil du einer der Menschen bist, die sich von Dr. Google nervös machen lassen -, entschliesst du dich, zum Arzt zu gehen.

Als verantwortungsbewusster Bürger, der nicht unnötig dazu beitragen will, die Krankenkassenprämien in noch schwindelerregendere Höhen zu treiben, rufst du natürlich nicht direkt in die Praxis an, sondern fragst erst mal beim telemedizinischen Dienst um Erlaubnis. Wie das genau gehen soll mit dem Kostensparen durch Telemedizin, erschliesst sich mir leider nicht, denn in meiner Erfahrung sind diese Dienste so hysterisch, dass sie dich sogar dann zum Arzt schicken, wenn Dr. Google noch lässig in seinem Sessel lehnt und brummt: „Wegen diesem Mückenschiss brauchst du dich nun wirklich nicht gleich so aufzuregen.“

Nun, sie mögen hysterisch sein, diese Telemediziner, das heisst aber noch lange nicht, dass du sogleich zum Telefon greifen darfst, um beim Hausarzt einen Termin zu vereinbaren. Erst wollen die netten Leute nämlich noch ein paar Bilder von deinem Leiden sehen. Bilder, die gefälligst gut belichtet sein sollen und die dein Gebrechen von unten, von oben, von hinten, von vorne und dann noch einmal von unten, aber diesmal bitte schräg zeigen. Also kämpfst du dich mit letzter Kraft von deinem Krankenlager hoch, um in deiner Wohnung die Stelle zu finden, die perfekte Lichtverhältnisse für das Shooting bietet. Weil du diese Stelle nie auf Anhieb findest, bist du vollkommen entkräftet, wenn du endlich mit dem Fotografieren loslegen kannst. Und jetzt geht der Stress erst richtig los. Versuch mal, beispielsweise deine Zunge – von unten, von oben, von hinten, von vorne und dann noch einmal von unten, aber diesmal bitte schräg – so ins Bild zu bekommen, dass die Leute, die sich das ansehen müssen, wirklich nur deine Zunge zu sehen bekommen und nicht auch noch dein Gesicht, das bei den ganzen Verrenkungen, die du anstellen musst, gar nichts anderes sein kann, als eine hässliche Fratze. Man wird sich ja wohl noch einen letzten Funken Eitelkeit bewahren dürfen, auch wenn man krank ist. Zudem weiss man nie, wer die Bilder zu sehen bekommt. Am Ende lachen sich ein paar schnöselige Lackaffen in der Kaffeepause ob deiner Horror-Selfies schlapp.

Nun, irgendwann sind die Bilder gemacht. Jetzt brauchst du also nur noch die App, die man neuerdings für das Einsenden solcher Fotos benötigt, zu installieren, deine Krankenkassendaten einem undurchsichtigen System anzuvertrauen und die Bilder hochzuladen, bis du wieder ins Bett gehen kannst, um auf den Rückruf der Telemediziner zu warten.

Im besten Fall sind deine Symptome gänzlich abgeklungen, bis man dich endlich zurückruft und du kannst dem Teledoktor bescheiden, du bräuchtest den Termin, den er dir hätte bewilligen sollen, nicht mehr. Im schlechtesten Fall lässt der Rückruf bis Freitagnachmittag, 16:57 Uhr auf sich warten, dir geht es so elend wie zuvor und so hast du die Wahl, bis Montag vor dich hin zu seuchen oder einer jener Deppen zu sein, die wegen einer nicht wirklich schlimmen aber halt doch ziemlich mühsamen Sache auf dem Notfall aufzukreuzen.

Und selbst wenn der Rückruf mal schnell und zu einem günstigen Zeitpunkt kommt, heisst das noch lange nicht, dass der Weg zum Hausarzt jetzt frei ist. In der Regel werden Hausärzte nämlich von feuerspeienden Vorzimmerdrachen bewacht und die wollen ganz genau wissen, ob du die Aufmerksam des Gottes in Weiss wirklich verdient hast, oder ob du nur wieder einer von denen bist, die sich von Dr. Google haben aufhetzen lassen. Und wag es bloss nicht, den Drachen mit der Bemerkung „Ich hatte schon einmal fast die gleichen Symptome, vielleicht ist es wieder eine ähnliche Geschichte wie beim letzten Mal“ zu besänftigen. Drachen mögen keine Patienten, die glauben, die Symptome, die sie am eigenen Leib spüren, hätten irgend eine Bedeutung für die Diagnosenstellung.

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