Von wegen spielend leicht…

Jetzt, wo die Garage endlich weg ist, muss natürlich so schnell wie möglich das Gewächshaus aufgestellt werden. Es wartet nun ja schon ein paar Monate im Keller darauf, gebraucht zu werden und auch die Tomatenpflanzen werden allmählich ungeduldig. „Wann bekommen wir endlich den Platz, den du uns schon vor vielen Wochen versprochen hast?“, zischen sie jedes Mal, wenn ich sie giesse. „Bald“, beschwichtige ich dann, „wir müssen nur Zeit finden, das Gewächshaus aufzubauen.“ 

Heute – der erste terminfreie Mittwochnachmittag seit einer gefühlten Ewigkeit – fanden wir Zeit, und weil wir unsere Sache ganz besonders gut machen wollen, schauten wir uns zuerst die Videos an, die der Hersteller gedreht hat, um den Kunden zu zeigen, wie spielend leicht sich das Häuschen aufstellen lässt. In diesen Videos tänzelt ein sehr vertrauenserweckend dreinblickender Herr in seinen besten Jahren über einen grasgrünen Rasen und schraubt die Einzelteile zusammen. Jede seiner Bewegungen strahlt Ruhe und Besonnenheit aus, jeder Handgriff sitzt auf Anhieb, sein Blick sagt, dass ihm in Sachen Gewächshäuser keiner was vormachen muss. Hilfe braucht er selbstverständlich nicht und vermutlich liegt ihm auch ein nettes Liedchen auf den Lippen, aber das kann man leider nicht hören, denn der Film wurde in Österreich gedreht und dort scheinen sie alles, was nicht Spielfilm ist, mit einer seichten, gequält fröhlichen Computermusik zu untermalen. Nach einer geschätzten halben Stunde steht der Kerl vor dem fertigen Haus, beide Daumen in die Höhe gereckt, sein Blick leicht gelangweilt, denn das hier war ganz offensichtlich keine Herausforderung für ihn. 

„Sieht ziemlich einfach aus“, meinte „Meiner“, ich pflichtete ihm bei und wir machten uns an die Arbeit. Fünf Minuten lang ging alles gut, dann kam einem von uns beiden das erste „Sch…..!!!!“ über die Lippen. Danach ein „Kannst du mir mal schnell mit dieser Schrau….?“, was von einem „Nein! Kann ich nicht! Diese blöde Ecke hier klemmt“ unterbrochen wurde. So ging das eine Weile hin und her, dann stellten wir fest, dass wir zwei Teile falsch zusammengeschraubt hatten. Als dieser Fehler ausgebügelt war, kam die Sache mit der Verstrebung, die nicht passen wollte und dann ging eine Schraube verloren, danach klemmte schon wieder eine Ecke, worauf wir feststellten, dass zwei weitere Teile falsch zusammengeschraubt waren und nachdem dies wieder ausgebügelt war, rutschte die Querverstrebung weg und dann musste „Meiner“ weg, denn nur weil der Mittwochnachmittag terminfrei ist, heisst das noch lange nicht, dass es der Mittwochabend ihm gleichtut. 

Während „Meiner“ weg war, sass ich auf der Gartenmauer und dachte an den Mann im Video. Ob der das wirklich so spielend leicht hingekriegt hat? Oder ist das mit der Ruhe und dem vertrauenserweckenden Blick nur eine Masche, damit man nicht schon von Anfang an nervös und gereizt ist? War er am Ende vielleicht gleich überfordert wir wir und die haben die ganze „Sch…..!!!“ und das andauernde „Diese elende Ecke klemmt schon wieder“ einfach rausgeschnitten? 

Ich werde es nie wissen. Dafür weiss ich, dass wir deutlich mehr als ein geschätztes halbes Stündchen brauchen werden, bis die Tomaten einziehen können. Stolz bin ich aber trotzdem, denn morgen, wenn sie wieder motzen, werde ich sagen können: „Immerhin steht schon das Grundgerüst. Das hättet ihr ganz bestimmt nicht hingekriegt.“ 

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Keine Zeit für Sentimentalitäten

Zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre lang hatten wir diese himmlische Ruhe am Ende des Schuljahres. Alle anderen mochten von einem Schultermin zum nächsten hetzen, wir aber konnten uns mehr oder weniger zurücklehnen. Klar, da war das eine oder andere Schülerkonzert und natürlich durften wir es nicht verpassen, unsere Kinder für die Schulreise mit Proviant auszurüsten, aber keiner belästigte uns mit Picknicks zum Schuljahresende und anderem Kram. Nicht mal, als letztes Jahr eine Lehrerin, die vier von unseren fünf Kindern unterrichtet hatte, in Pension ging, mussten die Eltern zu einer Abschlussfeierlichkeit antraben. Etwas Positives hat es also doch, wenn eine Lehrperson am Ende ihrer Laufbahn derart schulmüde ist, dass sie den Kindern ohne grosse Sentimentalität den Rücken kehrt. 

Leider kann ein solcher Zustand nicht ewig dauern. Irgendwann dämmert einer überengagierten Lehrperson oder einer Schulleitung, die beweisen will, wie aktiv sie ist, dass die Eltern schon lange nicht mehr in der Schule waren und dann wird der Terminkalender gefüllt. Abende, an denen die Klassen präsentieren, woran sie in den vergangenen Monaten gearbeitet haben, Sporttage, bei denen die Eltern vorgängig angefleht werden, sie möchten doch bitte den Wettkämpfen beiwohnen, zusätzliche Musikschulkonzerte, weil eins pro Jahr plötzlich nicht mehr reicht. Und das alles in dem Jahr, in dem Karlsson die Volksschule abschliesst, was uns einige Anlässe beschert, bei denen unsere ungeteilte Sentimentalität gefragt wäre.

Wie sollen wir denn noch richtig wehmütig darüber werden, dass aus dem kleinen, schüchternen Jungen innerhalb von neun Jahren ein grosser, selbstbewusster Halbwüchsiger geworden ist, wenn wir atemlos zu seiner Projektpräsentation angerannt kommen, nachdem wir beim Zoowärter im Schulzimmer die Bienen bestaunt haben? Wo bleibt die Zeit, uns nach seinem letzten Auftritt an der hiesigen Musikschule die Tränen der Rührung wegzuwischen, wenn wir zu Hause wieder den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Üben antreiben müssen, damit er ein paar Tage später im Nachbardorf „The Final Countdown“ auf der Trompete blasen kann? Wie sollen wir den Kauf des Konfirmandenanzugs zelebrieren, wenn wir zugleich die schier unlösbare Aufgabe haben, für Prinzchen ein schwarzes T-Shirt ganz ohne Aufdruck aufzutreiben, das er am Jugendfestumzug tragen soll? (Nach welchen Unifarben wir für die anderen Kinder suchen müssen, wissen wir noch nicht, aber es wird ganz bestimmt aufwändig werden, denn das ist es immer.)

Ein bisschen mehr Rücksichtnahme auf unseren von Meilensteinen angefüllten Terminkalender hätte man von den Lehrern schon erwarten dürfen. Immerhin hatten sie an Karlsson – im Gegensatz zu seinen kleinen Brüdern, die sie jetzt unterrichten – nie etwas auszusetzen. (Na ja, sie fanden jeweils, er sei zu schüchtern, aber das hat sich ja inzwischen gelegt.)

 

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Interkulturelle Dialogversuch, Nachtrag

Zwei Menschen, die liebend gerne im Dreck wühlen, um ihr eigenes Gemüse zu ziehen, würden sich immer verstehen, egal welche Sprache sie sprechen, habe ich vor einigen Tagen grossmäulig behauptet. Ganz Unrecht hatte ich damit natürlich nicht, denn in den groben Zügen verstehen wir uns wirklich erstaunlich gut, die Nachbarin aus Griechenland und ich. Eine gemeinsame Sprache, die etwas mehr beinhaltet als Gestik, Mimik und den einen oder anderen Wortfetzen wäre trotzdem ganz praktisch. Mit dem Überreichen des halben Kürbisses wollte unsere Nachbarin mir nämlich nicht bloss ihre Sympathie bekunden, sie überbrachte mir auch eine wichtige Botschaft und zwar die Folgende: 

„Hör mal, ich verreise jetzt wieder für ein paar Monate nach Griechenland und dieser Kürbis würde im Keller verrotten, also nimm ihn und mach etwas Gutes daraus. Er hat noch Samen drin, die du vielleicht für deinen Garten brauchen kannst. Ach, und vergiss bitte nicht, gut auf Prinzchens besten Freund aufzupassen, bis ich wieder nach Hause komme. Du weisst ja, dass ich ihn normalerweise betreue, wenn seine Mama arbeitet, aber wenn ich in Griechenland bin, geht das leider nicht und bei dir fühlt er sich ja ebenso wohl wie bei mir. Und du hast ja auch gewusst, dass du mich im Sommer vertreten wirst, ich hab‘ bloss vergessen, dir zu sagen, wann wir abreisen. Also mach’s gut. Wir sehen uns im Herbst wieder.“

Das also hätte sie mir sagen wollen, doch das dämmerte mir erst, als sie schon weg war. Aber eigentlich war es auch nicht weiter schlimm, dass ich die Botschaft des Kürbisses nicht verstanden habe. Prinzchen und sein bester Freund stecken ohnehin vom frühen Morgen bis zum späten Abend zusammen, da macht es eigentlich keinen Unterschied, ob sie nun hier ist oder in Griechenland.

Nur unsere Konversation beim Jäten, die wird mir fehlen. 

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Nachruf auf eine Garage

Es war einmal eine Garage. Ein langweiliges, unauffälliges Gebäude aus dünnem Metall, das von seinem Besitzer aber sehr geliebt wurde. Dies muss man zumindest annehmen, denn die Garage war nicht nur perfekt eingerichtet, sie trug auch ihre eigene Hausnummer. Dennoch kam der Tag, an dem sich der Besitzer von seiner Garage und dem dazu gehörenden Haus trennen musste. Das Ganze machte einfach zu viel Arbeit. 

Die neue Hausbesitzerin hegte der Garage gegenüber keine besonderen Gefühle, aber sie war ganz zufrieden mit ihr. Das kleine, rote Auto fühlte sich darin sehr wohl, ausserdem war da Raum für all die Dinge, die man zwar nicht jeden Tag, aber ganz bestimmt gelegentlich braucht. Auch wenn sie nicht mehr ganz so gepflegt und gehätschelt war wie in früheren Tagen, ging es der Garage doch ziemlich gut. Ihre Dienste wurden immerhin geschätzt. Dann aber kam der Tag, an dem die neue Besitzerin des Autofahren aufgab. 

Jetzt waren die Tochter und der Schwiegersohn für den Autoabstellplatz zuständig und man muss leider sagen, dass es nun steil bergab ging. Das Auto der neuen Besitzer weigerte sich rundheraus, je in der Garage zu übernachten. Der Krempel türmte sich, die Farbe blätterte ab, die Kinder turnten auf dem Dach herum, irgendwann – man weiss nicht genau wie es kam – wies eines der Tore gar eine wüste Delle auf. 

Das alles war natürlich schon ziemlich schlimm für die einst geliebte Garage, noch schlimmer aber war das frevelhafte Geschwätz, das dem mitgenommenen Gebäude zu Ohren kam. „Reissen wir das Ding doch einfach ab“, sagte die Tochter der vormaligen Besitzerin. „Wir könnten den Platz doch wirklich besser nutzen. Ein Auto ist nichts weiter als ein Gebrauchsgegenstand, warum also soll es sein eigenes Haus haben? Schenken wir diesen Platz doch den Tomaten und den Gurken.“ Der Garage wurde heiss und kalt bei diesem Gerede. Sie war in die Gewalt einer rücksichtslosen Träumerin geraten. 

Zum Glück für die Garage hatte der Ehemann dieser Träumerin etwas mehr Bodenhaftung. „Klar wäre es schöner, wenn hier ein Gewächshaus stünde“, sagte er, „aber wie um alles in der Welt willst du das Monstrum abreissen?“ Natürlich war die Garage zutiefst beleidigt, dass er sie Monstrum genannt hatte, aber immerhin hatte er sich für ihren Verbleib auf dem Grundstück ausgesprochen. 

Die Träumerin aber liess sich von solchen Einwänden nicht beirren. Immer und immer wieder begann sie davon zu reden, wie viel schöner es doch wäre ohne die alte Garage, immer konkreter wurden ihre Pläne, immer öfter lag sie ihrem Mann in den Ohren. Irgendwann war dieser weichgeklopft. „Okay, die Garage kommt weg“, sagte er.

Damit war es aber noch nicht ganz aus mit der Garage, denn wenn die Träumerin und ihr Mann einen Entschluss fassen, kann es noch eine ganze Weile dauern, bis der endlich in die Tat umgesetzt wird. Erst als der Mann einen kennen lernte, der sich mit dem Niederreissen von unerwünschten Gebäuden auskennt, ging es vorwärts. Die arme Garage wehrte sich zwar nach Kräften gegen ihr Ende, sie klammerte sich an den Untergrund, drückte sich mit letzter Kraft gegen den sie stützenden Erdwall und weigerte sich standhaft, ihre dünnen Wände auseinander reissen zu lassen.

Doch ihr Heldenmut war vergeblich, am Samstag, 28. Mai 2016 landete ihre letzte Wand auf dem Alteisenstapel. 

Die Träumerin und ihr Mann weinen der Garage keine Träne nach.

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Interkultureller Dialogversuch, Teil VI

Für einmal nicht mit meiner Verwandtschaft aus Italien, sondern mit unserer Nachbarin, einer älteren Griechin, die ausser „Hallo“, „Tschüss“ und „Salat“ wohl kein Wort Deutsch spricht:

Ich bin im Garten am Jäten, unsere Nachbarin kommt an den Zaun und schaut mir zu. Sie zeigt strahlend auf mein Halbrundbeet und sagt ein Wort auf Griechisch, das keinerlei Ähnlichkeit mit einem mir bekannten Wort hat, von dem ich aber ziemlich sicher bin, dass es „Artischocken“ bedeuten muss, denn die wachsen dort, wo sie hinzeigt.

Ich: „Ja, Artischocken! Ich liebe sie.“ Meine irren Verrenkungen, die ich als Begleitung meiner Worte einsetze, sollen ihr zeigen, mit welchem Genuss ich die Dinger verspeise.

Nachbarin: Ergiesst einen griechischen Redeschwall über mich, gestikuliert dazu und sagt mir damit wohl, dass sie Artischocken auch wunderbar findet.

Ich gehe ein paar Schritte weiter, um ein paar lästige Neophyten auszureissen, die Nachbarin folgt mir und plaudert munter weiter. Da sie gerade bei einer frisch erblühten Rose steht, nehme ich an, dass sich ihr Geplauder inzwischen um Rosen dreht.

Ich: „Rosen sind wunderbar, nicht wahr? Ich kann nicht genug bekommen von ihnen.“

Nachbarin: Plaudert munter weiter und zeigt jetzt auf die Erbsen, die gerade erblüht sind. Ihr Tonfall lässt mich ahnen, dass die wissen will, ob es wirklich Erbsen sind, oder ob ich eine Banause bin, die lieber nur Wicken anpflanzt.

Ich: „Ja, das sind Erbsen. Auf der linken Seite eine alte, violette Sorte, rechts ebenfalls eine alte Sorte, aber sie sind früher reif und blühen weiss.“ Um sicher zu gehen, dass sie mich versteht, zeige ich ihr die Schoten, die bei der weiss blühenden Sorte bereits zu sehen sind.

Nachbarin: Strahlt über das ganze Gesicht, plaudert weiter und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie jetzt weiss, dass ich Erbsen gepflanzt habe, denn sie verwendet das eine Wort, das sie schon in ihrer Frage genannt hat, immer und immer wieder.

Wir gehen weiter, denn vorne an der Ecke hat es noch mehr Neophyten, die ich loswerden möchte. In der Nähe steht ein Fingerhut, der gerade seine ersten Blüten öffnet.

Nachbarin: Zeigt erst mit zornigem Blick auf den Fingerhut, dann schaut sie mich ganz besorgt an. Das Ganze natürlich von einem weiteren Redeschwall begleitet.

Ich: „Ja, ich weiss, Fingerhut ist giftig, aber keine Angst, die Kinder wissen das, sie werden sich also nicht daran vergreifen. Im Gegenteil, sie warnen mich jedes Mal, wenn ich die Pflanze nur schon anfasse.“

Ob sie wirklich auf die Giftigkeit der Blume hinweisen wollte und ob sie verstanden hat, dass ich verstanden habe, weiss ich nicht. Auf jeden Fall ist unser Gespräch jetzt erschöpft.

Ich: „Tschüss! Schönen Tag noch!“

Nachbarin: „Tschüss!“

Wie gut wir uns trotz unserer Sprachbarriere verstehen, zeigt sich ein paar Stunden später, als ich Zoowärter und Prinzchen im Nachbarhaus, wo auch Prinzchens bester Freund wohnt, abholen will. Als sie mich im Treppenhaus hört, ruft sie schnell den Vater von Prinzchens bestem Freund – ebenfalls ein Grieche – herbei. Die beiden unterhalten sich kurz, er fragt, ob wir Kürbis mögen, dann verschwindet sie in ihrer Wohnung. Augenblicke später kommt sie mit einem halben Kürbis zurück. „Sie hat die Samen drin gelassen. Für deinen Garten“, erklärt der Vater von Prinzchens bestem Freund und mir wird klar, dass zwei Menschen, die liebend gerne im Dreck wühlen, um ihr eigenes Gemüse zu ziehen, einander immer verstehen werden, egal, welche Sprache sie sprechen.

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Evaluiert

Evaluieren (Definition Duden): sach- und fachgerecht beurteilen, bewerten

Evaluieren (Definition Eltern, die zum Schulevaluationsgespräch eingeladen werden): Endlich mal den Kropf leeren und den ganzen Frust rauslassen, der sich über die Jahre angestaut hat.

Ich hätte ja wissen müssen, dass es in dieser Elternrunde nicht besonders sach- und fachgerecht zugehen würde. Wenn man die Eltern dazu einlädt, ihre Meinung zu äussern, melden sich wohl vorwiegend diejenigen, die ihrem Ärger Luft machen möchten. Ein Stück weit kann ich es auch verstehen. Zuweilen fühlt man sich einfach so machtlos und es gibt ja auch wirklich Pädagogen, die ganz dringend über einen Berufswechsel nachdenken sollten. Und auch dort, wo die Dinge gut laufen, gäbe es die eine oder andere Sache, die man verbessern könnte. 

Aber wenn man manchen Eltern zuhört, könnte man glauben, ihr Nachwuchs werde Tag für Tag in einem finsteren Verlies von sadistischen Folterknechten geschunden und gepeinigt. Und zwischendurch, wenn die armen Geschöpfe ein wenig Freigang haben, fallen sie übereinander her wie die Häftlinge in einem überfüllten Gefängnis. 

Oh ja, auch ich bin nicht immer glücklich mit unserer Schule und die eine oder andere Leidensgeschichte geht mir wirklich nahe, aber wenn man von manchen Müttern fast schon feindselig angeschaut wird, bloss weil man laut und deutlich sagt, dass es da auch ein paar Lehrpersonen gibt, die ihren Job richtig gut machen, dann frage ich mich, ob das Problem wirklich nur bei der Schule liegt.

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Tochter geht vor

In letzter Zeit immer wieder:

„Ich muss nur noch…“

„Gleich, sobald ich fertig bin…“

„Ja, natürlich wäre das schön, aber erst mal muss ich…“

„Noch ganz kurz dies. Und dann noch kurz das. Und dann noch…“

„Gleich, habe ich gesagt. Aber das hier ist dringend…“

Immer im Haus, aber nie richtig anwesend. Anspannung, Ungeduld, gereizte Worte. Darum heute früh der spontane Entscheid:

„Pfeif auf deine Pflichten! Luise hat zwei Stunden schulfrei, also bist du jetzt einfach mal Mama. Der Rest kann warten.“

Nur ein gemeinsames Frühstück, ein bisschen Hausaufgaben, ein bisschen quatschen und natürlich einen klitzekleinen Wunsch erfüllt und der Tag war für beide besser, als er gewesen wäre, wenn ich den Pflichten den Vortritt gelassen hätte.

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Überdruss

Verschwörungstheorie

Ein öder Beitrag, der mir nur vorgeschlagen wird, weil ich für eine Zeitungskolumne etwas Ödes gegoogelt habe

Drei dicht aufeinanderfolgende, mit kitschigen Bildern hinterlegte Sinnsprüche, die einander im Grundsatz widersprechen, was eigentlich erstaunt, da sie von der gleichen Person im Abstand von wenigen Sekunden geteilt worden sind

Schon wieder eine Verschwörungstheorie

Ein Bild von einer kitschigen Torte

Noch eine Verschwörungstheorie

Die Geburtsanzeige eines mir wildfremden Babys, die ich nur zu sehen bekomme, weil eine sehr weit entfernte Bekannte, mit der ich befreundet bin, die glücklichen Eltern kennt 

Ein spannender Artikel, den ich unbedingt mal lesen will, wenn ich Zeit habe

Ein neuer Rekord, der irgend ein Freund bei irgend einem Game erreicht hat

Eine Serie von Testergebnissen, welche eine mir fremde Person, die sich offenbar gerade ein wenig langweilt, gepostet hat und die nun ein Freund, der sich vielleicht auch gerade ein wenig langweilt, kommentiert hat

Werbung für ein Buch, das ich – wie die doch eigentlich wissen müssten – bereits bestellt habe

Ein Beitrag zur nächsten Abstimmung, leider aus der falschen politischen Ecke, darum nicht zu like

Sportresultate, die irgend einer, der sich für sowas interessiert, mit allen teilen will, was einer meiner Freunde toll findet

Verwackeltes Video eines Babys, das irgendwo am anderen Ende der Welt lebt und anscheinend so viel toller ist als alle anderen Babys auf diesem Planeten, weshalb wir ihm jetzt alle dabei zusehen sollen, wie es seinen Brei löffelt

Ein spannendes Bild, das mir einen kleinen Einblick in den Alltag eines lieben Menschen verschafft

Fingernägel

Verschwörungstheorie

Fingernägel

Werbung

Fingernägel

Wettbewerb

Fingernägel

Eine mir fremde Familie auf einem Familienausflug an einem mir fremden Ort, gelikt von einer mir fast fremden Person

Fingernägel

Das Bild einer griechischen Landschildkröte, die irgendwo in Norddeutschland vermisst wird

Fingernägel

Spannende Analyse zu einem Thema, das mich brennend interessiert

Fingern… Ach, ihr wisst schon. So geht das nun schon seit Wochen und Monaten und allmählich frage ich mich, ob ein Leben mit Facebook wirklich so viel besser ist.

(Aber dann steige ich trotzdem nicht aus, weil irgend jemand, den ich wirklich mag, etwas wirklich Grossartiges postet, das ich auf gar keinen Fall hätte verpassen wollen. Und überhaupt: Wo würde ich dann meinen eigenen, weltbewegenden Kram verbreiten?)

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Womit man sich als unerfahrene Mutter so tröstet…

Wenn der Dreijährige sich dauerhaft im Nein-Modus befindet: „Ja, er ist ein totaler Sturkopf, seine Trotzanfälle wollen kein Ende nehmen. Aber es hat ja auch sein Gutes, wenn ein Kind einen starken Willen hat. Später lässt er sich bestimmt nicht so leicht mit der Masse treiben und geht seinen eigenen Weg.“

Eine Weisheit, die sich ein paar Jahre später tatsächlich als wahr herausstellt. Bloss hat Mama nicht damit gerechnet, dass dieser starke Wille sich nicht nur gegen den Willen der Masse stellt, sondern weiterhin auch ganz gerne mit ihrem starken Willen konkurriert. 

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Wenn die Knöpfe weder Zucchini, noch Auberginen noch Tomaten essen wollen: „Irgendwann wird sich ihr Geschmacksempfinden ändern und dann werde ich wieder alles kochen können, was ich mag.“

Auch diese Weisheit bewahrheitet sich, wenn der kindliche Geschmack erwachsen wird. Manch ein Heranwachsender wird gar von tiefer Reue gepackt, dass er diese Delikatessen über Jahre verschmäht hat und so klagt er mitten im tiefsten Winter: „Wann kochst du endlich wieder mal Ratatouille?“ und er wird dein salopp hingeworfenes „Wenn das Zeug wieder Saison hat“ mit ausdauerndem Schmollen quittieren.

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Wenn täglich schon im Morgengrauen Tagwache ist: „Eines Tages werden sie nicht vor Mittag aus dem Bett gekrochen kommen.“

Wenn man von gewissen Ausnahmen absieht, ist das tatsächlich so, aber das gilt leider auch für Tage, an denen man ein volles Programm hat und ganz gerne vor dem Mittagessen aus dem Haus käme.

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Wenn das Kind Nacht für Nacht ins Elternbett schlüpft, weil es sich vor Monstern fürchtet: „Irgendwann wird es wissen, dass es keine Monster gibt und dann werden wir alle ruhiger schlafen.“

Nun gut, die meisten Kinder hören tatsächlich eines Tages auf, an Monster zu glauben. Leider erfahren sie aber wenig später, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die schlimmer sind als das schlimmste Monster, das je unter ihrem Bett gelauert hat und dann tauchen Ängste auf, die sich nicht mit einem „Na gut, dann schläfst du eben bei uns“ vertreiben lassen.

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Wenn Globi, Chasperli, Pingu oder sonst eine Nervensäge in der Endlosschlaufe läuft: „Der Tag wird kommen, an dem sie das Zeug nicht mehr lustig finden und dann herrscht Ruhe.“

Stimmt, der Tag, an dem sie das Zeug nicht mehr lustig finden, kommt tatsächlich, aber Ruhe herrscht deshalb noch lange nicht, denn dann tritt Youtube mit seinen zahllosen hirnverbrannten Videos, die genau auf den pubertären Humor zugeschnitten sind, in ihr Leben. Und wenn das seinen Reiz verloren hat, entsinnen sie sich plötzlich wieder der Helden ihrer Kindheit und brüllen unter schallendem Gelächter pausenlos: „De Groll i siinere Hööli isch en dumme Löööli“ und damit ist Globi wieder zurück im Rennen. 

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Wenn man es allmählich satt hat, jeden Tag für die Meute am Herd zu stehen: „Wenn wir sie nur fleissig mithelfen lassen, werden sie sich schon bald selber etwas kochen können.“

Eine Weisheit, die sich erstaunlich früh bewahrheitet, worüber man sich von Herzen freuen darf. Man sollte allerdings bedenken, dass die Meinungen, wann eine Küche nach dem Kochen als „sauber und aufgeräumt“ zu bezeichnen ist, sehr weit auseinandergehen.

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Drachenkampf

Morgen früh muss die Abschlussarbeit abgegeben sein und heute Abend, als er – ohnehin nicht ganz fit – den letzten Schliff vornehmen will, ist plötzlich alles, was er in den vergangenen Tagen noch ergänzt hat, verschwunden. Er ist verärgert, fügt alles noch einmal neu ein, speichert brav jeden einzelnen Schritt ab, ist mit allem fertig – und bekommt eine Fehlermeldung. Wieder alles weg, noch einmal alles einfügen, immer wieder zwischenspeichern – und wieder die Fehlermeldung. Er kratzt seinen letzten Rest an Geduld zusammen, lässt sich dank meiner Überredungskunst davon abhalten, den ganzen Kram, an dem er monatelang gearbeitet hat, zu löschen und fügt noch einmal alles ein. Abschnitt für Abschnitt kämpft er sich zum Ziel, jede Seite, die korrekt ist, wird sofort ausgedruckt, damit nichts mehr schiefgehen kann. Die Nerven liegen blank, aber er wird es schaffen.

Was soll eine Mutter bloss dazu sagen? Na, was wohl? „Tief durchatmen, mein Sohn. Du wirst den Computer bezwingen, koste es, was es wolle. Am Ende wirst du als Sieger dastehen, auch wenn es Mitternacht wird, bis du den Kerl niedergerungen hast. Aber lass dir eins gesagt sein: So wird es jetzt jedes Mal laufen, wenn du einen wichtigen Abgabetermin hast. Der Computer kann deine Anspannung riechen. Frag bloss nicht wie, aber er kann es. Er wird mit aller Macht verhindern wollen, dass du deine Deadline einhalten kannst. Und glaub bloss nicht, du würdest mit der Zeit den Dreh raushaben, wie du das verhindern kannst, denn er wird dir jedes Mal einen anderen Felsbrocken in den Weg legen, an dem deine Arbeit fast zerschellt. Nicht verzweifeln, mein Junge, so ist das Leben, aber genau so, wie wir es noch jedes Mal auf den letzten Drücker geschafft haben, wirst auch du es schaffen. Als Zeichen deines Heldenmutes wirst du morgen einen blassen Teint und schwarze Augenringe tragen und jeder wird wissen, dass du einer von denen bist, die den Drachen unserer Zeit zu bezwingen wissen.“

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