Schräge Weihnachten

11:20 Uhr: Sieben nicht gerade motivierte Vendittis machen sich mit Topfpflanze, Pains au Chocolat und einer Tasche voller Kinderbeschäftigungen auf den Weg zur Bushaltestelle, um Schwiegermama zu besuchen. 

11:40: Wir steigen in den Zug, der in einer halben Stunde abfahren wird, um uns zu Schwiegermama zu bringen. 

11:45: Ein Mann aus dem hinteren Abteil ruft laut vernehmlich: „Ich will sterben!“ Die kleinen Vendittis hören ihn nicht, die mittelgrossen Vendittis schwanken zwischen Verunsicherung und Belustigung, die grossen Vendittis sind froh, dass die Kleinen nichts gehört haben.

11:47: Der Passagier aus dem hinteren Abteil äussert schon wieder seinen Wunsch, sterben zu dürfen, diesmal etwas lauter, aber zum Glück nicht laut genug, um das Spiel der kleinen Vendittis zu stören.

11:50: Der Sterbewillige geht aufs Perron, um eine zu rauchen.

11:55: Er ist wieder im Zug, ruft schon wieder laut vernehmlich: „Ich will sterben!“ Die kleinen Vendittis hören noch immer nichts.

12:02: Noch einmal „Ich will sterben!“ Das Prinzchen stupst den Zoowärter an: „Hast du gehört, was der Mann dort hinten gerade gesagt hat?“ „Nein, was denn?“, antwortet der Zoowärter und spielt weiter. 

12:05: Ein Mann steigt in den Zug, setzt sich ins Abteil des Sterbewilligen, der jetzt, wo er endlich ein direktes Gegenüber hat, beharrlich schweigt. 

12:10: Der Zug fährt endlich ab, um uns zu Schwiegermama zu bringen.

12:25: Ich wage eine Prophezeiung. „Schwiegermama schenkt jedem von euch zwanzig Franken, Papa bekommt ‚Ferrero Rocher‘ und ich einen Panettone. Wenn ich recht habe, gibt’s für jeden 5 Franken Zuschlag auf Schwiegermamas Weihnachtsgeld.“

12:55: Ankunft bei Schwiegermama. Die Topfpflanze, die wir ihr überreichen, wird in einer Ecke platziert, wo man sie möglichst nicht sehen kann. „Meiner“ versucht, die Pains au Chocolat in Schwiegermamas winzigem Gefrierfach unterzubringen. 

13:00: Antipasti und Cola.

13:30: Lasagne mit Fleisch, mit Fleisch und Ei, ohne Fleisch und Ei, dazu nervöse Eltern, die versuchen, den Nachwuchs zum Essen zu motivieren, bevor Schwiegermama sich um die Gesundheit der lieben Kleinen sorgt. 

13:55: Prinzchen und Zoowärter haben noch immer nichts gegessen, was wir Eltern um des lieben Friedens Willen für einmal durchgehen liessen, was aber Karlsson nicht toleriert, da er sich noch sehr genau daran erinnert, wie er jeweils vor einem von Schwiegermama überfüllten Teller sass, nicht essen mochte, aber essen musste, weil sich Schwiegermama sonst um seine Gesundheit gesorgt hätte. 

14:10: Schwiegermama räumt die Teller weg, weil sie nicht mitbekommen hat, dass Karlsson seinen Brüdern befohlen hat, noch drei oder vier Bissen zu essen. Das Prinzchen zeigt keine Reaktion, aber der Zoowärter begeht den grossen Fehler, breit zu grinsen, was Karlsson auf den Plan ruft, der dafür sorgt, dass sein Bruder die drei oder vier befohlenen Bissen doch noch runterwürgt. Gerechtigkeit muss sein, wenigstens bei dem einen, der nicht schnell genug war, um vom Esstisch zu verschwinden. 

14:20: FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen gehen auf den Spielplatz.

14:30: Schwiegermama findet, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen seien zu laut auf dem Spielplatz, man müsse doch auf die Nachbarn Rücksicht nehmen, immerhin sei heute Weihnachten. 

14:35: Wir verdonnern die Kinder dazu, sich vor die Glotze zu setzen. 

14:40: Schwiegermama drückt Karlsson hundert Franken in die Hand. Er soll mit seinen Geschwistern teilen, zwanzig Franken für jeden. Karlsson dankt artig und grinst mich triumphierend an. Ich bin aber nicht bereit, mein Versprechen aus dem Zug einzulösen, solange „Meiner“ seine „Ferrero Rocher“ nicht bekommen hat und ich keinen Panettone. 

15:05: Schwiegermama holt ein stinkbilliges Tablet hervor, das ihr die italienische Verwandtschaft geschenkt hat. Offenbar sind sie davon ausgegangen, dass sie nur ein Gerät braucht, um den Anschluss ans Internetzeitalter zu schaffen. Irgendwie würde sie dann schon herausfinden, wie das geht.

15:07: Während im Hintergrund Disney Channel dröhnt, versucht Schwiegermama mir zu erklären, dass sie eigentlich gar nicht so recht weiss, was sie mit diesem Tablet anfangen soll. Bis jetzt habe sie erst begriffen, dass sie auf gar keinen Fall auf google – sie spricht das so aus, wie man es schreibt – gehen dürfe, weil sonst sämtliche Daten gelöscht würden. Das habe ihr ein Bekannter gesagt. Ich versuche, ihr zu erklären, dass das nicht stimmt.

15:10: Schwiegermama brüllt mir jetzt zu, der Bekannte habe ihr gesagt, das Bild mit dem Strand sei das Internet, aber das könne doch nicht sein, denn dieses Bild erscheine ja immer, wenn sie das Gerät einschalte. Ich brülle zurück, da habe sie natürlich recht, das Bild vom Strand sei nicht das Internet sondern das Hintergrundbild und dann brülle ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten zu, er solle gefälligst den Ton beim Fernseher leiser schalten, wir am Tisch könnten unser eigenes Gebrüll nicht mehr verstehen. 

15:15: Ich stehe vor einer schwierigen Entscheidung. Soll ich den Rest des Nachmittags damit verbringen, Schwiegermama in die Welt von google, Twitter, Facebook und Youtube einzuführen oder soll ich den Teufel an die Wand malen, um ihr ganz furchtbar viel Angst vor diesem neumodischen Zeugs einzujagen, damit ich mir die ganze Mühe sparen kann? So oder so werde ich ganz furchtbar viele Worte brauchen, um Schwiegermama etwas verständlich zu machen, was sie eigentlich nur glaubt, verstehen zu müssen, weil man ihr dieses doofe Tablet in die Hände gedrückt hat. Der FeuerwehrRitterRömerPirat brüllt, wir sollten gefälligst leiser brüllen, er könne nicht mehr verstehen, was am Fernseher gesagt wird. 

16:00: Mein Mund ist jetzt so fusselig geredet, dass „Meiner“ übernehmen muss. „Wenn du Internet willst, richten wir dir ein anständiges Tablet mit dem Allernötigsten ein, wenn du kein Internet willst, nehmen wir die SIM-Karte aus dem Gerät und versorgen das Ding.“ Schwiegermama will kein Internet. Gott sei Dank. 

16:05: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Schwarzwäldertorte voll. Wir nutzen die Gelegenheit, um sie in einer angemessenen Lautstärke darauf aufmerksam zu machen, dass sie bitte etwas leiser fernsehen sollen, weil wir uns sonst nicht unterhalten können. 

16:30: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Panettone voll. Sie nutzen die Gelegenheit, um uns in einer angemessenen Lautstärke darauf aufmerksam zu machen, dass wir bitte etwas leiser reden sollen, weil sie sonst nicht richtig fernsehen können. 

16:35: Schwiegermama holt eine Packung „Ferrero Rocher“ (diesmal gemischt mit andern Klassikern aus dem Hause Ferrero) und zwei Panettoni aus dem Schrank. Für uns, zum Mitnehmen. Na, dann werde ich eben tun müssen, was die Kinder von mir erwarten, wo Schwiegermama doch auch getan hat, was ich von ihr erwartet habe. 

16:55: Werbepause. Die Fernsehenden stopfen sich mit Guetzli, Nüssen und Rosinen voll. Wir nutzen die Gelegenheit, um ihnen zu sagen, dass der Zug bald fährt, weshalb sie nur noch eine Folge fertig schauen dürfen und das bitte etwas leiser, damit wir uns in angemessener Lautstärke von Schwiegermama verabschieden können. 

17:05: Schwiegermama versucht, das Prinzchen zum Abschied zu küssen.

17:10: Auf dem Weg zum Bahnhof. Prinzchen erklärt: „Wenn Grossmama rauchfrei wäre, hätte sie mich schon küssen dürfen, aber so doch nicht!“

17:20: Wir sitzen im Zug, „Meinem“ fallen die Augen zu, Luises Kopf fällt schwer auf meine Schulter, irgendwann kann auch ich die Augen nicht mehr offen halten. Im Halbschlaf höre ich, wie Karlsson motzt, wir seien eine verpennte Bande. 

17:45: Ich schrecke hoch, weil „Meiner“ mich ins Bein beisst. Himmel, kann der mich nicht auf eine zivilisierte Weise darauf aufmerksam machen, dass wir demnächst ankommen und ich gefälligst aufwachen soll?

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Wunschlos

Dass Karlsson ein ziemlich glücklicher Mensch ist, wusste ich schon, aber wie wunschlos dieses Glück sein kann, wurde mir in den vergangenen Tagen bewusst. „Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?“, fragte ich eins ums andere Mal und immer lautete die Antwort: „Ich weiss nicht so recht….“ Nicht frustriert oder traurig klang das, sondern eher so nach „Eigentlich hätte ich ja schon gerne ein Geschenk, aber ich weiss beim besten Willen nicht, was mir in meinem Leben fehlen sollte.“

Tja, was macht man da? Einfach nichts schenken? Geht nicht, denn erstens mag Karlsson Geschenke und zweitens wäre es ziemlich mies, wenn er dabei zusehen müsste, wie alle anderen ihre Päckchen auspacken. Ein Gutschein oder ein Geldgeschenk? Viel zu einfallslos für einen Menschen, den wir von Herzen lieben. Ein Erlebnis schenken? Wäre eigentlich ja schön, aber das gab’s schon zum Geburtstag. Durch die Stadt hetzen und ein blödes Verlegenheitsgeschenk auftreiben? Kommt nicht in Frage, dafür ist mir die Zeit zu schade und einfach schenken, damit etwas geschenkt ist, finde ich ziemlich doof. 

Fast hätten wir Karlsson doch ein Geldgeschenk unter den Tannenbaum gelegt, als mir plötzlich das perfekte Karlsson-Geschenk in den Sinn kam. (Na ja, morgen wird sich dann zeigen, ob es wirklich perfekt ist, aber die Leute, die ihn gut kennen, finden die Idee ganz gut.Was es ist, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten, da Karlsson gelegentlich bei mir mitliest.)

Inzwischen bin ich ganz froh, dass unser Ältester nicht wusste, was er haben möchte. Wie sonst hätte ich wieder mal die Erfahrung gemacht, wie schön es ist, für einen geliebten Menschen etwas Passendes auszusuchen, anstatt in den Laden zu marschieren und zu sagen: „Ich brauche die Lego-Packung Nummer 3435436767678, dann noch die Nummer 5768679876976865756 und falls sie noch nicht ausverkauft ist, auch noch die Nummer 23423443545657578.“ 

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Wer ist hier alt?!

Heute früh an der Reception ein für meine Ohren äusserst erbauliches Gespräch zwischen zwei Angestellten, beide um die Zwanzig.

Receptionistin: „Meine Mutter ist jung.“

Kellnerin: „Wie alt ist sie denn?“

R: „Dreiundvierzig.“

K: „Boah, so alt!“

R: „Dreiundvierzig ist nicht alt.“

K: „Aber sicher doch. Steinalt.“

R: „Sicher nicht. Ich bin fast zwanzig, sie ist dreiundvierzig, mein Bruder ist acht. Sie ist jung.“

K: „Glaub mir, sie ist alt. Alles über vierzig ist alt.“

Da überlege ich mir doch gleich, ob ich vor der Abreise noch kurz einen auf Obelix machen soll. Ihr versteht schon: Mit irrem Blick in den Frühstücksraum platzen, mich vor der Kellnerin aufbauen und brüllen: „Wer ist hier alt?!“

Und danach der Receptionistin für ihr Wohlverhalten provokativ ein fettes Trinkgeld zuschieben. 

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Gleich um die Ecke

Das Spannende an der Schweiz ist ja, dass man nur ein paar Kilometer reisen muss, um in eine ganz und gar andere Welt zu gelangen. Diesmal bin ich an einem Ort gelandet,

  • wo es Menschen gibt, die sich offiziell Wisel nennen und gäbe es Google nicht, wüsste man nicht, ob das ein ernst gemeinter Vorname oder eine ziemlich schräge Verballhornung ist. (Glaubt bloss nicht, ich würde euch die Antwort liefern, selber denken macht schlauer.)
  • wo Frauen in Netzstümpfen, hochhackigen Stiefeln und ultrakurzem Mini am Brunnen vor dem Kloster das (in meinen Augen angeblich) heilige Wasser gleich kanisterweise abfüllen.
  • wo Anzugsträger zwischen zwei Terminen das gleiche (in meinen Augen angeblich) heilige Wasser gierig vom Brunnen trinken. 
  • wo am Sonntagmorgen alle Richtung Klosterkirche strömen, du als einzige gegen den Strom gehst und deshalb andauernd vom Trottoir gedrängt wirst, was dir auch ganz recht geschieht, wo du dich mit deinem gegen den Strom-Gehen zweifelsfrei als Ketzerin entlarvst.
  • wo ein gestandener, elegant gekleideter Herr ein riesiges Goldkreuz an einer Halskette spazieren führt.  
  • wo man es sich trotz offensichtlicher Frömmigkeit nicht nehmen lässt, am vierten Advent sämtliche Geschäfte offen zu haben. 
  • wo die Einwohner offenbar nicht nur einander mit Vornamen kennen, sondern auch noch wissen, wie der Hund an der Leine heisst.

Wahrlich ein spannender Ort für eine, die gerne beobachtet, ohne dazu zu gehören und darum habe ich mich von „Meinem“ dazu überreden lassen, eine Nacht länger zu bleiben. Die Glucke weiss noch nichts davon. Ich schätze mal, das gibt ein Donnerwetter, wenn ich am Dienstag um die Mittagszeit nach Hause komme.

Ich habe ihr zur Besänftigung schon mal ein paar Lebkuchen gekauft. Die sind hier nämlich besonders schön. 

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Far far away…

 

Grundsätzlich finde ich es ja ganz nett, wie die modernen Technologien uns ermöglichen, mit Menschen in Verbindung zu stehen, die weit weg sind. Man bleibt so schön auf dem Laufenden, weiss Bescheid über den Nachwuchs von ehemaligen Schulkameraden, erkennt, mit wem man beim nächsten Treffen besser nicht über Politik zu reden anfängt und staunt, dass man doch tatsächlich Menschen kennt, die für jede Verschwörungstheorie empfänglich sind.

Ganz spannend also, aber auch ziemlich anstrengend, wenn man mal ein paar Tage verreisen möchte. Einfach so verschwinden geht heutzutage nicht mehr, denn die Cellolehrerin kann dich nicht nur anrufen, sie erreicht dich auch per WhatsApp und so erfährst du, dass der Zoowärter mal wieder nicht in der Stunde erschienen ist, obschon du alles genau eingefädelt hast und dich solche Sachen in diesem Moment ganz und gar nicht interessieren.

Aber auch wenn die Cellolehrerin dich in Ruhe lässt – die Stunde ist heute ausgefallen, die Sache mit dem Zoowärter war beim letzten freien Wochenende -, gelingt es dir nicht ganz, dich von den Geschehnissen zu Hause fernzuhalten. Luise kommuniziert nämlich momentan mit ihrem Papa lieber via Mama und so erwartet dich im Hotel, nachdem du das WLAN-Passwort eingegeben hast, als erstes eine Sprachnachricht deiner verzweifelten Tochter, die vergessen hat, dem Papa etwas mitzuteilen.

Gut, auch das lässt sich in den Griff kriegen, indem der herzlose Papa eine Mama-Kontaktsperre ausspricht, aber das heisst noch lange nicht, dass du jetzt nicht mehr mitkriegst, was zu Hause läuft. Begehst du nämlich den grossen Fehler, für deinen Blog ein Bild zu suchen, triffst du in der Cloud auf das hier:

Und obschon du gewusst hast, dass „Deiner“ irgendwann in nächster Zeit die Küchendecke erneuern will, wird dir ein wenig mulmig bei diesem Anblick und du fragst dich, ob du besser gleich nach Hause gehen sollst, weil Papa offensichtlich nicht so viel Zeit für die Kinder hat, oder ob du deinen Nerven zuliebe so lange wegbleiben sollst, bis die Küche fertig renoviert ist. Also etwa bis Februar…

 

 

Batterien aufladen

Ich: „Ich brauche ganz dringend Ferien…“

Glucke: „Ferien? Spinnst du? Du kannst doch deine Kinder jetzt nicht im Stich lassen.“

Ich: „Ich lasse sie doch nicht im Stich. Ich brauche nur mal ein paar Tage Ruhe nach diesem anstrengenden Jahr.“

Glucke: „Du liebst sie nicht mehr!“

Ich: „Natürlich liebe ich sie, aber ich bin einfach hundemüde und möchte wieder mal einen klaren Kopf bekommen.“

Glucke: „Müde, müde, müde… Immer dieses Gejammer. Du hast keinen einzigen Grund, müde zu sein.“

Ich: „Natürlich habe ich einen Grund…oder vielmehr Gründe. Schwiegermama, die mich in den ersten Monaten des Jahres voll in Anspruch genommen hat, die viele Arbeit, die ich dann nachholen musste, Frankreich…“

Glucke: „Frankreich war doch herrlich. Den ganzen Tag mit den Kindern.“

Ich: „Klar war es herrlich, aber im Gegensatz zu ‚Meinem‘ und den Kindern hatte ich keine Ferien, sondern einfach mein übliches Familien- und Berufsleben an einem anderen Ort mit unfreundlicheren Nachbarn.“

Glucke: „Aber du hattest deine Kinder um dich…“

Ich: „Ja, das hatte ich und ich habe es genossen. Zeit, um mal ein wenig nachdenken hatte ich trotzdem nicht. Und nach Frankreich kam der Garten, dann Luises Unfall und jetzt sind sie alle krank…“

Glucke: „Genau, sie sind krank und du willst sie einfach ihrem Schicksal überlassen.“

Ich: „Ich überlasse sie nicht ihrem Schicksal, ich überlasse sie ihrem Vater.“

Glucke: „Ihrem Vater, der selber ganz dringend Ferien braucht. Und der sie übers Wochenende von einem Termin zum andern karren muss. So ein Stress…“

Ich: „Der gleiche Stress wie immer und ich muss das ja auch immer wieder ohne ihn schaffen, wenn er am Unterrichten ist.“

Glucke: „Mag sein, aber du verpasst das Weihnachtstheater, in dem Karlsson und Luise mitmachen. Das muss dir doch das Herz brechen…“

Ich: „Wie viele Weihnachtstheater habe ich in meiner Mütterkarriere schon gesehen?“

Glucke: „Man kann nie genug bekommen von Weihnachtstheatern, in denen die eigenen Kinder mitspielen.“

Ich: „Meiner kann’s ja für mich filmen.“

Glucke: „Nur ein herzloses Miststück wie du kann eine Filmaufnahme als gleichwertigen Ersatz ansehen.“

Ich: „Himmel, ich bin kein herzloses Miststück, ich will nur mal wieder ein paar Tage schlafen, lesen, schreiben und in Museen herumirren.“

Glucke: „Ein herzloses, egoistisches Miststück…“

Ich: „Nein, eine verantwortungsvolle Mutter, die weiss, dass sie hin und wieder die Batterien aufladen muss, wenn…“

Glucke: „Oh ja, genau, verantwortungsvoll… Und das am vierten Advent…“

Ich: „Genau, am vierten Advent. Das mit den freien Tagen vor Weihnachten hat bei mir ja schon fast Tradition.“

Glucke: „Du hattest auch mal die Tradition mit dem Weihnachtsstollen. Davon habe ich dieses Jahr noch nichts mitbekommen…“

Ich: „Dann warst du offensichtlich nicht aufmerksam genug. Gerade vor zehn Minuten habe ich die kandierten Früchte eingelegt.“

Glucke: „Das ist aber reichlich spät…“

Ich: „Spät, aber nicht zu spät.“

Glucke: „Trotzdem: Dein Egoismus ist schon fast Programm. „

Ich: „Noch einmal, das ist kein Egoismus. Ich gönne mir die Pause ja nur, damit ich an Heilig Abend mit frisch aufgeladenen Batterien meine Kinder nach Strich und Faden verwöhnen mag.“

Glucke: „Seit wann verwöhnst du die Kinder? Das ist mein Job.“

Ich: „Du hast ja keine Ahnung, wie gut ich mit frisch aufgeladenen Batterien verwöhne…“

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Alle Käfer sind schon da

Ich muss gestehen, das mit der Weihnachtsstimmung will bei mir dieses Jahr einfach nicht so recht klappen. Ob ich inzwischen zu alt bin dafür? Zu pessimistisch? Oder schlicht zu müde nach einem Jahr voller Unvorhersehbarem? Ich weiss es nicht, aber ich versuche natürlich trotzdem, meiner Familie zuliebe in Feierlaune zu kommen, trage mich mit dem Gedanken, endlich Stollen zu backen und knipse abends die Lichterkette an. Nett, wie meine Familie nun mal ist, zeigt sie sich gerne bereit, mir ein wenig nachzuhelfen. Den Anfang machte das Prinzchen, als er letzte Woche mit fieberglänzenden Augen von der Schule nach Hause kam. Am Wochenende sorgte Karlsson mit Unwohlsein für Gemütlichkeit. So richtig adventlich aber wird es, seitdem der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit glühender Stirn auf dem Sofa liegen und sich dampfenden Tee reichen lassen. Jetzt endlich beginne ich zu begreifen: Die Käfer sind da, Weihnachten kann kommen. 

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Entspannungssamstag

Ein überaus lieber Mensch hat „Meinem“ und mir eines der schönsten Geschenke gemacht, das man Eltern mit vielen Kindern überhaupt machen kann: ein freier Samstagnachmittag mitten in der Vorweihnachtszeit. Während sie mit unseren Kindern Guetzli ausstach, konnten wir sechs Stunden lang tun und lassen, was auch immer wir wollten. Bloss, was will man, wenn die eigenen Wünsche immer erst an letzter Stelle kommen? Unglaublich viel und die Versuchung ist gross, so viel als möglich in diesen einen wunderbaren Tag zu füllen. Fast wären wir dieser Versuchung erlegen, hätten dies und jenes erledigt, wären da und dort hingegangen, doch nachdem wir uns im Möbelhaus in aller Ruhe die Dinge ausgesucht hatten, die unsere renovationsbedürftigen Zimmer dringend benötigen, beschlossen wir, dorthin zu gehen, wo wir viel zu selten sind.

Na ja, so selten nun auch wieder nicht, wenn ich’s recht bedenke. Aber es fühlt sich halt so anders an, wenn die Kinder nicht dabei sind. Stiller, gemütlicher, unglaublich entspannend – ein Ort, an dem man alles loslässt, was einem im Alltag zu schaffen macht, wo man einfach sich selbst sein und die Zweisamkeit geniessen kann.

Kaum zu glauben, wie friedlich unsere vier Wände sind, wenn wir sie mal ein paar Stunden nur zu zweit teilen. 

Na ja, vorausgesetzt natürlich, man hat sich vor dem freien Nachmittag  ins Zeug gelegt und mit den Kindern aufgeräumt und geputzt.

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Dialogfetzen

Zwei Frauen im Zug:

„Und, hat dich deine Schwester jetzt gefragt, ob du Gotti werden willst.“

„Nein, hat sie nicht.“

„Noch nicht? Aber das Baby kommt doch schon bald. Da sollte sie langsam vorwärts machen.“

„Na ja. Sie wird mich dann schon noch fragen, wenn sie will.“

„Wann kommt das Baby denn?“

„Ende Dezember.“

„Und sie hat dich wirklich noch nicht gefragt?“

„Nein.“

„Aber das sollte sie jetzt unbedingt. Mein Bruder hat mich schon in der achten Schwangerschaftswoche gefragt. Warum fragt sie denn nicht endlich?“

Man hört zu und wünscht sich, die Gute würde endlich aufhören, Salz in die Wunde zu streuen. Ich meine, wenn die Schwester bis jetzt nicht gefragt hat…

Vor ein paar Tagen in der Stadt, Mutter (ca. 75) und Tochter (ca. 50) beim Einkauf:

Tochter: „Ich glaube, die kaufe ich mir für den Spitalaufenthalt. Die sehen bequem aus.“

Mutter: „Meinst du wirklich? Warum nimmst du nicht das Hauskleid mit?“

Tochter: „Welches Hauskleid?“

Mutter:“Das Schöne, das ich dir mal geschenkt habe.“

Tochter: „Die wären wahrscheinlich wirklich bequem…“

Mutter: „Ich hab dir doch mal dieses schöne, bequeme Hauskleid geschenkt.“

Tochter: „Ich glaube, ich nehme tatsächlich die hier.“

Mutter: „Weisst du denn nicht mehr? Das schöne Hauskleid mit den Blumen drauf? Das wäre doch perfekt für den Spital.“

Tochter: „Wann wird eigentlich Helene operiert?“

Mutter: „Ich finde, du solltest wirklich das Hauskleid mitnehmen.“

Liebe Mutter, darf ich dich darauf hinweisen, dass deine Tochter wirklich nicht über das Hauskleid reden möchte? Ich verstehe ja auch nicht warum, wo es doch so schön ist. Oder war. 

Und dann war da noch diese äusserst teamfähige Verkäuferin, die ihre Kollegin am Montagmorgen in Hörweite von Teamleiterin und Kunden mit den folgenden Worten begrüsste: „Na, Nancy, geht’s wieder besser?“ Nancy und die Teamleiterin schauen ihre Kollegin irritiert an. „Sie war doch nicht krank?“, fragt die Teamleiterin überrascht. „Ich war doch nicht krank…“, sagt Nancy im gleichen Moment leicht irritiert. „Nein, aber du warst am Samstag so komisch drauf und hast dich so sonderbar aufgeführt.“ 

Man möchte bezahlen, hört stattdessen zu und denkt, wie nett es doch wäre, mit einem solchen Charmebolzen zusammenzuarbeiten. 

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Falsche Prioritäten?

Die Facebook-Moralapostel mit ihren bunt hinterlegten Sinnsprüchen verkünden momentan ja gerne solche Sätze wie „Kein Mensch hat keine Zeit – nur falsche Prioritäten“, irgendwie noch verwurstet mit der Aussage, wer nicht pausenlos mit seinen Freunden abhänge, sei ein mieser Kerl, der kein Interesse an seinen Mitmenschen habe. 

Nun, ich kann nicht beurteilen, wie das bei anderen Menschen läuft, aber wenn ich mein Leben so betrachte, sehe ich das ein wenig anders. Dreimal raten, was mir lieber wäre: Mit einem netten Menschen einen Kaffee trinken, oder zum hundertsten Mal die Klobürste mit Backpulver und Essig sauber machen, weil das sonst eine äusserst unappetitliche Sauerei gibt? Mit meiner Familie friedlich zu Mittag essen, oder zwischen zwölf und eins fünfmal das Telefon zu ignorieren versuchen, was aber irgendwann auch nichts mehr bringt, weil gewisse Leute äusserst hartnäckig sind, wenn sie eines meiner Familienmitglieder sprechen wollen? Eine liebe Person, die gerade eine schwere Zeit durchmacht, anrufen, oder diese elenden Formulare ausfüllen, die mir die Versicherungsgesellschaft zum sofortigen Ausfüllen ins Haus flattern lässt, weil meine mündliche Auskunft offenbar nicht reicht? Ganz spontan zum Open House einladen, oder die Familie von einem nicht verschiebbaren Pflichttermin zum nächsten zu hetzen? Mit einer Horde lieber Menschen an einem schönen Ort vier Wochen Ferien machen, oder dafür sorgen, dass Ende Monat Geld auf dem Konto ist?

Falsche Prioritäten? Manchmal vielleicht schon. Sehr oft aber auch einfach ein modernes Leben mit unzähligen kleineren und grösseren Verpflichtungen, die sich zwischen uns und unsere Mitmenschen drängen. 

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