Spielt mit unseren Kindern, klettert auf unsere Bäume, streichelt Kaninchen und Katzen, macht Hausaufgaben mit unseren Kindern, pflückt Beeren, rennt ums Haus, bringt eure Freunde mit, fragt mir ein Loch in den Bauch, spielt Karten, esst Brot, Joghurt, Obst…, denkt euch abenteuerliche Geschichten aus, bleibt zum Abendessen, wenn ihr wollt, könnt ihr auch bei uns übernachten. Unser Haus und mein Herz stehen euch offen, ehrlich. Nur meine Nerven machen nach ein paar Stunden Dauerbetrieb leider schlapp und darum muss ich euch trotz aller Zuneigung bitten, hin und wieder für eine oder zwei Stunden bei euren Eltern zu Hause Radau zu machen. Nur, damit ihr Mama Venditti nicht von ihrer genervten Seite kennen lernen müsst…
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Meine lieben Miteltern
Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…
Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.
Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.
Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.
Wunsch erfüllt
Wie sehr habe ich mir doch immer ein ordnungsliebendes Kind gewünscht. Kein Pedant, das natürlich nicht, aber ein Kind, das zu seinen Sachen Sorge trägt, nicht immer alles überall herumliegen lässt und sein Zimmer halbwegs in Ordnung hält. Meinem sehnlichen Wunsch wurde entsprochen, vor fünf Jahren wurde mir nach einer ziemlich kurzen Geburt ein ordnungsliebendes Kind in den Arm gelegt. Das wussten wir damals natürlich noch nicht, doch je älter das Kind wird, umso deutlicher tritt die Liebe zur Ordnung zutage. Wäre ich keine liebende Mutter, sondern eine psychologisch geschulte Fachfrau, müsste ich sagen, dass dieses Kind – gemeint ist übrigens das Prinzchen – einen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus hat. Noch versuche ich, die Dinge schönzureden und das Ganze als Phase abzutun, doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, ich hätte den Wunsch nach einem ordnungsliebenden Kind etwas zu oft geäussert.
Ich meine, es ist ja nett, wenn ein kleiner Mensch seine Schätze abends so versorgt, dass er sie am Morgen gleich wieder zur Hand hat, ohne lange nach Einzelteilen suchen zu müssen und Mama, Papa, Geschwister und Katzen des Diebstahls zu bezichtigen, weil er die Dinge nicht mehr finden kann. Aber muss denn gleich jedes winzige Teilchen an seinem Ort sein? Das Körpermodell, welches sich das Prinzchen zum Geburtstag gewünscht und auch bekommen hat, hätte die Nacht bestimmt auch ohne Leber, Herz und linken Lungenflügel überstanden. Es sollte doch wohl reichen, dass die Teile auf dem selben Tisch liegen, damit man sie morgens wieder einsetzen kann. Aber nein, das darf nicht sein. Erst als der arme Kerl mit dem offenen Bauch dank meiner Hilfe sein Herz wieder auf dem rechten Fleck hatte, war das Prinzchen zufrieden. Mit dem Körpermodell zumindest, danach mussten noch das Augenmodell und der Schädel wieder tadellos in Stand gesetzt sein, die Michel-Müsse musste den richtigen Platz am Kopfende von Prinzchens Bett finden, für die Legoschachtel musste der perfekte Ort her, ein Ort, wo sie nahtlos hineinpasst, der Arztkittel brauchte einen Kleiderbügel und… Irgendwann liess ich das Prinzchen alleine perfektionieren, denn im Wohnzimmer waren noch Gäste, mit denen ich mich zu gerne unterhalten hätte (währenddem ich Prinzchens Lego-Ambulanz zusammenbaute, damit diese auch noch an den richtigen Ort gestellt werden konnte). Noch lange nachdem ich unseren Jüngsten offiziell ins Bett gebracht hatte, hörte man ihn im dunklen Zimmer rumoren.
Heute Morgen musste alles für den Tag eingerichtet werden, ehe das Prinzchen in den Kindergarten gehen konnte. Also Legoschachtel ans Kopfende des Bettes, rotes Stethoskop in die Tasche, Müsse auf den Kopf, schwarzes Stethoskop auf den Tisch, Fiebermesser etwas weiter nach rechts… Alles perfekt eben, als stünde demnächst eine wichtige OP an. Ziemlich nervenaufreibend für eine Mutter, die ihr Kind abends rechtzeitig im Bett und morgens rechtzeitig im Kindergarten sehen möchte. Aber die Ordnung, das könnt ihr mir glauben, die Ordnung ist wirklich perfekt.
Schmeicheleinheiten
Meine Nerven lagen gerade ziemlich blank: Wocheneinkauf mit Karlsson – „Ich will aber Blutwurst!“ – und Prinzchen – „Wann sind wir endlich in der Spielwarenabteilung?“ – und unzähligen anderen Einkäufern, die am Zahltag vom einmaligen 10% – Rabatt profitieren wollten. In der Hand eine ellenlange Einkaufsliste, im Hinterkopf die Sorge, ob wir es nach Hause schaffen, ehe Zoowärter, FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise von der Schule nach Hause kommen, zu Hause ein angefangener Artikel, der zu Ende geschrieben sein wollte und obendrein ein selbstverschuldetes Schlafmanko. Ein typischer „Mama Venditti hat’s mal wieder nicht ganz im Griff“-Nachmittag eben.
Ich war gerade dabei, meine 18 Liter Milch so im Einkaufswagen zu platzieren, dass noch Raum für all das andere Zeug auf meiner Liste blieb, als eine Mutter mit einem etwa fünfjährigen Mädchen auf uns zugesteuert kam. Zuerst glaubte ich, sie wolle mir den Platz am Milchregal streitig machen, doch dann hörte ich sie zu ihrem Töchterlein sagen: „Also, was willst du der Lady-Frau jetzt sagen?“ Das Mädchen sah mich ein wenig verlegen an und murmelte etwas, was ich im Lärm des Einkaufsrummels nicht ganz verstand. „Sie will Ihnen sagen, dass sie Sie so wunderschön findet mit Ihren Blumen im Haar“, erklärte die Mutter.
Ich weiss nicht, wer mehr gestrahlt hat, das Mädchen oder ich. Ich weiss nur, dass ich mich in diesem Augenblick trotz all meiner Unzulänglichkeiten fühlte, als wäre ich etwas ganz Besonderes. Kaum etwas bringt mich so sehr zum Schmelzen wie ein wildfremdes kleines Mädchen, das in mir nicht die gehetzte, ungeduldige Mutter sieht, sondern eine „Lady-Frau“, der man mitten im Getümmel den Tag mit einem hinreissenden Kompliment versüssen muss.
Käfer-Tauschbörse
Wir Eltern sind doch einfach grenzenlos naiv. Da bringen uns die Kinder kurz vor oder nach den Sommerferien einen Anmeldezettel für irgend ein Herbstferienprojekt mit nach Hause. Eine Bastelwoche, zum Beispiel, ein Theaterprojekt oder Abenteuertage in der freien Natur. In unserem Fall war es eine Zirkuswoche, aber es spielt eigentlich überhaupt keine Rolle, was da angeboten wird, wir Eltern reagieren stets mit der gleichen Naivität: Wir melden unsere Kinder an.
„Ist doch toll“, sagen wir, „dann haben unsere Kinder während der endlosen Herbstferien etwas zu tun und ich kann in Ruhe einkochen (oder was auch immer uns Eltern einfallen mag, wenn man uns unbeaufsichtigt lässt). Das wird bestimmt ganz grossartig. Die Kinder im Dorf lernen einander besser kennen, vielleicht finden sie gar neue Freunde. Möglicherweise entdecken sie dabei ein neues Hobby (oder ein neues, herausragendes Talent, das wir bisher noch nicht erkannt haben, doch das sagen wir natürlich nicht laut) oder werden auf ganz neue Art mit ihren Stärken und Schwächen konfrontiert. Und das Ganze ist ja auch so günstig. Das ist die Gelegenheit, so etwas gibt’s nur einmal pro Kindheit.“ Tja, und schon ist der Anmeldezettel ausgefüllt und die Vorfreude kann beginnen.
Wenn es dann endlich losgeht mit dem Spass, erkennen wir Eltern spätestens am dritten Tag, was diese Ferienangebote in Wahrheit sind: Käfer-Tauschbörsen. Ich weiss ja nicht so genau, wie die Kinder das jeweils anstellen. Vielleicht so: „Ich gebe dir zweimal Magen-Darm und dafür bekomme ich von dir einmal Schnupfen. Wenn du willst, kannst du noch meinen Husten haben. Den hatten wir schon, das wird allmählich langweilig…“ Etwa so wird das laufen, das sollte zumindest ich, die ich meine Kinder ja nicht zum ersten Mal zu solchen Herbstferienangeboten angemeldet habe, inzwischen wissen. Und darum hätte ich auch nicht erstaunt sein sollen, als der Hauptleiter heute früh am Telefon meinte: „Luise ist krank? Das erstaunt mich nicht, sie ist nicht die Einzige.“
Undankbare Doris
Da durchforste ich monatelang das Internet nach einer geeigneten Volière. Als ich endlich eine finde, telefoniert sich „Meiner“ die Finger wund, um einen Termin mit dem Verkäufer zu vereinbaren. Wir mieten zu angeblich günstigen Konditionen, die sich dann als doch nicht so günstig herausstellen, einen Lieferwagen und karren das Ding durch die halbe Schweiz. Wir zwingen die Wachteln zum Umziehen, bauen unter grosser Mühe die Elemente zusammen und schrauben heute mit klammen Fingern das Dachgitter fest. „Meiner“ muss dazu durchs Gebüsch turnen als wäre er auf einem Abenteuer-Ausflug. Ich klaube heruntergefallene Schrauben und Muttern aus dem Dreck, „Meiner“ schleppt Äste herbei und Luise fängt für Karlsson die beiden Nymphensittiche ein, um sie in ihr neues Domizil zu bringen.
Und was tut Nymphensittich-Dame Doris? Dankt sie uns für die ganze Mühe, die wir ihretwegen auf uns genommen haben? Pfeift sie uns eine besonders schöne Melodie? Legt sie vor later Freude ein Ei? Nichts dergleichen. Das undankbare Tier wartet den Moment ab, in dem das Prinzchen, der Karlsson beim Füttern hilft, die Tür der Volière loslässt und weg ist sie, zuerst auf dem Zaun, dann auf dem Dach und schliesslich hoch oben in Nachbars Tanne. Glaubt mir, sollte es Nymphensittich Loris gelingen, seine Partnerin mit seinen verzweifelten Rufen zurück zu locken, bekommt die undankbare Doris etwas von mir zu hören.
Arbeitsferien
Mit viel Gemotze und Gelächter, einigen kleinen Schrunden, heftigem Muskelkater, einigem Improvisationstalent, Schaufeln, Putzeimern, einer Spielzeugschubkarre und anderen äusserst geeigneten Werkzeugen haben wir in den vergangenen Tagen Bäume geschnitten, das Schaukelgerüst abgerissen, den morschen Holzschopf zertrümmert, einen Gartenteich gegraben, eine Volière (halbwegs) zusammengebaut, Gartenbeete geräumt, ein Hochbeet aufgebaut, gejätet, Löcher zugeschüttet, Kompost umgeschichtet und die Wachtelkäfige verschoben. Noch gilt es zu schaufeln, zu pflanzen, zu schrauben und die Nyphensittiche im Büro einzufangen, um sie zu ihrem neuen Glück zu zwingen. Einige Dinge kann ich jedoch bereits jetzt voraussagen:
Wir werden sehr viele Worte brauchen, um Karlsson und Luise zur Arbeit motivieren zu können.
Der FeuerwehrRitterRömerPirat wird weiterhin viel Lob einheimsen, weil er wie ein Vergifteter arbeitet.
Der Zoowärter wird noch eine Weile brauchen, um zu erkennen, wann wir spielen und wann wir arbeiten.
Das Prinzchen wird trotz seiner Begeisterung fürs Schaufeln nie ein Bauarbeiter, weil die Männer auf dem Bau fluchen und er nicht.
Am Ende der Woche werde ich meine Flip Flops entsorgen müssen, weil ihnen die Gartenarbeit nicht so gut bekommt.
„Meiner“ wird mich davon abhalten wollen, ein weiteres Blumenbeet anzulegen.
Die Sache den Enten wird noch für einige Diskussionen sorgen.
Nächstes Jahr pflanze ich Schwarzwurzeln.
Die Erinnerungen, die jedes Familienmitglied an diese Ferien behält, werden sehr unterschiedlich sein. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass es uns allen mehr Spass macht, als wir erwartet hätten.
Mama Venditti schwingt den Pickel,…
…schichtet den Kompost um, ohne dabei die Nase zu rümpfen.
…sitzt stundenlang mit Schwiegermama am Tisch und quatscht mit ihr über Gott und die Welt.
…wünscht sich, sie könnte im Garten Enten halten.
…freut sich schon fast darauf, dass in einem Jahr der „bald vierzig“-Zustand ein Ende hat.
…hat zwei Handtaschen und beide davon sind ganz.
…trinkt Tee und Kaffee ohne Zucker und zwar nur deshalb, weil es ihr mit Zucker nicht mehr schmeckt und nicht aus Gründen der Vernunft.
…liest Bücher einfach nicht mehr zu Ende, wenn sie ihr nicht gefallen.
…singt manchmal laut, wenn sie alleine ist, auch im Treppenhaus oder im Garten.
…schert sich an gewissen Tagen einen Dreck darum, ob sie sich daneben benimmt.
…freut sich schon fast ein wenig darüber, dass Karlsson wohl bald den Stimmbruch bekommt.
…achtet peinlich genau darauf, dass in den Vorratsschränken Ordnung herrscht.
…verzichtet ungeniert darauf, „Ihrem“ zum Geburtstagsfrühstück ofenfrische Brioches zu servieren, wenn die Zeit zum Backen nicht reicht. Ja, sie glaubt allen Ernstes, dass ein gemütliches Frühstück mit trockenen Croissants vom Bäcker mehr Wert ist, als perfekte Brioches mit Gehetze.
Kenne ich diese Frau?
Zwei Reaktionen
Unser ehemaliges Au-Pair lebt seit einiger Zeit in Konstanz und da sie noch immer einen festen Platz in unseren Herzen hat, fuhren wir gestern über die Grenze, um sie zu besuchen. Natürlich war uns bewusst, dass wir damit Gefahr liefen, im gleichen Topf zu landen wie die Horden von Schweizern, die in Deutschland die Geschäfte stürmen, als herrschte in unseren Ladenregalen gähnende Leere, doch damit muss man leben können. (Nebenbei bemerkt: Ist meinen Landsleuten eigentlich bewusst, dass sie mit ihren Ausfuhrscheinen die Deutschen ebenso nerven, wie die Deutschen uns, wenn sie uns mit einem gekünstelten „Grüzi“ begrüssen?) Nun, ich weiss nicht, ob wir in diesem Topf gelandet sind, dafür weiss ich, dass man ganz unterschiedlich darauf reagieren kann, wenn Vendittis ein Geschäft mit ihrem Besuch beglücken.
Zuerst war da mal dieses Teegeschäft – ziemlich esoterisch, aber wunderschön und einladend. Obschon „Meiner“ versuchte, unsere Horde draussen zu behalten, stürmten sie alle den Laden, als bekäme man dort für jeden Einkauf zehnfache Minimania-Säcklein geschenkt. Als die Verkäuferinnen sahen, wie das Prinzchen fröhlich um die Regale kurvte, reagierten sie blitzschnell: „Lass mich überlegen, was machen wir mit dir“, sagte die eine zum Prinzchen. „Möchtest du gerne ein Gläschen Tee probieren?“ Das Prinzchen wollte natürlich, die anderen wollten auch und bald schlürften fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis wertvollen Grüntee aus hübschen Gläschen. „Mama, den musst du kaufen“, sagten sie zu mir und verliessen dann ohne weitere Umstände den Laden, um mich in Ruhe stöbern zu lasen. Als ich bezahlte, meinte die Verkäuferin: „Auf dieses Prinzchen müssen Sie achtgeben. Der ist ein ganz besonderes Kind, ein Luftwesen, so frei und wild. Gehen Sie viel in die Natur mit ihm, das braucht er.
Diese Reaktion berührte mich zutiefst, denn auch wenn ich nicht glaube, dass das Prinzchen ein Luftwesen ist, so weiss ich es doch sehr zu schätzen, wenn jemand den kleinen, wilden Bengel in sein Herz schliesst, obschon er doch gar nicht in einen feinen Teeladen passt.
Eine Stunde später betraten wir eine Pizzeria, um unsere Kinder zu füttern, bevor sie zu quengeln anfingen. Ich hätte zwar lieber Indisch oder Griechisch gegessen, aber um die Gefahr zu bannen, dass unsere Söhne vor lauter Hunger den Kellner angreifen, sagte ich zum erstbesten Lokal ja. Es sah ja auch ganz nett aus. Als wir über die Schwelle gingen, stöhnte eine Frau, die auf ihr Essen wartete, laut vernehmlich auf, was mich ziemlich ärgerte, um des lieben Friedens Willen jedoch ignorierte. Wir setzten uns und „Meiner“ bestellte Mineralwasser für alle. (Erstes Stirnerunzeln des Kellners). Das Wasser kam und wir gaben unsere Bestellung auf. Karlsson verzichtete ganz vernünftig auf eine Vorspeise, um sich dafür Ravioli mit Crevetten und Trüffelöl zu gönnen. Er bekam „Ravioli Primavera“ und als wir freundlich darauf hinwiesen, das hätten wir aber nicht bestellt, antwortete der Kellner gehässig, er sei sich zu 100% sicher, dass ich Primavera gesagt habe. Habe ich nicht und das sagte ich ihm auch, aber er wusste es besser und der enttäuschte Karlsson musste sich mit Primavera zufrieden geben – und danach Luises halbe Pizza verschlingen, die sie nicht essen mochte. Von da an kreiste der Kellner wie ein Aasgeier um unseren Tisch, um uns die Teller zu entreissen, kaum hatten wir den letzten Bissen in den Mund gestopft. Unser ehemaliges Au-Pair hatte noch ziemlich viele letzte Bissen vor sich, als er ihr den Teller wegnehmen wollte, was sie aber nicht zuliess. Er gab ihr deutlich zu spüren, dass er den Teller lieber jetzt schon genommen hätte, denn diese lästigen Vendittis mit ihrer Brut – die sich übrigens ganz anständig aufführte – sollten jetzt endlich aus seiner Pizzeria verschwinden. Das taten wir dann auch bald einmal, aber erst, nachdem „Meiner“ ganz untypisch darauf beharrt hatte, 96.40 zu bezahlen und nicht 100, wie der Kellner gehofft – und offensichtlich auch erwartet – hatte.
Die Versuchung ist natürlich gross, nur den kinderhassenden Kellner in Erinnerung zu behalten, aber ich habe beschlossen, auch die kinderliebende Verkäuferin aus dem Teeladen nicht zu vergessen und darum soll das Prinzchen heute den ganzen Tag draussen spielen. An der frischen Luft, wie es sich für ein Luftwesen gehört…
Gesprächskultur
Schon öfters habe ich mich gefragt, wie sich ein Abendessen im Hause Venditti für einen anhören würde, der sich von uns unbemerkt ins Esszimmer schleicht und sich unter dem Esstisch versteckt. Ja, ich weiss, völlig absurd, aber mit solchen Gedankenspielereien schlage ich mich schon seit frühester Kindheit herum und mich dünkt, es werde mit zunehmendem Alter nicht besser. Selten nur geschieht es, dass ich ganz unerwartet eine Antwort auf eine meiner unsinnigen Fragen bekomme und dann erfüllt mich eine tiefe Zufriedenheit, die ich unbedingt mit jemandem teilen muss.
Heute also bekam ich eine Antwort auf die Frage, wie einer, der unter unserem Tisch sitzt und lauscht, sich fühlen muss. Die Antwort verdanke ich keinem Geringeren als dem lieben Herrn Berlusconi. Okay, ich weiss, jetzt denkt ihr, ich sei vollkommen durchgedreht. Was, bitte schön, soll der Herr Berlusconi mit unserer Gesprächskultur bei Tisch zu tun haben? Nun, wie man heute auf allen Kanälen sehen und hören konnte, kassierte der Herr Berlusconi heute eine tüchtige Ohrfeige. Diese Ohrfeige war so laut vernehmbar, dass „Meiner“, der nach dem Abendessen erschöpft auf dem Sofa zusammengesunken war, aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Weil es „Meinen“ so sehr beglückte, einen niedergeschlagenen Berlusconi zu sehen, reichte ihm die Berichterstattung am Schweizer Fernsehen nicht, weshalb er zum Italienischen Sender wechselte, wo gerade eine Diskussionssendung zum Thema lief.
Anfangs versuchte ich noch, dem Gespräch zu folgen, was auch ganz gut ging, solange die Diskussionsteilnehmer noch nicht richtig in Fahrt waren. Dann aber gerieten eine aus dem Ei gepellte Dame und ein nicht ganz aus dem Ei gepellter Herr aneinander und weil die zwei sich nicht einigen konnten, wer Recht hatte, versuchte ein Herr im weit aufgeknöpften Hemd zu schlichten. Dabei wartete aber keiner darauf, bis der andere seinen Satz beendet hatte. Jeder redete unbeirrt weiter, keiner hörte dem anderen zu und weil es so viel Spass machte, endlich einmal auszureden, mischten sich bald auch die anderen Gesprächsteilnehmer ein. Es herrschte ein Geschnatter wie an einem Ententeich. „Komplett durchgedreht, diese Italiener“, sagte ich zu „Meinem“. Dann aber hielt ich ganz schnell den Mund, denn mir dämmerte, dass einer, der unter unserem Esstisch sässe, genau dies über uns denken würde.
Nun gut, immerhin brüllt bei uns ab und zu einer „Etwas mehr Ruhe bitte!“









