Macht den Tag zur Nacht

Spätabends – oder wohl eher nachts – willst du ins Bett wanken, wo du feststellst, dass Luise mal wieder schlafwandelnd den Weg auf deine Seite des Bettes gefunden hat, weshalb du dich für eine weitere Nacht auf dem Sofa entscheidest, weil schlafendes Töchterchen hieven inzwischen ganz schön belastend sein kann für deinen Rücken, belastender noch als eine Nacht auf dem Sofa.

Wenig später wirst du unsanft aus der ersten Tiefschlafphase gerissen, weil einer, der gewöhnlich nie das Bett nässt, dies dennoch getan hat und darob so erschrickt, dass er wohl in die Badewanne stiege, würdest du ihn nicht darauf hinweisen, dass um diese Zeit ein nasser Waschlappen reicht. 

Eben willst du wieder wegdämmern, als der Zimmergenosse des Ausnahme-Bettnässers angeschlichen kommt. Er fühlt sich einsam, weil der Ausnahme-Bettnässer sich zu Papa ins Bett geschlichen hat. Also stellt sein Zimmergenosse mitsamt Bär, Raupe, Entchen, Dromedar und Schmusedecke bei dir auf dem Sofa einen Asylantrag. Dem Antrag wird selbstverständlich entsprochen. Nachdem dein Sofagenosse sich mit seiner Entourage umständlich an deiner Seite eingerichtet hat, dämmerst du wieder weg. „Du musst mir dein Gesicht zudrehen“, fordert dein Sofagenosse, kaum hast du es dir auch wieder halbwegs bequem gemacht, also tust du, was er wünscht, damit endlich Ruhe einkehrt. 

Die nächste Stunde verbringst du in einem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit, also zwischen wolkig-luftigen Gedanken und harter Sofakante. Einmal mehr musst du erkennen, dass dein Sofagenosse eine ganz eigene Auffassung über die gerechte Teilung einer Schlafstätte hat. 

Endlich hast du dich auf dem Sofa so eingerichtet, dass die Hoffnung auf Tiefschlaf wieder aufkeimt, als eine nächtliche Erscheinung auf dem anderen Sofa Gestalt annimmt. „Der Marder war bei den Wachteln, schon mindestens fünfmal“, berichtet die Erscheinung. Die Erscheinung, die übrigens auf den Namen Luise hört, würde dir in den schauerlichsten Details darüber berichten, wie sie vom offenen Fenster aus für Ordnung im Garten gesorgt hat, würdest du sie nicht umgehend zurück ins Bett – also in dein eigenes Bett, das du gerade sehr schmerzlich vermisst -schicken. 

Schon willst du wieder eindösen, als du auf dem anderen Sofa, an der Stelle, wo eben noch die Erscheinung namens Luise sass, den Bildschirm deines Laptops geheimnisvoll leuchten siehst. „Du spinnst ja wohl“, weist du dich selber zurecht, drehst dich wieder deinem Sofagenossen zu.

Irgendwann klingelt ein Wecker, die wenigen Vendittis, die aus dem Haus müssen, werden wach, aber etwas in dir weigert sich, diesen Umstand zur Kenntnis zu nehmen. Freundlich, wie du bist, lässt du dem Papa freie Hand in der Gestaltung des „Wer hat noch nicht gefrühstückt? Hast du die Zähne geputzt? Wo sind schon wieder meine Schuhe?“-Rituals.

Eine Stimme, die du im Halbschlaf deinem Mann zuordnest, informiert dich darüber, was sich in deinem Schlafzimmer während deines Sofaaufenthalts abgespielt hat: Mehrmaliges Fensteröffnen durch die Wachtel-Wächterin und die freudige Überraschung, dass sich oben einer zweimal übergeben hat, ohne dass es unten einer mitbekommen hätte, so dass jetzt das ganze Zimmer stinkt. Dies  nimmst du irgendwie zur Kenntnis, es reicht aber nicht aus, um dich so richtig wachzurütteln. Wenn die Kinder die Nacht zum Tag machen, musst du nach Möglichkeit den Tag zur Nacht machen, sonst mutierst du spätestens nachmittags um vier zur herumbrüllenden Furie. Zumindest dann, wenn du die Dreissig überschritten hast und schlaflose Nächte nicht mehr so leicht wegsteckst wie auch schon.

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Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

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Ausbrechen

Studentin und Berufseinsteiger brauchten keine teuren Möbel; ein Mix aus viel Ikea und einigen aufgemöbelten Stücken aus der Brockenstube war alles, was es brauchte, um die erste Wohnung in ein Bijou mit sehr persönlicher Note zu verwandeln. Weil Studentin und Berufseinsteiger zwei halbwegs vernünftige Menschen waren, gerieten sie nicht in Versuchung, den Lattenrost als Rutschbahn zu missbrauchen, das Sofa als Trampolin, den WC-Deckel als Schlagzeug. Darum hielten auch die billigen Stücke viel länger, als man es ihnen zugetraut hatte.

Das Dilemma fing mit dem ersten Kind an und verschärfte sich mit jedem weiteren Kind. Zuerst entschied man sich für das günstige, aber coole Modell, weil das teure Kinderbett mit  Bärchenmotiv und faden Pastellfarben einfach zu bieder war. Später schaute man sich die teuren Modelle gar nicht mehr an, weil fünfmal teuer das Budget bei Weitem überschritten hätte. Bei einigen Stücken – zum Beispiel bei den Matratzen – lohnte sich teuer auch nicht, weil noch lange nicht jeder, der tagsüber trocken ist, dies auch nachts ist.

Bald war man mitten drin im schönsten Teufelskreis: Billig geht schnell kaputt, also muss alle paar Jahre Ersatz her und weil billig meist zur Unzeit den Geist aufgibt, war selten genügend Geld da, um billig durch teuer zu ersetzen. Obendrein verführt bereits leicht Beschädigtes zu Vandalismus und so wurde der Zerfall des Billigen auch mal durch fünf rücksichtslose Rabauken beschleunigt. Lattenrost als Rutschbahn und dergleichen…

Manchmal – und das war besonders ärgerlich – war zwar Geld für teuer da, aber teuer heisst leider nicht immer besser, denn auch die teuren Dinge sind gewöhnlich nur für ein Kind, notfalls auch für zwei, vorgesehen, aber ganz bestimmt nicht für fünf. Gewöhnlich jedoch wurde billig durch billig ersetzt, was am Ende ganz schön teuer wurde.

Und nun? Wie entrinnt man diesem Teufelskreis in einer von billig beherrschten Welt? In einer Welt, in der ersetzen erschwinglicher ist als reparieren? In einer Welt, in der gerne auf gute Qualität verzichtet wird, weil sie dem Konsum nicht förderlich ist? In einer Welt, in der gutes Handwerk – verständlicherweise – so teuer geworden ist, dass es sich nur noch jene leisten können, die mehr haben als die meisten anderen?  

Schon-längst-nicht-mehr-Studentin und gestandener Berufsmann zerbrechen sich in diesen Tagen den Kopf darüber, wie sie aus dem Teufelskreis, den sie durch ihre Kurzsichtigkeit mitverschuldet haben, ausbrechen können. Noch zweifeln sie daran, ob es ihnen je gelingen wird, aber es gibt Lichtblicke. Die Brockenstube, zum Beispiel. Die Dinge dort sind zwar gebraucht, aber weil sie zu einer Zeit gemacht wurden, als noch nicht alles nach spätestens fünf Jahren kaputt sein musste, kommen diese Möbel viel besser mit fünf Kindern klar als der ganze neue Kram. Und weil der gestandene Berufsmann ziemlich gut mit Farbe und Pinsel umzugehen weiss, sieht man den Möbelstücken ihre Herkunft schon bald nicht mehr an.

Kann sein, dass die Wohnungseinrichtung dereinst aus ganz viel Brockenstube und einem Hauch von Ikea bestehen wird.

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Meine liebe Familie Hamchiti

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, seitdem Sie uns freundlicherweise Ihre alte Telefonnummer überlassen haben. Ich weiss nicht, weshalb Sie diese Nummer unbedingt loswerden wollten, ist sie doch ziemlich einprägsam. Rückblickend weiss ich aber, dass ich die Swisscom auf Knien angefleht hätte, uns eine andere Nummer zu geben, hätte ich damals schon gewusst, welch telefonisches Erbe wir uns damit einhandeln.

Wissen Sie eigentlich, wie oft ich in diesem Jahr höchster Verletzungsgefahr von der obersten Etage in die unterste zum Telefon gerast bin, nur um einmal mehr zu erklären, dass ich leider auch nicht weiss, wo Mustafa sich derzeit gerade aufhält, dass ich mich aber ganz bestimmt wieder melden werde, wenn ich seinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht habe? Vielleicht hätten Sie ja endlich die Güte, mir mitzuteilen, wo dieser Mustafa steckt, dann breche ich mir mein Bein wenigstens für einen guten Zweck, wenn ich das nächste Mal zum Telefon stürze. 

Ist Ihnen eigentlich klar, dass ich inzwischen Ihre vollständige Telefon-Shopping-Odyssee lückenlos aufzeichnen könnte, hätte ich mir je die Mühe genommen, bei jedem Anruf Notizen zu machen? Ich kann Ihnen aber schon mal sagen, dass es im Zusammenhang mit der Waschmaschine, die Sie bei Ackermann bestellt haben, noch Fragen gibt. Habe ich heute Morgen erfahren und nett, wie ich nun mal sein kann, mache ich Sie bereits jetzt darauf aufmerksam. Könnte ja noch eine Weile dauern, bis die Dame von Ackermann Ihre richtige Telefonnummer ausfindig gemacht hat. Ach, und übrigens: Allzu freundlich hat sie nicht geklungen, die Dame von Ackermann.

Haben Sie eigentlich noch nie bemerkt, dass Ihre Kontakte stets zu den ungelegensten Zeiten anrufen? Morgens um zehn vor acht, wenn die Kinder zur Schule müssten, mittags um zwanzig nach zwölf, wenn das Mittagessen auf dem Tisch dampft, nachmittags um halb fünf, wenn ohnehin schon alles drunter und drüber geht, abends um neun, wenn endlich Ruhe einkehren sollte oder Sonntagnachmittags, wenn das Telefon grundsätzlich schweigen sollte. Sind Sie sich sicher, dass Menschen, die eine derart schlechte Kinderstube genossen haben, ein guter Umgang für Sie sind?

Schliesslich möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es für mich ziemlich erniedrigend ist, wenn keiner je nach mir fragt. Es ist schon deprimierend genug, dass Luise inzwischen mehr Anrufe bekommt als ihre Mama, da brauche ich nicht auch noch den stetigen Beweis, dass in meinem eigenen Haus Frau Hamchiti gefragter ist als Frau Venditti. 

Für eine Sache aber bin ich Ihnen von Herzen dankbar, liebe Familie Hamchiti: Dank der vielen Anrufe, die wir für Sie entgegennehmen, sind Karlsson und Luise inzwischen derart gewieft im Abwimmeln von unliebsamen Anrufern, dass sie ganz bestimmt nie einen unüberlegten Kauf am Telefon tätigen werden. 

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Natürliche Autorität

Mama Venditti nach dem Abendessen: „Kinder, tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie von all dem nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und stellen das Spielbrett auf. „Wer fängt an?“, fragt Karlsson.

Mama Venditti, etwas lauter diesmal: „Kinder, das ist die Reihenfolge: Tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie von all dem nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und verteilen die Spielfiguren. „Ich will zuerst, es ist mein Spiel“, sagt der Zoowärter.

Mama Venditti, mit leicht hysterischem Unterton: „Kinder, habt ihr denn nicht verstanden, was ich gesagt habe? Erstens: Geschirr nach oben, zweitens Zähne putzen, drittens Pyjama anziehen und viertens, wenn ihr jetzt nicht gleich tut, was ich gesagt habe, dann ist heute nichts mit spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie noch immer nichts gehört, lassen das Geschirr auf dem Tisch stehen und starten die erste Runde. „Darf ich zuschauen?“, fragt das Prinzchen, weil er noch zu klein ist zum Mitspielen.

Mama Venditti, kurz vor dem Explodieren: „Kinder! Geschirr, Zähne, Pyjama, kein Spiel! Schluss, aus, Feierabend!“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun so, als hätten sie nicht bemerkt, dass Mama kurz vor dem Explodieren ist, erledigen aber dennoch widerwillig, was von ihnen erwartet wird, weil sie hoffen, dann vielleicht doch noch weiterspielen zu können.

Szenenwechsel

Ex-Au Pair, das bei Vendittis zu Besuch weilt: „Kinder, tragt euer Geschirr hoch, putzt euch die Zähne, zieht den Pyjama an und dann dürft ihr noch eine Runde spielen.“

Fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis tun wie geheissen und zwar ohne Widerrede und ohne nur die geringste Verzögerung.

Das Deprimierende an der Sache: Ich weiss, dass die fünf kleinen bis mittelgrossen Vendittis nicht nur gehorchen, weil das Ex-Au Pair am Mittwoch wieder abreist, sie würden ihr auch aus der Hand fressen, wenn sie für die nächsten zwölf Monate bei uns einziehen würde.

Ich bemühe mich ernstlich darum, trotz allem nicht allzu sehr an meinen erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln.

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Ich will sie aber behalten!

In letzter Zeit macht er immer wieder diese Andeutungen. „Momentan schaffen wir das noch nicht alleine, aber wenn es dann ein wenig ruhiger ist, sollten wir es auch ohne Hilfe hinkriegen“, sagt er zu meiner Schwester. „Die Kinder sind ja jetzt schon so gross. Da können sie ruhig etwas mehr anpacken“, bemerkt er, wenn alle ausnahmsweise mal getan haben, was sie sollten. „Zweimal pro Woche alle zusammen eine Stunde und hier glänzt wieder alles“, versichert er mir, wenn ich ihm erkläre, dass die Hausarbeit nicht automatisch abnimmt, bloss weil die Kinder grösser sind.

Solches kann ich natürlich nicht unwidersprochen stehen lassen. „Siehst du denn nicht, dass der Dreck nicht weniger wird, auch wenn ich jetzt wieder mehr zu Hause bin und die ganze Zeit mit Besen und Lappen herumrenne?“, halte ich ihm vor. „Du willst doch, dass ich mich in kinderfreien Stunden voll aufs Schreiben konzentrieren kann und das kann ich nun mal nicht, wenn ich immer nur aufräumen muss“, schmolle ich. „Einmal pro Woche ist wirklich kein Luxus“, rechtfertige ich mich, wenn er findet, andere könnten es doch auch ohne.

Genau in diesem letzten Punkt irrt er ganz gewaltig, mein lieber „Meiner“. Fast bei allen, die ich kenne, putzt inzwischen mindestens einmal pro Woche eine Putzfrau. Auch bei jenen, die damals noch die Nase rümpften, als „Meiner“ und ich zum Schluss kamen, dass wir es ohne nicht schaffen. Es war nämlich so, dass ich an den Tagen, an denen der grosse Wohnungsputz anstand, unausstehlich war, weil die Kinder meine Arbeit laufend zunichte machten. Irgendwann dämmerte mir, dass alles viel einfacher wird, wenn einmal die Woche alles gründlich gemacht wird, damit ich den Rest der Woche Schadensbegrenzung betreiben kann. Glaubt mir, seither bin ich eine viel nettere Mama, sogar an meinen schlechtesten Tagen.

Mag schon sein, dass man das Geld auch für andere Dinge ausgeben könnte. Mag auch sein, dass ich es inzwischen besser hinkriegen würde als auch schon, weil keiner mehr im Krabbelalter ist. Mag sogar sein, dass es mir Spass machen würde, mit dem Staubsauger durch die Wohnung zu flitzen, weil mir dann immer die besten Texte einfallen. Dennoch denke ich nicht im Traum daran, es in den kommenden Jahren ohne Putzfrau zu versuchen. Nicht nur, weil ich finde, dass wir die Unterstützung noch ganz gut gebrauchen können, sondern auch, weil die Frau uns allen schon längst ans Herz gewachsen ist. Auch „Meinem“ und daran werde ich ihn erinnern, wenn er mal wieder behauptet, wir müssten nur etwas mehr wollen, dann könnten wir es auch ohne schaffen.

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Alltag nach Stundenplan

Ja, ich liebe meine Kinder.
Ja, ich bin sehr gerne Mama.
Ja, ich verbringe unglaublich gerne Zeit mit ihnen.
Ja, sich mit ihnen zu unterhalten ist ein Genuss.
Ja, sie nehmen den grössten Raum in unserem Leben ein und das ist vollkommen in Ordnung.

Nein, ich will meine Kinder nicht abschieben.
Nein, ich bin nicht zu faul, mich um sie zu kümmern.
Nein, ich bin ihrer nicht überdrüssig.
Nein, ich finde nicht, dass andere die Erziehungsarbeit für uns übernehmen sollen.
Nein, ich erwarte nicht, dass ich mit fünf Kindern eine ruhige Kugel schieben kann.

Dennoch wäre ich unendlich dankbar, wenn zumindest eine Woche lang alles nach Programm laufen würde. Also keine halbkranken Kinder, die morgens missmutig zu Hause herumlümmeln und sich aus lauter Langeweile streiten. Keine Unterrichtsausfälle, die dazu führen, dass Luise mitten in der Woche wünscht, ins Thermalbad gehen zu dürfen, weil sie Zeit dazu hätte, was aber noch lange nicht heisst, dass auch ich nichts zu tun habe. Mag sein, dass ich kleinkariert bin, aber es wäre ganz nett, mal ein paar Tage lang Alltag nach Stundenplan zu haben.

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Herzlich wenig Herzlichkeit

Die Mittelohrentzündung, die sich am Freitagabend ankündigt und am Samstagmittag mit eitrigem Ausfluss so richtig bemerkbar macht, bringt nicht mehr ganz so viel Stress mit sich wie ehemals. Jetzt, wo sich die Notfallpraxen wie die Karnickel vermehren, kannst du getrost am Samstagnachmittag um halb vier beim Arzt am Bahnhof aufkreuzen und deinem Kind wird geholfen. Du hättest sogar auf die vorherige Anmeldung verzichten können, aber wer eine halbwegs anständige Kinderstube hat, wird natürlich dennoch zum Telefon greifen, ehe er in die Praxis platzt. Vorbei sind die Zeiten, als du dich mit tausend Entschuldigungen à la „Wir hätten gerne bis Montag gewartet, aber das arme Kind schreit seit Stunden wie am Spiess, die Zwiebelwickel wollen nicht helfen und jetzt fliesst auch noch der Eiter“ ins Spital begeben musstest. Und deinen Hausarzt musst du nicht mit Notfallbesuchen kurz vor Praxisschluss zusätzlich auslaugen. Dein Kind darf jetzt ganz getrost aufs Wochenende hin krank werden.

Ganz praktisch also, aber nichts für Nostalgiker. Nachdem du Personalien und Krankenkassennummer angegeben hast, wollen die als nächstes wissen, ob du das Angebot aus der Zeitung, aus der Werbung oder von Freunden kennst. Sowas müssen sie dich bei der Hausärztin nie fragen, die wird auch ohne Werbung von Patienten überrannt. Der Arzt zeigt dem Computer mehr Zuwendung als dem Patienten, weil er alle wichtigen Daten erfassen muss. Er kennt das Kind ja auch nicht schon, seit es den ersten Schrei getan hat. Die Mama bekommt einige Zurechtweisungen zu hören, weil der Arzt nicht wissen kann, dass Mama sich nicht zum ersten Mal mit einer Mittelohrentzündung konfrontiert sieht. Alles läuft sehr effizient, zielgerichtet und selbstverständlich korrekt, aber von Herzlichkeit keine Spur. Was an sich kein Problem ist, denn in erster Linie geht es darum, dass dem Kind geholfen wird.

Die nächste Mittelohrentzündung bitte trotzdem wieder irgendwann zwischen Montag und Freitagmorgen, denn bei der Hausärztin ist es halt doch viel heimeliger.

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Ich hab‘ jetzt wieder Zeit…

… den Menüplan nicht nur zu erstellen, sondern auch tatsächlich zu kochen, was ich geplant habe, anstatt jeden Tag um fünf vor zwölf entnervt zu rufen: „Dann gibt’s halt schon wieder Pasta Pomodoro!“ Und wenn ich für das geplante Menü neunzig Minuten am Herd stehe, obschon im Rezept dreissig Minuten angegeben waren, dann kann ich mit Hundeblick und leisem Vorwurf in der Stimme klagen: „Für euch habe ich mich so lange abgerackert und jetzt wollt ihr nur Brot essen…Na ja, immerhin ist das Brot auch selbst gebacken.“

… die Zeitung und insbesondere die Diskussionen um das richtige Familienmodell genau durchzulesen. Weil ich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten aus dem eigenen Leben kenne, fühle ich mich dazu berechtigt, mich über jede einzelne einseitige Aussage von frisch gebackenen SVP-Müttern zur ausserfamiliären, innerfamiliären und überfamiliären Kinderbetreuung aufzuregen. Eigentlich müsste ich in die Familienpolitik einsteigen, aber dann müsste ich mich mit frisch gebackenen SVP-Müttern, die trotz ihrer Liebe zum Kind am politischen Mandat festhalten, herumschlagen und das wäre noch anstrengender, als mich mit dem Prinzchen darüber zu streiten, ob eine Hausfrau, die sich ein – ärztlich verordnetes -Mittagsschläfchen gönnt, als faul zu bezeichnen sei.

… den Vorratsschrank zu überwachen und darum weiss ich jetzt mit absoluter Sicherheit, wer der Schokoladendieb ist, bzw. wer die Schokoladendiebe sind. Der schlimmste Langfinger ist „Ich war’s ganz bestimmt nicht, Mama, ich schwör’s dir“, der zweitschlimmste ist „Ich esse ganz bestimmt nie etwas zwischen den Mahlzeiten, ich kann mir auch nicht erklären, warum die Hose schon wieder zu eng ist“ und der drittschlimmste ist „Ich mag gar keine Schokolade, also war ich es ganz bestimmt nicht“. Interessanterweise ist „Meiner“, den ich für den Schlimmsten gehalten hatte, kaum je beim Stehlen zu erwischen. Der kauft sich die Schokolade unterwegs uns lässt das leere Papier dann im Auto liegen.

… mich nicht nur darüber aufzuregen, dass die Französischlehrerin die Noten jedes einzelnen Schülers der Klasse vorliest, sondern auch in Erwägung zu ziehen, mit ihr das Gespräch zu suchen und zwar nicht, weil Luise zu den Schlechtesten gehört, sondern weil sie es so unglaublich unfair findet, dass die mit den meisten Fehlern vor allen blossgestellt werden. Ich würde mit meinem Gespräch also meinen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit auf der Welt leisten, wenn ich die Lehrerin darauf aufmerksam machte, dass ihr Verhalten pädagogisch ziemlich fragwürdig ist.

… Arzttermine, Besuche, Karlssons Prüfungsdaten und schulfreie Nachmittage in mehrere Kalender einzutragen. Ja, ich kann mir inzwischen sogar einen Reminder schicken lassen, wann ich mit Kochen anfangen muss, damit die Zeit für das ausgewählte Rezept reicht. Blöd ist nur, dass meine Mutter jetzt den gleichen Reminder auf ihrem Gerät bekommt. Sie war einigermassen erstaunt, als sie um halb elf die Nachricht bekam, in einer halben Stunde müsse sie Maisbällchen mit Curry zubereiten. Aber ich habe ja Zeit, noch ein wenig am System zu feilen.

… neue Luftschlösser entstehen zu lassen, aber wenn ich dann spüre, wie ermüdend schon das Wenige ist, das ich im Moment leiste, dann denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe ich wieder mit etwas anderem als Luft bauen baue.

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Umgewöhnung

Morgens um Viertel nach sieben. „Meiner“ schwirrt wie eine wütende Wespe durch die Wohnung, will noch alles halbwegs erledigt haben, bevor er zur Arbeit geht: Wäsche, Geschirr, Abfall, Speisereste, Altpapier. Zwischendurch noch kurz Kakao kochen und Brötchen schmieren. Aber sich selber mal einen Moment lang hinsetzen, etwas essen und trinken? Kommt nicht in Frage, keine Zeit.

Anfangs lasse ich ihn gewähren, aus lauter Gewohnheit. So lief es in den vergangenen zwei Jahren immer, warum sollte es jetzt also anders sein, wenn er wieder zur Arbeit geht? Plötzlich aber dämmert mir, was da abgeht. „Meiner“ versucht mal wieder, den Hausalt irgendwie über Wasser zu halten, wie wir das eben getan haben, als weder er noch ich richtig Zeit hatten dafür. Die Hausarbeit wurstelten wir irgendwie zwischen Arbeit, Familienzeit, Sitzungen, Arztterminen und Kindergeburtstagsparties durch. Das war zwar alles andere als befriedigend und man sah es sowohl der Wohnung als auch unseren Augenringen bald einmal an, aber anders schafften wir es nicht.

Jetzt aber ginge es anders, nur leider hat es „Meiner“ noch nicht bemerkt. Noch glaubt er, er müsse seinen sich verbessernden Gesundheitszustand aufs Spiel setzen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, dass der Posten der Hausfrau bei uns über Jahre unterbesetzt war, dass es ihm schwer fällt, sich daran zu gewöhnen, dass er jetzt überbesetzt ist. Denn seien wir doch ehrlich: Mit einem einzigen – äusserst ordnungsliebenden – Kind, das noch den ganzen Tag im Haus ist, sollte selbst ich es hinkriegen, die Dinge einigermassen unter Kontrolle zu halten.

Nun ja, das Prinzchen hat sich zwar bei „Meinem“ beklagt, ich sei faul, aber ich hoffe doch sehr, dass der gute Mann auf eine solche Verleumdung nicht hereinfällt und deswegen wie ein Irrer der Hausarbeit hinterher hetzt.

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