Geschichtsklitterung

„Meiner“ und ich sind jetzt in dem Alter, wo man zurückschaut und findet, man hätte so ziemlich alles anders machen sollen, als man es gemacht hat. Nun ja, nicht ganz alles. Das mit „Meinem“ und mir und das mit den fünf Kindern das würden wir noch heute so machen und das ist ja wohl das Entscheidende. Aber das ganze Drumherum sehen wir heute ziemlich anders als damals. „Wenn ich noch einmal heiraten würde, dann würde ich einfach eine riesengrosse, unkomplizierte Fete mit vielen netten Leuten veranstalten und mich um all die Wünsche deiner Mutter und deiner Tante einen Dreck scheren“, sage ich dann zum Beispiel zu „Meinem“ und er findet, dass ich vollkommen Recht hätte. „Das würde ich genau so machen“, meint er „und anstatt viel Geld für das Fest auszugeben, würde ich heute ein paar Monate lang mit dir in der Weltgeschichte herumreisen.“ „Und zur Hochzeit würden wir uns nicht irgend welche Haushaltgegenstände wünschen, sondern Geld für die Reisere“, träume ich weiter. „Ja, und dann würden wir uns eine günstige Wohnung mieten, eine Ausbildung machen, die uns gefällt und dann, wenn wir Kinder hätten, beide Teilzeit arbeiten“, spinnt „Meiner“ den Faden weiter und plötzlich finden wir uns wieder in einem Traumleben, in dem zwar noch immer wir zwei und später auch unsere Kinder die Hauptrolle spielen, das aber so ganz anders aussieht, als es in Wirklichkeit war.  

Da sitzen wir zwei, übermüdet und abgekämpft und voller Ideen, wie man die Vergangenheit hätte gestalten sollen, damit die Gegenwart nicht ganz so anstrengend wäre, wie wir sie zuweilen empfinden. Ja, wir haben uns immer eine Grossfamilie gewünscht, aber hätten wir das Ganze nicht unkonventioneller, unkomplizierter, mehr auf unsere Persönlichkeiten zugeschnitten aufgleisen können? Wir malen uns aus, wie schön es gewesen wäre, wenn wir doch damals schon gewusst hätten, was wir heute, nach all den Ernüchterungen, die uns auf unserem Weg begegnet sind, wissen. Wir stellen in Gedanken unser ganzes damaliges Handeln auf den Kopf und vergessen dabei beinahe, dass in dem Kontext, in dem wir uns damals bewegten, Vieles von dem, was wir getan haben, ganz richtig und passend war.  

Manchmal seufzen wir tief und sagen uns, dass wir ganz furchtbar viel verpasst haben, weil wir damals, als wir noch keine Verantwortung für Kinder zu tragen hatten, das Leben so furchtbar ernst nahmen, dass wir gar nicht daran dachten, das Ganze etwas lockerer, spontaner und mit weniger Verpflichtungen anzugehen. Wenn wir schliesslich fertig geseufzt haben, dann sagen wir uns, dass es nur einen Ausweg aus unserem Dilemma gibt: Unser Leben als Familie geniessen und gleichzeitig dafür sorgen, dass im Familientrubel die Liebe nicht untergeht. Damit wir später dann, wenn die Kinder mal ausgeflogen sind, noch richtig viel Spass daran haben, miteinander das nachzuholen, was wir heute glauben, verpasst zu haben.

Vielleicht können wir ja noch einmal heiraten. Mit einer  riesengrossen, unkomplizierten Fete und vielen netten Leuten…

Mir ist sooooooo langweilig

Es ist die Standard-Bemerkung, wenn ich von meinem Leben mit fünf Kindern, Mann, Haus, Job, Schreiben etc. erzähle: „Dir wird bestimmt nie langweilig.“ Ohne viel zu überlegen, kommt dann meistens meine Standard-Frage zurück: „Langeweile? Was ist das?“ Und lange Zeit war es ja auch tatsächlich so, dass ich gar keine Zeit dazu hatte, mich zu langweilen. Da war immer jemand, der gewickelt werden wollte, immer einer, der Hunger hatte, der getröstet werden wollte, der ein paar Minuten bei Mama kuscheln wollte. Und wenn kein Kind etwas von mir wollte, dann rief der Haushalt mit seinen endlosen Aufgaben. Und wenn der Haushalt erledigt war, dann kam das Ehrenamt. Oder die Arbeit. Oder „Meiner“, mit dem ich ja auch noch ganz gerne Zeit verbringe.

Es ist nicht etwa so, dass mein Leben ruhiger geworden wäre, aber etwas hat sich in den vergangenen Monaten geändert. An Tagen, an denen ich mit allen Kindern alleine zu Hause bin, schleicht sich immer öfters die Langeweile bei mir ein. Ja, ich weiss, jetzt denkt ihr, ich sei vollkommen durchgedreht, aber ich versichere euch, dass ich für meine Verhältnisse geradezu erschreckend auf dem Boden der Tatsachen stehe, wenn ich sage, dass ich zuweilen kaum mehr weiss, was ich mit der Zeit anfangen soll. Seit ein paar Monaten können sich unsere Kinder – inklusive Prinzchen – ganz gut ohne mich unterhalten. Hin und wieder scheint mir gar, dass ich als Störfaktor wahrgenommen werde, aber das will ich noch nicht wahr haben.

„Umso besser“, mögt ihr jetzt denken „dann hast du jetzt also ganz viel Zeit, um dich dem Haushalt und deiner Schreiberei zu widmen, während die Kinder so schön mit sich selbst beschäftigt sind.“ Aber so einfach ist es leider nicht, denn die Kinder kommen wohl sehr gut ohne mich zurecht, solange ich in ihrer Nähe bin und irgend etwas tue, das man so nebenbei tun kann, den Geschirrspüler ausräumen, zum Beispiel, oder den Fussboden fegen. Sobald ich aber den grossen Fehler begehe, irgend eine grössere Arbeit in Angriff zu nehmen, weil die Kinder gerade so schön spielen, dann geht’s los mit dem Radau. Die fünf können sich während Stunden mustergültig verhalten, doch kaum liegen zum Beispiel alle meine Kleider auf dem Fussboden, weil ich die Gunst der Stunde nützen will, um mal wieder den Kleiderschrank aufzuräumen, legen sie los: Das Prinzchen öffnet sämtliche Joghurtbecher im Kühlschrank, der Zoowärter giesst einen Liter Apfelsaft in eine Espressotasse, der FeuerwehrRitterRömerPirat stürzt sich mit Feuereifer und einer Tube Leim auf eine Bastelarbeit, Luise verspürt den unbändigen Drang, sämtliche sich im Haus befindlichen Kosmetikartikel auszuprobieren und Karlsson fängt an, irgend einen obskuren Zaubertrank aus Ketchup, Honig und ich weiss nicht was sonst noch – das Rezept ist streng geheim – zusammenzubrauen. Spätestens nach fünf Minuten sieht es aus, als wäre eine Bombe geplatzt und ich werde plötzlich wieder von allen gleichzeitig gebraucht.

Man sieht also, das mit dem Arbeiten, währenddem die Kinder spielen, funktioniert nicht so richtig. Wie wär’s also mit lesen? Irgend ein oberflächliches Buch, das nicht allzu viel Konzentration erfordert und das man problemlos zur Seite legen kann, wenn man gebraucht wird. Nun, das ging früher, als die Kinder noch kleiner waren, ganz gut, aber heute hat „Mama mit Buch“ eine ähnlich fatale Wirkung auf die friedlich spielenden kleinen Menschen wie „Mama, die eine Arbeit in Angriff nimmt“. Spätestens nach einer halben Seite ist es vorbei mit der Ruhe und was dann abgeht, brauche ich euch nicht noch einmal zu schildern.

Nun gibt es ja noch andere Möglichkeiten, die Zeiten, in denen man nicht gebraucht wird, zu überbrücken. Man könnte zum Beispiel telefonieren. Anrufe, die getätigt werden sollten, gibt es genug. Zu dumm nur, dass die Wirkung von „Mama mit Telefon“ noch viel schlimmer ist als „Mama mit Buch“ oder „Mama, die eine Arbeit in Angriff nimmt“. Bevor du die Nummer fertig gewählt hast, heult der Erste und spätestens, nachdem du der Person am anderen Ende der Leitung deinen Namen genannt hast, musst du wieder auflegen, weil eines deiner Kinder in Lebensgefahr schwebt. Das Telefon ist also Tabu. Den allerschlimmsten Fehler, den du aber begehen kannst, ist, dass du die Zeit, in der die Kinder dich nicht brauchen, zur Entspannung nützen willst. Wehe, du machst dir einen schönen Kaffee und gönnst dir ein Stück Schokolade, vielleicht sogar noch ein Fussbad obendrein! Spätestens nach fünf Minuten müsstest du die Feuerwehr rufen, wenn du nicht wüsstest, dass alles nur noch schlimmer wird, wenn du den Hörer in der Hand hältst.

Ihr seht also: An solchen Tagen bleibt mir nichts anderes übrig, als anspruchslosen Kleinkram zu erledigen, während die Kinder sich ohne mich amüsieren. Und weil es selbst in unserem Haushalt nicht immer Kleinkram zu erledigen gibt – der Geschirrspüler braucht immerhin eine halbe Stunde, bis er fertig gespült hat und wieder ausgeräumt und neu beladen werden kann -, kommt es doch tatsächlich vor, dass ich zwischendurch mal auf dem Sofa sitze und wie ein Teenager jammere, mir sei so schrecklich langweilig. Und wie damals, in Teenagerzeiten, gibt es auch heute noch die Besserwisser, die nicht mitleiden, sondern einen pädagogisch wertvollen Ratschlag bereit haben: „Würdest du ein Musikinstrument spielen, dann müsstest du dich nicht langweilen, Mama“, tönt es aus dem Mund unseres Ältesten. Und schon ist er wieder weg. Seine Geschwister warten auf ihn.

 

Vergleichen? Ich doch nicht!

Die anderen Mütter die gehen ja nur zum Orchesterkonzert ihrer Kinder, um zu vergleichen, wie weit ihr Nachwuchs im Gegensatz zu den anderen steht, die gleich lange, oder etwas kürzer, oder schon erheblich länger das gleiche Instrument spielen. Ich bin da natürlich ganz anders, denn ich habe ja nicht das Ziel, meine Kinder zu grossen Stars zu machen. Deshalb nehme ich das alles ganz gelassen, geniesse den Auftritt meines Sohnes und freue mich daran, dass er am Ende des Konzerts strahlt wie ein Maikäfer. Wie? Ihr nehmt mir das nicht ab? Aber klar doch, ich sitze wirklich nur da und höre zu, wie die Kinder ihre Stücke vortragen. Ich nehme voller Freude zur Kenntnis, dass Karlsson sich im Vibrato übt und dass der Junge, der ein paar Stühle weiter entfernt sitzt, das noch nicht so gut hinkriegt. Ich freue mich darüber, dass das hübsche kleine Mädchen ihr Stück so wunderbar vortragen kann und frage mich, wie lange Karlsson wohl üben müsste, bis er das ebenso gut hinkriegen würde wie sie. Ich leide mit dem Kind mit, das vor lauter Aufregung seinen Auftritt vergeigt und bin ganz dankbar dafür, dass Karlsson heute keine dieser Patzer unterlaufen, die den Kindern, die zu Hause alles fehlerfrei gespielt haben, jeweils so schwer zu schaffen machen. Ich staune, dass es Kinder gibt, die bereits ganz wunderbare Stücke vortragen können und frage mich, ob Karlsson das auch mal probieren sollte, weil er das vielleicht auch hinkriegen würde, wenn ich ihm die Noten besorgen würde. Ich denke an die vielen Kinder, die nie diese wunderbare Gelegenheit haben, mit anderen zusammen zu musizieren und fühle mich unglaublich grosszügig, dass wir unserem Sohn trotz unseres vollen Terminkalenders erlauben, im Orchester mitzuspielen.

Wie? Was meint ihr? Ich sei geradezu besessen vom Vergleichen? Aber nicht doch, ich geniesse doch nur die Musik und ääähm…. wäge ab… öööh, nein das klingt zu doof… wollte sagen, ich stelle nur fest, ääähm, ich vergl… nein, Mist, das tue ich ja eben nicht….. ich meine, ich nehme nur mit Bewunderung zur Kenntnis, dass es einige Kinder gibt, die besser musizieren als Karlsson und dass es andere gibt, die es noch nicht so gut hinkriegen wie er. Aber das hat doch nichts mit vergleichen zu tun, oder?

Meine lieben Kinderlein…

… wisst ihr denn nicht, dass die Lizenz, Mama und Papa den Schlaf zu rauben spätestens nach dem dritten Geburtstag verfällt? Klar, irgendwann, wenn ihr zwischen fünfzehn und achtzehn seid, könnt ihr sie noch einmal erneuern lassen, aber dazwischen wäre eigentlich eine Pause vorgesehen, in der die Eltern ihr Schlafmanko auskurieren können. Auf dass sie dann wieder halbwegs erholt in die zweite Runde der schlaflosen Nächte gehen können.

Ja, ich weiss, ihr habt uns ziemlich gut schlafen lassen, als ihr Babys wart. Nun ja, du Luise hast Nacht für Nacht auf den Putz gehauen, aber ihr anderen, ihr wart meist erstaunlich gut im Durchschlafen. Das heisst aber noch lange nicht, dass ihr all die verpasste Schlaflosigkeit jetzt, wo für uns Eltern eigentlich Schonzeit wäre, nachholen müsst, indem ihr euch nachts zu uns ins Bett schleicht, wo ihr euch dermassen quer legt, dass Papa auf der einen, Mama auf der anderen Seite des Bettes herausfällt. Und wenn ihr es dann geschafft habt, entweder sie oder ihn aufs Sofa zu vertreiben, dann ist es nicht unbedingt nötig, dass ihr euch durchs Dunkel tappt, um den verloren geglaubten Elternteil aufzusuchen. Ja, wir sind noch da, auch wenn wir uns auf der Suche nach dem Schlaf etwas von euch entfernt haben. Wir sind auch ganz bestimmt am Morgen gerne wieder für euch da, aber wenn wir auf dem Sofa endlich den heiss ersehnten Schlaf gefunden haben, dann wären wir ganz froh, wenn sich kein kleiner Mensch auf unsere Beine setzen würde. Die Rechnung „Mama auf dem Sofa = Geschichten erzählen“ geht nur tagsüber auf, nachts heisst das  „Mama auf dem Sofa = Mama flüchtet vor der Kinderinvasion, die sie aus dem Bett vertrieben hat“.

Nein, meine lieben Kinderlein, ich sage das alles nicht, weil ich euch nicht lieben würde, oder weil ich die Nase voll hätte von euch. Mitnichten. Ich sage das zu eurem eigenen Wohl, denn vielleicht ist euch schon mal aufgefallen, dass ausgeschlafene Eltern erheblich angenehmer sind als unausgeschlafene. Darin unterscheiden wir Erwachsenen uns nicht von euch Kindern und darum bitte ich euch, dass ihr uns die wohlverdiente Nachtruhe gönnt. Als Gegenleistung verspreche ich euch, dass ich euch dereinst, wenn mich die senile Bettflucht ereilt, nicht morgens um halb fünf anrufen werde, bloss weil ich mir nicht sicher sein werde, ob ich euch bei eurem letzten Besuch die Pfannen, die ich im Sonderangebot für euch gekauft haben werde, auch tatsächlich mitgegeben habe.

Ich hoffe, meine lieben Kinder, dass wir uns darauf einigen können, denn sonst werde ich morgen, übermorgen und all die Tage danach genau gleich ungeniessbar sein wie heute und das wäre doch eigentlich schade, nicht wahr?

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Drohgebärden

Ja, ich weiss, diese ewigen elterlichen Erpressungsversuche sind doof und unfair. Aber wenn da ein Kind ist, das nicht will, wie Mama will, dann ist man schnell dabei. Und wenn da ein Kind ist, das Mama schon sehr bald einmal überragen wird, dann ist man noch schneller dabei. Denn man wird sich bewusst, dass der grosse Junge einem sehr bald sehr schlimm auf der Nase herumtanzen wird, wenn man ihm nicht zeigt, dass man noch immer weiss, was man will, auch wenn man in den Augen des Kindes immer kleiner wird.

Wie wir Eltern nun mal sind, kommt uns vor lauter Angst, die Autorität zu verlieren, eine jener hirnverbrannten Drohungen über die Lippen und noch ehe das letzte Wort draussen ist, fragen wir uns schon, wie wir bloss auf die Idee kommen konnten, dass die Drohung auch wirklich etwas bewirken könnte. „Wenn du jetzt nicht sofort auf dein Zimmer gehst, nehme ich dir deine Geige weg und du darfst bis Montagabend nicht mehr üben“, hörte ich mich heute sagen, als Karlsson sich weigerte, eine Auszeit zu nehmen von dem ewigen Necken der kleinen Brüder. Während ich noch sprach, überlegte ich mir schon, wo ich denn das Instrument sicher versorgen sollte, denn gehorchen würde er mir ja ohnehin nicht. 

Ich hätte so ziemlich mit jeder vorpubertären Reaktion – freches Grinsen, gleichgültiges Schulterzucken, ein zorniger Versuch, mit einem Comics-Heft nach mir zu schmeissen – auf meine unsinnige Drohung gerechnet, bloss nicht damit, dass der Junge sich vom Sofa erhebt, in seinem Zimmer verschwindet und erst wieder zum Vorschein kommt, wenn er mit seinen Geschwistern wieder anständig sein kann. Nun ja, unterwegs nach oben hat er zweimal die Tür geknallt, aber dass es bei nur zweimal blieb, ist für unsere Verhältnisse ein schon beinahe übermenschlicher Akt an Selbstbeherrschung. 

 

Kinderspuren

Als erfahrene Eltern haben wir uns längst daran gewöhnt, dass es nicht immer ganz ungefährlich ist, den müden Kopf einfach so im Dunkel des Schlafzimmers auf das Kopfkissen sinken zu lassen. Allzu oft kommt es vor, dass man nicht das weiche Kissen, sondern die harten Kanten eines Legosteins zu spüren kriegt. Gefahr lauert oft auch unter der Bettdecke, sei es in Form einer Stricknadel, die trotz mütterlichen Verbots als Schwert verwendet worden ist, oder in Form eines aufgeweichten Zwiebacks, der den Weg ins Elternschlafzimmer gefunden hat, obschon Essen grundsätzlich nur in der Küche und im Esszimmer erlaubt ist. Leider haben wir erkennen müssen, dass sich immer mal wieder jemand in unserem Zimmer breit macht, auch wenn wir schon hundertmal gepredigt haben, wir würden unsere Gäste ja auch nicht im Kinderzimmer bewirten oder unsere Schmutzwäsche bei ihnen liegen lassen. Natürlich verteidigen wir unsere Privatsphäre weiterhin standhaft, aber wie die Legosteine, Stricknadeln und der aufgeweichte Zwieback beweisen, sind wir noch nicht so weit, dass diese auch tatsächlich respektiert wird. 

Als erfahrene Eltern wissen wir auch, dass Mamas Kleiderschrank den Kindern nicht so heilig ist, wie Mama dies gerne hätte und so kommt es, dass die lieben Kleinen sich hin und wieder mit Verkleidungsstücken bedienen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Meist tauchen die lange vergeblich gesuchten Kleidungsstücke erst beim nächsten Grossreinmachen wieder auf und dann weiss natürlich keiner mehr, wie der Rock oder die Hose den Weg ins Kinderzimmer gefunden hat. Ganz ähnlich geht es mit Papas Akkordeon, Mamas Lippenstift, den Küchenutensilien und seit einiger Zeit auch mit der Tageszeitung. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich unserer Sachen bedienen,  wir leben ja alle unter einem Dach und teilen fast alles miteinander. Es wäre einfach nur nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre Spuren wieder beseitigen würden und c) ihre Spuren nicht überall hinterlassen würden.

Bis vor Kurzem war der Computer noch die letzte von den Kindern  unangetastete Zone. Doch seitdem Karlsson für die Schule erste kleine Vorträge schreibt, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich ihre Ausmalbilder selber ausdrucken können und der Zoowärter hin und wieder dabei helfen darf, seine Ausmalbilder auszuwählen, ist auch die letzte kinderfreie Festung eingenommen. Und seither erwartet uns jedes Mal eine Überraschung, wenn wir den Computer starten. Mal ist der Bildschirm mit neuen Ordnern übersät, dann wieder sind alle Programme, die so bequem auf den ersten Klick zugänglich sein sollten, im Nirgendwo verschwunden, hin und wieder kommt es auch vor, dass einem ein  Zhu Zhu Pet als Bildschirmhintergrund entgegenlächelt. Grundsätzlich habe ich ja nichts dagegen, wenn die Kinder sich so langsam aber sicher auch am Computer heimisch fühlen und meiner Meinung nach ist es auch richtig, wenn sie dazu nur ein einziges, von den Eltern überwachtes Gerät zur Verfügung haben. Es wäre einfach nett, wenn sie a) zuerst fragen würden, b) nach Gebrauch ihre neuen Ordner und Hintergrundbilder wieder löschen würden und c) auf der Tastatur keine klebrigen Spuren hinterlassen würden. Wobei c) nur funktioniert, wenn die Kinder endlich akzeptieren, dass Essen grundsätzlich nur in der Küche oder im Esszimmer erlaubt ist….

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Und plötzlich ist alles wieder ganz anders

Ganz unvermittelt sind wir seit heute wieder au-pair-los. Die Gründe spielen hier keine Rolle, wichtig für uns alle ist nur, dass weder sie noch wir an dem abrupten Ende Schuld sind. Ja, wir werden sie vermissen, denn wir haben sie wirklich gern bei uns gehabt, aber es geht nun mal nicht anders. Manchmal macht das Leben einfach was es will und dann sieht eben alles anders aus als geplant.

Wäre mir das Gleiche vor anderthalb Jahren passiert, ich wäre in Panik ausgebrochen. Wie sollte ich den Tag bloss überstehen ohne ein Au Pair, das mir unter die Arme greift? Wie den Haushalt schmeissen, wo die Kinder unterbringen, wenn Arbeit erledigt werden musste, wie die Nerven behalten bis zum Abend, wenn „Meiner“ zurückkommt? Heute ist das alles zum Glück nicht mehr ganz so schlimm, was vor allem daran liegt, dass ich dabei mitgeholfen habe, eine Familienzentrum aufzubauen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich bei uns im Dorf keinen Betreuungsplatz gefunden, heute reicht ein Anruf und meine beiden Jüngsten sind bestens versorgt. Wie oft musste ich mir in den vergangenen Monaten die Frage gefallen lassen, weshalb ich mich denn so sehr für eine Einrichtung einsetzen würde, das könnten doch andere Menschen mit weniger Kindern tun. Heute kann ich sagen: Zum Glück bin ich drangeblieben, auch wenn ich damals nicht damit gerechnet hätte, dass ich selber jemals in diesem Ausmass von dem Angebot profitieren würde. 

Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, weshalb au-pair-lose Zeiten für mich keinem Weltuntergang mehr gleichkommen. Ich fürchte – und das sage ich ohne jeglichen Stolz – dass ich mich inzwischen mit einem gewissen Ausmass an Chaos abgefunden habe. Zwar muss ich immer mal wieder die Perfektionistin in mir niederringen, zwar kommt hin und wieder das nackte Grauen über mich, wenn ich all das Durcheinander sehe, aber ich fürchte, dass ich im Grossen und Ganzen resigniert habe. Ja, ich weiss, ich bin noch zu jung für sowas, aber was soll ich denn tun, wenn bei uns der Küchenfussboden sechsmal täglich gewischt wird und abends dennoch aussieht, als hätte eine Horde wilder Affen ein Picknick abgehalten? Klar, ich raffe mich immer und immer wieder zum Saubermachen auf, aber das mit der Ordnung, wie sie mir tief in meinem Innersten entsprechen würde, habe ich mir für die kommenden zehn Jahre abgeschminkt. Und deshalb macht es wohl auch keinen entscheidenden Unterschied mehr, ob ein Au Pair dabei mithilft, den ewig gleichen Mist wegzuräumen, oder ob „Meiner“, die Kinder und ich den aussichtslosen Versuch starten, dem Chaos fast ohne fremde Hilfe – die Putzfrau haben wir ja noch – Herr zu werden.

Man sieht also, wir werden das schon hinkriegen. Nur eine Sache macht mir ernsthaft Bauchweh: Was geschieht mit meinem Schreiben, jetzt, wo die Möglichkeit wegfällt, mich mitten am Tag ganz spontan ein paar Stunden ins Büro zurückzuziehen, während das Au Pair auf die Kinder aufpasst? Sieht ganz danach aus, als müssten „Meiner“ und ich den Lebensumbau etwas beschleunigen, denn eben erst habe ich beschlossen, der Schreiberei wieder mehr Raum zu geben. Und das geht nun mal nicht, wenn fünf Kinder unbeaufsichtigt die Wohnung demolieren, während Mama versucht, ihre weltbewegenden Gedanken zu Papier zu bringen.

Mama & Sohn

Okay, ich geb’s zu: Ja, ich habe heute früh die Türe geknallt. Mehrmals und ziemlich heftig. Ja, ich habe herumgebrüllt und zwar sehr laut. Und ja, ich bin ausgerastet wie schon lange nicht mehr, weil mich der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder zur Weissglut getrieben hat mit seinem „Ich weigere mich, in den Kindergarten zu gehen und es ist mir vollkommen egal, dass du meinetwegen zu spät zur Arbeit kommst und dass sich die Kindergärtnerin Sorgen machen wird darüber, wo ich wohl so lange bleibe“. Ich versuche gar nicht erst, die unrühmliche Begebenheit zu verbergen, wo das Prinzchen doch ohnehin jedem, der es hören will, erzählt, dass Mama heute Morgen eine ganz böse Mama war. Also wozu leugnen, wo es sich ohnehin nicht verbergen lässt, dass ich hin und wieder genau das Gegenteil von der Mama bin, die ich eigentlich sein möchte? 

Zum Glück scheint der FeuerwehrRitterRömerPirat auch erkannt zu haben, dass er manchmal nicht der Sohn ist, den er sein möchte und so kam es, dass wir zwei Streithähne heute Nachmittag in trauter Zweisamkeit auf dem Sofa sassen und einander eine Pizza-Massage verpassten. Aber davon erzählt das Prinzchen natürlich niemandem…

 

Grosser Junge, kleines Biest

Falls ihr euch heute am frühen Abend irgendwo in der Nähe unseres Hauses – etwa im Umkreis von fünf Kilometern – aufgehalten habt und ihr ein Kind ganz schrecklich habt schreien hören, dann heisst das noch lange nicht, dass ihr gleich den Kinderschutz alarmieren müsst. „Meiner“ und ich haben nämlich nur versucht, das zu tun, was verantwortungsvolle Eltern nach einem Besuch im Wald tun sollten. Wir haben unsere Kinder von Zecken befreit. Beim Prinzchen, dem Zoowärter und bei Luise ging das ganz glatt, denn die Biester hatten noch nicht gestochen, sondern waren noch auf der Suche nach dem perfekten Platz. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war das mit der Befreiung hingegen nicht mehr so einfach und so kam es, dass „Meiner“ und ich – später auch noch die Grossmama – das schreiende Kind an Armen und Beinen festhalten mussten. Was zur Folge hatte, dass das Kind noch lauter schrie, wir Eltern ins Schwitzen kamen und so langsam aber sicher die Nerven verloren. 

Wie das so ist in einer Grossfamilie: Wenn einer schreit, dann schreien bald einmal alle und so dauerte es nicht lange, bis Luise sich lautstark gegen das von den Eltern verordnete Bad zu wehren begann. Das Prinzchen stand daneben und brüllte abwechslungsweise seine dem Schein nach so bösen Eltern und seinen renitenten grossen Bruder an, je nachdem, wer gerade seine Unterstützung nötig hatte. Und weil das so schön war, stimmten Karlsson und der Zoowärter in den Lärm mit ein, weil sie wegen dieser doofen Zecke auf den versprochenen Film warten mussten. Das alles klang so schrecklich nach „böse Eltern misshandeln arme Kinder“, dass ich mich ernsthaft davor zu fürchten begann, dass demnächst ein besorgter Nachbar an der Türe klingeln würde. Und hätte er uns dabei angetroffen, wie wir uns darum bemühten, unseren Dritten zu bändigen, er hätte wohl gedacht, dass er eben noch rechtzeitig gekommen sei, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei wollten wir wirklich nur Eines: Unseren grossen Jungen so schnell als möglich von dem kleinen gefährlichen Biest befreien. Aber zuweilen kann es ganz schön hitzig werden, wenn wir unser Bestes geben, unserer elterlichen Pflicht nachzukommen.

 

Rückeroberung

Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, wie sich in unserem Alltag die Anzeichen mehren, dass ich dabei bin, mein überhöhtes Lebenstempo endlich zu drosseln. Ein gutes Gefühl, hasse ich es doch, wenn ich nur noch auf das, was sich mir in den Weg stellt, reagieren kann, anstatt zu bestimmen, was wann drankommt. Nun ja, mit fünf Kindern sind die Tage, die so ablaufen, wie ich sie in den frühen Morgenstunden plane, äusserst selten, aber zumindest möchte ich halbwegs das Gefühl haben, dass ich den Überblick behalten kann über das, was getan werden muss. Mir scheint, dass ich diesem Zustand wieder näher bin als auch schon. Und je näher ich diesem Zustand komme, umso mehr muss ich der beunruhigenden Tatsache ins Auge sehen, dass ich sehr weit davon entfernt war, mein Leben nur halbwegs im Griff zu haben.

Wie, ihr möchtet gerne Beispiele hören, weil mein Geschreibsel etwas abgehoben und theoretisch daherkommt? Nun gut, dann werden wir eben ganz praktisch: Im Badezimmer türmt sich ein Wäscheberg, der so langsam zu müffeln beginnt. „Meiner“, der mir in den Monaten, die ich im schwarzen Loch verbracht habe, tatkräftig unter die Arme gegriffen hat, ignoriert den Berg seit Tagen. Nicht, weil er findet, das sei jetzt wieder mein Job, sondern ganz einfach, weil er nun dran ist mit „mir wächst das alles über den Kopf“. Also muss ich ran. Mein erster Gedanke, als ich den Wäscheberg unter die Lupe nehme: „Das schaffe ich nicht!“ Ein Gedanke, der mir im schwarzen Loch zum Motto des Tages geworden war. Aber weil ich weiss, dass ich muss, mache ich mich dran, die Wäsche zu sortieren, etwas, was „Meiner“ übrigens nie tut, was mir ganz schrecklich auf die Nerven fällt. Doch wer nicht wäscht, soll nicht motzen, also habe ich es mir abgewöhnt, ihm deswegen in den Ohren zu liegen. Jetzt aber bin, wie bereits zweimal erwähnt, ich dran (Ihr seht, ich bin inzwischen soweit, dass ich Applaus erwarte für die banalste aller Hausarbeiten.) und so wird die Wäsche wieder nach Farben sortiert, der blaue Berg landet in der einen Waschmaschine, der rote in der anderen, der Grüne und der Graubraunschwarzhässlichemikrofaserlappenberg warten brav vor den Waschmaschinen, bis sie an die Reihe kommen. Wenige Stunden später ist der ganze Wäscheberg verschwunden, es duftet überall nach frisch gewaschener Wäsche, die Kinder helfen beim Aufhängen und ich habe gar die grandiose Idee, einen zusätzlichen Wäscheständer aus dem Keller zu holen, damit wir nicht immer alles über Stuhllehnen und Salontischchen zum Trocknen ausbreiten müssen.

So einfach war das und ich klopfe mir voller Stolz auf die Schulter, weil ich das einfach so nebenbei geschafft habe. Wenn ihr jetzt denkt, dass ich vollkommen übergeschnappt bin, weil ich euch mit derart alltäglichem Mist belästige, dem muss ich leider sagen, dass genau dies für mich nicht mehr alltäglich war. Genauso wenig wie die Küche nach dem Essen wieder in einen halbwegs anständigen Zustand zu bringen, die Grünabfälle zu entsorgen, bevor sie zu leben beginnen und sich von alleine aus dem Staub machen oder diesen lästigen Fleck Vanillepudding im Kühlschrank wegzuwischen. Das Verrückte daran ist, dass ich jedesmal, wenn ich mir wieder einen kleinen Flecken Haushalt zurückerobert habe – nicht, dass ich im Sinne hätte, hier jemals wieder die Alleinherrschaft an mich zu reissen – , das Gefühl habe, ich hätte unglaublich Grosses geleistet. Das, was zum Familienleben einfach so dazugehören würde, erschien mir über Monate so unüberwindbar, dass ich jetzt, wo ich wieder den Mut aufbringen kann, mich der Dinge anzunehmen, so etwas wie Stolz empfinde, wenn ich es geschafft habe, die Arbeit zu Ende zu bringen. Es ist nicht sosehr die erledigte Arbeit, die mich mit Stolz erfuellt, sondern die Tatsache, dass ich es geschafft habe, mir den Ruck zu geben, dass ich die Energie aufgebracht habe, etwas zu tun, was getan werden muss. Ich weiss, das klingt ziemlich durchgedreht, aber so ist das nun mal, wenn eine Hausfrau, die ohnehin nicht mit allzu vielen praktischen Talenten ausgestattet ist, sich aus dem schwarzen Loch zurück in den Alltag kämpfen muss.

Ach ja, und falls sich jemand darüber aufregt, dass ich von zwei Waschmaschinen schreibe, der kann sich beruhigen: Nur eine davon gehört uns, die andere gehört zur Grundausstattung des Hauses und wird nur dann in Betrieb genommen, wenn der Wäscheberg sich langsam aber sicher der Zimmerdecke nähert.