Bremsweg

Es sind die ganz banalen Alltagsdinge, die dir bewusst machen, dass das Lebenstempo langsam wieder etwas erträglicher wird. Ein paar Beispiele gefällig? 

Nun, da wäre zum Beispiel die Mailbox, die nicht mehr so voll ist, weil du endlich mal wieder die Zeit gefunden hast, all die unerwünschten Werbemails zu stoppen. Oder die Tatsache, dass du den Lohn der Putzfrau endlich wieder pünktlich bezahlen kannst, weil du wieder die Zeit findest, dich fünf Minuten hinzusetzen, um den Betrag und die Sozialabzüge auszurechnen. Ach ja, dabei ist es übrigens auch ganz nützlich, zwei volle Druckerpatronen im Drucker zu haben, damit du die Lohnabrechnung ausdrucken kannst. Und siehe da: Es hat Tinte im Drucker. Zum ersten Mal seit etwa drei Monaten wieder. Auch so ein Anzeichen, dass es wieder besser wird, sind die Rechnungen. Wenn die Mahnungen seltener werden, weil du endlich wieder so viel Ordnung halten kannst, dass nicht ständig Einzahlungsscheine verloren gehen, dann weisst du, dass du den Alltag so langsam aber sicher wieder im Griff hast. Natürlich ist es auch beruhigend, dass du den Kühlschrank wieder füllen kannst, ohne auf das ganz praktische, aber sehr abfallintensive Online-Shopping zurückgreifen zu müssen. Schliesslich ist es auch ganz nett, dass du für WC-Papier, Küchenrollen, Paketschnur und Briefmarken einfach nur in den nächsten Schrank greifen kannst und nicht mehr nahezu panisch kurz vor Ladenschluss in die Migros hetzen musst und dabei Kinderwagen überfährst , bloss weil du mal wieder keine Zeit hattest, ans Naheliegendste zu denken. Und das untrüglichste aller Zeichen, dass das Leben wieder etwas beschaulicher wird: Der Terminkalender füllt sich wieder mit Terminen, auf die du dich freust – Gäste, Ausflüge, eine Freundin zum Kaffee, Sommerferien, freie Abende. 

Nun ja, es gibt da natürlich auch noch vereinzelte Anzeichen, die darauf schliessen lassen, dass das Tempo durchaus noch mehr gedrosselt werden sollte. Vergessene Arzttermine zum Beispiel, oder die Tatsache, dass wir schon wieder keine Abfallsäcke mehr im Haus haben, oder das Problem der Wäsche, die inzwischen zwar wieder regelmässig gewaschen wird, die aber den Weg in die Schränke noch immer nicht von selbst findet. Aber davon solltest du dich nicht allzu sehr verunsichern lassen. Der Bremsweg ist nun mal länger, je schneller man unterwegs war.

 

Schlaf-Fragen

Heute Nachmittag tauchte ich mal wieder trotz Mittagsschlaf laut gähnend auf dem Fussballplatz auf, wo ich Luise abholen musste, die sich dummerweise zu diesem Fussballturnier angemeldet hat, obschon sie gar nicht gern Fussball spielt. Eine Bekannte, die mein Gähnen bemerkte,  meinte, es würde wohl einige Monate dauern, bis ich mein über Jahre angehäuftes Schlafmanko wieder abgebaut hätte. Ich gähnte ein weiteres Mal, murmelte etwas von „wird wohl etwas länger als ein paar Monate dauern“, vergass die Sache wieder und ging mit Luise nach Hause, wo ich alsbald wieder einschlief. Und dann, als ich zwei Stunden später das Prinzchen zu Bett brachte, übermannte mich der Schlaf ein weiteres Mal. 

Jetzt, wo ich wieder halbwegs wach bin, treibt mich die Sache mit dem Schlaf, die ich nachmittags so dämmerig zur Seite geschoben habe, wieder um: Kommt zwischen der Kleinkinderzeit und der Zeit der durchwachten Nächte, weil die Teenager noch nicht zu Hause sind, eine Erholungsphase, oder muss ich davon ausgehen, dass es nahtlos so weiter geht mit zu wenig Schlaf? Lässt sich verpasster Schlaf überhaupt je nachholen, oder hatte meine Schulkameradin Recht, die vor Jahren jeweils verkündete, nachschlafen sei unmöglich? Wird in meinem Leben je wieder eine Zeit kommen, in der ich nicht müde bin, oder lässt man den seligen Zustand des Ausgeschlafenseins ein für alle Mal hinter sich, sobald man kein Baby mehr ist, das immer und überall schlafen kann, egal, wie laut und stürmisch es rundherum zugeht? Werde ich am Ende meines Lebens seufzend im Lehnstuhl sitzen und sagen „Hätte ich doch bloss mehr geschlafen“? 

Noch mehr als all die Fragen, treibt mich aber diese um: Darf man samstags um Viertel nach zehn zu Bett gehen, wenn man morgens bis neun in den Federn gelegen hat und sich auf den Tag verteilt drei Nickerchen gegönnt hat, oder ist man ein unersättlicher Gierhals, wenn man einem Tag mit so viel Schlaf so früh ein Ende setzt?

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Danke, ich liebe euch auch

So sehr ich meine Familie vergöttere, an Tagen wie heute könnte ich sie alle auf den Mond schiessen. Nicht für immer natürlich. Nein, nur gerade so lange, bis sie spüren, wie öde ihr Leben ohne mich wäre. Da komme ich heute Mittag gut gelaunt von der Arbeit nach Hause und wen treffe ich an? Einen jammernden Zoowärter, der eben erst voller Stolz sein Kindergartentäschchen ausgepackt hat und sich schon wieder lautstark darüber beklagt, er würde nie etwas geschenkt bekommen. Eine genervte Luise, die keine Lust hat, Tomaten-Orangen-Suppe zu essen und die eingeschnappt ist, dass ich nicht sogleich mit ihr zum Einkaufszentrum fahre, um einen Schlafsack für die Schulreise nächste Woche zu kaufen. Das Kind schiebt doch allen Ernstes mir die Schuld am Regen in die Schuhe. Dieser böse Regen, der „Meinen“ dazu zwingt, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, weshalb Luise nicht ins Einkaufszentrum kutschiert werden kann.

Mit einer mies gelaunten Luise und einem klagenden Zoowärter könnte man ja zur Not noch klarkommen. Dazu kommt aber noch ein lautstarkes Prinzen- Gezeter  – worum es ging, habe ich vergessen, ich weiss nur noch, dass auch diesmal ich die Schuldige war – ein kranker FeuerwehrRitterRömerPirat, der zwar allen Grund hatte zum Jammern, dessen Gejammer aber vom Gemotze der anderen übertönt wird, so dass er schreien und toben muss, bis ich ihn endlich höre. Irgendwie bringe ich es auch noch fertig, Karlsson wütend zu machen, „Meiner“, der momentan nicht gerade fit ist, sagt kaum ein Wort und die Laune des Au Pairs ist auch eher auf der düsteren Seite.

Da sitze ich also, einsam und gut gelaunt und frage mich, ob denn in dem ganten Haufen von Menschen nicht wenigstens einer ist, der mit mir lachen mag. So ähnlich wie an jenen Festen, an denen alle anderen betrunken sind, du selber aber stocknüchtern. Einfach umgekehrt natürlich. Dieses ganze mies gelaunte Gehabe meiner Familie treibt mich dazu, sie auf den Mond schicken zu wollen, was aber bekanntlich nicht geht. Also kommt nur noch die zweitbeste Lösung in Frage: Mitschmollen. Denn alleine gut gelaunt sein macht einfach keinen Spass.

Aufwachen, Mama!

2001: Mama Venditti, vor wenigen Monaten erst Mama geworden, liest in der Tageszeitung, dass Jugendliche sich immer öfter bis zum Umfallen besaufen. „Auf jedes Extrem folgt ein Gegenextrem“, denkt sich Mama Venditti. „Bis Karlsson in dem Alter ist, wird saufen unter den Jugendlichen total out sein.“

2003: Mama Venditti liest, dass die Verbreitung jeder erdenklichen Schweinerei unter Jugendlichen dank Internet und Handy erheblich zugenommen hat. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man bestimmt für einen besseren Kinder- und Jugendschutz sorgen“, beruhigt sie sich selber. 

2005: Mama Venditti schaut sich eine Statistik an, die belegt, dass sich Mädchen immer öfter masslos betrinken, weil die süssen Mixgetränke ihren Geschmack genau treffen. „Bis Luise so gross ist, sind diese zuckersüssen Versuchungen bestimmt längst verboten“, murmelt sie vor sich hin.

2007: Mama Venditti erfährt, dass Cannabis für viele Jugendliche einfach dazugehört. „Was jetzt normal ist, wird in ein paar Jahren völlig veraltet sein“, beruhigt sie sich. 

2009: Mama Venditti liest einen Artikel, in dem steht, dass Jugendliche immer leichter an harte Drogen herankommen. „Bis meine Kinder in dem Alter sind, wird man viel härter durchgreifen“, hofft sie.

2011: Mama Venditti sitzt in einem Vortrag über Rauschtrinken und wird sich gewahr, dass a) die jüngsten Kinder, die in der Statistik erfasst sind, nicht erheblich älter sind als ihre eigenen und dass b) die Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht ab- sondern zugenommen haben. Nicht, dass sie je allen Ernstes an ihre eigenen kläglichen Beruhigungsversuche geglaubt hätte, aber ein wenig mulmig wird ihr schon, wenn sie sich eingestehen muss, dass die Schonzeit wohl bald vorbei ist. Eines aber beruhigt sie dennoch: Die Referentin weist darauf hin, dass gute Beziehungen innerhalb der Familie Vieles verhindern helfen. Mama Venditti denkt sich, dass bei Vendittis im Alltag zwar fast alles anders läuft als im Erziehungsratgeber, dass aber kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf die eine oder andere Art – mal mit Loben und Unterstützen, dann wieder in einem lautstarken Streit, der in einer liebevollen Versöhnung endet –  an den Beziehungen gearbeitet wird.

Kinderwagen Nummer 8

Ganz ehrlich, das Kapitel Kinderwagen hatte ich abgeschlossen. Klar, ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie wir das im Sommer in Prag machen würden und wäre das Prinzchen am Sonntag mit uns geströmt, als wir auszogen, die Atomenergie zu vertreiben, ich hätte mir einen Wagen aus dem Familienzentrum ausleihen müssen. Aber noch einmal einen kaufen? Nein, das wäre nicht in Frage gekommen. Jetzt sind andere Dinge dran: Die Kaffeemaschine zum Beispiel, oder mal wieder ein Coiffeurbesuch, oder ein Velo für den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Man kann doch nicht immer alles Geld für neue Kinderwägen ausgeben. 

Dennoch wird morgen früh das Prinzchen mit Kinderwagen Nummer 8 in die Krippe fahren, anstatt auf meinen Schultern zu thronen. Meine Mutter hatte Erbarmen mit dem Prinzchen – oder vielleicht auch mit mir, weiss sie doch, wie schwer sich der Körper nach ein paar Schwangerschaften damit tut, kleine Kinder zu schleppen – und so kaufte sie heute kurz entschlossen Kinderwagen Nummer 8 für uns. Und das Schönste daran ist: Ich brauche nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben deswegen, denn zwei Franken sind wahrlich kein überrissener Preis für den Kinderwagen, der dereinst auch unseren Enkelkindern als Kutsche dienen wird.

Vorausgesetzt, ich überfahre das Ding nicht…

Von Brausetabletten und anderen Banalitäten

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa, starrt ins Leere und man könnte meinen, sie würde mal wieder nichts tun. Was natürlich keineswegs stimmt, denn wenn es so aussieht, als würde Mama Venditti nichts tun, dann schreibt es in ihrem Kopf. Nur noch ein paar Momente, dann wird sie sich an den Computer setzen und in die Tasten hauen, was sie sich eben gerade ausgedacht hat. Manchmal aber – in letzter Zeit ziemlich oft – kommt es vor, dass sich der Innere Kritiker zu ihr gesellt, kaum sitzt sie auf dem Sofa und starrt ins Leere. Und dann geraten die zwei sich ins Gehege, die Mama Venditti und der Innere Kritiker:

IK: Was willst du denn heute wieder schreiben?

MV: Nun, ich überlege mir gerade, ob ich vielleicht darüber schreiben soll, dass „Meiner“ und ich uns manchmal wie Brausetabletten verhalten, die….

IK, unterbricht: Wie Brausetabletten? Wie kommst du auf so eine absurde Idee?

MV: Das ist keine absurde Idee. Ich will nur erklären, dass „Meiner“ und ich jeweils keine Grenzen mehr setzen, wenn wir eine Möglichkeit sehen, uns für eine gute Sache einzusetzen. Wir lösen uns dann beinahe auf in der Sache. Genau wie Brausetabletten eben.

IK: Und das soll einer verstehen?

MV: Aber klar. Ich will doch nur darauf hinaus, dass es zwar gut und recht ist, sich für etwas einzusetzen, dass es aber für eine Familie ziemlich belastend werden kann, wenn die Eltern unfähig sind, ihren Idealismus in die Schranken zu weisen.

IK: Das interessiert doch keinen. Das sind eure ganz persönlichen Probleme und auch wenn du dir noch so sehr einredest, bei anderen wäre das ganz ähnlich und du könntest vielleicht dem einen oder anderen Leser einen Gedankenanstoss geben, am Ende werden doch alle den Kopf schütteln ob deines absurden Vergleichs. Brausetabletten, pffff….

MV, schmollt eine Weile, meint dann aber: Vielleicht hast du ja Recht. Das will wohl wirklich niemand lesen. Aber erinnerst du dich noch an meinem Text mit dem Spielplatz? Ich könnte ja darüber schreiben, dass „Meiner“ und ich es noch immer nicht geschafft haben, die Wippe zu verlassen, dass wir immer noch damit beschäftigt sind, einander gegenseitig wieder aufzupäppeln, wenn einer von uns mal wieder unsanft gelandet ist.

IK: Schon wieder „Deiner“ und du. Glaubst du denn wirklich, eure Partnerschaft sei so interessant, dass man darüber lesen möchte?

MV: Nun, vielleicht erkennt sich ja der eine oder andere wieder in dem, was ich hier schreibe.

IK: Ach ja, natürlich. Die Leute werden sich in deinem Geschreibsel wiedererkennen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es noch andere gibt, die gleich ticken wie ihr zwei?

MV: Okay, dann schreibe ich eben nicht über „Meinen“ und mich, wenn du denkst, dass das die Leute so sehr langweilt. Dann nehme ich halt die Sache mit dem Vertrag, den die Kinder nicht eingehalten haben. Du weisst, dieser Fackel mit dem Versprechen, dass sie in Zukunft jeden Tag ohne Gemecker eine Viertelstunde aufräumen werden. Gestern Abend haben Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat doch tatsächlich ihre Unterschriften auf dem Dokument wieder durchgestrichen, damit sie sich nicht an den Vertrag halten müssen.

IK: Darüber kannst du natürlich schon schreiben, wenn du unbedingt deine Unfähigkeit als Mutter vor aller Welt breitschlagen möchtest. Ich finde es ja eher beschämend, dass du es nicht fertig bringst, deinen Kindern ein wenig Sinn für Ordnung beizubringen. Aber wenn es dir nichts ausmacht, Tag für Tag über die gleichen Banalitäten zu schreiben und dich dabei zum Affen zu machen, nur zu! Ich will dir nicht im Wege stehen.

MV, leicht verunsichert: Meinst du wirklich, dass ich mich zum Affen mache?

IK: Aber klar doch. Wenn du mich fragst, dann hast du alles, was in deinem Leben überhaupt erwähnenswert ist, schon längst in irgend einem mittelmässigen Text verwurstet. Demnächst wirst du wohl damit anfangen, über den Inhalt der Prinzchen-Windel zu berichten.

MV: Dann soll ich vielleicht heute gar nichts schreiben? Und morgen auch nicht? Und übermorgen auch nicht?

IK: Das wäre wohl das Beste, aber so, wie ich dich kenne, wirst du schon bald wieder an deinem Bürotisch sitzen und Banalitäten ausbrüten.

MV, zu sich selber: Vielleicht sollte ich das mit dem Schreiben vielleicht wirklich lassen. Zumindest heute. Morgen kann ich ja darüber schreiben, wie sehr mir dieser Innere Kritiker zuweilen zusetzt….

IK, zu sich selber: Natürlich, jetzt soll ich wieder dran Schuld sein, wenn sie nicht schreibt. Als ob nicht sie diejenige wäre, die mit solch hirnverbrannten Ideen kommt, dass man sie einfach kritisieren muss. Brausetabletten! Hat man schon einmal so etwas Bescheuertes gehört?

Was ist hier falsch?

In der Theorie sollte das Ultraschallgerät

a) Ratten und andere Nager vertreiben

b) Für Menschen unhörbar sein

c) Andere Tiere nicht vertreiben

In der Realität sieht die Sache etwas anders aus denn 

a) hält es das Au Pair keine Sekunde mehr auf dem Balkon aus, weil sie die für Menschen angeblich nicht hörbaren Töne sehr wohl hören kann

b) sind sämtliche Spatzen, die uns so viel Freude bereitet haben, zuerst beinahe durchgedreht und dann spurlos verschwunden und 

c) lässt sich das Rattenvieh von dem lästigen Gerät nicht im Geringsten stören, sondern treibt sich seelenruhig weiter auf unserem Balkon rum.

Da gibt es nur noch eins: Der Kammerjäger muss kommen. Und zwar sofort. Denn inzwischen ist das Rattenvieh so wohlgenährt, dass auch zehn ausgewachsene Katzen nicht mit ihm fertig werden könnten.

Das wäre doch was für uns

Die Ratte hat die alte Diskussion wieder angefacht: Sollen wir uns doch vielleicht ein Haustier anschaffen, jetzt, wo die Familie nicht mehr weiter wachsen wird? Man kann die Frage ja nicht ewig vor sich herschieben, vor allem, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat heute schon droht, er werde sich dann eines Tages einfach ohne Erlaubnis eine Ratte anschaffen. Da muss man doch vorbeugend eingreifen, indem man das Bedürfnis nach einem Haustier stillt, bevor es ungesunde Züge annimmt. Und so zermarterte ich mir einige Tage lang das Gehirn, was wohl zu tun sei. Gestern dann, als ich zum zehnten Mal in diesem Frühjahr meine Zuckermelonen-Setzlinge, die Nachbars Katze jeweils über Nacht ausgräbt, wieder in die Erde pflanzte, dämmerte mir, was uns fehlt: Eine Katze, die sich voller Selbstbewusstsein unseren Garten zum Revier erklärt und alle anderen Katzen von meinen Setzlingen fern hält. Eine stubenreine Katze natürlich, eine, die sich zu fein ist, um ihr Geschäft im Garten zu verrichten, denn sonst wird das Leben für meine Setzlinge nicht sicherer. 

Das mit der Katze, so überlegte ich, hätte ja den zusätzlichen Vorteil, dass sich die Ratte bei uns nicht mehr so wohl fühlen würde. Habe ich doch neulich gelesen, dass schon der Geruch von gebrauchtem Katzensand genügt, um eine Ratte zu vertreiben. Und so fiel der Entschluss: Vendittis brauchen eine Katze. Natürlich konnte ich die Sache nicht lange für mich behalten und deswegen war schon bald einmal klar, dass Vendittis nicht nur eine Katze haben werden, sondern mindestens zwei. Denn die kleinen Vendittis können sich nicht entscheiden, ob es eine Katze oder ein Kater sein soll. Erstaunlicherweise schien nicht mal „Meiner“ der Sache abgeneigt zu sein, zumindest brachte er nicht allzu viele Einwände, und so brüteten Luise und ich schon bald einmal über der neuesten Ausgabe der „Tierwelt“, um herauszufinden, ob da vielleicht jemand bereit wäre, uns zwei Kätzchen abzugeben. 

Es ist ja wohl kaum verwunderlich, dass es da ein paar ganz interessante Inserate gab. Immerhin haben wir Mai und da wollen bekanntlich alle ihre überzähligen Kätzchen loswerden. Luise hätte schon fast zum Telefon gegriffen, um sich zwei Tierchen zu sichern, doch da meldete sich „Meiner“ dann doch noch zu Worte. Wir hätten viel zu viel Chaos im Haus, es würde sich ja doch keiner um die Tiere kümmern, Katzen zu halten sei ein teurer Spass, den wir uns nicht leisten könnten, die ganze altbekannte Spielverderber-Leier. 

Nun gut, dann müssen wir ihn eben noch ein wenig bearbeiten, ihm noch ein paar kitschige Kätzchenbilder unter die Nase halten, ihm ein paar Statistiken aufbereiten, die belegen, dass Katzenhalter eine weitaus höhere Lebenserwartung haben als Nicht-Katzenhalter. Und wo wir schon dabei sind, ihn zu bearbeiten, können wir ihm ja gleich noch in den Ohren liegen, dass wir jetzt endlich diese umweltunfreundliche Kapselkaffeemaschine – nein, nicht die von George Clooney, so tief sind wir dann doch nicht gesunken – loswerden müssen. Die ist mir nämlich auch schon lange ein Dorn im Auge, aber „Meiner“ findet, ein funktionierendes Gerät loszuwerden sei weder umwelt- noch budgetfreundlich.

Mal sehen, wie wir ihn rumkriegen können. Vielleicht finden wir ja jemanden, der uns gerne zwei überzählige Kätzchen andrehen will, aber nur, wenn wir ihm im Gegenzug einen anständigen Kaffee anbieten…

Rattenkampf

Die Besuche der Ratte auf unserem Balkon häufen sich und inzwischen hat jedes Familienmitglied das Vieh zu Gesicht bekommen. Und so langsam habe ich den Eindruck, dass die Sache den Zusammenhalt in unserer Familie arg auf die Probe stellt. Seit ihrem plötzlichen Erscheinen vor einer Woche hat die Ratte es doch tatsächlich zustande gebracht, unsere sonst so harmonische Familie – hat da vielleicht jemand gelacht? – in vier Fraktionen zu trennen. Seit einigen Tagen gibt es bei uns

1. Die Rattenversteher: Das sind diejenigen, die finden, man müsse doch verstehen, dass das possierliche Tierchen sich täglich bei uns verköstigen wolle, wo es doch hierzulande für eine Ratte so schwer sei, sich ein Auskommen zu sichern. Sie setzen sich dafür ein, dass der ungebetene Gast den Status eines Familienmitglieds verliehen bekommt und wenn andere Familienmitglieder antönen, dass die Ratte so schnell als möglich verschwinden muss, protestieren sie heftig. Leider ist dies die grösste Fraktion. Ihr gehören Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Au Pair an, hin und wieder auch der Zoowärter, wenn er sich mal wieder dazu durchringen kann, sich nun doch nicht vor dem Tier zu fürchten.

2. Die Rattengegner: Diese Gruppe will das Vieh mit allen Mitteln so schnell als möglich loswerden. Man erkennt sie an ihrem hysterischen Gekreische, an den verstohlenen Blicken auf den Balkon und daran, dass sie das Haus nur noch in Begleitung anderer Familienmitglieder verlassen. Leider ist diese Gruppe bedeutend schwächer als diejenige der Rattenversteher. Ihr gehören nur gerade Luise und meine Wenigkeit an.

3. Die Unentschlossenen: Sie können sich nicht entscheiden, ob sie das Tier, das sich da an den Grünabfällen gütlich tut, süss finden sollen, oder ob sie es doch lieber verabscheuen wollen. Hin und wieder werden sie dabei ertappt, wie sie die Meinung der Rattenversteher oder der Rattengegner nachplappern, je nachdem, wer gerade die Oberhand hat. Man müsste sie als wahre Opportunisten bezeichnen, wäre da nicht ihr zartes Alter. Weil sie aber noch so jung sind, kann man ihnen ihre Wankelmütigkeit nicht verübeln. Mitglieder dieser Fraktion sind der Zoowärter und das Prinzchen.

4. Die Rattenleugner, auch Ungläubige genannt: Die kleinste Fraktion, denn sie besteht aus einem einzigen Mitglied, nämlich „Meinem“. Der Mann behauptet standhaft, dass das Lebewesen, das uns inzwischen fast täglich besucht, keine Ratte, sondern eine Maus ist. Man mag ihn auslachen oder ihm erklären, dass eine Maus nie und nimmer so gross wird, er bleibt stur bei seiner Meinung, was sowohl den Rattenverstehern, als auch den Rattengegnern nicht so recht passen will. Während Erstere sich darüber ärgern, dass „Meiner“ sich nicht auf ihre Seite schlagen will, können Letztere nicht verstehen, weshalb er nicht endlich etwas unternimmt gegen das Vieh. Wo er doch der Einzige ist, der sich auf den Balkon begibt, ohne die Absicht, der Ratte das Leben zu erleichtern. Aber solange er glaubt, die Ratte sei eine Maus, sieht er leider keinen Handlungsbedarf. Denn vor Mäusen fürchtet sich hier niemand, nicht einmal die Rattengegner. 

Das also sind die Fraktionen, die sich spätestens seit heute Morgen aufs Heftigste bekämpfen. Schlägt die grosse Rattengegnerin schreiend und kreischend mit dem Abwaschlappen gegen die Balkontüre, um das Vieh zu vertreiben, bricht der Rattenversteher namens FeuerwehrRitterRömerPirat in Tränen aus, weil er es nicht ertragen kann, dass man seinem Liebling Angst einjagt. In hitzigen Diskussionen wird debattiert, ob eine Falle aufgestellt werden darf und wenn ja, welches Modell es sein soll. Die Grosse aus dem Lager der Rattengegner lässt sich nicht von ihrem Entschluss abbringen, eine Falle zu erstehen, muss aber die Konzession machen, dass eine Lebendfalle gekauft wird. Kaum ist die Falle gekauft, geht der Proteststurm los. „Die Falle ist ja viel zu klein. Das arme Tier kann sich darin ja nicht bewegen“, setzt sich Rattenversteher Karlsson für die Rechte des Viehs ein. „Damit wird sich die Arme doch den Schwanz einklemmen. Du bist ja so gemein!“, entrüstet sich das Au Pair. Der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich gar zu einem Sabotageakt hinreissen und entschärft in einem unbeobachteten Moment die Falle.

Das alles ginge ja noch, aber dass nun auch noch die Kleine aus dem Lager der Rattengegner anfängt, das Tier zu bemitleiden, geht zu weit. Ohne ihre Unterstützung wird das nie was mit dem Einfange und Aussetzen der Ratte. Da ist es doch beruhigend, dass heute Abend der Zoowärter wieder einen Schwenker in Richtung Rattengegnerschaft gemacht hat. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass die Viecher alle möglichen Krankheitserreger herumschleppen, fragte er ganz besorgt, ob sich denn die Bakterien an dem endlos langen Schwanz festkrallen würden. Was ich ihm natürlich bestätigt habe, denn im Kampf um die Meinungsvorherrschaft müssen hin und wieder ein paar Unwahrheiten sein. Sonst verliert man am Ende die Schlacht und wir bekommen ein Haustier. Und das darf nicht sein. Zumindest kein solches Haustier.

Und übrigens auch kein Solches:

Geschwister

Der Zoowärter will mit Luise, aber Luise will nicht mit dem Zoowärter, sondern mit dem Prinzchen, aber das Prinzchen will lieber mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und der will auch mit dem Prinzchen, aber es geht trotzdem nicht, weil jetzt der Zoowärter mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will, da ja Luise bekanntlich nicht mit dem Zoowärter will und Karlsson möchte auch irgendwie, aber er kann sich nicht entscheiden, ob er mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will oder doch lieber nur mit Luise alleine, die aber nicht mit Karlsson will, weil sie sich immer noch erhofft, dass das Prinzchen dann vielleicht doch noch mit ihr will, wenn er die Nase voll hat vom FeuerwehrRitterRömerPiraten, aber Luise wartet vergeblich und darum entschliesst sie sich dazu, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eins überzubraten, um ihn so ausser Gefecht zu setzen, damit sie endlich mit dem Prinzchen kann, aber der will jetzt erst recht nicht mit Luise, weil diese ihm das schöne Spiel mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten vermasselt hat und darum brät das Prinzchen dem Zoowärter eins über, warum weiss niemand so richtig, vermutlich lag es nur daran, dass der Zoowärter gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war. Jetzt will der Zoowärter erst recht zu Luise, denn die kann so schön trösten, aber Luise will momentan mit gar keinem mehr, denn sie ist eingeschnappt, dass das Prinzchen nicht mit ihr will. Karlsson entschliesst sich nun endlich dazu, dass er doch am liebsten nur mit Luise will, aber Luise muss zuerst noch eine Runde schmollen, bevor sie sich dazu entschliessen kann, mit Karlsson zu wollen. Und weil Karlsson und Luise plötzlich so viel Spass haben, wollen nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter mit ihnen, was erstaunlicherweise eine ganze Weile lang gut geht, bis der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch mit Karlsson und Luise, nicht aber mit dem Zoowärter will, worauf der Zoowärter eingeschnappt ist und sich von Luise, die nun unbedingt mit ihm will, trösten lässt, was wiederum Karlsson nicht passt, der eigentlich am liebsten nur mit Luise möchte und die andern nur hat mitmachen lassen, damit Luise auch will. Aber jetzt will Luise nicht mehr, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPiraten wollen schon noch, aber nicht mehr miteinander, sondern nur noch einer von beiden, aber sie können sich nicht entscheiden, welcher denn ausscheiden muss, also befiehlt Karlsson, wer noch darf und wer nicht, worauf beide heulen und bald darauf heule alle durcheinander, obschon keiner wirklich zu wissen scheint, weshalb und weil das gemeinsame Geheul so schön ist, stimmt auch das Prinzchen mit ein und bald wollen alle nur noch das Eine: Zu Mama, und zwar bitteschön ohne diese lästigen Geschwister.