Davon haben wir doch geträumt

Davon haben wir doch alle geträumt, als wir zum ersten Mal dieses unbeschreibliche Flattern in unserem Bauch verspürten, das uns unmisserverständlich klar machte, dass da tatsächlich etwas Lebendiges in uns heranwächst. „Hach, wird das himmlisch sein, wenn das kleine Wesen erst auf der Welt ist und damit anfangen wird, sich mit seinem grossen Bruder zu zanken“, haben wir geseufzt und uns liebevoll über den Bauch gestreichelt. „Ich kann es kaum erwarten, bis das Kleine gross genug ist, damit ich es beim Mittagessen anbrüllen kann, es solle gefälligst die Füsse vom Tisch nehmen, ich hätte ihm das jetzt schon hundertmal gesagt. Und wenn dann erst mal der Tag kommt, an dem ich es aufs Zimmer verbannen darf, weil es zuerst mit Absicht einen Teller zerschlagen, mich angemotzt und dann auch noch die Tür geknallt hat. Und ich will doch hoffen, dass es bereits am ersten Schultag sein Schulheft zerreisst vor lauter Wut über die Schule. Wäre doch schade, wenn es damit warten würde bis zur Pubertät…“ Verträumt haben wir ins Leere gestarrt und uns ausgemalt, wie schön es doch mal werden würde, wenn die Kleinen erst gross genug wären, ihren ersten Trotzanfall zu kriegen, wenn sie endlich stark genug wären, den kleinen Bruder zu verdreschen, wenn sie damit aufhören würden, das Köpfchen schief zu legen um uns zuckersüss anzulächeln und uns stattdessen endlich hinter dem Rücken die Zunge herausstrecken würden.

Aber wie es so ist mit dem Elternsein, wir mussten zuerst das gewöhnliche Weichspülprogramm von klebrigen Küssen, sehnsüchtigen „Mamaaaaa ich liiiiieeeebe dich!“-Rufen und zärtlichen Kuschelrunden durchstehen, bevor wir endlich bekommen konnten, wovon wir in unseren schönsten Träumen nicht zu träumen wagten. Auch bei uns hat es länger gedauert als erhofft. Heute, nach einem Tag voller „Willst du jetzt endlich mal zuhören!“, „Jetzt hörst du sofort auf damit oder ich schicke dich auf dein Zimmer!“ und „Wisch das augenblicklich wieder auf, bevor sich einer den Fuss verletzt an den Scherben!“ bin ich aber zuversichtlich, dass sich mein Leben so ganz allmählich meinem Wunschtraum von damals nähert.

Ihr dürft mich getrost eine Memme schimpfen..

… aber nachdem ich mir in meiner Kindheit einen ganzen Tag lang das schreckliche Geräusch anhören musste, das zwei Katzen verursachen, wenn sie unter einem Küchenschrank eine Ratte zerkauen, ….

… nachdem mir eines Morgens die grosse Schwester schreckensbleich erzählte, ihr sei in den frühen Morgenstunden eine Ratte über das Gesicht gerannt,…

… nachdem die grässliche Ratte, die mein grosser Bruder sich als Haustier angeschafft hatte, den Nachbarjungen in den Finger gebissen hatte und ich dafür geradestehen musste, obschon ich ihm gesagt hatte, er solle nicht so doof sein, den Finger durch das Gitter zu stecken,…

… nachdem ich viele Jahre nach meinen Auszug aus dem Elternhaus erfahren musste, dass man beim Umbau zwischen den Bodenbrettern mumifizierte Ratten gefunden hatte, die wohl damals, als ich ein Kind war, noch frisch und fröhlich im Haus herumgerannt waren,…

… nach all dem kann ich nicht anders, als laut zu kreischen, wenn das Ding, das über den Balkon huscht, kein Spatz, sondern eine wohlgenährte Ratte ist. 

Es wird euch wohl kaum verwundern, dass ich aufgrund meiner Erfahrungen fürchtete, das Au Pair werde sogleich mit Sack und Pack losziehen und sich eine neue Bleibe suchen. Wo ich doch genau dies tun würde, wenn ich könnte. Dass sie dann voller Entzücken dabei zusah, wie das Vieh sich an unseren Grünabfällen gütlich tat, konnte ich nicht nachvollziehen, aber es beruhigte mich sehr. Möchte ich doch nur sehr ungern, dass sie von uns weggeht, wo wir uns so prächtig miteinander verstehen. 

Vielleicht findet ihr es ziemlich übertrieben von mir, dass ich heute nicht nur keinen Fuss mehr auf den Balkon setzte, sondern mich auch bis zum Abend weigerte, das Haus zu verlassen. Und vermutlich denkt ihr, ich sei ein ziemlich humorloser Mensch, weil ich er überhaupt nicht lustig fand, dass Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat behaupteten, sie hätten die Ratte ins Haus huschen sehen und sie befinde sich jetzt im Schlafzimmer. Möglicherweise findet ihr es auch ungerecht, dass ich ein wenig sauer bin auf „Meinen“, der nach Feierabend nicht unverzüglich die Grünabfälle entsorgt hat, um die Ratte in Zukunft vom Balkon fern zu halten. Aber ihr müsst mich schon auch verstehen: Nachdem der Mann vor zwei Tagen so heldenhaft unsere Vorräte befreit hat, erwarte ich natürlich weitere grosse Taten von ihm. Vermutlich findet ihr es auch vollkommen übertrieben, dass ich heute Abend nicht gerne zu Bett gehe, weil ich mich vor Rattenträumen fürchte. 

Es ist nun mal so: Ich habe heute meinem Kindheitstrauma in die Augen sehen müssen. Und auch wenn ich zugeben muss, dass diese Augen ganz hübsch sind, vom Schwanz her gesehen ist das Vieh so abstossend, dass ich auf seinen Anblick – und auch auf seine (un)heimlichen Besuche – ganz gerne verzichten würde.

Vandalen

Okay, als Mutter von fünf Kinder bin ich mir ja einiges an Zerstörungswut gewöhnt. Eingeschlagene Fensterscheiben, einarmige Playmobil-Figuren, enthauptete Barbies, Rutschautos, die auf den Felgen fahren, Bilderbücher mit zerfetzten Seiten, zerkratzte CDs…  Alles nichts Neues. Aber wie ein Zweijähriger und ein Vierjähriger es zustande bringen, mit brachialer Gewalt einem Klavier fünf Tasten auszureissen – und ich meine damit wirklich ausreissen – dafür fehlt mir die Vorstellungskraft. Offen gestanden fehlt mir dafür auch das Verständnis und Karlsson, der eben erst mit Klavierspielen angefangen hat, ebenso.

Wo wir schon beim Vandalismus sind, muss ich euch aber auch gestehen, dass ich es doch tatsächlich geschafft habe, Kinderwagen Nummer 7, den ich eigentlich noch für meine Enkelkinder hätte brauchen wollen, zu überfahren. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe das Ding tatsächlich mit unserem allerliebsten himmelblauen Auto überfahren und einige Meter mitgeschleppt, bevor ich realisierte, dass es nicht an der angezogenen Handbremse liegen konnte, dass das Auto einfach nicht vom Fleck kommen wollte. Die Sache ist ebenso ärgerlich wie die Sache mit dem Klavier, aber immerhin gibt es einen Grund dafür: Hausfrauenstress. Und wenn das kein Grund ist für Vandalismus – beabsichtigten und unbeabsichtigten – was denn sonst? 

Heldenhaft

Die heutigen Männer bekommen ja nur noch sehr selten die Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen. Umso grösser ist dann die Bewunderung, wenn sie sich mal wieder mit ganze Kraft für das Wohl ihrer Familie einsetzen können. „Meiner“ hatte heute eine solche Sternstunde: Ein paar Versuche mit verschiedenen Schlüsseln, ein wenig Nachdenken und zum Schluss noch einige Hammerschläge und schon waren Kakao, lactosefreie Milch, Honig & Co. wieder frei.Was ich in zwei Stunden Würgen und Hantieren nicht zustande gebracht hatte, schaffte er innerhalb von fünf Minuten. Dann durfte er mit stolzgeschwellter Brust verkünden, dass die Vorratskammer wieder zugänglich ist und die Familie lag ihm zu Füssen. So einfach ist es, den Heldenstatus zu erlangen.

Zumindest in einer Familie, in der alle so leidenschaftlich gerne essen, dass eine verschlossene Vorratskammer Auslöser eines gigantischen Familienkrachs sein kann.

Überbewertet

Glaubt mir, so ein Mittagsschlaf ist eine vollkommen überbewertete Sache. Ich meine jetzt nicht den kindlichen Mittagsschlaf. Der ist eine segensreiche Erfindung, zumindest solange das Kind die tagsüber verschlafene Zeit nicht abends nachholt. Nein, ich meine den elterlichen Mittagsschlaf. Da sinkst du nach dem Mittagessen nichts Böses ahnend in einen tiefen Schlaf, neben dir das Prinzchen und „Deiner“, die es dir gleichtun und wenn du wieder aufwachst, ist der Tag im Eimer. Die Küche versinkt im Chaos, die Kaulquappen, die schon seit zwei Wochen fröhlich im Becken schwimmen schweben in Lebensgefahr, weil jemand einen Haufen Erde ins Becken geschüttet hat, die Vorratskammer ist geplündert und dir platzt der Kragen. Du greifst zum Besen, um die schlimmste Unordnung zu beseitigen, räumst die Vorratskammer notdürftig auf, knallst wütend die Tür zu – und stellst fest, dass der Schlüssel der Vorratskammer nicht im Schloss steckt, sondern ganz offensichtlich in der Kammer. Zusammen mit ganz vielen Lebensmitteln, darunter einigen überlebenswichtigen Dingen, ohne die das Wochenende ganz schön schwierig werden dürfte: Wasser, Kakao, lactosefreie Milch, Apfelsaft, Kartoffeln, Cola und Honig. 

Was tun? Nun, zuerst mal den Schuldigen finden, aber das war mal wieder „der andere“ und somit bekommen alle das mütterliche Donnerwetter zu hören. Dann geht’s los mit der Befreiungsaktion für die eingeschlossenen Nahrungsmittel. Zuerst wird das Schloss mit Küchenmessern und Schraubenziehern traktiert, dann mit Schlüsseln anderer Wandschränke, was „Deiner“ aber bald einmal aufgibt, weil einer der Versuchsschlüssel zerbricht und es einen Moment lang ganz danach aussieht, als  müssten Vendittis in Zukunft nicht nur ohne Kakao und Apfelsaft, sondern auch ohne Bettwäsche leben. Doch der Wäscheschrank hat zum Glück einen Ersatzschlüssel. Was deine Kinder auf die Idee bringt, dass der Schlüssel von Grossmamas Vorratskammer vielleicht auch in unser Schloss passen könnte. Zu dumm nur, dass die Grossmama übers Wochenende verreist ist und die Wohnung abgeschlossen hat. Also klettern Karlsson und Luise über das Balkongeländer in Grossmamas Küche, bringen den Schlüssel nach oben, wo du leider feststellen musst, dass er nicht passt. Und morgen darfst du dann deiner Mutter erklären, weshalb ihre Wohnung nicht mehr abgeschlossen ist…

Weil er keinen Weg mehr sieht, die Befreiungsaktion vor Montag durchzuführen, gibt „Deiner“ an diesem Punkt auf, du hingegen mühst dich eine weitere Stunde mit der verschlossenen Türe ab. Aber egal, womit du es versuchst – ob mit der Eisensäge oder mit dem Suppenlöffel – die Tür macht keinen Wank und so musst du zwei zerbrochene Küchenmesser und einen epochalen Familienstreit später schweren Herzens erkennen, dass alle deine Bemühungen aussichtslos sind. Und du fragst dich, was dich dabei mehr nervt, die Tatsache, dass „Deiner“, den du in diesem Moment auf den Mond schiessen könntest, Recht hatte, oder der Umstand, dass das Cola, das du nach all dem Ärger eigentlich verdient hättest,  eingeschlossen ist.

Zwei Dinge aber sind dir sonnenklar, nämlich a) dass „Deiner“ und du noch immer ziemlich ausrasten könnt, auch wenn ihr mit zunehmendem Alter etwas ruhiger geworden seid und b) dass ein elterlicher Mittagsschlaf zwar angenehm entspannend sein kann, dass das bisschen Entspannung aber durch all den Ärger, der darauf folgt, wieder aufgefressen wird. 

Nur ein einziges Mal…

… möchte ich es schaffen, das gemütliche Mama-Prinzchen-Programm, das ich für den Dienstagmorgen geplant habe, auch wirklich durchzuziehen. In meinen Träumen sah das Programm folgendermassen aus: Morgens um zehn vor neun würden wir den Zoowärter in der Spielgruppe abliefern. Danach würden wir einen kurzen Abstecher in die Migros machen, um den Kühlschrank, der über die Ostertage Opfer von Plünderern geworden war, wieder aufzufüllen. Schliesslich würden wir noch kurz im Gartencenter vorbeischauen, um Erde und Setzlinge zu kaufen und danach würden wir den Rest des Vormittags im Garten verbringen. Ich würde dem Prinzchen zeigen, wie man Tomaten pflanzt, ich würde ihm vollkommen unerschrocken einen Regenwurm unter die Nase halten, ich würde ihm helfen, wenn er voller Stolz mit der Giesskanne die Setzlinge begiessen würde und vielleicht, mit etwas Glück, würden wir eine Raupe oder einen Käfer finden, den wir gemeinsam beobachten könnten. Und am Ende des Morgens könnte ich mir voller Stolz auf die Schulter klopfen, weil ich so eine tolle Mama bin, die ihrem Kind die Natur näher bringt.

Das also war das Programm, aber wie immer, wenn ich ein Programm habe, wird es durch irgend einen kleinen Mist über den Haufen geworfen. Heute war es zuerst einmal der Autoschlüssel, der mit „Meinem“ zur Schule gegangen war, obschon „Meiner“ ihn dort gar nicht brauchte, da er sich per Fahrrad über den Berg begeben hatte. Wo denn der Ersatzschlüssel war, fragt ihr? Nun, der Ersatzschlüssel hat sich dazu entschieden, nur noch hin und wieder zur Verfügung zu stehen. Den Rest der Zeit ist er unauffindbar. Von Zeit zu Zeit taucht er aus dem Chaos auf und tut so, als wäre er schon immer da gewesen, doch dann verschwindet er wieder und lässt sich nicht mehr blicken, egal wie sehr man nach ihm sucht. Zum Glück steht für solche Momente zuweilen auch das Auto meiner Mutter zur Verfügung und so schaffte ich es immerhin, den Zoowärter beinahe rechtzeitig zur Spielgruppe zu bringen. 

Und dann folgte der nächste Stolperstein: Eine volle Prinzchenwindel, die gewechselt werden wollte, bevor wir einkaufen konnten. Danach verzögerte der Lohn, der offenbar noch nicht auf dem Konto angekommen war, weshalb wir zu einem von Baustellen übersäten Umweg zur Bank gezwungen waren, unser weiteres Fortkommen. Und dann musste das Eis ganz dringend in die Kühltruhe, bevor wir zum Gartencenter fahren konnten. Schliesslich, als das Auto endlich mit Erde und Setzlingen – Zuckermelone, Gurken und Butternut-Kürbisse – beladen war, war es Zeit, den Zoowärter wieder von der Spielgruppe abzuholen.

Das heutige Mama-Prinzchen-Programm war also einmal mehr eine einzige Hetzerei zwischen Tiefgarage, Bancomat, Einkaufswagen und Warterei an der roten Ampel. Während ich mich einmal mehr in bester Müttermanier mit Vorwürfen ob des missratenen Morgens eindecke, scheint das Prinzchen aber kein Problem damit zu haben, dass der Vormittag anders aussah als geplant. Für ihn zählt einzig und alleine der Erfolg, der bei ihm so aussieht, dass er mir dabei helfen durfte, siebzig Liter Erde auf dem Gepäckroller hinters Haus zu karren. Was kümmert es ihn, dass er weder Regenwürmer noch Raupen noch Käfer gesehen hat? Was schert es ihn, dass er noch immer nicht weiss, wie man Tomaten pflanzt? Hauptsache, er kann jedem voller Stolz erzählen, dass er „Mami ganz fest gholfe“ hat. 

Honigbutter

Manchmal findet auch ein blindes Huhn ein Körnchen und so kommt es, dass ich an einem Tag, an dem so ziemlich alles schief ging, was schief gehen kann, doch immerhin die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, wie man Honigbutter macht. Das schafft man, indem man gleichzeitig mit fünf Kindern Ostereier färbt, zwischendurch mal kurz das Rezept für das Abendessen durchliest, die Küche aufräumt, Eiweiss steif schlägt und dabei ganz vergisst, dass die Küchenmaschine derweil fröhlich Halbrahm und Honig rührt, bis das Ganze kein Honigmousse, sondern eben Honigbutter ist. Nun ja, zumindest auf etwas kann ich stolz sein, wenn ich mich heute Abend hundemüde ins Bett lege…

Der andere

Glaubt mir, wenn ich „den anderen“ endlich mal in die Finger kriege, dann kann er etwas erleben. Je grösser meine Kinder werden, desto mehr macht er mir das Leben schwer und doch kann ich seiner nicht habhaft werden. Da ist abends, mitten im grössten Feierabendstress der Fussboden im heimischen Büro grossflächig mit Kreide bemalt. Wer war’s? Der andere natürlich. Im Garten liegen eine leere Orangensaftpackung und Becher rum. Wer hat sie liegen gelassen? Auch wieder der andere. Natürlich war es auch der andere, wenn nach dem Bad das ganze Badezimmer unter Wasser steht, wenn wunderbar blühende Tulpen einfach entwurzelt werden, wenn der Kaugummi in der Suppenschüssel anstatt im Abfall landet, wenn das Lavabo mit Lippenstiftspuren bedeckt ist oder wenn der Zoowärter schon wieder heulen muss. 

Ich will ja keine Vorurteile pflegen, aber mir scheint, dass dieser andere eine ziemlich problematische Figur sein muss. Wo immer er auftaucht, richtet er Schaden an und hat dann nicht die Grösse, zu seinen Taten zu stehen. Er hinterlässt eine Spur der Verwüstung und man meint, wenn man der Spur nur lange genug folgen würde, könnte man ihn endlich zu fassen kriegen, aber irgendwie schafft er es immer, sich aus dem Staub zu machen. Meiner Meinung nach sollte man den Kerl ja schon längst mal einem Experten vorführen, damit dieser sich mit dem unbändigen Zerstörungswahn befasst. Leider aber fürchte ich, dass der andere nicht auffindbar wäre, wenn ich mit ihm beim Therapeuten aufkreuzen sollte. Und was soll ich denn schon sagen, wenn man mich dann fragt, weshalb ich einen Termin vereinbart habe und ohne Patient erscheine? Na was wohl? „Das war gar nicht ich, die den Termin mit Ihnen vereinbart hat, das war der andere.“

Alles dabei?

Wenn man für eine Woche mit Kind und Au Pair verreist, dann erfordert dies minutiöse Planung. Mir scheint, diesmal haben wir auch wirklich gar nichts vergessen, so dass wir heute Nachmittag ganz unbeschwert verreisen können. Hier ein kurzer Überblick über alles, was wir in die Wege geleitet haben, damit einem entspannten Familienurlaub nichts mehr im Wege steht:

– Karlsson mit einer tüchtigen Portion Noroviren ausgestattet, die den Jungen zwar noch nicht ins Bett gezwungen haben, die aber schon mal einen Anflug von Übelkeit als Vorbote geschickt haben. Nachdem in der vergangenen Woche das Au Pair, Luise, der FeuerwehrRitterRöerPirat und „Meiner“ ihre Virenportion in vollen Zügen genossen haben, habe ich eine gewisse Ahnung, wie  das bei Karlsson morgen aussehen könnte.

– Dem Prinzchen haben wir in den  vergangenen Tagen ein äusserst chaotisches Schlafverhalten angewöhnt – Mittagsschlaf um halb neun Uhr morgens und um halb sechs abends, Nachtruhe irgendwann zwischen elf und zwölf, aufstehen gegen fünf Uhr morgens – weil wir nichts spannender finden, als unausgeschlafen mit einem genervten Kleinkind zu verreisen.

– „Meinen“ für gestern Abend und heute den ganzen Tag in einen Emaillier-Kurs angemeldet, weil es einfach viel mehr Spass macht, alleine die Koffer zu packen, die Wohnung aufzuräumen und danach alleine mit fünf aufgedrehten Kindern im Zug durch die Schweiz zu fahren. Glaubt mir, es war gar nicht so einfach, einen Kurs zu finden, der exakt an diesem Wochenende stattfindet, aber ich habe wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihm genau diesen Kurs zu schenken und nicht etwa einen an einem Wochenende, wo wir alle gar nichts davon gehabt hätten. So aber kann ich den ganzen Spass für mich alleine haben und „Meiner“, der arme Kerl, muss ganz alleine im vollbepackten Auto nachreisen. Das Au Pair ist noch ärmer dran. Sie darf erst  am Dienstag nachreisen. Ja, ich weiss, ich bin eine Egoistin, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

– Wo ich schon auf dem Ego-Trip bin, habe ich gleich noch einen draufgesetzt: Seit einer Woche hege und pflege ich meine Halsschmerzen, die nun endlich doch den Anschein machen, als wollten sie sich zu einer Angina oder zumindest zu einer heftigen Erkältung mit  Gliederschmerzen auswachsen. Ja, ich weiss, es ist gemein, dass ich die anderen mit billigen Noroviren abspeise, während ich mir selber das beste Stück gönne, aber wenn man auf dem Ego-Trip ist, kann man nicht auf alle Rücksicht nehmen.

– Ein bereits  zweimal verschobener Arzttermin mit Luise, der sich nicht mehr weiter verschieben liess und der deshalb dafür sorgen wird, dass entweder „Meiner“ oder ich mit unserer Tochter einen Tag früher abreisen dürfen.

Ihr seht also, dem perfekten Urlaub steht nichts mehr im Wege. Nur eines stört mich: Die Wohnung sieht im Prospekt zu sauber, zu gross und zu  luxuriös aus und auch die Gegend scheint mir mit Museen, Schlössern, Seen und satten Frühlingswiesen etwas gar zu idyllisch zu sein. Aber man kann nicht alles haben.

Wiedermal Dienstag

Kann mir mal jemand sagen, wie man all dies und noch viel mehr in einen ganz gewöhnlichen Dienstag pressen kann:

– Einen sehr schlecht gelaunten Zoowärter davon überzeugen, dass es in der Spielgruppe schön ist und dass er deswegen rechtzeitig dort sein muss.

– Dem Zoowärter das Nuschi aus Mund und Nasenlöchern entwinden, damit man das Ding mal wieder kochen kann, weil so viele Bakterien ganz bestimmt nicht gesund sein können.

– Eine geschlagene Stunde mit Luise in Trimbach herumirren, ohne die Psychomotorik-Therapeutin zu finden, dazu abwechselnd auf mühsame Autofahrer schimpfen, sich bei Luise entschuldigen, sich rechtfertigen, weshalb man sich dennoch kein Navi anschaffen will und sich selbst mit Vorwürfen eindecken, weil man die mieseste Versagermama auf dem Planeten  ist. Liebe Trimbacher, bitte nehmt es mir nicht übel, aber so schnell komme ich nicht wieder zu euch.

– Den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abholen und dabei den zwei Frauen, die das Pech haben,  dir über den Weg zu laufen, den Kopf voll jammern, weil das Leben im Schwarzen Loch mal wieder nahezu unerträglich ist.

– Dem Au Pair zeigen, wie man Pesto macht, herausfinden, was „Bärlauch“ auf Englisch heisst und gleichzeitig das Geheul des Zoowärters ausblenden, der noch immer beleidigt ist, dass sein Nuschi gekocht worden ist.

– Karlsson dazu überreden, dass er zum Mittagstisch geht, auch wenn sein bester Freund heute nicht dort isst.

– Erde aufwischen, Milch aufwischen, Nudeln aufwischen, Wasser aufwischen, noch einmal Erde und dann auch noch Sand.

– Zwei Kinder baden und danach, wenn die zwei das Bad verlassen haben, sechs leere  Shampooflaschen aus der Badewanne fischen.

– 65 Minuten Mittagsschlaf  halten, dabei verpennen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zu seinem Freund geht und erst wieder richtig wach werden, als Luise an der Tür klingelt. Weshalb sie geklingelt hat? Weil sie vor der Haustüre noch kurz ihren Magen hat entleeren müssen und jetzt zu schwach ist, alleine die Treppe hochzukommen. Ach ja, aufwischen musste man das Ganze natürlich auch noch.

– Mit Kindern und Au Pair in der Vorfreude auf die Ferien im Greyerzerland schwelgen. Nur noch viermal schlafen…

– Büchernachschub bestellen, weil Karlsson nichts mehr zum Lesen hat.

– Ohne Hörschaden aushalten, dass Karlsson und Luise gleichzeitig am Küchentisch musizieren. Er auf der Geige Vivaldis Konzert in G-Dur, sie auf der Querflöte „Hafer und Korn“  oder so ähnlich. Und im Hintergrund summt der Zoowärter mit.

– Ein epochaler  Streit mit Karlsson, der darin endet, dass er ein Glas zerschmettert und ich trotz Halsschmerzen versuche, herumzubrüllen und mich damit vollkommen lächerlich mache. Als Nebeneffekt kommt das Prinzchen, das schon selig geschlafen hatte, quietschfidel aus dem Bett und verlängert den fröhlichen Kindertag um zwei Stunden.

– Ein Vollbad zum Feierabend.

– Keine Minute am Arbeitsplatz verbringen und nur dreimal telefonieren. Ein neuer Rekord auf meinem Weg der besseren Trennung von Privat- und Berufsleben.

– Nur einmal die Online-News checken, um zu lesen, wie viel verseuchtes Wasser wieder geflossen ist. Auch dies ein neuer Rekord, der allerdings damit zusammenhängen könnte, dass Fukushima in den Medien bereits wieder Geschichte ist und man deshalb kaum mehr Neues liest.

– Drei Minuten lang den Frühling geniessen. Immerhin hat die Zeit gereicht, um festzustellen, dass die Tulpen zu blühen beginnen und dass trotz Bienensterben die eine oder andere Biene sich zu unseren Pfirsichbäumchen verirrt.