Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

Ausgesungen

Ich bin ja so niedergeschlagen! Woche für Woche, Monat für Monat habe ich das Prinzchen in den Schlaf gesungen, habe mir das Hirn zermartert, welches Lied noch ins Repertoire passen würde, damit ich nicht Mittag für Mittag, Abend für Abend das Gleiche singen muss. Habe den grossen Kindern oftmals die Gutenachtgeschichte abgekürzt oder gar gestrichen, damit das Prinzchen auch ganz bestimmt sein ausgiebiges Ständchen gesungen bekommt. Alles habe ich gegeben, wirklich alles und doch war es nie genug. Zwar durfte ich mehrmals diesen köstlichen Anblick geniessen, wie dem Kerlchen die Augenlider immer schwerer wurden und er schliesslich ganz einschlief, aber viel häufiger musste ich mich damit abfinden, dass meine Gesangskünste einfach nicht ausreichen, um meinen Jüngsten zufrieden zu stellen.

Eines Abends, nachdem ich mich beinahe heiser gesungen hatte, kam ich auf die glorreiche Idee, dem Prinzchen das iPad neben das Bettchen zu legen, damit er sich von der Musik, die ich heruntergeladen hatte, in den Schlaf wiegen lassen könne. Und siehe da, der Lausebengel fiel alsbald in seligen Schlummer. Also lag am nächsten Abend wieder das iPad bereit, um mich nach vier oder fünf Liedern abzulösen und auch am übernächsten Abend ging es so weiter. Schön, endlich waren meine Stimmbänder wieder etwas entlastet und die Grossen bekamen wieder etwas längere Geschichten erzählt.

Seit gestern aber haben sie Überhand genommen, die Geister, die ich rief. Da will ich, wie jeden Mittag und jeden Abend, zum ersten Lied anstimmen, doch was sagt das Prinzchen da? „Nei Mami! Nöd genge! Mugig lose!“, was soviel bedeuten soll wie „Nein, Mama, verschone mich mit deinem Gesang, ich will jetzt lieber wieder diese himmlische Musik hören, die du mir gestern abgespielt hast.“ Man sieht, von einem Tag auf den anderen bin ich überflüssig geworden und nun frage ich mich natürlich: Was hat er denn, was ich nicht habe, dieser Johann Sebastian Bach, der seit einigen Tagen unser Prinzchen ins Land der Träume begleitet?

So lässt sich’s leben

So wenig braucht es zuweilen, um wieder ein paar Gänge tiefer zu schalten: Einen Sohn, der sich eine Schallplattensammlung zum Geburtstag wünscht, eine Mama, die die gewünschten Schallplatten bei Ricardo ersteigert, gute Freunde, die Karlssons Schallplattensammlung gerne bereichern möchten und dann noch ein paar Buchbestellungen, die dich dazu zwingen, Nachschub zu holen. Und schon hast du, was du dir seit Tagen sehnlichst gewünscht hast, nämlich ein paar Stunden, die du ganz alleine mit dir und deinen Gedanken verbringen kannst, währenddem du durchs Mittelland kurvst, um Schallplatten, Bücher, Plattenspieler und noch einmal Schallplatten einzusammeln. Als ob dies nicht schon des Glücks genug wäre, verfährst du dich einmal mehr so heillos, dass du dir wünschst, du hättest dir eben doch ein GPS angeschafft, anstatt dich auf dein iPad zu verlassen.

Wie, ihr versteht nicht, was ich so toll finde daran, dass ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen im November verfahre? Aber das ist doch klar. Erstens war ich so lange von zu Hause weg, dass das ganze Chaos schon beseitigt war, als ich endlich wieder zu Hause ankam und zweitens gibt es wohl kaum eine bessere Art, sich eine neue Geschichte auszudenken, als wenn man gelangweilt hinter dem Steuer sitzt und sich fragt, wo das alles enden wird und wie das alles aussehen würde, wenn du ein GPS hättest, das dich in die Irre führen würde. Alles in allem kann ich also auf einen sehr erfolgreichen Samstag zurückblicken: Sieben Bücher verkauft, zwei Stapel Schallplatten und einen Plattenspieler erstanden, eine aufgeräumte Wohnung, ohne dass ich dafür einen Finger krumm machen musste und viele neue Sätze im Kopf, die mir dabei helfen werden, meine 50’000 Wörter zu vollenden. Wenn das kein gelungener Tag war, was dann?

Wenn nicht so, dann eben anders

Irgendwie scheint bei unseren Abenden zu zweit der Wurm drin zu sein. Da haben wir uns doch den ganzen Tag auf unseren Saunabesuch, den wir für heute Abend geplant hatten, und dann, nach dem Abendessen erfahren wir, dass Karlsson und Luise beide ihre Hausaufgaben sträflich vernachlässigt haben. Ausgerechnet heute können sie diese Hausaufgaben nicht ohne unsere Hilfe bewältigen, da sie Diktate zu üben haben. Und wer, außer „Meinem“oder mir kann ihnen den Text diktieren? Das Prinzchen vielleicht?

Nun, dann machen wir uns eben an die Arbeit, versuchen zwischen den Sätzen noch ein wenig Ordnung in die Küche zu bringen und den drei kleinen Jungs eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Irgendwann bemerkt das Au-Pair, dass wir es heute wohl nicht in die Sauna schaffen werden. Was ich so lange nicht wahr haben will, bis Luise zu schreien beginnt, weil das mit dem Diktat nicht so recht klappen will und „Meiner“ und ich uns in den Haaren liegen, weil jeder dem anderen die Schuld an der Misere in die Schuhe schiebt. Wahrlich ein romantischer Abend…

Was nun? Einen Streit vom Zaun reißen, damit es sich wenigstens gelohnt hat, zu Hause zu bleiben? Die Versuchung ist gross, doch dann schaffen wir es zu unserer eigenen Überraschung, uns am Riemen zu reißen und zu beschließen, dass wir die Waschküche aufräumen, um so Platz für die Sauna zu schaffen, die wir neulich geschenkt bekommen haben. Damit wir wenigstens in absehbarer Zukunft nicht mehr durch Diktate und anderen Kram von unseren entspannenden Wellness-Abenden abgehalten werden.

Nun ja, besonders romantisch war das nicht, dafür aber sehr staubig und effizient. Die Waschküche ist jetzt leer und wartet auf einen neuen Anstrich. Und dann, meine lieben Kinder, werden eure Eltern so oft und so lange in die Sauna gehen, wie ihnen beliebt.

Ach ja, man kann sich übrigens beim Aufräumen der Waschküche bestens unterhalten.


Wieder mal ein wenig weiser geworden

Hin und wieder sammeln sich bei mir neue Erkenntnisse an, die ich dann unbedingt mit meinen Lesern teilen will, weil sie so weltbewegend sind. Hier also  wären sie:

1. Wenn man seinen Computer durch Net Nanny bewachen lässt, dann sollte man im Blog nicht unbedingt von Absinthe-Luxemburgerli schwärmen. Denn sonst kann es passieren, dass einem die Net Nanny den Zutritt zum eigenen Blog verwehrt, weil dort angeblich für Alkohol geworben wird. Zum Glück kenne ich das Zauberwort, sonst wäre hier seit gestern Abend vorbei mit Lustig.

2. Das Novemberschreiben findet im November statt, weil es dann –  Zeitumstellung sei Dank –  sogar der grösste Morgenmuffel schafft, frühzeitig aus den Federn zu kommen, um ein wenig zu schreiben, bevor die Kinder durchs Haus rasen. Gott sei Dank gibt es kein Märzschreiben. Da brächte ich wohl keinen Satz zustande, geschweige denn 50’000 Wörter.

3. Wer findet, er werde zu wenig beachtet, muss nur einmal mit einem dunkelhäutigen Prinzchen an der einen und einem blonden Prinzchen an der anderen Hand spazieren gehen.  Spätestens nach zehn Minuten hat man mehr bewundernde Blicke eingeheimst als im ganzen bisherigen Leben.

4. Auch Arbeit, die man mit Leidenschaft tut, laugt aus. Bisher hatte ich ja die Meinung vertreten, nur Dinge, zu denen ich mich aufraffen muss – Unterrichten, Hausarbeit, Rechnungen bezahlen – würden mich ermüden. Inzwischen habe ich leider erkennen müssen, dass ich es auch nicht schaffe, rund um die Uhr das zu tun, was mich begeistert: Schreiben, die Kinder um mich haben, Projektarbeit und dergleichen. Hin und wieder sollte man schlafen, so sehr man sich auch dazu überwinden muss.

5. Zweijährige Jungs sollten auf gar keinen Fall dunkelblondes, dichtes Haar auf dem Kopf haben, denn sonst werden sie grundsätzlich als Mädchen behandelt, mögen sie sich noch so sehr wie ein furchterregender Ritter aufführen.

6. Delegieren klingt zwar gut, ist in der Realität aber völlig unbrauchbar, weil man dreimal mehr Arbeit hat, als wenn man die Sache von Anfang an selber an die Hand genommen hätte.

7. Auch wenn es dir im August, als du den Termin vereinbart hast, noch so vorkam, als würde es nie November, irgendwann ist der November dennoch da und du musst der Tatsache ins Auge sehen, dass du am nächsten Samstag eine Lesung abhalten wirst und dass es jetzt zu spät ist, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

8. Es sieht zwar viel ordentlicher aus, wenn man seinen Kalender elektronisch führt und man ihn am Anfang der Woche ausdruckt, anstatt alles in diese winzigen Feldchen auf dem Wandkalender zu kritzeln. Das Leben aber bleibt gleich chaotisch wie eh und je.

9. Glaube bloss nicht, es bliebe der Kinderärztin verborgen, dass das Prinzchen an seinem Geburtstag zu viele Süssigkeiten gegessen hat. Ein kurzes Abtasten des Bauches und es ist klar, dass diese Verstopfung nie und nimmer zustande gekommen wäre, hätte sich das Kind in den vergangenen Tagen von Obst, Vollkornbrot und Apfelsaft ernährt. Und nein, ich bin nicht schon wieder aus nichtigem Grund zum Arzt gerannt. Das Kind musste bloss zeigen, dass es sich seinem Alter entsprechend entwickelt. Und ich kann übrigens wirklich nichts dafür, dass er sich inzwischen zu einem kleinen Klugscheisser entwickelt hat: Da wollte ihm ein Dreijähriger weismachen, das auf dem Bild sei ein Fisch, aber das Prinzchen insistierte, dass es ein „Defwiin“ sei. (Nun ja, ich würde zwar behaupten, es sei ein Hai gewesen und kein Delfin, aber was weiss ich denn schon?)

10. Du kannst Luise tausendmal sagen, sie dürfe nicht mit Mamas Keilabsätzen an den Füssen vom Trip Trap springen. Sie würde auch dann nicht glauben, dass das nicht geht, wenn sie sich  tatsächlich einmal den Knöchel brechen würde.

11. Wenn man versehentlich den Blogpost in den Papierkorb bewegt, anstatt ihn zu veröffentlichen, dann sollte man dies vielleicht als Zeichen auffassen, dass es jetzt Zeit für Feierabend wäre. Oder aber dass der Post zu doof ist, um publiziert zu werden.

Und weiter geht’s…

Noch ist der letzte Krümel der Prinzchen-Geburtstagstorte nicht verschwunden, sein letztes Geschenk hat er vor einer guten Stunde ausgepackt, einige Luftballons leben noch, und schon bin ich mit dem nächsten Geburtstag beschäftigt. In etwas mehr als zwei Wochen ist Karlsson dran und so verbrachte ich gestern, nachdem die Spuren des Geburtstagsfestes beseitigt waren, einen grossen Teil des Abends damit, das perfekte Geschenk für Karlsson zu finden. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach. Wer schon mal versucht hat, einem fast Zehnjährigen weis zu machen, dass ein antikes Trichtergrammaphon nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse liegt, der kann sich vorstellen, was „Meiner“ und ich alles sagen mussten, bevor unser Ältester endlich einlenkte. Nach langem Erklären unsererseits und noch längerem Schmollen seinerseits konnten wir uns auf einen Plattenspieler einigen. Ja, genau so ein Ding, für das wir uns damals geschämt hatten, weil unsere Eltern uns keinen CD-Player schenken mochten, weil der „nicht ganz in der für die Schweizerische Durchschnitts-Grossfamilie erschwinglichen Preisklasse“ lag. Das Ding scheint heute wieder chic zu sein, zumindest bei Nostalgikern, wie unser Karlsson einer ist.

Nun, irgendwann fand ich in den Weiten des Internets einen halbwegs tauglichen Plattenspieler, der a) nicht zu teuer, b) „fabrikneu und originalverpackt“ ist und c) in nostalgischem Design daherkommt. Jetzt muss ich nur noch die Meistbietende bleiben für den Stapel „gebrauchter, aber kaum zerkratzter“ Klassik-Schallplatten und Karlssons Geburtstagsgeschenk ist gekauft. Das heisst, wenn er es schafft, sich den Wunsch nach einer echten Puderperücke aus dem Kopf zu schlagen. Im Moment arbeiten wir noch dran. Von der Barockgeige, die er sich eigentlich auch noch wünschen würde, hat er zum Glück schon länger nichts mehr gesagt, so dass ich annehmen kann, dass wir für einmal ganz günstig wegkommen. Zumindest wenn man die Kosten für die kulinarischen Wünsche ausklammert. Und sollte Karlsson nach seinem Geburtstag noch unerfüllte Wünsche hegen, kann ich ihn ja auf Weihnachten vertrösten.

Wie, habe ich Weihnachten gesagt? Das dauert ja auch nicht mehr lange…. Und noch wissen nicht alle Kinder, was sie sich wünschen. Also kann ich auch noch keine Einkäufe tätigen. Nun gut, für die Füllung des Adventskalenders ist gesorgt, aber wo um Himmels Willen finde ich die Zeit, all die anderen Geschenke zu besorgen? Und dann wollte ich mir ja noch überlegen, ob ich für unsere Kinder eine neue Adventsgeschichte schreiben soll. Ach ja, den Samichlaus müssten wir wohl auch in den nächsten Tagen bestellen, damit wir noch einen bekommen. Und dann hat ja auch der Zoowärter schon bald Geburtstag….

Sieht ganz so aus, als müsste ich mich in den kommenden Wochen nicht vor Langeweile fürchten. Das beruhigt mich. Ich hatte nämlich schon Angst bekommen, die Gründung des Familienzentrums, die Lesung und das Novemberschreiben alleine würden nicht ausreichen, um die letzen weissen Flecken im Terminkalender zum Verschwinden zu bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ach, Prinzchen!

Musst du es denn wirklich so eilig haben mit gross werden? Eben noch warst du ein kleines, hilfloses Würmchen, das nichts konnte als schlafen, trinken, die Windel füllen und schreien und jetzt kurvst du schon gekonnt um die Möbel herum, beeindruckst uns mit erstaunlich langen Sätzen und bringst deine grossen Geschwister dazu, dir alles nachzumachen, was du ihnen vormachst. Einfach unglaublich, was so ein kleiner Mensch in nur zwei Jahren lernen kann.

Und das ist es, was mir so zu schaffen machst. Nein, natürlich nicht, dass du so viel gelernt hast. Darüber staune ich Tag für Tag. Aber dass du beim Grosswerden ein so rasantes Tempo an den Tag legen musst, dass du heute schon den zweiten Geburtstag gefeiert hast, wo du in meinen Augen doch immer noch ein Baby sein solltest, das fällt mir nicht so leicht, wie ich es erwartet hätte. Ist nämlich noch gar nicht so lange her, da hatte ich noch geseufzt: „Wenn er erst mal zwei wird, dann ist er aus dem Gröbsten raus.“ Und siehe da, du bist zwar aus dem Gröbsten raus, kannst sagen, wann du Hunger hast, kannst fragen, wo dein Nuggi ist, kannst dir selber „Happy Birthday“ singen und noch viel mehr. Aber seufze ich deswegen weniger? Oh nein, im Gegenteil, ich seufze mehr: „Ach, mein Baby, kannst du denn nicht ein klein wenig langsamer gross werden? Wie schön wäre es doch, wenn ich dich noch stillen dürfte!“

Ja, mein Prinzchen, so sentimental ist sie, deine Mama, aber damit wirst du wohl leben müsste. Das ist das Los der jüngsten Kinder. Aber gebührend gefeiert haben wir natürlich trotz der Sentimentalität. Wir haben dich mit Geschenken und Liebe überhäuft, bis es dir beinahe zu viel wurde. Wir haben dich besungen, bis du uns nur noch schräg angeschaut hast. Wir haben dich mit Kuchen und anderen Süssigkeiten gemästet, bis nichts mehr in dich hineinpasste. Und dein Papa und ich haben eins ums andere Mal zueinander gesagt: „Ist es nicht wunderbar, dass er zu uns gehört?“ Und stell dir vor, deine grossen Geschwister haben uns jedes Mal begeistert zugestimmt. Denk daran, falls sie dir in nicht allzu ferner Zukunft vorwerfen werden, du seist eine kleine Nervensäge. Denn das ist der Nachteil, wenn man zwei wird: Man verliert den Babybonus und wird allmählich zum lästigen kleinen Bruder.

Willst du nicht doch noch ein wenig warten mit Grosswerden? Also ich hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch etwas länger klein bleibst…

Wesentliches

Wenn du einen Freitag lang mit Jonglieren beschäftigt warst, manchmal nicht mehr gewusst hast, wie du es schaffen sollst, alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, wenn du zwischen Wickeltisch, Sitzungszimmer, Kochherd und Computer hin und her gerannt bist und abends um sechs noch schnell Muffins gebacken hast, dann fragst du dich, ob du nun wirklich zu diesem Elternabend gehen sollst. Der sechste Spielgruppen-Elternabend deines Lebens. Kann der denn so wichtig sein, dass du und „Deiner“ die Wohnung im Chaos verlassen, die Arbeit unerledigt liegen lassen, das Au-Pair mit fünf aufgedrehten Vendittis alleine lassen müsst?

Wenn du eine Stunde später im schummrig beleuchteten Raum auf dem winzigen Stuhl sitzt, auf dem es sich gewöhnlich der Zoowärter bequem macht, wenn du in die Welt eintauchst, die bis jetzt jedem deiner Kinder so viel bedeutet hat, wenn du hörst, wie andere Eltern von ihren Kindern schwärmen und du dir selber Gedanken machst, was den Zoowärter denn so unglaublich liebenswert macht, wenn die Spielgruppenleiterin dir ins Bewusstsein ruft, wie die Welt in den Augen deines kleinen Sohnes aussieht, dann weisst du, dass dieser Elternabend das bedeutungsvollste Ereignis dieses langen Tages war. Wenn du die Bilder siehst, auf denen dein kleines Kind voller Stolz mit Freunden diesen riesigen Bambusstecken durch den Garten trägt, wie es mit voller Konzentration einen Klumpen Knete verarbeitet, wie es  eintaucht in diese Kindertraumwelt, dann wird dir einmal mehr bewusst, was für ein Geschenk es ist, Mama dieses Kindes zu sein.

Wenn du, nachdem du mit „Deinem“ noch kurz die Freiheit des kinderfreien Abends genossen hast, zu Hause am Computer sitzt, dann ist es wieder sonnenklar, was du im Alltag so schnell vergisst: Ein Familienzentrum zu gründen ist wichtig. Ein Buch zu schreiben ist wunderbar. Einen Haushalt zu führen ist herausfordernd. Freundschaften zu pflegen ist bereichernd. In der Gemeinde mitzumachen ist erfüllend. Den Kindern und „Deinem“ zu zeigen, dass du sie liebst, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie einmalig sind und sie ernst zu nehmen, das ist alles zugleich: Wichtig, wunderbar, herausfordernd, bereichernd, erfüllend und noch so viel mehr.

Wärest du zu Hause geblieben und hättest den Elternabend sausen lassen, wer hätte dich dann darauf aufmerksam gemacht, worauf es wirklich ankommt im Alltag?

So ehrlich dann auch wieder nicht…

Okay, gestern Abend habe ich ja für Ehrlichkeit plädiert. Aber damit meinte ich die Ehrlichkeit in Beziehungsfragen und nicht die Ehrlichkeit siebenjähriger Töchter ihren Müttern gegenüber. Zumindest Luise würde ein klein wenig Heuchelei ganz gut anstehen.

Da steht das Kind heute Mittag hinter mir auf der Küchenbank und meint plötzlich: „Oh mein Gott!“ Erstaunt über die ungewohnte Ausdrucksweise meiner Tochter will ich wissen, was denn los sei. „Mama, das ist ja furchtbar!“, erklärt sie. „Du hast ja nur noch graue Haare auf dem Kopf. Ich sag‘ dir: Nur noch Graue! Das sieht ja furchtbar aus.“

Als ob ein Überschuss an kindlicher Ehrlichkeit nicht ausreichen würde, erklärte sie mir wenig später, dass die Lehrerin gesagt hätte, sie müssten als Hausaufgabe ihre Mama bei der Arbeit zeichnen. „Ich werde dich beim Kochen zeichnen, beim Wäschefalten, wie du mit dem Prinzchen schimpfst und wie du mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schimpfst.“ Wenig begeistert über die Art, wie sie meine Arbeit zusammenfasst, frage ich, ob sie mich denn nicht auch zeichnen würde, wie ich am Computer sitze. Immerhin erledige ich dort einen großen Teil meiner Arbeit. Luise aber sieht das ein wenig anders als ich. „Aber Mama“, tadelt sie „das ist doch keine Arbeit, was du am Computer machst.“

Mein liebes Kind, ich glaube, ich muss dich mal darüber aufklären, wie sensibel Mütter sein können, wenn es um graue Haare oder um die Frage nach arbeiten oder nicht-arbeiten geht. Nun gut, vielleicht warte ich einfach noch ein paar Jahre. Spätestens wenn du Mama bist und ich Grossmama, wirst du am eigenen Leib erfahren, wie mimosenhaft wir Mütter sind. Und ich versichere dir: Grossmamas können ähnlich undiplomatisch sein wie siebenjährige Mädchen…

Hallo Alltag!

Morgen hat er mich wieder, der ganz normale Alltag. Und wie soll ich jetzt formulieren, dass ich gar nicht so unglücklich bin über das Ende der Herbstferien, ohne dabei wie eine jener Mütter zu klingen, die kein gutes Haar lassen an den Schulferien? Ich bin nämlich der Meinung, dass Schulferien durchaus ihre Vorteile haben: Wir müssen erst zu einer halbwegs menschlichen Zeit aus den Federn, das Mittagessen kann auch mal erst um halb eins auf dem Tisch stehen, weil keiner nachmittags Schule hat, die Kinder können sich in ihren endlosen Rollenspielen, die sich teilweise über mehrere Tage hinziehen, verlieren, wir können die Tage ganz nach Lust und Laune gestalten. Alles ganz toll und dennoch freue ich mich darauf, dass ab morgen die Vormittage wieder ruhiger, die Tage insgesamt wieder strukturierter sind. Und vor allem freue ich mich wie verrückt auf meine Bürotage.

Drei Wochen Herbstferien, eine davon als Vollzeitfrusthausfrau, haben mir einmal mehr vor Augen geführt, dass ich einfach eine bessere Mama bin, wenn ich alle zwei bis drei Tage die Bürotüre hinter mir schliessen und mich in meine Kopfarbeit vertiefen kann. Einmal mehr habe ich erkennen müssen, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder sind, die sich in den Ferien einfach viel mehr in den Haaren liegen, weil sie halt auch viel öfter Gelegenheit haben dazu, da sie sich mehr in die Quere kommen. Klar, das ist nervtötend, aber noch viel nervtötender bin ich, wenn ich drei Wochen lang durchs Haus tigere, im Kopf tausend Ideen, tausend Dinge, die ich erledigen sollte und möchte und keine Arbeitstage, an denen ich die Ideen zu Papier bringen, die Pendenzen abtragen könnte. Oh ja, die Kinder können mühsam sein, wenn sie zu wenig frische Luft und zu viel Freizeit haben. Aber noch viel mühsamer bin ich, wenn ich zuwenig Bürozeit und zu viel Hausarbeit habe. Arme Kinder, die mich drei lange Wochen so haben ertragen müssen.

Ich schätze mal, wenn unsere Kinder hier an meiner Stelle schreiben würden, würde es hier jetzt heissen: „Gott sei Dank sind Mamas Ferien morgen zu Ende. Die Frau war mit ihrem ständigen Gemotze ganz schön nervig. Gut, dass sie sich mal endlich wieder in ihr Büro verkriechen kann und wir unsere Ruhe haben vor ihr.“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ganz gleich wie vorher wird der Alltag nicht sein. „Meiner“ und ich haben uns nämlich jede Woche bis Ende Jahr einen Abend ganz für uns in den Kalender eingetragen. Ob wir diesen Abend jeweils in der Sauna verbringen, uns zu Hause einen Film reinziehen, die Ruhe geniessen oder jeder für sich irgend etwas werkelt und dabei die eine oder andere tiefsinnige Bemerkung fallen lässt, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir nehmen unsere Zeit zu zweit ebenso wichtig wie all die Sitzungen, Besprechungen und Projekte, die für volle Terminkalender sorgen.