Du bist ja soooo altmodisch…

Aber natürlich war ich darauf vorbereitet, dass Karlsson uns bald einmal furchtbar altmodisch finden würde, bloss die Art und Weise, wie sich dies äussert, überrascht mich ziemlich. Neulich unterhielten wir uns über die angemessene Garderobe beim Konzertbesuch. „Also Jeans und Hemd geht gar nicht“, sagte Karlsson bestimmt. „Na ja, es kommt ein wenig auf den Anlass an. Wenn es nicht allzu formell ist, finde ich das nicht so schlimm“, antwortete ich. „Nein, Klassik und Jeans, das passt ganz und gar nicht“, insistierte Karlsson. „Ich finde…“, wollte ich einwenden, doch Karlsson unterbrach mich: „Mir ist schon klar, dass du das anders siehst, Mama. Zu deinen Zeiten wart ihr ja alle irgendwie verfilzte Hippies, die Lehrer wie die Schüler. Kein Anstand alle zusammen und die Lehrer kamen bestimmt immer bekifft zum Unterricht.“

Ich bemühte mich, meinem Sohn zu erklären, die Achtziger und Neunziger seien nie und nimmer so wild gewesen, wie er sich dies vorstellt, doch in seinen Augen bleiben wir wohl prinzipienlose Taugenichtse, die sich an keine Regeln halten wollen. Vollkommen altmodisch eben, denn der heutige Teenager weiss spätestens mit vierzehn, was sich gehört und wie hoch hinaus ihn seine Karriereleiter führen soll. Ich frage mich, ob die heutige Jugend überhaupt noch Zwischenjahre einschaltet, oder ob man so etwas inzwischen als vergeudete Zeit ansieht.

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Ente in High Heels

Jetzt, wo der Sommer mit Wucht über uns hereingebrochen ist, werden wir Mamas und Papas dazu gezwungen, unsere Liegestühle und Gartenbeete hinter uns zu lassen, denn wir müssen unsere Kinder zum Bahnhof bringen, wenn es auf Schulreise geht, wir werden im Schulhaus erwartet, weil die Knöpfe zum ersten Mal Schulhausluft schnuppern dürfen, oder man bittet uns zum letzten Schülerkonzert der Saison. Weil „Meiner“ das ganze Programm jeweils mit seiner Klasse durchspielt, bleibt es meistens mir überlassen, die Familie Venditti bei solchen Gelegenheiten zu vertreten. Immer öfter fällt mir dabei auf, dass ich immer weniger ins Bild passe. Mir fehlt die Mama-Kluft, die in den vergangenen Jahren bei uns in der Provinz in Mode gekommen ist. 

Die Mama-Kluft setzt sich zusammen aus hautengem Tank-Top, vorzugsweise quergestreift oder mit grellem Aufdruck über der Brust, 3/4-Hose oder Leggings und Crocs. Das Haar wird zum streng nach hinten gezogenen Pferdeschwanz zusammengebunden, die Sonnenbrille ist so geschickt in den Haaransatz geschoben, dass sich erst auf den zweiten Blick zeigt, wie dringend nachgefärbt werden müsste. Diese Kluft tragen fast alle Mütter, ob sie nun spindeldürr, kugelrund oder hochschwanger sind und irgendwie sehen darin alle weniger hübsch aus, als sie es wären. 

Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich die Mama-Kluft kaum von dem Kleidungsstil anderer Frauen zwischen dreissig und fünfundvierzig, die mehr Wert auf Tragbarkeit als auf Stil legen. Woran aber erkennt man, dass die Crocs-Trägerin eine Mama ist? An den Tattoos, natürlich. Neben den üblichen Modesujets, die jeden Tätowierer, der etwas auf Individualität gibt, erschaudern lassen, haben sich die Mamas nämlich die Namen oder zumindest die Initialen ihrer Kinder stechen lassen. Das gehört inzwischen so selbstverständlich zum Auftritt einer Mutter, dass ich mich frage, ob man heutzutage bei der Anmeldung ins Spital angeben muss, ob man den Namen des Kindes schon im Gebärsaal tätowiert haben möchte, oder erst bei der Nachkontrolle sechs Wochen später. Die Scheusslichkeit der meisten Schriftzüge lässt darauf schliessen, dass die Mamas sich für das Stechen im Gebärsaal entscheiden, wo die überwältigenden Glücksgefühle über die Geburt des neuen Menschleins jeden guten Geschmack vergessen machen. So bleiben die Mamas ein Leben lang von der Geburt gezeichnet.

Ich muss gestehen, dass ich bis auf meinen stets grauer werdenden Haaransatz so gar nicht mithalten kann mit den anderen Mamas. Es beruhigt ungemein, dass auch noch eine Handvoll anderer Mütter nicht in dieses Bild passen will, denn ansonsten müsste ich mich fragen, ob eine ganze Müttergeneration vom Wege des halbwegs ansprechenden Stils abgekommen ist. 

Ich will damit übrigens keineswegs behaupten, ich käme stets wie aus dem Ei gepellt daher. Im Gegenteil, oft sehe ich aus, als wäre ich eben erst aus dem Bett gepurzelt. Doch offenbar besitze ich noch einen Hauch von Eitelkeit, der mir verbietet, meine Speckröllchen und Schwangerschaftsstreifen jedem zu zeigen, der mir über  den Weg läuft. Und was die Namen meiner Kinder angeht: Die muss ich mir nicht tätowieren lassen, denn jeder im Dorf weiss, dass die fünf zu mir gehören. Und überhaupt, ich mit Tattoo, das wäre etwa so wie, eine Ente in High Heels. Ich meine eine richtige Ente, nicht Daisy Duck…

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„Starke Frau“

Ihr seid äusserst freigiebig mit der Vergabe des Ordens. Ob eine Frau nun neben den Kindern eine steile Karriere hinlegt, ob sie wegen eines Schicksalsschlags ihre Kinder alleine grosszieht, ob sie ehrenamtlich mehr bewegt, als ihr euch vorstellen könnt, ob sie mehr Kinder hat als der Durchschnitt, ob sie mit ihrer Familie unter widrigsten Umständen geflüchtet ist und nun von der Hand in den Mund lebt, ob sie trotz schwerer gesundheitlicher Probleme nicht aufgibt, oder ob sie mutig ihren ganz eigenen Weg geht, ihr habt das Label stets griffbereit: Starke Frau.

Oh ja, ich weiss, ihr meint es als Kompliment. Ihr wollt damit ausdrücken, dass ihr nie in der Lage wäret, das zu tun, was die andere tut. Ihr glaubt, ihr würdet damit einer Frau die Anerkennung geben, die sie in euren Augen verdient hat. In Wirklichkeit aber drängt ihr diese Frau in eine sehr einsame Ecke. Ihr attestiert einem ganz gewöhnlichen Menschen Superkräfte und ignoriert damit die Tatsache, dass auch „starke Frauen“ Momente der Verzweiflung kennen. Gut, vielleicht ist es nicht der abgebrochene Fingernagel, der ihnen die Tränen in die Augen treibt, sondern die Erkenntnis, nicht allen berechtigten Ansprüchen gerecht werden zu können. Vielleicht hält die Frau tatsächlich länger durch, als ihr es euch selber zutrauen würdet, aber ihr glaubt doch nicht etwa, die Frau, die ihr aufs Podest gehoben habt, empfinde weniger Schmerz als ihr, wenn mal einfach alles zuviel wird? Glaubt ihr denn wirklich, sie würde nie verzweifelt schluchzen, nie die Hoffnung schwinden sehen?

Nun gibt es natürlich vereinzelt Frauen, die ihre dunklen Stunden sehr gut zu verbergen wissen. Die meisten „starken Frauen“ aber, die ich kenne, betonen immer und immer wieder, dass sie sich keinesfalls sonderlich stark fühlen. Viele von ihnen weisen wiederholt auf ihre Grenzen hin, manche suchen verzweifelt nach Gelegenheiten, auch mal jemandem das Herz ausschütten zu dürfen. Wie aber soll das gehen, wenn der Satz „Du hast ja immer alles im Griff“ schon fällt, ehe die „starke Frau“ zu erzählen begonnen hat?

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Luise hört mit

Luise ist eine Meisterin im Lauschen und so bringt sie uns immer wieder Dialogfetzen mit nach Hause. Heute zum Beispiel aus dem Schwimmbad:

Mama: „Kinder, ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Etwas, was euer Leben verändern wird.“

Die Kinder, nach Luises Schätzung etwa sieben und zehn Jahre alt, schauen ihre Mama mit grossen Augen an.

Mama: „Gottfried und ich werden heiraten.“

Jüngeres Kind (den Tränen nahe): „Aber Mama, was ist mit dem Papa?“

Mama: „Den liebe ich nicht mehr. Aber den Gottfried schon.“

Das jüngere Kind fängt an zu weinen, das ältere Kind sagt nichts, kämpft aber ebenfalls mit den Tränen.

Luise meinte,  es hätte wohl einen geeigneteren Ort als das öffentliche Schwimmbad gegeben, um den Kindern diese niederschmetternden Neuigkeiten mitzuteilen. Unsere Tochter kennt halt noch kein Reality-TV und weiss deshalb nicht, dass einschneidende familiäre Veränderungen  heutzutage öffentlichkeitswirksam inszeniert sein wollen. 

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Veggie-Pride?

Nein, ich esse das Zeug nicht, schon seit ich zehn war nicht mehr. Wirklich nicht, auch keinen Schinken und keine Salami. Tut mir Leid, auch kein Poulet. Habe ich zwischendurch mal, der Schwiegermutter zuliebe, doch dann tischte sie mir Hühnerhälse auf. Ja, ganz selten einmal Fisch, aber nicht viel. Echt, es fehlt mir nicht. Nein, auch das saftige Steak nicht, wenn grilliert wird. Habe noch nie im Leben eines gegessen, wie sollte es mir da fehlen? Früher hätte ich es noch eher gekonnt, aber heute? Nie im Leben.

Aus Überzeugung, ja. Und auch einfach darum, weil ich es nicht mag, noch nie richtig gemocht habe. Vor allem nicht, wenn die Lämmer, denen wir eben noch die Flasche gegeben hatten, auf dem Teller landeten. Ja, für die Familie koche ich Fleisch, aber nicht viel, etwa zwei- bis dreimal die Woche. Ich kann die anderen ja nicht dazu zwingen, es mir gleich zu tun. Nein, das geht schon, ich richte mich einfach nach meiner Nase: Wenn es für mich nicht mehr stinkt, dann ist es gut. Echt, sie sind dann jeweils ganz zufrieden.

Ich weiss nicht, wie oft ich in den vergangenen 28 Jahren die immer gleichen Fragen beantwortet habe und es erstaunt mich, dass sie noch immer gestellt werden, wo doch inzwischen jeder Zweite irgendwie Vegetarier ist, oder es schon versucht hat, oder es gerne wäre, wenn er denn die Willensstärke dazu hätte. Manchmal nerven mich die Fragen. Ganz selten einmal wünsche ich mir, die Auswahl im Restaurant wäre grösser, aber das kommt kaum noch vor. Hin und wieder ärgere ich mich über Leute, die Hühnchen-Lasagne für ein vegetarisches Gericht halten. Dennoch käme es mir nicht im Traum in den Sinn, auf die Strasse zu gehen, um für mehr Akzeptanz für Vegetarier zu demonstrieren. 

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Zu viel verlangt

„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile? 

Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren. 

Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.

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Verzweifeln oder…?

Du liest im „Spiegel“, die Deutschen Kinder würden immer stärker unter Schulstress leiden und aus deinem Familienalltag weisst du, dass es in der Realität noch viel schlimmer ist als es auf dem Papier daherkommt. In den Medien – ob gedruckt oder elektronisch – präsentieren die Parteien von links nach rechts ihre Ideen, wie den Familien am besten geholfen sei und du ärgerst dich grün und blau, weil du genau weisst, wie wenig das Geschwätz mit der Realität zu tun hat. Sie könnten ebenso gut alle den Mund halten, weil das, was am Ende rauskommt, doch wieder nur ein halbherziger Kompromiss sein wird, der zwar keinem schadet, aber auch keinem hilft. Wo immer dein Blick auch hinfällt – ob es nun um Familie, Umwelt, Atomausstieg, Schule oder sonst etwas, was dir am Herzen liegt geht -, siehst du Halbherzigkeit, viel Gerede und wenig Wirkung. Einzig in der Asylpolitik werden klare Worte gesprochen, aber es sind nicht die Worte, die du hören willst, sondern die Worte, die dir kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. 

Zuweilen überkommt dich die blinde Wut, dann wieder tiefe Traurigkeit, immer mal wieder auch Resignation. Ganz selten meldet sich auch diese innere Stimme zu Wort, die dir sagt, wenn du schon weder Zeit noch Kraft zum Mitgestalten aufbringen könnest, solltest du doch zumindest zur Feder greifen und gegen den ganzen Wahnsinn anschreiben. Bloss, wie soll das gehen, wo sich der Wahnsinn doch schneller ausbreitet als die Magen-Darm-Seuche?

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Kann mir mal einer erklären…

…weshalb die Leute jetzt, wo es endlich Frühling geworden ist, nur darüber reden, dass es bestimmt bald wieder kalt sein wird?

…weshalb Deutsche Ärzte, die genau gleich freundlich und kompetent sind wie ihre Schweizer Kollegen, nie – aber auch wirklich gar nie – auf die Idee kommen, dem Patienten zu erklären, was läuft?

…weshalb die Keimlinge meiner Chioggia-Randen wunderbar gedeihen, die Keimlinge meiner goldenen Rande aber kläglich abserbeln, obschon sie gleich viel Wasser, Licht, Wärme und Zuneigung bekommen haben?

…weshalb unserer Kinder nach all den Jahren den Satz „Bitte lasst weder Joghurtbecher noch Schokoladenpapier draussen herumliegen, wenn ihr ein Picknick veranstaltet“ noch immer nicht verstehen?

…weshalb Filme, die ab 6 Jahren freigegeben sind, meist nicht mal für Erwachsene geeignet sind, weil der Inhalt so deprimierend ist?

…weshalb eine Zehnjährige besser als mancher Kinderbuchautor weiss, was ein gutes Kinderbuch ausmacht?

…weshalb Karlsson mir direkt ins Gesicht sagt, dass er meine Witze nicht lustig findet, wo er das doch eigentlich hinter meinem Rücken sagen müsste?

…weshalb die grössten Kinderfeinde ihre Sätze über Kinder stets mit „Ich habe nichts gegen Kinder…“ anfangen?

…weshalb alle zu lachen beginnen, wenn wir von der Schwan-Attacke erzählen?

…weshalb man böse Blicke und giftige Bemerkungen erntet, wenn man im Spitalflur hohe Absätze trägt?

…weshalb die Menschheit je so dumm war, zu glauben, mit der Erfindung einiger nützlicher Maschinen würde das Leben einfacher?

…weshalb der Drucker immer in der Formular-Hochsaison den Geist aufgibt?

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Grün

Natürlich rede ich mir ein, meine in den vergangenen Jahren gewachsene Liebe zum Gärtnern sei auf meinem ureigenen Mist gewachsen und selbstverständlich weise ich mit einem gewissen Stolz darauf hin, dass ich schon in meiner Kindheit den Drang ins Grüne verspürte. Damals, als ich täglich meine Runde ums Haus drehte, um nachzusehen, ob alles wie gewünscht grünte und blühte. Es muss noch irgendwo diesen Schulaufsatz geben, der belegt, dass der Same meiner heutigen Leidenschaft in den frühen Achtzigern gesät worden ist.

Es soll mir also keiner kommen und behaupten, ich sei einfach eine der vielen, die mitreiten auf der Welle des Urban Gardening, des Topfgärtners, dem Ruf nach mehr Biodiversität, dem Schrei nach mehr Grün in der Betonwüste. Natürlich mache ich mir vor, meine Ziele seien höher als jene der grossen Masse, die mit Gummistiefel und Gartenschaufel einfach nur hip sein wollen. Mir liegt daran, den Kindern etwas weiterzugeben, was sie heute nicht mehr so selbstverständlich mitbekommen wie wir damals; der Umschwung ums Haus, der irgendwann – wohl in den Siebzigern – mit Steinplatten zu einem pflegeleichten, aber toten Aussenraum verunstaltet wurde, soll zum Lebensraum für Pflanzen und Kleingetier werden. Ja, so hehr sind sie, meine Ziele. 

Und doch schleckt keine Geiss weg, dass ich mit meiner Lust am Gärtnern einmal mehr ein Kind meiner Zeit bin. Genau so, wie ich mit zwölf ein Kind meiner Zeit war, als ich über das Robbenschlachten heulte, mit vierzehn, als ich Michael Jackson anhimmelte, mit sechzehn, als ich ein Austauschjahr in den USA machte und   über den plötzlichen Fall des Eisernen Vorhangs staunte, mit zwanzig, als ich wortgewaltig über die Chancengleichheit zwischen Mann und Frau palaverte, mit dreiundzwanzig, als ich Bio-Produkte zu kaufen begann und mir trotz anfänglicher Bedenken ein Handy zulegte, mit vierundzwanzig, als ich einen ersten Internetanschluss in der Wohnung installieren liess, mit fünfundzwanzig, als ich eine überzeugte aber tolerant gegenüber Andersdenkenden auftretende Verfechterin der natürlichen Geburt und des Stillens wurde und von einer Wassergeburt träumte, mit sechsundzwanzig, als ich die Angst vor dem Millennium-Bug belächelte, mit achtundzwanzig, als ich über George W. Bush schimpfte, mit dreissig, als ich zu Apple konvertierte, mit zweiunddreissig, als ich immer lauter über die ungerechte Situation der Familien in der Schweiz zu lamentieren begann, mit vierunddreissig, als ich mir ein Blog einrichten liess, mit siebenunddreissig, als meine Ablehnung der Atomkraft durch Fukushima noch mehr Schub bekam. Und jetzt greife ich eben vermehrt zu Harke, Rechen und Gartenschaufel, lege einen Komposthaufen an und mache mir Gedanken, wie „unser“ Grund und Boden zum Guten verändert werden kann. So wie viele, die in den Siebzigern geboren, in den Achtzigern und Neunzigern aufgewachsen und im neuen Jahrtausend erwachsen geworden sind. 

Natürlich, all dies habe ich mit meinen ganz persönlichen Eigenarten und Empfindungen gelebt, ich habe nicht alles mitgemacht – Techno war nicht mein Ding -, war zuweilen meinen Altersgenossen voraus, hinkte dafür in anderen Fällen weit hinter ihnen her, immer wieder mal eckte ich auch an, weil meine Meinung sich nicht immer nach dem Mainstream richtete. Ja, ich bin ich selbst, aber eben auch Produkt der Zeit, in der ich geprägt und geformt worden bin und deshalb wird auch von mir die Rede sein, wenn man später mal sagt: „In der Generation unserer Eltern wurde vermehrt Wert auf Ökologie, nachhaltiges Handeln und sorgsamen Umgang mit den Ressourcen gelegt.“ 

Ich hoffe sehr, dass es nicht bloss beim Trend bleibt, sondern dass es uns gelingt, der kommenden Generation einen natürlicheren und grüneren Start ins Leben zu bieten. 

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Zehn Jahre

Aber natürlich haben wir Luises Geburtstag gebührend gefeiert. Mit zuckersüsser Torte, Cupcakes für die Schulkameraden, vielen Geschenken und der Aussicht auf eine Pyjama-Party mit den allerbesten Freundinnen. Wir haben uns ins Zeug gelegt, wie immer, wenn eines unserer Kinder gefeiert wird, wir haben Lieblingsessen gekocht und den Alltag zum Festtag gemacht. Äusserlich war alles wie üblich, aber innerlich war zumindest bei mir nichts wie sonst. Zehn Jahre sind wir nun bereits unterwegs mit Luise und wenn ich bedenke, wie schnell diese zehn Jahre an mir vorbei gerast sind, dann wird mir Angst. Noch einmal so lange und sie wird wohl ausgeflogen sein.

Schon jetzt ist es machmal schwer, sie Kind bleiben zu lassen, nicht, weil sie einen riesigen Drang verspürte, erwachsen zu werden, sondern weil der Druck unter den Gleichaltrigen enorm ist. Cool sein sollte sie, „Germany’s next Topmodel“ müsste sie sich anschauen, um mitreden zu können, einen Freund sollte sie haben, bei Facebook & Co. müsste sie natürlich schon längst dabei sein. Luise lebt gut damit, dass sie all dies noch nicht haben kann, sie will es noch gar nicht. Dennoch schmerzt es, wenn ich mit meiner Tochter über Dinge reden muss, die mich mit fünfzehn beschäftigt hatten und von denen ich mit zehn noch keinen blassen Schimmer hatte. Es macht mich traurig, dass ihr die Kindheit fast entrissen wird und es sind weder die bösen Erwachsenen, die dies tun, noch die bösen pubertierenden Jungs, es sind die gleichaltrigen Mädchen, die das Gefühl haben, das Leben sei eine endlose Seifenoper, in der sie die Hauptrolle spielten. Mädchen, die jetzt schon glauben, es ginge im Leben nur darum, gut auszusehen und den richtigen Typen zu angeln.

Luise weiss ziemlich genau, was sie vom Leben will und zum Glück hat sie Freundinnen, die ähnlich ticken wie sie. Dennoch kommt bei mir zuweilen das Gefühl auf, wir müssten Luise mehr schützen als unsere Jungs. Nicht, weil sie schwächer wäre, sondern weil sie als Mädchen mit vier Brüdern wenig Möglichkeiten hatte, sich auf den Zickenkrieg vorzubereiten, der früher oder später ausbrechen wird. 

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