Beängstigend

Gestern Abend, als ich wie gewohnt so gegen Mitternacht ins Bett ging, wähnte ich mich im Jahr 2013, heute Morgen aber bei der Zeitungslektüre musste ich feststellen, dass mich irgendjemand auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt hat. Nun gut, eigentlich sieht meine Welt so gar nicht nach Vergangenheit aus, da stehen noch immer die gleichen Geräte in der Küche, iPad & Co. sind wie gewohnt im Einsatz und auch die Kleider sehen noch gleich aus wie gestern. Aber was ich in der Zeitung lese, beweist mir klar und deutlich: Wir sind auf dem besten Weg, wieder dorthin zu gelangen, wo unsere Vorfahren schon mal waren. Damals war eine Frau, die zuviel wusste, eine Hexe, ein Mensch jüdischen Glaubens ein Brunnenvergifter, ein Querdenker ein Ketzer.

Und heute? Heute sind wir natürlich viel weiter. Jeder hat das Recht, so zu leben, zu denken und im Grossen und Ganzen auch so zu handeln, wie er will. Die persönliche Freiheit steht über allen Verpflichtungen, oft auch über den Werten, die wir grundsätzlich als richtig erachten. Jeder darf nach seinem Glück streben, seine Träume verwirklichen, sein Leben nach den eigenen Wünschen gestalten. Dies gestehen wir jedem zu. Zumindest, solange er die „richtige“ Herkunft hat, ohne Sozialhilfe auskommt und ein „funktionierendes“ Mitglied der Gesellschaft ist.

Erfüllt einer diese Voraussetzungen nicht, na ja, dann gilt das alles natürlich nicht, das muss man doch verstehen. Man kann doch nicht einfach jeden Dahergelaufenen als gleichwertigen Menschen behandeln. Wo kämen wir denn da hin? Und weil man so denkt, sagt man heute ganz ungeniert, was man vor ein paar Jahren noch nicht mal hinter vorgehaltener Hand zu äussern gewagt hätte.

„Die Asylsuchenden sind unterbeschäftigt. Wir haben einen schönen Dorfplatz, dort sind unsere schönen Frauen. Das gibt Probleme“, lässt sich zum Beispiel heute der Ammann einer Aargauer Gemeinde in der Zeitung zitieren und sagt damit ziemlich unverblümt, dass sein Dorfplatz nicht jedem offen steht. Weiter unten im Artikel ist folgendes zu lesen: „Die Asylsuchenden würden unterirdisch untergebracht. Oberirdisch gebe es keine Möglichkeit für Aufenthaltsräume. ‚Unsere Schüler müssten sich also die Ausbildungs- und Pausenplätze mit dem Asylbewerbern teilen‘, so die Schule.“ Man stelle sich einmal dieses Schreckensszenario vor: Da könnten erwachsene Landwirtschaftsschüler mit erwachsenen Asylbewerbern in Kontakt, ja, vielleicht sogar ins Gespräch kommen. Gott bewahre! Am Ende würden die beiden Gruppen noch erkennen, dass sie alle nur Menschen sind. Aber soweit wird es nicht kommen, denn der Gemeindeamman verspricht, man werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die Asylunterkunft zu verhindern, die Bevölkerung erwarte das so. 

Weil das die Bevölkerung nicht nur in dieser Gemeinde so erwartet, sondern fast überall in der Schweiz, wo Asylsuchende eine vorübergehende Bleibe finden sollen, werden immer wieder ähnliche Sätze fallen, vermutlich auch noch viel giftigere und irgendwann wird kaum einer mehr aufhorchen, nicht mal mehr wir, die wir heute noch darüber heulen könnten. Und das macht Angst.

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Achtung, Kind hört mit!

Zuerst muss ich zwei Dinge vorausschicken: 1. Ich bin weder prüde noch verklemmt. 2. Unsere Kinder wissen alle – ihrem Alter und ihrer Neugierde entsprechend – wie sie entstanden sind und was in ihrem Körper im Laufe der Jahre so alles abgehen wird.

Dennoch konnte ich mich gestern nur mit Mühe zurückhalten, als ich mit unseren drei Patienten nach dem Arztbesuch noch kurz in der Buchhandlung Lesestoff für die langen Tage im Bett besorgte. Zwei Frauen und ein Mann um die zwanzig unterhielten sich gleich hinter uns laut vernehmlich über einen Sex-Ratgeber. Ihr Gespräch liess tief blicken, nicht nur in den Inhalt des Buches, sondern auch unter die Bettdecke des Mannes und der einen Frau, die offenbar liiert waren und einiges aus dem Buch bereits ausprobiert hatten.

Obschon der Grossteil des Gesprächs ziemlich abstossend war, hätte ich mich vermutlich über die eine oder andere Aussage amüsiert, wäre ich alleine unterwegs gewesen. Wäre in dem kleinen Laden ein Ausweichen möglich gewesen, hätte ich versucht, mit den Kindern ausser Hörweite zu gehen. Weil aber Kinderbuchregal und Sex-Ratgeber-Regal so nah beieinander standen musste ich miterleben, wie es Luise, die das Thema gewöhnlich keineswegs scheut, immer mulmiger zumute wurde. Schliesslich wollte sie nur noch eines: Raus aus dem Laden und nach Hause, wo sie trotz hohen Fiebers mit vielen Fragen versuchte, das Gehörte irgendwie in Einklang zu bringen mit dem, was wir ihr bisher mitgegeben haben. 

Seither frage ich mich, ob es richtig gewesen war, die drei einfach reden zu lassen. Ja, ich wäre mir vorgekommen wie eine prüde alte Tante, hätte ich sie auf das Offensichtliche hingewiesen, nämlich darauf, dass ihr Gespräch auch für aufgeklärte Kinder einfach zu viel des Guten war. Vermutlich hätten sie sich über mich aufgeregt, sie hätten sich gefragt, ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als ihnen ihren Spass zu verderben. Dennoch würde ich genau dies tun, könnte ich die Uhr noch einmal zurückdrehen. Wer mit zwanzig noch nicht begriffen hat, dass nicht alles, was im Bett geschieht, vor Kindern ausgebreitet werden muss, der sollte dies gesagt bekommen. Wenn’s sein muss, halt von mir…

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Verzichten

„Lieber“ Herr Vasella

Mir ist klar, dass eigentlich alles gesagt ist, was gesagt werden muss, aber dennoch kann ich es mir nicht verkneifen, auch noch meinen Senf zur Sache loszuwerden. Lange habe ich versucht, meinen Mund zu halten, aber es muss jetzt einfach raus, sonst muss sich „Meiner“ noch hundertmal die Dinge anhören, die ich eigentlich Ihnen an den Kopf werfen möchte. Herr Vasella, mit ihrem gedankenlosen Aussagen zwingen Sie mich heute dazu, etwas zu tun, was ich im Grunde genommen zutiefst verabscheue: Sie treiben mich dazu, schwülstig zu werden.

Sie haben nämlich immer mal wieder trotzig gefordert, Sie möchten den Menschen sehen, der auf das Geld verzichtet, wenn es ihm angeboten wird. Vermutlich stimmt dies für Menschen Ihres Kalibers, die im Laufe der Jahre vom süssen Gift des „immer mehr und alles nur für mich“ abhängig geworden sind und deshalb nicht mehr fähig sind, das Gift in noch höheren Dosen abzulehnen. Vermutlich wird auch kein Fabrikarbeiter die Lohnerhöhung von Fr. 56.75 pro Monat zurückweisen, wenn sie ihm angeboten wird. Abgesehen von diesen Ausnahmen muss ich Ihrer Aussage aber leider widersprechen. Es gibt nämlich durchaus Menschen, die verzichten und darum wird es jetzt schwülstig.

Da gibt es zum Beispiel Leute – vorwiegend Frauen -, die ihren Job an den Nagel hängen, um ihre pflegebedürftigen Eltern zu umsorgen. Kostenlos, bei klarem Bewusstsein, dass sie mit diesem Schritt nicht nur weniger Freizeit, sondern auch weniger Geld haben werden. Es gibt auch solche, denen mehr daran liegt, Schulkinder in Fuss- oder Volleyball zu trainieren, Brände zu löschen oder liegengebliebenen Abfall einzusammeln, anstatt immer mehr Geld zu scheffeln. Ich habe gar Menschen getroffen, die beruflich zurückstecken, obschon sie durchaus das Zeug dazu hätten, eine grosse Karriere zu machen. Es bedeutet ihnen mehr, neben dem Beruf noch Zeit für die Familie zu haben, als die Karriereleiter bis in schwindelerregende Höhen hochzuklettern. Schliesslich – und das werden Sie mir jetzt kaum glauben – leben in unserem reichen Land Menschen, die nur gerade das Nötigste besitzen und die das Wenige, das sie haben, auch noch teilen mit anderen Notleidenden. Nein, Herr Vasella, das ist kein Märchen, ich kenne solche Menschen persönlich. Ach ja, und dann sind da noch jene, die wirklich viel haben, die sich ihres Reichtums aber nur dann richtig freuen können, wenn möglichst viele etwas davon haben.

Ja, Herr Vasella, das alles klingt ziemlich kitschig, kommt aber in der Realität, in der wir Normalverdiener leben, erstaunlich häufig und in den verschiedensten Facetten vor. Warum? Vielleicht, weil wir dank unserer beschränkten Mittel besser wissen, dass sich gewisse Dinge nicht kaufen lassen.

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Erwachender Idealismus

Ganz klar, ich habe mal wieder zu viel Zeitung gelesen. Zu viel über Landgrabbing, Pestizide, Spekulation mit Lebensmitteln, desolate Zustände auf Gemüseplantagen in Südeuropa und Afrika, europaweiten Fleischhandel und dergleichen. Nun gut, die Sache mit dem Fleisch könnte mir ja egal sein, weil ich keines esse und für die Familie nur solches aus der Schweiz koche, aber die undurchsichtige Geschichte widert mich eben doch an.

Früher gelang es mir noch besser, solche Meldungen mit der Bemerkung „Ich tue mein Möglichstes, verantwortungsbewusst einzukaufen“ beiseite zu schieben. Immer öfter aber bringe ich es nicht mehr fertig, mein Unbehagen zu verdrängen. Der Wunsch, von jedem Lebensmittel, das auf dem Teller landet, zu wissen, woher es kommt und wie es produziert wird, wächst mit jeder Meldung, die ich zu Gesicht bekomme. Ja, ich weiss, mein Wunsch ist extrem und er wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Dennoch ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken, man müsste das doch irgendwie auch selbst hinkriegen. Ich meine, so schwierig kann es doch nicht sein, Gemüse, Milch und Fleisch beim Bauern zu besorgen, ein paar eigene Sachen anzubauen und Vorräte für den Winter selber einzumachen. Erste Gehversuche habe ich bereits gemacht, aber reicht mir das? Was ist mit Kleidern, Schuhen und all den anderen Dingen, die eine Familie eben so braucht? Würde ich mich nicht umso mehr über unumgängliche Kompromisse ärgern, je mehr ich versuchte, nach meinem Gewissen zu handeln? Und hätte ich überhaupt den langen Atem, den es braucht, um das alles über Jahre durchzuziehen?

Ich weiss es nicht, aber vielleicht mache ich mir mal Gedanken darüber, wie wir aus unserem Umschwung etwas mehr Garten machen könnten.

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Himmeltraurig

Über die Gräuel von Massentierhaltung und europaweiten Tiertransporten weiss in der Schweiz jedes Kind Bescheid, die Krippenhaltung von kleinen unschuldigen Kindern aber ist nach wie vor ein Tabuthema. Hätten wir die SVP nicht, wir hätten nie erfahren, wie unsere armen Kleinen in den Betreuungseinrichtungen gehalten werden: Halbnackt, mit Ohrmarke und Strichcode versehen hinter dicken Mauern und Gitterstäben. So müssen die verängstigten Knöpfe Tag um Tag ausharren, währenddem ihre geldgierigen, vom Ehrgeiz zerfressenen Mütter die Karriereleiter hochklettern, die doch eigentlich den Vätern vorbehalten wäre.

Heute, so erklärt uns die SVP, ist es den Eltern noch freigestellt, ob ihre Kinder in Krippenhaltung zu uniformen, vom Staat abhängigen Marionetten genormt werden, oder ob sie in freier Wildbahn zu heldenhaften, starken Eidgenossen, die sich vom Staat nichts vorschreiben lassen, heranwachsen dürfen. Wehe aber, wenn das Stimmvolk am 3. März den Familienartikel annimmt! Dann ist es vorbei mit den Freiland-Kindern, dann wird es nur noch Batteriekinder geben. Arme, von ihren Eltern verstossene Geschöpfe, die kaum je die Sonne sehen, für die Liebe und Geborgenheit Fremdwörter sind. Vermutlich werden die Kinder, die von ihren renitenten Eltern zu Hause behalten werden, frühmorgens von der Polizei abgeholt und in die Einrichtung gebracht, wo sie zu braven „Staatskindern“ erzogen werden.

Und wisst ihr, was das Schlimmste an der Sache ist? In diesen Einrichtungen werden die wehrlosen Kleinen einer Gehirnwäsche unterzogen. Das weiss ich nicht von der SVP, das habe ich selber herausgefunden. Sämtliche Krippenkinder in meinem Umfeld bestreiten nämlich vehement, dass sie an den Tagen, die sie ausser Hause verbringen, ein himmeltrauriges Dasein hinter Gittern fristen. Ja, einige von ihnen behaupten gar, sie könnten es absolut nicht verstehen, dass ihre Mamas und Papas sie nicht jeden Tag dorthin bringen.

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Studienfach Kinderkriegen

Die einen Ökonomen rechnen dir vor, wie verantwortungslos und egoistisch es sei, auf Kinder zu verzichten, weil ohne Kindernachschub der Generationenvertrag und im Endeffekt gar der soziale Friede gefährdet würden. Die anderen Ökonomen rechnen dir vor, dass sich Kinder überhaupt nicht rechnen, weder für dich persönlich noch für die Wirtschaft und dass sie deswegen die schlechteste Investition überhaupt seien. 

Radikale Umweltschützer weisen voller Zorn auf die Überbevölkerung hin, wenn du es wagst, nur schon laut übers Kinderhaben nachzudenken. „Unnötige Umweltbelastung!“, zetern sie, „purer Egoismus! Alleine schon die Windelberge, die jedes einzelne Kind produziert…“

Die eine Studie belegt dir, dass du eine bessere Mutter sein wirst, wenn du zuerst die Welt gesehen, Karriere gemacht, dein Haus fertig eingerichtet und mindestens vier verschiedene Partner gehabt hast. Fortpflanzung also frühestens mit 38. Die nächste Studie belegt dir, dass du am besten gleich an deinem 18. Geburtstag mit dem erstbesten ins Bett hüpfst, vier Kinder zeugst und dann irgendwann, wenn dein Jüngstes 14 ist, karrieremässig voll durchstartest. 

Mal verdonnern dich die Erziehungswissenschafter dazu, mindestens drei Kinder im Altersabstand von zehn Monaten zu haben, die du alle in deinen eigenen vier Wänden grossziehst und bis zum fünften Geburtstag voll stillst. Dann wieder darf es nicht mehr als eines sein, selbstverständlich voll und ganz in der Krippe aufgezogen, weil alles andere schädlich und verantwortungslos wäre.

Ohne die Wissenschaft als Ganzes verteufeln zu wollen, muss ich das jetzt einfach mal loswerden: Hört endlich damit auf, das Kinderkriegen als Studienfach – irgendwo, hoch oben in einem Elfenbeinturm, weitab vom Kinderzimmer – zu betreiben. Hört auf damit, nach dem einzig richtigen, garantiert schmerz- und fehlerfreien Weg zu suchen, denn diesen Weg gibt es nicht. Hört auf damit, Eltern und solche, die es (vielleicht) werden wollen, mit Thesen zu verunsichern, die dann doch nichts mit dem realen Leben zu tun haben. 

Und ihr, die ihr euch mit der Frage herumquält, ob ihr euch nun fortpflanzen sollt oder lieber doch nicht: Wenn ihr bereit seid, nicht nur den Spass und das Herzerwärmende, sondern auch Verantwortung und Konsequenzen für den Rest eures Lebens zu tragen, dann habt Kinder. Ihr werdet es ganz bestimmt nicht bereuen, auch wenn ihr euch vielleicht während der Darmgrippe-Saison zuweilen fragen werdet, warum ihr euch das antut. Wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann lasst es lieber bleiben, denn Kinder sind nun mal keine Haustiere, die man zurückgeben kann, wenn man dann doch lieber die Weltumsegelung machen möchte, von der man immer geträumt hat.

Und um Gottes Willen, sucht nicht in irgend einem Blog nach der Antwort auf die für euer Leben absolut entscheidende Frage ob ihr eine Familie gründen sollt oder nicht. Vor allem nicht, wenn euch diese Bloggerin sagt, dass es im Leben nichts Besseres gibt, als mindestens drei Kinder zu haben. Glaubt mir, die Frau spinnt, denn sie sagt dies an einem Tag, an dem sie ihre von Darmgrippe geplagte Familie am liebsten zur Kur auf den Mond schicken würde.

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DIY Realität

Über Jugendliche, die in den Weiten der virtuellen Welt den Bezug zur Realität verlieren, wird ausgiebig diskutiert. Dass auf der anderen Seite des Altersspektrums etwas ganz ähnliches geschieht, scheint hingegen kaum jemanden zu interessieren. Woran dies liegt? Vielleicht daran, dass viele ältere Menschen sich ihre Realität aus den traditionellen Medien zusammenzimmern?

„Ich habe einen Termin in Basel“, sagte ich heute früh zu meinem Tischnachbarn. „Haben Sie denn Ihr Auto dabei?“, fragte er. „Nein, ich fahre mit dem Zug, das ist viel gemütlicher“, gab ich zur Antwort. Nachdenklich schüttelte er den Kopf und meinte: „Ja, gemütlich wäre das schon, wenn nur die Gewalt in den Zügen nicht wäre. Das muss furchtbar sein.“ „Nun ja, natürlich kommt es zu solchen Vorfällen, aber meist geht es im Zug ganz gesittet zu und her“, entgegnete ich. „Also, ich würde nie die Bahn nehmen. Wissen Sie, diese Gewalttätigkeiten, das ist einfach viel zu gefährlich. Neulich stand da in der Zeitung…“ Was hätte ich da noch entgegnen sollen? Die alltäglichen Erfahrungen einer ziemlich fleissigen Bahnfahrerin sind nun mal weniger glaubwürdig als die aufgeregte Berichterstattung über einzelne tragische Vorfälle.

Ähnliche Gespräche hatte ich schon mehrmals in den vergangenen Tagen. Egal ob von Einwanderung, Umweltschutz, Schulunterricht, Arbeitslosigkeit oder Landwirtschaft die Rede war, immer wieder wurden Beispiele herausgegriffen, über die breit in den Medien diskutiert worden war. Von eigenen Erfahrungen wussten meine Gesprächspartner nichts zu berichten, es war alles nur aus zweiter Hand, meist deutlich gefärbt durch die Meinung eines rechtsgerichteten Kommentatoren. Hielt ich dagegen, dass es abgesehen von diesen Extremen auch ganz viel Gewöhnliches gebe, das ziemlich ordentlich laufe, schüttelten meine Gesprächspartner entrüstet die Köpfe und gaben mir zu verstehen, ich hätte keine Ahnung von der Realität.

Im Grunde genommen könnte mir das alles egal sein, sie sind ja nicht meine Freunde. Nachdenklich stimmt mich die Sache trotzdem. Ist es denn besser, wenn jemand die Welt nur noch durch die dunkel gefärbte Brille der Angst sieht, als wenn ein anderer vor lauter Virtualität das Echte übersieht? Zumal die älteren Semester deutlich fleissiger zur Abstimmungsurne gehen als wir, die wir noch mitten drin im Alltagsleben stecken und die Dinge ein wenig nüchterner betrachten.

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Was geht mich das an?

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur kam irgendwann die Frage auf, wer wie viel über die Gräuel gewusst hat. Es war eine der entscheidenden Frage, um herauszufinden, wer sich in welchem Masse schuldig gemacht hatte. Wissen und doch nichts dagegen tun, das gilt in den Augen von uns Nachgeborenen als Mitschuld – zu Recht, wie ich meine.

Die Frage ist einfach, wie es mit unserer eigenen Mitschuld steht. Die Gräuel der heutigen Zeit geschehen vor laufender Kamera, dank nahezu lückenloser Berichterstattung wissen wir Bescheid darüber, wo die Menschen unmenschlichem Leid ausgesetzt sind; dank kritischem Journalismus, der Gott sei Dank noch nicht ganz am Ende ist, können wir sogar erfahren, wo wir mitverantwortlich sind für dieses unmenschliche Leid.

Und, wie steht’s? Treibt uns dieses Wissen dazu an, (anders) zu handeln? Selten. Ja, es gibt vereinzelte Menschen, die alles stehen und liegen lassen, um dem Leiden den Kampf anzusagen. Dann gibt es solche, die sich rechtschaffen darum bemühen, so zu handeln, dass das Leiden der anderen nicht noch grösser wird. Die grosse Masse aber gibt sich im besten Fall einen Augenblick lang betroffen und macht dann weiter wie bisher. Im schlimmsten Fall werden Argumente gesucht, warum das eben einfach so sein muss und warum die vom Leid betroffenen im Grunde genommen selber Schuld sind. Wissen allein verändert noch gar nichts, auch heute nicht.

In der Bibel heisst es irgendwo sinngemäss, wer viel wisse, mache sich für vieles mitverantwortlich. Wenn ich bedenke, wo wir überall überall Mitwisser sind, sehe ich nur zwei Wege, die wir gehen können: Den technischen Fortschritt soweit zurückdrehen, dass wir nicht mehr so viel wissen, oder soweit es in unserer Macht steht verantwortungsbewusst handeln.

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Denk mal

Du hörst in der Migros, wie ein junger Vater zu seiner Frau sagt: „Kommt doch nicht drauf an, was wir kaufen, ist ja ohnehin nur zum Essen.“

Du siehst am Fernsehen Menschen, die ungeniert dazu stehen, dass sie echten Pelz tragen und kein Problem damit haben, dass ein Tier für ein Kleidungsstück hat leiden müssen.

Die Fallfehler in den Nachrichtensendungen treten so gehäuft auf, dass du dir gar nicht mehr alles notieren kannst.

Du liest, dass Schüler mit Schulstunden, Hausaufgaben und Lernen problemlos auf eine 40-Stunden-Woche kommen.

Deine Tochter erzählt dir, dass die Viertklässlerinnen regelmässig vergleichen, wer wie schwer ist.

Du stellst mit Schrecken fest, dass es inzwischen ganz normal ist, wenn in der Asylfrage immer ungenierter abfällig geredet wird. Und zwar nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der Zeitung.

Du erntest fragende Blicke, wenn du laut darüber nachdenkst, warum es fast nur noch Baumschmuck „Made in China“ gibt.

Du fragst dich zuweilen, ob (kritisches) Denken überhaupt noch praktiziert wird.

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Herkunftsfamilien

Ich kenne Menschen, die unter denkbar schlechten Bedingungen gross geworden sind. Zerrüttete Familienverhältnisse, mindestens ein Elternteil suchtkrank, finanziell prekäre Situationen, zum Teil auch Probleme mit der Integration. Es würde niemanden wundern, wenn diese Menschen heute unfähig wären, ihr Leben zu meistern, doch erstaunlicherweise kommen sie besser klar als mancher, der mit dem Silberlöffel im Mund geboren worden ist. Fachleute reden in solchen Fällen von Resilienz, was bestimmt berechtigt ist. Zumindest bei den Menschen, die ich kenne, kommt aber noch etwas anderes hinzu: Sie waren von klein auf umgeben von Menschen, die sich ihrer angenommen haben. Menschen, die diesen Kindern zumindest stundenweise ein friedliches Zuhause boten, die ihnen bei den Hausaufgaben halfen, die mit ihnen ins Museum gingen, die ihnen Mut machten, einen eigenen Weg zu finden, anstatt in die Fusstapfen der Eltern zu treten. Natürlich waren diese Menschen auch nicht perfekt, aber sie gaben, was die Kinder zu Hause nicht bekommen konnten, nämlich vorbehaltlose Liebe.

Ich kenne aber auch Menschen, bei denen nichts hätte schief laufen dürfen, weil einfach alles perfekt war. Mutter aufopferungsvoll, Vater erfolgreich, die ganze Familie gut integriert und überall aktiv dabei, die finanziellen Verhältnisse bestens, die Kinder werden gefördert wo immer möglich. Und ausgerechnet in diesen perfekten Verhältnissen gerät einer auf die schiefe Bahn. Warum? Es wird wohl viele Gründe dafür geben, bei den Menschen, die ich kenne, fällt aber früher oder später immer die eine Aussage: „Ich war einfach nicht gut genug. Egal, wie sehr ich mich bemühte, es reichte nie.“ Irgendwann haben sie eben aufgegeben, vielleicht auch ganz bewusst das Gegenteil von dem getan, was die perfekte Familie von ihnen erwartete, weil es ja ohnehin keinen Unterschied mehr machte, denn abgelehnt fühlten sie sich ohnehin. Und weil keiner sehen wollte, dass die heile Familie gar nicht so heil war, wie es nach aussen hin aussah, wurde an dem schwarzen Schaf herumkritisiert und herumgedoktert bis es vollends verkorkst war.