Historisch

Das war dann wohl wahrlich ein historischer Moment heute Morgen, als klar war, dass die Schweiz zum ersten Mal überhaupt mehrheitlich von Frauen regiert wird. Wenn man bedenkt, dass vor wenigen Jahren noch jede weibliche Kandidatur in grossem Jammer endete, dann müssten uns Schweizerinnen heute ja eigentlich den ganzen Tag die Freudentränen über die Wangen kullern. Was aber irgendwie nicht der Fall ist, zumindest bei mir nicht. Im Gegenteil, ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass sich Tage, an denen Geschichte geschrieben wird, nicht anders anfühlen, als gewöhnliche Tage auch. Das liegt nicht in erster Linie daran, dass die Kandidatin, die ich eigentlich gerne im Bundesrat gesehen hätte, von rechts überholt wurde. Es liegt auch nicht alleine an der Partei, die mal wieder alles versaut hat. Ich meine übrigens die Partei, die weiterhin voller Stolz verkündet, ein Drittel der Schweizer Bevölkerung stehe hinter ihr, obschon inzwischen sogar ich begriffen habe, dass dies mathematisch gar nicht aufgeht, weil gar nie alle Schweizer zur Urne gehen, wenn gewählt wird. Von den nicht stimmberechtigten „Ausländern“ mal ganz zu schweigen.

Nein, der Hauptgrund für meine Enttäuschung liegt bei mir selber. Denn wo verbrachte ich die historische Stunde? Jubelnd auf dem Bundesplatz? Oder zumindest in einer fröhlich überdrehten Frauenrunde? Mitnichten. Ich sass zu Hause auf dem Sofa, strickend. Nun mag das an sich noch nicht so schlimm sein, Bundesrätin Dreifuss war ja auch immer mal wieder strickend anzutreffen. Aber wenn Mama Venditti am Tag einer historischen Wahl zu Hause vor dem Fernseher sitzt und Hausschuhe für „Ihren“ strickt, damit er im Winter keine kalten Füsse mehr haben muss, dann sieht das ja schon fast anrüchig aus. So, als wollte ich proteststricken, um zu zeigen, wo Frau hingehört.

Neben meiner Enttäuschung macht sich zudem ein leises Gefühl von Ernüchterung breit. Da kommt in Bern eine weitere Frau an die Macht, aber zu Hause gehen die Dinge ihren gewohnten Gang: Das Pastawasser kocht über, während der Postbote klingelt, um ein Paket abzugeben, das Prinzchen heult, weil er kein weiteres Muffin haben darf, Luise stolpert über das Kabel des Laptops und der Zoowärter rast splitterfasernackt durch die Wohnung, weil er eben sein T-Shirt im Apfelsaft getränkt hat. Dass im Nebenzimmer am Fernseher gerade gezeigt wird, wie die vierte Frau für ihr Amt in der Landesregierung vereidigt wird, kümmert keinen, am allerwenigsten mich selber, denn ich muss ja dafür sorgen, dass die Sache nicht noch ganz aus dem Ruder läuft. Hätte man denn nicht mindestens erwarten dürfen, dass sämtliche Vendittis ergriffen vor dem Fernseher sitzen?

Das war er also, der historische Moment. Bleibt zu hoffen, dass er auf nationaler Ebene mehr auslöst als bei uns zu Hause.

Von Kleidern und anderen Dingen

Heute früh hatte ich mal wieder Gelegenheit in einem Zugabteil voller Gymnasiasten zu sitzen. Gewöhnlich sitze ich ja nicht um Viertel vor acht ohne Kinder im Zug und so nahm ich mir die Zeit, mir die Spätteenager etwas genauer anzuschauen. Ist ja noch gar nicht so lange her, seitdem ich noch selber ins Gymnasium ging. Also bloss etwa 15 Jahre oder so. Dennoch scheint mir, dass sich da so einiges geändert hat. Nein, es sind nicht die Handys und iPods, die damals noch keiner hatte. Es sind die Kleider, die mich irritieren. Wo sind sie denn, die Typen mir den Boxershorts auf dem Kopf? Oder jene, die das ganze Jahr über barfuss laufen? Oder die mit den grünen Haaren? Nicht mal solche, die in allen Farben des Regenbogens gekleidet sind, wie „Meiner“ und ich das während unserer Gymnasialzeit waren, sieht man mehr. Die tragen alle nur noch braun, grau und schwarz. Was ist bloss mit der Jugend von heute los? Müssen die vor lauter Schulstress auf all die Verspieltheit verzichten, die das Leben in dieser Phase mit sich bringen sollte? Oder bin ich aus lauter Zufall in einem Abteil mit Schülern aus dem Wirtschaftsgymnasium gelandet? Sähe das Bild in einem Zugwaggon voller Pädagogikstudenten anders aus?

Eine ganz andere Kleiderfrage beschäftigte mich ebenfalls heute Morgen: Was zieht man zu einer „Fachtagung Betreuungsgutscheine“ an? Die Antwort lautet: Nichts. Also, ich meine natürlich nichts Besonderes. Die übliche Alltagskluft genügt vollauf. Gut, meine Jeans hat schon bessere Zeiten gesehen, meine Bluse und mein Haarschnitt auch, aber damit passte ich perfekt ins Bild, wie ich bei meiner Ankunft in Luzern mit Erleichterung feststellte. Klar, der eine oder andere Ex-Regierungsrat mochte nicht auf Anzug und Krawatte verzichten, aber die anderen trugen, was wir Idealistinnen eben zu tragen pflegen. Ob das daran liegt, dass wir Wichtigeres zu tun haben, als von Boutique zu Boutique zu ziehen, oder ob wir aus lauter Idealismus gerne auf eine anständige Bezahlung verzichten und deswegen kein Geld für schicke Kleider haben, sei dahingestellt.

Während ich also von der Kleidung her perfekt zu den anderen passte, musste ich mich hin und wieder beim Zuhören fragen, von welchem Stern ich denn komme. Da wurde zum Beispiel eingangs klar definiert, was gemeint ist, wenn das Wort „Eltern“ verwendet wird. Die Definition ist mir inzwischen wieder entfallen, doch die Frage schwirrt weiterhin in meinem Kopf: Haben wir uns soweit von der Realität entfernt, dass wir nicht mehr wissen, was Eltern sind, wenn uns nicht einer klar und deutlich sagt, was das Wort bedeutet? Besonders angetan hat es mir dafür  die Definition des Wortes „bildgunsfern“. Ich war ja stets davon ausgegangen, dass damit Leute gemeint sind, die wenig bis gar keine Schulbildung haben. Seit heute aber weiss ich, dass damit Leute gemeint sind, die keine akademische Ausbildung haben. Nun hoffe ich natürlich, dass dies bloss ein Versprecher der Referentin war, denn ich bin mir nicht so sicher, wie gerne sich Lehrer, Pflegepersonal, Schreiner, Bankangestellte und was es sonst so an nicht-akademisch gebildeten Fachleuten gibt, zu den bildungsfernen Schichten zählen lassen.

Im Grossen und Ganzen war die Tagung aber eine gelungene Sache. Bis auf diese eine Aussage vielleicht: „In gewissen Fällen unterstützen wir auch Mütter, die nicht arbeiten.“ Und dann vielleicht auch noch diese: „Manchmal wären auch Kinder von Eltern, die nichts arbeiten, auf familienergänzende Betreuung angewiesen.“ Ja, und auch diese Formulierung hat mir ein wenig zu Schaffen gemacht: „Wenn die Mutter nicht arbeitet, heisst das noch lange nicht….“ Als Mutter, die „nichts arbeitet“ erstaunt es mich doch sehr, dass man sich alle erdenkliche Mühe gibt, mit der Verwendung des Begrifsf „Eltern“ niemanden auszuschliessen und gleichzeitig ohne mit der Wimper zu zucken Müttern und Vätern, die zu Hause bleiben, zu unterstellen, sie würden den lieben langen Tag überhaupt gar nichts tun.

Zwischenbericht aus der Betreuungswüste

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit der Kinderbetreuungswüste Schweiz in Berührung komme. Immerhin haben „Meiner“ und ich schon Stunden am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob es irgendwo jemanden gäbe, der uns dabei helfen könnte, aus dem Sumpf zu kommen. Zum Beispiel damals, als ich mit dem Zoowärter im neunten Monat schwanger war und mir ein Ikea-Möbel auf den Fuss fallen liess. Der Zeh war futsch, die Mama lag flach und der Haushalt geriet aus den Fugen. Und ausser der Grossmama im Haus, die eigentlich schon längst den Ruhestand geniessen sollte, niemand da, der den Laden hätte schmeissen können. Weil in der Schweiz solche Notfälle nicht vorgesehen sind. Oder als ich von zu Hause aus zu arbeiten begann und feststellen musste, dass Kinderbetreuung für unsereinen schlicht unbezahlbar ist, es sei denn, wir würden ein Au-Pair anstellen. Was gar nicht so einfach ist, da Au-Pairs, die mit fünf kleinen Vendittis klarkommen, dünn gesät sind. Inzwischen haben wir ja das perfekte Au-Pair gefunden, aber mir graut schon heute vor dem Tag, an dem sie uns wieder verlassen wird und wir uns auf die Suche nach einer neuen Lösung machen müssen.

Das also sind einige der Erfahrungen, die ich persönlich mit der Betreuungswüste Schweiz gemacht habe. Seitdem ich mich aber aufgemacht habe, um mit einigen Frauen der Misere zumindest bei uns im Dorf ein Ende zu setzen, erfahre ich täglich, dass „Meiner“ und ich bei Weitem nicht alleine sind in dieser Wüste. Hier eine Mama, die ganz dringend einen Babysitter sucht, damit sie hin und wieder ein paar Stunden Schlaf bekommen kann, da eine neu zugezogene Familie, die sich erstaunt die Augen reibt, weil man in Schönenwerd die Kinder offenbar nicht auswärts betreuen lassen kann, es sei denn, man habe das Glück, eine der wenigen Tagesmütter zu kennen oder man sei mit einer hilfsbereiten (Schwieger)mutter gesegnet. Dann wieder ein Anruf einer verzweifelten Frau, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz lebt und die ganz dringend auf eine Arbeit angewiesen wäre, die sie sich aber nicht suchen kann, solange sie nicht weiss, wo ihre Kinder während ihrer Abwesenheit untergebracht werden sollen.

Die Anfragen gehen mir an die Nieren. Zum einen, weil ich zu gut weiss, wie man sich als Mama fühlt, wenn Anspruch und Realität zu weit auseinander klaffen. Zum anderen, weil es mich masslos ärgert, dass man hierzulande zu lange aus ideologischen Gründen darauf verzichtet hat, sinnvolle Lösungen zu finden, damit Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben, wenn Mütter arbeiten müssen oder –  man stelle sich so etwas Schreckliches vor – gar arbeiten wollen. Am meisten aber machen mir die Anfragen zu schaffen, weil ich weiss, dass ich trotz all der Arbeit, die wir geleistet haben, noch immer sagen muss: „Ich werde mich nach Kräften darum bemühen, eine Betreuungsperson zu finden. Aber im Moment ist es wirklich nicht so einfach.“ Viel lieber wäre es mir, wenn ich jetzt schon sagen könnte: „Bringen Sie Ihr Kind doch einfach zu uns ins Familienzentrum.“ Klar, uns trennen nur noch wenige Monate von unserem Ziel. Aber weil ich weiss, dass ein paar Monate sehr sehr lang sein können, wenn eine Mama Hilfe braucht, bin ich jedes Mal frustriert, wenn ich jemanden auf nächstes Jahr vertrösten muss. Und dann muss ich mir jeweils fast die Zunge abbeissen, um nicht zu sagen: „Bringen Sie doch das Kind solange zu mir.“

Denn beides geht nun wirklich nicht: Ein Familienzentrum aufbauen und die Kinder betreuen, die dereinst das Zentrum mit Leben füllen sollen.

Will ich’s wissen?

Will ich wissen, was die Schweizer Bevölkerung davon hält, dass eine Bundesratskandidatin ganz offen dazu steht, dass sie sich hin und wieder eine Pause gönnt?

Will ich wissen, ob das Parlament bei der Wahl diese Ehrlichkeit zu honorieren weiss, oder ob man der Frau aus dieser angeblichen Schwäche einen Strick dreht, der sie zu Fall bringen wird?

Will ich wissen, ob die Schweiz endlich soweit ist, dass auch dann Frauen in den Bundesrat gewählt werden, wenn die Möglichkeit  – oder je nach Sicht der Dinge die Gefahr – besteht, dass nach der Wahl die Frauen die Mehrheit stellen?

Will ich wissen, was in diesen Tagen am Stammtisch geredet wird?

Will ich wissen, ob sich etwas getan hat, oder ob dann, wenn’s darauf ankommt, noch immer die gleichen Mechanismen spielen?

Ich wünschte mir, dass ich die Antworten nicht fürchten müsste. Ich wünschte mir, dass Menschlichkeit nicht mehr als Schwäche angesehen würde. Ich wünschte mir, dass man genau so selbstverständlich, wie man jahrhundertelang eine von Männern dominierte Regierung hingenommen hat, auch eine von Frauen dominierte akzeptieren würde. Ich wünschte mir, dass man an den Stammtischen in diesen Tagen die gleichen Wünsche äusserte, wie ich es hier tue.

Doch ich fürchte, dass die Realität ein wenig anders aussieht, dass meine Wünsche Wünsche bleiben werden. Ich fürchte, dass die Antworten auf meine Fragen anders ausfallen werden, als sie ausfallen würden, wenn ich das Sagen hätte. Und deswegen überlege ich ernsthaft, mir für die kommenden Wochen ein paar Scheuklappen zuzulegen, damit ich nicht sehen muss, was ich lieber nicht sehen will, nämlich dass sich trotz der vielen Worte praktisch gar nichts geändert hat.

Alles nur Egoisten?

Die Geburtenrate ist nach Jahren des Rückgangs wieder am Steigen; wohin man schaut, sieht man schwangere Frauen, Babys, die gerade gestillt werden, Kleinkinder, die ihre ersten Schritte wagen. Kinder gehören wieder dazu und seit einiger Zeit scheint man gar zu erkennen, dass diese Kinder Raum benötigen, dass sie ernst genommen werden wollen, dass sie einfach dazugehören. Mich freut diese Entwicklung, trotz ihren zum Teil etwas abstrusen Auswüchsen wie zum Beispiel der Tatsache, dass es jetzt auch den „Spiegel“ für Kinder gibt oder dass man inzwischen das Baby auch ins Kino oder in die Disco mitschleppen soll.

Nicht allen aber scheint es zu behagen, dass viele junge Menschen aufs Kind gekommen sind. Meistens geben sie sich nicht in der Öffentlichkeit zu erkennen – mit Ausnahme jener ziemlich durchgeknallten Dame, die mir neulich im Zug vorwarf, ich hätte besser aufs Kinderhaben verzichtet -, dafür aber füllen sie die Leserbriefspalten in den Zeitungen. Von verantwortungslosen Eltern ist da zu lesen, die nicht daran denken, dass sie mit jedem Kind, dem sie das Leben schenken, die Umwelt ein bisschen mehr zugrunde richten. Von Kindern, die einfach nur nervig, laut und ungezogen sind. Von Egoisten, die nur Kinder zeugen, weil sie so selbstverliebt sind, dass sie unbedingt eine kleine Kopie ihrer selbst haben müssen. Und dann, in neun von zehn Fällen, folgt der weise Ratschlag: Wer meine, unbedingt Kinder haben zu müssen, der solle doch bitte seinen Nachwuchs adoptieren und nicht in Eigenproduktion herstellen. Die einzigen selbstlosen Eltern sind solche, die Kinder adoptieren, alle anderen haben bloss ihre Selbstverwirklichung im Sinn. Solches und Ähnliches lese ich immer öfter.

Auf die Tatsache, dass Elternsein nie Selbstverwirklichung sein kann, egal ob mit eigenen oder angenommenen Kindern, muss ich hier nicht weiter eingehen. Jeder, der mit Kindern lebt, weiss, dass sie alles von einem fordern. Aber was glauben denn die lieben Leserbriefschreiber, wie einfach so eine Adoption ist? Denken die wirklich, man könne sich da einfach mal kurz melden und ein paar Tage später halte man ein Kind in den Armen? Wissen die denn nicht, dass Adoptivkinder nicht einfach von den Bäumen fallen und dass schon so mancher erfolglos auf eine Adoption gewartet hat?

Auch ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die unzähligen leidenden Kinder ein kinderwürdiges Leben leben dürften, dass sie Eltern bekommen, die ihnen geben, was sie brauchen. Auch ich sehne mich danach, mehr dazu beitragen zu können, dass die Bilder von Not und Elend weniger werden. Aber ist das ein Grund, alle, die selber Kinder haben können, als Egoisten zu bezeichnen, bloss weil sie sich dafür entscheiden, dieses Wunder in ihrem Leben zuzulassen? Muss man wirklich aufs Kinderhaben verzichten, weil es zu viele leidende Kinder auf dieser Welt gibt? Dann könnte man ja ebenso gut aufs Essen verzichten, weil viele der Menschen hungern. Oder aufs Trinken, weil so viele keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Aber so radikal werden die Leserbriefschreiber wohl kaum sein wollen, nicht wahr?

Besser als ihr Ruf

So langsam bin ich ein wenig verunsichert. Überall wird über Teenager hergezogen, in den Zeitungen, in Diskussionsrunden am Fernsehen, an Elternabenden und am lautesten im Gespräch mit anderen Eltern. Mütter – Väter übrigens kaum -, die erfahrener sind als ich, malen mir in den schlimmsten Farben aus, was mich alles erwarte, wenn dereinst meine Kinder in der Pubertät seien. Das habe ich schon immer besonders geliebt: Mütter, die nichts Besseres zu tun wissen, als anderen Müttern Angst einzujagen. Das fängt meist schon in der Schwangerschaft an: „Du wirst sehen, die Geburt ist eine grauenvolle Sache. Also ich habe das kaum überlebt…“ Es geht weiter, wenn das Baby da ist: „Warte mal ab, bis das Trotzalter kommt. Jetzt mag er ja noch ganz süss und pflegeleicht sein, aber wehe, wenn er anfängt, sich tobend auf dem Fussboden zu wälzen…“. Wenn der Schuleintritt naht, folgen weitere Drohungen: „Du kannst mir glauben, das wird furchtbar! All diese Hausaufgaben. Und die bösen Lehrer. Und dann erst die Schulkameraden mit ihrem Gruppendruck….“ Die wüstesten Vorhersagen betreffen aber die Pubertät: „Du wirst deine Kinder nicht wieder erkennen. Es ist ganz einfach grässlich, miterleben zu müssen, wie aus deinem ehemals süssen Baby ein unausstehlicher Fratz wird, den du am liebsten in die Besenkammer sperren möchtest….“ Das nennt man dann wohl Ermutigung.

Was mich an der Sache verunsichert ist weniger die Aussicht darauf, dass bei unserem Ältesten die Teenagerjahre nicht mehr fern sind. Was mich verunsichert, ist die Tatsache, dass ich in meinem Bekanntenkreis und in meiner Verwandtschaft noch keines jener Monster begegnet ist, die da jeweils geschildert werden. Gut, man könnte jetzt einwenden, ich hätte ja kaum einmal mit Teenagern zu tun. Aber das stimmt nicht. Dreimal die Woche sitzt einer bei uns am Mittagstisch, seit bald zwei Monaten bereichert einer vorübergehend unser Familienleben, unter meinen Neffen und Nichten wimmelt es nur so von Halbwüchsigen und gestern Abend hatten wir gleich ein Dutzend Exemplare dieser verrufenen Spezies bei uns zu Gast. Und auch wenn ich es selbst kaum glauben kann, wir haben es überlebt, mehr noch, wir geniessen die Gesellschaft dieser jungen Menschen und freuen uns, zu sehen, dass sie gar nicht so übel sind wie ihr Ruf. Im Gegenteil: Sie sind grossartige junge Menschen, sogar diejenigen, die schon einiges auf dem Kerbholz haben und die auf den ersten Blick jeden Erwachsenen das Fürchten lehren.

Warum denn, so frage ich mich, findet alle Welt die Teenager so schlimm? Sind sie wirklich so unausstehlich oder haben wir Erwachsenen nur einfach vergessen, wie schwierig das Leben damals war, als wir nicht mehr Kind und doch noch nicht erwachsen waren? Sind sie wirklich alle so ungehobelt, oder reden sie bloss so schnoddrig, weil sie sich nicht akzeptiert fühlen von uns? Ich zumindest habe mich schon mehrmals dabei ertappt, wie ich zu Jugendlichen unfreundlich war, bloss weil ich gerade einen negativen Artikel über die Jungend von heute gelesen hatte. Und wie reagierten die Jugendlichen? Sie beschämten mich, indem sie mir anboten, den Kinderwagen die Treppe hochzutragen und einer wollte am Ende gar ein Foto von meinem „süssen Baby“ schiessen. So langsam dämmert in mir die Erkenntnis, dass auch Teenager nichts anderes wollen, als geliebt und akzeptiert zu werden, auch wenn sie einem dies nicht immer einfach machen.

Wer jetzt denkt „Die hat gut reden. Die hat ja noch keine Kinder, die Teenager sind“, der hat vermutlich Recht. Denn auch ich werde damit zu kämpfen haben, wenn meine Kinder mich bald schon nur noch doof und peinlich finden werden. Auch ich werde Mühe haben damit, zu akzeptieren, dass sie manchmal sehr kurzsichtige und aus erwachsener Sicht sehr dumme Entscheidungen fällen werden. Auch ich werde immer mal wieder darüber seufzen, wie anstrengend das Leben mit Teenagern doch sei. Genauso, wie ich über das Zahnen, das Trotzalter, die durchwachten Nächte und dergleichen geseufzt habe und noch immer seufze. Sie werden mich zum Wahnsinn treiben, oh ja, ganz bestimmt. Aber gehört das nicht alles zum Kinderhaben dazu? Und sind es denn nicht immer noch meine geliebten Kinder, auch wenn ich dies hin und wieder vergessen werde, wenn sie dereinst meine Liebe bis aufs Äusserste testen werden?

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mich nicht mehr weiter vor den Teenagerjahren meiner Kinder zu fürchten, auch wenn mir das nicht immer leicht fällt. Aber genauso, wie ich beschlossen habe, dass es mir nicht weiterhilft, wenn eine Mama mir zwei Tage vor der Geburt erzählt, wie schrecklich das Gebären doch sei, genauso hilft es mir nichts, jetzt in Panik zu verfallen, wenn meine Kinder grösser werden. Ich nutze die mir verbleibende Zeit wohl besser damit, mich wohl darin zu üben, sie trotz all ihrer Macken zu lieben. Und die Gelegenheit, dies zu üben, bekomme ich ja bereits heute, Tag für Tag. Zum Beispiel gerade jetzt, wo Luise den Zoowärter als Piraten geschminkt hat, obschon sie beide schon längst im Land der Träume sein sollten…

Podestplatz

Ist es ein weibliches Phänomen, oder ein mütterliches? Dieses ewige Ziehen von Vergleichen mit dem Resultat, dass man selber vollkommen flach herauskommt, die andere Frau hingegen als Superwoman? „Wie du das alles schaffst. Ich würde das nie hinkriegen!“ „Für dich ist das alles ja kein Problem, aber ich komme einfach nicht klar damit.“ „Ich bewundere dich: Bei dir ist immer alles tadellos aber bei mir herrscht das absolute Chaos.“ Vielleicht irre ich mich ja, aber wenn Männer sich unterhalten, höre ich solche Sätze nie, wenn Frauen miteinander reden aber immer mal wieder. In unzähligen Variationen zwar, aber stets mit dem gleichen Effekt: Die andere Frau steht auf dem Podest, man selber liegt im Staub und schämt sich seiner Unvollkommenheit.

Natürlich aber will die andere Frau gar nicht auf dem Podest stehen, denn sie selber ist sich ihrer eigenen Unvollkommenheit mehr bewusst, als ihr lieb ist. Und darum beginnt sie, ganz offen von ihren Schwächen zu erzählen. Doch ob sie nun erzählt, sie blicke auch jeden Morgen voller Entsetzen ihrem zerknitterten Spiegelbild entgegen, oder ob sie in den buntesten Ausschmückungen ihr letztes Totalversagen als Mama schildert, oder ob sie gesteht, dass sie sich zuweilen so sehr hasst, dass sie sich selber in die Wüste schicken möchte, man glaubt ihr nicht. Sich selber traut Frau jedes Versagen, jeden Makel zu, aber die andere, die ist doch perfekt, die macht ganz bestimmt nichts falsch. Die erzählt bestimmt nur von ihren Problemen, damit ich mich nicht so minderwertig fühle und nicht, weil tatsächlich nicht alles so rosig ist, wie es aus der Ferne betrachtet aussieht.

Und so sehen wir Frauen- oder vielleicht nur wir Mütter? – unser Umfeld bevölkert mit lauter Statuen von makelloser Schönheit und absoluter Perfektion. Wir denken, dass sie alle voller Abscheu auf uns hinabsehen, auf uns, die wir es einfach nicht so hinkriegen, wie wir sollten. Obschon wir in den Augen der anderen wohl ebenso auf einem Podest erscheinen, wie sie in unseren, fühlen wir uns winzig klein und unbedeutend. Nur hin und wieder wachen wir auf, nämlich dann, wenn eine der vermeintlich so Starken und Fehlerlosen vom Podest stürzt und mit viel Getöse zerbricht. Dann reiben wir uns erstaunt die Augen und sagen: „Aber sie war doch so perfekt. Ich hätte nie gedacht, dass ihr so etwas passieren könnte.“

Wie? Das hätte man nie denken können? Aber klar hätte man: Wenn man genauer hingehört hätte und nicht vor lauter Selbstzweifeln überhört hätte, dass die andere nicht nur sagt, sie sei nicht perfekt, sondern dass sie es tatsächlich nicht ist.

Weil eben keine von uns perfekt ist.

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.

Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.

Ich glaube, ich seh‘ nicht recht

Ostersamstag im Getränkemarkt. Vor uns an der Kasse zwei junge Männer, wohl vor gerade mal fünf Minuten volljährig geworden. Sie kaufen eine riesige Flasche „Jack Daniel’s“, die Grösste, die es im Laden zu kaufen gibt. Dazu noch eine riesige Flasche „Ballantine’s“ und dann noch ein paar weitere Flaschen. (Wo nehmen die bloss all das Geld her?) Der jüngere der jungen Männer – er muss noch den Ausweis zeigen, so grün ist er noch hinter den Ohren – bezahlt und bestellt das, was er fürs Osterfest einkauft, auch noch für nächsten Donnerstag. Hinter uns an der Kasse dann der junge Mann, wie er in ein paar Jahren aussehen wird, wenn er so weitersäuft: Ein älterer Mann mit blutunterlaufenen Augen, Bierbauch, wankendem Gang und einen Einkaufswagen voller Bierdosen. Und daneben ein junges Ehepaar mit zwei hübschen kleinen Mädchen und einem Einkaufswagen voll mit kleineren und grösseren Schnapsflaschen. Dazwischen Karlsson und Luise, die es nicht fassen können, dass die Menschen so viel Alkohol kaufen.

Zwei Stunden später im Café neben dem Spielplatz. Da sitzt eine Frau, den schwangeren Bauch so dick, dass ich meine, die Bewegungen des Kindes von Weitem sehen zu können. Genüsslich zieht die werdende Mama an ihrer Zigarette. Zwei Tischchen weiter ein moderner Papa, ebenfalls mit Zigarette und zwar exakt auf Kopfhöhe seines Babys, das neugierig aus dem Wagen schaut. Und ein paar Schritte weiter eine Mama, die ihrem Kind auf dem Spielgerät Schub gibt, auch sie mit Zigarette genau auf Kopfhöhe ihres Kindes.

Ich will ja nicht alles verteufeln – auch wir habe für unsere  Gäste heute Wein gekauft –  aber zuweilen finde ich es schon bedenklich, was Kinder von (Halb)Erwachsenen lernen.