Kein Ende in Sicht

Während die Blogkrise dank der Hilfe von lieben Freunden schon fast durchgestanden ist, spitzt sich die Eisbärenkrise immer mehr zu. So langsam fürchte ich, dass Karlsson sich nicht so leicht wieder auffangen wird, wie man dies von einem Kind in seinem Alter erwarten würde. Den ganzen Tag brütet er vor sich hin und überlegt, wie man sich noch etwas umweltfreundlicher verhalten könnte, womit man die Menschheit von der Falschheit ihres Tuns überzeugen könnte.

An sich ist es ja keine schlechte Sache, wenn sich ein Kind Gedanken macht über die Zukunft unseres Planeten. Doch so langsam nimmt Karlsson extremistische Züge an. So wollte er uns heute tatsächlich verbieten, mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir alle, inklusive Prinzchen und Zoowärter, einen einstündigen Fussmarsch auf uns nehmen müssen, nur damit die Eisbären nicht aussterben.

Okay, ich weiss, um die Umwelt zu schützen muss man  bereit sein, etwas von seiner Bequemlichkeit aufzuopfern. Aber genügt es denn fürs Erste nicht, dass „Meiner“ und ich uns vor mehr als einem Jahr bereitwillig von unserem benzinsaufenden, dreckschleudernden Siebenplätzer getrennt haben und seither nur noch höchst selten mit unserem sparsamen Fünfplätzerchen unterwegs sind? Müssen wir jetzt tatsächlich auch noch auf den Bus verzichten? Wenn das so weitergeht mit Karlsson, verlangt er demnächst, dass wir uns in Tierfelle hüllen, in eine Höhle umziehen und uns von Wurzeln, Beeren und Nüssen ernähren.

Hoffentlich geht es den Eisbären bald besser, denn zu so viel Verzicht  bin ich trotz aller Liebe zur Natur nicht bereit.

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Eisbärenkrise

Die Eisbärenkrise ist noch nicht durchgestanden, auch wenn „Meiner“ vorgestern tatsächlich noch lange an Karlssons Bett gesessen hat und versucht hat, ihn zu trösten. Leider aber hat dies nichts geholfen. Noch immer beginnt Karlsson jedes zweite Gespräch mit „Ich will aber nicht, dass es keine Eisbären mehr gibt“, noch immer bricht er unvermittelt in Tränen aus, wenn er seinen abgeliebten Plüscheisbären zu lange anschaut.

Doch immerhin sucht er jetzt nach Lösungen. Die erste war, alle zu erschiessen, die für die Klimaerwärmung verantwortlich sind. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon überzeugen, dass es nicht gerade besonders nett wäre, die gesamte Erdbevölkerung zu eliminieren um so die Eisbären zu retten. Irgendwann glaubte er mir und kam zum Schluss, dass er dann eben alle erschiessen wolle, die all die blöden Erfindungen wie Autos, Flugzeuge und dergleichen gemacht haben.  Nun, abgesehen davon, dass wir „Meinem“ sei Dank keine Schusswaffen im Haus haben, – er hat sich erst einbürgern lassen, nachdem er sicher war, dass er nicht mehr in die RS muss, – wäre es ja auch völlig sinnlos, Tote zu erschiessen. Denn diejenigen, die uns den ganzen Schlamassel eingebrockt  haben, haben sich ja schon längst aus dem Staub gemacht, bevor sie sehen mussten, was sie mit ihrem grenzenlosen Optimismus angerichtet haben.

Inzwischen haben wir zur Abmachung durchgerungen, dass wir, sollte es mit der Klimaerwärmung so weitergehen, in unserem Garten ein Gehege für die letzten Eisbären einrichten. Bis dahin haben wir hoffentlich noch etwas Zeit, uns in der Eisbärenpflege weiterzubilden. Ja, und dann müssen wir uns natürlich auch noch um die Braunbären kümmern. Denn wenn die Eisbären bedroht sind, fürchtet der Zoowärter, dass gleich danach seine Lieblingstiere, die Braunbären dran sind.  Einzig Luise ist derzeit gänzlich unbesorgt: Bis ihre Lieblingstiere, die Karnickel, aufhören, sich zu vermehren, braucht es wohl mehr als eine Klimaerwärmung.

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Wie viel ist zu viel?

Wie viel müssen oder dürfen Geschwister einander helfen und wie oft dürfen sie zu Recht fragen „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Zum Glück habe ich vor langen Jahren einmal diese Diskussion mit einem militanten Einzelkind geführt, sonst wäre ich als Grossfamilienkind wohl nie für dieses wichtige Thema sensibilisiert worden. Wo es für mich doch vollkommen normal war, dass die älteste Schwester nachts um drei mein Erbrochenes aufwischte.

Was ein militantes Einzelkind sein soll, höre ich meine Leser  fragen. Nun, in meiner Erfahrung gibt es drei Sorten von Einzelkindern. Da sind erstens mal die, die mit ihrer Familie vollkommen zufrieden sind. Klar hätten sie gerne mal ab und zu einen grossen Bruder gemietet, aber im Grossen und Ganzen waren sie so glücklich wie alle anderen Kinder auch, mal mehr, mal weniger. Dann gibt es die, die mit ihrer Familie vollkommen unglücklich sind. „Meiner“ gehört zu dieser Kategorie. Noch heute bedauert er zutiefst, dass er ohne Geschwister aufwachsen musste. Darum hat er ja auch mich geheiratet. Andere Männer heiraten ihre Frauen des Geldes wegen, „Meiner“ heiratete mich meines unüberschaubaren Clans wegen. Von dem Moment an, als er die Namen meiner sämtlichen Brüder, Schwestern, Schwägerinnen, Schwager, Neffen und Nichten  auf dem Papier sah, vergötterte er mich.

Ja, und dann gibt es die dritte Kategorie, die militanten Einzelkinder, die zutiefst davon überzeugt sind, dass jede andere Familienform menschenunwürdig ist. So ähnlich wie gewisse zwanzigfache Mütter jedem predigen, er müsse sich grenzenlos vermehren, predigen sie, es sei verantwortungslos, mehr als ein Kind grosszuziehen. Mit eben so einem Einzelkind diskutierte ich vor Jahren die Frage, wie viel Verantwortung Geschwister füreinander tragen sollen. Dass sie sich auf diesem Gebiet für eine Expertin hielt, spricht für sich…

Seither also beschäftigt mich diese Frage. Auf dem Papier ist ja alles ganz einfach: Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch in der Praxis gibt es Fälle, die sonnenklar sind. Dass zum Beispiel Luise „Meinem“ und mir das Sorgerecht für das Prinzchen entziehen und alleine für ihn sorgen will, geht nun mal einfach nicht. Und dass Karlsson ohne Gebrüll ein Papierfetzchen aufheben kann, auch wenn es der FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Boden geschmissen hat, sollte eigentlich keine Frage sein. Aber schon diese glasklaren Fälle lösen, je nach Laune der Kinder, heftige Diskussionen aus.

Je weiter wir uns in die Grauzone wagen, umso ausgedehnter werden die Verhandlungen. Muss Luise ihr Zimmer selber aufräumen, auch wenn eigentlich der Zoowärter, der das Konzept von  Ordnung noch nicht verinnerlicht hat, das Chaos angerichtet hat? Ist es zumutbar, dass Karlsson für zehn Minuten seine Hausaufgaben unterbricht, um auf den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufzupassen? Damit Mama nicht die ganze Horde mitschleppen muss, wenn sie Luise zur Ballettstunde fährt. Kann man vom Zoowärter  verlangen, dass er seine Schokolade mit den Grossen teilt, auch wenn er noch nicht ganz versteht warum? Kann man umgekehrt von Luise erwarten, dass sie dem Zoowärter etwas von ihrem Schleckstengel abgibt, den sie von der Geburtstagsparty mitgebracht hat?

Für meine Diskussionspartnerin vor vielen Jahren wäre die Antwort auf alle Fragen dieselbe gewesen: Nein, nein und nochmals nein. Für mich hingegen ist es ein tägliches Abwägen, wie ich es schaffe, keinem zu viel Verantwortung aufzubürden, keinen zu bevorzugen, jedem seinen Freiraum einzugestehen, jedem zu zeigen, dass er zwar wichtig und einzigartig,  nicht aber der Nabel der Welt ist.  Dies alles mit dem Ziel, die fünf zu mehr oder weniger gesellschaftsfähigen Menschen zu erziehen (die ihre Geschwister auch als Erwachsene noch lieben…).

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Zehn fragen, die ich nicht mehr hören will

„Haben Sie noch etwas für mich dagelassen, oder haben Sie den ganzen Laden leergekauft?“ – Ach, wie originell! Jeder denkt, er sie der Erste, der diesen Witz bringt, dabei höre ich ihn jedesmal, wenn ich donnerstags meine Einkäufe zum Auto karre. Und ja, natürlich habe ich den ganzen Laden leergekauft.

„Bist du müde?“ – Müde? Ich? Wie kommst du denn darauf? Wo ich doch jede Nacht neun Stunden schlafe, morgens in aller Ruhe frühstücke, die Zeitung lese, zur Massage gehe, mit der Freundin Kaffee trinke, auswärts zu Mittag esse, einen zweistündigen Mittagsschlaf halte und den Rest des Tages mit Shopping verbringe.

„Warum habt ihr denn einen solchen Stress zu Hause?“ Nun ja, das wissen wir auch nicht so genau. Aber es könnte eventuell etwas damit zu tun haben, dass wir fünf Kinder haben. Obschon es auch daran liegen könnte, dass wir jeden Monat einmal den Rasen mähen müssen.

„Sind das alles eure Kinder?“ – Welche Kinder denn? Ach so, die fünf, die mir und „Meinem“ wie aus dem Gesicht geschnitten sind und die stets hinter uns herlaufen? Kein Ahnung, woher die kommen und warum die mich immer Mama nennen.

„Frau Venditti, ich wollte nur mal nachfragen, ob Sie den Krankenkassenantrag schon ausgefüllt haben?“ – Welchen Krankenkassenantrag? Ach so, denjenigen, den Sie mir vor sechs Monaten geschickt haben? Ich muss Sie doch bitten! Wie soll ich in so kurzer Zeit einen Krankenkassenantrag ausfüllen? Und dann auch noch zurückschicken? Wissen Sie überhaupt, wie lange ein Zweieinhalbjähriger braucht, um bis zur Post zu gelangen? Und ohne meinen Zweieinhalbjährigen gehe ich nicht aus dem Haus.

„Darf ich Ihnen etwas zum Lesen bringen?“ – Nein, dürfen Sie nicht, es sei denn, Sie haben etwas Intelligenteres als „Frau im Spiegel“. Und überhaupt: Ich hasse Coiffeurbesuche.

„Habt ihr diesen Film schon gesehen?“ – Leider sind wir noch nicht dazu gekommen in den zwei Tagen, die er bereits im Kino läuft. Aber wir sind sicher, dass wir ihn uns ansehen werden, wenn er in fünf Jahren als Free-TV-Premiere schlecht synchronisiert im Fernsehen gezeigt werden wird.

„Wann wart ihr denn zum letzten Mal im Kino?“ – Wann war das nochmals? Als „Titanic“ lief? Oder nein, ich glaube, es war „When Harry met Sally“, oder vielleicht auch „Dirty Dancing“.

„Frau Venditti, haben Sie kurz Zeit für ein paar Fragen?“ – Habe ich nicht, also lassen Sie mich in Ruhe. Und überhaupt: Haben Sie noch nie gehört, dass man um zwölf Uhr mittags niemanden anruft? Haben Sie verstanden: N – I -E-M-A-N-D-E-N. Und schon gar nicht Frau Venditti. Die hat nämlich mittags um zwölf immer besonders viele Haare auf den Zähnen.

„Verlierst du eigentlich nie die Geduld?“ – Nein, ich verliere sie nie. Kann ich gar nicht, denn ich habe sie noch gar nicht gefunden. Und was man nicht hat, kann man auch nicht verlieren.

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Was bin ich doch für ein toleranter Mensch…

Okay, vielleicht habe ich meinen Mund etwas voll genommen, als ich vor ein paar Tage an dieser Stelle forderte, wir Mütter sollten einander leben lassen, egal, ob wir nun vollzeitlich zu Hause sind oder ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen. Denn was schiesst mir als Erstes durch den Kopf, als mir heute eine Mutter mit leuchtenden Augen erzählt, wie erfüllend es doch sei, den lieben langen Tag mit den Kindern zu Hause zu sein? Was genau ich gedacht habe, behalte ich lieber für mich, denn es war nicht besonders nett, aber es ging so in Richtung: „Armes Muttchen…“. Ja, so tolerant bin ich, wenn  das Programm „Jeder muss selber wissen, was richtig ist für seine Familie“ wieder mal ausgestiegen ist. Immerhin verkneife ich mir die dummen Bemerkungen.

Überhaupt: Was hätte ich denn schon zu sagen? Dass ich eigentlich gar nicht Vollzeithausfrau wäre, wenn da nicht diese doofe Wirtschaftskrise wäre? Dass ich schon ganz interessante Projekte auf die Beine gestellt hätte, wenn ich mich besser verkaufen könnte? Dass „Meiner“ und ich eine sehr moderne Rollenteilung leben würden, wenn wir nicht durch ein paar Fehlentscheide in unserer sehr altmodischen Rollenteilung festgefahren wären? Vermutlich liegt es gerade an diesem „hätte, wäre, würde“, dass mich glückliche Vollzeithausfrauen zuweilen so auf die Palme bringen. Denn jede glückliche Vollzeithausfrau führt mir vor Augen, dass sie mit etwas zufrieden sein kann, was mich in tiefste Unzufriedenheit stürzt.

Ach ja, wenn wir schon beim Geständnis sind: Es treibt mich auch auf die Palme, wenn ein Mann sagt, die Küche sei das Reich seiner Frau, das Esszimmer Seines. Habe ich heute auch gehört. Aber  mit solch hoffnungslosen Fällen beschäftige ich mich lieber nicht zu lange, sonst geht meine christliche Nächstenliebe endgültig flöten…

Arme kleine Eismaschine

Okay, das teuerste Modell habe ich ja nicht bestellt. Aber dass die neue Eismaschine zumindest so lange funktioniert, bis das Budget ein Qualitätsprodukt zulässt, hätte man schon erwarten können. Doch nichts gewesen. Das Ding tut keinen Wank, egal wie oft ich die Gebrauchsanweisung durchlese. Schliesslich greife ich zum Telefon und beschwere mich beim Versandhaus. Freundlich weise ich die Telefonistin darauf hin, dass ich erwartet hätte, ein funktionierendes Gerät geliefert zu bekommen. Ob ich denn nicht wüsste, dass man ein Gerät nach der Lieferung zehn Stunden lang nicht in Betrieb nehmen dürfe, werde ich ziemlich unfreundlich und von oben herab belehrt. „Das Gerät ist nicht mehr in seinem Element, es muss sich an die neue Umgebung gewöhnen“, erklärt man mir. Ach so, Haushaltgeräte sind neuerdings sensibel.

Vielleicht ist die Eismaschine ja wirklich leicht überfordert mit dem Trubel bei Vendittis. Wäre es besser gewesen, ich hätte sie nicht in Anwesenheit des völlig aufgeregten Zoowärters ausgepackt? Der Junge konnte es kaum erwarten, das geheimnisvolle Ding zu sehen.  Habe ich sie vielleicht zu sehr erschreckt? Sorgfältig lege ich das Sensibelchen auf die Fensterbank und wache den ganzen Tag sorgsam darüber, dass ihm niemand etwas zuleide tut. Erst nachdem die zehn Stunden um sind, wage ich es, das Gerät wieder zu testen. Noch immer läuft nichts. War der Schock zu gross? Ich weiss gar nicht, was ich jetzt tun soll. Ist es besser, das Gerät zurückzuschicken, oder soll ich uns alle gleich morgen früh zur Familientherapie anmelden?


Hört doch endlich auf damit!

So langsam geht mir das Ganze gehörig auf die Nerven. Immer dieses elende „Entweder – Oder“, dieses „Wer macht’s besser?“, dieses „Es gibt nur einen richtigen Weg und ich weiss, welcher das ist“. Es geht um die Frage der Steuererleichterung für Familien, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Ein wichtiger Entscheid, der aber ganz klar auch ungerecht ist gegenüber Eltern, die auf ein zweites Einkommen verzichten um ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Was macht man da? Sucht man nach gerechteren Lösungen? Versetzt man sich in die Haut des anderen, um zu verstehen, warum er dafür oder dagegen ist? Muss man überhaupt dafür oder dagegen sein, oder gibt es auch ein „Ja, aber vergesst die anderen nicht“?

Anstatt sich diesen Fragen zu stellen, tritt man lieber wieder die ewige Diskussion los, ob Mamas (die Rede ist noch immer nicht von den Papas) die besseren Mamas sind, wenn sie zu Hause bleiben oder ob sie „das Recht“ haben, auswärts zu arbeiten. Wieder müssen wir uns SVP-Frauen anhören, die erklären, dass sie selber es sich niiiiiiieeeee vorstellen könnten, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen, dass es aber selbstverständlich Familien gibt, die „das müssen“. Wobei der saure Gesichtsausdruck klar macht, dass „müssen“ nur gilt, wenn es finanziell nicht anders geht und nicht etwa, wenn Mama draufgeht, weil sie ausschliesslich zu Hause ist. Auf der anderen Seite reden dann die Karrierefrauen, die jede Frau als rückständiges Muttchen betrachten, wenn sie ihren beruflichen Erfolg in den Hintergrund stellt wegen der Kinder.

Ach hören wir doch endlich auf damit! Es ist doch klar: Wer sich für Kinder entscheidet, hat ein unendlich reiches Leben, bezahlt aber auch einen hohen finanziellen Preis dafür. Ob wir nun auf ein zweites Einkommen verzichten um die Kinder zu Hause zu betreuen, oder ob wir unser sauer verdientes Geld für die Kinderbetreuung ausgeben, am Ende des Monats stehen wir alle (oder zumindest die durchschnittlich Verdienenden) etwa gleich da: Das Konto ist leer, die Rechnungen türmen sich. Wir haben wieder einmal alles gegeben und wissen doch nie, ob es genug war und ob wir im nächsten Monat endlich einmal genug Geld auf der Seite haben werden um uns dieses wohlverdiente Candle-light Dinner inklusive Babysitter zu leisten.

Hören wir doch auf mit den ewigen Grabenkämpfen und sorgen wir dafür, dass sich die Bedingungen für alle Familien endlich verbessern. Ob die anderen nun die gleichen Entscheide getroffen haben wie wir oder nicht.

Das Kind, dein Abfallkübel

Es spielt ja keine Rolle, wer unseren Kindern all diesen Mist geschenkt hat. Wir wollen hier niemanden an den Pranger stellen. Aber zu Denken gibt es einem schon, womit gewisse Leute den Kindern ihre Zuneigung zeigen wollen. Da ist zum Beispiel der feuerrote Plastiklastwagen, den der Zoowärter bekommen hat. Es ist nicht ganz klar, ob es ein Feuerwehrauto, ein Coca-Cola-Lieferwagen oder ein Rettungswagen ist. Ebenso unklar ist, wie viele Giftstoffe in dem Gefährt stecken.

Umso klarer ist aber, dass das Ding nicht eine Woche in einem Kinderzimmer überleben wird. Du musst es nur einmal böse anschauen und schon fällt das erste Rad ab. Nachdem du das Rad zum dritten Mal wieder angesteckt hast, bricht die Achse. Spätestens jetzt geht die Freude am Spielzeug flöten. Nächsten Donnerstag wird es von der Müllabfuhr mitgenommen, zusammen mit dem Dutzend Plastikautos, die der FeuerwehrRitterRömerPirat bekommen hat. Auch hier dauert die Freude am Geschenk nicht länger als fünf Minuten. Dann bricht der erste Spoiler. Na ja, immerhin habe ich anhand solcher Autos endlich herausgefunden, was ein Spoiler ist…

Wenn man bedenkt, dass solcher Mist nicht bloss eine Beleidigung für jedes Kind ist, sondern dass bei der Herstellung und dem Transport auch noch Menschen ausgebeutet und die Umwelt zerstört werden, wird es einem übel. Ach hätte doch die Wirtschaftskrise all den Fabriken, die solchen Müll produzieren, für immer den Todesstoss versetzt!

Noch schlimmer als die Spielsachen sind die „Esswaren“, welche zusammen mit dem Spielzeug den Weg zu uns gefunden haben. Einzeln in Plastik eingeschweisst, in einer riesigen, bunt bedruckten Kartonschachtel wird den Kindern als Lebensmittel verkleideter Abfall schmackhaft gemacht. In der „confettura extra“ habe es echte  Erdbeeren und Kirschen, die das Kind beim Essen sehen und spüren könne, gefüllt sei das Ganze mit einer köstlichen Füllung aus Milch und der Teig sei mit reiner Bierhefe versetzt und somit wie ein echtes Brot aufgegangen. Bla bla bla. In Wirklichkeit ist das Ganze nämlich eine unansehnliche Mischung aus Glukosesirup, Geliermitteln, diversen Fetten, Säuren, Zuckerarten und anderen Scheusslichkeiten. Kein Erwachsener, der etwas auf sich gibt, würde seinem Magen so etwas zumuten. Aber die Kinder haben doch Freude daran, nicht wahr? Und in der Werbung haben sie doch gesagt, das Zeug sei so gesund und kalorienarm.

Wer jetzt noch immer nicht weiss, wer die Geschenke mitgebracht hat, kennt unsere Verwandtschaft schlecht…

Wen wundert’s?

Wo ich gerade so schön in Fahrt bin mit Wettern, kann ich doch gleich noch ein wenig weitermachen. Immer mehr Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert und würden sie deshalb vernachlässigen, lese ich in der heutigen Ausgabe des „Sonntag“. Deshalb komme es immer öfter zu Obhutsentzügen. „Wie können diese Eltern nur?“, fragt sich die Bevölkerung empört und reibt sich erstaunt die Augen. Sind denn nicht alle Eltern so glückllich wie die Federers, Jolie-Pitts und wie sie alle heissen mögen?

Nein, sind sie nicht. Und ich kann mir auch langsam erklären, weshalb nicht. Bevor ich aber zu meinem Rundumschlag aushole, will ich eines klarstellen: Ich will mit keinem Wort die Vernachlässigung schönreden. Ich habe in meiner Zeit als Mutter ziemlich tiefe Tiefpunkte erlebt, doch auch die fieseste Depression gab mir nicht das Recht vollkommen aufzugeben. Einer Pflicht konnte ich mich nie entziehen. Nämlich der Pflicht, so laut um Hilfe zu brüllen dass die Wände wackelten und der Boden zitterte und zwar bevor die Kinder wegen meiner Überforderung vor die Hunde gingen.

Jetzt, wo ich dies klargestellt habe, komme ich zurück zum eigentlichen Thema. Ist es denn wirklich verwunderlich, dass gewisse Eltern überfordert sind? Seien wir doch ehrlich: Worüber macht sich eine junge Frau, die bis jetzt nicht viel mehr als ihr Aussehen und ihren Spass im Sinn hatte, am meisten Gedanken, bevor sie Mutter wird? Über die richtige Ernährung des Babies? Über die Kindersicherheit der Wohnung? Über die Frage, wie sie die Fassung bewahren wird, wenn sie wochen- und monatelang keinen Schlaf mehr bekommt? Nein, sie fragt sich, wie sie ihre Figur vor den unübersehbaren und vollkommen natürlichen Folgen einer Schwangerschaft bewahren kann.

„Alles soll spurlos am Körper vorbeigehen“, sagt die Spezialistin für Essverhaltensstörungen, Bettina Isenschmid, in der neusten Ausgabe des „Beobachters“. Sie erlebe in ihrem Berufsalltag immer wieder junge Frauen, die aus diesem Grund Angst vor einer Schwangerschaft hätten. Während früher die Frauen eine ganze Kindheit lang auf ihre zukünftige Rolle als Mutter vorbereitet wurden (was zugegeben auch nicht das einzig Wahre war), holen sie sich heute ihr ganzes Wissen über die Babypflege aus dem Werbeblock. Wie eine richtige Mama auszusehen hat, zeigt ihnen Heidi Klum bei „Germany’s next Topmodel“. Und dass Mamas immer glücklich, Papas immer gut verdienend und Babies immer süss sind, gehört zum Allgemeinwissen. Dass es Geldsorgen, Ehekräche, Koliken, Trotzanfälle, Übermüdung und Einsamkeit geben wird, sagt ihnen niemand. Und wenn doch einer versuchen sollte, es ihnen zu sagen, glauben sie es nicht.

Wenn Teenager mein Prinzchen sehen, schmachten sie nicht „Ach, wie süüüüüüss!“, sie rufen „Mein Gott, ist der dick!“ Im Ernst. Ist das Prinzchen besonders dick? Mitnichten. Er liegt genau im Schweizerischen Durchschnitt. Aber die Teenager haben gelernt, dass Dünnsein alles ist und deshalb wissen sie auch nicht mehr, dass ein Baby Babyspeck braucht, um überleben zu können. Wenn ich ihnen sage, dass dieser Speck nötig ist, weil sonst schon eine banale Magen-Darm-Grippe gefährlich werden könnte, starren sie mich ungläubig an. Und in ihren Augen lese ich nicht den festen Entschluss, ihr zukünftiges Kind mit allen Mitteln vor Gefahren zu bewahren. Nein, ich lese den festen Entschluss, dass sie dereinst mit allen Mitteln verhindern werden, dass ihr Baby einmal „so dick“ sein wird wie das Prinzchen. Und dass sie sich selber bestimmt nie so gehen lassen werden, wie ich dies tue.

Wundert sich noch jemand, dass junge Frauen, die mit solchen Vorstellungen im Hinterkopf Mütter werden, mit der Realität überfordert sind? Ich nicht.

Ach, wie süss…

Ach, wie rührend! Roger Federer wird Vater und die halbe Welt schmachtet mit. Nicht dass ich etwas gegen Roger Federer hätte. Ich mache mir über ihn etwa so viel Gedanken wie über Silvia Abächerli aus Bern oder Albert Thommen aus Liestal. Und so wie ich eigentlich fast jedem die Elternschaft gönnen mag, gönne ich sie auch Roger Federer und „seiner Mirka“, wie sie in den Medien gerne vertraulich genannt wird. Es kommt ja schon mal vor, dass ich bei jemandem denke, warum ausgerechnet er Kinder bekommt, während andere, die so viel bessere Eltern wären, kinderlos bleiben. Aber eben, gegen Roger Federers Vaterschaft habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn ich denn zum Dreinreden berechtigt wäre.

Was mich aber gewaltig nervt, ist das Riesentamtam, das man um diese Geburt macht. Man könnte meinen, der Messias wäre im Doppelpack auf die Welt gekommen. Und natürlich sorgt man sich gebührend um das junge Familienglück. Die „arme Mirka“ werde „auf der Tour“ praktisch alleine für die Kindererziehung zuständig sein, jammert ein Journalist. Ist ja wirklich tragisch, wo sich doch alle anderen Eltern rund um die Uhr zu zweit um ihren Nachwuchs kümmern können! Wie das wohl für die Federers sei, gleich zwei Babies aufs Mal aufzuziehen, fragt „Zehn vor Zehn“ besorgt. Nun, es wird sein, wie bei allen Zwillingseltern: Stress pur. Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass Federers sich jederzeit bezahlte Hilfe werden leisten können, wenn sie auf dem Zahnfleisch gehen. Während gewöhnliche Zwillingseltern und auch alle anderen Eltern froh sein müssen, wenn ihnen nicht auch noch das Gotti als sporadische Kinderhüte abhanden kommt, weil sie keine Hütebewilligung vom Staat bekommt. Federers Freude an den Kindern wird auch relativ selten gebtrübt sein durch diesen berühmten Berg unbezahlter Rechnungen über deren Bezahlung sich gewöhnliche Eltern den Kopf zerbrechen müssen. Und über die Frage, ob die örtliche Schule auch wirklich die Beste für ihre Kinder sei, werden sie sich auch keine Sorgen machen müssen.

Aber solch trübe Gedanken wollen wir uns doch gar nicht machen. Malen wir uns lieber aus, wie herzig die Zwillinge auf dem ersten Cover-Föteli der „Schweizer Illustierten“ aussehen werden. Die alltäglichen Sorgen des Elternseins sind viel zu wenig glamourös. Und wenn man zuviel über diese nachdenkt, könnte einem noch auffallen, dass einige der Probleme mit zwei drei winzigen Systemänderungen beseitigt werden könnten. Aber solange wir wissen, dass es den Federer-Zwillingen gut geht, kann uns das ja egal sein. Nicht wahr?