Nicht schon wieder!

Wenn ich den Kerl erwische, der die Magen-Darm-Grippe in dieses Hotel eingeschleppt hat, muss er sich warm anziehen. Nicht mal zehn Tage im Jahr kann man das Leben geniessen, ohne an Viren, Bakterien und dergleichen denken zu müssen. Und das in einem Land, in dem man anscheinend noch nie etwas von Itinerol-Tabletten gehört hat. Dies zumindest behauptet die Apothekerin, die mich mit Kaugummis gegen Reiseübelkeit und einem Reisschleim für das Prinzchen in den Kampf gegen die Magen-Darm-Seuche ziehen lässt. Dass sie mir „Schönen Urlaub noch!“ hintendrein ruf, grenzt an Zynismus.

So kämpfen wir mit einer Familienpackung Cola, Weissbrot und Kaugummis gegen Übelkeit und Durchfall und probieren den Humor nicht zu verlieren. Immerhin sind noch alle Blinddärme ganz…

Mutterliebe

Wie lässt sich Mutterliebe messen? Gar nicht so einfach, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Während die einen finden, die Anzahl Stunden, die man täglich mit dem Kind verbringe, sei der Massstab für Mutterliebe, finden andere, es hänge davon ab, wieviel Geld man für das Kind liegen lasse.

Es könnte aber auch sein, dass Mutterliebe sich darin ausdrückt, dass man noch Jahre nach der Geburt das exakte Geburtsgewicht jedes Kindes im Schlaf herunterbeten kann. Dies zumindest suggeriert eine Frau, die sich nicht vorstellen kann, dass man fünf Kinder gleich gern hat wie eines oder zwei. Es ist ja schon paradox: Da nimmst du es auf dich, mehr als zweimal schwanger zu sein und zu gebären, stellst persönliche Interessen jahrelang in den Hintergrund und gewisse Leute sehen darin den Beweis, dass du ein Kinderfeind bist. Hä?

Gespräche mit Leuten, die so über kinderreiche Familien denken, verlaufen immer gleich. Zuerst verteidigen sie sich dafür, dass sie „nur“ zwei Kinder haben, obschon ich mit keinem Wort gesagt habe, dass alle Menschen fünf Kinder zeugen müssten. Dann beginnen sie, dir Fangfragen zu stellen, um zu testen, ob du als mehrfache Mutter noch Anteil nehmen kannst am Leben deiner Kinder, oder ob die armen Kinder völlig untergehen im Chaos. Die Frage, ob ich das Geburtsgewicht meiner Kinder noch wisse, war genau so eine Fangfrage. Zu dumm für die Fragerin, dass ich die Frage mit Ja beantworten kann. Jetzt hat sie nicht einmal einen Beweis dafür, dass meine Kinder für mich bloss noch anonyme Wesen sind. Und dabei hatte sie doch so gehofft, die Bestätigung zu erhalten, dass die klassische vierköpfinge Familie der einzig wahre Hort der Mutterliebe sei.

Für alle, die noch immer an meiner Liebe zu  meinen Kindern zweifeln: Ich weiss nicht bloss ihr Geburtsgewicht, sondern auch, wie lange sie waren und um welche Zeit sie geboren worden sind.  Karlsson, 3830 g, 51 cm, 23:57 Uhr, Luise, 3560 g, 49 cm, 21:51 Uhr, FeuerwehrRitterRömerPirat, 3210 g, 48 cm, 23:58 Uhr, Zoowärter, 3630 g, 52 cm, 01:37 Uhr, Prinzchen, 4360 g, 53 cm, 06:53 Uhr und nein, ich habe nicht nachgeschaut. Die Geburtsurkunden meiner Kinder schleppe ich nicht mit, wenn ich in die Ferien fahre. Da staunt ihr, wie lieb ich meine Kinder habe… 🙂

Die barfüssige Irre ist wieder da

Heute in der Früh wurde sie wiedermal gesichtet, die barfüssige Irre. Es ist schon eine ganze Weile her, seit man sie zum letzten Mal gesehen hatte, wie sie mit einem Kind im Schlepptau durchs Dorf hastete, ungekämmt, ungeduscht und mit ungeputzten Zähnen, mit irrem Blick und laut zeternd: „Jetzt mach schon mal! Ich kann die Kleinen nicht so lange alleine lassen. Du wärst doch jetzt wirklich gross genug….“ Den Rest versteht man nicht mehr, denn sie ist schon längst um die nächste Hausecke verschwunden.

Heute war sie zumindest geistesgegenwärtig genug gewesen, um sich noch schnell in die Kleider zu stürzen, bevor sie aus dem Haus ging. Auch schon wurde sie im Pyjama gesichtet. Aber eben, das ist ein paar Jahre her. Um genau zu sein vier. Es war in den ersten fünf Kindergartenwochen eines gewissen Karlsson vom Dach. Der kleine Karlsson hatte etwas Mühe damit, morgens sein Elternhaus zu verlassen und deshalb brauchte er etwas Hilfe von seiner Mama. Manchmal hatte seine Mama den Tag im Griff und dann trat sie, frisch geduscht, sauber gekleidet und gut gelaunt vor die Haustür. Im Schlepptau eine blitzsaubere Luise, im Kinderwagen einen friedlich schlafenden FeuerwehrRitterRömerPiraten, an der Hand einen traurigen, aber sauberen Karlsson.

An vielen Tagen aber hatte Karlssons Mama die Sache nicht so im Griff. Und dann schickte sie jeweils eine barfüssige Irre, die ihren Erstgeborenen begleiten sollte. Keiner weiss, weshalb eine normalerweise durchaus vernünftige Mama ihr kostbares Kind dieser Irren jeweils anvertraute. Doch während mehrerer Wochen begleitete diese unmögliche Frau den armen kleinen Karlsson fast täglich bis zur Kindergartentür und schwatzte auf ihn ein. Mit der Zeit wurde die sie zum Glück  immer seltener gesichtet, dann verschwand sie ganz. Karlsson ging jetzt selbstbewusst alleine zum Kindergarten und später in die Schule. Man hätte schon fast glauben können, die Irre sei weggezogen.

Doch heute, kurz vor acht hatte sie wiedermal einen Auftritt. Karlssons letzter Schultag in der zweiten Klasse war eine wichtige Angelegenheit. Und wie so oft bei wichtigen Angelegenheiten, verhielt sich Karlsson etwas unkooperativ.  Zwar wollte er auf jeden Fall Nutella, Honig, Halva-Brotaufstrich, Fruchtspiesschen für die ganze Klasse und zwei Bibliotheksbücher mitschleppen. Aber wie die ganze Ladung ins Schulhaus kommen sollte, hatten weder er noch sein Papa, der ihm alles eingepackt hatte, sich im Detail überlegt. Und ohne all die Dinge ging Karlsson nicht. Wenn er schon mal in der Schule frühstücken darf, muss das mit Stil und allem Drum und Dran vonstatten gehen. Zum Schluss, nachdem sie sich den Mund fusselig geredet hatte, blieb der Mama nichts anderes mehr übrig, als wieder mal die barfüssige Irre mit Karlsson auf den Schulweg zu schicken.

Ob das alles wahr ist, weiss allerdings niemand so genau. Die barfüssige Irre wurde nämlich heute nur ganz kurz gesichtet. Schon auf dem Heimweg von der Schule verwandelte sie sich wieder in eine ganz normale Mama, die mit zuckersüssen Anweisungen ihre anderen vier Kinder für den langen Tag bereit machte.

Wie steht’s mit den Falten?

Nein, nicht mit meinen Falten. Die sind mir eigentlich noch ziemlich egal und ich hoffe, dass dies so bleibt. Man weiss zwar nie, wie man reagieren wird, wenn die Falten dann tatsächlich da sind. Aber eben, von meinen (zukünftigen) Falten soll hier nicht die Rede sein. 

Ich meine natürlich jene Hautfalten, die bei Babies so schwer zu reinigen sind, die aber unbedingt sauber sein müssen. Diesen hatte ich eigentlich nie eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich reinigte sie zig mal am Tag, salbte sie, wenn es nötig war und manchmal, wenn das Baby allzu störrisch gegen meinen Bauch trat und sich nach allen Seiten wand, schaffte ich es nicht, den ganzen Dreck zu entfernen. Ja, und dann las ich jenen Artikel über vernachlässigte Kinder. Plötzlich wurden diese Falten für mich zum Test, ob ich als Mutter überhaupt noch etwas taugte.

Es war in den dunkelsten Zeiten meiner Mutterschaft, als ich täglich bereits um neun Uhr morgens vom Gefühl geplagt wurde, total zu versagen. Als ich es nicht mehr schaffte, das Chaos in den Griff zu bekommen und abends meistens heulend ins Bett sank, weil ich es wieder nicht geschafft hatte, meinen Kindern gerecht zu werden. Ich hatte den Eindruck, die schlechteste Mutter auf diesem Erdboden zu sein. Da las ich in jenem Artikel, Mütterberaterinnen und Kinderärzte könnten an der Sauberkeit der Hautfalten erkennen, ob ein Kind vernachlässigt werde oder nicht. Natürlich stand in diesem Text noch viel mehr, doch das mit den Falten brannte sich bei mir im Gerhirn ein.

„Sind die Hautfalten des Babys heute sauber?“ wurde zur überlebenswichtigen Frage. Da konnte ich mich noch so sehr in Selbstzweifeln zerfleischen, solange die Falten sauber waren, hatte ich noch nicht vollkommen versagt, die Kinder waren noch nicht vernachlässigt. Sind die Falten noch sauber, ist noch nicht alles im Eimer. Heute ist diese Frage zum Glück wieder weit in den Hintergrund gerückt. Heute weiss ich wieder, dass ein Kind, das lacht und sich prächtig entwickelt keinen Mangel leidet.

Doch hin und wieder, wenn ich das Prinzchen wickle, erinnere ich mich, wie das damals war, als eine saubere Hautfalte das Einzige war, was mir noch Sicherheit gab. Und dann vergiesse ich innerlich eine Träne für all die unzähligen Mamas auf der Welt, die sich als die totalen Versagerinnen fühlen, weil sie in ihrer Überforderung nicht mehr sehen können, wie gut sie ihre Sache in Wirklichkeit machen.

Lesetherapie

Tage wie heute übersteht man nur lesend. Der Himmel ist grau in grau, es ist zu kalt, um mit den Kindern nach draussen zu gehen. Ausserdem ist Dienstag. Das bedeutet, dass morgens drei, nachmittags fünf Kinder von mir unterhalten werden wollen und „Meiner“ erst spät nach Hause kommt. Mal ist Karlsson für eine Stunde weg, dann muss Luise zur Freundin begleitet und nach knapp zwei Stunden wieder abgeholt werden, dann bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat Besuch. Keine Chance für Mama, eine anständige Arbeit in Angriff zu nehmen.

Also schleiche ich den ganzen Tag mit einem Buch vor der Nase herum. Zum Glück habe ich gerade ein Neues. Das Oeuvre ist zwar nicht gerade nobelpreiswürdig, doch immerhin spannend genug, dass ich noch heute erfahren will, wer wen heiratet. Ausserdem ist der Plot seicht genung, dass man das Buch mitten im Satz in die Ecke schmeissen kann, wenn das Prinzchen im Begriff ist, in ein Kabel zu beissen. So ganz nebenbei gefragt: Kann mir mal jemand verraten, was an einem Kabel so spannend sein soll? Da liegen haufenweise babytaugliche Spielsachen herum, doch das Prinzchen steuert stets zielstrebig auf die Kabel los.

Jetzt aber zurück zum Buch. Zwei Dinge erschweren es mir, endlich zur letzten Seite zu gelangen. Erstens: Wie kann man lesend Fussböden putzen? Und an solchen Tagen muss man lesen beim Putzen, sonst wird’s frustrierend. Wann endlich erfindet ein kluger Kopf den Besen mit integrierter Buchhalterung? Ja, ich weiss, inzwischen gibt es Hörbücher. Doch wie soll man sich bei diesem Krach Hörbücher anhören? Das zweite Problem: Karlsson hat mich durchschaut. „Mama, du kannst nicht schon wieder Pause machen“, weist er mich zurecht, als ich mich wiedermal für fünf Minuten mit meinem Buch zurückziehe. Also schliesse ich mich ins WC ein. Dann sieht er nicht, dass ich am Lesen bin. Karlsson ahnt, dass ich lesen will: „Was machst du, wenn du mal dein Buch nicht findetst, wenn du aufs WC gehst? Du kannst ja nicht einfach in die Hose machen, bloss weil du dein Buch verlegt hast?“ Ein paar Momente später brüllt er: „Mama, du bist wieder am Lesen! Es ist jetzt fünf Minuten her, seit du die Toilette gespült hast und du bist immer noch im Badezimmer.“ Karlsson betrügen heisst, die Götter betrügen. Und was tut er, währenddem er mich zurechtweist? Sitzt auf dem Sofa und steckt seine Nase in ein Buch!

Nach so einem Nachmittag bietet sogar ein Elternabend eine willkommene Abwechslung. Zu dumm nur, dass ausschliesslich alte Hasen anwesend sind. Keine einfältigen Fragen, keine endlosen Diskussionen. Um halb acht bin ich schon wieder zu Hause. Zum Glück hat „Meiner“ die Kinder trotzdem schon alle im Bett, so kann ich wenigstens jetzt mein Buch fertig lesen.

Bitte recht freundlich

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind aus unseren Identitätskarten herausgewachsen, das Prinzchen braucht seine Erste. Lange liess sich die Sache herauszögern, doch langsam drängt die Zeit. Sonst wird nichts aus den Sommerferien. Also ab zum nächsten Fotografen. Doch der will nichts wissen von Passfotos. Die Maschine sei kaputt. Dann eben zum Nächsten.

Damit das Prinzchen nicht allzu lange still sitzen muss, kommt er zuerst dran. Anfangs läuft alles bestens. Bis die Fotografin wissen will, ob wir nicht dafür sorgen könnten, dass das Prinzchen seinen Mund geschlossen hält. Selbstverständlich können wir das. Wenn sie uns eine Rolle Klebeband zur Verfügung stellt. Bloss sind wir nicht sicher, ob das Bild dann noch durchgeht, oder ob unser Prinzchen zum Terroristen abgestempelt wird, bevor er laufen kann.

Schliesslich lässt die Fotografin die Bilder auch mit offenem Mund gelten und bittet den FeuerwehrRitterRömerPiraten auf den Stuhl. Mit finsterer Miene sitzt er da, was aber niemand sehen kann, weil er unverwandt auf seine Schuhspitzen starrt. All unser Drohen, wenn er nicht mitmache, könnten wir nicht in die Ferien fahren, hilft nichts. Stur starrt er vor sich hin. Also kommt Mama dran. Vielleicht merkt dann der FeuerwehrRitterRömerPirat, dass Fotografieren nicht weh tut.

Ich habe keine Angst vor der Kamera. Dafür aber vor den Bildern. Ist die Frau auf dem Bild tatsächlich die Gleiche wie die auf der alten Identitätskarte? Auf dem alten Foto war noch nichts von diesem neckischen Doppelkinn zu sehen. Und auch die Augenringe waren damals noch nicht da. Nun, zwischen den beiden Bildern liegen elf Jahre, fünf Schwangerschaften, zahllose schlaflose Nächte und ein paar klitzekleine Enttäuschungen. Aber dass man dies alles einem Passbild ansieht, ist erschreckend. Wahrscheinlich hat Ephraim Kishon recht: Wenn man beginnt, seinem Passbild zu ähneln,  ist es höchste Zeit wegzufahren. Vielleicht hätten wir die Bilder erst nach den Ferien machen lassen sollen. Aber ohne neue Identitätskarte keine Reise und ohne neues Bild keine neue Identitätskarte.

Als „Meiner“ die Fotos sieht, meint er, ich sollte vielleicht noch einmal posieren. Doch leider wird der Kopf auf einem neuen Bild immer noch der Gleiche sein, also kann man die Bilder lassen, wie sie sind. Obschon natürlich immer die nagende Ungewissheit bleibt, ob der Chef der Einwohnerkontrolle diese akzeptieren wird. Normalerweise schaut er sich die Fotos mit ernster Miene an und brummt: „Da bin ich mir aber nicht sicher, ob diese Bilder durchkommen.“ Wenn man ihm dann versichert, dass die Fotografin aber alles nach Vorschrift gemacht habe, runzelt er die Stirn und meint, man könne es ja einmal probieren, wir sollten uns aber nicht wundern, wenn wir nochmals zum Fotografen müssten. Bloss das nicht!

Irgendwann haben wir alle Fotos, auf der Einwohnerkontrolle wird man für einmal sogar freundlich empfangen und schliesslich sind die Karten  bestellt und bezahlt. (Macht insgesamt 125 Franken plus dreimal fünf Franken Gebühr fürs Einschreiben, damit jede Karte separat an die gleiche Adresse zugestellt werden kann. Es lebe die Bürokratie!)

Zu Hause wird feierlich ein oranges Post-it entsorgt. Jetzt bleiben bloss noch etwas 498. Das muss gefeiert werden!

Tag der frustrierten Hausfrau

Heute war der Tag der frustrierten Hausfrau. Das ist der Tag, an dem sich die Vollzeithausfrau einmal mehr bewusst wird, dass eine glückliche Mutter nicht automatisch auch eine glückliche Hausfrau ist. Der Tag, an dem sie ihrer Fähigkeiten gedenkt, die sie früher einmal einsetzen konnte, die ihr heute aber keiner mehr zutraut. Der Tag, an dem sie sich hundertmal sagt, dass die Kinder nicht Schuld sind daran, dass ihr manchmal einfach alles zuviel wird und sie diese trotzdem anschnauzt, weil sie mit ihrer Fröhlichkeit vom Trübsalblasen ablenken.

Ich weiss nicht, wie andere frustrierte Hausfrauen diesen Tag begehen. Bei mir beginnt er für gewöhnlich damit, dass Karlsson morgens um Viertel vor sieben brüllt, er wolle jetzt endlich aufstehen und mir mit seinem Gebrüll dreissig Minuten wertvollster Schlafenszeit raubt. Weiter geht so ein Tag mit einem Arzttermin, bei dem festgestellt wird, dass Luise auf dem rechten Auge nur halb so viel sieht wie auf dem Linken, weil sie am Montag einen Stecken ins Auge bekommen hat. Nächste Station ist der Schuhladen, wo wiedermal eine Umtauschaktion vorgenommen werden muss. Luises „Qualitätsschuh“ (Siehe „Immer diese Schuhe“) hat nun, nach bloss zwei Wochen, ebenfalls das Zeitliche gesegnet. Mit neuen „Qualitätsschuhen“ und einer Verspätung von vierzig Minuten hetzt man nach Hause, um ein versalzenes Mittagessen auf den Tisch zu zaubern.

Zur Feier des Tages gibt es am Nachmittag eine freie Stunde. Zeit, um sich in einen frustrierenden Roman zu vertiefen. Darin dreht sich alles um ein Frau, die noch keine frustrierte Hausfrau ist, die aber alles daran setzt, so schnell als möglich eine zu werden. Für das Sahnehäubchen sorgt schliesslich die Tageszeitung. Einmal mehr wird einem bei der Lektüre bewusst, dass man bei dieser Wirtschaftslage wohl noch länger die frustrierte Hausfrau bleiben wird.

Stilfragen und wie ich schon jetzt zu Gummistiefeln gekommen bin

Jahrelang spottet man über Männer, die sich von ihren Frauen Kleider kaufen lassen. Die nichts dagegen haben, wenn „Ihre“ beim Wocheneinkauf auch schnell noch ein Paket Hemden (Sonderangebot, drei für zwei) in den Einkaufswagen legen. Denen es piepegal ist, dass die Hemden ein Muster haben, als hätte jemand draufgekotzt und die nie und nimmer auf die Idee kämen, sich neue Kleider zu kaufen.

So spottet man, bis man merkt, dass man so anders gar nicht ist. Nicht dass ich es wagen würde, „Meinem“ Kleider zu kaufen. Nicht mal Unterwäsche würde ich ihm besorgen. Der Mann hat nämlich Stil und toleriert es nicht, dass man sich in seinen Kleiderschrank einmischt. Ich kaufe ihm also keine Kleider, er aber mir. Aufgefallen ist mir dies erst neulich, als er mich nach der Arbeit anrief um zu erfahren, ob ich T-Shirts in Fuchsia und Grau (Sonderangebot, zwei für eins) tragen würde. Immerhin aber besitze ich noch so viel Modebewusstsein, dass ich nicht alles trage, was er mir bringt. Die Bluse, die aussieht, als hätte jemand draufgekotzt, sieht das Tageslicht nur, wenn der grosse Putztag ansteht.

Ja, und dann wäre da noch die Sache mit den Gummistiefeln. Habe ich nicht neulich behauptet, Gummistiefel zum Gärtnern bekomme man erst mit Vierzig (siehe „Komm lieber Mai…)? Warum dann bin ich heute mit Rock und Gummistiefel durch den Garten gestapft? Nein, ich bin nicht Vierzig geworden. Aber Karlssons Füsse sind gewachsen. Und da ich Memme es nicht mag, mit nackten Füssen auf Nacktschnecken zu treten, habe ich mir mal schnell Karlssons Stiefel geborgt. Aber verraten Sie mich bitte nicht. Karlsson mag es nämlich nicht, wenn man sich seinen Sachen borgt.

One-Woman-Show

Morgens um sieben tritt sie auf die grosse Bühne des Familientheaters. Für ein paar Momente wird sie die Rolle der Verschlafenen spielen, doch schon Minuten später wird die Verschlafene verdrängt von der Hellwachen, der Motivatorin, die den beiden grössten Kindern zu einem fröhlichen Start in den Tag verhilft, und sei der Himmel noch so grau.

Während diese beiden Rollen täglich die Gleichen sind, ist alles, was danach folgt, reine Improvisation und zwar auf höchstem Niveau. Aus der Trösterin, die Luise versichert, dass sie auf der Kindergartenreise einen ganzen Tag ohne Mama klarkommen wird, wird blitzschnell die Schiedsrichterin, die dafür sorgt, dass Karlsson und Luise sich ohne Blutvergiessen darüber einigen, wer wo am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen ist das Prinzchen erwacht. Und schon hat sie die Rolle wieder gewechselt. Jetzt steht sie als Futterquelle auf der Bühne, um Augenblicke später als Kammerzofe für des Zoowärters saubere Kleidung zu sorgen. Um schliesslich auch noch dem morgenmuffeligen FeuerwehrRitterRömerPiraten zu einem sonnigen Tagesstart zu verhelfen, mutiert sie mal ganz kurz zur Minnesängerin, worauf sie als Einpeitscherin dafür sorgt, dass Karlsson und Luise nicht zu spät kommen.

So nimmt das Familientheater seinen Lauf, zwei bis vier Kostümwechsel inbegriffen. Geht sie einkaufen, rangeln die Geizige und die Grosszügige um die Aufmerksamkeit auf der Bühne. Paradoxerweise gibt die Grosszügie meist dann ihre beste Vorstellung, wenn das Budget am knappsten ist. Läutet das Telefon, geht wahlweise die verständnisvolle Freundin, die knallharte Neinsagerin, die jeden Telefonverkäufer das Fürchten lehrt, oder die schnippische Lehrersgattin, die „Ihren“ vor Zusatzarbeit schützt, an den Apparat. Wobei die Rolle der Telefonistin ihre besonderen Tücken hat, muss sie doch immer auch gleichzeitig die strenge Erzieherin sein, die verhindert, dass das Haus während des Telefonats in Schutt und Asche gelegt wird. Beim Mittagessen wird dann von den Kindern oft die Komödiantin verlangt. Je nach Tagesform schafft es diese, dass die Kinder vor Lachen unter dem Tisch liegen. Manchmal aber zaubert sie den Kleinen bloss ein müdes Lächeln aufs Gesicht. Abends dann, wenn die Kinder im Bett sind, wäre die Leidenschaftliche gefragt, die Unterhaltsame, die lebhafte Gesprächsparterin. Doch leider bringt sie es nicht immer fertig, ihr Publikum zu begeistern. So sie es denn überhaupt auf die Bühne schafft.

Im Familientheater wird es ihr nie langweilig und es gibt durchaus Tage, an denen die Rollenwechsel reibungslos klappen und das Ganze ihr unglaublichen Spass bereitet. An anderen Tagen geht es nicht so glatt und dann steht plötzlich die Zornige auf der Bühne, wo eigentlich die Einfühlsame gefragt wäre. Oder die Übermüdete sinkt zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa, wenn doch die besonders Wachsame gerade ihren Auftritt haben sollte. Und manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass diejenigen, die erst viel viel später, so in zwei drei Jahren, dranwären, hinter Vorhang hervorlugen. Die Sehnsüchtige, die Eigensinnige und die Träumerin schaffen es immer wieder, die Vorführung mit ihren unbedachten Auftritten zu stören und alles aus der Bahn zu werfen. An gewissen Tagen drängt sich auch die Verzweifelte ins Rampenlicht, was meistens zu Tränen führt. Des langen Wartens müde, sind die Berufstätige und die Erfolgreiche im Begriff, sich aus der Show zu stehlen und die Regie muss aufpassen, dass nicht irgendwann die frustrierte Hausfrau die Hauptrolle an sich reisst.

Ja, die Regie. Die macht es ihr nicht immer einfach. Allein schon, herauszufinden, wer gerade auf dem Regiestuhl sitzt, ist zuweilen fast unmöglich. Sind es die Kinder, ist es „Meiner“, ist es der Glaube, ist es der Terminplan, ist es der Telefonverkäufer, ist es das Wetter, ist es die Schulleiterin, ist es der leere Kühlschrank?  Oder gar alle miteinander?

Manchmal wäre es hilfreich, sie könnte wiedermal das Theaterstück lesen, um herauszufinden, was das Ganze überhaupt soll. Sie könnte dann ihre verschiedenen Rollen auch mit viel mehr Überzeugung spielen. Es würde ihr auch leichter fallen, unpassende Rollen aus dem Stück zu streichen. Doch leider macht sich die Nachdenkliche immer rarer, das Karussell der Rollen dreht sich immer schneller und manchmal bekommt sie Angst, dass sie eines Tages ihre Auftritte nicht mehr hinkriegt. Wer schaut dann, dass das Familientheater nicht vollkommen aus den Fugen gerät?

Bitte nicht neidisch werden!

Was wir am Samstagabend machen? Nun, wir lassen es so richtig krachen. Wie die meisten Eltern. Wir trinken eine Tasse Kaffee (mit Koffein, zur Feier des Wochendes!). Wir essen vielleicht sogar ein paar Chips. Jedoch erst, wenn die Kinder schon tief schlafen. Wir wollen ja kein schlechtes Vorbild abgeben. Zuweilen wagen wir es sogar, die erste Hälfte eines Filmes zu schauen. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es sogar bereits in diesem Jahr, die zweite Hälfte auch noch zu sehen.

Wenn uns mal wieder nach etwas richtig Ausgefallenem ist, dann sorgen wir dafür, dass sich der Zoowärter beim Abendessen so richtig vollstopft und zwei Stunden später das ganze Bett vollkotzt. Denn es gibt doch einfach nichts Schöneres, als samstags um zehn Uhr abends gemeinsam Erbrochenes aufzuwischen, das Kind zu duschen und danach die komplette Bettwäsche zu waschen.