Was wollt ihr denn schon wieder?!

Geht das wirklich jetzt schon los? Da ist man seit man denken kann eine bekennende Nachteule und plötzlich verspürt man diesen unbändigen Drang, morgens früh aufzustehen. Und es ist nicht etwa so, dass man abends den guten Vorsatz fasst, um sich dann am Morgen doch wieder auf die andere Seite zu drehen und weiterzuträumen. Nein, man hüpft tatsächlich aus dem Bett und stürzt sich voller Tatendrang in den Tag. Setzt die senile Bettflucht wirklich schon jetzt ein?

Nun, vielleicht liegt es ja auch nur daran, dass morgens um sechs noch keiner wach ist und man ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Könnte, muss man sagen. Denn egal, wie leise man ist, irgend einer wacht bestimmt auf, um die Ruhe zu stören. Vielleicht das Prinzchen, das sich für einmal dazu entschieden hat, bereits um sechs zu frühstücken anstatt um halb acht. Oder Karlsson, der unbedingt mal in Ruhe über den Wahrheitsgehalt von Asterix-Abenteuern diskutieren möchte. Oder Luise, die momentan alles genau so machen muss wie Mama und deshalb nicht mehr länger schlafen kann. Oder der FeuerwehrRitterRömerPirat, der gemerkt hat, dass heute keine Spielgruppe ist und dass er sich deshalb für einmal beeilen muss, um möglichst viel aus dem Tag herauszuholen. Oder der Zoowärter, der Angst hat, etwas zu verpassen.

Heute aber blieb alles ruhig und schon fast hätte man glauben können, für einmal habe es geklappt mit dem Vorsprung. Himmlische Ruhe! Genau drei Minuten lang. Dann nämlich merkt „Meiner“, dass er wieder mal zu lange liegen geblieben ist und darum braucht er unbedingt jemanden, der ihm seinen Gurt in die Hose einfädelt, während er sich in die restlichen Kleider stürzt. Kann er das nicht selber tun? Sieht er nicht, dass ich am Nachdenken bin?

Nein sieht er nicht. Und dann hat er auch noch die Frechheit, sich zu beschweren, weil der Gurt auf Linkshänderart eingefädelt ist. Wart nur, „Meiner“! Wenn du das nächste Mal bei „Glanz und Gloria“ einpennst (Gibt es das überhaupt, Männer, die ihre Frau damit nerven, dass sie nach „Zehn vor Zehn“ unbedingt noch die Wiederholung von „Glanz und Gloria“ anschauen müssen um besser einschlafen zu können?) werde ich dich fragen, was du über die Abschaffung des Milchkontingents denkst. Und ich werde dich nicht eher schlafen lassen, bis dass du mir eine befriedigende Antwort geliefert hast.

Das perfekte Timing

Gibt es einen besseren Moment, sich eine Magen-Darm-Grippe aufzulesen, als dann, wenn Mama ein lädiertes Knie hat? Natürlich nicht, und deshalb hat sich Linus mit der Schmusedecke, der übrigens seit einigen Tagen nicht mehr Linus mit der Schmusedecke, sondern Zoowärter heisst, weil er nur noch mit einer ganzen Ansammlung von Stofftieren, vom Waschbären bis zum Gummi-Waran herumläuft. Also eben, dieser Zoowärter hat sich sofort eine Magen-Darm-Grippe zugelegt, sobald er merkte, dass die Mama jetzt immer mit diesen sonderbaren Stöcken unterwegs ist. Denn gibt es etwas witzigeres, als zuzusehen, wie die Mama ins Schwitzen kommt, weil sie nicht schnell genug zur Stelle ist, wenn der Mageninhalt wieder hochkommt? 

Gibt es einen besseren Zeitpunkt zum Zahnen, als dann, wenn die Mama einem nicht herumtragen kann? „Natürlich nicht“, hat sich das Prinzchen gesagt, und darum ist er jetzt fleissig dabei, sich die Zähnchen wachsen zu lassen. Natürlich sieht man noch keinen Zahn, aber schreien, wenn man normalerweise friedlich im Bettchen liegen würde, ist zur Abwechslung gar nicht so schlecht.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mit Mamas Stöcken Gewehr zu spielen, als dann, wenn die Mama ohnehin gerade dabei ist, das Gleichgewicht zu verlieren? Nein, sagt sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und rast fröhlich mit den Stöcken durch die Wohnung. Die Mama, die auch sonst nicht die Schnellste ist, kommt ihm jetzt garantiert nicht nach.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mit drei Decken auf dem Fussboden zu campieren, als dann wenn die Mama ihre Füsse kaum heben kann, ohne vor lauter Schmerz laut aufzuheulen? Natürlich nicht und deshalb kuschelt sich Luise am frühen Morgen wohlig in ihre Decken und zwar vorzugsweise bei der Türschwelle. Einfach, um ein bisschen Spannung in den grauen Alltag zu bringen.

Gibt es einen besseren Zeitpunkt, der kleinen Schwester so richtig eins überzubraten, als dann, wenn die Mama nicht schnell genug ist, dazwischenzukommen? Nein, sagt sich Karlsson vom Dach und piesackt seine Schwester wo er nur kann. Die Mama könnte sich sonst noch langweilen, wo sie doch jetzt kaum mehr aus dem Haus kommt.

Vielleicht war es doch nicht die beste Idee, sich das Knie ausgerechnet jetzt zu verletzen…

Aprilscherz?

Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass die Hausärzte heute gestreikt haben. Der Couchepin ist ja wirklich unmöglich, oder, wie meine Tante schon vor Jahren festgestellt hat, „ein Büffel“. Aber hätten die Hausärzte nicht vorgängig mein rechtes Knie über ihren Aktionstag ins Bild setzen können? Mein Gehirn wusste ja davon, doch hätte mein rechtes Knie gewusst, dass heute kein Arzt zur Verfügung steht, hätte es bestimmt noch einen Tag länger damit gewartet, mir das Leben zu erschweren. Aber eben, mein rechtes Knie hat von Gesundheitspolitik keine Ahnung und deshalb verbrachte ich den Mittwochnachmittag nicht in der Badewanne oder beim Ostergeschenkeshopping, sondern auf der Notfallstation des Kantonsspitals.

Und ich kann nicht mal viel dafür. Ein falscher Schritt beim Kochen und zack! ist das Knie im Eimer. Es frage mich niemand, wie ich es mit diesen höllischen Schmerzen geschafft habe, mich vom Boden aufzurappeln, die Wähe in den Ofen zu schieben, das Prinzchen zu beruhigen, die grossen Jungs mit dem Auto in der Spielgruppe abzuholen und die kleinen Jungs in den dritten Stock zu hieven. Ich weiss es nämlich selber nicht. Irgendwann machte mich meine Mutter darauf aufmerksam, dass es ja noch Schmerzmittel gebe. Zum Glück verlieren Grossmütter nicht so schnell den Überblick wie Mütter…

Tja und dann begann die Suche nach medizinischer Versorgung. Und irgendwann blieb nur noch die Notfallstation, weil der diensthabende Arzt kein Röntgengerät hat. Nach endlosem Warten war der Fall dann klar: Krücken und vier Wochen ohne Sport, dann wird man weitersehen.

Fragt sich nur, wie ausgerechnet ich es vier Wochen ohne Sport aushalten soll. Immerhin absolviere ich, wie fast alle Mütter, täglich zwischen sieben Uhr früh und neun Uhr spät einen Halbmarathon.

Es liess sich nicht länger vermeiden

Was für andere Leute der Zahnarztbesuch ist, ist für mich der Besuch beim Coiffeur. Wochenlang, ja, monatelang schiebe ich den Termin vor mir her und erst dann, wenn „Meiner“ meines Anblicks vollkommen überdrüssig geworden ist, lasse ich es zu, dass er mich anmeldet. Ja, allein der Anruf ist für mich unerträglich. „Bei wem waren Sie das letzte Mal?“, will die Dame am Empfang dann nämlich jeweils wissen und ich gerate ins Stottern, weil ich nicht mehr weiss, ob die Coiffeuse Jolanda, Monika oder Manuela hiess. Dabei bin ich seit Ewigkeiten ihre Kundin. Sie hat mir bestimmt schon fünfmal die Haare geschnitten. Deshalb lasse ich „Meinen“ den Anruf tätigen, denn er kann guten Gewissens antworten, er habe keine  Ahnung, wer jeweils für meine Frisur zuständig sei. Dies hat zur Folge, dass jeweils der ganze Salon auf den Stockzähnen grinst, wenn ich zum Gemetzel antrete. Aber ich bringe es nicht übers Herz, den Salon zu wechseln, auch wenn mein Ruf schon längst ruiniert ist. Wo sonst komme ich gratis zur Rückenmassage auf diesem wunderbaren Massagesessel? Da nimmt man alles andere auf sich.

Bin ich dann im Salon, folgt das nächste Problem. Die Lektüre. Seitdem ich einmal eine Coiffeuse völlig aus dem Konzept brachte, weil ich die „Weltwoche“ verlangte, – das war natürlich lange bevor die „Weltwoche“ zum Parteiblatt der SVP verkommen war, – fürchte ich nichts so sehr wie die Frage: „Darf ich Ihnen etwas zum Lesen bringen?“. Normalerweise rette ich mich aus der misslichen Lage, indem ich selber etwas zum Lesen mitbringe. Doch heute hatte das Prinzchen einen solchen Hunger, dass ich keine Zeit hatte, mir eine Lektüre zu schnappen, bevor ich das Haus verliess. Der „Spiegel“ blieb zu Hause und ich sass bald darauf mit „Die Frau im Spiegel“ vor dem Spiegel.

Ja und schaut man sie sich dann mal wieder genauer an, die Frau im Spiegel, sieht man plötzlich, dass sie ein Doppekinn bekommen hat, dass ihre Schultern zu breit sind, dass sie einen Mitesser am Kinn hat. Und dann findet man sie, auch wenn man sich nicht als eitel bezeichnen würde, einen der hässlichsten Menschen auf diesem Erdboden. Da liest man doch lieber die „Frau im Spiegel“, um zu erfahren, welche Eskapaden sich Heidi Becker, Boris Williams, Robbie Klum und wie sie alle heissen, vor einem Jahr geleistet haben.

Und dann steht sie vor mir, Jolanda, Monika oder Manuela. Freundlich wie immer, doch jedes Mal ein wenig mitleidiger. Ich sehe es in ihren Augen: Es zerreisst ihr fast das Herz, mein Haar so leiden zu sehen, doch tapfer nimmt sie sich der Aufgabe ein weiteres Mal an. Schlägt mir vor, ein paar Strähnchen mehr zu färben als letztes Mal, wieder mal einen neuen Schnitt auszuprobieren, ein paar Stufen zu schneiden. Und weil Jolanda, Monika oder Manuela so nett ist, lasse ich sie gewähren, werde zum völlig willenlosen Geschöpf, das sich am Ende der Tortur sogar ein komplett überteuertes Pflegeprodukt aufschwatzen lässt, obschon ich „Meinem“ versprochen habe, dass ich darauf nie mehr hereinfallen werde. Zumindest habe ich laut und deutlich Nein gesagt, als man mir ein „Handparaffin“ anbot. Nachdem ich letztes Mal völlig verdattert Ja gestammelt hatte, weil ich keine Ahnung hatte, worum es ging, bin ich diesmal ein wenig gescheiter und lasse es nicht mehr zu, dass man meine Hände in heisses Wachs taucht.

Irgendwann ist es dann überstanden. Der Haarschnitt, den Jolanda, Monika oder Manuela mir verpasst hat, verschont mich für die nächsten zehn Monate vor weiteren Qualen. Offenbar mache ich aber trotz meiner Abneigung Fortschritte: Jolanda, Monika oder Manuela hat mich heute zum ersten Mal geduzt. Ein untrügliches Zeigen, dass sie mich trotz meiner Schwächen als ihre persönliche Stammkundin akzeptiert. Vielleicht komme ich schon in sechs Monaten wieder. Aber nicht ohne meine eigene Lektüre.

Die Schuldigen sind gefunden

Die Frage, wer die Wirtschaft in die Krise geritten habe, wird seit Monaten heftig diskutiert. Die meisten Menschen geben gierigen Bankern die Schuld. Doch das ist eine ganz gemeine, völlig haltlose Unterstellung. Seit vorgestern weiss ich mit Bestimmtheit, wer die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Wir waren es, die Mütter.

Warum ausgerechnet ich das weiss? Nun, ich hatte das Glück, einem Experten vor die Füsse zu laufen, der mir ungefragt darlegte, was in der Welt schief läuft. Schuld an der Krise seien wir Frauen, um genau zu sein wir Mütter. Würden wir nicht so bald als möglich unseren Kindern davonlaufen, um zu arbeiten, hätten wir die Krise nicht. So einfach ist das. 
Und warum laufen wir Müttern unseren Kindern davon? Auch dafür gibt der Experte eine ganz einfache Erklärung: Arbeiten wir Frauen im Büro, dann machen alle Männer ein Riesentheater um uns, bringen uns den Schmus und geben uns das Gefühl, wichtig zu sein. Sind wir dann zu Hause mit unseren Kindern, schenkt man uns keine Beachtung mehr. Darum wollen wir so schnell als möglich wieder ins Büro zurück. Und schwupps, da haben wir sie, die globale Wirtschaftskrise.
Sie finden diese Erkenntnis nicht revolutionär? Nun, ich auch nicht. Werden wir Mütter doch schon seit geraumer Zeit für alles verantwortlich gemacht, was schief läuft auf dieser Welt. Deshalb tragen wir Mütter den Vorwurf auch mit mehr Gelassenheit als die Banker. Eine Anschuldigung mehr fällt nun wirklich nicht mehr ins Gewicht. 

Pasta mit Mayonnaise

Ach Schweiz, du kinderfreundlichstes aller Länder! Wie liebe ich es, immer wieder von Neuem zu erleben, wie sehr du die Kinder und ihre Eltern verwöhnst. Wie schön ist es, in einen deiner perfekt designten Schnellzüge einzusteigen. Herrlich, dass für Kinderwagen ein besonders prominenter Platz vorgesehen ist: Gleich im Durchgang, so dass jeder, der ein- oder aussteigen will, sich daran erfreuen kann. 

Wunderbar auch deine Postautos. Die freundlichen Chauffeure, die einen mit ihren originellen Vorschlägen den Tag versüssen. Bittet man sie, die hintere Türe zu öffnen, damit man mit dem Kinderwagen einsteigen könne, meinen sie: "Legge si doch de Wage zäme!" Ja und das Kind? Bekommt das dann einen Spezialplatz im Gepäckfach, Herr Chauffeur? 
Ein Traum auch die drei Stufen, wenn man dann trotzdem die Erlaubnis zum Einsteigen bekommt. Anderswo auf der Welt muss man teure Fitnessabos kaufen, um nach der Geburt wieder in Form zu kommen. Hierzulande genügen ein paar Fahrten mit dem Postauto. Ein rüstiger Rentner, der einem seelenruhig beim Wagenheben zuschaut, verstärkt noch den Trainingseffekt. 
Ach ja, die lieben Senioren! Wie sie sich an den kleinen Schweizerlein erfreuen! Der Postautochauffeur wird nur mit einem "E Guete, Herr Schöudknächt" bedacht, der unfreundliche Sitznachbar muss sich mit Smalltalk begnügen. Für die Kinder aber gibt es etwas ganz Spezielles: Diesen giftigen, missbilligenden Seitenblick, den nur Schweizer Senioren so perfekt zustande bringen. Nun, wenn einem Kind auf der holprigen Fahrt die Sonnenblende aus der Hand rutscht, braucht das auch eine besondere Beachtung und wir sind froh, dass solche Leistungen hierzulande noch gewürdigt werden. 
Ja, nach solchen Tagen fühlt man sich dann als Eltern so richtig glücklich. So glücklich, dass man das mit einem speziellen Essen feiern muss: Pasta mit Mayonnaise. 

Erwartungen

Wenn man eine grosse Familie hat, wollen plötzlich alle etwas von einem. Jeder scheint irgend ein Bedürfnis befriedigen zu wollen. Da sind zum Beispiel gelangweilte Senioren. Sind wir zu siebt unterwegs, starren sie uns ungeniert an und beginnen zu tuscheln. „Meiner“ streckt ihnen dann provokativ fünf Finger entgegen und sagt: „Ja, es sind fünf. Sie haben richtig gezählt.“

Eltern, die die Familienplanung abgeschlossen haben, glauben, bei uns ihre nicht mehr gebrauchten Babysachen gratis entsorgen zu dürfen. Ständig bietet man uns alte Reisebetten, Kinderwagen und Winterjacken an. Wahrscheinlich glauben diese Menschen, ihre Angebote seien willkommene Spenden. Immerhin liest man ja alle zwei Tage, Kinder seien das grösste Armutsrisiko. Was die Wohltäter aber nicht bedenken: Wenn ihr Keller schon nach zwei Kindern überquillt mit Babysachen, wie muss dann erst unserer aussehen? Also nichts gewesen mit Gratis-Entsorgung bei Vendittis.
Neuerdings scheint man von uns auch zu erwarten, dass wir Arbeitsplätze schaffen. Nun ja, Arbeit hätten wir für mindestens drei Angestellte, doch leider reicht unser Einkommen nicht ganz, um der Wirtschaftskrise Herr zu werden. So musste ich leider die Frau abweisen, die mich händeringend darum bat, ihre Schwiegertochter doch bitte, bitte bei mir arbeiten zu lassen. Sie brauche ja wirklich nur „e chline bizteli Lohn“.
Jetzt, wo die Kinderzulagen angehoben werden, sind wir auch zu beliebten Hassobjekten geworden. Kinderlose empören sich in Leserbriefen über die kaltblütige Abzockerei, die wir Eltern betreiben. Ist ja auch wahr. Tausend Franken pro Monat für das bisschen Windeln wechseln und Wäsche waschen. Von solchen Summen konnten  Ospel und Konsorten auch zu den besten Zeiten nur träumen. Schämen sollten wir uns, wir Sozialschmarotzer! Während uns aber die einen als Abzocker verachten, sehen andere in uns die heldenhaften Retter der AHV. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich bei uns bedanken, weil unsere Kinder ihre Rente sichern. Das rührt uns, stürzt uns aber auch in eine tiefe Identitätskrise. Was sind wir denn nun? Helden oder Abzocker?
Zum Schluss sind noch die Menschen zu erwähnen, die keine Familie haben. Auch sie suchen gerne die Nähe von grossen Familien und wir freuen uns darüber. Sie genissen das turbulente Leben bei uns, spielen mit den Kindern und finden es die tollste Sache der Welt, ein Baby zu wickeln; wir können mal wieder ein Gespräch führen, bei dem sich nicht alles um durchwachte Nächte und Streitereien zwischen Kindern dreht. Und beide Seiten finden es unglaublich interessant, zu erfahren, womit sich die anderen den ganzen Tag herumschlagen müssen.
Ach ja, und dann bat mich doch neulich eine Frau, ich solle für sie auch noch ein Kind gebären. Doch da musste ich leider abwinken. Meine Kinder mit anderen teilen, das geht ja noch. Aber verschenken kann ich sie leider nicht. Dazu sind sie mir zu sehr ans Herz gewachsen.

Vorsätze

Nein, gute Vorsätze gibts dieses Jahr nicht. Wo doch schon der Testvorsatz komplett in die Hose gegangen ist. Dabei war er doch ganz einfach: Jeden Tag während der Weihnachtsferien einen Spaziergang machen, die kalte Luft geniessen, ein wenig nachdenken und dem Prinzchen den Wald zeigen, auch wenn er noch gar nichts davon sieht. Manchmal könnte man ja auch die grossen Kinder mitnehmen. Das wäre doch eine gute Gelegehneit für tiefsinnige Gespräche. Sollte eigentlich machbar sein, oder?

Ein einziges Mal haben wir es geschafft, abends, bevor die Kinder ins Bett mussten. So richtig romantisch war es, mit Kerzen und Liedersingen im Wald. Doch das war's dann schon. Der nächste Ausflug an die frische Luft wurde mit einem heftigen Milchstau bestraft. Nichts da mit Waldspaziergängen, Bettruhe war angesagt. Und jetzt traue ich mich nicht mehr vor die Haustür, warte auf den Frühling und habe allen Vorsätzen abgeschworen. Frohes Neues Jahr?

Gespräch

Eine junge Frau steigt in den Bus, im Schlepptau ein etwa sechsjähriges Mädchen, die etwa zweijährigen Zwillinge im Doppelkinderwagen. Sie trifft auf eine Bekannte, die alleine unterwegs ist. „Und, wie läufts bei dir?“, fragt die Mutter. „Schlecht“, antwortet die andere mit bekümmertem Gesichtsausdruck. „Ich bin seit zwei Wochen ohne Katze. Das Tier ist einfach so verschwunden. Jetzt habe ich nur noch eine. Meiner ist fast ausgerastet, als ich ihm erzählt habe, dass Trixi verschwunden ist.“ Es folgt ein kurzes Gespräch über verschwundene Katzen, dann eine längere Pause. „Bei dir läuft sicher viel mit deinen zwei Kleinen?“, bricht die allein Reisende das Schweigen. „Ja, der Kevin redet im Moment nur noch von Babies“, erzählt die Mutter und lächelt vielsagend. „Und bei dir? Wann denkt ihr an Nachwuchs?“ „Nachwuchs? Noch lange nicht. Mit meinen vielen Schulden liegt Nachwuchs nicht drin.“ Damit ist das Gespräch beendet, die Busfahrt aber noch lange nicht. Es scheint, als würden alle im Bus Anwesenden die Luft anhalten ob der Peinlichkeit der Situation. Das war wohl eine intime Frage zuviel.

Klischees

Die Reaktion ist unmissverständlich. Kaum hat man erwähnt, dass man ins Auge fasst, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ins Berufsleben einzusteigen, runzelt sich die Stirn des Gegenübers, die Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Person schnappt hörbar nach Luft. Und dann kommt sie, die Frage: „Wie stellst du dir das vor? Du hast doch genug Kinder.“ Die Skepsis legt sich auch nicht, wenn man erklärt, dass der Papa sich gerne an zwei oder drei Tagen die Woche um die Kinder kümmern will, dass er die Möglichkeit hat, sein Pensum zu reduzieren. Wohlgesinnte meinen dann, wir seien mutig, andere sagen gar nichts mehr und runzeln noch einmal die Stirn.

Es sind nicht etwa die alten Leute, die so reagiern. Auch nicht Chefs, die ein Problem damit haben, dass Frauen wieder ins Berufsleben einsteigen wollen. Nein, es sind Gleichaltrige, Mütter von einem, zwei oder vielleicht drei Kindern. Frauen, die meistens selber berufstätig sind und deren Kinder von der Grossmama betreut werden, währenddem sie bei der Arbeit sind.
Das Problem ist also nicht, dass man berufstätig sein möchte. Das Problem ist, dass man auch als Mutter von vielen Kindern noch andere Wünsche hat, als Windeln zu wechseln und laufende Nasen zu putzen. Warum darf nur eine Mutter mit einem oder zwei Kindern offen sagen, dass sie sich als Vollzeitmutter nicht zu hundert Prozent ausgefüllt fühlt? Spielt es plötzlich eine Rolle, ob der Papa oder die Mama zu Hause ist, wenn mehr als zwei Kinder betreut werden müssen?
Die Botschaft ist deutlich: Wer sich bei der Kinderzahl im Bereich des Durchschnitts bewegt, darf noch sein eigenes Leben leben. Wer mehr Kinder hat, soll sich gefälligst ans Klischee halten und schön brav das Muttchen am Herd spielen.