Lesetherapie

Tage wie heute übersteht man nur lesend. Der Himmel ist grau in grau, es ist zu kalt, um mit den Kindern nach draussen zu gehen. Ausserdem ist Dienstag. Das bedeutet, dass morgens drei, nachmittags fünf Kinder von mir unterhalten werden wollen und „Meiner“ erst spät nach Hause kommt. Mal ist Karlsson für eine Stunde weg, dann muss Luise zur Freundin begleitet und nach knapp zwei Stunden wieder abgeholt werden, dann bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat Besuch. Keine Chance für Mama, eine anständige Arbeit in Angriff zu nehmen.

Also schleiche ich den ganzen Tag mit einem Buch vor der Nase herum. Zum Glück habe ich gerade ein Neues. Das Oeuvre ist zwar nicht gerade nobelpreiswürdig, doch immerhin spannend genug, dass ich noch heute erfahren will, wer wen heiratet. Ausserdem ist der Plot seicht genung, dass man das Buch mitten im Satz in die Ecke schmeissen kann, wenn das Prinzchen im Begriff ist, in ein Kabel zu beissen. So ganz nebenbei gefragt: Kann mir mal jemand verraten, was an einem Kabel so spannend sein soll? Da liegen haufenweise babytaugliche Spielsachen herum, doch das Prinzchen steuert stets zielstrebig auf die Kabel los.

Jetzt aber zurück zum Buch. Zwei Dinge erschweren es mir, endlich zur letzten Seite zu gelangen. Erstens: Wie kann man lesend Fussböden putzen? Und an solchen Tagen muss man lesen beim Putzen, sonst wird’s frustrierend. Wann endlich erfindet ein kluger Kopf den Besen mit integrierter Buchhalterung? Ja, ich weiss, inzwischen gibt es Hörbücher. Doch wie soll man sich bei diesem Krach Hörbücher anhören? Das zweite Problem: Karlsson hat mich durchschaut. „Mama, du kannst nicht schon wieder Pause machen“, weist er mich zurecht, als ich mich wiedermal für fünf Minuten mit meinem Buch zurückziehe. Also schliesse ich mich ins WC ein. Dann sieht er nicht, dass ich am Lesen bin. Karlsson ahnt, dass ich lesen will: „Was machst du, wenn du mal dein Buch nicht findetst, wenn du aufs WC gehst? Du kannst ja nicht einfach in die Hose machen, bloss weil du dein Buch verlegt hast?“ Ein paar Momente später brüllt er: „Mama, du bist wieder am Lesen! Es ist jetzt fünf Minuten her, seit du die Toilette gespült hast und du bist immer noch im Badezimmer.“ Karlsson betrügen heisst, die Götter betrügen. Und was tut er, währenddem er mich zurechtweist? Sitzt auf dem Sofa und steckt seine Nase in ein Buch!

Nach so einem Nachmittag bietet sogar ein Elternabend eine willkommene Abwechslung. Zu dumm nur, dass ausschliesslich alte Hasen anwesend sind. Keine einfältigen Fragen, keine endlosen Diskussionen. Um halb acht bin ich schon wieder zu Hause. Zum Glück hat „Meiner“ die Kinder trotzdem schon alle im Bett, so kann ich wenigstens jetzt mein Buch fertig lesen.

Satire?

Die Frau am Telefon versteht die Welt nicht mehr. „Fünfundneunzig Prozent unserer Leser finden, der ‚Nebelspalter‘ sei heute viel lustiger als früher. Und jetzt kommen Sie und sagen, Ihnen hätte unser Blatt früher viel besser gefallen. Dabei können Sie noch gar nicht so alt sein.“ Es habe eben nicht jeder den gleichen Sinn für Humor, tröste ich sie und verzichte auf ein Abo.

Wie sollte ich auch ein Heft abonnieren, das mir bei vier Probenummern gerade  zwei mal ein müdes Lächeln entlockt hat? Einige der Witze erzählte mein Vater schon vor dreissig Jahren. Nur dass die Bundesräte in seinen Witzen noch nicht Maurer und Leuenberger, sondern Furgler und Minger hiessen.

Und überhaupt: Wenn ich Satire will, bin ich mit der Tageszeitung bereits bestens bedient. Sogar Promis hätten auf das Präparat geschworen, wundert sich ein Journalist in einem Artikel über ein dubioses Heilmittel. Ja, da kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sogar Promis, die sich doch allesamt durch Intelligenz und überlegtes Handeln hervortun, sind nicht davor gefeit, einem Scharlatan auf den Leim zu kriechen. Wenn schon unsere „Elite“ so naiv ist, wie steht es dann erst um uns Normalsterbliche?

Oder kann man die folgende Forderung wirklich ernst nehmen: Die Glückskette soll eine Spendenaktion durchführen, um die gebeutelte Industrie zu unterstützen? Wir Schweizer sollten uns solidarisch zeigen mit der Exportindustrie, findet Nationalrat Otto Ineichen. Ach, was sind wir doch für Egoisten! Wir verschleudern unsere Spendengelder für Tsunamiopfer, Erdbebengeschädigte und Menschen, die bei einer Überschwemmung solche Lappalien wie ihr Häuschen verloren haben. Und wenn dann mal einer wirklich Not leidet, haben wir keinen roten Rappen mehr übrig. Ein bisschen freigiebiger dürften wir schon sein.  Insbesondere da es der Industrie nie und nimmer in den Sinn käme, uns in unserem Elend sitzen zu lassen, sollte es uns einmal nicht so gut gehen.

Solange die Zeitungen voll sind mit solchen Meldungen braucht kein Mensch ein Satiremagazin. Und sollte die Tageszeitung für einmal nichts zum Lachen bieten, habe ich zum Glück noch den Zoowärter. Der fordert mich mit dem  ganzen Ernst eines Zweijährigen dazu auf, endlich meinen Federschmuck zu holen, um diese lästige Fliege zu beseitigen. Wahrscheinlich hat der Zoowärter den „Nebelspalter“ gelesen, der auch zwei Monate nach Steinbrücks Attacken über nichts anderes witzeln kann als über Indianer und Kavalleristen. Deshalb glaubt der Zoowärter jetzt, jeder Schweizer habe einen Federschmuck. Oder er hat einfach noch nicht begriffen, dass das Ding, mit dem man die Fliegen totschlägt, Fliegenklatsche heisst.

Bitte nicht loben

Jawohl, das meine ich ernst! Es ist doch einfach zum Heulen. Die Kinder legen ihr bestes Benehmen an den Tag, zeigen sich von ihrer besten Seite und du freust dich, dass du offenbar doch nicht alles falsch gemacht hast. Weil du solche Freude hast und du weisst, wie wichtig Lob für Kinder ist, sagst du ihnen, wie stolz du auf sie bist und wie toll du es findest, dass sie ihre Sache so gut machen. Du lobst was das Zeug hält. Und welche Schlussfolgerung ziehen die lieben Kinderlein daraus? Sie denken, sie hätten alles falsch gemacht, hätten sich daneben benommen, und sie glauben, dir zeigen zu müssen, dass sie auch anders können.

Heute war wiedermal so eine Situation. Die Nonna hat Lust in die Stadt zu gehen, also ziehen wir alle zusammen los. Ein kurzer Streifzug durch die Läden, ein etwas längerer über den Markt. Die Kinder benehmen sich tadellos, kaufen  sich mit dem von der Nonna spendierten Fünfliber Knoblauchwürste und hausgemachten Himbeersirup anstelle von Süssigkeiten. Zur Belohnung gibt’s ein Mittagessen im Migrosrestaurant. Auch hier führen sich die lieben Kleinen tadellos auf (zumindest, nachdem sie vor vollen Tellern sitzen). Einzig der etwa einjährige Bruuunò! vom Nebentisch nervt, beziehungweise seine Mutter, die ständig brüllt: „Bruuunò, vieni qui! Bruuunò, non gridare! Non toccare, Bruuunò! Prendi la macchinina, Bruuunò!“.

Eine ziemlich idyllische Mittagspause also. Bis diese alte Frau auftaucht. Wie das doch schön sei, diesen artigen Kindern beim Essen zuzuschauen! Und an die artigen Kinder gewandt: „Gelt, Kinderlein, ihr macht eurer Mama und eurem Papa weiterhin so viel Freude.“ Die artigen Kinder nicken brav, „Meiner“ und ich starren betreten zu Boden. Wir wissen genau, was jetzt folgen wird. Und tatsächlich: Kaum ist die Frau verschwunden, geht’s los. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat beginnen damit, die Stühle vom Nachbartisch mit grossem Krach über den Boden zu schieben. Luise stänkert lauthals, sie wolle jetzt endlich gehen. Karlsson motzt, die Oliven seien scheusslich. Ja sogar das Prinzchen macht mit und schmeisst beinahe den Servierwagen um. Bruuunò! vom Nebentisch wird plötzlich ganz still. Diese Kinder hier sind ja noch lauter als seine Mama!

Hätte die alte Frau doch bloss nichts gesagt! Sie hätte den Kindern doch wirklich nicht unter die Nase reiben müssen, dass sie von ihnen eigentlich ein anderes Verhalten erwartet hätte. Demnächst hängen wir unseren Kindern ein Schild um den Hals: „Bitte nicht loben!“. Wer unsere Kinder loben möchte, soll es uns ins Ohr flüstern. Oder uns unauffällig ein Post-it zustecken. Wir garantieren, dass wir das Lob an unsere Kinder weiterleiten werden. Spät abends werden wir ihnen erzählen, welch schöne Dinge die Leute über sie gesagt haben. Nach fast neun Jahren Elternschaft haben wir uns das Sprichwort „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ zu Herzen genommen. Gelobt wird erst, wenn die Kinder zu müde sind, um sich Dummheiten auszudenken (mal abgesehen vom kleinen Lob für Zwischendurch zum Überstehen des Tages). Dann aber ausgiebig. Das haben sie nämlich verdient.

Bitte recht freundlich

Der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich sind aus unseren Identitätskarten herausgewachsen, das Prinzchen braucht seine Erste. Lange liess sich die Sache herauszögern, doch langsam drängt die Zeit. Sonst wird nichts aus den Sommerferien. Also ab zum nächsten Fotografen. Doch der will nichts wissen von Passfotos. Die Maschine sei kaputt. Dann eben zum Nächsten.

Damit das Prinzchen nicht allzu lange still sitzen muss, kommt er zuerst dran. Anfangs läuft alles bestens. Bis die Fotografin wissen will, ob wir nicht dafür sorgen könnten, dass das Prinzchen seinen Mund geschlossen hält. Selbstverständlich können wir das. Wenn sie uns eine Rolle Klebeband zur Verfügung stellt. Bloss sind wir nicht sicher, ob das Bild dann noch durchgeht, oder ob unser Prinzchen zum Terroristen abgestempelt wird, bevor er laufen kann.

Schliesslich lässt die Fotografin die Bilder auch mit offenem Mund gelten und bittet den FeuerwehrRitterRömerPiraten auf den Stuhl. Mit finsterer Miene sitzt er da, was aber niemand sehen kann, weil er unverwandt auf seine Schuhspitzen starrt. All unser Drohen, wenn er nicht mitmache, könnten wir nicht in die Ferien fahren, hilft nichts. Stur starrt er vor sich hin. Also kommt Mama dran. Vielleicht merkt dann der FeuerwehrRitterRömerPirat, dass Fotografieren nicht weh tut.

Ich habe keine Angst vor der Kamera. Dafür aber vor den Bildern. Ist die Frau auf dem Bild tatsächlich die Gleiche wie die auf der alten Identitätskarte? Auf dem alten Foto war noch nichts von diesem neckischen Doppelkinn zu sehen. Und auch die Augenringe waren damals noch nicht da. Nun, zwischen den beiden Bildern liegen elf Jahre, fünf Schwangerschaften, zahllose schlaflose Nächte und ein paar klitzekleine Enttäuschungen. Aber dass man dies alles einem Passbild ansieht, ist erschreckend. Wahrscheinlich hat Ephraim Kishon recht: Wenn man beginnt, seinem Passbild zu ähneln,  ist es höchste Zeit wegzufahren. Vielleicht hätten wir die Bilder erst nach den Ferien machen lassen sollen. Aber ohne neue Identitätskarte keine Reise und ohne neues Bild keine neue Identitätskarte.

Als „Meiner“ die Fotos sieht, meint er, ich sollte vielleicht noch einmal posieren. Doch leider wird der Kopf auf einem neuen Bild immer noch der Gleiche sein, also kann man die Bilder lassen, wie sie sind. Obschon natürlich immer die nagende Ungewissheit bleibt, ob der Chef der Einwohnerkontrolle diese akzeptieren wird. Normalerweise schaut er sich die Fotos mit ernster Miene an und brummt: „Da bin ich mir aber nicht sicher, ob diese Bilder durchkommen.“ Wenn man ihm dann versichert, dass die Fotografin aber alles nach Vorschrift gemacht habe, runzelt er die Stirn und meint, man könne es ja einmal probieren, wir sollten uns aber nicht wundern, wenn wir nochmals zum Fotografen müssten. Bloss das nicht!

Irgendwann haben wir alle Fotos, auf der Einwohnerkontrolle wird man für einmal sogar freundlich empfangen und schliesslich sind die Karten  bestellt und bezahlt. (Macht insgesamt 125 Franken plus dreimal fünf Franken Gebühr fürs Einschreiben, damit jede Karte separat an die gleiche Adresse zugestellt werden kann. Es lebe die Bürokratie!)

Zu Hause wird feierlich ein oranges Post-it entsorgt. Jetzt bleiben bloss noch etwas 498. Das muss gefeiert werden!

Post-it-Tage

Es ist mal wieder Post-it-Zeit. Jene wunderbare Zeit im Jahr, in der die ganze Wohnung vollgepflastert ist mit orangefarbenen Post-it-Notizen, damit man vor lauter ausserordentlichen Terminen das Alltagsgeschäft nicht vergisst. Schuljaresende. Mehr müsste man dazu eigentlich gar nicht sagen. Um aber jenen, die noch nicht in der Mühle des Schulsystems stecken, einen Vorgeschmack  darauf zu geben, was auf sie wartet, wollen wir hier ein wenig ins Detail gehen. Die anderen sind gebeten, hier nicht mehr weiterzulesen. Sonst bringen sie ihre eigenen Termine mit Vendittis Terminen durcheinander und geraten in Stress, weil sie meinen, sie müssten auch noch das Datum von Luises Kindergarten-Abschlussfeier im Kopf behalten.

Die Post-it-Tage beginnen spätestens Ende Mai. Es fängt ganz harmlos an mit des Zoowärters Besuchsmorgen in der Spielgruppe. Da die Spielgruppenleiterin Mutter ist, weiss sie eben ganz genau, dass man solche Termine am besten frühzeitig organisiert. Sonst begleiten  die gestressten mehrfachen Mütter plötzlich ihren Teenager zum Schnuppern in die Spielgruppe und schicken ihren Zweijährigen in die Schnupperlehre beim Elektriker.

Nach dem Schnuppermorgen geht es dann so richtig los. Musikschulkonzert für die Geigenschüler mit zusätzlichen Proben, damit es nicht zu langweilig wird, Musikschulkonzert für die Musikgrundschüler und die Geigenschüler, zusätzliche Geigenproben für die Theateraufführung, Kindergartenreise, Schulausflug, Kindergartenausflug (zweimal mit Wurstbräteln, einmal ohne, immer mit reichlich Zeckenspray), Schnuppermorgen im Kindergarten mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, Schnuppermorgen bei den neuen Lehrerinnen für Karlsson und Luise (hier zählt nicht die physische Anwesenheit der Mama, sondern die moralische Unterstützung) Infoabend mit der Schulleitung, Elternabend, Abschiedsgeschenke-Basteln für die diversen Lehrerinnen (je nach Organisationstalent der Initiantin chaotisch oder perfekt gemanagt ), Einordnen der provisorischen Stundenpläne, Telefonlisten und Klassenlisten für das kommende Schuljahr (wobei man höllisch aufpassen muss, dass man nicht die Liste mit den Finalisten für den „Schnellsten Schönenwerder“ für die Telefonliste hält, was eine panische Suchaktion irgendwann im Herbst nach sich ziehen würde), Abschlussfeiern in Spielgruppe, Kindergarten und Schule, Schulhausfest, vorgezogene Geburtstagsparty für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, Nervenzusammenbruch.

Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es ist auch nicht gerade hilfreich, dass „Meiner“ ebenfalls Teil des Schulsystems ist. Mit seinen Projektwochen, Stundenplansitzungen, Zirkusvorführungen und Elterngesprächen, die alle auch noch vor Schuljahresende stattfinden müssen, verbaut er mir so manchen Termin. Und plötzlich stehe ich da ohne Babysitter, wenn ich doch eigentlich mit Luise zum  Augenarzt müsste. Und Augenarzttermine hinterfragt man nicht. Die nimmt man, wie man sie bekommt und wäre es um elf Uhr abends. Ist aber auch zu dumm, dass Luise  ausgerechnet in der Post-it-Zeit ihr Auge verletzen musste. Karlsson hat letztes Jahr seinen geplatzten Blinddarm wenigstens auf die Sommerferien  verlegt. Aber Karlsson steckt ja auch schon länger im System. So lange, dass auch er damit beginnt, die Wände mit Post-its vollzupflastern.

Damit uns in diesem stetigen Alltagstrott des immer Gleichen nicht zu langweilig wird, haben wir uns für diesen Sommer einen ganz besonderen Kick ausgedacht. Wir erweitern unseren Wohnraum um ein Stockwerk. So können wir das unendliche Warten zwischen zwei Terminen mit dem Ausmisten der Zimmer und dem Packen von Schachteln verkürzen. Weshalb wir mehr Wohnraum brauchen? Nun, so langsam geht uns der Platz für die Post-its aus. Deshalb müssen wir an die Zukunft denken. Immerhin stehen wir ja erst am Anfang. Das Prinzchen, zum Beispiel, hat noch fast gar keine Termine.

Ach ja, und weil das alles doch ein bisschen langweilig ist, hat „Meiner“ neulich unseren Globi-Familienplaner (der einzige, der genügend Spalten hat, darum Globi) für ein paar Tage in den Malkeller verschleppt. Post-it- Tage ohne Unterstützung des Familienplaners, das Höchste der Gefühle!

Ist der Ruf erst ruiniert…

Schon von Weitem ist das Geschrei zu hören, als Lusie und ich vom Arztbesuch zurückkommen. Was ist denn mit Karlsson los? Ist er von der Leiter gefallen, hat er sich etwas gebrochen oder ist er gar in ein Auto gerannt? Panisch renne ich die Treppe hoch. Dort treffe ich einen schreienden Karlsson an, der mit weit aufgerissenen Augen auf seinen blutenden Fuss starrt. Mein kleiner Karlsson, der vor einem Jahr zwei Tage lang ohne zu Klagen mit einem geplatzten Blinddarm unterwegs war, brüllt sich die Seele aus dem Leib, weil er auf eine Scherbe getreten ist.

Das Gebrüll ist so laut, dass sogar Karlssons Tante, die zufällig am Haus vorbeigeht, in Panik die Treppe hochgestürmt kommt. Offen gestanden erstaunt es mich, dass nicht auch gleich die Polizei, das Sozialamt und die Kinderschutzgruppe auf der Matte stehen. So ein Geschrei kann doch nur ein Kind machen, das aufs Gröbste misshandelt wird, würde man denken.

Doch bei uns ist es umgekehrt: Karlsson misshandelt uns, tritt nach jedem, der seinen Fuss nur anschauen will und brüllt, dass einem die Ohren gellen. Zuerst gibt die Tante auf. Sie muss ja auch schon längst dafür sorgen, dass ihre Familie etwas zwischen die Zähne bekommt. Dann zieht sich Luise zurück, die bei diesem Lärm nicht mal verkünden kann, dass der Augenarzt mit dem Heilungsprozess ihres Auges ganz zufrieden ist. Schliesslich wissen „Meiner“ und ich uns nicht mehr anders zu helfen, als das störrische Kind zu zweit zu bändigen. Als der Glassplitter nach einem schweisstreibenden Kampf endlich draussen ist, heult der Zoowärter aus Angst, der FeuerwehrRitterRömerPirat vor Wut und das Prinzchen, weil er aus dem Schlaf gerissen worden ist. „Meiner“ und ich sind ebenfalls den Tränen nahe. Nur Karlsson sitzt schweissüberströmt aber vollkommen zufrieden auf dem Sofa. Eigentlich war die „Operation“  ja gar nicht so schlimm, findet er.

Fragt sich bloss, wie wir nach diesem Geschrei unseren guten Ruf in der Nachbarschaft wieder aufbauen können.

Widersprüche

Zugegeben, die Beiträge von gestern und vorgestern stehen schon ein bisschen im Widerspruch zueinander. Vorgestern zeige ich mit dem Finger auf Eltern, die ihren Kindern nichts beibringen und sie vor der Glotze vergammeln lassen. Gestern will ich meine Kinder mit Glotzen vom Schwimmen abhalten, nur weil ich zu faul bin, mich am Sonntagnachmittag zum Fleischmarkt, auch Schwimmbad genannt, zu begeben.

Das ist es doch genau, womit wir Eltern immer wieder zu kämpfen haben. Wir wollen unseren Kindern beibrizungen, alles mit Bedacht anzugehen und sich nicht hetzen zu lassen. Gleichzeitig treiben wir sie den ganzen Tag an. Beeil dich! Mach vorwärts! Wir kommen zu spät. Wir predigen unseren Kindern, dass jedes Lebewesen wertvoll ist. Ist der Küchenboden dann mit Maden übersät, kreischen wir wie Teenager und töten die Biester mit dem Wallholz. Wir moralisieren, dass es immer das Beste sei, die Wahrheit zu sagen und zwei Tage später ertappen uns die Kinder dabei, wie wir die Geschichte, wie der Badezimmerspiegel in die Brüche geganen ist, beschönigen.

An dieser Stelle kann ich ja zugeben, dass es ein Wutanfall war. Und zwar einer von mir. Ach ja,  die zerbrochene Haarbürste geht auch auf mein Konto. Und dass das letzte Tafelservice nur zwei Jahre gehalten hat, liegt auch zu einem grossen Teil an meinem aufbrausenden Temperament. Ich sag’s meinen Kindern ja immer wieder:  Wütendwerden ist okay, in der Wut Gegenstände zerstören ist nicht okay. Warum nur glauben sie mir nicht?

Drückeberger

Gewöhnlich sind es ja die Kinder, die eine Ausrede nach der anderen bringen, wenn wir etwas von ihnen wollen. Räumt bitte das Zimmer auf! Geht nicht. Luise hat nämlich plötzlich so einen Juckreiz am Ohr, Karlsson muss dringend noch etwas im Garten suchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist am Verhungern, obschon wir vor fünf Minuten fertig gegessen haben. Passt mir mal schnell einer fünf Minuten auf das Prinzchen auf? Aber Mama, siehst du denn nicht, dass wir gerade so schön am Spielen sind? Wenn wir jetzt unterbrechen müssen, wissen wir nachher nicht mehr, wer welche Rolle spielt. Aber Pelati aus dem Keller holen könnt ihr mir? Wie bitte? Sind wir denn deine Sklaven?

Heute war es für einmal umgekehrt. Schon um die Mittagszeit begannen die Kinder zu quengeln, weil sie ins Freibad wollten. Ins Freibad bei diesem Wetter? Wissen unsere Kinder denn nicht, dass bei dieser Hitze alles, was zwei Beine hat, sich ins Schwimmbad aufmacht? Es ist ja nicht so, dass wir grundsätzlich etwas gegen Schwimmbäder hätten. Im Gegenteil. Ich sehne mich schon lange danach, mal wieder einen ganzen Kilometer am Stück zu schwimmen. Doch Schwimmbad mit fünf Kindern bedeutet, dass Karlsson vom Sprungbrett springen will, Luise ihre Taucherbrille ausprobieren will, der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich Angst vor dem Wasser bekommt, der Zoowärter sich mit nasser Badewindel im Sandkasten paniert und das Prinzchen brüllt, weil er sich als Herbstkind in dieser Hitze nicht wohlfühlt.

Keine sonderlich verlockenden Aussichten für einen Sonntagnachmittag. Deshalb beginnen „Meiner“ und ich, nach Ausreden zu suchen. Am Anfang ist es ja noch einfach. Nachmittags um drei hat es einfach zu viele Leute im Schwimmbad, also vertrösten wir die Kinder auf später. Doch sie lassen nicht locker. „Wollt ihr denn nicht lieber den Film schauen, den ihr gestern in der Bibliothek ausgeliehen habt?“ Nein, wollen sie nicht. Und überhaupt, für wie blöd halten wir unsere Kinder? Predigen wir doch schon seit Jahren, bei schönem Wetter sitze man nicht vor der Glotze. Und jetzt sollen sie glauben, dass wir ihnen eine Stunde glotzen so ganz ohne Hintergedanken gewähren. Das Gejammer geht weiter und fast werden wir weich. Doch da ziehen Wolken am Himmel auf. „Schaut Kinder, gleich beginnt es zu regnen. Wir bleiben zu Hause.“ Schreckt sie das ab? Nicht im Geringsten. Die paar Regentropfen halten doch keinen kleinen Venditti vom Baden ab. Jetzt fällt uns keine Ausrede mehr ein, die Taschen werden gepackt. Sieg für die Kinder!

Beinahe. Plötzlich kommt Wind auf, es wird wirklich kühl. Laut zugeben wollen es die Kinder zwar nicht, doch die Lust aufs Baden ist ihnen vergangen. Dreimal raten, wer Schuld daran ist, dass das Wetter so plötzlich umgeschlagen hat…

Achtung, Gefahr!

„WARNUNG: Flasche nur unter Aufsicht geben. Nie Dauernuckeln. (Gebrauchsanweisung beachten)“.  „Die Zecken treiben wieder ihr Unwesen. Vergessen Sie bitte nicht, Ihr Kind mit Zeckenspray einzusprühen und nur mit langen Hosen in den Wald zu schicken.“ „Achtung! Verschluckbare Kleinteile. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet.“

An jeder Ecke lauert die Gefahr. In den Babyflaschen, im hausgemachten Babybrei, im Verpackungsmaterial des fertig gekauften Babybreis, in der Spielzeugkiste, an der Sonne, in der Sonnencrème, im Unterholz, auf den Bäumen, einfach überall. Wer überhaupt noch den Mut hat, bei all den Warnungen ein Kind auf die Welt zu stellen, soll dieses bitte rund um die Uhr in Watte verpackt halten, damit ihm nichts passieren kann.

Als Folge von all diesen Warnungen haben wir Heerscharen von panischen Müttern. Solche, die Angst haben, ihr Kind in eine Spielgruppe mit Aussenspielplatz zu schicken, weil ihm dort etwas passieren könnte. Solche, die ihr Kind in die Schule chauffieren, damit es nicht entführt wird. Solche, die verhindern, dass ihr Kind je schwimmen lernt, weil es dabei ertrinken  könnte.  Solche, die das Kind keine Glace schlecken lassen, weil es sonst fettleibig werden könnte.

Dass das Kind nur darum fettleibig wird, weil es nicht mehr im Wald herumstrolchen und nicht Velofahren darf, kommt keiner überbesorgten Mama in den Sinn. Forscher vermuten ja jetzt, an der Zunahme der Fettleibigkeit sei Bisphenol A schuld. Und das findet sich ja in Babyflaschen und Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln. Folglich geben wir den Kindern am besten gar nichts mehr zu essen. Parkieren wir sie doch vor dem Computer oder dem Fernseher. Dort sind sie geschützt vor sämtlichen Gefahren, die in der Natur und in der Nahrung lauern.

Das Parkieren vor dem Computer hat ausserdem einen sehr nützlichen Nebeneffekt: Die Kinder können üben, wie man sich in der von allen Gefahren befreiten Welt am besten durchschlägt. Das ist viel wichtiger als Schwimmenlernen und Velofahren. Du musst auf deinem Computer nur das richtige Spiel installierern und schon weiss dein Kind, wie es in Zukunft seinem Gegner, früher Klassenkamerad genannt, begegnen soll. Und sollte dein Kind je auf die Idee kommen, einen seiner Gegner auf dem Schulhof an einem Baum aufzuknüpfen, ist das auch nicht so schlimm. Solch harmlose Bubenstreiche gehören doch einfach zur Kindheit, nicht wahr?

Es gibt ja auch Pessimisten, die behaupten, die Kinder kämen bloss auf solche Ideen, weil sie in den Computerspielen und im Fernsehen mit so viel Gewalt konfrontiert würden. Wie abwegig! Was könnte an diesem harmlosen Vergnügen so schlimm sein? Ist doch das ideale Spielzeug: Keine verschluckbaren Kleinteile. Im gut abgedunkelten Kinderzimmer scheint auch  nicht die ach so gefährliche Sonne und es gibt keine Zecken. Und in den Chips, die das Kind dabei isst, hats bestimmt kein Bisphenol A. Erstaunlich, dass all die Generationen vor uns noch nicht draufgekommen sind, wo die Kinder am sichersten sind.

Und überhaupt: Was kann an einem zünftigen Computerspiel oder einem actiongeladenen Film so gefährlich sein? Papa enstpannt sich ja auch so wunderbar vom täglichen Hahnenkampf im Büro, wenn er am Bildschirm mal so richtig drauflossballern darf, oder zumindest dabei zusehen darf, wie es andere tun. „Meiner“ übrigens nicht. Aber der arbeitet ja nicht im Büro, sondern bemüht sich Tag für Tag darum, in der Schule die in Watte verpackten Kinder auszupacken und ihnen Schwimmen und Velofahren beizubrinen.

Wie schaffen die das bloss?

Eiagentlich hatte ich mir ja den heutigen Feiertag etwas anders vorgestellt. Zwar bin ich, – obschon ein gläubiger Mensch, – mit keiner Faser meines Wesens katholisch. Ausserdem muss ich jedes Jahr aufs Neue nachlesen, was an Fronleichnam eigentlich gefeiert wird, weil ich es immer wieder vergesse. Dennoch achte ich streng darauf, diesen Feiertag würdig zu begehen, zumindest was das Nichtstun betrifft. Was gibt es Schöneres, als die Ruhe im Garten zu geniessen, wenn alle meine katholischen Nachbarn zur obligaten Einkaufs-Prozession nach Aarau gepilgert sind und die, die zu Hause geblieben sind, den Rasen nicht mähen dürfen?

Doch ausgerechnet heute musste „Meiner“ trotz seines freien Nachmittags nochmals zur Arbeit fahren. Im Ostaargau scheren die sich eben einen Dreck um unsere Feiertage. Wenigstens nahm „Meiner“ die drei Grossen mit. Dann eben Fronleichnam mit den zwei Kleinen. Könnte ganz entspannend sein, dachte ich.

Entspannend? Habe ich denn schon vergessen, wie es ist, mit einem Baby und einem Zweijährigen allein zu sein? Ganz ohne die grossen Geschwister, die als zuverlässige Wachposten jeden Fehltritt des Zoowärters melden. Kaum ist „Meiner“ mit den drei Grossen weggefahren, geht es los. Zuerst einmal ist das Telefon dran. Der Zoowärter rennt damit durch die ganze Wohnung und drückt wahllos Knöpfe.  Mit dem vollen Breilöffel des Prinzchens bewaffnet, renne ich dem Zoowärter nach, doch schon bald muss ich aufgeben, denn das Prinzchen  schreit herzerweichend seinem Brei hinterher. Das Telefon finde ich erst Stunden später wieder, als es leise unter des Prinzchens Bettdecke schellt.

Schnell wird mir klar, dass heute nichts wird mit Faulenzen im Garten. Also Kinderzimmerräumen. Aber ich habe nicht mit dem Prinzchen gerechnet, der seit einigen Tagen schon ziemlich weit herumkommt. All die kleinen Gegenstände, die vor einer Woche noch keine Gefahr waren für ihn, sind heute eine lebensgefährliche Falle. Somit ist auch die Aufräumaktion schnell beendet. Zumindest die aussortierte Ware in den Keller zu transportieren sollte jedoch möglich sein. Denkste! Als ich wieder oben angekommen bin, hat der Zoowärter den Küchenboden mit einer klebrigen Mischung aus Teigwarenmehl und Putzwasser verziert. Also ab zum Säubern. Der Kleine möchte aber lieber weiter schmieren, kriegt einen Wutanfall und erbricht vor lauter Schreien das ganze Mittagessen auf den Fussboden. Schreiendes Kind duschen, Boden putzen, schreiendes Kind in saubere Kleider stecken, Prinzchen wickeln und dann erschöpft aufs Sofa sinken. Für genau dreissig Sekunden. Denn inzwischen hat der Zoowärter einen Schmetterling aus rosarotem Seidenpapier in die Finger gekriegt. Unglaublich, was für schöne Flecken dieser Schmetterling auf den unversiegelten Holzboden  zaubert, wenn er nass ist! Dies zumindest findet der Zoowärter.

Nach drei Stunden mit den beiden Kleinen bin ich mit den Nerven am Ende. Und so erschöpft, dass ich am liebsten gleich ins Bett sinken würde. Doch der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Wie schaffen das die anderen Mütter, frage ich mich? Diejenigen, die keine grösseren Kinder haben, die lauthals schreien, sobald der Kleine im Begriff ist, eine Dummheit zu begehen? Hätte ich „nur“ zwei Kinder, ich wäre wohl schon längst durchgedreht…

Und noch eine Frage bleibt: Wo um Himmels Willen hat der Zoowärter die elektrischen Zahnbürsten versteckt?!