Was ich mir für 2017 wünschen würde

  • Dass Frieden wieder als ein absolut erstrebenswerter Zustand betrachtet wird und nicht als ein vollkommen veraltetes Konzept für Memmen, die es nicht wagen, anderen aufs Dach zu geben.
  • Dass Kinder ihre unheimliche Fähigkeit verlieren, jede Ersatzpackung Zahnbürsten sofort aufzuspüren und aufzureissen. (Selbstverständlich gilt dieser Wunsch für jede beliebige Art von Ersatzpackungen, die man irgendwo versteckt, in der Hoffnung, Ersatz zur Hand zu haben, wenn es mal dringend nötig wäre.)
  • Dass es wieder möglich wird, unterschiedliche Meinungen zu vertreten, hitzig zu diskutieren und einander trotzdem zu mögen.
  • Dass Pokémonologie zum Pflichtfach an jeder Schule erklärt wird, weil nur so eine gewisse Möglichkeit besteht, dass die Knöpfe endlich ihr Interesse an den Viechern verlieren.
  • Weniger Religiosität und mehr echten Glauben.
  • Dass das Denken über die eigene Nasenspitze hinaus wieder richtig in Mode kommt.
  • Die Abschaffung von Überraschungseiern, als Kokosnüsse getarnten Aludosen, Wochendendtrips nach New York, in Plastik geschweissten Gurken und anderem Blödsinn.
  • Eine Extraportion Nächstenliebe für jeden Menschen auf diesem Planeten.
  • Regen
  • Gemeinsame Mahlzeiten, bei denen nicht einer motzt.
  • Dass soziale Medien nicht immer asozialer werden. (Also, ich meine jetzt nicht, weil alle nur noch auf ihre Displays starren…)
  • Dass alle Kinder lernen, Blumenkohl zu lieben (Für den Anfang reichen auch zwei oder drei. Hauptsache, der Zoowärter muss sich nicht immer so unverstanden fühlen, wenn er von seiner Leibspeise schwärmt.)
  • Dass der Wahnsinn, der in letzter Zeit so furchtbar modern ist, ein Ende findet, bevor wir glauben, er sei ganz und gar normal.
  • Dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die mitdenken und mitgestalten, anstatt einfach nur mitzulaufen.
  • Mindestens einen Abstimmungssonntag, an dem ich nicht Trübsal blasen muss.
  • Friede, Freude, Eierkuchen – aber echt jetzt!

img_9547

Der weibliche Teenager während der Schulferien

Vor längerer Zeit habe ich mal beschrieben, wie der männliche Teenager seine Schulferien hinter sich bringt. Heute möchte ich darüber berichten, wie das beim weiblichen Teenager vor sich geht:

Zu sehen bekommt man den weiblichen Teenager allerfrühestens vor dem Mittagessen, manchmal auch erst gegen 14 Uhr. Wortkarg macht sie sich am Küchenschrank zu schaffen. Sind Cornflakes da, füllt sie sich eine Schale und verschwindet wieder in ihrem Zimmer. Sind keine Cornflakes da, schimpft sie lauthals auf ihre Brüder, die immer alles wegfressen und schnappt sich sonst etwas Essbares, um damit im Zimmer zu verschwinden. Da auch alle anderen spät gefrühstückt haben, beschliesst du, heute aufs Kochen zu verzichten. Ein Entscheid, den du Mitte Nachmittag bitter bereuen wirst, weil dann ein ziemlich übel gelaunter weiblicher Teenager wissen will, ob du gedenkst, heute vielleicht irgendwann eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen.

Mit einem anständigen Zvieri lässt sich der knurrende Magen und damit der ganze Teenager besänftigen und du kannst dich wieder anderen Dingen zuwenden, denn sie muss sich jetzt der Körperpflege widmen. Gegen Abend ist sie nicht nur frisch geduscht, sauber angezogen und artig frisiert, sie hat auch ganz ohne deine Ermahnungen das unter Wasser stehende Badezimmer wieder sauber gemacht. Dann verschwindet sie wieder in ihrem Zimmer, das sie erst wieder verlässt, wenn sie zum Abendessen gerufen wird. In der Regel stochert sie bloss ein wenig in ihrem Teller rum, denn das späte Frühstück und der anständige Zvieri sind noch nicht ganz verdaut. Nachdem sie ihr Geschirr weggeräumt hat, verschwindet sie wieder nach oben, bis die kleinen Brüder in ihren Betten sind.

Irgendwann, so zwischen halb neun und halb elf, kommst du auf die Idee, du könntest dir jetzt allmählich den Feierabend gönnen. Du brauchst das nicht laut zu sagen, es reicht schon aus, es nur zu denken und schon kommt der weibliche Teenager frisch und munter angetrabt. Ist der grosse Bruder zu Hause, steigt in der Küche eine laute, lustige spätabendliche Party, die erst ein Ende nimmt, wenn ein entnervter Elternteil dem lustigen Treiben mit einer Standpauke ein Ende setzt. Ist der grosse Bruder nicht zu Hause, macht sie sich eben mit dir einen netten Abend. Sie hat dir ja soooooo viel zu erzählen. Vielleicht lässt du dich sogar zu einem Film oder zu einer Runde Online-Shopping überreden. Oder du hast ein paar Tipps für sie auf Lager, wie es ihr am nächsten Tag wohl am besten gelingen könnte, endlich ihr Zimmer aufzuräumen, denn das will sie in diesen Ferien unbedingt erledigen.

Auf alle Fälle hat sie jetzt richtig Lust, Zeit mit ihrer Mama zu verbringen. An guten Tagen freust du dich über die späte Mama-Tochter-Zeit, an weniger guten Tagen siehst du dich dazu gezwungen, ihr unmissverständlich klar zu machen, dass du morgen früh wieder zu sprechen wärest, wenn sie denn wach wäre. So oder so wirst du noch bis tief in die Nacht hinein von ihr hören, denn wenn ihr Tag erst nach dem Mittagessen so richtig angefangen hat, kann man ja wohl kaum erwarten, dass er bereits vor Mitternacht wieder zu Ende ist. 

img_2839

 

 

 Fast schon Etikettenschwindel

Wer – wie ich – regelmässig auf Pinterest nach vegetarischen Rezepten und Tipps für den Biogarten sucht, wird früher oder später mit Clean-Eating-Pins regelrecht überschwemmt. Irgendwie scheint der Algorithmus zu glauben, wer fleischlos und mehr oder weniger naturnah unterwegs ist, sei damit automatisch am aktuellen Ernährungshype – an dem in Tat und Wahrheit nur der Name neu ist – interessiert. Um den Algorithmus nicht zu beleidigen, habe ich mir einen dieser Pins etwas näher angeschaut. Das Thema war „Clean Baking“und die Frage lautete, wie man all die bösen, raffinierten Backzutaten durch „saubere“ Alternativen ersetzt.

Anstelle von dreckigem Weissmehl solle man Mandelmehl verwenden, hiess es da zum Beispiel. Böse Butter müsse durch Kokosöl, Mandelmus oder Erdnussbutter ersetzt werden, fieser Zucker durch Ahornsirup, Datteln oder zerdrückte Bananen. Das Ei vom Bauernhof soll durch Chiasamen und Wasser ausgetauscht werden. Natürlich stehen auf der Liste auch ein paar einheimische Zutaten, aber ein Grossteil der aufgeführten Alternativen wird ziemlich weit hergeholt und wächst ganz bestimmt nicht in den urbanen Gärten der sauberen Esser.

Gesünder und vollwertiger als der ganze raffinierte Mist, den wir in uns hinein schaufeln, ist das ganz bestimmt. Aber „sauber“? Nicht dass ich grundsätzlich etwas gegen Kokosöl, Mandelmehl, Bananen, Chiasamen und der gleichen hätte, und gegen bewusste Ernährung habe ich erst recht nichts einzuwenden. Aber spätestens wenn man sich mal ein paar Gedanken darüber macht, auf welchem Wege diese Dinge in unsere Küchen gelangen, müsste einem dämmern, dass die ganze „Sauberkeit“ schnell einmal durch ziemlich dreckige Luft, Wassermangel und andere Umweltsünden zunichte gemacht wird.

Aber wer will denn schon darüber nachdenken? Wo es doch so erbauend ist, sich selber bei jeder Mahlzeit sagen zu dürfen, was für ein guter Mensch man ist, weil man sich so ganz und gar rein ernährt.

img_2833

Weshalb es hier so still war

Natürlich hätte ich etwas schreiben können. Aber das wäre dann ein endloses Gejammer geworden über den aggressiven Käfer, der mich ausgerechnet jetzt so lange ausser Gefecht gesetzt hat. Vielleicht auch eine wüste Schimpftirade über die Ärztin, die es wichtiger findet, mein Gewicht zu kritisieren, als sich meines Käfers anzunehmen. Möglicherweise auch ein ausgiebiges Bad im Selbstmitleid, weil man sich doch die Weihnachtstage so anders wünscht. 

Gejammer, Schimpftirade, Selbstmitleid – all das scheint mir wenig angebracht, wenn die Nachrichten voll sind von echtem Elend. Klar, nur weil es anderen sehr viel dreckiger geht, kommt unser Leben noch lange nicht ohne seine Herausforderungen aus und in der Regel finde ich es auch in Ordnung, darüber zu berichten. Doch nur, wenn es mir gelingt, den Lesern mit dem Geschriebenen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern oder sie einen Moment lang zum Nachdenken zu bewegen. Weil ich aber sowohl für Humoristisches als auch für Tiefgründiges zu schlapp war, habe ich eben geschwiegen.

Glaubt mir, es war besser so, denn mein Gejammer hättet ihr wirklich nicht lesen wollen. 

enlight1

Nur schnell einen Termin vereinbaren

Es liegt mir fern, zu behaupten, früher sei alles besser gewesen (auch wenn man sich in diesen trüben Tagen unbeschwertere Zeiten herbeisehnt), aber wenn ich mir überlege, was man heute alles auf sich nehmen muss, um einen ganz banalen Arzttermin zu bekommen, sehne ich mich schon fast ein wenig nach dem griesgrämigen, hochnäsigen Hausarzt aus Kindertagen. Nun gut, ihn wünsche ich mir eigentlich nicht zurück, denn er war wirklich ein ausgesprochen unsympathischer Zeitgenosse, aber das simple Prozedere, das damals noch möglich war, um zu ihm zu gelangen, das fand ich eigentlich ganz nett.

Das ging damals nämlich so:

Waren wir krank, blieben wir im Bett, bis wir wieder gesund waren. Waren wir sehr krank, überlegte meine Mutter so lange, ob wir zum Arzt gehen sollten, bis die Sache ausgestanden war und sich der Besuch erübrigte. Waren wir sehr sehr krank, liess sie sich einen Termin geben, ein paar Stunden später sassen wir eingeschüchtert im Untersuchungszimmer, wo wir aufs Gründlichste durchgecheckt und ausgeschimpft wurden, weil wir ja bestimmt irgend etwas falsch gemacht hatten, um so krank zu werden, dann gab es ein Rezept und damit war die Sache erledigt.

Heute hingegen geht das so:

Bist du krank, bleibst du im Bett, bis du wieder halbwegs im Stande bist, deiner täglichen Arbeit nachzugehen. Also etwa drei Stunden oder so. Bist du sehr krank, schmeisst du Medikamente ein, bleibst etwas länger im Bett und fragst Dr. Google, ob du dir Sorgen machen musst. Weil dein Arbeitgeber ein Arztzeugnis verlangt – oder weil du einer der Menschen bist, die sich von Dr. Google nervös machen lassen -, entschliesst du dich, zum Arzt zu gehen.

Als verantwortungsbewusster Bürger, der nicht unnötig dazu beitragen will, die Krankenkassenprämien in noch schwindelerregendere Höhen zu treiben, rufst du natürlich nicht direkt in die Praxis an, sondern fragst erst mal beim telemedizinischen Dienst um Erlaubnis. Wie das genau gehen soll mit dem Kostensparen durch Telemedizin, erschliesst sich mir leider nicht, denn in meiner Erfahrung sind diese Dienste so hysterisch, dass sie dich sogar dann zum Arzt schicken, wenn Dr. Google noch lässig in seinem Sessel lehnt und brummt: „Wegen diesem Mückenschiss brauchst du dich nun wirklich nicht gleich so aufzuregen.“

Nun, sie mögen hysterisch sein, diese Telemediziner, das heisst aber noch lange nicht, dass du sogleich zum Telefon greifen darfst, um beim Hausarzt einen Termin zu vereinbaren. Erst wollen die netten Leute nämlich noch ein paar Bilder von deinem Leiden sehen. Bilder, die gefälligst gut belichtet sein sollen und die dein Gebrechen von unten, von oben, von hinten, von vorne und dann noch einmal von unten, aber diesmal bitte schräg zeigen. Also kämpfst du dich mit letzter Kraft von deinem Krankenlager hoch, um in deiner Wohnung die Stelle zu finden, die perfekte Lichtverhältnisse für das Shooting bietet. Weil du diese Stelle nie auf Anhieb findest, bist du vollkommen entkräftet, wenn du endlich mit dem Fotografieren loslegen kannst. Und jetzt geht der Stress erst richtig los. Versuch mal, beispielsweise deine Zunge – von unten, von oben, von hinten, von vorne und dann noch einmal von unten, aber diesmal bitte schräg – so ins Bild zu bekommen, dass die Leute, die sich das ansehen müssen, wirklich nur deine Zunge zu sehen bekommen und nicht auch noch dein Gesicht, das bei den ganzen Verrenkungen, die du anstellen musst, gar nichts anderes sein kann, als eine hässliche Fratze. Man wird sich ja wohl noch einen letzten Funken Eitelkeit bewahren dürfen, auch wenn man krank ist. Zudem weiss man nie, wer die Bilder zu sehen bekommt. Am Ende lachen sich ein paar schnöselige Lackaffen in der Kaffeepause ob deiner Horror-Selfies schlapp.

Nun, irgendwann sind die Bilder gemacht. Jetzt brauchst du also nur noch die App, die man neuerdings für das Einsenden solcher Fotos benötigt, zu installieren, deine Krankenkassendaten einem undurchsichtigen System anzuvertrauen und die Bilder hochzuladen, bis du wieder ins Bett gehen kannst, um auf den Rückruf der Telemediziner zu warten.

Im besten Fall sind deine Symptome gänzlich abgeklungen, bis man dich endlich zurückruft und du kannst dem Teledoktor bescheiden, du bräuchtest den Termin, den er dir hätte bewilligen sollen, nicht mehr. Im schlechtesten Fall lässt der Rückruf bis Freitagnachmittag, 16:57 Uhr auf sich warten, dir geht es so elend wie zuvor und so hast du die Wahl, bis Montag vor dich hin zu seuchen oder einer jener Deppen zu sein, die wegen einer nicht wirklich schlimmen aber halt doch ziemlich mühsamen Sache auf dem Notfall aufzukreuzen.

Und selbst wenn der Rückruf mal schnell und zu einem günstigen Zeitpunkt kommt, heisst das noch lange nicht, dass der Weg zum Hausarzt jetzt frei ist. In der Regel werden Hausärzte nämlich von feuerspeienden Vorzimmerdrachen bewacht und die wollen ganz genau wissen, ob du die Aufmerksam des Gottes in Weiss wirklich verdient hast, oder ob du nur wieder einer von denen bist, die sich von Dr. Google haben aufhetzen lassen. Und wag es bloss nicht, den Drachen mit der Bemerkung „Ich hatte schon einmal fast die gleichen Symptome, vielleicht ist es wieder eine ähnliche Geschichte wie beim letzten Mal“ zu besänftigen. Drachen mögen keine Patienten, die glauben, die Symptome, die sie am eigenen Leib spüren, hätten irgend eine Bedeutung für die Diagnosenstellung.

img_2753.jpg

 

Husch! In die Schublade mit dir!

So schnell also geht das. Da schleppt dich dein Herr Gemahl – der sich von dir zwar schon so einiges gewöhnt ist, aber nicht, dass du mit fiebrigem Blick wirres Zeug erzählst – in die Notfallpraxis und ehe du dich versiehst, landest du in der Schublade mit der Aufschrift „Unterbelichtete Gebärmaschine mit Migrationshintergrund“.

Du liegst im Dämmerzustand auf dem Untersuchungstisch, kriegst durch den Nebel verschwommen mit, wie jemand Blutdruck und Fieber misst, eine Blutprobe nimmt und nach dem Beruf fragt. Irgendwo in deinem Gehirn ist die Antwort auf diese Frage gespeichert, das weisst du, aber diese Stelle ist gerade nur über eine sehr wacklige Leiter zugänglich und so ist, als die Information endlich auf deiner Zunge liegt, das Urteil über dich bereits gefällt: „Ach so, Ihre Frau spricht wohl kein Deutsch.“ Von diesem Moment an wirst du nicht mehr direkt angesprochen, dein Mann redet für dich. (Was wegen des Nebels und der wackligen Leiter für einmal auch in Ordnung ist.)

Minuten später ist die Person weg, dafür steht eine andere da. Auch die nimmst du nur verschwommen wahr, aber du bekommst mit, wie sie sich mit deinem Mann unterhält. „Kinder? Fünf? Ja, aber wer schaut denn zu denen, wenn Ihre Frau krank ist?“* Ein paar Untersuchungen, ein paar Empfehlungen und dann die nur rhetorisch gemeinte Frage: „Braucht sie ein Arztzeugnis? Wohl kaum. Mit fünf Kindern wird sie ja nicht auch noch arbeiten…“

Damit wäre die Sache für die Ärztin erledigt, du bist fertig untersucht und schubladisiert. Doch dein Mann möchte zur Sicherheit noch wissen, ob das ganze wirre Geschwätz, das du von dir gibst, nicht etwas alarmierend sei. Um zu illustrieren, was er meint, gibt er einige deiner Kalauer zum Besten. Die lapidare Antwort: „Sie kennen Ihre Frau besser als ich. Wenn Sie denken, dass dies nicht ihrem üblichen Verhalten entspricht, müssen Sie vielleicht ins Spital gehen mit ihr.“

Sie wird wohl recht haben, die Frau Doktor. So ein gebärfreudiges Weib mit fremdländischem Namen, der auf eine zweifelhafte Herkunft hindeutet, wird auch in gesundem Zustand nicht allzu viel Gescheites über ihre Lippen bringen. Da ist die Grenze zwischen Normalzustand und fiebriger Verwirrtheit nicht so leicht zu erkennen. 

*Der Vater der Kinder kann es auf alle Fälle nicht sein. Der hat doch viel wichtigere Dinge zu tun. Zumal in ein paar Stunden das Wochenende beginnt und da wird man von einem Mann doch nicht etwa erwarten, dass er sich in seiner Freizeit um den ganzen Weiberkram kümmert, bloss weil seine Alte wieder mal meint, sie müsse ein wenig kränkeln. 

img_5297

Traditionsvergessen

Nein, deswegen wird die Welt nicht untergehen. Sie hätte ja in diesen Tagen wahrlich genügend andere Gründe, sich in den Abgrund zu stürzen, um dem ganzen Elend ein Ende zu setzen, da wird es ihr also herzlich egal sein, was „Meiner“ und die Kinder aus meiner sorgfältig geplanten Guezli-Aktion gemacht haben. 

Ein friedliches gemeinsames Backen zum vierten Advent hätte es werden sollen. Mailänderli, Chräbeli, Zimtsterne und Spitzbuben. Mindestens. Vielleicht auch noch zwei oder drei Sorten mehr, je nachdem, wie lange die Freude anhalten würde. Ein netter Familienanlass, damit wir wenigstens in den eigenen vier Wänden ein paar Stunden heile Welt hätten, wo da draussen doch schon alle am Durchdrehen sind.

Tja, und dann kam am Donnerstag dieser Käfer, der mich so sehr ausser Gefecht gesetzt hat, dass die Familie am Freitagnachmittag besorgt an meinem Bett stand und wissen wollte, was bloss los sei mit mir, ich würde nur noch wirres Zeug von mir geben. Muss also wirklich ziemlich unverständlich gewesen sein, was ich da gebrabbelt habe, denn zumindest die Minderjährigen im Hause sind ja schon längst der Meinung, die Hälfte dessen, was aus meinem Mund komme, ergebe keinen Sinn. Weil ich inzwischen zwar wieder in der Lage bin, klare Gedanken zu fassen, aber noch zu schwach bin, um mit Wallholz und Teigschüssel zu hantieren, musste die Weihnachtsbäckerei ohne mich stattfinden.

Nun ist es leider so, dass „Meiner“, der sonst ein ausgesprochen vielseitiger und talentierter Mensch ist, vom Hochhalten heiliger Familientraditionen keine Ahnung hat. Und so wurde mein Backprogramm erst einmal um die Hälfte gekürzt – von den Suppléments, von denen ich geträumt hatte, wollen wir gar nicht erst zu reden anfangen. Da die Suche nach den Ausstechern, die nach der Küchenrenovation natürlich nicht mehr dort sind, wo sie einmal waren, nicht sogleich von Erfolg gekrönt war, wurde der Mailänderliteig halt mit Messern traktiert. Und weil man von einem vielbeschäftigten Menschen nicht erwarten kann, dass er ein Guezlirezept zu Ende liest, wanderten die Zimtsterne schon heute in den Ofen, wo sie doch eigentlich über Nacht hätten trocknen müssen. Kein schöner Anblick, das Ganze, muss ich leider sagen.

Damit kann ich leben, denn bis ich diesen fiesen Käfer endlich bezwungen habe, werden die missratenen Guezli ohnehin alle schon aufgegessen sein und ich muss sie mir nicht mehr ansehen. Bedenklicher finde ich, dass es denen da draussen vor der Krankenzimmertür einen Heidenspass gemacht hat, eine der schönsten Weihnachtstraditionen mit dem Messer zu taktieren. 

Zum Glück bietet mir die heutige Sonntagspresse wieder genügend Anlass, mir echte Sorgen zu machen. Sonst würde ich mich am Ende noch über meine Lieben ärgern und dann werde ich nie und nimmer rechtzeitig gesund, um wenigstens noch ein paar anständige Anis-Chräbeli zu backen. 

img_2752

 

 

 

Auf der anderen Seite…

Neulich geriet ich in eine Diskussion, bei der ich mich ganz unerwartet auf der für mich eher ungewohnten Seite des Arguments wiederfand. Es ging um die Lehrer und ihre Missetaten. Um ihre Rolle als Gefängniswärter, die unseren Kindern die Freiheit rauben. Um ihre Herzlosigkeit, mit der sie ihren Schützlingen begegnen. Um ihre Foltermethoden, mit denen sie den Kleinen das Leben schwer machen.

Ich weiss, ihr denkt jetzt, ich sei bestimmt diejenige gewesen, die all diese Dinge geäussert hat. Immerhin werde ich nicht müde, lauthals über die Schule zu zetern und zu schimpfen. Habe ich nicht gerade vorgestern meinem Ärger wieder einmal Luft verschafft? Aber so hat meine Gesprächspartnerin geredet und ich habe dagegen gehalten und zwar nicht nur, weil ich Tisch und Bett mit einem Lehrer teile, der so gar nicht dem Bild des Schulzimmer-Tyrannen entsprechen will. Dass ich mich plötzlich in der Rolle der glühenden Lehrerverteidigerin wiederfand, hat auch andere Gründe.

Ja, man darf – und muss zuweilen auch – der Schule als Institution kritisch gegenüberstehen. Man soll nicht einfach alles widerspruchslos hinnehmen, was der Lehrplan für unsere Kinder vorsieht. Es gibt Situationen, in denen es angebracht ist, harte Kämpfe mit Lehrpersonen auszufechten, wenn sie nicht das Wohl des Kindes, sondern irgend ein halbgares pädagogisches Hirngespinst im Sinne haben. Es gibt auch viele gute Gründe, die eigenen Kinder der Schule gar nicht mehr anzuvertrauen. Von mir aus darf man sogar eine Lehrperson nicht mögen und alles grundfalsch finden, was sie oder er tut. In meinem Leben gibt es auch zwei oder drei Pädagogen, bei denen es mir ausgesprochen schwer fällt, etwas Gutes zu finden. 

Was man bei all dem aber nicht vergessen darf, ist die Tatsache, dass Lehrer und Lehrerinnen auch nur Menschen sind. Menschen, die in der Regel nicht böswillig handeln – obschon natürlich auch diese Regel ihre Ausnahmen kennt; ich rede da leider aus Erfahrung. Menschen, die sich meistens bei dem, was sie tun, etwas überlegen – obschon uns diese Überlegungen manchmal schleierhaft sind. Menschen, die aus irgend einem Grund sind, wie sie sind. Menschen, die vermutlich nicht selten ebenso laut über uns seufzen, wie wir über sie. Menschen, die einen Job ausüben, in dem ich schon am ersten Tag scheitern würde, weil ich nicht die Nerven dazu hätte. Menschen, die … Ach, was soll ich auch noch weiter aufzählen? Sie sind halt einfach auch nur Menschen. So wie du und ich. Darum lasse ich mich – bei aller Kritik an der Schule meiner Kinder – nicht vor den Karren jener spannen, die in jedem Lehrer ein kinderfressendes Monster sehen.

Mein Positionsbezug hatte aber auch noch andere Gründe. Nämlich die Perlen unter den vielen Lehrerinnen und Lehrer, die meine Kinder schon unterrichtet haben. Die Primarlehrerin, die dafür verantwortlich ist, dass eines unserer Kinder in zwei Jahren nur an einem einzigen Tag keine Lust hatte, zur Schule zu gehen. Der Klassenlehrer, der immer und immer wieder die Geduld aufbringt, unserem Sohn noch eine Chance zu geben. Die Förderlehrerin, die bei den Kindern so beliebt ist, dass sie ihr fast vors Velo springen, um sie zu begrüssen, wenn sie an unserem Haus vorbeifährt. Die Oberstufenlehrerinnen, die es nicht nur fertig bringen, die Herzen der Teenager im Sturm zu erobern, sondern die sogar in der Lage sind, überkritische, zynische Mütter zu begeistern. Die Geschichtslehrerin, die das Kunstwerk zustande bringt, ihre Schüler darüber nachdenken zu lassen, dass Kolumbus vielleicht nicht der Held war, als den die Geschichtsschreibung ihn gerne darstellt. 

Meine Gesprächspartnerin wollte mir natürlich nicht glauben, dass es solche Lehrer und Lehrerinnen gibt. Aber es gibt sie sehr wohl. Und wir sollten sie gefälligst anständig behandeln, denn sie sind es, die dafür sorgen, dass unsere Kinder trotz aller Mängel, die unser Schulsystem leider hat, viel Gutes mitbekommen.

Und wenn ihr jetzt findet, ich trete heute etwas gar oberlehrerhaft auf, dann schreibt das bitte den Käfern zu, die mir das Prinzchen in seiner unendlichen Grosszügigkeit freundlicherweise überlassen hat. Er hat jetzt genug gejammert und gestöhnt. Jetzt darf ich…

img_2693

 

Dampf ablassen

Ich weiss genau, wer ich heute Abend war: Die Mutter mit den vielen Kindern, die schon seit so vielen Jahren mit den gleichen Lehrpersonen unterwegs ist, dass beide Seiten keine Chance mehr haben, ihre schlechten Seiten voreinander zu verbergen. Die Bärenmama, die zu oft erlebt hat, wie man ihrem wehrlosen Jungen Unrecht getan hat, weshalb sie inzwischen schon die Zähne fletscht, wenn nur das Telefon klingelt und auf dem Display das Wort „Schule“ aufleuchtet. Die Desillusionierte, die sehr tief in ihrem mit missratenen Eltern-Schule-Begegnungen vollgestopften Rucksack graben muss, um auch einige positive Erfahrungen ans Tageslicht zu befördern. Die Frustrierte, die man auf gar keinen Fall zu einem dieser Evaluations-Interviews einladen sollte, weil sich bei ihr einfach zu viel angestaut hat, so dass sie nicht mehr in der Lage ist, faire Kritik zu üben. 

Eingeladen werden solche Mütter natürlich trotzdem, denn sie machen ja auch immer bereitwillig ein Kreuz bei der Frage, ob sie bereit wären, all die bösen Dinge, die sie im Fragebogen schon geschrieben haben, auch noch im persönlichen Interview kund zu tun.

Nicht unbedingt so, wie ich sein möchte, aber wenn sie einen schon dazu einladen, mal Dampf abzulassen…

Bin mir einfach nicht ganz sicher, ob dies der Sinn dieser ganzen Evaluations-Geschichte sein soll.

img_2697

 

Männerschnupfen?

Prinzchens Gesundheit ist ausgesprochen robust. So robust, dass ich mich an einen einzigen krankheitsbedingten Besuch bei der Kinderärztin erinnern kann. Das war die Sache mit den Windpocken, die er im zarten Alter von fünf Wochen unbedingt auch haben musste, weil seine zwei grösseren Brüder gerade so begeistert waren von den Dingern. Aber sonst? Ab und zu eine kleine Grippe oder eine Erkältung, aber in der Regel macht er nicht mal bei dem grossen Magen-Darm-Hype mit, dem wir in unsrer Familie so gerne kollektiv verfallen.

Falls das prinzliche Immunsystem doch mal gegen Käfer kämpfen muss, geht der Junge die Sache an wie ein echter Mann: Mit Stöhnen, Jammern, Schluchzen und Klagen. Keiner ist so krank wie er, keiner kann sich vorstellen, was er gerade durchmacht, keiner ist in der Lage, sein Leiden zu lindern. Mit schwachem Stimmchen bittet er um einen honigsüssen Tee, mit leidender Miene schlürft er seinen Fiebersaft. 

Zum Glück leben in unserem Haus auch männliche Wesen, die ihre Erkältungen und Grippen mit mehr Fassung tragen, denn beim Anblick des leidenden Prinzchens könnte man glatt auf die Idee kommen, es gäbe ihn tatsächlich, den Männerschnupfen.

img_2722