Die Glucke auf der Schlussfeier

Pro Familie waren ja nur zwei Plätze reserviert, doch als ich mich neben „Meinem“ in eine der hintersten Kirchenbänke zwängte, stellte ich fest, dass sich die Glucke zu uns gesellt hatte. 

„Was machst du denn hier?“, zischte ich verärgert. „Wir haben nur zwei Eintrittskarten. Du musst verschwinden.“

„Warum soll ausgerechnet ich verschwinden? Du kannst ja gehen“, gab sie giftig zurück.

„Vergiss es! Ich bleibe. Karlsson hat die Eintrittskarten mir gegeben, nicht dir. Also geh jetzt, ich will diese Abschlussfeier geniessen.“

„Ich bleibe“, beharrte sie. 

Wären nicht in diesem Augenblick die ersten Schulabgänger zur Tür hineingekommen, hätte ich vielleicht noch versucht, sie unsanft zum Ausgang zu befördern, aber dafür war es jetzt zu spät. Und anfangs ging es ja auch noch ganz gut mit ihr. Klar, sie starrte wie gebannt auf Karlsson, als die Schüler vorne sangen, sie murmelte auch andauernd: „Sieht er nicht toll aus?“, aber ansonsten hielt sie sich ziemlich ruhig. Die Reden liess sie still über sich ergehen, doch als die Schulklassen aufgerufen wurden, ihre Zeugnisse in Empfang zu nehmen, fing sie an, nervös zu werden. 

Erst rutschte sie bloss unruhig auf ihrem Platz herum.

Dann fing sie an zu fragen: „Wann kommt Karlsson endlich dran? Sag ‚Deinem‘, er soll sich bereit machen, Fotos zu schiessen.“

Aber es  dauerte – Karlsson kam erst ganz am Schluss –  und so musste sie sich irgendwie beschäftigen. Also fing sie an, bei jedem, der ihr während Karlssons Schulzeit auf irgend eine Weise positiv aufgefallen war, begeistert zu applaudieren. „Was für ein netter Kerl“, seufzte sie beim einen, „Seit der Spielgruppe kennen sie sich nun schon“, bei der anderen, „Hoffentlich verlieren sie sich nicht aus den Augen“, beim Dritten. Weil das noch immer nicht genug war, fing sie an, leise zu schniefen und zu murmeln, wie schnell doch die Zeit vergehe, eben erst hätten die Kinder alle zusammen im Sandkasten gespielt und jetzt seien sie alle schon so gross. „Es war so eine schöne Zeit und jetzt soll das alles vorbei sein“, heulte sie. 

Ich hätte sie gerne darauf hingewiesen, dass die Zeiten zumindest während der ersten sechs Schuljahre bei Weitem nicht immer rosig gewesen waren, aber jetzt war endlich Karlsson an der Reihe und nun seufzte und schluchzte und schniefte sie natürlich erst recht und das war dann so ansteckend, dass ich mir selber auch die eine oder andere Träne aus den Augen wischen musste. 

„Das Ganze lässt dich also doch nicht so kalt, wie du immer behauptest“, meinte die Glucke hämisch, als sie ihre Gefühle endlich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte.

„Ich hab‘ nie behauptet, es liesse mich kalt“, entgegnete ich. „Aber so ein Theater wie du muss man nun wirklich nicht machen. Er hat ja noch ein paar Schuljahre vor sich.“

Tja, und dann heulte sie gleich wieder los, denn nun fiel ihr wieder ein, dass Karlsson nach den Sommerferien über Mittag nicht mehr nach Hause kommen kann und das findet sie ganz schrecklich.

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Grosse Tage

Ausgerechnet jetzt, wo es nur noch ein paar Tage bis zu Karlssons Schulabschluss sind, fällt mir dieses Bild von mir an meinem letzten Schultag in die Hände. Eine Aufräumaktion, wie sie in unserem Haus leider des Öfteren stattfinden muss, hat es zu Tage befördert und jetzt muss sich Karlsson natürlich wieder anhören, wie anders und wie viel besser solche Tage zu „unseren Zeiten“ noch waren.

„Wo bleibt bloss das Herzblut?“, fragte ich entrüstet, als er mir erzählte, sie hätten letzte Woche beschlossen, heute elegant, morgen als Nerds und übermorgen als Hippies zur Schule zu gehen, um sich gebührend von der Schule zu verabschieden. „So einen Entscheid fällt man doch nicht erst ein paar Tage vor dem letzten Schultag, so etwas will wochenlang leidenschaftlich ausdiskutiert werden“, erklärte ich meinem Ältesten und begann zu erzählen, wie das bei uns war. Wochenlang wurde darüber debattiert, wie wir uns mit Getöse verabschieden sollten. Streiche wurden ausgeheckt, Verse geschmiedet, Kassetten mit passender Musik aufgenommen. Ganze Nachmittage verbrachte ich, die handwerklich Ungeschickte, damit, meine Hose mit Glitzerfaden und Pailletten zu verzieren, damit ich mir einreden konnte, ich sähe aus wie ein waschechter Hippie. Eine Schulkameradin kam gar auf dem Pferd auf den Pausenhof geritten, weil so ihre Verkleidung am besten zur Geltung kam. 

„Auf den letzten Schultag bereitet man sich mit heiligem Ernst vor und nicht so halbherzig wie ihr. So ein Tag ist doch etwas ganz Besonderes, an den willst du für den Rest deines Lebens denken können“, dozierte ich, während ich in meinem Schrank nach Kleidungsstücken wühlte, die aus unserem gewöhnlich so seriösen Sohn ein Blumenkind machen sollen. Hätte ich nicht sehr bald eine passable Verkleidung für Karlsson gefunden, hätte ich tiefer im Schrank graben müssen und dann wäre mir bestimmt die Hose von damals in die Hände gefallen, denn die liegt dort irgendwo noch. 

Zum Glück blieb das gute Stück verborgen. Karlsson hätte sonst gesehen, wie stümperhaft meine Stickereien aussehen und dann würde er am Ende noch auf die Idee kommen, der grosse Tag sei in Wirklichkeit nicht halb so glanzvoll gewesen, wie ich ihn heute in Erinnerung habe. 

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Sommerabend

Am einen Nebentisch prahlt ein zwielichtiger Kerl in breitem Basler Dialekt mit seinen unsauberen Geschäften, am anderen Nebentisch behauptet ein eingebildeter Schnösel, Krankenpflege sei etwa ähnlich anspruchslos wie bei Lidl die Kasse zu bedienen, etwas weiter vorne grölen Fussballfans. Der überteuerte Apéroteller kommt mit Bergen von leicht verfärbtem Fleisch, ein paar gummiartigen Käsewürfeln und blassen Baguettes, die den Vakuumbeutel eben erst verlassen haben, daher. Beim Spaziergang durch die Stadt musst du aufpassen, dass du den Italien-Fans, die in den Strassencafés gebannt vor dem Bildschirm sitzen, nichts durchs Bild läufst und beim Bezahlen im Parkhaus findest du dich plötzlich von einem Trupp schnatternder Mittfünfzigerinnen umringt, die eben aus dem Kino gekommen sind und sich über den Film austauschen müssen. (In Unkenntnis des aktuellen Kinoprogramms habe ich auf Nicholas Sparks getippt, aber nachdem ich nachgeschaut habe, bin ich ziemlich sicher, dass es Jojo Moyes gewesen sein muss.)

Wäre da nicht dieser traumhaft schöne Sommerhimmel und dieser hinreissende Mann, den ich im Schuljahrsendspurt kaum je zu Gesicht bekomme und den ich jetzt endlich wieder einmal ganz für mich habe, dann könnte man diesen Abend als vergeudete Zeit abtun. So aber ist er etwas vom Schönsten, was ich in den vergangenen Wochen erlebt habe.

Na ja, das Ganze hätten wir auch im eigenen Garten mit weniger Lärm und für fast gar kein Geld haben können. Wir hätten bloss warten müssen, bis die Meute schläft.

War vielleicht doch besser, dass wir nicht zu Hause geblieben sind. Den letzten Nachtschwärmer habe ich kurz nach der Heimkehr so gegen zwanzig nach elf erwischt…

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Das Murmeltier ist zurück

Da sitzen sie am Tisch, unsere drei Grossen, und lauschen – halb belustigt, halb sentimental – dem Hörspiel, von dem sie in Kindertagen nie genug bekommen konnten. Immer und immer wieder wollten sie die CD hören. Einmal, auf der Heimfahrt von den Ferien, geschlagene fünf Stunden ohne Unterbruch. Eine Geschichte von einem kleinen Murmeltier, das gemeinsam mit seinem zerstreuten Opa einen Haufen Dummheiten anstellt. „Jetzt kommt dann gleich die Stelle mit dem Kaugummi!“, rufen sie begeistert und wenig später brüllen sie vor Lachen, wenn sie die altbekannten Worte hören. „Hier hatte ich immer ganz furchtbar Angst“, sagen sie wenig später mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung. „Früher habe ich nie ganz verstanden, was das heissen soll“, bemerkt der eine, während der andere darüber nachsinnt, warum ihm die Geschichte überhaupt so gefallen hat. „Heute klingt das alles irgendwie doof“, sagen sie zueinander. „Aber es war halt doch unsere Lieblingsgeschichte.“ 

Da sitzen wir Eltern neben ihnen am Tisch und lauschen – halb belustigt, halb sentimental – dem Hörspiel, das wir noch immer in- und auswendig kennen. Immer und immer wieder mussten wir es uns anhören. Einmal, auf der Heimfahrt von den Ferien, geschlagene fünf Stunden ohne Unterbruch. Und jetzt hören wir sie also wieder und dabei denken wir zurück an die Zeiten, als die Drei, die jetzt schon so gross sind, noch mit dem Teddy im Arm hinten im Auto sassen und lautstark nach der Murmeltier-CD verlangten. 

Irgend etwas an dieser Situation fühlt sich schräg an für uns. Kindheitserinnerungen – dieses Feld war bis vor Kurzem „Meinem“ und mir überlassen. Natürlich begannen auch unsere Kinder ihre Sätze immer mal wieder mit: „Als ich noch klein war…“, oder: „Früher habt ihr doch immer…“, aber dabei ging es meist darum, mit unserer Hilfe Erinnerungsstücke korrekt in das Puzzle ihrer Vergangenheit einzufügen. Heute aber, bei diesem Hörspiel aus vergangenen Kindertagen, fühlte es sich zum ersten Mal an, als wollten sie ein Bad in der Erinnerung nehmen, als versuchten sie, noch einmal dort anzuknüpfen, wo sie schon längst nicht mehr sind.

Ich kenne diese Sehnsucht von mir. Sie kam auf, als ich erkannte, dass ich nun endgültig kein Kind mehr bin und anfing, mit einer gewissen Wehmut auf vergangene Tage zurückzublicken. 

Sind sie jetzt tatsächlich auch schon an diesem Punkt im Leben angelangt?

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Auf der Suche nach etwas Dauerhaftem

Es ist vielleicht eine gewagte Behauptung, aber ich würde doch sagen, die Beziehung Mensch-Wallholz habe früher oft ein ganzes Erwachsenenleben lang gehalten. Mit der Aussteuer fing es an, dann folgten vergnügliche Jahre in der Küche und das traurige Ende kam erst, wenn die menschliche Hälfte des Paares das Zeitliche segnete. Nicht selten blieb so ein Wallholz dann noch in der Familie und wurde in Ehren gehalten, bis es eines Tages dann doch den Geist aufgab.

Meine eigene Wallholz-Beziehungsgeschichte ist weitaus wechselhafter. Sie ist geprägt von Brüchen, Unzuverlässigkeit und Beziehungsverweigerung. Frühere Generationen würden, wenn sie von meinem Wallholzverschleiss wüssten, vor Empörung erröten und sagen, ich sei ein Flittchen. Da ich so etwas nicht auf mir sitzen lassen kann, bin ich, nachdem kürzlich wieder eine Beziehung in die Brüche gegangen ist, in mich gegangen und habe mich gefragt, ob es denn wirklich an mir liegt, dass ich mich noch immer nicht fest an ein Wallholz habe binden können. Zwei Vorwürfe muss ich mir dabei machen:

  1. Beim ersten Zerwürfnis lag es tatsächlich an mir. Es war ein traumhaft schönes Stück, rot geäderter Marmor, edle Verarbeitung, schwer und doch flink. Ein Geschenk von einem lieben Menschen. Glaubt mir, ich habe es geliebt mit jeder Faser meiner Bäckerseele, aber Liebe allein reicht leider nicht. Man müsste mit einer solchen Kostbarkeit auch umgehen können, denn Marmor verzeiht keine Fehler. Nun, ich war noch nicht reif genug und so genügte eine kleine Ungeschicklichkeit, um meinem Wallholz, das ja eigentlich gar kein Holz war, ein Ende zu bereiten. Alles, was von dieser Beziehung blieb, waren einige Marmorsplitter und verklärte Erinnerungen.
  2. Zwar habe ich mich nie mit dem Billigsten begnügt, aber ich habe mich doch immer wieder dazu verleiten lassen, zu kaufen, was gerade verfügbar war, anstatt abzuwarten, bis ich dem Richtigen begegnete. Meistens blieb mir ja auch keine Zeit, mich länger umzusehen, da ich nicht bereit war, auf das Backen zu verzichten.

Dies also meine zwei Fehler, alles andere liegt nicht an mir, sondern daran, dass die Hölzer heutzutage zu nichts mehr taugen. Das Zeug ist einfach nicht mehr für eine lebenslange Beziehung gemacht. Klar, die Dinger sehen ganz solide aus, sind meistens recht hübsch anzusehen und prahlen mit beeindruckenden Fähigkeiten. Eine Schwachstelle haben sie aber alle, doch die wird gewöhnlich erst sichtbar, wenn es hart auf hart geht. Du glaubst, alles sei in bester Ordnung und dann plötzlich, bei der hundertsten Portion Plunderteig, brechen sie mir nichts, dir nichts heulend zusammen und wollen nicht mehr weitermachen. Und weil Plunderteig keine schwächlichen Wallhölzer duldet, bis du gezwungen, umgehend für Ersatz zu sorgen.

„Diesmal nicht“, habe ich mir geschworen und mit dem in der Mitte gebrochenen Nudelholz so gut als möglich weitergemacht. „Diesmal muss es etwas Dauerhaftes sein, koste es, was es wolle.“ Kosten wird es, das wurde mir schon beim ersten kurzen Stöbern klar, aber das muss jetzt einfach sein. Ich bin es leid, mich immer und immer wieder auf ein neues Wallholz einzulassen und darum kommt mir erst ein Ersatz ins Haus, wenn es das Richtige ist.

Ach, und kommt mir jetzt bitte nicht mit diesen italienischen Hölzern ohne Griff. Mit denen komme ich gar nicht klar.

Und noch etwas: Zum Glück gehöre ich nicht zu der Sorte Frauen, die mit dem Wallholz Einbrecher abwehrt. Hätte mich ja ganz schrecklich blamiert, wenn so ein Memmenholz gleich beim ersten Schlag heulend zusammengebrochen wäre.

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Fitnessprogramm

Einen 40-Liter-Sack Erde auf die linke Schulter hieven, 30 Schritte gehen, Sack abladen und 30 Schritte zurückgehen.

Einen 40-Liter-Sack Erde auf die rechte Schulter hieven, 30 Schritte gehen, Sack abladen und 30 Schritte zurückgehen.

Diese Übung 27 mal wiederholen.

Fünf Minuten Pause am Steuer.

Die oben beschriebene Übung wiederholen, diesmal aber nur mit 26 Schritten, dafür mit einer Stufe als kleine Erschwernis. 

Hüftbreit stehen, Sack hochhieven und kippen, Inhalt mit kreisenden Handbewegungen gut verteilen. 

Diese Übung ebenfalls 27 mal wiederholen.

Zur Auflockerung ein paar Tomatenpflanzen in die Erde setzen.

Mit jeder Hand eine leere Giesskanne greifen, 60 Schritte gehen, Giesskannen auffüllen und 60 Schritte zurückgehen.

Diese Übung wiederholen, bis die Tomatenpflanzen zufrieden sind. 

Mittagspause, angereichert mit Brotteig kneten und Geschirr abwaschen. 

Nach der Pause die ersten beiden Übungen noch einmal durchführen, diesmal jedoch nur fünf Wiederholungen, dafür mit 50-Liter-Säcken.

Übung drei ebenfalls erneut durchführen, insgesamt 15 Mal, denn inzwischen hat ein anderer Fitnessfanatiker weitere Säcke angeliefert. 

Zum krönenden Abschluss drei Auberginen und mehrere Peperoni einpflanzen und dabei die missbilligenden Blicke der Tomaten, die noch auf einen festen Platz in einem weiteren Beet warten, geflissentlich ignorieren. 

Solange da noch Tomatenpflanzen sind, die auf einen Platz warten – und der Geschirrspüler streikt und die Kinder auf hausgemachtes Brot stehen – ist Bewegungsmangel für einmal kein Thema bei mir. Fitness macht eindeutig mehr Spass, wenn da kein gestrenger Turnlehrer ist, der einen antreibt. (Obschon die Tomatenpflanzen nicht weniger fordernd auftreten…)

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Aufsichtspflicht

Prinzchen hat sich mit zwei Freunden zum Spielen verabredet, der eine von beiden taucht mit seinem grossen Bruder im Schlepptau auf. Perfekt, denn so hat der Zoowärter auch einen Spielkameraden und muss Prinzchen nicht die Gäste abspenstig machen. Bald rennen alle zusammen lachend und schreiend ums Haus, wenig später stösst Prinzchens bester Freund dazu, der FeuerwehrRitterRömerPirat und sein bester Freund schliessen sich ebenfalls an, irgendwann saust einer von Zoowärters Freunden auf dem Trottinett herbei und beschliesst zu bleiben. Einer, der nicht so leicht Anschluss bei Gleichaltrigen findet, schliesst sich der Gruppe ebenfalls an, hin und wieder schauen gar ein paar Mädchen vorbei. Aus sicherer Distanz und mit der wachsamen Mama im Hintergrund beobachten zwei Kleinkinder das wilde Spiel der Grossen. Genau so war Kindheit früher auch. Genau so sollte sie auch heute noch sein, nicht wahr?

Aber klar doch. Der Haken ist nur, dass heute zwar alle dieses Idealbild der wilden, erwachsenenfreien Kindheit beschwören, gleichzeitig aber nicht damit leben können, dass diese Freiheit auch Gefahren mit sich bringt. 

Wenn sich also plötzlich der ganze Trupp um unser Haus versammelt, stimmt mich dies glücklich und unruhig zugleich. Die Verantwortung für die Horde liegt jetzt bei mir, das weiss ich ganz genau. Falls einem der lieben Kleinen im wilden Spiel ein Härchen gekrümmt wird, bin ich daran schuld und keiner wird fragen, ob das betreffende Kind bei uns eingeladen war, oder ob es dazugestossen und einfach geblieben ist. 

Ich habe also die Wahl: Alles stehen und liegen lassen und die wilde Horde diskret beaufsichtigen, damit sie nichts davon bemerken und sich trotzdem so frei fühlen, als wäre kein Erwachsener zugegen. Oder nur die Kinder dabehalten, deren Eltern mit ein paar Kratzern und Beulen leben können und den ganzen Rest nach Hause schicken. 

Irgendwie finde ich beides nicht so toll. 

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Keine Zeit für Sentimentalitäten

Zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahre lang hatten wir diese himmlische Ruhe am Ende des Schuljahres. Alle anderen mochten von einem Schultermin zum nächsten hetzen, wir aber konnten uns mehr oder weniger zurücklehnen. Klar, da war das eine oder andere Schülerkonzert und natürlich durften wir es nicht verpassen, unsere Kinder für die Schulreise mit Proviant auszurüsten, aber keiner belästigte uns mit Picknicks zum Schuljahresende und anderem Kram. Nicht mal, als letztes Jahr eine Lehrerin, die vier von unseren fünf Kindern unterrichtet hatte, in Pension ging, mussten die Eltern zu einer Abschlussfeierlichkeit antraben. Etwas Positives hat es also doch, wenn eine Lehrperson am Ende ihrer Laufbahn derart schulmüde ist, dass sie den Kindern ohne grosse Sentimentalität den Rücken kehrt. 

Leider kann ein solcher Zustand nicht ewig dauern. Irgendwann dämmert einer überengagierten Lehrperson oder einer Schulleitung, die beweisen will, wie aktiv sie ist, dass die Eltern schon lange nicht mehr in der Schule waren und dann wird der Terminkalender gefüllt. Abende, an denen die Klassen präsentieren, woran sie in den vergangenen Monaten gearbeitet haben, Sporttage, bei denen die Eltern vorgängig angefleht werden, sie möchten doch bitte den Wettkämpfen beiwohnen, zusätzliche Musikschulkonzerte, weil eins pro Jahr plötzlich nicht mehr reicht. Und das alles in dem Jahr, in dem Karlsson die Volksschule abschliesst, was uns einige Anlässe beschert, bei denen unsere ungeteilte Sentimentalität gefragt wäre.

Wie sollen wir denn noch richtig wehmütig darüber werden, dass aus dem kleinen, schüchternen Jungen innerhalb von neun Jahren ein grosser, selbstbewusster Halbwüchsiger geworden ist, wenn wir atemlos zu seiner Projektpräsentation angerannt kommen, nachdem wir beim Zoowärter im Schulzimmer die Bienen bestaunt haben? Wo bleibt die Zeit, uns nach seinem letzten Auftritt an der hiesigen Musikschule die Tränen der Rührung wegzuwischen, wenn wir zu Hause wieder den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Üben antreiben müssen, damit er ein paar Tage später im Nachbardorf „The Final Countdown“ auf der Trompete blasen kann? Wie sollen wir den Kauf des Konfirmandenanzugs zelebrieren, wenn wir zugleich die schier unlösbare Aufgabe haben, für Prinzchen ein schwarzes T-Shirt ganz ohne Aufdruck aufzutreiben, das er am Jugendfestumzug tragen soll? (Nach welchen Unifarben wir für die anderen Kinder suchen müssen, wissen wir noch nicht, aber es wird ganz bestimmt aufwändig werden, denn das ist es immer.)

Ein bisschen mehr Rücksichtnahme auf unseren von Meilensteinen angefüllten Terminkalender hätte man von den Lehrern schon erwarten dürfen. Immerhin hatten sie an Karlsson – im Gegensatz zu seinen kleinen Brüdern, die sie jetzt unterrichten – nie etwas auszusetzen. (Na ja, sie fanden jeweils, er sei zu schüchtern, aber das hat sich ja inzwischen gelegt.)

 

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Tochter geht vor

In letzter Zeit immer wieder:

„Ich muss nur noch…“

„Gleich, sobald ich fertig bin…“

„Ja, natürlich wäre das schön, aber erst mal muss ich…“

„Noch ganz kurz dies. Und dann noch kurz das. Und dann noch…“

„Gleich, habe ich gesagt. Aber das hier ist dringend…“

Immer im Haus, aber nie richtig anwesend. Anspannung, Ungeduld, gereizte Worte. Darum heute früh der spontane Entscheid:

„Pfeif auf deine Pflichten! Luise hat zwei Stunden schulfrei, also bist du jetzt einfach mal Mama. Der Rest kann warten.“

Nur ein gemeinsames Frühstück, ein bisschen Hausaufgaben, ein bisschen quatschen und natürlich einen klitzekleinen Wunsch erfüllt und der Tag war für beide besser, als er gewesen wäre, wenn ich den Pflichten den Vortritt gelassen hätte.

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Womit man sich als unerfahrene Mutter so tröstet…

Wenn der Dreijährige sich dauerhaft im Nein-Modus befindet: „Ja, er ist ein totaler Sturkopf, seine Trotzanfälle wollen kein Ende nehmen. Aber es hat ja auch sein Gutes, wenn ein Kind einen starken Willen hat. Später lässt er sich bestimmt nicht so leicht mit der Masse treiben und geht seinen eigenen Weg.“

Eine Weisheit, die sich ein paar Jahre später tatsächlich als wahr herausstellt. Bloss hat Mama nicht damit gerechnet, dass dieser starke Wille sich nicht nur gegen den Willen der Masse stellt, sondern weiterhin auch ganz gerne mit ihrem starken Willen konkurriert. 

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Wenn die Knöpfe weder Zucchini, noch Auberginen noch Tomaten essen wollen: „Irgendwann wird sich ihr Geschmacksempfinden ändern und dann werde ich wieder alles kochen können, was ich mag.“

Auch diese Weisheit bewahrheitet sich, wenn der kindliche Geschmack erwachsen wird. Manch ein Heranwachsender wird gar von tiefer Reue gepackt, dass er diese Delikatessen über Jahre verschmäht hat und so klagt er mitten im tiefsten Winter: „Wann kochst du endlich wieder mal Ratatouille?“ und er wird dein salopp hingeworfenes „Wenn das Zeug wieder Saison hat“ mit ausdauerndem Schmollen quittieren.

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Wenn täglich schon im Morgengrauen Tagwache ist: „Eines Tages werden sie nicht vor Mittag aus dem Bett gekrochen kommen.“

Wenn man von gewissen Ausnahmen absieht, ist das tatsächlich so, aber das gilt leider auch für Tage, an denen man ein volles Programm hat und ganz gerne vor dem Mittagessen aus dem Haus käme.

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Wenn das Kind Nacht für Nacht ins Elternbett schlüpft, weil es sich vor Monstern fürchtet: „Irgendwann wird es wissen, dass es keine Monster gibt und dann werden wir alle ruhiger schlafen.“

Nun gut, die meisten Kinder hören tatsächlich eines Tages auf, an Monster zu glauben. Leider erfahren sie aber wenig später, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die schlimmer sind als das schlimmste Monster, das je unter ihrem Bett gelauert hat und dann tauchen Ängste auf, die sich nicht mit einem „Na gut, dann schläfst du eben bei uns“ vertreiben lassen.

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Wenn Globi, Chasperli, Pingu oder sonst eine Nervensäge in der Endlosschlaufe läuft: „Der Tag wird kommen, an dem sie das Zeug nicht mehr lustig finden und dann herrscht Ruhe.“

Stimmt, der Tag, an dem sie das Zeug nicht mehr lustig finden, kommt tatsächlich, aber Ruhe herrscht deshalb noch lange nicht, denn dann tritt Youtube mit seinen zahllosen hirnverbrannten Videos, die genau auf den pubertären Humor zugeschnitten sind, in ihr Leben. Und wenn das seinen Reiz verloren hat, entsinnen sie sich plötzlich wieder der Helden ihrer Kindheit und brüllen unter schallendem Gelächter pausenlos: „De Groll i siinere Hööli isch en dumme Löööli“ und damit ist Globi wieder zurück im Rennen. 

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Wenn man es allmählich satt hat, jeden Tag für die Meute am Herd zu stehen: „Wenn wir sie nur fleissig mithelfen lassen, werden sie sich schon bald selber etwas kochen können.“

Eine Weisheit, die sich erstaunlich früh bewahrheitet, worüber man sich von Herzen freuen darf. Man sollte allerdings bedenken, dass die Meinungen, wann eine Küche nach dem Kochen als „sauber und aufgeräumt“ zu bezeichnen ist, sehr weit auseinandergehen.

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