Wenn ich bitten darf

Meine lieben Kinderlein

Wenn ich mich spätabends ins Bett legen möchte, habe ich keine Lust, zuerst ein halbes hartgekochtes Ei von der Matratze zu klauben. Ich schätze es auch nicht sonderlich, morgens in das Eigelb zu treten, das es nicht bis auf die Matratze geschafft hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, wenn jemand von euch eine nicht ganz verschlossene Eisteeflasche in meiner Handtasche aus Filz verstaut, ohne mir etwas davon zu sagen. Wisst ihr denn nicht, wie eklig es sich anfühlt, in einer feuchten Filztasche wühlen zu müssen. Und wühlen muss ich, denn bei all dem Kram, den ihr sonst noch in meine Tasche schmuggelt, ist es relativ schwierig, den Autoschlüssel auf Anhieb zu finden. A propos Autoschlüssel: Der gehört in meine Tasche und zwar immer, nicht mal auf den Küchentisch, mal in die Badewanne und mal in den Briefkasten. Können wir das hier ein für alle mal so festhalten?

Dann wäre da noch die Sache mit dem Lippenstift. Ja, ich weiss, ihr denkt, ich würde den ohnehin nie brauchen und es stimmt ja auch, meistens liegt er nur herum. Aber auch in meinem Leben gibt es Gelegenheiten, bei denen es ohne Lippenstift fast nicht geht und darum möchte ich euch bitten, ihn in Zukunft nicht mehr für Graffitis an den Zimmerwänden zu missbrauchen. Zumal es nicht ganz einfach ist, Lippenstiftspuren von der Tapete zu entfernen, ohne gleich die ganze Tapete abzureissen. Wo wir schon bei den Äusserlichkeiten sind: Würde es euch etwas ausmachen, meine Kleider in Zukunft nicht mehr in die Verkleidungskiste zu entführen? Und wenn das zuviel verlangt ist, könntet ihr zumindest darauf achten, beim Verkleiden keine Schokoladenflecken auf den zarten Stöffchen zu hinterlassen? 

Ich glaube, das mit den Küchengegenständen brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, ihr glaubt es mir ja doch nicht. Darf ich euch aber zumindest bitten, in Zukunft die Finger von meinem Lieblingsschneebesen zu lassen? Ich teile dafür alles andere, inklusive Spritzbeutel-Tüllen, mit euch. Auch mit Shampoos und Duschgels will ich nicht kleinlich sein; was ich eigentlich für mich kaufe, dürft ihr selbstverständlich ebenfalls nehmen. Es wäre einfach nett, ihr würdet jeweils einen ganz kleinen Rest für mich aufbewahren, denn wenn ich mir die Haare mit gewöhnlicher Seife waschen muss, weil alle anderen Flaschen leer sind, sehe ich aus wie eine Vogelscheuche und das passt euch dann ja auch wieder nicht. 

Mir ist klar, meine lieben Kinderlein, dass euch diese Bitten ziemlich viel Selbstbeherrschung abverlangen, aber versucht es doch einmal so zu sehen: Ich lege euch auch kein nasses Teekraut aufs Kopfkissen, ich vergreife mich weder an euren Legos noch an eurer Knetmasse und meines Wissens habt ihr mich auch noch nie dabei erwischt, wie ich unter euren Betten ein Picknick abgehalten habe, ohne danach aufzuräumen, ja, ich leihe mir nicht mal eure Kleider aus, wenn sich in meinem Schrank nichts mehr findet.

Ja, ich weiss, was jetzt kommt. „Aber der Papa hat neulich mein Sylvanian Families-Eichhörnchen in den Tiefkühler gelegt.“ „Und aus meinem Lieblingshemd hat er Putzlappen gerissen.“ „Mir hat er die ganze Papierflieger-Sammlung ins Altpapier geschmissen.“ Mag sein, dass der Papa all dies gemacht hat, ich aber habe damit nichts zu tun. Also legt das hartgekochte Ei beim nächsten Mal gefälligst auf seine Seite des Bettes, wenn ihr es unbedingt in unserem Zimmer liegenlassen müsst. 

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Busgespräch

Neulich sass ich im Bus hinter zwei jungen Frauen, die – wie man aus ihrem Gespräch erfahren konnte – zusammen zur Schule gegangen waren und nun in einem Praktikum ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben sammelten.

„Mann ey“, klagte die eine „ich muss immer so früh raus am Morgen. Musst du auch so früh anfangen?“

„Na ja, es geht“, antwortete die andere. „Ich kann anfangen, wann ich will, ich muss einfach spätestens um halb neun dort sein, aber meistens fange ich schon um acht an.“

„So gut möchte ich es auch haben. Bei mir motzen sie immer, wenn ich nur ein kleines bisschen zu spät bin. Und dann muss ich auch immer so blöde Arbeiten machen, dabei reicht mein Lohn kaum für die Miete.“

„Wie viel bekommst du denn?“

„Siebenhundert und dann bekomme ich noch etwas von den Eltern, aber das geht alles für Miete, Krankenkasse und Essen drauf. Ich kann fast nicht mehr in den Ausgang.“

„Ich bekomme auch siebenhundert.“

„Was musst du denn so machen im Betrieb?“

„Na ja, anfangs vor allem Briefe abtippen und einpacken und so, aber jetzt lassen die mich manchmal auch den Empfang machen. Ist voll cool…“

„Wahnsinn! Ich muss ja immer nur diese doofen Sachen machen, Boden wischen und so. Du hast es voll easy und mir sagen sie, vielleicht werde ich die Probezeit nicht bestehen.“

„Dann bau jetzt bloss keinen Mist.“

„Ja, Mann, ich weiss. Aber mich kotzt das halt so an, immer so lange arbeiten und dann dieser kleine Lohn. Darfst du die Leute dort duzen?“

„Anfangs habe ich alle gesiezt, aber da hat die Chefin gesagt, ich dürfte alle duzen, ausser den Personalchef natürlich. Erst habe ich mich fast nicht getraut, aber jetzt ist es voll cool…“

„Voll doof bei mir, ich muss alle siezen. Und dann reden die auch nie mit mir…“

„Wir haben es voll lustig miteinander. In der Pause quatschen wir immer endlos.“

„Ey Mann, voll unfair, ich will auch. Ich muss immer arbeiten, voll anstrengend und dabei verdiene ich fast nichts. Ich glaub‘ ich mach das nicht mehr lange mit.“

„Komm, bau keinen Mist. Ist ja nicht lang, dieses Praktikum.“

„Ja, aber du hast es voll easy und bei mir ist alles so streng. Und die Miete kann ich mir auch fast nicht leisten.“

„Bist ja auch früh ausgezogen.“

„Ja, Mann, die Wohnung ist eben echt der Hammer. Sechseinhalb Zimmer zu zweit, alles neu und ein riesiger Balkon…“

„Wie viel bezahlt ihr denn?“

„Zweitausend, aber mit meinem Lohn bleibt da fast nichts mehr übrig für den Ausgang. Mann, wenn ich es doch so easy hätte wie du…“

Nur mit Mühe gelang es mir, mich aus diesem Gespräch herauszuhalten. Zum Glück für die arme Praktikantin war die Busfahrt hier aber zu Ende, sonst hätte ich sie vielleicht irgendwann am Kragen gepackt und tüchtig durchgeschüttelt, in der Hoffnung, sie dadurch aus ihrem Traum von der ach so ungerechten Welt, die sich gegen sie verschworen hatte, aufzuwecken.

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Wir können auch so

Nach den Kapriolen der vergangenen Monate hatte ich es selber nicht mehr für möglich gehalten, aber „Meiner“ und ich bringen es tatsächlich fertig, einen unbeschwerten Tag zu zweit nicht nur im Kalender einzutragen, sondern auch durchzuziehen. Alle Lehrkräfte gesund, Kinder komplett käferfrei, Prinzchen für einmal ohne sein sonst übliches montägliches „Staatskinder“-Gehabe -„Ich will nicht in die Krippe, ich will bei dir bleiben Mama!!!“ -, die Gutscheine für die Wellness-Oase noch längst nicht abgelaufen und diesmal sogar ohne hektische Suchaktion auffindbar, keine Anrufer, die einen mit einem ganz dringenden Anliegen zu einer spontanen Hilfsaktion zwingen, das Auto fahrtüchtig und mit halb vollem Tank. Weder unsere hochschwangere Katze, die kaum mehr von meiner Seite weicht, noch die Programmänderung, zu der „Meiner“ mich in letzter Minute überredete, konnten uns daran hindern, in schönster Eintracht morgens vor halb neun das Familienleben für ein paar Stunden hinter uns zu lassen.  

Es gab viel zu geniessen in diesen Stunden – ein Frühstück, das so süss und ungesund war, dass unsere Kinder nie davon erfahren dürfen, eine ziemlich menschenleere Saunalandschaft voller Überraschungen, vollkommen ungestörte Gespräche im Wechsel mit himmlischer Stille, ein Mittagessen, nach dem andere unseren Dreck wegräumen mussten. Was mich an diesem rundum gelungenen Tag zu zweit am meisten freut: Egal, wie sehr wir uns im Familienalltag zuweilen auf die Nerven fallen und egal, wie oft wir in der Hektik aneinander vorbeireden und zuweilen auch -leben, wenn wir mal Zeit haben, dann sind „Meiner“ und ich sofort wieder siebzehn. Dann quatschen wir, schmieden Pläne, grinsen über Menschen, die einfach nur peinlich sind und freuen uns daran, dass wir einander haben. 

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Verzweifeln oder…?

Du liest im „Spiegel“, die Deutschen Kinder würden immer stärker unter Schulstress leiden und aus deinem Familienalltag weisst du, dass es in der Realität noch viel schlimmer ist als es auf dem Papier daherkommt. In den Medien – ob gedruckt oder elektronisch – präsentieren die Parteien von links nach rechts ihre Ideen, wie den Familien am besten geholfen sei und du ärgerst dich grün und blau, weil du genau weisst, wie wenig das Geschwätz mit der Realität zu tun hat. Sie könnten ebenso gut alle den Mund halten, weil das, was am Ende rauskommt, doch wieder nur ein halbherziger Kompromiss sein wird, der zwar keinem schadet, aber auch keinem hilft. Wo immer dein Blick auch hinfällt – ob es nun um Familie, Umwelt, Atomausstieg, Schule oder sonst etwas, was dir am Herzen liegt geht -, siehst du Halbherzigkeit, viel Gerede und wenig Wirkung. Einzig in der Asylpolitik werden klare Worte gesprochen, aber es sind nicht die Worte, die du hören willst, sondern die Worte, die dir kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. 

Zuweilen überkommt dich die blinde Wut, dann wieder tiefe Traurigkeit, immer mal wieder auch Resignation. Ganz selten meldet sich auch diese innere Stimme zu Wort, die dir sagt, wenn du schon weder Zeit noch Kraft zum Mitgestalten aufbringen könnest, solltest du doch zumindest zur Feder greifen und gegen den ganzen Wahnsinn anschreiben. Bloss, wie soll das gehen, wo sich der Wahnsinn doch schneller ausbreitet als die Magen-Darm-Seuche?

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Flüster-Panik

Natürlich ist mal wieder die Schule Schuld, genauer gesagt eine Lehrerin, die den Kindern vor einiger Zeit völlig zu Recht erklärt hat, flüstern sei für die Stimmbänder äusserst ungesund. Kann ich voll und ganz verstehen, das ewige Geflüster würde mir auch auf die Nerven fallen, stünde ich Tag für Tag vor einer Klasse. Nun nimmt aber Luise ihre Lehrerin immer dann besonders ernst, wenn sie nicht gerade Hausaufgaben aufgibt oder sie zu mehr Fleiss in der Mathematik ermahnt und darum hat sie sich die Sache mit dem Flüstern sehr zu Herzen genommen.

Als wir nun gestern Abend allen Kindern mit Ausnahme von Karlsson, der lieber seine Ruhe haben wollte, erlaubten, gemeinsam in einem Zimmer zu schlafen, stellten wir irgendwann die Bedingung, dass nur noch geflüstert wird, weil sonst einfach nie Ruhe einkehren würde. Eine Weile lang hielten sie sich daran, dann kam Luise ins Wohnzimmer geschlichen: „Aber Mama, die Lehrerin hat gesagt, flüstern sei nicht gut für die Stimme. Wenn wir jetzt den ganzen Abend flüstern müssen, machen wir unsere Stimme kaputt.“ „Ja, meine liebe Luise, da hatte deine Lehrerin natürlich vollkommen Recht, aber wenn ihr eine halbe Stunde flüstert, werdet ihr nicht gleich vollends verstummen. Und ihr könnt ja auch einfach leise reden, wichtig ist einfach, dass es endlich ruhiger wird.“

Mit dieser frohen Nachricht ging Luise ins Zimmer zurück, aber dort hatte sich die Flüster-Panik bereits breit gemacht. Was die grosse Schwester einmal gesagt hat, hat einfach mehr Gewicht als das, was die Mama entgegnet. „Ich will aber meine Stimme nicht verlieren“, klagte das Prinzchen. „Wir dürfen nie flüstern, Luises Lehrerin hat es gesagt“, mahnte der Zoowärter den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Immer aufgeregter und lauter wurde die Diskussion um die Gefahr des stimmlosen Redens und wir mussten mehrmals mit ziemlich viel Stimmeinsatz zur Ruhe mahnen. Als endlich alle schliefen, dachten wir, das Problem habe sich von selbst erledigt, doch heute Morgen wurden wir durch lautes Heulen geweckt. „Was ist denn mit dem Zoowärter los?“, fragten wir Luise, weil unser Zweitjüngster trotz mehrmaligen Nachfragens nichts als laute Schluchzer herausbrachte. „Er hat geflüstert“, erklärte Luise, „und jetzt fürchtet er, er habe seine Stimme verloren.“

Nach einigem Zureden brachten wir den Zoowärter endlich dazu, uns zu glauben; das Schluchzen hörte auf und er redete wieder, ein wenig heiser zwar, was nach dem langen Geschrei wenig verwunderlich war. Erstaunlich, dass der Zoowärter Luise und ihrer Lehrerin mehr Glauben schenkt als seiner eigenen Stimme, die schon am frühen Morgen durch Mark und Bein dringen kann, wenn ihr Besitzer fürchtet, sie verloren zu haben.

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Kann mir mal einer erklären…

…weshalb die Leute jetzt, wo es endlich Frühling geworden ist, nur darüber reden, dass es bestimmt bald wieder kalt sein wird?

…weshalb Deutsche Ärzte, die genau gleich freundlich und kompetent sind wie ihre Schweizer Kollegen, nie – aber auch wirklich gar nie – auf die Idee kommen, dem Patienten zu erklären, was läuft?

…weshalb die Keimlinge meiner Chioggia-Randen wunderbar gedeihen, die Keimlinge meiner goldenen Rande aber kläglich abserbeln, obschon sie gleich viel Wasser, Licht, Wärme und Zuneigung bekommen haben?

…weshalb unserer Kinder nach all den Jahren den Satz „Bitte lasst weder Joghurtbecher noch Schokoladenpapier draussen herumliegen, wenn ihr ein Picknick veranstaltet“ noch immer nicht verstehen?

…weshalb Filme, die ab 6 Jahren freigegeben sind, meist nicht mal für Erwachsene geeignet sind, weil der Inhalt so deprimierend ist?

…weshalb eine Zehnjährige besser als mancher Kinderbuchautor weiss, was ein gutes Kinderbuch ausmacht?

…weshalb Karlsson mir direkt ins Gesicht sagt, dass er meine Witze nicht lustig findet, wo er das doch eigentlich hinter meinem Rücken sagen müsste?

…weshalb die grössten Kinderfeinde ihre Sätze über Kinder stets mit „Ich habe nichts gegen Kinder…“ anfangen?

…weshalb alle zu lachen beginnen, wenn wir von der Schwan-Attacke erzählen?

…weshalb man böse Blicke und giftige Bemerkungen erntet, wenn man im Spitalflur hohe Absätze trägt?

…weshalb die Menschheit je so dumm war, zu glauben, mit der Erfindung einiger nützlicher Maschinen würde das Leben einfacher?

…weshalb der Drucker immer in der Formular-Hochsaison den Geist aufgibt?

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Das Drama mit dem Schwan

Manchmal frage ich mich, ob wir einen Tag ohne Drama überhaupt noch hinkriegen. Heute war es ein Schwan, der für Aufregung sorgte. Hätten „Meiner“, Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf mich gehört, wäre die Sache natürlich nicht passiert, denn ich hätte schon zu verhindern gewusst, dass Karlsson und Luise jetzt schon im See baden gehen. Aber auf mich hört ja keiner und da ich zu Hause Zoowärter, Prinzchen und Freundeskreis zu beaufsichtigen hatte, konnte ich unsere zwei Ältesten nicht daran hindern, ins kalte Wasser zu steigen. Tja, und dann griff eben dieser Schwan aus dem Hinterhalt an. Karlsson stieg offenbar blutüberströmt aus dem Wasser und musste danach am Kopf genäht werden, Luise kam mit einem grossen Schrecken davon.

Immerhin wissen wir jetzt nicht nur theoretisch, dass Schwäne ziemlich aggressiv werden können, wir haben jetzt auch zwei, die äusserst lebhaft von dieser Aggressivität zu berichten wissen. Ach, und übrigens, ein Schwanenflügel ist durchaus in der Lage, ein Opfer grün und blau zu schlagen, also haltet euch gefälligst fern…

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Ohne Worte

Eine Auftragsarbeit fertig geschrieben, in einem wahren Schreibrausch acht Kurzkapitel verfasst, zwischendurch an der Haustüre ein wenig gequatscht, in Gedanken schon mal die Kolumne, die morgen entstehen soll, entworfen, mir zwei- oder dreimal den Mund fusselig geredet, eingehend die Zeitungsberichte zu den gestrigen Wahlen studiert, dem Zoowärter zugehört, wie er mir in einem Endlos-Redeschwall von den Abenteuern seiner Lego-Figuren berichtete, ein Formular ausgefüllt, einer nervigen Werbeanruferin viel zu lange zugehört, weil sie mir einfach keine Gelegenheit bot, ihr das Wort abzuschneiden und „Meinem“ des Langen und Breiten erklärt, weshalb Bundespräsident Maurer auf gar keinen Fall Recht haben kann, auch wenn er im Radiointerview noch so volksnah daher quasselt. Kurz, ein Tag voller Worte, geschrieben, gesprochen, gelesen und gehört. So viele Worte, dass heute fürs Bloggen nicht mehr allzu viele übrig geblieben sind.

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Stressfrei

Was für eine Wohltat: So früh zum Bahnhof gehen, dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob sich vor dem Billettautomaten eine Schlange bildet oder nicht, Zeit zu haben, sich die Leute auf dem Perron etwas genauer anzuschauen, insgeheim vielleicht auch ein wenig über sie zu schmunzeln, nicht ungehalten vorbei hetzen zu müssen, wenn jemand eine Auskunft haben möchte, in aller Ruhe etwas zum Lesen hervorzukramen, weil noch so viel Zeit ist, bis der Zug fährt, zu wissen, dass am Ende der Zugfahrt ein köstliches Essen in netter Gesellschaft wartet und keine Pflichtübung, die man so schnell als möglich hinter sich bringen möchte. 

Es muss nicht immer so sein, aber hin und wieder einfach mal erleben, wie stressfrei das Leben auch noch sein könnte, das ist purer Luxus. 

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Und noch einmal Psychoanalyse

„Augen lügen nicht“, sagte er, als ich ihm erklärte, ich sei ein durchaus zufriedener Mensch, wenn auch derzeit sehr müde. „Sie hocken da hinter Ihrem Computer, anstatt sich mit Menschen zu treffen. Kommunikation, das brauchen Sie, das weiss unsere Generation noch“, fuhr er fort und lud mich ein, mich zu ihm und seinem Saufkumpanen zu setzen. Ich hätte mich eigentlich in die Anonymität der Öffentlichkeit geflüchtet, damit ich endlich in Ruhe an meinem Buch arbeiten könne, versuchte ich ihm zu erklären, aber er wollte nicht verstehen, dass schreiben zu Hause fast unmöglich ist, wenn die Kinder Schulferien haben. „Ich spendiere Ihnen etwas“, offerierte er, „Sie müssen lachen, nur dann werden Sie so alt wie ich und mein Kollege.“ Als er keine Ruhe geben wollte, gab ich schliesslich nach, liess mir einen Kaffee spendieren und mein Verhalten analysieren. „Warum redet ihr Jungen nicht mehr mit den Leuten? Ihr sitzt hinter euren Geräten, anstatt zu reden“, warf er mir vor und liess meinen Einwand, ich würde mich ja jetzt auch mit ihm und seinem Kumpanen unterhalten, nicht gelten. „Was machen Sie, wenn Ihr Gerät mal den Geist aufgibt?“, fragte er und ich erklärte ihm, meine Generation sei durchaus in der Lage, von Hand zu schreiben, wenn es denn sein müsse. Er glaubte mir nicht, glaubte mir auch nicht, als ich ihn wissen liess, mein Leben sei durchaus erfüllt, glaubte mir erst recht nicht, als ich sagte, ich müsse jetzt nach Hause gehen, weil ich noch ein wenig Zeit mit meiner Familie verbringen wolle. „Nehmen Sie Ihre Vergangenheit an“, sagte er zu mir, „leben Sie in der Gegenwart und stehen Sie hinter Ihrer Zukunft.“ 

Irgendwann gelang es mir, mich loszureissen, mit der Aufforderung, das Leben zu geniessen, zu kommunizieren und mein Geld nicht auf die hohe Kante zu legen wurde ich entlassen. Zu Hause wartete Luise auf mich. „Mama, was schreibst du über mich in deinem Blog?“ „Nur die Wahrheit“, sagte ich und schickte meine Psychologin ins Bett. 

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