Hätte ich früher gewusst, was ich heute weiss…

… dann hätte ich auf ganz viel Babykram verzichtet und das Geld in eine anständige Babyhängematte investiert.

… dann hätte ich nie Spielsachen gekauft. Weil Kinder ohnehin nur mit Küchenutensilien spielen und weil Spielsachen ganz von selbst kommen, wenn Kinder da sind.

… dann hätte ich das elterliche Büro zu einem äusserst gefährlichen Ort erklärt, in dem jedes Kind in einen Regenwurm verwandelt wird, kaum hat es die Türklinke berührt.

… dann hätte ich nicht ein einziges Ehrenamt angenommen, solange noch nicht alle nachts durchschlafen.

…dann hätte ich einen einzigen grossen Schlafraum mit Matratzen ausgelegt und mir dadurch die fast allabendliche Matratzen-Schlepperei erspart, weil ja doch immer alle auf einem Haufen schlafen wollen.

…dann hätte ich mehr auf die Qualität als auf den Preis geachtet.

…dann hätte ich weniger Angst gehabt.

…dann hätte ich weniger auf andere Mütter und überhaupt nicht auf das Geschwätz der Besserwisser gehört. Und ich hätte dieser blöden Kuh, die Karlsson einmal, als er etwa drei war, mit einer Ohrfeige drohte, weil er sich die Seele aus dem Leib schrie… Ach nein, hätte ich nicht, denn ich hätte ja gar nicht auf ihr dummes Geschwätz gehört.

…dann hätte ich öfters mal Nein gesagt zu Menschen, die etwas von mir wollten, dafür öfters mal Ja zu den Kindern.

…dann hätte ich darauf geachtet, dass wir immer genügend Knetmasse im Haus haben, weil es einfach keine bessere Beschäftigung gibt.

…dann hätte ich alles, was mir wirklich wichtig ist, an einem kindersicheren Ort verstaut.

…dann wäre ich das eine Mal lieber früher zum Arzt gerannt, das andere Mal dafür überhaupt nicht.

…dann wäre ich viel ruhiger und gelassener gewesen, aber weil ich damals ja nicht wusste, was ich heute weiss, konnte ich gar nicht ruhiger und gelassener sein.

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Tut mir Leid, ich kann da nicht weiterhelfen

Seit längerer Zeit habe ich mich nicht mehr damit befasst, was Leser bei mir zu finden hoffen. Weil mir jedoch in den vergangenen Tagen eine Suchanfrage immer wieder ins Auge gestochen ist, habe ich das Gefühl, klarstellen zu müssen, wo ich nicht weiterhelfen kann.

Die Suchanfrage, die mich nachdenklich gestimmt hat, lautete folgendermassen: „Wie mache ich meinen Chef von mir abhängig?“ Zwei Dinge finde ich daran äusserst beunruhigend, nämlich 1. Was für eine Art Mensch bist du, wenn du deinen Chef von dir abhängig machen willst? Ich meine, ist das wirklich erstrebenswert, einen Menschen zu haben, der dauernd hinter dir her hechelt, weil er sich ohne deine Hilfe nicht mehr zurechtfindet? Was, wenn der Schuss nach hinten losgeht, und der Chef  nicht mehr ohne dich entscheiden kann, welche Krawatte er anziehen soll, was am Abend auf den Tisch kommt und was er seine Schwiegermama zum Muttertag schenken könnte? 2. finde ich es äusserst bedenklich, dass der Hilfesuchende ausgerechnet bei mir gelandet ist. Wenn man bei mir eines lernen kann, dann dies, wie man einen Chef davon überzeugen kann, dass es auch ohne dich geht. Ich könnte dir sagen, zu welchem Zeitpunkt du ein Kind bekommen solltest, damit deine Stelle schmerzlos wegrationiert werden kann, ich kann dir beibringen, wie du erfolgreich an deinem Chef vorbeiredest und eine Mauer aus Missverständnissen aufbaust. Aber damit wirst du kaum erreichen, dass der Kerl von dir abhängig wird, also frag mich bitte nicht mehr danach, okay?

Auch auf die Frage „Wie kann man so verantwortungslos sein mit Tieren?“ weiss ich leider keine Antwort, obschon ich schon mein halbes Leben danach suche. Ich kann dir höchstens sagen, wie ich selber mit der Problematik umzugehen versuche: Kein Fleisch essen, für die Familie nur Fleisch aus anständiger Herkunft zubereiten, Haustiere möglichst artgerecht halten, nach Möglichkeiten suchen, wie der Garten zum Lebensraum für Kleinlebewesen werden kann und den Kindern beibringen, dass Tiere wertvolle Geschöpfe sind, die es verdient haben, mit Sorgfalt und Liebe behandelt zu werden. Mehr kann ich leider nicht tun, aber glaub mir, sobald ich herausgefunden habe, wie man die Verantwortungslosigkeit gegenüber Tieren stoppt, werde ich meine Erkenntnisse mit dir teilen. Versprochen.

Leider muss ich auch euch enttäuschen, die ihr bei mir Hilfe zum Ämtliplan sucht. Ich weiss, euer Bedürfnis, mehr Ordnung in die Erledigung von Haushaltpflichten zu bringen, ist gross, aber da seid ihr bei mir eindeutig an der falschen Adresse. Klar, ich habe auch schon Ämtlipläne erstellt, von daher könnte ich euch zumindest in gestalterischer Hinsicht ein paar Tipps geben, aber meist liegt das Problem ja in der Umsetzung, nicht in der Gestaltung. Und bei der Umsetzung hapert’s bei mir wohl noch mehr als bei euch.

Auch in anderen von euch gesuchten Bereichen – von der Nuggi-Entwöhnung über das Moderieren von Gottesdiensten bis hin zu „Magen Darm 2013“ – bin ich schlicht zu wenig qualifiziert, um euch weiterzuhelfen. Vielleicht könnte ich euch den einen oder anderen Hinweis zum erfolgreichen Scheitern mit auf den Weg geben, mehr aber leider nicht. In einem einzigen von euch gesuchten Bereich bin ich ein wahrer Experte: Bei „Majestix ich fühle mich so müde“ bin ich kaum zu übertreffen. Nicht nur, weil ich die alten – und nur diese, auf die Neuen pfeife ich – Asterix-Bände in- und auswendig kenne, sondern vor allem, weil ich im Fach Müdesein Majestix, den Chef, locker übertreffe.

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Neugierde

Es ist Jahre her, seitdem ich letztmals etwas Neues gelernt habe. Okay, da waren ein paar Weiterbildungen, die dienten aber lediglich dazu, bereits vorhandenes Wissen zu vertiefen, vielleicht auch zu erweitern. Es war nicht die Wissbegierde, die mich in diese Weiterbildungen trieb, sondern das Leben, das mich vor eine neue Herausforderung stellte, für die ich mir Rüstzeug besorgen wollte. Das alles war zwar ganz interessant, aber so richtig Neuland betreten habe ich damit nicht. 

Jetzt aber, wo die Kinder grösser sind und mir in den vergangenen Monaten zugleich einen Haufen Ballast abgenommen wurde, erwacht die Neugierde allmählich wieder; der Wunsch, Dinge zu lernen, von denen ich keinen Schimmer habe, ist wieder da. Schwedisch lernen, zum Beispiel. Zweiundzwanzig Jahre ist es her, seitdem ich zum letzten Mal eine Sprache gelernt habe und ich habe keine Ahnung, ob ich so etwas überhaupt noch hinkriege. Vielleicht werde ich ja eine dieser peinlichen Schülerinnen, die auch nach Jahren fleissigen Lernens nie mehr als ein paar verkorkste Sätze zustandebringen, aber ich will das jetzt einfach mal probieren, weil ich es schon lange tun wollte und endlich auch die passende Ausrede habe, es zu tun. Man kann ja nicht einfach nach Schweden reisen, ohne nur ein einziges Wort Schwedisch zu sprechen.

Dann hat mich noch dieser Drang gepackt, mir einen grünen Daumen wachsen zu lassen. Ja, ich weiss, den sollte man eigentlich bei der Geburt geliefert bekommen, aber vielleicht gibt es da doch auch ein paar Dinge, die jemand, der mit ganz gewöhnlichen Daumen zur Welt gekommen ist, lernen kann. Man könnte zum Beispiel etwas über Nützlinge und Schädlinge lernen, oder über die Vorzüge von Wintersalat oder sonst irgend etwas. Dinge eben, die einen etwas näher an die Natur und etwas weiter weg von den Lebensmittelkonzernen bringen. Nein, nicht noch ein Kurs, aber immerhin ein wenig Recherche, ein wenig Versuch und Irrtum, ein wenig Nachfragen bei Leuten, die mehr von der Sache verstehen.

Ach ja, und dann wäre da noch der Wunsch, endlich einmal dabei zuzusehen, wie sich die Blätter an den Bäumen entfalten. Schon seit Jahren träume ich davon, aber wenn ich meinen Terminkalender – und denjenigen der Kinder – anschaue, denke ich, dass ich damit vielleicht noch ein wenig warten sollte. Zumindest bis zu Prinzchens Konfirmation, vielleicht auch bis zur Pensionierung.

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Wiedereinstieg

Gewisse Dinge verlernt man nie. Das weiss jeder, der schon mal in einen alten Job zurückgekehrt ist. Anfangs ist man vielleicht noch etwas eingerostet, aber spätestens nach ein paar Wochen ist man zurück in der alten Routine. Das ist bei mir genau gleich.

Die Sache mit der Arbeitskleidung, zum Beispiel, hatte ich sofort wieder im Griff. In meinem alten Job prüfte jeden Morgen sorgfältig, ob auch wirklich alles passt, seit einiger Zeit aber halte ich mich wieder streng an den Dresscode meines jetzigen Berufs: Irgendwann zwischen Frühstück und Mittagessen werfe ich mir etwas über, was mir gerade in die Finger kommt und erst wenn ich dann zufällig im Laufe des Tages meinem Spiegelbild begegne, fällt mir auf, dass Hose, Oberteil, Jacke und Schuhe zueinander passen wie Himbeersorbet, Gorgonzola, Lebertran und Wasabi.

Auch meine Beziehung zur Zimmerdecke ist wieder so angespannt wie eh und je. Zu Beginn der Woche kann ich noch so tun, als wäre sie nicht hier, spätestens am Mittwoch aber lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Am Donnerstag fühle ich mich schon ziemlich unterdrückt, am Freitagnachmittag kracht sie mir mit Getöse auf den Kopf. 

Natürlich hat auch die Überlebenslektüre rasch wieder Einzug in meinen Berufsalltag gehalten. Nicht zu anspruchsvoll darf sie sein, denn man muss der Geschichte auch folgen können, währenddem man das Lösen der Hausaufgaben überwacht. Ein bisschen Spannung muss sie bieten, damit man den Drang verspürt, zwischen zwei eintönigen Arbeiten eine Lesepause einzulegen, allzu viel darf es aber auch nicht sein, denn sonst wird man ans Buch gefesselt und vergisst, das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. 

Ist also mein Wiedereinstieg gelungen? Zum Teil ja, in gewissen Bereichen aber kämpfe ich noch ziemlich mit dem rasanten Tempo meines Jobs. So komme ich zwar mit dem Abtragen des Wäscheberges ganz gut klar, das Wachstum des Geschirrberges unterschätze ich allerdings noch immer. Zudem muss es mir wieder in Fleisch und Blut übergehen, Arbeiten dann zu erledigen, wenn sie anstehen und nicht zuzuwarten, bis es peinlich wird, dass es noch nicht getan ist. Eine schlechte Gewohnheit aus der Zeit, als weder ich noch „Meiner“ so richtig Zeit hatten, uns um die Dinge zu kümmern. Will ich aber beweisen, dass ich im Job noch etwas tauge, muss ich dies ganz schnell wieder in den Griff bekommen, sonst wird das nichts aus der Karriere als Superhausfrau.

Die Frage ist bloss, ob ich überhaupt genügend ambitioniert bin.

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Umsorgt

Ich geb’s ja nur ungern zu, aber es bringt durchaus auch Vorteile mit sich, wieder vollzeitlich zu Hause zu sein. Zum Beispiel, wenn die Kinder krank sind. Nein, ich meine jetzt nicht die ganze „Wie bringe ich meinem Chef bei, dass ich schon wieder früher nach Hause muss, weil die Kinder krank sind“-Problematik. Auch nicht die „Warum darf mein Kind nicht in die Kita, wenn es krank ist“-Diskussion. Nein, ich rede von dem, was Karlsson vom Dach folgendermassen umschreibt, als er angeblich schwer erkrankt ist: „Du musst jetzt wie eine Mutter zu mir sein.“

Ihr wisst schon, was ich meine: Warme Decken anschleppen, wenn das Fieber die armen Kindchen schlottern lässt, Tee mit Honig servieren,  beim Gang ins Dorf  neben Medikamenten auch eine kleine Überraschung für die Patienten besorgen und dann natürlich haufenweise warme Wickel, lindernde Salben, liebevolle Umarmungen und tröstende Worte. Wohliger kann Kranksein wohl kaum sein und ich muss gestehen, dass mir selber ganz warm ums Herz wird, wenn ich meine Kinder so umsorgen kann. 

Ehe nun aber die „Mama an den Herd“-Fraktion freudig in die Hände klatscht und meinen Post als Plädoyer für ihre Weltsicht missbraucht, muss ich darauf hinweisen, was folgt, wenn alle bekommen haben, was sie brauchen: Dann wird geschrieben und zwar mit gleichem Ernst wie immer. Nur weil ich jetzt zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass mein Lebensinhalt einzig aus Kind und Küche besteht. Und wenn „Meiner“ nachmittags nach Hause kommt, übernimmt er die Krankenpflege, damit ich meinen Abgabetermin einhalten kann. Ob Mama oder Papa pflegt, spielt nämlich überhaupt keine Rolle, Hauptsache, jemand hat Zeit, die Patienten mit Liebe zu überschütten.

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Copyright-Streit

Nicht nur unsere Kinder lernen von uns, auch wir lernen von ihnen. Die Bedeutung des Copyrights im Familienalltag hätten wir ohne sie wohl nie erkannt. Kommt einem ein unschuldiges „Au au“ über die Lippen, zetert der FeuerwehrRitterRömerPirat sofort los: „Das darfst du nicht sagen, das habe ich erfunden. ‚Au au‘ gehört mir und sonst niemandem!“. Und er hat damit ja in gewisser Hinsicht Recht, denn er war der einzige unserer Kinder, der als Kleinstkind jeweils „Au au!“ schrie, wenn er bekommen wollte, was die anderen bereits hatten. Singt jemand ohne Hintergedanken „So so so, zwei Chämi uf em Brot…“ steht sofort Karlsson da und fordert seine Tantiemen. Auch er zu Recht, haben doch er und sein bester Freund das Lied im zarten Alter von viereinhalb Jahren zur Melodie von „Summ summ summ, Bienchen summ herum“ getextet. Und äussert einer den sehnsüchtigen Wunsch, einmal eine echte, flauschige Wolke sein Eigen zu nennen, macht ihn der Zoowärter darauf aufmerksam, dass dieser Traum auf seinem Mist gewachsen ist, als er einmal abends brüllend im Bettchen stand und schrie, er wolle eine Wolke haben.

Im Laufe der Jahre sind „Meiner“ und ich zu regelrechten Experten in Sachen innerfamiliäres Copyright geworden und ich weise nicht ohne Stolz darauf hin, dass ich in diesem Bereich dank meines guten Gedächtnisses für frühkindliche Episoden klar die Führungsposition inne habe. Bis jetzt habe ich meine überragenden Fähigkeiten in Sachen Copyrightschutz aber nur angewendet, wenn der Streit ums Urheberrecht den Familienfrieden zu gefährden drohte. Nun aber hoffe ich, meine Überlegenheit für einmal zu meinem eigenen Vorteil einsetzen zu können. 

Es ist nämlich so: Gestern drehte ich beim Putzen den Küchentisch um 90 Grad und weil ich nach dieser Aktion von einer Schlafattacke übermannt wurde, blieb das Möbelstück so stehen, wie ich es gedreht hatte. „Meiner“ nützte meinen komatösen Zustand auf schamlose Weise aus, indem er das von mir begonnene Werk perfektionierte, was allerdings keines grossen Könnens bedurfte, hatte ich mit meiner raffinierten Tischdrehung doch bereits den Grundstein für eine vollkommen neue Küchenordnung gelegt. „Sieht gut aus, findest du nicht auch?“, bemerkte ich, als ich endlich wieder wach genug war, um mein Umfeld klar zu erkennen. „Da staunst du, wie ich das hingekriegt habe, wo doch gewöhnlich du fürs Möbelrücken zuständig bist“, fügte ich noch hinzu. „Aber das hab ich doch gemacht“, gab „Meiner“ leicht verwundert zurück. „Hast du nicht, das war meine Idee“, beharrte ich worauf er behauptete, er hätte den Tisch noch ganz gerade gerückt und die Hocker neu geordnet. Und deswegen glaubt er jetzt natürlich, jegliches Lob, das wir fürs Umstellen bekommen, könne er auf seinem Konto verbuchen, was natürlich gar nicht geht, wo ich doch die bahnbrechende Entdeckung gemacht habe, dass die Küche mit gedrehtem Tisch viel besser aussieht.

Ich glaube, ich muss mal die Kinder fragen, wie sie ihren Forderungen jeweils Nachdruck verleihen. Im Schlichten bin ich nämlich eindeutig erfahrener als im Beharren auf meinem Urheberrecht.

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Hättet ihr doch auf mich gehört…

Wenn inzwischen schon das Prinzchen auf den Winter schimpft und dann sogar noch krank wird, ausgerechnet er, der sonst jedem Käfer standhaft widersteht…

Wenn „Meiner“ und ich uns samstags zuerst einmal einen heftigen Streit liefern und dann auch noch den ganzen nahezu kinderfreien Nachmittag verschlafen…

Wenn Luises zweites Winterstiefel-Paar nichts mehr taugt…

Wenn ich den Drang verspüre, die Früchte- und Gemüseauslage in der Migros zu räumen wie einst Jesus den Tempel, weil sie schon wieder Erdbeeren und Spargel als saisongerecht verkaufen…

Wenn Karlsson schon wieder krank ist…

Wenn „Meiner“ den ganzen Abend in einem unbeschreiblich hässlichen Anzug und mit bemaltem Gesicht durch die Wohnung geistert und alle in den Wahnsinn treibt…

Wenn sogar ich mich nicht mehr durch den Anblick fallender Schneeflocken verzaubern lasse…

Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat droht, seinen Cola-Menthos-Versuch im Wohnzimmer durchzuführen, weil es draussen einfach zu kalt ist dazu…

Wenn die Hände trotz ewigen Einschmierens so trocken sind, dass das Stricken allmählich schwierig wird…

Wenn der Holundersirup-Vorrat zur Neige geht, das mehrstimmige Hustenkonzert aber andauert…

Wenn der Zoowärter zum Einschlafen meine gesamtes Frühlingslieder-Repertoire hören will…

Wenn ich in Versuchung gerate, Salatsamen zu säen, einfach nur zum Trotz, weil ich jetzt dann keinen Chinakohl mehr sehen, geschweige denn essen mag…

… dann ist klar, dass es jetzt reicht mit Winter und darum kann ich meiner Familie nur sagen: Hättet ihr doch auf mich gehört, dann würden wir jetzt erst allmählich aus dem Winterschlaf erwachen und die Höhle dann verlassen, wenn der ganze Mist durchgestanden ist.

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20 lebensverändernde Minuten

Sie haben mal wieder herausgefunden, dass Kinder besser lernen, wenn sie nicht zu früh zur Schule müssen. Haben sie auch früher schon herausgefunden, aber meiner Meinung nach hätten sie gar keine Studien durchführen müssen. Sie hätten auch erfahrene Eltern fragen können und die hätten dann wohl gesagt, dass es bei jedem Kind ein wenig anders ist. Die einen sind morgens um sechs bereits voll aufnahmefähig, die anderen kommen erst gegen elf in die Gänge. Im Grossen und Ganzen – das würden die Eltern wohl sagen – würde die Mehrheit der Kinder lieber länger liegen bleiben, auch jene, die frühmorgens schon taufrisch sind. Weil man aber so etwas nicht einfach so glauben mag, wird nun an einigen Schulen getestet, ob die Schüler glücklicher sind, wenn sie – und jetzt bitte festhalten – zwanzig Minuten später antraben müssen. Glaubt mir, diese zwanzig Minuten werden die Schweiz verändern…

Von solchen Fortschritten dürfen unsere Kinder nicht mal träumen, bei ihnen soll es nämlich nicht später anfangen, sondern früher und zwar auch zwanzig Minuten, wenn ich richtig gelesen habe. Im Grunde genommen müsste ich jetzt aufschreien wollen, denn als bekennender Morgenmuffel, der mindestens drei, vielleicht gar vier  ebenso überzeugten Morgenmuffeln das Leben geschenkt hat, graut mir vor dem Morgengrauen. Dennoch habe ich erst einmal laut gejubelt über die Stundenplanänderung, denn fünfmal zwanzig Minuten früher bedeuten einen zusätzlichen freien Nachmittag für unsere stressgeplagten Kinder. 

Für mehr Freizeit hätte man natürlich auch eine Stundenreduktion ins Auge fassen können, aber vermutlich braucht es noch ein paar Studien, die belegen, dass mehr Lektionen nicht automatisch mehr Wissen bedeuten. Nun ja, man könnte auch die Eltern fragen, ob ihre Kinder klüger geworden sind, seitdem sie mehr die Schulbank drücken müssen…

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Erwachender Idealismus

Ganz klar, ich habe mal wieder zu viel Zeitung gelesen. Zu viel über Landgrabbing, Pestizide, Spekulation mit Lebensmitteln, desolate Zustände auf Gemüseplantagen in Südeuropa und Afrika, europaweiten Fleischhandel und dergleichen. Nun gut, die Sache mit dem Fleisch könnte mir ja egal sein, weil ich keines esse und für die Familie nur solches aus der Schweiz koche, aber die undurchsichtige Geschichte widert mich eben doch an.

Früher gelang es mir noch besser, solche Meldungen mit der Bemerkung „Ich tue mein Möglichstes, verantwortungsbewusst einzukaufen“ beiseite zu schieben. Immer öfter aber bringe ich es nicht mehr fertig, mein Unbehagen zu verdrängen. Der Wunsch, von jedem Lebensmittel, das auf dem Teller landet, zu wissen, woher es kommt und wie es produziert wird, wächst mit jeder Meldung, die ich zu Gesicht bekomme. Ja, ich weiss, mein Wunsch ist extrem und er wird wohl nie in Erfüllung gehen.

Dennoch ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken, man müsste das doch irgendwie auch selbst hinkriegen. Ich meine, so schwierig kann es doch nicht sein, Gemüse, Milch und Fleisch beim Bauern zu besorgen, ein paar eigene Sachen anzubauen und Vorräte für den Winter selber einzumachen. Erste Gehversuche habe ich bereits gemacht, aber reicht mir das? Was ist mit Kleidern, Schuhen und all den anderen Dingen, die eine Familie eben so braucht? Würde ich mich nicht umso mehr über unumgängliche Kompromisse ärgern, je mehr ich versuchte, nach meinem Gewissen zu handeln? Und hätte ich überhaupt den langen Atem, den es braucht, um das alles über Jahre durchzuziehen?

Ich weiss es nicht, aber vielleicht mache ich mir mal Gedanken darüber, wie wir aus unserem Umschwung etwas mehr Garten machen könnten.

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So liegen die Dinge

Auf dem Salontisch liegt „Melnitz“. Seit Wochen schon aufgeschlagen auf der gleichen Seite wartet der Schinken darauf, bis ich endlich Zeit finde, ihm die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er verdient hat.

Auf dem Küchentisch liegt das angefangene Vorderteil einer Strickarbeit, die irgendwann zu Luises Strickkleid werden soll. Das Rückenteil ist zwar bereits geschafft, aber das hilft auch nichts, wenn das Vorderteil langsamer wächst als Luise.

Vor der Wohnungstüre liegt ein Berg von Winterjacken, der Besuchern den Eindruck vermittelt, Vendittis liessen sich nun voll und ganz gehen. In Wirklichkeit hat sich nur der neue Kleiderständer gehen lassen, aber das glaubt natürlich keiner, der je gesehen hat, zu welchem Chaos wir fähig sind.

In der Küche liegt ein Kistchen voller Bitterorangen, die darauf warten, endlich zu Marmelade verarbeitet zu werden. Währenddem sie immer kleiner und unscheinbarer werden, wächst mein Frust ins Unermessliche, weil ich mich beim Kauf so sehr darauf gefreut hatte, wieder hausgemachte Bitterorangen-Marmelade auf den Toast zu schmieren.

Auf dem Bürotisch liegt die Steuererklärung, die ich dieses Jahr unbedingt vor dem Abgabetermin einreichen will. Einfach, um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann, wenn ich nur richtig will.

Auf meinem Gewissen lastet der Gedanke, dass noch immer nicht alle Kinder ihre versprochene Bestechung – also, ich meine natürlich Belohnung – für für ihr Wohlverhalten bekommen haben.

Auf der Festplatte meines Laptops liegen zwei Manuskripte, die ganz dringend weiterbearbeitet werden wollen. 

Ums Haus herum liegt Schnee, den ich unbedingt wegschaufeln sollte, damit sich nicht doch noch irgendwann einer ein Bein bricht.

Tag für Tag bleibt liegen, was ich müsste oder zumindest möchte, denn Morgen für Morgen klopft das Leben an meine Tür und stellt mich vor Herausforderungen, mit denen ich nicht im Traum gerechnet hatte. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, mein Leben werde etwas geordneter und überschaubarer, wenn ich nicht mehr ausser Hause arbeite. Wie dumm von mir, zu erwarten, ich könnte irgendwann wieder damit zurückfahren, mich rund um die Uhr nach den Bedürfnissen meiner Mitmenschen zu richten, nachdem ich genau dies habe lernen müssen, als ich Mutter wurde.

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