Arrangiert

Da waren wir neulich wieder  mal in jenem unsäglichen Parkhaus, in dem es weder Lift  noch Rampe gibt. Einfach nur enge, steile Treppen. Diesmal waren wir ohne Kinderwagen unterwegs und vielleicht  erinnerte ich mich gerade deswegen besonders lebhaft an die unzähligen Male, die ich mich – meist hochschwanger- diese Treppe hochgekämpft hatte, krampfhaft darum bemüht, den Kinderwagen nicht fallen zu  lassen, schwitzend und schimpfend über das Land, das für alles Geld hat, nur nicht für kinderwagen- und rolsstuhlgängiges Bauen.

Wie  wir so völlig problemlos die Treppe hochgingen, erinnerte ich mich an das böse Erwachen, das ich hatte, als ich  Mutter wurde. Wenn man Eltern wird, macht man sich ja auf alle möglichen Unannehmlichkeiten gefasst, bloss nicht auf die Stolpersteine des Alltags: Die steilen Stufen und die zu engen Durchgänge im Zug, Fussgängerampeln, die so schnell wieder auf rot wechseln, dass ein Kleinkind keine Chance hat, die  Strasse während einer einzigen Grünphase zu überqueren, Warenhäuser, deren Türen so schwer sind, dass Mama oder Papa es kaum schaffen, mit Kinderwagen und Kleinkind lebend in den Laden zu gelangen.

Als neugeborene Mutter ärgerte ich mich masslos über all die kleinen und grossen Hindernisse, die man kleinen Menschen und ihren Eltern so achtlos in den Weg stellt. Und weil ich als neugeborene Mutter gleichzeitig zur arbeitslosen Journalistin wurde, schwor ich mir, so lange auf die kleinen und grossen Missstände aufmerksam zu machen, bis sich etwas ändern würde in unserem ach so kinderfreundlichen Land. Ich würde Beschwerdenbriefe schreiben, Leserbriefe, ich würde mit meiner ganzen Kinderschar antraben, wenn ich etwas zu bemängeln hatte, ich würde wenn nötig auch Unterschriften sammeln. Ich hatte ja jetzt die Zeit dazu und ausserdem keinen Arbeitgeber mehr, der mir vorschreiben konnte, was ich schreiben durfte und was nicht.

Sah ich mich damals noch als Kämpferin, muss ich heute gestehen, dass nicht viel von meinem Eifer übrig geblieben ist. Gut, ich schrieb die eine oder andere Kolumne zum Thema, habe auch hin und wieder mal in meinem Blog auf das eine oder andere Problem hingewiesen. Aber wie ich so diese unsägliche Treppe im Parkhaus erklomm und an meinen Eifer von damals dachte, dämmerte mir, dass ich im Laufe der Jahre getan habe, was ich nie hätte tun wollen: Ich habe mich arrangiert mit der Situation. Zähneknirschend zwar und hin und wieder auch laut schimpfend, aber im Grossen und Ganzen habe ich mich mit all dem Mist abgefunden.

Für meine Nerven ist das vielleicht ganz gut so und für die Nerven meiner Mitmenschen auch. Aber wenn wir Eltern uns immer mit allem abfinden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn noch unsere Kinder sich  damit abmühen werden, schimpfend und schwitzend den Kinderwagen steile, enge Treppen hochzuschleppen.

Ist das jetzt der Letzte?

Nachdem wir nun ein paar Monate kinderwagenlos unterwegs waren, haben das Au Pair und ich heute die Geduld verloren und wir haben uns aufgemacht, Kinderwagen Nummer 7 zu erstehen. Ja, ich weiss, ich hatte mir geschworen, nie wieder einen zu kaufen, aber wenn ihr mal an einem sonnigen Winternachmittag mit dem Prinzchen im Schlepptau durch Solothurn geschlendert wäret, würdet ihr verstehen, weshalb wir noch einmal Geld ausgegeben haben für so ein Ding. Das Kind kann nämlich nicht – wie es sich für einen Zweijährigen gehört – im Schneckentempo durch die Strassen wandern, hier einen Stein bewundern und da einen Flaschendeckel aufheben. Nein, der Kleine rast durch die Strassen, klettert, wo er nicht klettern sollte, weil es lebensgefährlich ist und entschwindet unseren Blicken, wann immer er kann. Wenn es schon im beschaulichen Solothurn so schwierig ist, das Kind im Auge zu behalten, wie wird das erst im von Touristen überschwemmten Prag sein, wo wir die Sommerferien verbringen werden? Also musste ein Kinderwagen her und zwar sofort.

Nun mögt ihr euch vielleicht fragen, wie man bloss auf die hirnverbrannte Idee kommt, mit fünf Kindern eine Ferienwoche in Prag zu buchen. Nun, ich werde euch erklären, weshalb wir zum Schluss gekommen sind, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist. Vor ein paar Jahren noch wäre es nicht möglich gewesen, denn mit mehreren Wickelkindern, vielleicht noch einem Baby, das gestillt werden muss und ein oder zwei Kleinkindern im besten Trotzalter verbringt man nun mal keine Ferien in einer Stadt. In ein paar Jahren, wenn Karlsson und Luise in der Pubertät sein werden und über alles, was mit Geschichte, Kunst oder Kultur zu tun hat, nur schnöden werden, können wir das auch nicht mehr machen. Dann werden wir nämlich irgendwo am Strand liegen müssen, weil dies für unsere Kinder das höchste der Gefühle – und für mich der Albtraum schlechthin – sein wird.

Jetzt aber, wo Karlsson für Barock, klassische Musik und Antiquitäten schwärmt, Luise sich von Ballett, hübschem Krimskrams und köstlichen Torten verzaubern lässt, der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Begeisterung in der Zeit der Ritter, Kaiser und alten Astronomen wühlt und der Zoowärter sich so sehr mit dem kleinen Maulwurf identifiziert, dass er demnächst einen unterirdischen Gang im Garten graben wird, ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um unseren Kindern die Stadt zu zeigen, die all das, was sie lieben, bietet.

Aber eben, das Prinzchen ist noch etwas klein, um all die Schönheit ohne Kinderwagen zu sehen. Wir wollen doch nicht, dass er sich im Gedränge einer Italienischen Reisegruppe anschliesst und am Ende nur Pizza und Pasta, anstelle von Knödeln und Palatschinken isst. Also haben das Au Pair und ich uns auf die Suche nach einem erschwinglichen Kinderwagen gemacht, der trotzdem stabil genug ist, um mindestens bis zum Sommer durchzuhalten. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach, aber am Ende wurden wir im Fachgeschäft fündig. Allerdings mussten wir sehr lange warten, bis wir das Wägelchen bezahlen und mitnehmen konnten, den die einzige Bedienung in dem riesigen Geschäft war gerade dabei, werdenden Eltern zu erklären, worauf man beim Kinderwagenkauf zu achten hätte. Ich hatte ganz vergessen, wie unsinnig die Fragen sind, die werdende Eltern in einem Baby-Fachgeschäft stellen können. Waren „Meiner“ und ich auch mal so unwissend?

Nun, irgendwann tauchte dann doch noch eine zweite Verkäuferin auf und die wollte sogleich damit anfangen, zu erklären, was Kinderwagenkäufer gewöhnlich wissen wollen: Wie man das Gefährt zusammenlegt, welche Vorzüge es hat, was man damit alles machen kann. Weit liess ich sie allerdings nicht kommen mit ihren Erläuterungen. Dies sei Kinderwagen Nummer 7, liess ich sie wissen, deshalb brauche man mir nichts mehr zu erzählen. Man hat ja schliesslich seinen Stolz, nicht wahr? Oder sehe ich etwa so aus, als sei ich eine Anfängerin in Sachen Kinderwagen?

Nun ja, offen gestanden war es nicht nur der Stolz, der mich daran hinderte, der Verkäuferin zuzuhören. Vor allem wollte ich einfach nur so schnell als möglich aus diesem Laden herauskommen. Irgendwie wurde mir nämlich etwas weh ums Herz, als ich diesen werdenden Eltern zuhörte und mir klar wurde, dass ich nie wieder einer Verkäuferin unsinnige Fragen zu Kinderwagen stellen werde. Und als mir bewusst wurde, dass dies wohl tatsächlich der allerletzte Kinderwagen war, den ich gekauft habe. Obschon ich dies ja schon öfters gesagt habe…

Zehn Jahre Mama Venditti

Bevor ich morgen auf zehn Jahre Karlsson zurückblicken werde, befasse ich mich heute mit der Mama, die ja auch morgen vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Ich befasse mich mit einer Mama, die damals sehr viele Dinge wusste, die sie heute nicht mehr weiss. Diese Mama wusste zum Beispiel, dass ihr kleiner, süsser Karlsson nie und nimmer im Elternbett schlafen würde. Kinder haben im Elternbett nichts verloren, darin waren „Ihrer“ und Mama Venditti sich einig. Der kleine Karlsson teilte übrigens die Meinung seiner Eltern und zeigte keinerlei Interesse an allzu viel elterlicher Nähe. Aber Karlsson bekam dann ja auch noch Geschwister, die das Dogma so sehr in Frage stellten, bis schliesslich weder Mama Venditti noch „Ihrer“ sich erinnern konnten, was denn so schlimm sein sollte daran, wenn hin und wieder mal ein kleines Menschlein ins Elternbett gekrochen kommt. Inzwischen sieht übrigens auch Karlsson die Dinge nicht mehr ganz so eng und so verbringt er die Nacht vor seinem zehnten Geburtstag im Elternbett, weil er sonst vor lauter Vorfreude nicht schlafen kann.

Mama Venditti wusste vor zehn Jahren aber auch noch andere Dinge, zum Beispiel, dass das Muttersein sie so sehr erfüllen würde, dass sie ihrem Beruf keine Träne nachweinen würde, obschon sie diesen innig geliebt hatte. Nun, es dauerte nicht allzu lange, bis Mama Venditti zu einer ziemlich unausgeglichenen, launischen Frau wurde, die sich nicht immer so an ihrem Dasein zu Hause erfreuen konnte, wie sie dies erwartet hätte. Leider aber dauerte es ziemlich lange, bis Mama Venditti begriff, woran es lag, dass sie so unausgeglichen und launisch war und deswegen machte sie sich a) den Alltag mit bitteren Selbstvorwürfen zur Qual und b) ihren lieben kleinen Kindern  das Leben mit einer Mama, die nicht wusste, wo das Problem lag, ziemlich schwer. Inzwischen hat Mama Venditti endlich herausgefunden, dass ihre Leidenschaft für ihre Kinder mehr zum Tragen kommt, wenn sie auch anderen Leidenschaften in ihrem Leben Raum gibt. Was nicht heissen soll, dass es die Kinder nun leichter haben mit dieser Mama, denn nun kommt es hin und wieder vor, dass diese diese anderen Leidenschaften mehr Raum einnehmen, als es Mama und Kindern genehm ist.

Dann war da noch die Sache mit dem Temperament. Mama Venditti hatte von ihrer Schwester und anderen Frauen immer wieder gehört, dass sie durch die Kinder viel ausgeglichener und ruhiger geworden seien. Mama Venditti, die schon als Kind mit ihrem hitzigen Temperament aufgefallen war, glaubte natürlich, dass bei ihr genau das Gleiche geschehen würde. Kaum würde sie ihr erstes Kind im Arm halten, würde sie die Ruhe selbst sein. Das glaubte sie ziemlich genau drei Wochen lang, dann flog erstmals mitten in der Nacht eine Schoppenflasche an die Wand, weil Mama Venditti das Weinen ihres entzückenden Kindes nicht mehr ertragen mochte. In den ersten Jahren fragte sich Mama Venditti noch, was bloss mit ihr falsch sei, dass sie einfach nicht ruhiger werden konnte, doch irgendwann begriff sie, dass die Kinder sie nicht zu einem vollkommen veränderten Menschen machen würden und dass sie lernen musste, ihr Temperament in solche Bahnen zu lenken, dass die Kinder nicht darunter leiden müssen. Inzwischen haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass Mama Venditti hin und wieder in der Wut einen Teller auf den Fussboden schmeisst, sie wissen aber auch, dass diese Mama danach selber zum Besen greifen wird, um die Scherben aufzuwischen und dass diese Mama sich später auch für ihren Zornausbruch entschuldigen wird. Und vor allem wissen sie, dass diese Mama sehr viel Verständnis hat dafür, wenn ihnen auch mal eine Sicherung durchbrennt.

Ja, diese Mama Venditti wusste sehr viel, damals, vor zehn Jahren. Sie wusste, dass man auch sehr kleine Kinder mit einer gewissen Strenge erziehen muss, dass man einem Kind auf gar keinen Fall vor dem ersten Geburtstag Schokolade geben darf, dass Kinder am glücklichsten aufwachsen, wenn zwischen ihnen und ihren Geschwistern der perfekte Altersabstand liegt, dass man ein grosses Auto braucht, wenn man viele Kinder haben will und dergleichen mehr. Inzwischen ist viel passiert: Mama Venditti hat lernen müssen, dass rechthaberische Strenge nie zum erwünschten Ziel führt. Sie hat erleben dürfen, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat im zarten Alter von sieben Monaten ein ganzes Stück Schokoladentorte verzehrt hat, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Sie hat erfahren, dass es den „perfekten“ Altersabstand nicht gibt und dass es Paare auf dieser Welt gibt, denen die Kinder einfach so in den Schoss fallen, wann es den kleinen Menschlein und ihrem Schöpfer gerade passt. Und inzwischen weiss sie gar, dass eine grosse Familie auch ganz gut mit einem kleinen Auto auskommen kann.

Einiges aber hat die Mama Venditti, die vor zehn Jahren geboren wurde, nicht gewusst: Wie sehr diese Kinder, die ihr in den Schoss fielen, ihr Leben bereichern würden. Wie sehr sie diese Kinder ans Ende ihrer Kräfte treiben würden. Und vor allem, wie sehr  sie diese Kinder lieben würde. Jedes Einzelne mit seiner ureigenen Art.

Ach, Prinzchen!

Musst du es denn wirklich so eilig haben mit gross werden? Eben noch warst du ein kleines, hilfloses Würmchen, das nichts konnte als schlafen, trinken, die Windel füllen und schreien und jetzt kurvst du schon gekonnt um die Möbel herum, beeindruckst uns mit erstaunlich langen Sätzen und bringst deine grossen Geschwister dazu, dir alles nachzumachen, was du ihnen vormachst. Einfach unglaublich, was so ein kleiner Mensch in nur zwei Jahren lernen kann.

Und das ist es, was mir so zu schaffen machst. Nein, natürlich nicht, dass du so viel gelernt hast. Darüber staune ich Tag für Tag. Aber dass du beim Grosswerden ein so rasantes Tempo an den Tag legen musst, dass du heute schon den zweiten Geburtstag gefeiert hast, wo du in meinen Augen doch immer noch ein Baby sein solltest, das fällt mir nicht so leicht, wie ich es erwartet hätte. Ist nämlich noch gar nicht so lange her, da hatte ich noch geseufzt: „Wenn er erst mal zwei wird, dann ist er aus dem Gröbsten raus.“ Und siehe da, du bist zwar aus dem Gröbsten raus, kannst sagen, wann du Hunger hast, kannst fragen, wo dein Nuggi ist, kannst dir selber „Happy Birthday“ singen und noch viel mehr. Aber seufze ich deswegen weniger? Oh nein, im Gegenteil, ich seufze mehr: „Ach, mein Baby, kannst du denn nicht ein klein wenig langsamer gross werden? Wie schön wäre es doch, wenn ich dich noch stillen dürfte!“

Ja, mein Prinzchen, so sentimental ist sie, deine Mama, aber damit wirst du wohl leben müsste. Das ist das Los der jüngsten Kinder. Aber gebührend gefeiert haben wir natürlich trotz der Sentimentalität. Wir haben dich mit Geschenken und Liebe überhäuft, bis es dir beinahe zu viel wurde. Wir haben dich besungen, bis du uns nur noch schräg angeschaut hast. Wir haben dich mit Kuchen und anderen Süssigkeiten gemästet, bis nichts mehr in dich hineinpasste. Und dein Papa und ich haben eins ums andere Mal zueinander gesagt: „Ist es nicht wunderbar, dass er zu uns gehört?“ Und stell dir vor, deine grossen Geschwister haben uns jedes Mal begeistert zugestimmt. Denk daran, falls sie dir in nicht allzu ferner Zukunft vorwerfen werden, du seist eine kleine Nervensäge. Denn das ist der Nachteil, wenn man zwei wird: Man verliert den Babybonus und wird allmählich zum lästigen kleinen Bruder.

Willst du nicht doch noch ein wenig warten mit Grosswerden? Also ich hätte bestimmt nichts dagegen, wenn du noch etwas länger klein bleibst…

Gesetzestreu

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz für Kleinkinder zu geben, das da heisst: Du darfst den ganzen Tag über quengelig und ungeduldig sein, aber pausenlos schreien, bis sich deine Eltern und das Au-Pair ernsthafte Sorgen machen, darfst du erst fünf Minuten nach Ladenschluss der örtlichen Apotheke. Oder drei Minuten nachdem in der Kinderarztpraxis keine Anrufe mehr entgegengenommen werden. Oder in der Nacht von Samstag auf Sonntag.

Ich weiss nicht, wie andere Kinder es damit halten, aber unsere legen in diesem Bereich eine Gesetzestreue an den Tag, die jeden Gesetzeshüter zum Strahlen bringen würde. So zum Beispiel heute das Prinzchen. Den ganzen Tag sabberte er sich die Kleider nass und wer ihm zu nahe kam, wurde mit einem entrüsteten „Hööö uff!“ angeraunzt. Nichts Aussergewöhnliches also, das Kind wird wohl am Zahnen sein, dachten das Au-Pair und ich. Dann aber, pünktlich zum Ladenschluss der Apotheke, fing er an zu heulen. Und „Aua! Weh!“ zu brüllen. Und sich immer wieder an den Hals zu greifen. So lange, bis wir alle, Zoowärter eingeschlossen, anfingen, uns Sorgen zu machen um ihn.

In solchen Momenten weiss man ja nie so recht, wie man reagieren soll. Rennt man zur Notfallapotheke, werfen sie einem vor, man hätte schon längst zum Arzt gehen sollen. Geht man zum Notarzt meint er nur, wegen dieser Kleinigkeit hätte man nicht kommen müssen. Begibt man sich gar ins Spital, hört das Kind, kaum liegt es nach Stunden des Wartens auf dem Behandlungstisch, mit dem Geheul auf und ist wieder quietschfidel. Nach langem Hin und Her entschlossen wir uns dazu, es mit der neuen Bahnhofapotheke im Nachbarort zu versuchen. Die hat abends bis zehn Uhr offen, also würden wir ganz bestimmt niemanden ausserhalb seiner gewohnten Arbeitszeit stören. Und sollte sich das Problem als schwerwiegender herausstellen, würde man uns dort schon befehlen, sofort zum Arzt zu gehen.

Die Bahnhofapotheke stellte sich dann fürs Erste auch als die richtige Lösung heraus. Das Prinzchen weigerte sich zwar standhaft, weiter zu brüllen, damit wir in seinen Mund hätten schauen können, aber kleine Bläschen an der Zungenspitze und im Mundwinkel liessen die Apothekerin darauf schliessen, dass da wohl schmerzstillendes Zahngel und etwas Entzündungshemmendes angebracht wären. Womit das Prinzchen ziemlich zufrieden war und bald schon friedlich einschlief.

Doch wenn ich sein erneutes Gebrüll vor ein paar Minuten richtig interpretiere, scheint er zu spüren, dass der Ladenschluss der Bahnhofapotheke naht. Mal schauen, wie lang die heutige Nacht wird…

Déformation professionelle

Was haben wir damals gelacht, als meine älteste Schwester ihrem Mann, als er zur Arbeit gehen wollte, noch Nuschi und Schoppenflasche in die Hand drücken wollte. Damit auch Deutsche Leser mitlachen können, sei gesagt, dass es sich bei einem Nuschi um ein Schmusetuch und bei der Schoppenflasche um ein Babyfläschchen handelt. Und nicht etwa, wie unser Au-Pair neulich anmerkte, um ein Feierabendbier. In der Schweiz ist der Schoppen nämlich den Babys vorbehalten. Nun, wie dem auch sei, wir damals noch Kinderlosen fanden, unsere Schwester sei ganz schön durchgeknallt und bräuchte vielleicht mal wieder einen Szenenwechsel.

An dieses hochnäsige Urteil wurde ich heute Morgen mal wieder erinnert, als das Au-Pair sich und das Prinzchen ausgehfertig machte. Das Prinzchen war schon geputzt und gestriegelt – bis auf die Überreste seiner laufenden Nase, die er sich einfach nicht wegmachen lassen will, sondern lieber mit Stolz zur Schau trägt – und auch das Au-Pair musste sich nur noch eine Jacke anziehen. Während wir noch kurz den weiteren Ablauf des Tages besprachen und ich mich mit irgendwelchem Kleinkram beschäftigte, quälte sich das Au-Pair mit einem verklemmten Reissverschluss ab. Was in meinem Kopf offenbar sofort Alarm auslöste: „Achtung Achtung! Verklemmter Reissverschluss! Sofort helfend eingreifen, sonst kommt das Kind zu spät zur Schule. Oder schlimmer noch, es kriegt einen Tobsuchtanfall…“ Dass da vor mir kein Kind sondern eine äusserst selbständige junge Frau steht, wurde meinem Gehirn erst gemeldet, als ich schon die helfende Hand ausgestreckt und ein mütterliches „Soll ich dir helfen?“ ausgesprochen hatte.

Zum Glück hatte der Reissverschluss inzwischen seine Verklemmtheit abgelegt, sonst wäre unser armes Au-Pair in den Genuss einer Reissverschluss-Rettungsaktion à la Mama Venditti gekommen. Und die, so muss ich zu meiner Schande gestehen, enden meistens damit, dass der Reissverschluss im Eimer ist.

Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?

Zwischenbericht aus der Betreuungswüste

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit der Kinderbetreuungswüste Schweiz in Berührung komme. Immerhin haben „Meiner“ und ich schon Stunden am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob es irgendwo jemanden gäbe, der uns dabei helfen könnte, aus dem Sumpf zu kommen. Zum Beispiel damals, als ich mit dem Zoowärter im neunten Monat schwanger war und mir ein Ikea-Möbel auf den Fuss fallen liess. Der Zeh war futsch, die Mama lag flach und der Haushalt geriet aus den Fugen. Und ausser der Grossmama im Haus, die eigentlich schon längst den Ruhestand geniessen sollte, niemand da, der den Laden hätte schmeissen können. Weil in der Schweiz solche Notfälle nicht vorgesehen sind. Oder als ich von zu Hause aus zu arbeiten begann und feststellen musste, dass Kinderbetreuung für unsereinen schlicht unbezahlbar ist, es sei denn, wir würden ein Au-Pair anstellen. Was gar nicht so einfach ist, da Au-Pairs, die mit fünf kleinen Vendittis klarkommen, dünn gesät sind. Inzwischen haben wir ja das perfekte Au-Pair gefunden, aber mir graut schon heute vor dem Tag, an dem sie uns wieder verlassen wird und wir uns auf die Suche nach einer neuen Lösung machen müssen.

Das also sind einige der Erfahrungen, die ich persönlich mit der Betreuungswüste Schweiz gemacht habe. Seitdem ich mich aber aufgemacht habe, um mit einigen Frauen der Misere zumindest bei uns im Dorf ein Ende zu setzen, erfahre ich täglich, dass „Meiner“ und ich bei Weitem nicht alleine sind in dieser Wüste. Hier eine Mama, die ganz dringend einen Babysitter sucht, damit sie hin und wieder ein paar Stunden Schlaf bekommen kann, da eine neu zugezogene Familie, die sich erstaunt die Augen reibt, weil man in Schönenwerd die Kinder offenbar nicht auswärts betreuen lassen kann, es sei denn, man habe das Glück, eine der wenigen Tagesmütter zu kennen oder man sei mit einer hilfsbereiten (Schwieger)mutter gesegnet. Dann wieder ein Anruf einer verzweifelten Frau, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz lebt und die ganz dringend auf eine Arbeit angewiesen wäre, die sie sich aber nicht suchen kann, solange sie nicht weiss, wo ihre Kinder während ihrer Abwesenheit untergebracht werden sollen.

Die Anfragen gehen mir an die Nieren. Zum einen, weil ich zu gut weiss, wie man sich als Mama fühlt, wenn Anspruch und Realität zu weit auseinander klaffen. Zum anderen, weil es mich masslos ärgert, dass man hierzulande zu lange aus ideologischen Gründen darauf verzichtet hat, sinnvolle Lösungen zu finden, damit Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben, wenn Mütter arbeiten müssen oder –  man stelle sich so etwas Schreckliches vor – gar arbeiten wollen. Am meisten aber machen mir die Anfragen zu schaffen, weil ich weiss, dass ich trotz all der Arbeit, die wir geleistet haben, noch immer sagen muss: „Ich werde mich nach Kräften darum bemühen, eine Betreuungsperson zu finden. Aber im Moment ist es wirklich nicht so einfach.“ Viel lieber wäre es mir, wenn ich jetzt schon sagen könnte: „Bringen Sie Ihr Kind doch einfach zu uns ins Familienzentrum.“ Klar, uns trennen nur noch wenige Monate von unserem Ziel. Aber weil ich weiss, dass ein paar Monate sehr sehr lang sein können, wenn eine Mama Hilfe braucht, bin ich jedes Mal frustriert, wenn ich jemanden auf nächstes Jahr vertrösten muss. Und dann muss ich mir jeweils fast die Zunge abbeissen, um nicht zu sagen: „Bringen Sie doch das Kind solange zu mir.“

Denn beides geht nun wirklich nicht: Ein Familienzentrum aufbauen und die Kinder betreuen, die dereinst das Zentrum mit Leben füllen sollen.

Das sehen wir doch gleich, oder?

Wer heutzutage in den Zoo geht, geht nicht in erster Linie, um Tiere zu beobachten. Die sind nämlich inzwischen derart artgerecht gehalten, dass man sie nur noch mit ganz viel Glück zu Gesicht bekommt. Wenn sie denn überhaupt im Zoo logieren und nicht vorübergehend ausquartiert sind, weil sie gerade ein noch artgerechteres Gehege gebaut bekommen. Da ich ein tierliebender Mensch bin, begrüsse ich diese Entwicklung und ich kann endlich ungehindert das tun, was ich im Zoo schon immer am liebsten getan habe: Die Menschen beobachten. Was in Zeiten eines kleineren Babybooms bedeutet, hochschwangeren Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich mühselig durch den Zoo schleppen, an der einen Hand einen Dreikäsehoch, an der anderen Hand ein Kindergartenkind, das in Richtung Giraffengehege drängt, während Mama mit letzter Kraft versucht, einen Sitzplatz auf der letzten freien Parkbank am Schatten zu ergattern.

Sehe ich solche Szenen, wird mir ganz warm ums Herz. Vor sechs Jahren, als „Meiner“ und ich eben geraden den Schritt von der Kleinfamilie zur Grossfamilie wagten – in der Schweiz ging man damals mit drei Kindern bereits als Grossfamilie durch -, tuschelte man hinter unserem Rücken: „Schau mal, das Zweite kann noch kaum laufen und schon ist das Dritte unterwegs!“. Heute entspricht das Bild, das damals noch exotisch war, der Norm. Und so schaue ich mit leiser Wehmut dabei zu, wie Mama den Kampf gegen das Kindergartenkind verliert und sich zum Giraffengehege schleppt, wo sie es trotz ihrer Erschöpfung fertigbringt, die Begeisterungsstürme ihrer Kinder zu teilen. Und wie ich so meine eigene Kinderschar mustere, – Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so gross, dass der Zoobesuch sie schon fast langweilt, der Zoowärter und das Prinzchen auch schon so selbständig und Karlsson gar nicht erst dabei, weil er schon eigene Wege zu gehen beginnt – da kommt sie in mir hoch, die leise Sehnsucht nach einem weiteren Kind. „Ach, wäre das schön! Nur noch einmal so ein klitzekleines Baby zu haben….“, seufzt die Urmutter in mir und schon will ich mich mit schmachtendem Blick „Meinem“ zuwenden und ihn daran erinnern, wie schön es doch war, als wir noch schwanger sein konnten. Vielleicht können wir ja zusammen ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen.

Doch bevor ich etwas sagen kann, wendet sich „Meiner“ mir zu und meint: „Weisst du, was ich so unglaublich toll finde? Dass ich weiss, dass du nie mehr schwanger sein wirst. Dass du dich nie mehr so durch den Zoo schleppen musst, an der einen Hand ein Dreikäsehoch, an der anderen ein Kindergartenkind, das dich mit sich zerrt.“

Okay, dann sehen wir die Vergangenheit eben nicht ganz gleich  verklärt, „Meiner“ und ich.

Zum Glück können „Meiner“ und ich uns wenig später den Mund zerreissen über eine Hochschwangere, die sich am Eingang zum Aquarium eine Zigarette anzündet. Man sieht, in gewissen Dingen bleiben wir uns einig, selbst wenn es um Schwangerschaft geht….

Allein seligmachend

Noch so eine Sache, die mich auf die Palme treibt: Wenn man eine gute Sache zur allein seligmachenden, einzig richtigen Methode erhebt. Zum Beispiel in jenem Artikel, den ich neulich gelesen habe, in dem es darum ging, dass Kinder im Stehen zu wickeln seien, sobald sie in der Lage seien, sich selber aufzurichten. Klar, dem im Artikel genannten Grundsatz „Säuglingspflege ist Erziehung“ stimme auch ich voll und ganz zu und zwar ohne, dass ich eigens eine Weiterbildung dazu hätte absolvieren müssen. Klar, auch meine Kinder wurden und werden im Stehen gewickelt, wenn ihnen gerade darum ist. Warum sollte ich auch ein Kleinkind mit aller Macht dazu zwingen, sich hinzulegen, wenn ich es ebenso gut im Stehen reinigen kann? Klar, auch ich rede mit meinen Kindern, wenn ich sie wickle, sie anziehe, sie kämme. Auch ich erkläre ihnen, was gerade vor sich geht. Aber dazu brauche ich keine spezielle Methode zu befolgen. Das liegt mir und wohl den meisten Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, einfach so im Blut. Und sollte ich einmal zu müde sein zum Reden, dann zwingt mich das Kind mit seinen Fragen und Beobachtungen einfach dazu, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Was mir an der Sache sauer aufstösst, ist der Anspruch, dies sei die einzige richtige Methode: Alle Kinder werden immer im Stehen gewickelt und zwar immer zur gleichen Zeit. Und was, wenn das Kind gerade Fieber hat und so matt ist, dass es lieber liegen möchte? Muss es dann auch stehen, weil allein im Stehen seine Menschenwürde geachtet wird, wie es in dem Text so schön heisst? Was, wenn das Kind so verkackt ist, dass ich es ausnahmsweise in der Dusche saubermachen muss? Oder sind am Ende nur meine Kinder so missraten, dass sie zuweilen nur noch mit einem warmen Wasserstrahl sauber zu kriegen sind? Was, wenn das Kind mitten in der Nacht gewickelt werden muss und sich müde von mir abwendet, wenn ich ihm beruhigend zureden will? Muss ich dann trotzdem mit ihm reden?

Natürlich muss ich all dies nicht. Wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass die meisten Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, sehr genau spüren, was ihr Kind gerade braucht. Und das ist es ja am Ende auch, was mich so wütend macht: Dieses „Immer“, dieses „Alle“, dieses „einzig Richtige“. Führt nicht gerade diese Haltung am Ende dazu, dass man dem Kind etwas aufzwingt, was im Moment vielleicht gerade das Falsche ist? Steht man am Ende nicht mit einer Art Gebrauchsanweisung da, die einem sagt, wie das Kind –  und zwar jedes Kind in jedem Fall – zu behandeln sei? Verliert man da vor lauter Rücksicht auf die „richtige“ Methode nicht am Ende das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen?

Und wo, so frage ich mich, bleibt dann noch die Menschenwürde?