Einen Schritt weiter

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, seitdem sich eine winzige befruchtete Eizelle auf den Weg gemacht hat, um sich in meiner Gebärmutterwand einzunisten. Diese Eizelle wuchs in der Folge ganz kräftig, entwickelte sich in Riesenschritten, schlüpfte irgendwann aus meinem Bauch, um mehr Raum zum Wachsen zu haben. Heute misst die ehemalige Eizelle rund 140 cm und ist somit nur noch einen halben Kopf kürzer als die Mama, die ihn einst im Bauch getragen hatte. Meinen Lesern ist diese ehemalige Eizelle unter dem Namen Karlsson bekannt und dieser Karlsson hat heute, ziemlich genau ein Jahrzehnt nachdem er zu sein begann, einen weiteren Schritt in Richtung Selbständigkeit getan. Und das kam so:

Karlsson war heute Morgen ziemlich übel gelaunt, als er aus dem Bett gekrochen kam. Die ganze Welt war ungerecht: Luise durfte noch in Ruhe fertig frühstücken, während er bereits in seine Kleider hätte schlüpfen sollen. Dem Zoowärter wurden die Kleider aus dem Schrank geholt, während man ihn einfach so alleine liess bei der Auswahl seiner Kleider. Und dann erinnerte sich Karlsson auch noch daran, dass gestern Abend der Babysitter ganz unglaublich gemein gewesen war. Sie hatte nämlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eine Gutenacht-Geschichte auswählen lassen und so musste der arme Karlsson vor dem Einschlafen die Legende von König Artus hören, wo er doch viel lieber ein „Lustiges Taschenbuch“ erzählt bekomme hätte. Als ob man „Lustige Taschenbücher“ erzählen könnte!  Als dann auch noch das Gejammer losging, weil die Kleinen ihren Toast bebuttert bekamen, während Karlsson das Messer selber in die Hand nehmen musste, hatte „Meiner“ genug. „Dann bleib doch zu Hause und komm in zwei Stunden mit dem Bus in die Stadt!“, sagte er.

Karlssons Augen strahlten, in mir aber meldete sich sofort  die Glucke zu Wort: „Darf man denn das, einen fast Zehnjährigen am Sonntagmorgen alleine zu Hause lassen, während der Rest der Familie zur Kirche geht?“, fragte sie.  „Ich denke schon“, sagte ich. „Karlsson ist ja ein ganz vernünftiger Junge.“ „Ja, aber stell dir bloss vor, was passiert, wenn der ‚ganz vernünftige Junge‘ auf die Idee kommt, mit Zündhölzern zu spielen. Oder wenn er sich während eurer Abwesenheit am Computer zu schaffen macht? Weisst du überhaupt, was ihm alles zustossen kann so alleine zu Hause?“, fragte die Glucke mit vorwurfsvollem Unterton. „Karlsson weiss genau, dass er nicht mit Zündhölzern spielen darf. Und vom Computer wird er auch die Finger lassen. Er hat ja gesagt, dass er lesen will.“ „Ja, aber du kannst doch den armen Jungen nicht alleine Bus fahren lassen. Was, wenn er an der falsche Station aussteigt?“, keifte die Glucke. „Karlsson ist den Weg schon hundertmal gefahren“, beruhigte ich sie. „Na und? Was, wenn er ausgerechnet beim hundertersten Mal nicht mehr weiss, wo er aussteigen muss?“

Irgendwie gelang es mir, die Glucke zum Schweigen zu bringen. Sie versuchte zwar noch, mich dazu zu bringen, Karlsson zu fragen, ob er sich wirklich ganz sicher sei, dass er die zwei Stunden ohne uns zurechtkommen würde und ob er nicht lieber doch mit uns kommen wolle, aber ich konnte der Glucke gerade noch rechtzeitig den Mund zuhalten. Und so liessen wir unseren Ältesten zum ersten Mal unbeaufsichtigt zu Hause, versehen mit unserer Handynummer und vielen gut gemeinten Ermahnungen. Und nachdem ich die Glucke endlich zu Boden gerungen hatte, konnte ich mir eingestehen: Es ist gar kein schlechtes Gefühl, nach zehn Jahren der rund um die Uhr-Betreuung zu wissen, dass das älteste Kind für eine kurze Zeit ganz gut auf sich selbst aufpassen kann. Er ist ja jetzt schon eine ganze Weile her, seitdem er eine Einzelle war.

Ach, tatsächlich? Ist ja interessant.

Heute früh um vier hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, dem Prinzchen eine Milch zu servieren. Und währenddem ich darauf wartete, bis die Milch Prinzchentemperatur angenommen hatte – nicht zu warm und nicht zu kalt – hatte ich Zeit, mir die Milchtüte etwas genauer anzuschauen. Wie man weiss, trinkt unser Prinzchen seit ein paar Monaten lactosefrei. Und so durfte ich auf der Tüte lesen, dass diese Milch einen „Genuss ohne Beschwerden“ garantiere. Das mit den Beschwerden kann ich bestätigen: Das Prinzchen hat keinen wunden Po mehr und er brüllt nicht mehr die halbe Nacht hindurch. Aber das mit dem Genuss wage ich zu bezweifeln, wo doch unsere Grossen speien, wenn sie mal zufälligerweise einen Schluck Prinzchen-Milch erwischen.

Aber ist ja egal, lesen wir weiter: „Milch und Milchprodukte sind eine wichtiger Bestandteil unserer täglichen Ernährung. Bei gewissen Konsumenten verursacht der Genuss von Milch und Milchprodukten Verdauungsbeschwerden. Diese treten auf, wenn Milchzucker (=Lactose) nicht richtig verdaut werden kann. Dank einem schonenden und natürlichen Verfahren enthält dieses Milchprodukt keine Lactose mehr….“ Ein Milchprodukt für Allergiker also. Aber kann man denn wirklich sicher sein, dass der Konsument, der an einer Lactoseintoleranz leidet und desahlb keine gewöhnliche Milch gekauft hat, auch tatsächlich verstanden hat, dass es sich bei der weissen Flüssigkeit, die sich in einer Tüte mit der Aufschrift „Milk– lactosefrei, Milchgetränk mit 3,5% Milchfett“ tatsächlich um den Saft handelt, der aus dem Euter der Kuh stammt? Ich meine ja, eindeutig. Der Hersteller aber meint nein, eindeutig nicht und bringt auf der Tüte noch folgenden Hinweis an:

Rosarote Brille

Nun also zu den neugeborenen Müttern. Darüber wollte ich ja schreiben, bevor unser Internetverbindung sich gestern ganz eigenmächtig eine Pause verordnet hatte. Diese Internetverbindungen glauben, sich alles erlauben zu können, aber das ist ein anderes Thema.

Also, diese neugeborenen Mütter erkenne ich auf den ersten Blick und das ohne, dass ich das Baby an ihrer Seite gesehen haben muss. Ich meine die Mamas, die erst ein paar Tage alt sind. Die mit den viel zu grossen, in der Bauchregion ausgebeulten Kleidern. Die mit dieser unglaublich blassen, fast durchscheinenden Haut, mit diesem leicht schwankenden Gang, mit diesem weggetretenen Blick, der sagt: „Eigentlich sollte ich glücklich sein und ich bin es wohl auch, aber ich habe eben erst vor ein paar Tagen das unglaublichste Erlebnis meines Lebens hinter mich gebracht und ich weiss noch nicht, was auf mich zukommt und überhaupt bin ich erst vor ein paar Stunden aus dem Spital entlassen worden und das alles überfordert mich unglaublich.“ Meistens sehe ich diese neugeborenen Mütter im Einkaufszentrum, an ihrer Seite ein neugeborener Vater, den ich daran erkenne, dass er ganze Zehn Minuten darauf verwendet, sich dafür zu entscheiden, ob die blaue oder die weisse Babybadewanne besser zum Stubenwagen passt. Und daran, dass er morgens um halb elf Zeit hat, sich in der Babyabteilung über die perfekte Farbe einer Babybadewanne den Kopf zu zerbrechen.

Wenn mein Auge das alles registriert hat, dann sollte ich eigentlich schleunigst Kehrt machen, denn als Nächstes kommt das Baby in mein Blickfeld und dann ist es um mich geschehen. Dann muss ich mich mit aller Kraft zurücknehmen, um nicht einen laaaaaaangen, sehnsüchtigen Blick in den Maxi Cosi – neugeborene Eltern transportieren ihre Babys beim ersten Einkauf fast immer im Maxi Cosi – zu werfen. Und die Mama zu fragen, wie denn die Geburt verlaufen sei. Und wie schwer das Baby sei. Wie gross. Wie es heisse. Ob es mit dem Stillen gut laufe. Wo sie geboren habe. Ob sie jemanden habe, der ihr zu Hause helfe. Und dann würde ich mich vielleicht sogar dazu erdreisten, das arme Kindchen zu berühren und ich weiss ja, wie neugeborene Eltern das hassen. Und dann würde ich vielleicht mit Tränen in den Augen davon erzählen, wie wundervoll doch diese ersten Tage mit dem Baby immer gewesen seien. Bei meinen fünf Kindern, die ich übrigens alle ohne Kaiserschnitt geboren hätte, die alle immer ganz brav gewesen seien und mich nie, aber auch gar nie, ermüdet und gestresst hätten…

Und dann würde ich dastehen als die erste Mama auf diesem Planeten, die einen nahtlosen Übergang von der Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs zur sentimentalen, besserwisserischen Oma geschafft hat. Und das, bevor sie nur annähernd alt genug ist, Oma zu werden.

Achtung! Trotzphase im Anmarsch!

So sieht die Theorie aus, zitiert aus Wikipedia:

„In der Sprachentwicklung des Kindes, etwa ab dem Alter von etwa 1,5 Jahren an, beginnt das erste Fragealter, welches inzwischen auch als 1. Trotzphase bezeichnet wird. Das Kind drückt mit seinem noch relativ geringen Wortschatz von etwa 50 Wörtern alle seine Wünsche und Bedürfnisse aus und versucht diese in Einklang mit seinem Umfeld zu bringen. Dabei werden Fragen an den Erwachsenen gestellt, die, wenn sie mit ja beantwortet werden vom Kind als positiv gewertet werden. Wird etwas verneint, so kann das Kind eventuell mit Trotz reagieren. Diese Trotzreaktionen erklären sich aus dem damit zusammenhängenden Kontext: Da das Kind noch nicht mit Worten ausdrücken kann, was sein eigentliches Ziel ist, versucht es, durch die auf ein geäußertes Bedürfnis folgende Trotzreaktion, die nötige Aufmerksamkeit seines Umfeldes zu bekommen. Diese Trotzreaktionen treten jedoch nicht bei allen Kindern in diesem Alter auf.“

Und so sieht die Realität aus:

Es ist tiefe Nacht. Draussen schneit es. Alles ist still, kein Geräsuch dringt durchs Babyphon, im Elternschlafzimmer schnarchen „Meiner“ und das Prinzchen und auch ich schlafe tief – ohne zu schnarchen, wohlverstanden. Gegen drei Uhr morgens ist es vorbei mit der Ruhe. Das Prinzchen brüllt. Lieb, wie wir Eltern nun mal sind, wechseln wir dem Kind die Windeln, geben ihm eine warme Milch, ziehen ihm die Spieldose auf, geben ihm hundertmal den Schnuller und das Schmusetuch. Und das Prinzchen brüllt weiter. Also machen wir Licht. Vielleicht hat er ja etwas, was man im Dunkeln nicht erkennen kann. Kaum ist es hell, greift das Prinzchen nach einem Spielzeug und gurrt vergnügt vor sich hin. Schön, das Kind hat etwas gefunden, also schnell das Licht ausmachen und weiterschlafen.

Doch kaum ist es wieder dunkel, geht das Gebrüll wieder los. Licht an – Prinzchen gurrt. Licht aus – Prinzchen brüllt. Licht wieder an – Prinzchen strahlt, streckt mir die Ärmchen entgegen und ruft „use!“ Die bösen Eltern sagen nein, machen das Licht aus – Prinzchen bekommt einen frühkindlichen Tobsuchtanfall. Wie lange das so hin und her geht, weiss ich nicht mehr, aber es erscheint mir endlos. Und wie ich so dem wütenden Gebrüll unseres Jüngsten lausche und mir vor dem Morgen graut – zumal es ein Montagmorgen ist -, dämmert mir langsam, dass da die erste Trotzphase im Anzug ist. Und zwar genau so, wie sie im Buche steht. Bloss, dass das Prinzchen, würde er sich an die Vorschriften halten, noch damit noch zuwarten würde, bis er 1,5 Jahre alt ist.

Superbaby in Training

Das Prinzchen hat Grosses vor. Das wissen wir seit heute Nacht. Irgendwann, gegen vier Uhr war es, beschloss er, dass er jetzt nicht mehr schlafen wollte. Der Grund war keine volle Windel. Auch nicht das Zahnen. Und schon gar nicht der Hunger. „Meiner“ und ich nahmen das Kerlchen aus dem Bett, um ihn besser abchecken zu können. Aber wir fanden nichts. Also beschlossen wir, ihn wieder in seinen Schlafsack zu stecken. Kaum war er drin, schwellte er seine Brust, neigte sich nach hinten und zwar so lange, bis der Druckknopf aufsprang und er sich heldenhaft aus dem Ding befreien konnte. Er sah aus wie Clark Kent, wenn er sich zum Superman wandelt. Im Halbschlaf dachten wir zuerst, das sei Zufall gewesen. Doch nach dem zweiten, dritten, ja, vierten Versuch war uns klar: Das Prinzchen trainiert für seine Karriere als Superbaby. Die Superman-Pose zum eindrücklichen Entledigen der bürgerlichen Kleidung beherrscht er mitunter perfekt. Der nächste Schritt wird dann wohl das Fliegen sein.

Würde mich nicht verwundern, wenn ich heute Nacht wach werde, weil unser Jüngster um die Lampe kreist.

Protokoll

7:00 Uhr: zum ersten Mal des Zoowärters Gekotztes aufgeputzt und nebenbei den anderen das Frühstück serviert

8:15 Uhr: Krach mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sich, anstatt in den Kindergarten zu gehen, hinter dem Kleiderständer versteckt hat

8:30 Uhr: Zoowärter in seine neue Winnie the Pooh-Latzhose gesteckt. Zoowärter sieht zum Anbeissen aus!

8:45 Uhr: Zoowärter wegen akuten Durchfalls wieder aus der Latzhose geschält. Zoowärter sieht jetzt nicht mehr zum Anbeissen aus.

8:50 Uhr: Zoowärter und Prinzchen nehmen ein „Dreckspatz-Bad“ mit Rose und Vanille. Hach, wie die zwei duften!

9:10 Uhr: Zoowärter kotzt. Duftet nicht mehr.

9:15 Uhr: Lese folgendes Zitat auf der Frontseite der Tageszeitung: „Unsere geschätzten Patientenzahlen waren zwar zu hoch, aber nicht völlig daneben.“ Patrick Mathys, Bundesamt für Gesundheit, über die eigenen Voraussagen zur Schweinegrippe vom vergangenen Sommer

9:20 Uhr: Während ich das frisch gebadete Prinzchen aus seiner eben noch sauberen Kleidung schäle und ihn danach dusche, um die Spuren seines akuten Durchfalls zu beseitigen, zerbreche ich mir den Kopf darüber, warum man ein solches Geschrei gemacht hat um H1N1, wo doch Noro viel mühsamer ist.

10:00 Uhr: Prinzchen schläft, Zoowäter schläft fast, ich lese  im „Beobachter“ folgende Sätze zum Thema Managerlöhne: „Genauso lehnt Hostettler fixe Obergrenzen ab. ‚Sie hinterlassen ein dumpfes Gefühl der Eingeschränktheit und durchbrechen das positive Prinzip des Mehrs.‘ Mehr zu wollen und sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben sei schliesslich das Erfolgsmodell, auf dem unserer Wirtschaftsordnung fusse. Dieses Prinzip dürfe wergen der jüngsten Lohnexzesse nicht leichtfertig geopfert werden.“ Ich verdrücke ein paar Tränchen für die armen Manager, die darum fürchten müssen, an einem „dumpfen Gefühl der Eingeschränktheit“ leiden zu müssen.

11:00 Uhr: Der Zoowärter ist wieder fit und will singen. Das heisst, der Zoowärter wählt das Bild aus und ich singe dazu. 10 mal „Backe backe Kuchen“, fünf Mal „Heut‘ ist ein Fest bei den Fröschen am See“, drei Mal „Auf unsrer Wiese gehet was“, ein halbes Mal „Lobe den Herren“, acht Mal „Chämifäger schwarze Maa“ und dazwischen wird gekocht, aufgeräumt und gewickelt. Der Zoowärter ist traurig, dass der Winnie the Pooh auf der Windel nichts mehr sieht, wenn er in der Hose eingesperrt wird.

12:00 Uhr: Das Essen steht auf dem Tisch, Karlsson, Luise, das Prinzchen, der Zoowärter und ich starren hungrig auf die Schüsseln, doch der FeuerwehrRitterRömerPirat ist nicht da.

12:15 Uhr: Noch immer keine Spur von FeuerwehrRitterRömerPiraten. Karlsson und Luise gehen ihn suchen.

12:20 Uhr: Draussen heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil Luise ihm eine übergebraten hat, weil er sich mit seinem Freund eine Schneeballschlacht geliefert hat, anstatt nach Hause zu kommen.

13:10 Uhr: Luise muss jetzt augenblicklich ein Tütü haben. Weil das alte tatsächlich zu klein ist, bestelle ich ihr jetzt augenblicklich eines und bezahle am Ende mehr fürs Porto als fürs Tütü

14:30 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat landet für längere Zeit mit einem Buch auf dem Sofa, wo er bleiben muss, bis er sich beruhigt hat. Was er getan hat? Nun, die Reihenfolge weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass das Prinzchen, Luise, Luises Freundin und der Zoowärter wegen ihm geheult haben. Und dann hat er noch eine Bastelarbeit von Luise zerstört und die Salontische umgechmissen. Das reicht.

16:00 Uhr: Karlsson will mit „Google Earth“ auf Reisen gehen. Ich bin „die beste Mama der Welt“, weil ich mitmache und mit ihm die Freiheitsstatue und Ayers Rock ansehe.

16:50 Uhr: Luise kotzt zum ersten Mal.

17:10 Uhr: „Meiner“ kommt nach Hause und überrascht mich mit einem Gutschein zum Kaffeetrinken. Damit ich morgen mal ausspannen kann.

18:00 Uhr: Abendessen. Luise will unbedingt Broccoli essen. Wir sagen ihr, sie solle es für einmal besser bleiben lassen.

18:05 Uhr: Wir haben kein Pepsi mehr und die Magen-Darm-Seuche ist gerade erst ausgebrochen

18:15 Uhr: Luise kotzt.

18:30 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

18:45 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

19:00 Uhr: Drei Kapitel „Kinder aus Bullerbü“. Der Zoowärter ist schon auf dem Sofa eingeschlafen.

19:30 Uhr: Ich erwache völlig benebelt auf dem Sofa. Wo sind all die Kinder? Und warum hat „Meiner“ die Küche ohne mich aufgeräumt? Und was für ein Tag ist heute überhaupt?

20:00 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat klagt über Bauchschmerzen.

20:15 Uhr: „Komm lieber Mai und mache“ für Karlsson, „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ für den FeuerwehrRitterRömerPiraten

20:35 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:55 Uhr: Mir ist kalt. Und übel. Und ich habe Bauchschmerzen. Was das wohl sein könnte?

Eigentlich…

… handelt dieser Beitrag davon, was für ein wunderbares Kind das Prinzchen doch ist. Ein Kind, das zwar schreit, wenn es nicht das Stofftier vom grossen Bruder ungehindert an sich reissen darf, das sich heftig dagegen wehrt, wenn es ausnahmsweise mal nicht auf dem Tisch sitzen darf, das losbrüllt wenn es die Zähne geputzt bekommen sollte, das aber keinen Pieps von sich gibt, wenn es sich die besagten Zähne wachsen lässt. Am Abend legst du ein Kind mit acht Schneidezähnen ins Bett und am Morgen holst du es mit zwei nagelneuen Backenzähnen, die sich heimlich, still und leise zu den andern Zähnen gesellt haben, wieder aus dem Bett. Kein Gesabber, kein Gebrüll, kein wunder Po und die Zähne sind trotzdem da. Endlich ein Kind, das weiss, wie man richtig zahnt! Habe ich ihn nicht gut hingekriegt, meinen Prinzen?

Habe ich nicht, zumindest nicht, was das Zahnen betrifft. Und für den äusserst gut gelungenen Rest kann ich mir wohl auch keine Lorbeeren holen. Ich habe das grossartige Menschlein ja bloss ausgebrütet, mehr nicht. Aber beim Zahnen, da habe ich nun ganz eindeutig keinem Wunderkind das Leben geschenkt: Das Kind brüllt nämlich nicht dann die halbe Nacht, wenn der Zahn am Durchbrechen ist, nein, es brüllt in der Nacht danach. Und dann auch noch in der Nacht nach der Nacht danach. Und in der Nacht nach der Nacht nach der Nacht danach.

Oder ist das vielleicht schon der nächste Zahn, der durchdrückt? Ich weiss es nicht so recht. Ich habe ja auch fast gar keine Erfahrung mit dem Thema….

Weihnachtsengel

Darauf hat die Welt gewartet:

Wie? Ihr seht nicht was an diesem Pfefferkuchen-Engel besonders sein soll? Nein, es ist nicht der abgeschnittene Kopf, obschon der auch ganz originell ist. Diese leichte Abschrägung, ist sie nicht einmalig? Aber natürlich ist sie das, denn es handelt sich bei diesem Kunstwerk um den allerersten Pfefferkuchen, den das Prinzchen gemacht hat. Völlig freiwillig, weil er nicht mehr länger zusehen mochte, wie die grossen Geschwister ihren Spass haben. Und fast ohne meine Hilfe. Ist er nicht ein Genie? Aber klar ist er das. In zwanzig Jahren kann Sprüngli zusammenpacken mit seinen Luxemburgerli. Dann kommt das Prinzchen. Und ich kann mir endlich gratis den Bauch vollschlagen.

Vorausgesetzt, das Prinzchen bleibt bei seienr Berufung und wird nicht Anwalt oder Bauarbeiter, sondern der weltbeste Konditor. Ganz, wie die Mama wollte…

Sentimental

Was bin ich doch für ein sentimentaler Narr! Breche beinahe in Tränen aus, als ich die letzten Babykleidchen zum Weggeben bereit mache. Halte jedes einzelne Stück seufzend in den Händen und wünsche mir, eines meiner Kinder möchte doch noch einmal ganz klein sein. So klein, dass es in Grösse 50 passt. Schaue mit schwerem Herzen dem Prinzchen zu, wie er auf steifen Beinchen durch die Wohnung stakst und dabei alle paar Meter auf dem Hintern landet. Und natürlich sofort wieder aufsteht, um sein Training fortzusetzen.

Klar, ich freue mich, dass er solche Fortschritte macht. Dass er mir jedes Wort nachzuplappern versucht, dass er jeden Tag ein kleines bisschen selbständiger wird. Ich freue mich natürlich auch, dass der Zoowärter schon ganze Geschichten erzählen kann, der FeuerwehrRitterRömerPirat sich selber das Lesen und Schreiben beibringt, Luise ihre erste Ballettaufführung hat und Karlsson schon so vernünftig ist, dass ich mir selber zuweilen richtig kindisch vorkomme neben ihm. Ja, ich will, dass meine Kinder gross werden.

Und doch geht es mir manchmal zu schnell. Wie oft jammere ich über volle Windelkübel, unaufgeräumte Zimmer, ständig unterbrochene Nächte. Und doch kann ich mir das Leben nicht mehr anders vorstellen, habe ich mich so daran gewöhnt, von kleinen Menschen umgeben zu sein, dass ich mich manchmal ganz verloren fühle ohne sie. Was bin ich doch nur für eine Glucke geworden. Ausgerechnet ich, die ich mir früher ein Leben ohne Kinder ganz gut hätte vorstellen können. Ausgerechnet ich, die ich vor etwas mehr als einem Jahr noch Rotz und Wasser geheult hatte, weil ich noch einmal ganz von vorne anfangen musste. Und jetzt bekomme ich feuchte Augen, wenn ich ein Neugeborenes sehe. Wenn das so weitergeht mit mir, werde ich eine jener Frauen, die sich Puppen kaufen, die aussehen wie echte Babys. Oder eine, die neugeboreren Müttern das Baby fast aus dem Arm reisst, um wiedermal das unbeschreibliche Gefühl zu erleben, ein frisches Menschlein zu halten. Und dass man sich damit nicht bleiebt macht, weiss ich ja.

Einen schönen guten Morgen allerseits

Und das, noch bevor ich Zeit hatte, zu frühstücken. Ratet mal, warum ich heute keinen rechten Appetit hatte. Und wie oft ich heute früh schon die Tür geknallt habe.

Wie das passiert ist? Da fragt man ab besten das Prinzchen und den Zoowärter. Mir selber ist es nämlich ein wenig zu schnell gegangen, als dass ich die Details rekonstruieren könnte. Es hat irgend etwas zu tun mit dem Prinzchen, das  auf den Esstisch geklettert war und dem Zoowärter, der damit nicht einverstanden war.

Aber was rege ich mich denn auf? Zumindest ist alles farblich abgestimmt…